Kapitel 1
Angie
Früher konnte ich mich definitiv leichter für banale Dinge entscheiden. Vielleicht stöberte ich manchmal etwas länger in den Speisekarten der Berliner Restaurants oder überlegte, ob ich mir das T-Shirt, das gerade im Angebot war, nicht direkt in zwei Farben holen sollte. Doch diese innere Leere, die sich während der letzten Monate schleichend in mir ausgebreitet hat, blockiert mich in den seltsamsten Situationen. Es sind Momente wie dieser, die mir schmerzlich bewusst machen, dass ich nicht mehr die Frau bin, die ich einmal war.
»Ich weiß, warum du seit zehn Minuten hier sitzt und auf das Schuhregal starrst. « Mit verschränkten Armen schiebt sich Meike in mein Blickfeld, das bis eben mit einem Verkaufsregal ausgefüllt war. Ich wende meine Aufmerksamkeit von den unzähligen Gummistiefeldesigns ab und schaue zu ihr auf. Ihr mitleidig-strenger Gesichtsausdruck mischt sich mit dem Lärm der Kunden und dem Geruch von Imprägnierspray. Ein erhabener Samstagmorgen und ich sitze auf einem Stuhl in einer der angesagtesten, aber dennoch bezahlbaren Schuhgeschäfte mitten in Berlin. Ein wenig fühle ich mich an die zeitaufwendigen Shoppingtouren mit meiner Mutter während der für meine Generation typischen Teenie-Emo-Phase erinnert.
»Ach ja?«, erwidere ich und mustere erneut alle Modelle, die in meiner Größe überhaupt verfügbar sind.
»Dieser Riesenarsch von einem Exfreund hat dir die gesamte Lebensenergie ausgesaugt. Wie ein Vampir! Und zwar nicht so, wie ein heißer Vampir aus Twilight, sondern wie einer von der traditionellen Sorte. Seit Wochen bist du permanent damit beschäftigt, den Kopf irgendwie über Wasser zu halten, während der Flutpegel immer weiter steigt. Aber das hört hier und heute auf, okay? Es wäre überhaupt kein Problem gewesen, wenn du vorübergehend bei mir wohntest. Du wolltest es bloß nicht. Ich weiß, dass du kaltes, nasses Wetter verabscheust. Und dann ist da noch diese massive Unsicherheit. Doch du ziehst das jetzt durch!« Zur Untermalung ihrer flammenden Rede macht Meike ein paar Bewegungen mit den Händen, die ihre kinnlangen dunklen Locken zum Schwingen bringen.
Ich wollte das wenige Geld, das ich aktuell noch zur Verfügung habe, für ein passendes Outfit ausgeben und dabei einen letzten Shoppingnachmittag mit meiner Freundin verbringen, ehe ich übermorgen aus Berlin wegziehe. Doch stattdessen kochen Angst, Selbstzweifel und das Gefühl, versagt zu haben wieder in mir hoch. Es ist unmöglich, mich selbst zu belügen. Niemals im Leben wäre ich freiwillig auf eine Nordseeinsel gezogen. Doch es gibt keine Alternative, wenn ich nächste Woche noch ein sicheres Dach über dem Kopf haben möchte, ohne irgendjemandem dauerhaft zur Last zu fallen.
Ich atme tief durch, fahre mir matt mit den Fingern durchs Haar und schließe für einen Moment die Augen.
»Weißt du eigentlich, wie es sich anfühlt, nichts mehr zu haben?«
»Du hast nicht nichts«, kontert Meike und hockt sich so vor mich, dass sie mit mir auf Augenhöhe ist. »Du hast zwei große Koffer mit den wichtigsten Sachen gepackt. Du hast ein Zugticket. Dir gehört die Hälfte eines laut Google Maps gigantischen Grundstücks mit Pension und Restaurant auf einer angesagten Urlaubsinsel.« Aufmunternd legt sie mir eine Hand aufs Knie. »Außerdem gibt es Dinge, die er dir niemals nehmen kann: Familie und Freunde, die dich lieben.«
Langsam richte ich mich auf und klopfe mir innerlich dafür auf die Schulter, nicht schon wieder in aller Öffentlichkeit in Tränen ausgebrochen zu sein. Seit ich denken kann, gehöre ich zu den Menschen, die immer das Beste aus einer Situation machen. Egal wie abwegig das manchmal klingt. Doch das, was mir dieses Jahr widerfahren ist, würde wohl auch die überzeugteste Optimistin der Welt zum Zweifeln bringen. Ich habe so viel verloren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich irgendwann mit etwas Glück und harter Arbeit wieder nach oben kämpfen werde, ist vielleicht vorhanden. Trotzdem fällt es mir schwer, auch die letzte Gehirnzelle meines Kopfes davon zu überzeugen, dass es ein Happy End für mich geben könnte. Perspektivlosigkeit ist etwas – das habe ich mittlerweile gemerkt – das sich genau durch eine Sache auszeichnet: Es fehlt eine Vision, wie das künftige Leben sich abspielen könnte.
»Du bist ein guter Mensch«, ergänzt Meike und nimmt meine Hand. »Das wird Mathis nie sein, da er ein egozentrischer, manipulativer Vollarsch ist. Du dagegen kannst verdammt stolz sein. Und jetzt schnappst du dir ein paar hübsche Gummistiefel und rockst die Insel!«
Mit zusammengepressten Lippen nicke ich. Fehlende Vision hin oder her, ich muss diesen Plan jetzt knallhart durchziehen. Es wird nicht einfach, von einer Metropole nach Föhr zu ziehen, wo ich absolut niemanden außer Oma Lotte kenne. Vermutlich wäre es klüger gewesen, einen Brief zu schreiben oder anzurufen. Nur leider wird mich eine schriftliche Antwort nicht mehr erreichen, wenn ich in Kürze aus der Wohnung fliege, in der ich gleich wieder auf gepackten Koffern sitze. Eine E-Mail wurde von einem Abwesenheitsassistenten beantwortet:
Aufgrund einer schwerwiegenden Erkrankung bin ich derzeit nicht in der Lage, Ihr Anliegen zu bearbeiten. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte unter der oben angegebenen Telefonnummer an meine Assistentin Sinja Breuer.
Handelt es sich bei meiner drohenden Obdachlosigkeit um einen dringenden Fall? Für mich wohl eher als für die Pension. Ein Detail, das ich fremden Menschen, die streng genommen gerade für mich arbeiten, nicht unbedingt fernmündlich erläutern möchte.
Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob ich in diesem Gebäude ein Zimmer zum Übernachten blockieren kann. Aber hey, ich habe schon so viele Hürden überwunden. Vielleicht habe ich ja auch zum ersten Mal Glück und finde ganz schnell einen Käufer für meine Anteile.
Langsam stehe ich von der Bank im Schuhladen auf und greife nach einem Paar Gummistiefel, auf denen sich Sonnenblumen und Bienen befinden. Diese Art von Schuh war nie mein Fall. Schon als Kind schwitzte ich ihn ihnen nur und lief mir regelmäßig dicke Blasen. Doch die hier sehen wenigstens hübsch aus.
Drei Läden und zwei volle Einkaufstüten später sitzen wir auf einer Parkbank im Tiergarten. Die warmen Sonnenstrahlen eines Altweibersommers landen auf meinen nackten Beinen, während ich das letzte Bisschen der Eiswaffel in den Mund schiebe. Der Lärm der Großstadt wird hier nur etwas vom Vogelgezwitscher übertönt. Meike hält gerade einen langen Monolog über ihren Frust bezüglich eines ehemaligen Agenten. Für mich klingt es nach zu Hause.
»… und ich sag‘ dir, Angie … wenn du irgendwann mal Content Creatorin wirst, mach‘ einen großen Bogen um Phillipp Kantz! Ich hätte eine eigene Produktlinie an Outdoor Bekleidung haben können. Aber nein, er war nur daran interessiert, möglichst schnell die Kohle reinzukriegen. Wahrscheinlich, weil er wusste, dass ich es nicht mehr lange mit ihm aushalten und kündigen würde. Der Typ ist der reinste Blender.«
Probleme einer Hiking- und Reiseinfluencerin, von denen ich gerade Lichtjahre entfernt bin. Aber ich höre mir immer gern an, was sie so macht, wohin es sie demnächst verschlagen wird und was für schräge Kommentare sie unter ihren Vlogs manchmal findet.
»Reisen ist schön«, sage ich irgendwann. »Zumindest wenn man es freiwillig macht.«
»Ach komm, Liebes. Ich werde dich so schnell wie möglich dort besuchen. Aber was ich mich schon die ganze Zeit umtreibt … Warum hat deine Großtante eigentlich ausgerechnet dir ihre Pension vererbt?«, fragt Meike schließlich.
Ehrlich gesagt hatte ich wesentlich früher mit dieser Frage gerechnet.
»Keine Ahnung. Das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, war auf der Beerdigung meines Opas.«
»Hat sie denn keine eigene Familie mehr?«
»Nein«, antworte ich und ziehe die Ärmel des Kleides ein wenig herunter, sodass die Schultern auch noch etwas Sonne abbekommen. »Kinder hatte sie nicht. Meine Oma ist ihre einzige Schwester und Mama Einzelkind. Dieser Zweig der Familie ist sehr klein. Papa dagegen hat sechs Geschwister.«
»Und dieser Miterbe, der im Testament steht?« Meike schiebt die Sonnenbrille auf die Nasenspitze etwas herab und sieht mich mit neugierigen Augen an.
Langsam schüttele ich den Kopf. »Keine Ahnung. Ich kenne nur seinen Namen, den Wohnort und sein Geburtsdatum.«
»Und?«
Ich seufze, da ich weiß, was jetzt kommt. »Er heißt Hendrik Olsen. Als Wohnort wurde die gleiche Adresse wie die Pension angegeben. Keine Ahnung, ob das stimmen kann. Er ist mein Baujahr.«
»Ui!« Ein kurzer Blick zur Seite verrät mir, dass sich vor Meikes innerem Auge bereits eine Nordseeromanze abspielt.
»Vergiss es!« Lachend stupse ich sie an. »Für den Rest dieses Jahres habe ich vom anderen Geschlecht die Nase voll. Ich mache ihm höchstens schöne Augen, damit er mir meine Anteile abkauft.«
»Und was ist, wenn er total gut aussieht?« Meike zieht ihr iPhone aus dem selbstgehäkelten Shopper. Ich bin mir sicher, dass sie ihn jetzt erst mal googelt.
»Dann wohnt er immer noch auf einer Insel. Und da er in dem Restaurant, das ihm nun zur Hälfte gehört, Koch ist – ja, so viel habe ich schon herausgefunden – wird er bestimmt nicht anstreben, nach Berlin zu ziehen.«
»Der Finkenwerder Herbstprinz wird traditionell bereits seit Jahrhunderten in Küstennähe angebaut, was ihm seinen unverwechselbaren herb-süßlichen Geschmack verleiht. Hier auf Föhr findet diese seltene Apfelsorte nahezu perfekte Bedingungen.«
Wow, dieser Hendrik quatscht in Interviews ganz schön viel über Äpfel. Nur ein Foto von ihm haben sie in diesem Online-Magazin vergessen.
Das ist auch alles, was ich an Informationen zu dem Mann, mit dem ich mir das Erbe meiner Großtante teile, gefunden habe. Ein Koch mit Vorliebe für Fallobst, der das Restaurant Leuchtfeuer leitet, das sich im Erdgeschoss der gleichnamigen Pension befindet. Kein Social Media, kein Gruppenfoto auf der nicht existenten Homepage.
»Ist er denn irgendwie mit euch verwandt?«
»Nein«, antworte ich und beobachte die Sonne dabei, wie sie allmählich hinter den Baumkronen des Stadtparks verschwindet. »Meine Mutter sagte, das sei ausgeschlossen. Ich habe auch Oma angerufen, doch sie meinte bloß, ich zitiere: Ich solle gefälligst herkommen und es selbst herausfinden.«
Meike prustet kurz erstaunt auf. »Na, die ist ja sehr direkt.«
»Oh ja, das ist sie. Ich bin schon gespannt, ob sie dieses Mal denkt, ich hätte ordentlich zu- oder krankhaft abgenommen.« Ein leises Lachen begleitet meine mit einem Augenzwinkern untermalte Aussage. Sie ist einfach ein norddeutsches Original.
»Früher, als ich mit Ironie noch nichts anfangen konnte, fragte ich mich immer, wie Opa es mit ihr aushält. Er war der reinste Strahlemann.«
»Tja, wie sagt man so schön? Gegensätze ziehen sich an. Aber wieso vererbt deine Großtante diesem Hendrik dann den halben Laden? Ein Erbschleicher?«
Ich schiebe die Sonnenbrille ein Stück nach unten und schaue sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Genau das war auch mein erster Gedanke. Doch mittlerweile hatte ich Einsicht in den Grundbuchauszug und die letzte Bilanz des Unternehmens.« Ich schüttele den Kopf. »Sieht nicht gut aus. Das ganze Grundstück ist mit Hypotheken belegt. Privat besaß sie kaum etwas. Wenn er nur aufs Erbe aus wäre, dann hätte er sich ziemlich verzockt.«
Meike presst die Lippen aufeinander und schaut schweigend zu Boden. Ich glaube, jetzt hat sie endgültig realisiert, dass dieses Testament nicht der Jackpot ist, für den sie es zunächst hielt.
Ich kannte Großtante Emmy nicht sonderlich gut. Daher kann ich nur darüber spekulieren, warum sie ausgerechnet den Koch ihres Restaurants und eine kaum bekannte entfernte Verwandte zu ihren Gesamtrechtsnachfolgern machte. Vermutlich hing sie zu sehr an ihrem Lebenswerk, um zu riskieren, dass irgendjemand das Erbe ausschlägt. Was eignet sich da besser, als die auf ganzer Linie gescheiterte Großnichte ohne nennenswertes Vermögen und Perspektive auf die Insel zu locken?
Von der Hotelbranche habe ich wenig bis gar keine Ahnung. Mit meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin kann ich dort nicht viel anfangen. Doch ich denke, dass ich ein gutes Händchen für Ästhetik habe, das Großtante Emmy leider nicht vergönnt war, wenn ich mir die Bilder ihrer Pensionszimmer auf diversen unbekannten Buchungsportalen so anschaue. Außerdem wäre da noch der liebe Mensch, der aktuell neben mir sitzt und verzweifelt auf allen Social Media Plattformen nach Informationen zu Hendrik Olsen sucht. Mit einer erfolgreichen Reise-Influencerin befreundet zu sein, die in etlichen Unterkünften gegen Werbung für lau übernachten darf, könnte von Vorteil sein. Vielleicht ergeben sich da noch ungeahnte Möglichkeiten …
Kapitel 2
Angie
»Oh, da macht aber jemand lange Urlaub.« Mit einem breiten Lächeln nimmt der grauhaarige Mann mit leichtem Dialekt – vermutlich Rheinländer – den riesigen Koffer an, den ich ihm durch die Tür des Zuges anreiche.
»Ähm ja … Moment. Ich habe noch einen.«
»Noch einen?«, ruft er lachend aus, während ich Nummer zwei aus dem Gepäckregal des Abteils hieve. »Und ich dachte immer, meine Frau packt zu viel unnötiges Zeug ein.«
Innerlich verdrehe ich die Augen. Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, ihm mitzuteilen, dass das hier alles ist, was ich aktuell an Hausstand besitze. Doch mir ist gerade nicht nach Seelenstriptease und Nachfragen, deren Antworten zu immer weiteren führen könnten. Daher entscheide ich mich für ein aufgesetztes Lächeln.
»Ja, ich bleibe länger auf der Insel.«
Immerhin ist er sehr hilfsbereit und nimmt mir den schweren Koffer ab, während wir gemeinsam zur Fähre gehen.
Es ist schon eine andere Welt, hier oben im Norden. Obwohl nur ein paar Wolken am Himmel zu sehen sind, sorgt der Wind dafür, dass mir in meinem Hoodie sehr schnell kalt wird. Eine Winterjacke besitze ich nicht mehr. Nur diesen quietschgelben Friesennerz, den ich mir noch in Berlin gekauft habe. Als wir am Ableger stehen und darauf warten, die Fähre betreten zu dürfen, ziehe ich ihn bibbernd an und schließe sämtliche Knöpfe.
Etwa vierzig Minuten dauert es, das Festland und mein altes Leben hinter mir zu lassen. Natürlich ist es nicht das erste Mal, das ich auf Föhr bin. Ab und an, oder besser gesagt viel zu selten, statte ich Oma mal einen Besuch ab. Nur habe ich bisher immer penibel darauf geachtet, dies im Sommer zu tun. Tja, das Timing ist nicht optimal. Doch immerhin erhöht es meine Chancen, mich in einem der Pensionszimmer einzuquartieren. Zumindest hoffe ich das. Zur Hauptsaison wäre das sicher kaum möglich.
Für die idyllische Landschaft habe ich kein Auge, während ich mich mit den zwei riesigen Gepäckstücken von der Fähre zum Bus kämpfe. Gelegentlich ernte ich verwirrte Blicke von Einheimischen und Urlaubern. Doch irgendwann habe ich es geschafft. Völlig erschöpft lehne ich mit dem Hinterkopf am Busfenster und blockiere mit meinen riesigen Koffern den Gang. Ich schließe die Augen und nehme jede Kurve, jede Beschleunigung wahr.
Nächster Halt: Süderkooger Dünen.
Um Himmels willen, beinahe wäre ich eingeschlafen. Glück gehabt! Gerade noch rechtzeitig drücke ich den Halteknopf und schleife wenig später die Koffer aus dem Bus. Der Fahrer fährt weiter und ich bleibe allein am Straßenrand zurück.
Natürlich wusste ich, dass die Pension etwas abgelegen direkt hinter den Dünen steht. Doch die Dimensionen werden mir nun erst bewusst, als ich sie in der Ferne zum allerersten Mal live sehe. Jetzt weiß ich auch, warum ich als Kind immer mit dem Auto dort hingefahren wurde. Der Schotterweg, der von der Straße aus zum Gebäude führt, sah bei Google Maps wesentlich kürzer aus. Doch was das Nordseepanorama, das ich mir im Kopf zusammengesponnen habe, nachhaltig verzerrt, sind die riesigen Wiesen, auf denen Apfelbäume stehen. Waren die bei meinem letzten Besuch vor gefühlt hundert Jahren auch schon hier? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Was mich am frühen Nachmittag nicht wundern sollte …
Seufzend blicke ich auf meine beiden Koffer, deren Rollen eher für Flughäfen statt für Offroad Gelände konzipiert wurden.
»Na, dann wollen wir mal …«
Es vergehen ein paar Minuten, in denen ich mich dafür verfluche, mir kein Taxi gerufen zu haben. Jeder Meter, den ich zurücklege, ist Schwerstarbeit. Doch auf einmal höre ich, wie ein Auto nicht wie gewöhnlich die Straße entlangfährt, sondern in meine Richtung auf den Schotterweg abbiegt. Intuitiv drehe ich mich um. Was? Ich habe erst etwa zehn Meter geschafft?
Die weiße Mercedes V-Klasse hält direkt neben mir und das Seitenfenster fährt herunter.
»Moin.«
Eine junge Frau mit langen blonden Haaren, die zu einem Bauernzopf geflochten sind, betrachtet erst mich, dann mein umfangreiches Gepäck. Der Anblick scheint sie komplett zu verwirren.
»Das ist ja ‘ne Menge Zeug für einen Kurzurlaub. Kann ich dir vielleicht helfen?«
Dem friesischen Dialekt nach zu urteilen, handelt es sich hier um eine Einheimische. Sehr gut. Etwas desorientiert streife ich mir die losen Haarsträhnen, die sich aus meinem Zopf gelöst haben und im Wind herumtanzen, hinter die Ohren. »Ähm ja … ich suche einen Hendrik Olsen. Bin ich hier richtig?«
Einen Moment lang scheint sie nachzudenken. »Ja, da bist du so was von richtig. Aber …« Da werden ihre Augen auf einmal groß. »Warte! Bist du etwa die mysteriöse Miterbin? Angelina Tesch?«
Gut, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Obwohl … warum eigentlich nicht? Vielleicht hat dieser Hendrik genauso nach mir gesucht wie ich nach ihm. Bestimmt nicht, sonst hätte er mich und meine Kontaktdaten schließlich auf der Homepage von Physio … Oh nein! Da bin ich mit Sicherheit schon seit Wochen raus.
»Äh … ja genau. Live und in Farbe«, bestätige ich, nachdem ich viel zu lange nichts gesagt habe.
»Das gibt es doch nicht!« Voller Elan springt sie aus dem Fahrzeug und schüttelt mir die Hand. »Dann bist du quasi meine Chefin. Ich bin Sinja, die vorübergehende Verwalterin. Beziehungsweise … eigentlich war ich schon immer die Verwalterin der Pension. Zumindest seit Emmy … du weißt schon …«
»Ah, Sinja. Freut mich, dich kennenzulernen.«
»Ist das dein Gepäck?« Ohne zu zögern greift sie nach dem ersten Koffer, während sich die Heckklappe des Kleinbusses automatisch öffnet.
»Warte, Sinja. Ich helfe dir.«
»Nicht nötig.«
Sie verstaut nacheinander die schweren Gepäckstücke, als wögen sie nichts. Ihre Rückenmuskulatur zeichnet sich durch das eng anliegende weiße T-Shirt ab. Mit offen stehendem Mund beobachte ich sie dabei. Iron Woman? Ich muss dringend wieder mit dem Krafttraining anfangen.
»Los, steig ein.« Mit einem Wink untermalt sie ihre Einladung und setzt sich hinters Steuer.
Motorisiert scheint der Weg auf einmal nicht mehr ganz so lang und hindernisreich. Er hat eine leichte Steigung. Und je näher wir der Pension kommen, die mir nun zur Hälfte gehört, desto größer wirkt sie auf mich.
Sinja parkt nicht auf dem mit Schotter ausgestreuten Parkplatz, auf dem ein paar Autos mit Kennzeichen aus ganz Deutschland parken. Stattdessen fährt sie weiter und bleibt vor einer unscheinbaren Tür seitlich neben dem Gebäude stehen.
»So, da wären wir, Boss.«
»Oh, nenn mich ruhig Angie.«
»Okay, Angie-Boss. Also, ich muss noch eben entladen. Schau dich ruhig schon mal in Ruhe um. Wir können gleich kurz quatschen. Lass dir gesagt sein, dass ich verdammt happy bin, dass du hier bist.«
Während sie redet, verlässt sie das Fahrzeug. Und auch ich steige aus. Das ist sie also – die Pension Leuchtfeuer. So unscheinbar sie beim Heranfahren von hinten aussah: Vorne bietet sich mir gerade ein Nordseepanorama, das auf Postkarten gedruckt werden könnte. Das dreistöckige Gebäude ist riesig, fügt sich mit dem gepflegt aussehenden Reetdach und der weißen Fassade jedoch perfekt in die Landschaft ein. Vorne befindet sich eine große Terrasse, die zum Restaurant gehört und keine Sitzwünsche offenlässt. Egal ob Strandkorb, Gartentisch oder Loungesessel – alles ist vorhanden. Ein Metallgestell deutet an, dass die Sitzplätze vollständig von einer ausfahrbaren Markise abgedeckt werden können. Ein kleiner Zaun grenzt die Terrassendielen direkt von den flachen Dünen ab und ein Schild weist freundlich auf das Verbot des Betretens zum Schutze der nistenden Vögel hin.
Langsam schlendere ich über die Terrasse, immer in Richtung des Horizonts. Nur ein schmaler Holzsteg führt durch sie hindurch und endet an einem idyllischen Streifen Sandstrand. Es ist Ebbe. Kreischende Möwen fliegen über meinen Kopf und halten Ausschau nach Muscheln und Krebsen.
Apropos Essen … mein Magen knurrt, als ich daran denke, wie lange ich schon nichts mehr hatte. In den Tiefen der Handtasche habe ich zum Glück noch ein Brötchen, das ich mir in Berlin am Bahnhof gekauft hatte. Ich hole die Papiertüte heraus. Vorsichtig schlage ich sie so um, dass ich abbeißen kann, ohne mir die Finger schmutzig zu machen. Die Butter hat sich während der Zugfahrt leider überall verteilt.
Gerade will ich hineinbeißen, da schreie ich erschrocken auf. Federn treffen mich im Gesicht. Die Tüte fällt hinunter, das Brötchen fliegt im Schnabel einer Silbermöwe auf und davon. »Hey!«, schimpfe ich ihr empört hinterher, als sie sich ein paar Meter entfernt niederlässt und ihre Beute inspiziert. »Das war mein Mittag- und Abendessen!«
»Oh oh«, vernehme ich Sinjas Stimme hinter mir, während sie auf mich zukommt. »Lass das nicht Hendrik wissen. Der rastet immer völlig aus, wenn jemand die Möwen hier füttert.«
»Ich habe doch gar nicht …«, protestiere ich und hebe die Papiertüte auf, ehe sie davonfliegen kann.
»Ja, ich weiß. Man muss halt echt aufpassen. Deswegen haben wir diese Glasabtrennungen um die Terrasse gezogen. Nette Hütte, oder?« Sinja schiebt sich neben mich und atmet mit geschlossenen Augen tief ein.
»Bei den Insidern gilt sie als Geheimtipp. Aber die Sommerferien sind mittlerweile überall durch, jetzt wird es wieder ruhiger. Gut für dich jedenfalls.« Sie zwinkert und wirft mir einen Schlüssel zu, den ich reflexartig auffange. »Ich gehe mal davon aus, dass du über Nacht bleibst. Bis zum Herbstleuchten in vier Wochen ist auf jeden Fall immer mindestens ein Zimmer frei.«
Herbstleuchten … Keine Ahnung, was das sein soll. Aber ein paar Tage komme ich notfalls bestimmt bei Oma unter.
Sinja läuft zurück zum Auto und ich hinterher.
»Äh … Sinja? Wo sind meine Koffer?«
»Habe mir erlaubt, sie hochzutragen.«
Ich schlucke hart. Wie lange bitte stand ich allein am Strand und bewunderte mein Reich, als wäre ich Simba aus König der Löwen? Eindeutig zu lange.
»Bis wann möchtest du eigentlich bleiben, wenn ich fragen darf? War ja jetzt nicht unbedingt wenig Kram, den du hier angeschleppt hast.«
»Oh, das weiß ich noch gar nicht. Zu Hause, also in Berlin, geht beruflich gerade nicht so viel. Daher dachte ich, ich komme mal vorbei und schaue, was hier Sache ist. Per Mail habe ich leider niemanden erreicht.«
»Ach ja, die Mails. Ganz dickes Sorry.« Entschuldigend blickt sie mich an. »Das müssen wir dringend mal wieder in Ordnung bringen. Ich glaube, es gibt an die dreihundert unbearbeitete Eingänge im Postfach.«
Sie zieht ein langes Brett aus dem Fahrzeug.
»Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?«
»Nö«, antwortet sie gut gelaunt. »Ist das letzte.«
»U… und Hendrik Olsen?«, rufe ich ihr hinterher, als sie das Brett in einen langen Flur schleppt, der zu den Bewirtungsräumen gehören muss.
»Der ist ausgerechnet heute leider auf dem Festland. Private Angelegenheiten oder so. Aber morgen Nachmittag sollte er wieder hier sein. Mach‘ es dir gemütlich und quatsch‘ ruhig alle an. Wir sind eigentlich immer nett. Vor allem, wenn die Arbeit nicht allzu viel wird.«
Hilflos starre ich auf den Schlüssel in meiner Hand. Sinja ist verschwunden. Offenbar hat sie gerade gut zu tun. Und ich? Ich fühle mich komplett nutzlos. Zwanzig Zimmer umfasst die Pension, von denen aktuell wohl nicht alle belegt sind. Ich weiß nicht, wer sie reinigt. Ich weiß nicht, wo und wie gefrühstückt wird. Ich weiß einfach gar nichts über diesen Betrieb. Langsam verlasse ich den Flur, in dem ich gefühlt eh nur im Weg stehe.
Draußen begrüßt mich erneut das Säuseln des Winds und das Kreischen der Möwen. Ich lege meinen Kopf in den Nacken, sodass ich ein paar Schäfchenwolken beim Vorbeiziehen beobachten kann.
»Tante Emmy«, murmele ich, den Blick gen Himmel gerichtet. »Ein bisschen mehr Information hättest du mir wirklich geben können.«
Kapitel 3
Hendrik
»Verdammte Maulwurfhügel!« Knurrend trete ich bereits zum x-ten Mal einen platt, um die Klappleiter aufstellen zu können, ohne dabei einen schmerzhaften Sturz zu riskieren. Der Wind weht mir feinen Sprühregen ins Gesicht, weshalb ich meine Augen mit dem Ärmel meines Islandpullovers immer wieder vom Wasser befreie. Außerdem erleichtert das Wetter nicht gerade die Suche nach einem halbwegs stabilen Stand.
»Soll ich nicht besser festhalten?« Fiete wirkt nervös, als er auf seine Smartwatch schaut. »Ich bin gleich zum Zocken verabredet. Bis dahin will ich zu Hause sein.«
»Nee, Mann. Wenn das Ding mit mir zusammen umkippt, bezweifle ich, dass du sie halten kannst. Es sind doch nur vier Stufen.« Ich drehe die Leiter noch ein wenig, bis sie in einer halbwegs stabilen Position steht, und klettere langsam hinauf.
»Im Ernst, Chef. Können wir die Apfelbeschau nicht ein anderes Mal machen? Ich bin schon komplett durchnässt und da hinten kommt so eine grau-blaue Wand auf uns zu.«
Ich ignoriere die Worte unseres Azubis, als ich nach dem Altländer Pfannkuchenapfel greife. Die Farbe sieht gut aus. Pflücken lässt er sich auch leicht. Ich verändere meine Position auf der Leiter und ziehe ein Taschenmesser aus der Gesäßtasche meiner Jeans. Der Regen wird stärker.
»Weißt du Boss, ich wäre dir wirklich dankbar, wenn wir das Tasting nach drinnen verlegen könnten, wo es trocken ist und ich wenigstens WLAN habe.«
Kurz blicke ich zu ihm. Seine dunklen Haare sind trotz Regenjacke klitschnass. Blinzelnd schaut er zu mir auf.
»Ach, Fiete. Manchmal kann ich selbst kaum glauben, dass du gebürtiger Nordfriese bist, wenn du wegen des bisschen Regens so einen Aufriss machst. Aber von mir aus …« Ich klappe das Taschenmesser wieder zusammen und verstaue es in der Hosentasche. »Die Seestermühler und Finkenwerder werden trotzdem noch schnell begutachtet. Montag kommen die ersten Erntehelfer. Ich muss dringend einen Plan erstellen, welche Wiese wir zuerst abarbeiten. Fängst du?«
Fiete hält die Hände auf, fängt den Apfel und beschriftet ihn mithilfe eines Etiketts. »Apropos Plan: Hat sich diese Miterbin eigentlich schon bei dir gemeldet, die dir Emmy als finalen Akt de der persönlichen Schadensbegrenzung vor ihrem Ableben noch aufs Auge gedrückt hat?«
Ein letztes Mal begutachte ich den Ast mit den zahlreichen Früchten. Da ich rein biologisch anbaue, verzichte ich auf chemische Schädlingsbekämpfung. Eine regelmäßige Beobachtung ist da besonders wichtig.
»Nee«, antworte ich und fahre mit dem Daumen über die weiße Stelle auf einem Blatt, die sich zum Glück abwischen lässt. Puh, Pilzerkrankungen hätten mir jetzt gerade noch gefehlt. »Wieso sollte sie auch? Ein Blick in die Geschäftsunterlagen, und sie weiß, was Sache ist. Ich wundere mich ja eh, dass sie nicht direkt ausgeschlagen hat. Wenn es mal was zum Verteilen gibt, werde ich es ihr per Scheck zuschicken.«
»Interessiert dich denn gar nicht, wie sie so drauf ist?«
»Wüsste nicht, warum es sollte.«
»Na ja …« Fiete zuckt mit den Schultern. »Vielleicht ist sie ja heiß?«
Ich schüttele lachend und ungläubig den Kopf. »Wieso sollte mich ihre Optik interessieren?«
»Würde sich doch anbieten«, kommentiert er und schaut gelangweilt auf sein Smartphone. »Du hängst rund um die Uhr in diesem Betrieb ab. So eine Workspace-Romanze würde dir sicherlich guttun. Leg‘ dich ins Zeug bei ihr, womöglich kommst du dann auch mal wieder zum Schuss.«
Wow! Wenn ich meinen Meister damals so etwas vorgeschlagen hätte, wäre ich hochkant aus dem Laden geflogen. Doch mich schockiert hier gar nichts mehr. Schnaubend hebe ich die Augenbrauen.
»So wie du bei Sinja, was?«
»Du hast echt Halluz, Boss. Die ist voll nicht mein Typ. Aber diese Angie wäre vielleicht deiner.«
»Vielleicht wäre sie das. Ich werde es nur nicht erfahren, da sie irgendwo in Berlin wohnt und ich nicht vorhabe, da hinzufahren.«
Ich habe keine Ahnung, was sich Emmy dabei gedacht hat, ihr Testament so zu gestalten. Wir alle rechneten damit, dass ihre Schwester den Betrieb erbt und ihn verkauft. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, als ich sie gebeten hatte, zumindest über das Restaurant einen Pachtvertrag auf Zeit mit mir abzuschließen. Zu dem Zeitpunkt leitete ich es ohnehin schon seit vier Jahren. Doch sie meinte bloß, das sei nicht nötig und kniff freundlich lächelnd die Augen zusammen. So wie sie es immer tat, wenn sie mir sagen wollte, dass alles gut werden würde.
Emmy war keine gute Geschäftsfrau ‒ nicht sonderlich kreativ und mit kein bisschen Vermarktungstalent gesegnet. Leider trifft Letzteres ziemlich sicher auch auf mich zu, was dieses Testament noch absurder macht. Doch sie war ein herzensguter Mensch. Sie war so viel mehr als eine Chefin für mich. Sie war diejenige, die zu einem Zeitpunkt an mich glaubte, als ich ganz unten war. Ihr grenzenloser Optimismus bei lebenslangem Gerade-so-über-Wasser-Halten hat mir gezeigt, dass auch ich die Chance habe, irgendwann gelassen und zufrieden durchs Leben zu gehen. Ich vermisse sie.
»Oh Mann, Hendrik, du Apfelfreak kriegst aber auch gar nichts mit.« Lachend reißt mich Fiete aus meinen Erinnerungen, als hätte er mich mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf geweckt. »Du brauchst nicht nach Berlin zu reisen. Sie ist gestern hier aufgeschlagen und stapft gerade auf dich zu, du Nixblicker.«
Angelina Tesch ist … was? Die Miterbin ist … hä?
Reflexartig und mit weit aufgerissenen Augen drehe ich mich um.
Eine Frau! Im grellgelben Friesennerz und mit eigenartigen Sonnenblumengummistiefeln ist sie vielleicht fünf Schritte von mir entfernt und schaut in meine Richtung.
Der Regen verwässert mir die Sicht. Der Schock darüber, dass sie einfach so und ohne Vorankündigung hier aufschlägt, vernebelt mir die Gedanken. Doch was erstaunlich gut funktioniert, ist mein Gleichgewichtssinn, der gerade Alarmstufe Rot meldet.
»Verdammt!«
Zu spät! Ich werde stürzen. Jetzt bloß aufpassen, dass ich nicht auf die Leiter knalle. Im Fallen trete ich sie weg.
»Oh Shit!«, ruft mein Azubi entsetzt.
Die Frau in gelber Jacke ruft ebenfalls laut. »Nein!«
Doch schon einen Wimpernschlag später lande ich brutal wie ein Käfer auf dem Rücken im feuchten Gras. Der Aufschlag ist dumpf und ich brauche einen Moment, um klarzukommen. Stöhnend hebe ich die Hand und lege sie mir auf die Augen. Die Welt um mich herum dreht sich. In einem alten Disney-Cartoon würden jetzt Vögelchen über mir im Kreis fliegen.
»Alles okay, Boss? Bist du verletzt?« Fiete klang noch nie so aufgeregt.
»Nein, bin ich nicht. Nichts passiert«, brumme ich, genau wissend, dass das gerade nicht der Fall ist. »Nenn mich nicht Boss!«
»Bist du dir sicher? Soll ich Hilfe holen?« Da ist sie wieder, die weibliche Stimme. Ich drehe den Kopf in die Richtung, aus der sie kommt. Erst jetzt erfasse ich die Situation in ihrer gesamten Komplexität.
Angelina Tesch, die mysteriöse Miterbin, von der ich seit Wochen hoffe, dass sie das Erbe doch noch ausschlägt, hat sich über mich gebeugt und zieht die gelbe Kapuze ab. Ein paar lange braune Strähnen, die sich aus ihrem vermutlich hastig geknoteten Dutt gelöst haben, wehen ihr feucht ins sommersprossige Gesicht. Ihre eisblauen Augen schauen mich besorgt an.
Diese Frau muss ich also davon überzeugen, dass es hier nichts zu holen gibt? Unser gemeinsamer Start hätte nicht schlimmer laufen können. Ich liege klitschnass vor ihr auf der Fallobstwiese, da sie mir den Kopf verdreht hat. Also, mein Kopf drehte sich zu ihr … Nicht anders!
Fiete schnappt sich meine Hand. »Kannst du aufstehen? Komm …«
Innerlich verdrehe ich die Augen. Mein etwa eins siebzig großer und sechzig Kilo schwerer Azubi möchte mir aufhelfen. Dabei jammert er bereits, wenn er Kartoffeln holen soll.
»Geht schon«, murmele ich und richte mich langsam auf.
»Wirklich alles okay?«, mischt sie sich nun wieder ein. »Kannst du dich normal bewegen? Bleib erst mal kurz sitzen und atme tief ein.«
Wenn ich eines nicht haben kann, dann ist es diese übertriebene Fürsorge bei kleinsten Stürzen und Verletzungen. Eventuell könnte es sein, dass mein Blick das gerade ganz gut untermalt.
»Es ist nichts«, knurre ich monoton und stehe langsam, aber bloß nicht zu gemächlich auf. »Alles gut.«
Ein bisschen Schwindel ist schon noch da. Genau wie das Gefühl, mein Rücken wäre von einer Straßenwalze überrollt worden. Doch da ist nichts, was ein, zwei Saunagänge und etwas Arnikasalbe nicht beheben könnten. Einen Hendrik Olsen haut so schnell nichts und niemand um.
»Also, du wolltest mich sprechen?«
Eben hat sie noch besorgt über mich gebeugt, jetzt schaut sie mit offen stehendem Mund zu mir hoch. Ja, viele der Apfelbäume kann ich auch ohne Leiter ganz gut erreichen. Verwirrt schüttelt sie einen kurzen Moment den Kopf, ehe sie antwortet.
»Ähm … ja das wollte ich. Entschuldige, ich habe mich gar nicht vorgestellt.«
»Angelina Tesch«, komme ich ihr zuvor und versuche vergeblich, den Dreck von der Arbeitshose zu klopfen.
»Angie.« Ihrem Ton nach zu urteilen, ist sie von meinem ein wenig geschauspielerten Desinteresse nicht gerade angetan. »Gut, dann verzichten wir auf die allgemein geltenden Höflichkeitsfloskeln, Hendrik Olsen! Ich würde mich gerne mit dir zusammensetzen und die Sache mit diesem Betrieb hier klären. Schließlich dürften wir beide ein Interesse daran haben.«
Über uns verdunkelt sich der Himmel, doch der Regen lässt eigenartigerweise ein wenig nach.
»Abgesehen davon, dass ich aktuell keine Zeit habe, gibt es da nicht viel zu klären. Jeder hat hier seinen Platz, seine Aufgabe. Und natürlich einen fairen Arbeitsvertrag. Ich verstehe deine Enttäuschung. Du dachtest vermutlich, das hier wäre ein Lottogewinn. Doch damit lagst du ziemlich falsch. Wenn am Ende des Jahres ein bisschen Gewinn vorhanden ist, der nicht reinvestiert wird, machen wir Fifty-Fifty, okay? Schreib‘ mir deine Kontoverbindung per Mail, ich leite sie an unsere Steuerberaterin weiter.«
Besonders gut darin, Mimik zu entziffern, war ich noch nie. Vor allem, wenn ich eine Person zum ersten Mal sehe. Angelina, Verzeihung, Angie, legt den Kopf schief. Die Haarsträhnen, die ihr Gesicht säumen, wellen sich durch die hohe Luftfeuchtigkeit. Ihr Mund steht leicht offen, doch ihre … Verdammt, was ist das für ein stechender Blick? Eisblaue Augen fixieren mich. Sie sehen nicht begeistert aus. Im Gegenteil.
»Okay«, sagt sie schließlich und wendet sich von mir ab.
Geht sie etwa schon? Warum habe ich das Gefühl, dass sie es nicht auf sich beru… Oh mein Gott!
»Hey, was tust du da?« Mein Beschützerinstinkt läuft zur Höchstform auf, als sie an einem tiefhängenden Ast zerrt und nach einem Altländer Pfannkuchenapfel greift und ihn pflückt! Meine Hand zuckt, doch ich halte mich zurück. Nun ist es mein Auge, das zuckt, als ich das rupfende Geräusch höre. Es verursacht in mir beinahe körperliche Schmerzen.
»Na, was wohl? Ich habe Hunger. Du hast einen Apfel gepflückt, also darf ich das auch, oder? Schreib es meinem Verrechnungskonto gut!«
»Ich prüfe die Reife der Früchte und ziehe nicht brutal an den Ästen herum!«, verteidige ich mich. »Das ist ein veredelter Altländer Pfannkuchenapfelbaum aus zwei historischen Zuchtlinien. Eine pomologische Rarität!«
Mit einem aufgesetzt mitleidigen Blick zuckt sie mit den Schultern. »Tja, eine Rarität, die dir nur zur Hälfte gehört.« Demonstrativ beißt sie in den Apfel – und verzieht das Gesicht. Ich würde in Gelächter ausbrechen, wenn die Lage nicht so ernst wäre.
»Ziemlich sauer, oder?«, lege ich mit verschränkten Armen nach. »Könnte daran liegen, dass es ein Pfann-ku-chen-ap-fel ist!«
»Tja, dann weiß ich ja schon, was ich mir heute Abend koche.« Den angebissenen Apfel verstaut sie in ihrer Jackentasche. »Mit ein bisschen Futter im Magen lässt sich auch besser ein Überblick über meine Rechte und Pflichten als Mitgesellschafterin verschaffen. Da ich mit dir ja nicht konstruktiv darüber reden kann, bleibt mir nichts anderes übrig. Dann mal frohe Ernte, bei dem Schietwetter.« Sie dreht sich um und lässt mich stehen.
Zurück bleiben Fiete, der mich anschaut wie einen ausgesetzten Hund, und ich. Ich … Volltrottel!
»Hey, warte!«, rufe ich und hole sie mit drei schnellen Schritten ein. Mein Rücken macht sich sofort bemerkbar, doch ich beiße die Zähne zusammen. »Wir können gerne reden. Aber ich meinte das ernst. Ich habe aktuell keine Zeit. Fiete und ich müssen noch zwei weitere Apfelbaumsorten …«
Nicht sie schneidet mir das Wort ab, sondern ein lautes Donnern, das uns alle zusammenzucken lässt, gefolgt von einem originalen Nordseeplatzregen. Innerhalb von Sekunden verwandelt sich der leichte Nieselregen in eine brutal kalte Armee aus flüssigen Bindfäden.
Niemand sagt mehr etwas. Wir rennen nur noch über die Wiese, bis wir endlich die Pension erreicht haben. Was für ein grandioser Start für unsere aufgezwungene Geschäftsbeziehung.