Leseprobe Ihre beste Freundin | Ein spannender Psychothriller über ein dunkles Geheimnis

Prolog

Eve Holland stand blutüberströmt und zitternd in ihrer abgedunkelten Küche. Der Regen hämmerte gegen die Scheibe. Eve fror. Dieser Ort, ihr Zuhause, wirkte nun kalt, fremd und abweisend. Auf den cremefarbenen Fliesen hatte sich eine Blutlache gebildet, aus der die Abdrücke nackter Füße hinausführten. Ihr Atem ging in kurzen, abgehackten Stößen, genau wie ihre Gedanken. Dieser Schmerz. Mein Gott, tat das weh.

Was hatte sie getan?

„Eve?“

Eves Blick fiel auf Pennie, deren zierlicher Körper noch immer in dem gelben, gepunkteten Nachthemd steckte, das sie ihr gekauft hatte. Es war mit feinen Blutspritzern übersät, und Pennies Gesicht wirkte durchscheinend wie das eines Geistes. Ihr mattes, blondes Haar klebte strähnig an ihrem Kopf.

„Eve?“, raunte sie erneut mit leiser, zitternder Stimme.

Aber sie weinte nicht.

Ihre zehnjährige Schwester ging mit ihrer Angst deutlich gefasster um, als Eve es je könnte.

Das Messer entglitt ihrer Hand. Sie sank zu Boden. Ihr Blick begann zu verschwimmen, und der Klang von Pennies Stimme rückte in weite Ferne. Sie blinzelte, um wach zu bleiben, doch das Letzte, was sie sah, waren Pennies nackte, blutgetränkte Füße.

Jemand hob Pennie hoch.

Als Eve die Augen wieder öffnete, ragten schwarze Stiefel vor ihr auf. Jemand stand über ihr, die Stahlkappen keine Handbreit von Eves Gesicht entfernt. Dann kam die Dunkelheit. Und dieses Mal verschlang sie alles.

Kapitel 1

Sechs Wochen zuvor

„Wir werden schon zurechtkommen“, versicherte Eve Pennie, während sie in der Küche auf und ab ging und von Zeit zu Zeit anhielt, um etwas abzuwischen oder aufzuräumen, das bereits abgewischt und aufgeräumt worden war. „Ich weiß, es fühlt sich … anders an, ohne Ellen hier zu sein, Pennie, aber … weißt du, ich … nun, ich liebe dich, du bist meine Schwester und ich bin mir sicher … ich meine, uns beiden wird es hier absolut gut gehen und …“

„Aber wie soll das gehen?“, fragte Pennie leise. So klein und zerbrechlich, wie sie war, klang selbst ihre Stimme verletzlich. Pennie sprach selten. Wenn sie also jetzt den Mund öffnete, bedeutete das wohl, dass sie sich wirklich Sorgen machte.

Heute war ihr erster Tag allein in diesem Haus, ohne Ellen oder irgendjemanden sonst, und ihre Abwesenheit schien plötzlich unerträglich. Pennie saß am Küchentisch, zwei abkühlende Tassen Kakao zwischen sich und dem Stuhl gegenüber, von dem Eve sich gerade zum zweiten Mal erhoben hatte, seit sie die beiden Getränke abgestellt hatte. Sie konnte nicht still sitzen. Wie auch? Ihr Kopf schien zu platzen, wenn sie sich all die Dinge vor Augen führte, die sie im Hinblick auf selbstverantwortliche Haushaltsführung und Fürsorge für Pennie nicht wusste.

Pennies durchdringender Blick brannte sich in sie ein, während sie mit dem Tuch in der Hand von Oberfläche zu Oberfläche ging. „Wir werden es schaffen, Pennie.“ Eve warf das Tuch in die Spüle. Einen Moment lang stand sie da, starrte auf den Abfluss und versuchte, ihre Gedanken in einen zusammenhängenden Satz zu fassen. Etwas, womit sie sich selbst in ihren besten Zeiten schwertat. „Wir müssen es einfach schaffen“, war das Beste, was ihr einfiel. Sie sprach die Worte leise aus und warf einen Blick auf ihre geliebte zehnjährige Schwester.

Die arme Pennie gehörte zu den Kindern, die nie ganz zu begreifen schienen, was um sie herum vor sich ging. Sie hatte den größten Teil ihres Lebens in ihrer eigenen kleinen Welt verbracht, und es gab Zeiten, in denen Eve sie darum beneidete. Es war nicht leicht, ein ungewolltes Kind zu sein, und genau das waren alle Hollands irgendwann einmal gewesen. Wie Eve war auch Pennie kurz nach ihrer Geburt von ihrer Mutter ausgesetzt worden, also war ihr selbst geschaffener Rückzugsort wahrscheinlich wirklich der beste Platz für sie. Eve hatte keinen solchen Ort, an dem sie sich verstecken konnte. Zwischen ihnen lag ein Altersunterschied von dreizehn Jahren, und obwohl sie beide den Namen Holland erhalten hatten, wurde ihnen doch oft genug in Erinnerung gebracht, woher sie stammten. Eve fragte sich, ob das vielleicht der Grund war, warum Pennie so ein stilles Mädchen war. Hatte sie einfach zu viel, worüber sie nachdenken musste?

Jetzt jedenfalls hatte sie noch ein bisschen mehr.

„Aber warum bist du dir so sicher?“, fragte Pennie.

Eve hob die Augenbrauen und setzte sich wieder hin. „Weißt du, wie viele Pflegekinder schon durch dieses Haus gegangen sind, Pennie?“

Pennie schüttelte den Kopf. Ihr welliges, blondes Haar trug sie wie immer zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre strahlend blauen Augen flehten Eve an, ihr die Bestätigung zu geben, die sie so dringend brauchte.

„Dreiundsiebzig“, sagte Eve und zwang sich, eine Entschlossenheit in ihre Stimme zu legen, die sie nicht unbedingt empfand. „Das war die Zahl, die Ellen mir genannt hat, bevor sie … nun ja, früher einmal. Manche blieben nur einen Tag, andere monatelang, aber Ellen erinnerte sich an alle. Und ich auch.“ Sie tippte sich mit dem Finger gegen die Brust. „Oder zumindest an die, die nach mir kamen. Denn wer, glaubst du, hat geholfen, auf sie aufzupassen, hm? Ich.“ Sie schlang ihre Hände um ihre abkühlende Tasse und kniff die Augen fest zusammen, auf der Suche nach ein paar Sekunden Ruhe und etwas Dunkelheit. Das schmerzhafte Pochen in ihrem Kopf hatte gestern angefangen und noch nicht nachgelassen. Eves Kopfschmerzen folgten einem bestimmten Muster, daher wusste sie, dass sie im Laufe des Tages noch stärker werden, sich dann aber am Morgen wieder legen würden. „Deshalb weiß ich …“

„Ist es wieder dein Kopf?“, fragte Pennie, die sich vor der Wucht dieser vielen Worte am liebsten versteckt hätte und deren Stimme kaum vernehmbar war.

Eve öffnete die Augen und tat weiter so, als ginge es ihr gut. Sie antwortete nicht. Pennie sollte nicht noch mehr an ihren Fähigkeiten zweifeln, als sie es ohnehin schon tat. Eve hatte schon immer unter Kopfschmerzen gelitten. Aber in den letzten Wochen hatten sie sowohl an Intensität als auch an Häufigkeit zugenommen und Pennie musste es mitbekommen haben. Manche Menschen würden diese Art von häufigen, migräneartigen Kopfschmerzen vielleicht als guten Grund ansehen, einen Arzt aufzusuchen. Aber die Hollands glaubten nicht an Ärzte. Weder Eve noch Pennie waren jemals bei einem gewesen, egal, was ihnen fehlte, und so kam es Eve auch jetzt nicht in den Sinn, ärztlichen Rat einzuholen. Immer hatte Ellen genug Medikamente im Haus, um so gut wie alles zu heilen – zumindest vorübergehend. Aber nichts davon konnte die Stimme in ihrem Kopf verklingen lassen. Die, die sie jetzt anschrie und ihr sagte, dass sie, wenn es um die Betreuung eines Kindes ging, besonders eines wie Pennie, niemals so fähig sein würde wie Ellen es war.

„Du musst dich nicht um mich kümmern, solange dein Kopf …“

„Mit meinem Kopf ist alles in Ordnung, Pennie.“

Pennie nickte langsam. Ein Nicken, das Eve beruhigen sollte, nicht weil sie ihr glaubte. Und Eve wünschte, das Kind wäre nicht so viel klüger als sie selbst. Eve war dumm. Das hatte sie schon immer gewusst und sich schon längst damit abgefunden. Aber Pennie – Pennie war der klügste Mensch auf der Welt, und für Eve war es an der Zeit, herauszufinden, wie zum Teufel sie sich um sie kümmern sollte, so, wie sie es verdiente. Und wie sie Fragen wie diese beantworten sollte, ohne dass Pennie durchschaute, wie dumm ihre große, jetzt allein für sie verantwortliche Schwester tatsächlich war.

„Was ich sagen will, Pennie, ist: Ich kümmere mich schon um Kinder, seit ich noch jünger war als du jetzt. Glaub mir … ich weiß, was ich tue.“

Aber wusste sie das wirklich?

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass hier so viele Kinder waren“, stellte Pennie fest.

Eve nickte und wiegte dabei leicht den Kopf hin und her. „Stimmt, seit du hier bist, waren nicht annähernd so viele Kinder hier. Aber vor dir war dieses Haus fast die ganze Zeit voll.“ Sie versuchte, ihrem Ton etwas Lebendigkeit zu verleihen, indem sie Handgesten einsetzte, die nicht unbedingt zu der Art von Gespräch passten, das sie gerade führten. „In dem Schlafzimmer, in dem du jetzt bist“, fuhr sie fort, „standen früher zwei Etagenbetten, und die waren fast immer belegt. Das war das Zimmer der Jungs.“

„Ich weiß“, murmelte Pennie und blickte in ihre Kakaotasse. Sie hatte das alles schon einmal gehört, aber Eve fuhr trotzdem fort, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte.

„Und das Zimmer, in dem ich bin – nun, das war das Zimmer der Mädchen. Ich erinnere mich, dass wir einmal drei Jungen und zwei Mädchen hatten, plus mich, und das war monatelang so.“

„Warum haben sie keines von ihnen behalten?“, fragte Pennie und sah Eve wieder an. „So, wie sie dich und mich behalten haben?“

„Und Amelia“, murmelte Eve, und auf ihrem Gesicht spiegelte sich ihre bedrückte Stimmung wider. Sie wandte den Blick zum Küchenfenster und seufzte tief, bevor sie fortfuhr. „Ich wünschte, du hättest sie kennenlernen können, Pennie.“ Sie sah das Mädchen wieder an und war sich nicht sicher, ob sie jemals wirklich mit ihr über Amelia gesprochen hatte. Pennie war noch ein Baby gewesen, als Amelia verschwunden war, also konnte sie sich unmöglich an sie erinnern. „Amelia war auf ihre Art ziemlich beliebt, ob man es glaubt oder nicht.“ Sie lächelte bei der Erinnerung an ihre große Schwester. „Sie konnte absolut überall Freunde finden. Keine echten Freunde, wohlgemerkt. Nicht die Art, die für dich da war, wenn du sie brauchtest oder so. Aber die Leute mochten sie einfach, wenn sie sie zum ersten Mal trafen, weißt du?“ Sie suchte in Pennies Gesicht nach einem Zeichen dafür, dass sie zuhörte. Vergeblich. Bei Pennie wusste man das nie. Trotzdem redete Eve weiter, mehr für sich selbst als für ihre Schwester. „Amelia konnte Fremden weismachen, dass man sie unbedingt näher kennenlernen sollte, ganz im Gegensatz zu mir.“ Ihr Lächeln verschwand, und sie blickte auf ihre unruhig zuckenden Hände. Ellen hatte immer gesagt, dass Eves Verstand nicht schnell genug war, um auf irgendetwas eine Antwort zu finden, und Eve nahm an, dass sie damit recht hatte. Doch dieses Detail ließ sie jetzt weg. „Aber Amelia schien immer unterwegs zu sein und jemanden zu haben, der sie begleitete, verstehst du, was ich meine? Einmal brachte sie sogar eine Freundin zum Abendessen mit nach Hause.“ Sie blickte wieder auf, ihre Augen waren jetzt vor Aufregung geweitet. „Eine echte Freundin, aus einer anständigen Familie.“ Sie hielt inne und schaute wieder auf ihre Hände. „Das ist allerdings nur einmal passiert, und sie hat sich dafür einen wirklich schlechten Abend ausgesucht.“

„Warum?“, fragte Pennie und Eve fuhr überrascht zusammen.

„Na ja, weißt du, je nachdem, wer gerade in Raven’s Rock untergebracht war, konnte damals bei uns zu Hause alles Mögliche passieren. Deshalb war es keine gute Idee, normale Leute mit hierherzubringen. Nicht, wenn man wollte, dass sie weiterhin mit einem befreundet blieben. Raven’s Rock war alles andere als normal, und an genau diesem Abend, als Amelias Freundin, Millie oder so, zum Abendessen kam, bekam dieses eine Kind einen fürchterlichen Wutanfall.“ Sie wurde wieder etwas lebhafter, als die schreckliche Erinnerung an jenen Tag in ihr erwachte. „Sie schlug wie wild um sich, traf Ellen dabei mit aller Wucht am Hals und biss ihr ins Gesicht, scheinbar ohne Grund. Als diese Millie sich von dem Anblick erholt hatte, kochte Ellen bereits das Abendessen für sie und Amelia, als wäre nichts geschehen.“ Pennie beobachtete sie aufmerksam, und Eve spürte, wie ihr das Herz in die Hose rutschte. Warum hatte sie diese Geschichte angefangen? „Da stand sie nun“, fuhr sie mit leiserer Stimme fort, „rührte mit einer Hand die Eier in der Pfanne und versorgte mit der anderen die Bissspuren an ihrer Wange, als wäre dies ein ganz normaler Abend in Raven’s Rock.“ Eve nahm an, dass es das für Ellen auch war. „Ich glaube, ich muss nicht erwähnen, dass Millie nie wieder einen Fuß in unser Haus gesetzt hat. Auch Amelia ging plötzlich viel weniger aus dem Haus.“ Dann hielt sie inne und verlor sich in Erinnerungen. „Sie war vierzehn Jahre älter als ich“, sagte sie, als würde ihr das gerade erst bewusst werden. „Sie war zu diesem Zeitpunkt längst kein Pflegekind mehr. Aber aus Gründen, die wohl nur Amelia kannte, blieb sie trotzdem hier, und Ellen und Peter ließen sie.“

„Warum also nur wir?“, fragte Pennie erneut. „Warum haben sie keines der anderen siebzig Kinder behalten?“

Eve zuckte mit den Schultern. „Weil sie eben nur Pflegeeltern waren, nehme ich an. Und Pflege ist immer nur als vorübergehende Lösung gedacht. So funktioniert das nun mal.“

Pennie nickte, aber Eve sah, dass sie es – obwohl sie ihr ganzes Leben in diesem Haus verbracht hatte – immer noch nicht wirklich verstand. Aber vielleicht war das auch ganz gut so.

Eve beugte sich zu ihr hinüber und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl es absolut nichts zu lachen gab. „Ich schätze, du und ich waren einfach etwas Besonderes, oder?“ Sie streckte die Hand aus und legte sie auf Pennies.

„Und Amelia“, erinnerte Pennie sie. Dann blickte sie auf Eves große Hand, die ihre umfasste, und zog sich langsam aus ihrem lockeren Griff zurück. Auch Eve lehnte sich zurück. Sie war schon immer sehr schlecht darin gewesen, sich mit jemandem locker zu unterhalten. Wahrscheinlich hatte sie deshalb keine Freunde. Selbst ihre kleine Schwester fand es schwierig, zu lange in ihrer Gesellschaft zu sein, und nun war sie hier mit Eve als ihrer Vormundin gestrandet. Eve Holland, ein Ersatz für nichts, geschweige denn für eine Mutter.

Nach all den Jahren und all den Kindern waren nur noch zwei übrig geblieben.

Raven's Rock.

Schon der Name haftete dem Haus der Hollands wie ein Makel an. Der Ruf der Kinder, die dort ein- und ausgingen, machte es nicht besser.

Aber nun war all das verschwunden. Es war nichts mehr übrig, und Eve hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, ob dies der Anfang von etwas Neuem oder das Ende von allem war.

Pennies Blick ruhte auf der Tischplatte, und sie schwenkte ihr unangerührtes Getränk in der Tasse hin und her.

„Pennie?“ Eve richtete sich wieder auf und sprach mit brüchiger, wenig überzeugender Stimme. „Was ich sagen will, ist, dass ich geholfen habe, mich um viele dieser Kinder zu kümmern. Oft waren so viele hier, dass Ellen jede Hilfe brauchte, die sie bekommen konnte. Und diese Hilfe war ich.“ Sie stieß mehrmals mit dem Finger auf die Tischplatte. „Wenn ich mich also um diese verrückte Bande von Kindern kümmern konnte, dann …“ Sie hob die Augenbrauen und lächelte schief. „Dann werden wir beide das auch hinbekommen, okay? Vertrau mir. Ich verspreche es dir.“ Sie klang inzwischen fast flehend, also verstummte sie – in dem sicheren Gefühl, auf Pennie längst nicht so beruhigend zu wirken, wie sie es gewollt hatte.

Pennie nickte, offenbar nur, um sie zum Schweigen zu bringen. Doch einen Moment später sprach Eve trotzdem weiter. „Peter ist weg, und jetzt auch noch Ellen“, sagte sie und plötzlich lastete die ganze Schwere dieser Tatsache auf ihren Schultern. Ihre Lippen wurden schmal, als ihr klar wurde, dass Pennie zu Recht besorgt war. Ellen und Peter Holland waren die Art von Menschen, von denen man erwarten würde, dass sie ewig lebten. Doch dann ging Peter eines Tages zur Arbeit und kam einfach nicht wieder nach Hause. Er war auf dem Rückweg vom Laden bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen. Man hatte sechs Frühstücksbrötchen bei ihm gefunden: eine kleine Zwischenmahlzeit für seine Kollegen auf der Baustelle, obwohl er selbst so etwas wie Frühstücksbrötchen nie aß. Und nun war auch Ellen nicht mehr da. Sie hatte sich gerade von einem kürzlich erlittenen Knöchelbruch erholt, als sie von der obersten Treppenstufe stürzte. Sie trug einen orthopädischen Gehschuh und hätte sich schonen sollen, statt mit einem Berg Wäsche herumzulaufen. Aber sie hatte beschlossen, einfach weiterzumachen wie immer. Typisch Ellen. Vogelstrauß-Taktik: Den Kopf in den Sand stecken und weitermachen. Eve blickte zur Treppe hinüber und erinnerte sich an das dumpfe Geräusch des Aufpralls und an den Anblick ihres verdrehten Körpers auf dem Flurboden. Jetzt waren Eve und Pennie allein in dem Haus, in dem sie aufgewachsen waren. Einem Haus, das bis dahin noch nie einen ruhigen Tag erlebt hatte.

„Also, bleiben wir dann hier?“, fragte Pennie zögerlich. „Du und ich? Ganz allein?“

Eve hob die Augenbrauen. Wohin, glaubte Pennie, könnten sie sonst gehen? „Pennie, ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, also erwachsen und, nun ja …“ Sie streckte erneut die Hand aus, um die des Mädchens zu ergreifen. „Du bist meine Schwester. Du hast also eine erwachsene Verwandte, die sich um dich kümmern wird, und das bedeutet“, sie atmete zitternd aus, „wir zwei gehören zusammen, Pennie. Und so wird es auch bleiben.“

Pennie zog ihre Hand zurück und stand langsam vom Tisch auf. Sie ging durch das offene Erdgeschoss des Hauses und stieg Stufe für Stufe die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Als sie ihr nachblickte, fühlte Eve sich mit einem Mal sehr einsam. Doch sie dachte nicht an Ellen und Peter. Auch wenn ihre Abwesenheit schwer wog, war die Person, die sie in diesem Moment verzweifelt herbeisehnte, ihre eigene große Schwester Amelia. Nie hatte sie ihr mehr gefehlt als jetzt.

Eve starrte noch lange, nachdem sich Pennies Zimmertür geschlossen hatte, auf die Treppe, und als sie es endlich schaffte, ihren Blick abzuwenden, holte sie ihr Handy heraus und öffnete das Foto von Pennie, das sie als Bildschirmschoner installiert hatte. Sie verband nicht nur der Name Holland, sondern das Gefühl in Pennie eine echte Schwester zu haben. Sie betrachtete das feine, blasse Gesicht eines Mädchens, das viel älter wirkte, als es war. Das blonde Haar war ordentlich gekämmt und fiel auf ihre schmalen Schultern. Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen, voller Angst. Immer voller Angst. Und meistens schwieg sie. Das war Pennie.

Jedes Mal, wenn Eve in diese Augen blickte, legte sich eine bleierne Schwere auf ihr Herz. Nun lastete die ganze Verantwortung auf ihr. Sie musste alles tun, damit Pennie sich sicher und geborgen fühlte. Doch was es dazu brauchte, musste sie erst noch herausfinden – denn Eve wusste weder, was Geborgenheit bedeutete, noch hatte sie sich je sicher gefühlt.

Kapitel 2

Pennies Zimmer, oder das Zimmer der Jungs, wie es immer genannt wurde, war das größte der vier Schlafzimmer. Mehr Betten bedeuteten mehr Köpfe, und mehr Köpfe sorgten für mehr monatliche Zahlungen auf das Bankkonto der Hollands. Soweit Eve sich zurückerinnern konnte, waren die Wände in diesem Zimmer in einem vergilbten Weiß gestrichen gewesen. Es hatte nie frische Farbe erhalten und sah daher immer schmuddelig und heruntergekommen aus. Doch nun waren neue Zeiten angebrochen. Jetzt war das Zimmer sauber und frisch und erstrahlte in zartem Flieder. Sie wollte es unbedingt neu gestalten, nun, da sie nur noch zu zweit waren. Und obwohl Streichen und Dekorieren nicht gerade zu Eves herausragenden Fähigkeiten zählten, war es eine gute Gelegenheit, sich abzulenken. Zugegeben, an den Rändern der Decke sowie an allen vier Wänden waren lila Kleckse und Spritzer zu sehen, aber das Zimmer sah immer noch tausendmal besser aus als zuvor. Sie hatte relativ neutrale Farben verwendet, damit Pennie ihr Refugium nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten konnte. Einige ihrer früheren Bewohner hatten das getan, indem sie Löcher in den Putz getreten hatten. Andere hängten Fotos, Poster und alles Mögliche auf, was ihnen gefiel, und Ellen war das völlig egal. Es lag an dem nächsten Kind, das zu ändern, wenn es ihm wichtig genug war. Eve hatte die alten Klebepunkte und das Klebeband abgekratzt, bevor sie das Zimmer neu gestrichen hatte. Ein rosa Bettbezug mit Einhornmotiv schmückte das gebrauchte, für Pennie jedoch neue Bett. Sie war voller Vorfreude auf ihren gemeinsamen Neuanfang, auf dieses spannende, wenn auch beängstigende neue Kapitel. Beim Blick in das liebevoll hergerichtete Schlafzimmer hatte sie plötzlich die Gesichter all der Kinder vor Augen, die dieses in den Jahren zuvor bewohnt hatten. „Gefällt dir, was ich aus deinem neuen Zimmer gemacht habe, Pennie?“, fragte sie von der Tür aus, getrieben von der Hoffnung, dass es sie vielleicht trotz allem, was geschehen war, irgendwie glücklich machte.

Pennie kräuselte die Stirn und sah sich von ihrem Platz auf dem Bett aus um, als hätte sie die Veränderung gar nicht bemerkt. Das Zimmer war seit Peters Tod vor sechs Jahren überhaupt nicht mehr genutzt worden. Damals hatte Ellen aufgehört, Pflegekinder aufzunehmen, und das Zimmer der Jungen war überflüssig geworden. Die Einzigen, die bleiben durften, waren Pennie und Eve, und die teilten sich wie gehabt ein Zimmer. Bis jetzt war es Eve nie in den Sinn gekommen, das zu ändern. Dieses neu gestrichene Zimmer war zwar kein Ort, den Pennie vorher regelmäßig betreten hatte, aber diesen eklatanten Unterschied hätte sie doch sehen müssen. Wenn nicht, dann musste sie ihn zumindest gespürt haben. Es war jetzt ein völlig anderes Zimmer, ungeachtet der frischen Farbe. Sogar die Luft roch anders.

Eve schüttelte den Kopf über ihre eigenen lächerlichen Gedanken. Natürlich war Pennie nicht glücklich. Die einzige Familie, die sie je gekannt hatte, war weg. Alle außer Eve, und obwohl Pennie schon immer ziemlich emotionslos gewesen war, hatte sie Eve gegenüber besonders gleichgültig gewirkt. Anstatt also den ganzen Tag dort zu stehen und auf die Liebe und Zuneigung zu warten, die ihr wahrscheinlich niemals entgegengebracht werden würde, ging Eve nebenan in ihr eigenes Zimmer. Dort zog sie eine warme Jacke an und holte die grüne Umhängetasche aus Segeltuch aus dem Schrank. Ellen war nie ohne diese Tasche aus dem Haus gegangen. Sie war das einzige Andenken an Ellen, das Eve für sich behalten hatte. Auf dem Weg zurück zur Treppe blieb sie noch einmal vor Pennies Tür stehen. „Okay, ich gehe zur Arbeit“, verkündete sie mit einem kleinen Lächeln. Das Mädchen saß immer noch auf dem Bett, ihre uralte Barbie-Puppe auf dem Schoß. Diese Puppe war schon durch viele Kinderhände gewandert, bevor sie in Pennies Besitz übergegangen war, aber sie schien sie trotzdem zu mögen. Gerade war sie damit beschäftigt, drahtige Haare aus dem Kopf der Puppe zu ziehen, die sich so leicht lösten, dass die Puppe bald kahl sein würde. „Du weißt, dass du auf keinen Fall die Haustür öffnen darfst, während ich weg bin, egal was passiert, oder?“ Pennie nickte. Natürlich wusste sie das.

„Ich bin rechtzeitig zu Hause, um dir noch etwas zu essen zu machen, bevor du ins Bett gehst.“ Pennie nickte erneut, ohne aufzublicken.

Eve rückte den breiten Taschengurt auf ihrer Schulter zurecht und ging langsam die Treppe hinunter. Ob sie Pennie wirklich allein zu Hause lassen durfte? Doch ihr innerer Drang zu gehen war zu groß, und sie redete sich ein, dass sie schließlich arbeiten müsse. Mehr denn je brauchten sie das magere Einkommen, das ihr Job einbrachte. Und außerdem schien Pennie sie sowieso nicht bei sich haben zu wollen.

Auf der untersten Treppenstufe angekommen, drehte sie sich noch einmal um und rief hinauf: „Bist du sicher, dass du zurechtkommst, während ich weg bin?“

„Klar“, gab Pennie leichthin zurück, ohne ihre Stimme zu erheben.

Eve hörte ihre Antwort nur, weil sie sich anstrengte, darauf zu lauschen, wohl wissend, dass es das letzte Wort sein könnte, das sie von Pennie für den Rest des Tages und vermutlich den größten Teil des morgigen Tages hören würde. Jedenfalls wenn es nach Pennie ginge.

Schließlich trat sie durch die Haustür und schloss sie sorgfältig hinter sich ab. Sie ging die Vordertreppe hinunter, doch bevor sie sich entfernte, drehte sie sich um und blickte zurück auf das alte Haus, das in Irland völlig fehl am Platz wirkte. Es stand auf Stelzen, mit gerade genug Platz darunter für einen Keller mit niedriger Decke, der jedoch nie gebaut worden war. Fünf ausgetretene Stufen führten hinauf zur Holzveranda, die sich um das gesamte Haus herumzog. Sie war von Peters Urgroßvater vermutlich nach dem Vorbild eines Gehöfts aus dem australischen Outback entworfen worden, wo er offenbar einige Zeit verbracht hatte. Glücklicherweise befand sich das nächste Nachbarhaus in einiger Entfernung, sodass es nicht wie ein Geschwür am Hintern einer ansonsten ganz gewöhnlichen irischen Landgemeinde wirkte. Zur Erleichterung aller, die oft und hinter vorgehaltener Hand zum Ausdruck gebracht wurde, lag Raven’s Rock versteckt hinter einigen Bäumen, die ebenfalls von Peters Urgroßvater gepflanzt worden waren. So gut versteckt, dass die übrige Dorfbevölkerung so tun konnte, als existiere es gar nicht.

Im Laufe der Jahre tauchten Kinder zu jeder Tages- und Nachtzeit und in jedem Zustand vor diesem Haus auf. Manche sahen aus, als hätten sie in einer Mülltonne gelebt, und trugen nichts als ein paar Lumpen am Körper. Andere bewahrten ihre Habseligkeiten in einem schwarzen Müllsack auf. Eve versuchte oft, sich daran zu erinnern, wie Pennie zu ihnen gekommen war. Sie stellte sich gerne vor, dass sie in einem schmutzigen Pyjama vor ihnen gestanden hatte, eine Flasche Milch in ihrer knochigen kleinen Faust und sonst nichts. Aber die Wahrheit war, dass sie es nicht wusste. Es ist, als wäre Pennie eines Tages einfach im Haus aufgetaucht. Dieses winzige, neugeborene Baby, mit der Gabe, sich irgendwie am Rande von allem zu bewegen. So sehr, dass die anderen, einschließlich Eve, manchmal vergaßen, dass es sie überhaupt gab. Und wie einer Blume, die auf einem nährstoffarmen Boden heranwächst, gelang es Pennie einfach nicht, zu blühen.

Eves Kopf pochte heftig und erinnerte sie daran, warum sie vor dem Haus stand und nicht drinnen, wo sie sich normalerweise aufhielt. Sie brauchte Bewegung. Frische Luft und klare Gedanken waren das einzige Mittel gegen ihre Kopfschmerzen, abgesehen von Ellens Tabletten, von denen sie bereits drei genommen hatte. Bislang hatten sie noch keine Wirkung gezeigt, aber der Spaziergang würde die Sache vorantreiben. Doch abgesehen von ihrem bloßen Wunsch, aus dem Haus zu kommen, hatte Eve auch einen Job, für den sie in die Stadt musste. Es war eine Tätigkeit, die von Pflegekind zu Pflegekind weitergegeben worden war, bis Eve schließlich sechzehn wurde. Seitdem musste sie sie verrichten.

Jeden Montag, Mittwoch und Freitag ging Eve zu einem Postfach, das auf Ellens Namen lief. Dort holte sie einen Leinensack ab, gefüllt mit Papierflyern, die für alles Mögliche warben, vom chinesischen Restaurant Hoi Sin bis hin zu einem Zirkus, der gerade in der Stadt gastierte. Sie verteilte sie an so viele Häuser wie möglich, ob die Bewohner sie nun haben wollten oder nicht. Das machte ihr Spaß, denn es gab ihren geliebten ausgedehnten Spaziergängen einen Sinn. Sie erhielt eine bescheidene Barzahlung, die jedem Leinensack beilag. Das Geld befand sich in einem Umschlag, der mit Klebeband an der Tasche befestigt war und auf dem Ellens Name stand. Eve erledigte diese Arbeit fleißig, da sie nur zu gut wusste, dass sie eine aussterbende Form der Werbung darstellte. Sie hatte einmal gehört, wie dies dem alten Postmeister gegenüber angesprochen wurde, woraufhin Mr Frederickson – nicht gerade einfühlsam – erwiderte, es handele sich eher um eine Form der Wohltätigkeit, zu der mehrere lokale Unternehmen gerne beitrügen. Eve war es egal, was es war. Sie brauchte das Geld, und sie musste ab und zu mal an die frische Luft. Also setzte sie die Arbeit weiter fort.

Sie wandte dem Haus den Rücken zu und machte sich auf den Weg.

Die irische Sommersonne mühte sich am Himmel, während der Nachmittag leise ausklang. Eve knöpfte ihre Jacke zu und zog eine graue Strickmütze aus der Tasche. Die Mütze gehörte ebenfalls Ellen, und Eve spürte in sich hinein, wie es sich anfühlte, sie zu tragen. Sie würde sie niemals als ihr Eigentum beanspruchen oder etwas Ähnliches. Nicht, solange sie noch Ellens Duft trug, was das Unangenehmste daran war. Aber sie setzte sie trotzdem auf und verbarg ihr ganzes Haar darunter. Es war nicht so, dass sie nicht erkannt werden wollte. Niemand kannte sie wirklich, und diejenigen, die sie kannten, gingen ihr lieber aus dem Weg. Das galt für jeden, der nach Raven’s Rock kam oder von dort wegging. Sie steckte die Hände in die Taschen und beschleunigte ihre Schritte. Sobald sie nach Hause kam, würde sie die Mütze zu Ellens übrigen Sachen legen.

Eve kannte ihren Weg wie ihre Westentasche. Er führte sie über eine dunkle Landstraße in die nahe gelegene Stadt Carriglen, dann über deren Hauptstraße, zuerst zum Postfach der Hollands, um die Flyer des Tages abzuholen, und danach in den Park, in dem sie beinahe ihre gesamte Kindheit verbracht hatte. Wenn Eve nicht in der Schule oder in Raven’s Rock war, fand man sie in diesem Park, meist zusammen mit Sparrow auf den Schaukeln sitzend. Manchmal ging sie sogar dorthin, obwohl sie eigentlich in der Schule sein sollte. Jetzt war es die Stelle, an der sie ihre Runde teilte – von dort aus führte ihr Rückweg durch einige Wohnsiedlungen und schließlich wieder über die gleiche dunkle Straße zurück. Ein geschlossener Rundweg, der so lange dauerte, wie sie es wollte.

Als sie die Stadt erreichte, senkte sie den Kopf noch tiefer, um den Blicken der Menschen auszuweichen, die sich dort drängten, während sie sich gleichzeitig vorstellte, wohin sie wohl alle unterwegs waren. Einige machten sich wahrscheinlich auf den Heimweg von der Arbeit. Andere, so stellte sie sich vor, trafen sich mit Freunden und schmiedeten alle möglichen aufregenden Pläne, wie gemeinsame Abendessen und Kinobesuche. Sie atmete die kalte Abendluft ein und spürte bereits, wie ihre Kopfschmerzen nachließen und ihre Gedanken klarer wurden. Sie lächelte, als sie am Centra-Laden vorbeikam, vor dessen Eingang sich eine Gruppe Teenager drängte. Entweder stritten sie sich und standen kurz vor einer Schlägerei, oder sie machten sich nur über jemanden lustig und hatten Spaß. Eve wusste nur zu gut, dass es immer eine sehr schmale Gratwanderung war. Aber die Jungs belästigten sie nicht, als sie weiterging. Sie zuckte allerdings heftig zusammen, als nur wenige Meter entfernt eine laute Autohupe ertönte. Obwohl sie sich auf einem belebten Fußweg befand, war ihr erster Gedanke, dass das Auto sie gleich überfahren würde. Daher sprang sie hastig zur Seite, als die Jungen johlten und ihrem Poser-Freund zuwinkten, der in seinem lächerlich aufgemotzten Ford Fiesta an ihnen vorbeiraste. Doch für Eve war es zu spät, ihre panische Reaktion zu bremsen, und als sie in einen nahe gelegenen Hauseingang sprang, prallte sie heftig mit einer anderen Person zusammen.

„Aua!“, schrie die Frau, als Eve praktisch in sie hineinlief.

Eve schreckte erneut auf und merkte, wie sie die Frau am Arm packte, um nicht selbst zu stürzen und sie gänzlich umzustoßen. „Entschuldigung!“, rief sie hastig, noch ganz aufgewühlt von Stress und Schreck. Bevor die Frau auch nur reagieren oder das Mädchen vielleicht von sich wegstoßen konnte, stolperte Eve bereits ungeschickt aus der Tür hinaus und eilte mit gesenktem Kopf und sichtlich verunsichert davon. Als sie weit genug entfernt war, strich sie ihre Jacke glatt und zog ihre Mütze tiefer ins Gesicht, während sie einen Blick über die Schulter warf. Die Jungen lachten und scherzten gut gelaunt miteinander. Höchstwahrscheinlich waren sie sich der kleinen Panik, die ihr rücksichtsloser Poser-Freund ausgelöst hatte, überhaupt nicht bewusst. Doch die Frau in der Tür hatte sich auf den Gehweg begeben und starrte ihr nach, die Schlüssel in der Hand, bereit, die Tür zu dem Arbeitsplatz abzuschließen, den sie gerade verlassen wollte. Ihr langes, lockiges Kupferhaar biss sich mit dem grellen Rot des Blazers, den alle Angestellten des Unternehmens tragen mussten. Zwar hatte Eve die Homestead Building Society noch nie betreten, doch die Uniform der Angestellten war ihr vertraut. Sie sah die Mitarbeiter ständig ein und aus gehen.

Eve drehte sich um und setzte ihren Weg zitternd und schnelleren Schrittes fort, den Blick der Frau immer noch im Nacken spürend, bis sie um die Kurve am Ende der Hauptstraße bog und endlich außer Sichtweite war.

Es war spät, als Eve nach Hause kam, später jedenfalls, als sie geplant hatte, und sie gab dem Idioten im Ford Fiesta die Schuld daran. Er hatte sie verunsichert. Eve hatte sich schon lange nicht mehr von Teenagern ins Bockshorn jagen lassen, aber dass sein blödes Auto ihr so nahe gekommen war, ohne dass sie es bemerkt hatte, machte sie selbst jetzt noch, Stunden später, nervös.

Sie blieb einen Moment lang direkt in der Haustür stehen und lauschte, ob Anzeichen dafür zu hören waren, dass Pennie vielleicht noch wach war. Es hätte Eve nichts ausgemacht, wenn sie es war, dennoch konnte sie auf weitere Überraschungen gut verzichten. Das Haus war still, und so trat sie leise ein und legte dabei ihre Tasche und ihren Mantel ab. Die Ratschläge aus dem Internet, wie man mit einem trauernden Kind umgehen sollte, gingen ihr durch den Kopf. Man sollte ihm Freiraum geben, aber nicht zu viel. Zeit geben, aber auch nicht zu viel. Vielleicht wollte es darüber reden. Vielleicht auch nicht. Vielleicht wurde es still wie eine Maus. Vielleicht reagierte es mit Wut. Eve war all das nicht fremd. Als jemand, der in einem der geschäftigsten Pflegeheime des Landkreises aufgewachsen war, war sie sich ziemlich sicher, dass sie schon alles gesehen hatte. Aber das war Vergangenheit. Eve hatte jetzt nur noch eine Aufgabe, und die bestand darin, der kleinen Familie, die ihr noch geblieben war, all ihre Liebe entgegenzubringen. Auch wenn ein Familienmitglied völlig unfähig war, diese Zuneigung zu erwidern.