Leseprobe If I were you | Der packende Thriller mit psychologischer Tiefe und einem verstörenden Twist

Kapitel 1

TESSA

Ein Gewicht lastet auf mir, schnürt mir die Brust zusammen. Ich ringe nach Luft, mein Schädel pocht. Ich gleite weg. Panik zerrt mich zurück. Mit den Armen schlage ich wild um mich. Die Bettdecke rutscht auf den Boden.

Der Mann neben mir schreckt aus dem Schlaf hoch und spult sofort die Routine ab, die er mittlerweile perfektioniert hat.

„Bleib ruhig, Tess. Wir atmen zusammen. Ich zähle. Einatmen für eins-zwei-drei-vier. Luft anhalten für sieben. Langsam durch den Mund aus.“ Sein aufbauender Blick trifft meinen. „Gut so. Mach weiter. Besser?“

Ich nicke. Das Herzrasen und die Atemnot müsste ich längst hinter mir haben. Eigentlich wollte ich heute die losen Fäden meines zerfransten Lebens wieder aufnehmen.

Mein Ehemann Adam löst sein Handy vom Ladekabel, checkt die Uhrzeit auf dem Display und flucht. Er stampft mit beiden Füßen auf den Boden. Einen Moment später erwacht die Dusche zischend zum Leben.

Ich setze mich auf und schalte die Nachttischlampe ein. Bevor er geht, muss ich mit ihm reden. Ihm von meinem Plan erzählen. Er wird ihm nicht gefallen.

Adams Haar kringelt sich nach dem Duschen in nassen Locken. Er hat längst damit aufgehört, sich mit Haargel abzumühen. Er reicht mir zwei Tabletten und ein Glas Wasser. „Hier, bitte. Geht’s dir besser?“ Mit flinken Fingern knöpft er sein blau gestreiftes Hemd zu, den Kragen lässt er offen.

„Danke, Schatz. Es wird schon wieder. Du, ich habe ein Zoom-Meeting mit Ed angesetzt, um halb drei.“

Er versteift sich. „Worum geht’s dabei?“

Ich setze ein Lächeln auf. „Darum, nach Weihnachten wieder arbeiten zu gehen.“

„Es ist zu früh, Tessa. Sag das ab. Wir reden heute Abend darüber.“

Seine Augen sind blutunterlaufen, und seine Wangenknochen treten stärker hervor als normalerweise. Das ist meine Schuld. Meinetwegen hatte er dieses Jahr so viel Stress. Ohne ein Wort des Abschieds verlässt er den Raum. Sobald er aus dem Haus ist, wird er es vergessen. Ich bezweifle, dass er sich während der Arbeit Gedanken um mich macht. Adam ist der fokussierteste Mann, den ich kenne.

 

Es ist gar nicht so lange her, da war ich auch fokussiert. Adam und ich machten Power-Walks zum Bahnhof. Unsere FitBits zählten dabei unsere Schritte und berechneten den Kalorienverbrauch. Auf unserer kurzen Pendlerstrecke vom Wandsworth Common – einer wunderschönen, parkähnlichen Grünanlage in der Nähe unseres Hauses – ins Zentrum von London, wo ich Personalchefin in einem Tech-Start-up war, studierten wir die Schlagzeilen auf unseren Tablets. Dann machten wir uns an die Arbeit. Damals schaffte ich es, eine Menge Aktivitäten in jeden einzelnen Tag zu pressen: Fitnesskurse und Schwimmen, Arbeit und soziale Kontakte, ehrenamtliche Mitarbeit bei der Tafel – und nebenbei lernte ich auch noch für meinen Master in Psychologie. Ich glaubte fest daran, die Zeit meinem Willen beugen zu können.

Diese ganze Selbstoptimierung – mein Gehirn trainieren, produktiv sein, fit bleiben – erwies sich allerdings als absolute Fehlinvestition. Ich war einer dieser jungen, gesunden Menschen, die von Long Covid niedergestreckt wurden. Monatelang quälte ich mich durch eine freudlose Routine: arbeiten, essen, schlafen, wiederholen. An den Wochenenden blieb ich im Bett.

Da ich keinesfalls in Krankenstand gehen wollte, brauchte ich meinen gesamten Jahresurlaub auf, um mich auszuruhen. Ich dachte tatsächlich, ich könnte mich erholen, wenn ich nur genug schlief.

Laut meinem Arzt hatte das Virus aber mein Herz angegriffen, und er schrieb mich gegen meinen Willen krank. Wenn ich jetzt nicht bald wieder arbeiten gehe, werden sie mich feuern. Das weiß ich mit Sicherheit, denn ich selbst habe die Firmenrichtlinien für Krankenstände verfasst. Zum Glück war ich dabei einigermaßen großzügig, aber dennoch: Wenn man nicht da sein und seine Arbeit erledigen kann, ist es nur eine Frage der Zeit.

Bei dem heutigen Zoom-Meeting mit meinem Chef Ed will ich über meine schrittweise Rückkehr verhandeln. Aber bevor ich mit ihm spreche, muss ich dringend noch etwas schlafen. Nachdem ich auf meinem Handy einen Wecker für zehn Uhr dreißig gestellt habe, lehne ich mich zurück, und meine schweren Augenlider fallen zu.

 

Rumm-bumm-bumm. Jemand hämmert an meine Eingangstür. Bald ist Weihnachten. Nicht dass wir dieses Jahr feiern würden, aber wenn irgendein Lieferant denkt, dass ich jetzt die Treppe hinunterrenne, um die Tür zu öffnen, hat er sich geschnitten. Ich bleibe regungslos liegen und warte darauf, dass er verschwindet. Schritte entfernen sich. Nicht das plattfüßige Trampeln unseres Postlers. Leichtere Schritte. Eine Autotür knallt. Wer immer es war: Er haut ab.

Minuten später lässt mich ein Schrillen hochschrecken. Es ist, als klebte jemand mit seinem Finger an der Türklingel und gäbe nicht auf. Wie durch ein Wunder lösen sich die Watte-Wolken auf, die mir das Gehirn vernebeln, als ich zum Fenster stolpere, den Vorhang ein Stück zur Seite ziehe und hinausspähe. Wegen der Überdachung kann ich nicht sehen, wer im Eingangsbereich steht, aber ich sehe ein mir unbekanntes blaues Auto. Es parkt mit offener Beifahrertür vor dem Haus. Ich schiebe das Fenster auf, will der Person sagen, sie soll verschwinden, aber das infernale Geklingel hört nicht auf.

Im Badezimmer spritze ich mir Wasser ins Gesicht und bürste meine Haare. Meine natürliche Haarfarbe ist dunkelblond. Früher ließ ich sie regelmäßig aufhellen. Jetzt kann ich die Farbe nur als schmutziges Messing bezeichnen, mit einem etwa fünfzehn Zentimeter langen dunklen Ansatz. Die Unterwäsche von gestern steckt zusammengeknüllt in der Jogginghose, die immer noch in der Ecke liegt, in die ich sie geworfen habe. Eigentlich wollte ich den Wäschekorb treffen. Jetzt ziehe ich sie noch mal an. Vervollständigt wird mein Outfit durch das T-Shirt, in dem ich geschlafen habe. Während ich mir noch einen Pulli überziehe, laufe ich die Treppe hinunter.

Ich stampfe durch den Flur und reiße die Tür auf. „Was zum …?“ Durch den eisigen Dezember-Sprühnebel starrt mich eine junge, blasse Blondine aus Kajal-umrandeten Augen an. Sie trägt eine pinke Strickjacke über einem ausgebleichten schwarzen T-Shirt und zerrissenen Jeans. Als sie ihre Hand von der Klingel nimmt, fällt mir auf, dass sie zittert.

„Maddie?“ Ich strecke meine Hand aus und berühre sie, um sicherzugehen, dass sie echt ist und nicht wieder verschwinden wird.

Sie nickt und presst ihre Lippen zu einer schmalen Linie zusammen.

„Komm doch rein.“

Sie dreht sich um und zeigt auf das blaue Auto mit der weit geöffneten Beifahrertür. „Ich muss Leon holen.“

„Wer ist Leon?“ Wieder so ein Versager von Liebhaber? Der letzte, Brett, war so tief in der Suchtspirale gefangen, dass es mich wundern würde, wenn er noch lebt.

„Mein Sohn.“ Sie reckt das Kinn und funkelt mich herausfordernd an. Ich bin sprachlos. Sie muss jetzt achtundzwanzig sein, aber sie ist fast eine Fremde. Meine Schwester hat einen Sohn.

 

In meinem Kopf halte ich an dem Bild der lächelnden Teenie-Maddie fest. Aber als ich sie das letzte Mal sah – vor drei Jahren auf Mums Beerdigung –, blickte sie finster und wütend drein. Die Trauerfeier fand in unserem Haus statt, mit ein paar Nachbarn und den Leuten aus Mums Kirche. Maddies Freund Brett torkelte sturzbetrunken durch unsere Küche, während sie einige Lachs-Gurken-Sandwiches in Servietten wickelte und in ihren Rucksack stopfte. Dann sagte Brett dem Pfarrer, er solle sich verpissen. Adam ging dazwischen, und mit einem vor Verachtung strotzenden Gesichtsausdruck wies er Maddie an, verdammt noch mal aus unserem Haus zu verschwinden und ihren nichtsnutzigen Freund mitzunehmen.

Er wollte mich nur beschützen, aber es war ein emotionaler Tag. Maddie und ich waren plötzlich Waisen ohne andere enge Verwandtschaft. Ich hätte nicht gedacht, dass meine Schwester einfach aus meinem Leben spaziert und sämtlichen Kontakt abbricht.

 

Als ich ihr hinterhersehe, wie sie zu ihrem Wagen spaziert und sich geschmeidig hineinlehnt, kehrt meine Liebe zu ihr wie eine plötzliche Flutwelle zurück. Maddie löst einen Gurt, hebt einen Kindersitz heraus und trägt ihn vorsichtig den Weg entlang. Das Baby trägt einen Schneeanzug und eine Wollmütze und ist in eine weiße Decke gewickelt.

Als ich die Tür schließe, erfasst ein scharfer Windstoß die Vase mit weißen Rosen, die Adam mir letztes Wochenende geschenkt hat, und sprenkelt den Boden mit Blütenblättern. Ich bücke mich, um sie aufzusammeln, und hoffe, dass Maddie mein mühsames Schnaufen nicht bemerkt, als ich mich wieder aufrichte. Sie ist bereits in die Küche vorausgegangen, die wir seit ihrem letzten Besuch ausgebaut haben. Neue Glasschiebetüren rahmen den Ausblick in den Garten ein, den wir statt des einfachen Rasens haben anlegen lassen. Der japanische Ahorn hat seine leuchtend roten Blätter verloren, und im Winter besteht unser Ausblick aus Wasserrinnsalen, die über schwarzen Schiefer plätschern. Es wirkt trostlos und fühlt sich nach hinausgeworfenem Geld an. Maddie bemerkt es nicht einmal.

Nachdem ich die Rosenblätter in den Mülleimer geworfen habe, zeige ich auf das Sofa in der Ecke. Es ist mit denkbar kinder-ungeeignetem gelbem Samt bezogen. „Stell den Kindersitz dort ab und leg ein paar Kissen rundherum.“

„Danke, aber auf dem Boden ist er sicherer.“

Ich kann es kaum erwarten, mir dieses Kind genauer anzusehen – meinen Neffen, ein neues Mitglied meiner zerrütteten Familie. In mir breitet sich ein warmes Gefühl aus, während sie ihn bemuttert und ich den Wasserkocher aufsetze, um ihr einen Kaffee zu machen. Sie hatte nie viel für Tee übrig. Aber das könnte sich inzwischen geändert haben. Wer weiß, was bei Maddie in den letzten drei Jahren so los war? Wären Adam und ich umgezogen, hätte ich sie vielleicht nie wieder gesehen. Maddie benutzt keine sozialen Medien, und aus der Wohnung in Southsea, in der sie mit Brett gelebt hatte, ist sie ausgezogen, ohne mir ihre neue Adresse zu geben. Wenn ich versuchte, sie anzurufen, sagte mir eine Computerstimme, die Nummer sei ungültig. Ihre Abwesenheit hat sich wie ein dumpfer Schmerz zwischen meinen Rippen festgesetzt.

„Hier, bitte.“ Ich reiche ihr die Tasse. Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und starrt ihren Sohn mit diesem andächtigen Blick an, den man sonst nur auf diesen Madonna-mit-Kind-Gemälden sieht. Ich gehe in die Hocke, um einen Blick auf ihn zu werfen. Die Wollmütze ist tief in sein Gesicht gezogen, deshalb kann ich seine Haarfarbe nicht erkennen – falls er überhaupt Haare hat. Dunkle Wimpern umrahmen seine geschlossenen Augenlider, und seine rosafarbenen Lippen vibrieren sanft unter seinem Atem. Über das Neugeborenenalter ist er jedenfalls schon ein Stück hinaus.

Während wir an unseren Getränken nippen, lässt Maddie ihren Blick über die Glasfronten der Schränke schweifen und betrachtet die Kücheninsel mit ihrer sanften, indirekten Beleuchtung und den glänzenden Quarzoberflächen.

„Es ist schön, dich zu sehen. Ein Glück, dass ich zu Hause war, sonst wäre deine Fahrt umsonst gewesen.“ Ich bin immer zu Hause, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, meine Krankheit zu erwähnen.

Sie zuckt mit den Schultern. „Ich habe angenommen, dass du hier bist. Von zu Hause aus arbeitest, über Zoom oder so. Das machen Bosse wie du doch heutzutage, oder? Nur die Arbeitsbienen müssen immer noch in die Büros ausschwärmen.“ Sie verengt die Augen, und zwar nicht auf eine freundliche Art.

Ich blicke an mir selbst hinunter, betrachte mein zusammengewürfeltes Outfit und den Schlabberpulli. Würde ich mich so anziehen, um im Homeoffice zu arbeiten und an Videokonferenzen teilzunehmen? Während der Lockdowns war es eine Art Running Gag, dass es niemanden kümmerte, was man von der Hüfte an abwärts trug. „Wie läuft es so bei dir?“ Ich beschließe, mich nicht auf den Schlips getreten zu fühlen.

„Gar nicht.“ Maddie löst ihre verschränkten Beine und steht auf. „Wir brauchen deine Hilfe, Tessa.“ Ihre Unterlippe zittert, als würden ihr jeden Moment die Tränen kommen.

Ich starre sie an. Sie scheint mein Schweigen falsch aufzufassen und beginnt, verbal um sich zu schlagen. „Wenn du nicht zu beschäftigt bist mit deiner Arbeit und deinem verdammt perfekten Leben.“ Als sie ihren rechten Arm hebt, rutscht ihr Ärmel hoch, und ich bemerke eine Narbe und eine frische Verletzung an ihrem Handgelenk.

„Was ist passiert?“ Ich greife nach ihrem Arm, aber sie schüttelt meine Berührung unsanft ab.

„Nichts. Die Narbe ist schon alt. Sag einfach Ja oder Nein. Können Leon und ich eine Weile hierbleiben?“

„Ja, schätze ich … Ich meine, ich muss mit Adam darüber reden …“

Sie verzieht das Gesicht, als könne sie die Fassade nicht länger aufrechterhalten. „Wir sind wirklich in Gefahr, Tessa. Bitte sag, dass du uns hilfst. Ich habe sonst niemanden, an den ich mich wenden kann.“

Kapitel 2

Ich umarme meine Schwester, und dabei spüre ich ihre Rippen durch ihr dünnes Oberteil und die Strickweste. Falls sie während der Schwangerschaft zugenommen hat, ist sie jedes Gramm bereits wieder losgeworden. In mir ist der instinktive Drang erwacht, sie zu beschützen, und er flutet meine Blutbahnen mit Adrenalin. Seltsamerweise bringt das mein geschwächtes Herz nicht zum Rasen. Wie konnten wir nur an zwei so verschiedenen düsteren Orten landen? Ich mit meiner Gesundheit, die in Trümmern liegt, und Maddie in irgendeiner ernsthaften Gefahr?

„Ich werde dir helfen, aber du musst mir sagen, was los ist.“ Nach der Umarmung fühle ich mich leichter, als hätte ich mich endlich von dem Schatten unserer letzten Begegnung befreit. Als Adam die beiden hinauswarf, warf Maddie mit wüsten Beschimpfungen um sich, während Brett sich zwei Flaschen Prosecco vom Trauerbuffet schnappte. So halb erwartete ich, dass er jemandem eine der Flaschen über den Kopf zieht, aber er rannte direkt raus und brüllte Maddie an, ihm zu folgen.

„Ja, ich werde dir alles erzählen.“ Aber bevor sie weitersprechen kann, zieht der kleine Leon ihre Aufmerksamkeit mit einem Schrei auf sich. „Wir waren drei Stunden unterwegs. Wahrscheinlich braucht er eine frische Windel. Er wird auch hungrig sein. Pass kurz auf ihn auf, ich hole ein paar Sachen aus dem Auto.“

„Klar.“ Leon hat die Augen fest geschlossen und zuckt mit seinem winzigen Köpfchen. Maddie geht rückwärts aus der Küche und behält ihn im Auge, während sie den Autoschlüssel aus der Tasche ihrer Jeans kramt.

Leon gähnt. Seine Wimpern flattern kurz, und dann öffnet er die Augen. Sie sind braun – ein markanter, unverwechselbarer Farbton. Er sieht mich ernst an. Weiß er, dass ich nicht seine Mum bin? Er befreit seine kleinen Hände von der Decke, wedelt damit herum und kichert zufrieden. Puh! Ich löse seinen Gurt und hebe ihn auf meinen Schoß. Die herbe Duftwolke, die mir entgegenwabert, bestätigt eindeutig, dass er eine frische Windel braucht. Ich erinnere mich an ein altes Kinderlied, singe Hoppe, hoppe Reiter und lasse Leon auf meinem Schoß hüpfen. Maddie kommt herein, als ich gerade so tue, als fiele er in den Graben.

„Er ist aufgewacht“, sage ich, als hätte sie mich auf frischer Tat ertappt. „Wir haben ein bisschen gespielt.“

„Ich sehe schon.“ Sie lässt einen blauen Rucksack auf den Boden plumpsen.

„Er kann seinen Kopf schon gut hochhalten“, bemerke ich.

„Ja. Dabei waren wir noch nie beim Kinderarzt.“

„Wieso das?“

Sie wird rot. „Ich telefoniere regelmäßig mit einer Gesundheitsberaterin über seine Ziele und Fortschritte.“

„Er ist jetzt … wie alt?“

„Viereinhalb Monate. Ein großer Kerl.“ Sie rollt eine Wickelunterlage auf dem Boden aus.

„Wieso gehst du nicht ins Badezimmer? Da hast du warmes Wasser und Handtücher.“

„Nee. Hier ist es okay. Ich habe Feuchttücher.“ Sie legt ihn auf die Unterlage und zieht ihm den Schneeanzug aus. Seine Windel ist nass und schwer, aber nicht dreckig. Ich bin erleichtert. Durch meine Krankheit habe ich eine richtige Phobie vor Viren und Infektionen entwickelt. Ich schrubbe die Küche und die Böden regelmäßig wie besessen.

„Noch immer keine Kinder?“, fragt sie, ohne mich anzusehen, und macht ihn geschickt mit einem Feuchttuch sauber.

Ich versteife mich unwillkürlich. „Nein. Dachtest du etwa, Adam und ich würden etwas planen?“ Das haben wir – bis ich krank wurde.

„Na ja, du bist dreiunddreißig und seit fünf Jahren verheiratet. Aber ist doch okay, wenn du dich lieber auf deine Karriere konzentrierst.“ Sie schließt die Klebestreifen der frischen Windel und stopft die alte in eine Tasche.

Was sie gesagt hat, arbeitet in mir. Wieso sollte ich meine Hoffnungen auf eine Familie mit ihr teilen, nachdem sie sich jahrelang nicht bei mir gemeldet hat? „Ich lebe ja nicht völlig kinderlos“, sage ich schnippisch. „Ich passe regelmäßig auf meine Patentochter auf.“ Das habe ich schon seit dem ersten Lockdown nicht mehr gemacht. „Wie auch immer, ich freue mich, dass ich jetzt einen so bezaubernden kleinen Neffen habe.“

Das scheint sie zu besänftigen. „Sorry, Tess. Es ist alles schwierig.“

„Ich verstehe. Lass uns etwas essen.“ Die Uhr auf dem Herd verrät mir, dass es zwölf Uhr dreißig mittags ist. Ich öffne die Tür des Side-by-Side-Kühlschranks, den wir damals schon für unsere erste gemeinsame Wohnung kauften. Er passt nicht in diese elegante Küche, aber Adam bestand darauf, ihn zu behalten. Das Gerät erinnert ihn an die feuchtfröhliche Party, bei der wir so lange auf den Eiswürfelspender drückten, bis der ganze Boden voller Eis war und alle nacheinander ihre Eislaufkünste zum Besten gaben. Damals waren wir so sorgenfrei.

Ich stelle die Suppenpackung in die Mikrowelle. „Tomate mit Basilikum.“

Maddie richtet eine sichere Ecke für Leon her, indem sie ein Nest aus Kissen für ihn baut. „Mhm.“ Sie legt ihn auf seinen Bauch, und er hebt sein Köpfchen. „Hier, bitte, mein Baby.“ Sie reicht ihm ein kleines, blaues Kuschel-Häschen. Während er sich damit beschäftigt, setzt sie sich auf den Barhocker neben meinen. „Wenn du eine Banane für mich hast, könnte ich ihm einen Brei daraus machen.“

„Klar.“ Meine Obstschale quillt über. An manchen Tagen bekomme ich nichts anderes als Obst hinunter. Ich suche eine reife Banane heraus und reiche sie ihr zusammen mit einer Gabel, einem Löffel und einer Schüssel.

„Perfekt. Ich bin übereilt aufgebrochen und konnte nicht viel mitnehmen.“ Mit ein paar gezielten Hieben mit der Gabel zerquetscht sie die Banane zu Brei.

Die Mikrowelle klingelt. Ich dekoriere die Suppe mit ein paar Brotstücken und serviere sie auf der Kücheninsel. „Jetzt erzähl mir schon, was bei dir los ist.“