Leseprobe Hinterhalt und Hyazinthen

Kapitel 1

Die Ladenglocke läutete hinter mir, als ich vorsichtig die letzte Hyazinthe in ihrem Topf auf die Theke stellte. Die üppigen blauen Triebe hatten ein kleines Vermögen gekostet, da es Spätherbst war und die duftenden Blumen gut sechs Monate vor ihrer natürlichen Blütezeit standen.

Ryders Mantel raschelte, als er ihn auszog, um ihn an den Haken zu hängen. »Das ist definitiv Fußzehenwetter.«

Ich wandte meinen bewundernden Blick von den Blumen ab und hob fragend eine Augenbraue. »Hast du gerade gesagt, es sei Fußzehenwetter?«

»Jep.« Er ging zur Arbeitsinsel hinüber und nahm sich einen Moment Zeit, um den berauschenden Duft der Hyazinthen einzuatmen, bevor er fortfuhr. »Mein Grandpa wusste immer, wann es regnen würde. Er hielt sich mit den Daumen an seinen grauen Hosenträgern fest …« Er nickte. »Ja, genau das hat er gemacht, so klischeehaft das auch klingt, und sein Bauch war auch rund.« Ryder trat einen Schritt zurück, streckte den Bauch vor und hakte seine Daumen in unsichtbare Hosenträger ein. »Er würde genau so dastehen und brüllen: ›Mein Zeh tut weh, also wird es regnen, so wahr ich hier stehe.‹«

»Mein Dad sagt immer, dass ihm die Knochen wehtun, wenn sich das Wetter ändert, aber ich weiß nicht, ob ich jemals jemanden gehört habe, der das Wetter mit seinem Zeh vorhersagt. Hat er denn üblicherweise recht gehabt?«

»Er lag jedes Mal goldrichtig, aber das ist noch nicht das Verrückteste daran.«

Kingston gurrte von seinem Fensterplatz aus, um Ryders Aufmerksamkeit zu erregen. Ryder ging hinüber, griff nach der Leckerli-Dose für die Krähe und holte einen Hundeknochen mit Erdnussbutter heraus. »Das Verrückte an der Geschichte war, dass Grandpa keine großen Zehen hatte.« Ryder reichte Kingston die Leckerei und ging zurück zur Theke. »Als mein Grandpa vierzehn war, ist er mit ein paar Freunden hinter der Farm seines Dads im Schnee wandern gegangen. Sie hatten sich drei Nächte lang verlaufen. Seine Arbeitsstiefel hatten so viele Löcher, dass er sich Erfrierungen zuzog. Sie mussten seine beiden großen Zehen abschneiden.«

»Das ist ja furchtbar. Der Arme. Aber wie hat er dann das Wetter mit ihnen vorhergesagt?«

»Er hat behauptet, er könne die Zehen noch spüren. Du weißt schon, manche Menschen können ihre Gliedmaßen noch spüren, obwohl sie sie verloren haben. Und er hat behauptet, dass sie in seinen Schuhen pochen würden, wenn das Wetter umschlägt.«

»Er klingt wunderbar. Lebt er noch?« Ich schob die Hyazinthen auf der Arbeitsplatte etwas weiter nach hinten, um Platz für die Tischdekoration für das Klassentreffen zu schaffen.

Ryders Schultern sanken etwas herab. »Nein, wir haben ihn vor vier Jahren wegen seines schwachen Herzens verloren, aber er hatte eine dieser Persönlichkeiten, die unser Leben einfach geprägt haben. Das tut sie immer noch. Deshalb sagen wir immer, es sei ›Fußzehenwetter‹, wenn es gleich regnen wird.«

»Das tut mir leid. Er klingt bezaubernd und richtig großväterlich.«

»Gelbe Rosen, oder?«, fragte Ryder, als er auf den Kühlschrank zuging, in dem wir Rosen und Schnittblumen für Blumensträuße frisch hielten.

»Ja, danke, und ich hole die Vasen.«

Ryder und ich trafen uns wieder am Arbeitstisch, um die Gestecke zu gestalten. Er atmete noch einmal den Duft der bläulich-violetten Blüten ein. »Weißt du, ich glaube, diese Gewächshausblumen duften nicht annähernd so intensiv wie die, die im Frühling in der freien Natur blühen.«

Ich beugte mich vor und fuhr mit den Fingern sanft an den mit Blütenblättern beladenen Stielen entlang. Jede Blüte glich einem winzigen violetten Seestern, der sich eng an eng in Büscheln aus wachsartigen Blüten aneinanderdrängte. Glänzend grüne Blätter säumten den unteren Teil des Stiels und bildeten den perfekten Kontrast zu den bläulich-violetten Blüten. »Vielleicht hast du recht mit dem Duft. Als ich in der Parfümindustrie gearbeitet habe, habe ich viele Stunden damit verbracht, meine Nase in Hyazinthenstiele zu stecken. Sie sind ein beliebter Duft für Kosmetika. Und wenn ich mich recht erinnere, haben sie mich immer zum Niesen gebracht. Diese hier duften zwar intensiv und berauschend, aber ich muss nicht niesen. Obwohl, jetzt, wo ich das gesagt habe, kitzelt es mir in der Nase.« Ich rieb mir ein paar Mal die Nase, um das Kribbeln zu stoppen. »Ich weiß nur, dass diese vorzeitig zur Blüte gebrachten Hyazinthen viermal so viel kosten wie die im Frühling blühenden Zwiebeln. Aber Debra Geppler, die für das Klassentreffen verantwortlich ist, bestand darauf, dass die Tischdekoration für das Mittagessen aus »Blue Jacket«-Hyazinthen und leuchtend kanariengelben Rosen bestehen soll. Angeblich passen diese beiden Blumen perfekt zu den Schulfarben Königsblau und Gelb.«

Ryder fing an, die Dornen und Enden der Rosen abzuschneiden. »Wie heißt die High School? Ist sie hier in der Gegend?«

»Es ist das zehnjährige Klassentreffen der Rockmore Royals. Die Rockmore High liegt etwa achtzig Kilometer landeinwärts, aber sie haben beschlossen, das Klassentreffen im Chesterton Regency Hotel abzuhalten.«

»Das ist ein schönes Hotel. Wir hatten dort unseren Abschlussball.«

»Ich wette, du hast im Smoking bezaubernd ausgesehen.« Ich lächelte, während ich in jede Vase einen Schaumstoffsockel drückte. Ich hatte mich für hohe, durchsichtige Glasvasen entschieden, die einzigen, in denen die alle Blumen Platz fanden.

»Nicht wirklich«, sagte Ryder. »Ich war steif und fühlte mich unwohl. Ich wäre viel lieber in Jeans und einem Flanellhemd aufgetaucht, aber meine Mom und das Mädchen, mit dem ich damals zusammen war, hatten andere Pläne. Diese Smokings sind die reinste Qual. Ich heirate in Shorts und T-Shirt. Und irgendetwas sagt mir, dass Lola diesem Plan sofort zustimmen würde.

»Sie würde für diesen Anlass wahrscheinlich eines ihrer besonderen Rockband-T-Shirts aus dem Schrank holen.«

Natürlich hatte ich aufgehört zuzuhören, nachdem er ›Lola‹ und ›Heiraten‹ in einem Satz erwähnt hatte. Ich starrte ihn ohne zu blinzeln über die Vase an. Es dauerte einen Moment, bis ihm klar wurde, dass er meine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte.

»Rein hypothetisch natürlich«, sagte er schnell. »Mann, du und meine Mom, ihr interpretiert Gespräche auf genau dieselbe Weise. Bei jedem Thema kommt ihr sofort auf Hochzeiten zu sprechen.«

»Du hast recht. »Und es tut mir leid, dass ich voreilige Schlüsse gezogen habe.« Ich steckte mehrere Hyazinthenstiele in den Schaumstoff und fügte die gelben Rosen hinzu. Dann trat ich einen Schritt zurück und neigte den Kopf, um das Arrangement zu bewundern. »Diese Farben harmonieren hervorragend miteinander. Kein Wunder, dass sie darum gebeten hat.«

»Es ist allerdings irgendwie seltsam, wenn man bedenkt, dass ihr Klassentreffen nur wenige Tage vor Halloween stattfindet. Herbstfarben hätten zu diesem Anlass wohl besser gepasst.«

»Eigentlich sind die für das Meet-and-Greet-Mittagessen gedacht. Soweit ich weiß, wird es am Abend eine Halloween-Kostümparty geben.«

»Klingt nach Spaß.« Ryder steckte sechs weitere gelbe Rosen in eine Vase mit Wasser und hielt inne, um mein Gesteck zu bewundern. »Sehr hübsch. Mit Hyazinthen kann man wohl nichts falsch machen. Wusstest du, dass der Name der Blume auf eine Figur aus der griechischen Mythologie namens Hyakinthos zurückgeht?«

Ich nahm meine Gartenschere zur Hand, um ein paar Blätter abzuschneiden. »Das wusste ich nicht, aber irgendetwas sagt mir, dass mein Assistent, diese wandelnde Enzyklopädie, mir die Geschichte erzählen wird.« Ryder gehörte zu den Menschen, die etwas, das sie einmal gelernt hatten, nie wieder vergaßen. Ich hatte festgestellt, dass ich ihn so gut wie alles fragen konnte und er immer eine Quelle, ein Detail oder eine historische Tatsache parat hatte. Nach einer schwierigen Phase war meine beste Freundin Lola wieder total in meinen Mitarbeiter verliebt. Was ihre Beziehung zu Ryder anging, schien sie zur Vernunft gekommen zu sein, aber ich war mir sicher, dass sie immer noch nicht wusste, wie viel Glück sie hatte.

Ryders Gefühle für Lola waren schon immer unerschütterlich gewesen.

Er griff nach einem Handtuch, um die Reste vom Tresen zu wischen. »Angeblich brachte der Gott Apollon dem jungen Hyakinthos das Diskuswerfen bei, und Zephyr, der Gott des Windes, war eifersüchtig auf ihre Freundschaft. Er blies den Diskus zurück, sodass dieser Hyakinthos am Kopf traf und ihn tötete. Aus seinem Blut wuchs eine Blume. Oder so ähnlich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das ganz richtig wiedergebe, aber du verstehst schon, worum es geht.«

»Diese griechischen Götter und ihre ständige Eifersucht und ihr Neid. Dafür, dass sie Götter waren, hatten sie ganz schön viele Unsicherheiten.«

Die Glocke läutete, und Lola schwebte mit besonders hoch in die Luft gereckter Nase in den Laden. Sie trug eine rot-weiß gestreifte Mütze, die mich an ›Wo ist Walter?‹ erinnerte, und ein graues Vintage-T-Shirt von Cat Stevens. »Ich rieche Blumen und Kekse. Ich schätze, an diesem Ort ergibt das Sinn.« Lola schlenderte auf Ryder zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen kurzen Kuss. »Ich muss einfach mal sagen, dass ich den am besten riechendsten Freund der Welt habe. Ich schwöre, deine Kleidung riecht nach Rosen und braunem Zucker. Im Ernst, es sollte ein Aftershave geben, das nach Blumen und Keksen riecht. Ein todsicherer Weg, um Zuneigung zu gewinnen.«

Ryder lachte. »Jetzt, wo mir jedes Quäntchen Männlichkeit abhandengekommen ist, werde ich mich wohl an die Gestaltung eines neuen Schaufensters machen. Etwas Orangenes und Rotes wie die Bäume draußen, was meinst du, Boss?«

»Gefällt mir sehr. Ich werde diese Tischdekorationen fertigstellen und in den Kühlschrank stellen. Ich bringe sie morgen früh ins Hotel.«

Lola stemmte die Hände in die Hüften. »Was ist mit dem Keksduft, der von nebenan herüberweht?«, fragte sie mich.

»Was soll damit sein?«

»Was denkst du denn? Elsie wartet wahrscheinlich sehnsüchtig auf unsere Meinung. Wir können sie nicht im Stich lassen.«

»Da hast du recht. Es wäre nicht gerade nachbarschaftlich von uns, wenn wir ihr nicht unsere Hilfe anbieten würden.« Ich steckte eine weitere Rose in die Vase. »Lass mich das hier nur noch fertig machen, dann treffen wir uns in einer halben Stunde bei der Bäckerei.«

Lola ging mit schweren Schritten auf die Tür zu. »Ich kann wohl warten, aber ich bin nicht gerade begeistert davon.« Sie drehte sich noch einmal um und warf Ryder einen Kuss zu. »Tschüss, mein wohlriechender Freund. Eine halbe Stunde, Pink, komm nicht zu spät«, ermahnte sie mich, während sie den Laden verließ.

Kapitel 2

Elsie war gerade dabei, einem Kunden zu helfen, als Lola und ich mit unserer offiziellen ›Verkosterinnen‹-Körperhaltung und -Ausstrahlung hereinstürmten. Doch diese selbstbewusste Haltung wich der Enttäuschung, als ihre Kundin – eine schlanke, junge Frau mit großen, ausdrucksstarken Augen – alle Keksplatten aufkaufte.

Elsie setzte ihr gewinnendes Charisma ein, das sie sich sonst nur für ihre allerbesten Kunden aufhob, und angesichts der Menge an Keksen, die diese Frau kaufte, hatte sie sich diesen Titel definitiv verdient.

Elsie stapelte die rosa Boxen auf der Theke. »Kann ich Ihnen dabei helfen, das zum Auto zu tragen?«, fragte sie.

Die Frau lächelte uns höflich an. »Ich möchte Sie nicht von Ihren anderen Kunden abhalten.«

Elsie winkte ab. »Nein, das sind keine Kunden. Nur Nachbarinnen.«

»Ich fühle mich ein wenig beleidigt«, murmelte ich leise zu Lola.

Lola beugte ihren Kopf näher zu mir. Ihre Aufmerksamkeit galt immer noch den Keksen. »Glaubst du, sie hat die zerbrochenen auf dem Tablett liegen lassen?«

»Das hoffe ich doch«, murmelte ich aus dem Mundwinkel. »Das ist sie uns schuldig nach diesem ›Nur Nachbarinnen‹ Kommentar. Ich gebe mich nicht mit weniger als drei zerbrochenen Stücken zufrieden, und ich meine auch keine Krümel.«

Wir zwangen uns zu einem Lächeln, als Elsie mit einem Stapel rosa Boxen an uns vorbeiging. Sie schien zu wissen, dass sie gerade ihre besten Freundinnen beleidigt hatte, und vermied es, Augenkontakt herzustellen, als sie den Raum verließ.

Während wir auf Elsies Rückkehr warteten, musterten Lola und ich die unglaublichen Leckereien hinter der Vitrine. (Was Elsies Kekse anging, fiel es uns nicht schwer, unseren Stolz zu überwinden.)

Lola zeigte auf ein Tablett mit Kürbis-Muffins, die alle mit einer Spirale aus Frischkäse-Frosting verziert waren. »Ich habe in einer Woche schon vier dieser Muffins gegessen. Ich frage mich, wie viele Kalorien die haben?«

Ich legte meine Hand auf Lolas Schulter. »Hör auf, darüber nachzudenken. Die Geschichte hat kein Happy End. Ein Bissen kostet wahrscheinlich zehntausend Schritte, nur um auf Null herauszukommen.«

Elsie kam wieder zurück in die Bäckerei.

Ich drehte mich um und legte eine Hand wie Scarlett O’Hara auf meine Brust. »Das hätte ich ja nicht gedacht«, fügte ich mit südlichem Akzent hinzu. »Nur Nachbarinnen, was?«

»Tut mir leid. Ich glaube, ich habe mich etwas mitreißen lassen, als eine sehr gefragte Caterin mich um Kekse gebeten hat. Ich habe euch beiden ein paar Kostproben aufgehoben. Hoffentlich vertreibt das diese finsteren Blicke.«

Lola nickte. »Ja, das sollte reichen.«

Elsie ging um die Theke herum. »Chocolate Chip, Haferflocken-Rosinen oder Erdnussbutter-Shortbread?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete Lola und nickte ebenso nachdrücklich mit dem Kopf.

»Dann alle drei.« Elsie drehte sich um, ging zur Theke im hinteren Bereich und stapelte Kekse auf einen Pappteller.

»Die Frau war also eine Caterin?«, fragte ich.

Elsie kam mit dem Teller voller Kekse zurück. Lola und ich schnappten uns jeweils einen. »Ja, sie heißt Katrina Jessup und ist die Inhaberin von Elegant Edibles. Sie sorgt für das Catering bei einem Highschool-Klassentreffen im Chesterton Regency Hotel. Sie brauchte Kekse für eine Kaffeerunde.« Elsie strich sich sorgfältig die Vorderseite ihrer Schürze glatt. »Und sie hatte gehört, dass Elsies Sugar and Spice Bakery die beste Bäckerei in der Gegend sei.«

Ich hielt den letzten Bissen meines Chocolate Chip Cookie hoch. »Dem kann ich nicht widersprechen.« Ich schob ihn mir in den Mund.

Lola griff nach einem Haferflocken-Rosinen-Keks. »Machst du nicht gerade Blumenschmuck für dasselbe Klassentreffen, Pink?«

»Ja. Tatsächlich habe ich gerade daran gearbeitet, als du vorhin hereingekommen bist.«

Elsie machte sich daran, die Arbeitsflächen abzuwischen. Ihr stolzes Grinsen war verschwunden, und sie wirkte tief in Gedanken versunken.

»Was ist los, Elsie? Beunruhigt dich etwas?«, wollte ich wissen.

Sie blickte von ihrer Aufgabe auf. »Hm? Oh nein, alles in Ordnung. Es ist nur so, dass ich in den nächsten sechs Monaten Besuch bekomme.«

»Besuch? Von jemandem, den wir kennen?«

»Ich habe sie vielleicht ein paar Mal erwähnt. Hanks Nichte – na ja, natürlich auch meine Nichte. Britney ist das mittlere Kind von Hanks Schwester Carla. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit sie ein kleines Mädchen von acht Jahren war. Sie ist jetzt fünfundzwanzig, also sind wir praktisch Fremde.« Sie rückte näher heran, um leiser zu sprechen, obwohl wir ganz allein waren. »Sie war ein schüchternes, unbeholfenes Kind. Ich bin mir nicht sicher, was ich mit ihr machen werde. Hanks Schwager, Britneys Dad, war bei der Armee und während des größten Teils ihrer Kindheit in Europa stationiert.«

»Also hat sie an vielen exotischen Orten gelebt«, sagte ich. »Ich bezweifle, dass sie nach einer solchen Kindheit schüchtern sein wird.«

Elsie bewegte nachdenklich ihr Kinn hin und her. »Ich weiß es nicht. Sie war extrem schüchtern. Sie hat sich hinter ihrer Mutter versteckt, wenn ein Erwachsener mit ihr sprach. Einmal war ich allein mit ihr in einem Raum. Ich habe sie fröhlich gefragt, was ihr liebstes Hobby sei. Sie rannte weinend aus dem Zimmer und rief nach ihrer Mutter.«

»Wow, das ist ja Schüchternheit auf einem ganz neuen Niveau.« Lola unterbrach ihren Keksverzehr kurz, um ihre Meinung einzubringen.

Elsie stapelte die leeren Kekstabletts. »Wem sagst du das.« »Warum besucht sie dich?«, fragte ich.

»Genau da liegt das größere Problem«, sagte Elsie. »Ihre Eltern versuchen, ihr beim Karrierestart zu helfen. Rate mal, was sie in Europa studiert hat?«

»Internationale Beziehungen?«, fragte Lola.

Ich reichte Lola einen weiteren Keks, um sie zu beschäftigen. »Da sie Britney zu dir schicken, Elsie, gehe ich davon aus, dass sie Bäckerin werden möchte.«

»Eine Konditorin, um genau zu sein«, korrigierte Elsie.

»Vielleicht hat deine Suche nach der perfekten Assistentin endlich ein Ende«, meinte ich, obwohl ich es besser wusste. Seit ich nach Port Danby gezogen war, hatte Elsie mindestens zehn Assistentinnen und Assistenten gehabt. Niemand hatte jemals ihre hohen Ansprüche erfüllt. Die meisten kündigten nach den ersten zwei Wochen.

Elsies trockenes Lachen ließ mich ahnen, dass sie sich von ihrer neuen Assistentin keinen Erfolg versprach. Nur dass diese hier eine familiäre Verpflichtung mitbrachte. Es wäre für sie viel schwieriger, eine unfähige Assistentin zu entlassen, wenn diese die Nichte ihres Mannes wäre.

»Ich bereite mich auf das Schlimmste vor – eine schüchterne, tollpatschige, unbeholfene junge Frau, die sich wahrscheinlich verstecken wird, wenn ein Kunde hereinkommt. Ich werde aber trotzdem gute Miene zum bösen Spiel machen müssen. Ich will Hank nicht enttäuschen.«

Die Tür schwang auf und ließ eine feuchte Meeresbrise hereinwehen. Ryders Fußzehen-Wettervorhersage hatte sich als richtig erwiesen. Ein Nieselregen hatte begonnen, den Asphalt, den Bürgersteig und meinen Nachbarn Dash zu benetzen, der mit der Brise hereingekommen war. Er wischte sich die Wassertropfen von der Stirn.

»Störe ich etwa eine Versammlung der sensationellen Geschäftsfrauen von Port Danby?«, fragte er.

»Nein, Lola und ich sind nur hergekommen, um Kekse zu probieren. Das ist eine nette Abwechslung vom Arbeitsalltag«, sagte ich.

Elsie ging zum Ende ihres Gebäckregals, ohne auch nur darauf zu warten, dass Dash seine Bestellung aufgab. »Das Übliche?«, fragte sie und klang dabei genau wie eine schroffe Barkeeperin hinter der Theke eines Saloons.

Dash lächelte und zuckte mit den Schultern. »Ich bin ein bisschen besessen von Elsies Kürbismuffins.« Er tätschelte seinen straffen, flachen Bauch. »Ich muss mir wohl bald Jeans in der nächsten Größe zulegen.«

»Bitte«, schnaubte Lola hinter mir.

Elsie nahm einen Muffin aus dem Regal. »Möchtest du eine Tüte?«

»Nicht nötig«, erwiderte Dash. »Ich esse ihn auf dem Rückweg zur Marina.« Es war Nebensaison für Dashs Bootsreparaturgeschäft, aber einige der örtlichen Fischer hielten ihn auf Trab. Viele von ihnen besaßen Boote, die laut Dash längst auf dem Meeresgrund liegen müssten. Doch neue Boote waren teuer, und die meisten Fischer vor Ort zogen es vor, ihre eigenen Schiffe zu behalten, auch wenn sie stotterten und qualmten.

Dash nahm seinen Muffin und verbeugte sich. »Meine Damen, ich überlasse euch nun wieder eurer Keksverkostung.«

»Übrigens, Dash«, rief Elsie, bevor er die Tür hinter sich zufallen ließ. »Das ist die letzte Woche, in der es diese Kürbis-Muffins gibt.«

Lola verschluckte sich an einem Kekskrümel. »Warum denn das?«, brachte sie mühsam hervor.

Dash kam mit einem so niedergeschlagenen Gesichtsausdruck wieder herein, als hätte ihm gerade jemand eine erschütternde Nachricht überbracht. »Hast du keine Kürbisse mehr? Rhonda Martin unten in der Dawson Grove war gerade in der Marina und hat sich bei mir beschwert, dass dieses Jahr so viele Läden Kürbisse im Angebot hatten, dass niemand welche von ihrem Feld gekauft hat. Sie sagt, sie wird Kürbissuppe kochen, bis ihr Mann keinen Kürbis mehr sehen kann. Ich bringe dir gerne ein paar davon mit.«

Ein leises Lachen entfuhr mir. »Du bist ja wirklich besessen von ihnen«, witzelte ich.

»Schuldig im Sinne der Anklage«, erwiderte er.

»Na ja, du kannst mir so viele Kürbisse mitbringen, wie du willst, Dash«, sagte Elsie. »Ich werde diese Muffins trotzdem nicht mehr backen. Ich muss mir langsam Gedanken über Weihnachtsleckereien machen.«

»Weihnachten?«, fragte Lola. »Ich habe noch nicht einmal meine Halloween-Süßigkeiten verteilt, und du redest schon von Weihnachten. Da fällt mir ein, ich muss noch eine neue Lichterkette für den Laden bestellen.« Sie nahm sich noch einen Keks. »Danke für die Kostproben. Bis später alle zusammen.«

»Ja, danke für den Energieschub.« Ich nahm mir einen Keks für Ryder. »Bis später.« Ich drehte mich wieder zu Dash um. »Und wenn du jemanden brauchst, der dich beruhigt, wenn du gerade einen kalten Entzug von den Muffins machst – ich bin gleich nebenan.«