Kapitel 1
Der Hexenzirkel war hier.
Iris sagte immer, es sei kein Hexenzirkel, denn die einzigen Menschen, die an Hexenzirkel glaubten, waren die, die sich übermäßig für nackt unter dem Vollmond tanzende Hexen begeisterten. Und dafür war es in Highgate viel zu kalt, vielen Dank auch.
Aber wie auch immer man es nun bezeichnete, jedes Mal, wenn sie vorbeikamen, gab es verdammt lautes Gekicher.
Poppy lungerte im Flur des Obergeschosses herum und kuschelte sich an Malkin, als könne nur er sie vor Iris’ Freundinnen beschützen. Angesichts der Tatsache, dass Malkin zwar technisch gesehen ein Hexentier, aber eben auch ein übergewichtiger Kater war, schien das eher unwahrscheinlich. Dennoch schätzte sie seine Gesellschaft.
Sie musste in die Küche gelangen, um Tee und Toast zu holen, ihr Handy zu suchen und … nun ja, um zu sehen, ob es irgendwelche Hinweise darauf gab, warum sie an diesem Morgen nicht nur mit einem schlimmen Kater, sondern auch mit einem schrecklichen Gefühl der Vorahnung aufgewacht war.
„Was habe ich letzte Nacht angestellt, Malky?“, flüsterte sie dem Kater zu, der hoffnungsvoll schnurrte und dessen Gedanken sich offenbar ganz auf das zweite Frühstück konzentrierten. Wenn sie letzte Nacht etwas getan hatte, das Auswirkungen auf den Haushalt gehabt hatte, würde Malkin es wissen und es ihr ohne Umschweife mitteilen. Aber im Moment interessierten ihn nur seine nächste Mahlzeit und Poppys Haare, die an diesem Morgen besonders widerspenstig waren. Während sie die Treppe hinunterging, krallte der Kater nach den lockigen Strähnen und zog dabei ein paar große Haarnadeln aus ihrer Frisur. Poppy zuckte zusammen, als sie auf die Holzstufen fielen.
Vielleicht hatte sie ihr Handy verloren. Möglicherweise war das der Grund für ihr Unbehagen. Poppy hatte einen ziemlich guten Deal gemacht. Im Austausch für Hausarbeit zahlte sie nur wenig Miete, aber ihr Lohn im Hubble Bubble reichte nicht wirklich aus, um die Kosten für die Handys zu decken, die sie permanent verlor. Iris sagte, sie kenne niemanden, der derart chaotisch sei –
Malkin knurrte und fauchte ihr Haar an, und sie schimpfte ein bisschen zu laut mit ihm.
„Ah, die Toten sind auferstanden und vielen erschienen!“, rief eine der Hexen, und Poppy zog den Kopf ein.
„Das würde ich hier nicht so laut sagen, Sylvia“, erwiderte Iris gelassen. „Immerhin ist bald Samhain und der Friedhof gleich dort drüben.“
„Das ist doch nur eine Redewendung“, beschwichtigte Sylvia.
„Wenn man eine Hexe ist, ist nichts eine Redewendung“, betonte Fiona mit Nachdruck, als Poppy die Küche betrat.
Es war ein großer Raum, der durch den prächtigen viktorianischen Wintergarten, der auf den überaus üppigen Garten hinausging, noch größer wirkte. Und doch war er immer noch nicht groß genug, um Iris’ Freundinnen aufzunehmen. Viele waren es nicht, aber jede von ihnen hatte ein Ego von der Größe des Jupiters, sodass es etwas eng wurde, wenn sie sich zum Kaffee verabredeten.
An diesem Morgen schienen sie zu versuchen, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Gleichzeitig führten sie eine lautstarke Unterhaltung über Bienen, aßen alle Brownies, die Poppy gebacken hatte, und beschwerten sich zeitgleich darüber, dass sie wirklich furchtbar schmeckten. Was sie, um ehrlich zu sein, auch taten. Poppy hatte versucht, Kochen und Backen zu lernen – von ihren Eltern, von Freunden aus der Uni, von Partnern und Partnerinnen und sogar von echten Hexen. Es blieb eines der vielen Dinge, in denen sie furchtbar schlecht war.
„Morgen“, krächzte sie und versuchte, Malkin festzuhalten, vielleicht als Ablenkung oder vielleicht auch als Schutzschild, aber der undankbare Bastard wand sich aus ihren Armen.
„Sieben Buchstaben, begleitet Seelen in die Unterwelt“, las Iris, als Poppy nach dem Katzenfutter griff.
„Keine Ahnung, Sensenmann?“ Ihr schwindelte ein wenig, als sie sich wieder aufrichtete und weiterhin versuchte, den Blicken von Iris’ Freundinnen auszuweichen. Uff.
Gestern Abend hatte es Wein gegeben. Und dann Cocktails. Möglicherweise auch Schnäpse. Gott sei Dank gab es Iris’ Patentierten Rehydrierungs- und Aufbautrunk oder, wie sie es im Laden nannten, Katerkur.
„Das ist zu lang und außerdem zu einfach. Es muss einer dieser griechischen Begriffe sein.“
„Lateinisch“, sagte Fiona, die dezente Strähnchen und schöne Nägel hatte und sich ständig darüber beschwerte, wie schwer es sei, im Norden Londons eine Familie zu ernähren. „Die Zwillinge haben immer solche Wörter in ihren Hausaufgaben.“
„Ich dachte, die Zwillinge wären sieben“, sagte Poppy ungläubig.
„Acht“, sagte Fiona selbstgefällig. „Sie sind sehr weit für ihr Alter.“
Sylvia, die sich gern mit Fiona über so ziemlich jeden Aspekt der Kindererziehung stritt, selbst wenn sie sich völlig einig waren, schnaubte und griff nach einem weiteren Brownie. Sie war eine Frau mit üppigen Rundungen und recht unverblümten Ansichten zu allem, womit sie nicht einverstanden war.
„Du hast sie wieder zu lange im Ofen gelassen“, sagte sie.
Poppy seufzte. „Ja, ich weiß, aber letztes Mal waren sie nicht durch, also dachte ich …“
„Meine Brownies sind bei den Elternabenden immer sehr gefragt“, sagte Fiona. „Der Trick ist –“
„War es schön gestern Abend?“, fragte Iris, und die anderen verstummten.
Poppy warf Iris einen verstohlenen Blick zu. Ihre Vermieterin saß am Küchentisch im großen Erkerfenster, das graue Haar zu einem ordentlichen Dutt frisiert, die Bluse faltenfrei – ein Bild der Gelassenheit. Ihr gegenüber saßen Fiona und Sylvia, ebenso gefasst.
Sie alle sahen sie auf eine Weise an, wie Poppy es bisher nur bei Hexen erlebt hatte. Als sähen sie nicht nur ihr Äußeres, sondern all die Schichten von Geheimnissen und Vergangenheit, die sie zu verbergen versuchte.
Sie schienen so … selbstsicher. Poppy dagegen kam sich normalerweise vor, als wäre sie gleichzeitig vom Teufel, einem Roulette-Rad und einigen sehr streitlustigen Wieseln besessen.
„Ja“, sagte sie vorsichtig. Die Gesichter der anderen verrieten nichts. Poppy legte etwas Brot in den Toaster und redete sich ein, dass sie nur versuchten, ihr Angst einzujagen.
„Hatte deine Freundin einen schönen Geburtstag?“
Iris’ Frage klang so unschuldig, doch Fiona und Sylvia beobachteten sie mit Argusaugen.
Sie durfte ihnen nicht verraten, dass sie letzte Nacht etwas Dummes getan hatte. Oder zumindest wahrscheinlich etwas Dummes getan hatte. Dass sie sich nicht daran erinnern konnte, machte es noch schlimmer. Iris war ohnehin der Meinung, Poppy hätte die Selbstbeherrschung eines Hurrikans, und sie hatte keinerlei Absicht, noch Öl ins Feuer zu gießen.
Poppy versuchte, nonchalant zu wirken, und nickte. „Ja, ich glaube schon.“
„Hat ihr die Kette gefallen, die du ihr geschenkt hast?“
Aha! „Ich habe ihr ein Armband gemacht, aber das weißt du ja, weil du mir geholfen hast, die Steine dafür auszusuchen“, erwiderte Poppy.
„O ja, ich erinnere mich.“ Iris nippte an ihrem Tee. „Ich bin nur überrascht, dass du es auch noch weißt, Liebes. Happy Hour im Lamb & Flag, war’s nicht so?“
Verdammt. Wussten sie es oder wussten sie es? Poppys Blick wanderte schuldbewusst zum Spülbecken, wo sie vielleicht ihr Glas stehen gelassen hatte, nachdem sie sich einen Schlummertrunk gegönnt hatte. Oder drei. Aber das Spülbecken war leer, und Poppy hoffte wirklich, dass das daran lag, dass sie am vergangenen Abend noch aufgeräumt hatte, und nicht daran, dass Iris ihr Glas gefunden hatte.
„Äh, ja, so etwas in der Art“, murmelte sie und leerte einen ganzen Beutel Futter in Malkins Napf. Der Kater schnurrte anerkennend.
„Du hast ein Cocktailschirmchen in den Haaren“, erwähnte Sylvia hilfsbereit, und als Poppy nach oben griff, um es aus ihrer Mähne zu ziehen, fügte sie hinzu: „Auf der anderen Seite auch.“
Poppy lächelte verlegen, während sie zwei Cocktailschirmchen, ein Stück lila Geschenkband und eine verwelkte Gerbera aus ihren Haaren entfernte. Ihre Haarbürste steckte wahrscheinlich auch noch darin.
„Und du bist Claudia begegnet?“, fragte Iris, ohne aufzublicken.
Poppys Hand, in der sie die Gerbera hielt, erstarrte in der Luft.
Claudia, die Haare wie polierter Obsidian und Lippen wie reife Schwarzkirschen hatte. Claudia, die nach Jasmin und Verruchtheit roch und nicht tanzen konnte, selbst wenn ihr Leben davon abhinge. Claudia, die sich Poppys innige Liebeserklärung angehört und dann eine Andere mit nach Hause genommen hatte, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, es vor ihr verbergen zu wollen.
„Die Sache ist die, Pops“, hatte sie gesagt, als Poppy sie vor all den Wochen mit der sehr teuren Unterwäsche einer anderen Frau in der Hand konfrontiert hatte, „du bist nicht wirklich die Art von Freundin, die ich meinen Eltern vorstellen könnte.“ Sie hatte Poppys zerzaustes Haar, ihre klirrenden Armbänder und den violetten Eyeliner, der ihr aufgrund der Tränen über die Wangen lief, gemustert und freundlich hinzugefügt: „Du bist einfach ein bisschen … seltsam, das ist alles.“
Claudia hatte am vergangenen Abend an der Tür der Bar gegenüber vom Hubble Bubble heftig mit einer anderen Frau geknutscht, gerade als Poppy sich auf den Weg zum Pub gemacht hatte. Eine Frau mit Designerkleid und schwindelerregend hohen Absätzen. Eine Frau mit einer Aktentasche. Eine Frau, deren glattes Haar mit ziemlicher Sicherheit niemals von selbst Menschen angegriffen hatte. Die richtige Art von Frau.
„Äh“, brachte sie hervor. Die Blume fiel ihr aus der Hand und landete auf dem Marmorboden.
Seelenruhig schrieb Iris ein weiteres Wort ins Kreuzworträtsel. „Jezebel“, sagte sie zufrieden, und Poppy spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.
„Das ist nicht fair …“
„Sieben Buchstaben, Frau von König Ahab. Sie hat dir das Herz gebrochen, Liebling, du darfst wütend auf sie sein.“
Fiona nickte. Sylvia sagte: „Die Happy Hour im Lamb & Flag ist eine hervorragende Möglichkeit, Dinge zu verarbeiten.“
Mit einem Keks in der Hand hielt Iris inne. „Als ich herausfand, dass mein Herbert eine Affäre mit einer anderen Frau hatte, habe ich ihm jeden Nachmittag ein kleines pflanzliches Heilmittel in seinen Tee gemischt. Danach hat sie aus der Affäre keine Befriedigung mehr ziehen können, das kann ich euch sagen.“
Poppy blinzelte. Im Laufe der Jahre hatte sie sich an Iris’ Gedankensprünge gewöhnt, aber einen davon mit einer möglicherweise erfundenen Geschichte aus ihrer Vergangenheit zu kombinieren, war schon fast ein Volltreffer.
Poppy hatte keine Ahnung, wie alt ihre grauhaarige Vermieterin war, aber wenn auch nur die Hälfte von Iris’ Geschichten stimmte, hatte sie ein äußerst abwechslungsreiches Leben geführt.
„Das habe ich gemacht, als mein Collegefreund allen erzählt hat, ich hätte ihm die Gonorrhö verpasst“, sagte Fiona und nickte weise, als wäre dies ein ganz normales Gespräch.
„Das ist ja noch gar nichts“, ereiferte sich Sylvia und beugte sich vor. „Als ich herausfand …“ Doch dann unterbrach sie sich und warf Poppy einen Blick zu. „Nein. Wir wollen ihr keine Angst machen.“
Die anderen beiden lachten.
„Nun, ich werde nichts in Claudias Drink mischen“, sagte Poppy entschlossen und bestrich ihren Toast mit Butter. „Auch wende ich keinerlei Flüche an“, fügte sie hinzu, bevor Sylvia etwas in der Richtung vorschlagen konnte. „Hast du mir nicht gesagt, dass alles, was ich tue, siebenfach auf mich zurückfällt?“
„Habe ich das?“, fragte Iris abwesend und zählte offenbar Buchstaben an den Fingern ab. „Wie außergewöhnlich von mir. Walküre.“
„Was?“
„Walküre“, wiederholte Iris und trug das Wort zufrieden in das Kreuzworträtsel ein. „Begleitet Seelen in die Unterwelt. Wie der Fährmann Charon. Apropos, Liebes, beeil dich lieber, wenn du den Bus nehmen willst.“
„Nein, ich werde …“ Poppy wollte sagen, dass sie wie immer mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren würde, dann fiel ihr ein, dass sie ihr Fahrrad am vergangenen Abend im Laden stehen gelassen und ein Taxi nach Hause genommen hatte. Was wahrscheinlich auch gut so war, wenn man bedachte, wie viel Alkohol sie offenbar getrunken hatte. „Mist.“
„Warum probierst du nicht eines dieser Leihfahrräder aus?“, fragte Fiona. „Es gibt sogar elektrische, damit kannst du schummeln.“ Sie warf einen kritischen Blick auf Poppys Oberschenkel. „Wenn es sein muss.“
„Oh nein, Poppy hat so eines schon mal ausprobiert, nicht wahr, Liebes? Sie hat vergessen, es ordnungsgemäß zurückzugeben, also hat man ihr dreihundert Pfund berechnet.“
Fiona schnalzte mit der Zunge. Sylvia kicherte.
„Ich habe es nicht vergessen.“ Verzweifelt suchte Poppy nach ihrer Tasche. „Der Motor hat nicht funktioniert. Oder mein Handy. Irgendetwas hat nicht funktioniert.“
„Warum ist bei dir immer alles so chaotisch?“, fragte Sylvia, und es entstand eine sehr kurze, sehr laute Stille, deren Bedeutung Poppy nicht verstand.
„Schlechte Planung“, sagte Fiona. „Ich sage den Zwillingen immer, dass mangelnde Planung das Rezept zum Scheitern ist.“
„Und wie bewährt sich das für dich?“, fragte Sylvia, was Poppy die Mühe einer Antwort ersparte.
„Ist schon gut, ich nehme den Bus“, sagte sie und schnappte sich den Toast. Der Bus brauchte doppelt so lange, vor allem, wenn sie den ersten verpasste, was meistens der Fall war. Wo waren ihre Schuhe? Brauchte sie eine Jacke? Der Oktober in London war ein absurder Monat, was das Wetter anging. „Wo ist meine Fahrkarte?“
„Benutz dein Handy, Liebes.“
„Wo ist mein Handy?“
Fiona schloss einen Moment lang die Augen und sagte dann: „In deiner Manteltasche.“
„Gut, dass du zum Laden zurückgegangen bist, um den Mantel zu holen, was?“, fragte Iris. Woher wusste sie das? „Dieser Altweibersommer hält nicht bis in den Abend hinein an.“
„Äh, ja.“ Poppy schob sich das Stück Toast zwischen die Zähne, schnappte sich Tasche und Mantel und rannte zur Haustür.
Dann fluchte sie, drehte noch einmal um und schlüpfte in ihre Turnschuhe.
„Tschüss, alle zusammen“, rief sie mit vollem Mund und eilte die Swain’s Lane hinunter, gerade rechtzeitig, um den Bus 88 davonfahren zu sehen.
Einen Moment blieb Poppy stehen und überlegte, ob sie noch Zeit hätte, sich einen Kaffee zu holen, oder ob sie ihn später im Bus nur verschütten würde.
„Toller Start in den Tag“, brummte sie.
Es begann zu regnen.
***
Alex Raine verschränkte die Arme und blickte zu dem drei Meter hohen Poster vor dem Mysterio Theatre auf, das ihn selbst zeigte. Ohne Hemd – das war nicht verhandelbar gewesen. Die Stränge seiner definierten Muskeln glänzten. Sein Haar war toupiert und zu einer Wikingerfrisur geflochten. Es erstaunte ihn, dass sie ihm nicht auch noch Aschenlauge ins Haar gerieben hatten. Der Eyeliner war echt, aber die phosphoreszierenden Augen hatte man mit Photoshop hinzugefügt. Er war sich ziemlich sicher, dass er sich ansonsten daran erinnert hätte.
Das Ganze leuchtete in schockierendem Violett und düsterem Schwarz. Axl Storm, prangte in fetter Schrift neben seinem Konterfei. Seine atemberaubende neue Show: Premiere heute Abend!
„Was denkst du darüber?“, fragte Jonno und betrachtete einige der leuchtenden Runen, die Axl Storm scheinbar aus dem Nichts hervorzauberte.
Ich denke, ich habe Percy Beaker noch nicht ganz hinter mir gelassen.
Alex begegnete seinem eigenen glühenden Blick und rieb sich das Kinn. Strahlt rohe sexuelle Anziehungskraft aus, schwärmte eine Kritik aus Edinburgh, die direkt über seine Brustwarze gedruckt war. Er warf Jonno einen Seitenblick zu.
„Ich weiß nicht“, sagte er zweifelnd. „Ich finde einfach, es könnte ein bisschen sexyer sein.“
„Sexyer? Kumpel, mit diesem Poster könntest du die Ladys im Vorbeigehen schwängern.“
Alex spürte, wie sein Mundwinkel zuckte.
Jonno runzelte die Stirn. „Moment mal, Sarkasmus?“
„Sarkasmus. Das ist absurd, Jonno. Schau dir an, wie sie die untere Hälfte ausgeblendet haben. Ich sehe aus, als wäre ich nackt.“ Vor dem Shooting hatte er wochenlang Proteinpulver-Shakes getrunken und hatte an jenem Tag kein Wasser trinken dürfen, damit seine Muskeln richtig zur Geltung kamen. Und unter den Studiolampen war es wirklich heiß gewesen.
„Es sieht wirklich aus, als wärst du nackt.“
„Ich weiß ganz genau, dass ich beim Fotoshooting Lederhosen getragen habe. Die haben ziemlich gequietscht.“
„Ja, ich erinnere mich. Das hat dem Ganzen eine gewisse Note verliehen.“
„Vor allem Furzgeräusche“, sagte Alex. Er blickte sich auf der Straße um.
Wahrscheinlich sollte er nicht so direkt neben seinem eigenen Plakat stehen.
Er hatte zu lange daran gearbeitet, Axl Storm zu erschaffen, als dass jemand den Zauber durchschauen durfte. Axl Storm glänzte in Leder und Eyeliner. Er schlurfte nicht in einem Hoodie herum, die Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden.
Wenn niemand wusste, dass Axl Storm Alex Raine war, dann würden sie auch nie erfahren, dass Alex Raine Sandy Grubb war, und sie würden auch nie darauf kommen, dass Sandy Grubb früher Percy Beaker gewesen war.
Aber du weißt es, verspottete ihn sein eigenes Bild. Du wirst es immer wissen.
Er wandte sich von der Absurdität seines eigenen Abbilds ab und blickte auf den schmalen Eingang des Theaters, der mit noch mehr Plakaten und Lichtern zugestellt war. „Glaubst du, es ist sicher, wieder hineinzugehen?“, fragte er.
Jonno schob die Brille auf der Nase zurecht und spähte ins Foyer. „Vielleicht, wenn wir diesen Weg nehmen. Wenn ich du wäre, würde ich den Backstage-Bereich eine Weile meiden.“
„Das sollte nicht allzu schwierig sein“, sagte Alex trocken. „Es ist ja nur Premiere und so.“
Sie betraten das Foyer des Theaters, einen Ort, der Alex immer mit großer Aufregung erfüllte. Die verzierten Holzvertäfelungen und viktorianischen Fliesen, die mit Buntglas beleuchtete Kasse. Die kleinen Messingschilder. Alles schien magisch.
Der Souvenirstand war übersät mit seinen Postern und Programmen für den darauffolgenden Abend, und es gab T-Shirts mit einigen seiner Slogans darauf. Wie zum Teufel bin ich nur zu diesen Slogans gekommen?
Aus dem Treppenhaus, das zu den Parkettplätzen führte, drang das Geschrei einer Person, die Polnisch sprach.
„Sollen wir mit dem Vorsprechen für eine neue Walküre beginnen?“, fragte Jonno zweifelnd. „Vielleicht könnte eines der Mädchen aus dem Ensemble einspringen. Wer ist Yelenas Zweitbesetzung?“
„Wir feuern Yelena nicht“, sagte Alex mit mehr Selbstvertrauen, als er empfand. Ein schrecklicher Schrei ertönte aus dem Saal, und er zuckte zusammen. „Vielleicht kündigt sie und erspart uns die Mühe“, fügte er hoffnungsvoll hinzu.
Beide starrten auf die Tür zum Parkett. Dort befand sich eine wirklich schöne Art-déco-Verzierung auf der Beschilderung. Alex versuchte, sich darauf zu konzentrieren und nicht auf das Gezeter.
„Mein Gott, Alex, so kann es nicht weitergehen. Das ist die dritte Walküre in diesem Jahr.“
„Ist nicht meine Schuld“, sagte Alex, was nicht gerade die ehrlichste Aussage war, die er je gemacht hatte.
„Ich würde sagen“, begann Jonno diplomatisch, „es liegt schon irgendwie an dir.“
„Wie kann es meine Schuld sein?“
Jonno warf ihm einen ungläubigen Blick zu. Alex versuchte, unschuldig zu schauen. Aber irgendwie hatte sein Manager schon recht. All die Aufmerksamkeit der Frauen war ihm einst unglaublich aufregend erschienen, und jetzt schien er nicht mehr in der Lage zu sein, auf die Bremse zu treten.
„Es muss wirklich schrecklich für dich sein, Alex, dass all diese schönen Frauen versehentlich nackt in dein Bett fallen, ohne dass du sie darum bittest.“
„Sarkasmus?“, fragte Alex schwach.
„Sarkasmus.“
Alex breitete die Arme aus. „Ich kann nichts dafür.“ Eine weitere direkte Lüge.
„Du kannst sehr wohl etwas dafür.“
Alex zeigte auf eines der Poster, die ihn mit glühendem Blick zeigten. „Ich habe eine unglaubliche sexuelle Anziehungskraft, Jonno. Das wissen wir beide.“
„Igitt.“ Jonno tat so, als würde er würgen.
„Es steht auf den Postern.“
„Den stark bearbeiteten Postern.“
„Es bezahlt dein Gehalt“, erinnerte ihn Alex, und Jonno seufzte.
„Und trotzdem schaffe ich es, dir zu widerstehen.“
Alex zuckte mit den Schultern. „Das liegt daran, dass ich meinen heißen Blick noch nicht auf dich gerichtet habe.“
Abwehrend hob Jonno die Hand. „Bitte verschone mich.“
Alex grinste seinen Freund an. „Ich verspreche, meine Kräfte nur für gute Zwecke einzusetzen.“
„Hör zu, entschuldige dich einfach bei Yelena.“
Alex öffnete den Mund, um zu protestieren und zu beteuern, dass er nichts getan hatte, wofür er sich entschuldigen müsste, und schloss ihn wieder, weil er wusste, dass das so nicht stimmte. Er hatte Yelena zwar nicht die Welt versprochen; tatsächlich war sie eine seiner Backgroundtänzerinnen gewesen, als er mit Monika zusammen gewesen war, und wahrscheinlich auch, als er mit Shanae rumgemacht hatte. Der Punkt war, dass Yelena wusste, wie solche Dinge liefen.
Aus dem Zuschauerraum drang einer von Yelenas berühmten Schreien, den er für etwas übertrieben hielt.
„Könntest du etwas für mich ausprobieren?“, fragte Jonno. „Nur als … Experiment.“
Alex seufzte. „Na sag schon.“
„Könntest du – und ich weiß, das ist ein schwieriges Konzept, also werde ich es dir langsam erklären. Könntest du versuchen … wenigstens versuchen, nicht mit Kolleginnen zu schlafen?“
„Ich versuche es ja“, sagte Alex, doch selbst in seinen eigenen Ohren klang das wenig überzeugend.
„Noch einmal mit Überzeugung!“
„Okay, ich versuche es. Kein Sex mehr mit Kolleginnen.“
„Gut.“
„Es verkompliziert alles.“
„Stimmt.“
Eine halbe Sekunde herrschte Stille, dann rief Yelena etwas in den Zuschauerraum, und Jonnos Blick glitt zurück zu Alex.
„Hör mal, ich habe ihr nichts versprochen, es war nur eine einmalige Sache“, protestierte Alex. Und dann ließ ihn sein dummes Ego hinzufügen: „Na ja, eine Nacht. Du weißt schon.“
„Eigentlich will ich es gar nicht wissen.“
„Sie ist einfach davon ausgegangen, dass es mehr war, das ist alles, was ich dazu sage“, sagte er.
„Hast du diese Annahme korrigiert?“
Alex knabberte an seinem Daumennagel. „Hör mal, sie wollte kommende Woche mit zu dieser Preisverleihung kommen, und ich habe gesagt, dass das nicht geht. Ich sagte, ich moderiere nur, ich darf keine Begleitung mitbringen. Sie sagte, sie sei meine Freundin, also hätte sie eine Einladung bekommen sollen …“
Jonno zog die Brauen hoch. „Und was hast du gesagt?“
„Äh, ich sagte, sie sei nicht meine Freundin und dass das mit uns nur eine einmalige Sache war.“
Jonno stöhnte.
„Ich habe wirklich keinen Einfluss darauf! Selbst wenn wir verheiratet wären, dürfte ich sie nicht mitbringen, aber sie meinte, sie hätte schon ein Kleid gekauft.“
Jonno vergrub das Gesicht in den Händen. „Hast du das mit der Hochzeit gesagt?“
Alex’ Blick glitt schuldbewusst zu seinem Freund, der erneut stöhnte. „Hätte ich das nicht tun sollen?“
„Alex, Alex.“ Jonno seufzte und klopfte ihm auf die Schulter. „Zum Glück bist du hübsch.“
Tja, was zum Teufel habe ich denn auch sonst? „Das fühlt sich nicht wie ein Kompliment an.“
„Kumpel“, sagte Jonno, „das sollte es auch nicht.“
***
„Sorry, sorry, sorry, irgendein Protest in Camden, der Bus wurde umgeleitet, ich bin in der U-Bahn gelandet und ich schwöre, ich bin in die Morden-Linie gestiegen, aber die hat mich trotzdem nach Kings Cross gebracht, also bin ich in die Piccadilly-Linie gehüpft und dachte, ich steige in Covent Garden aus, weil es näher ist, und was lernt man in seiner ersten Woche in London? Steig niemals in Covent Garden aus. Na ja, eigentlich heißt es ja: Steig nie in Bank aus, aber Covent Garden ist auch gut, und … Hallo? Elspeth?“
Ihre Kollegin schien gar nicht bemerkt zu haben, dass Poppy fast eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit gekommen war. Sie lehnte an dem großen Wandbild, das Poppy an die Wand hinter dem Ladentresen gemalt hatte, und beobachtete einen Mann, der sich die Auslage mit den silbernen Diademen ansah.
„Wer ist das?“
„Mein zukünftiger Ehemann“, antwortete Elspeth verträumt.
Poppy spähte zu ihm hinüber. Er war groß, und das war so ziemlich alles, was sie von hinten erkennen konnte. Eine unauffällige Jacke und ein aschblonder Männerdutt. Elspeths Männergeschmack verwirrte Poppy ein wenig, aber erst am Vorabend hatte sie wehmütig erzählt, wie lange sie schon Single war, und Poppy hatte einen Glücksbringer für die Liebe in ihr Geburtstagsarmband eingearbeitet.
„Okay“, sagte sie. „Hör mal, ich muss nur kurz was nachsehen, okay? Lass ihn nicht gehen … also, ohne zu bezahlen oder so.“
„Vielleicht“, sagte Elspeth und schmachtete ihn immer noch an.
„Schon gut.“ Poppy huschte ins Hinterzimmer, was ihr ein leichtes Pochen im Kopf verursachte. Sie hasste es, mit der U-Bahn zu fahren, weil immer irgendetwas schiefging, und Busse mochte sie aus demselben Grund auch nicht besonders. Aber das Fahrrad stand noch immer im Hinterzimmer – wenigstens etwas, das gut lief –, und das leuchtende Sportgetränk, das sie in der Eile auf dem Weg durch Camden hinuntergekippt hatte, hatte auch etwas gegen ihren Kater geholfen.
Genug, um im Laden etwas wahrhaft Magisches zu spüren. Ihre eigene Magie, nicht nur das Armband, das sie Elspeth geschenkt hatte. Poppy fertigte den Großteil des Schmucks an, den sie im Laden verkauften, und sie half Iris bei den Tees, Hautpflegeprodukten und Düften. Aber weder sie noch Iris verarbeiteten tatsächlich Magie in den Dingen, die sie an normale Kunden verkauften. So etwas würde nur in einer Katastrophe enden. Ein sorgfältig formulierter Zauberspruch, eingewebt in ein Armband für eine liebe Freundin, war eine Sache; irgendwelche Zauber, die von irgendwelchen Londoner Bürgern missbraucht wurden, etwas ganz anderes.
Aber irgendetwas in dem Laden fühlte sich nach Magie an. Es schwebte am Rande ihrer Sinne, wie etwas, das sie gerade so sehen oder hören konnte. Letzte Nacht musste sie etwas getan haben, wahrscheinlich als sie nach Ladenschluss zurückgekommen war, um ihren Mantel zu holen. Und angesichts ihres Zustands, ganz zu schweigen von ihrem Alkoholpegel, war es wohl nichts Gutes gewesen.
Sie musste diesen Zauber, diesen verwunschenen Gegenstand oder was auch immer es war, aufspüren und neutralisieren, bevor er Schaden anrichten konnte. Wetten, Nicht-Hexen müssen sich mit so einem Mist nicht herumschlagen?
Die Suche im Hinterzimmer brachte nichts. Verdammt. Das bedeutete, es musste etwas im Laden selbst sein, was schwieriger zu überprüfen sein würde. Obwohl – wenn Elspeth den Kerl mit dem Männerdutt anschmachtete, würde sie es wenigstens nicht bemerken.
Poppy schlich in den Laden und versteckte sich zwischen den Besen, was sich als schlechte Idee erwies, da sich ihre Haare in den Borsten verfingen.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, rief Elspeth hoffnungsvoll, und Männerdutt drehte sich um und warf ihr einen Blick zu.
„Ich schaue mich nur um, danke.“ Nun ja, eine angenehme Stimme hatte er. Einen schönen, tiefen Bariton. Die Art von Stimme, die Poppy von den Schauspielstudenten am Central Saint Martins kannte, die für schwere, ernste Rollen probten.
„Die Diademe sind wunderschön“, sagte Elspeth beiläufig. „Das Rosenquarz-Diadem da zum Beispiel. Rosenquarz ist sehr hilfreich, um eine neue Liebe zu manifestieren.“
Poppy verdrehte die Augen, während sie versuchte, ihre Haare zu befreien.
Schnell legte Männerdutt das Rosenquarz-Diadem beiseite. „Ah. Nun. Nicht das, wonach ich gesucht habe. Welche Steine eignen sich für … Klarheit? Um die Wahrheit zu erkennen?“
Keiner, wenn man sie nicht wirklich sehen will, dachte Poppy bei sich, während sie eine Haarsträhne in die eine und einen Besenstiel in die andere Hand nahm.
„Also, Aventurin – das ist der grünliche da.“ Elspeth lachte und ging um die Theke herum, um ihm zu helfen. „Nein, das ist Aquamarin. Bei Kristallen ist es sehr wichtig, zu sehen, von welchem man sich angezogen fühlt. Ist er für Sie selbst?“
„Wirst du wohl …“, zischte Poppy den Besen an, der sich mit ihrem Haar zu vergnügen schien, „… loslassen! Geh weg! Lass los! Ich wünsche, dass du dich von mir trennst!“ Mit einem Krachen tat er, was sie verlangt hatte, und sie prallte rückwärts gegen einen Stapel Kessel. Eisenkessel, die so laut klapperten und schepperten, dass Iris sie wahrscheinlich noch in Highgate hören konnte. Sie zuckte zusammen und griff mit einer Hand nach dem nächstbesten, um ihn vor dem Herunterfallen zu bewahren, während sie mit der anderen noch die Haarsträhne festhielt. Elspeth und Männerdutt starrten sie beide an, und als Poppy seinem ungläubigen Blick begegnete, wurde ihr zweierlei klar. Erstens, dass er umwerfend gut aussah mit seinen vollen Lippen, dem markanten Kiefer und den strahlend blauen Augen, und zweitens, dass der Besenkopf sich vom Stiel gelöst hatte und langsam in ihren Haaren verschwand.
Poppy spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.
„Alles in Ordnung?“, fragte er zweifelnd.
„Ja! Ja.“ Poppy versuchte, ein Stück des Besenkopfes zu lösen, aber mindestens die Hälfte war weg. Na ja. Er konnte sich ja mit der Haarbürste anfreunden, die sie heute Morgen verloren hatte.
„Du hast ein Hufeisen im Haar“, sagte Elspeth. Poppy blickte auf und sah, dass sich eines der eisernen Hufeisen gelöst hatte, die um die Hinterzimmertür herum befestigt waren. Iris hatte sie verzaubert, um herumstreunende Kunden fernzuhalten, und Poppy spürte bereits, wie ihre Haare das Eisen wieder ausspuckten.
„O ja, das habe ich“, sagte sie und holte es hervor. „Ähm, vielleicht wäre Lapislazuli etwas für Sie?“ Erklärend fügte sie hinzu: „Für mehr Klarheit? Er ist geeignet für alle, die Weisheit und Erleuchtung suchen.“
„Erleuchtung“, sagte Männerdutt und schenkte Poppy ein strahlendes Lächeln. „Ja! Genau das will ich.“
Das geht mir genauso, dachte Poppy. Auch sie fühlte sich zu dem Lapislazuli hingezogen. Wahrscheinlich, weil sie dringend Klarheit über das brauchte, was sie letzte Nacht getan hatte. Das Chaos schien sie an diesem Morgen noch mehr als sonst zu verfolgen.
Als sie die Augen schloss, sah sie Claudias Hand, die sich in den Rock der anderen Frau gekrallt hatte.
„Wir haben wunderschöne Anhänger“, sagte Elspeth und führte ihn zur Auslage. „Vielleicht in Silber gefasst, für einen klaren Blick? Ist er für jemand Bestimmten? Vielleicht für jemanden, dem Sie die Wahrheit sagen wollen, auch wenn sie nicht angenehm ist?“
Poppy wandte sich von Elspeths schrecklichem Flirtversuch ab. Die Kessel lagen buchstäblich überall im Laden herum, und die Besen ebenso. Sie sollte den zerbrochenen Besen unbedingt auch im Ladenprotokoll vermerken. Sylvia, die Besitzerin des Hubble Bubble, nahm kleinere Schäden zwar meist gelassen, aber früher oder später würde sie wohl Poppys Lohn kürzen.
Sie räumte die Kessel und die Besen wieder an ihren Platz und ging ins Hinterzimmer, um das Protokollbuch zu suchen, das voll von ihrer eigenen unleserlichen Handschrift war. Als sie in den Laden zurückkam, war Männerdutt zum Glück verschwunden.
„Na gut, dann wäre das ja geklärt“, sagte sie überflüssigerweise, während Elspeth verträumt auf die Ladentür starrte. „Els? Hat er was gekauft?“
„Hmm? O ja. Einen der Anhänger. Den aus Lapislazuli mit den Goldflocken. Mit dem Auge des Horus.“
„Dem Auge Odins“, korrigierte Poppy abwesend. „Das er geopfert hat, um Weisheit zu erlangen. Wow, der Typ wollte wirklich Klarheit über etwas gewinnen, oder?“
„Der Typ?“, fragte Elspeth fassungslos. „Der Typ? Weißt du nicht, wer das war?“
Poppy strich sich die Haare aus dem Gesicht und sagte: „Nein, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du es mir gleich sagen wirst.“
„O mein Gott. Das war Axl Storm!“
Poppy wartete. Der Name kam ihr irgendwie bekannt vor, aber es ginge wahrscheinlich schneller, wenn Elspeth sie aufklärte. Wahrscheinlich.
„Axl Storm!“, wiederholte Elspeth.
„Seinen Namen zu wiederholen, bringt nichts. Wer ist Axl Storm?“
„O mein Gott, Poppy. Wo lebst du denn?“
Elspeth war etwa fünf Jahre jünger als Poppy, aber manchmal fühlte es sich eher wie fünfzig an. „Ich habe einfach in meinem Schaukelstuhl gesessen und mit trüben Augen meinen Kater angestarrt“, erwiderte Poppy.
„Das Armband, das du mir geschenkt hast, bringt echt Glück.“ Nervös spielte Elspeth damit an ihrem Handgelenk. „Ich kann es nicht fassen, dass es Axl Storm hierhergebracht hat. Es ist … all meine Pläne gehen auf.“
„Pläne?“, fragte Poppy, aber Elspeth hörte nicht zu. Sie zog das Handy aus der Tasche ihrer schicken Jeans und scrollte durch eine App.
„Hier! Axl Storm.“
Poppy spähte auf den Bildschirm. Viel Trockeneisnebel und dröhnende Musik schienen im Mittelpunkt zu stehen, aber schließlich bemerkte sie, dass sich auch ein Mann in dem Video befand. Er trug eine Art Leder-und-Metall-Outfit, das ihn wie einen Wikinger-Rockstar aussehen ließ. Sein blondes Haar war zu kleinen Zöpfen geflochten und stark toupiert.
„Ach richtig, habe ich nicht irgendwo Poster von ihm gesehen?“, fragte Poppy, und Elspeth zischte sie an, still zu sein.
„In den mythischen Hallen von Walhalla“, intonierte er mit demselben Bariton, aber mit einem sonoren Akzent, „wurden die Seelen der Toten von den furchterregenden und schönen Schildmaiden, den Walküren, ins ewige Paradies geleitet.“ Er blickte verführerisch in die Kamera. Elspeth fiel beinahe in Ohnmacht.
Poppy fragte: „Hat er Kajal drauf?“
Durch Rauch und Stroboskoplicht schwebte eine als sexy Wikingerin verkleidete Frau vom Himmel herab und trug einen ausgewachsenen Mann in – ja, wirklich – noch heißeremOutfit. Seine Rüstung war kunstvoll blutbefleckt und praktischerweise von einem Pfeil durchbohrt. Die Walküre warf der Kamera verführerische Blicke zu, wobei der Fokus auf ihren Smokey Eyes und dem tiefen Dekolleté lag, nicht aber darauf, wie sie sich und ihren Passagier aus den Gurten befreite.
„Man muss die Inszenierung schon bewundern“, stellte Poppy fest. Sie hatte während ihrer Beziehung mit einem Turner an der Uni ein paar Kurse in Luftakrobatik belegt.
„Poppy! Du weißt doch, dass es nicht darum geht“, erwiderte Elspeth. „Schau, jetzt kommt der beste Teil.“
Poppy bemerkte, dass das Video ein kleines Favoriten-Symbol in der Ecke hatte. Elspeth hatte es also schon oft angesehen.
Axl Storm fuchtelte wild mit den Händen, und aus seinen Handflächen schossen grelle Lichtstrahlen. Das war ein netter Trick. Nicht einmal Poppy, die eine echte Hexe war, konnte das. Sie war in der Lage, Kerzen mit einem Blick zu entzünden, aber leuchtende Hände waren ihr unmöglich, egal wie oft sie es in der Abgeschiedenheit ihres Schlafzimmers versucht hatte.
„Ob das wohl Laser sind?“, murmelte sie, während Axl Storm in einer Sprache zu singen begann, die wohl Altnordisch oder so ähnlich klingen sollte. Die sexy Walküre schwebte mit einem Kelch rauchender Flüssigkeit vorwärts und reichte ihn dem Krieger in der blutbefleckten Rüstung. Er trank daraus und erstarrte dramatisch, seine Arme flogen weit auseinander, und der Kelch zerschellte auf dem Boden, wobei er Spritzer leuchtender Flüssigkeit verteilte.
„Schau her“, flüsterte Elspeth, als der tote Krieger scheinbar wie von selbst in die Luft stieg. Axl Storms Handgesten trieben ihn nach oben, die Musik schwoll an, während Axl sich anstrengte und dabei einen Schmollmund zog. Poppy unterdrückte ein Kichern.
Schließlich verschwand der Krieger aus dem Blickfeld, vermutlich im Schnürboden des Theaters, in dem das Stück aufgeführt wurde, und Axl Storm rief unter großem Applaus: „Er ist aufgestiegen!“
Es war nur ein Flugtrick, nichts weiter. Unsichtbare Drähte und dergleichen. So etwas sah man jeden Abend in den Theatern des West Ends und samstags sogar zweimal.
„Ich denke nicht –“, begann sie, aber Elspeth unterbrach sie.
„Da kommt noch mehr!“
„Aber nicht jeder Krieger steigt auf“, sagte Axl Storm bedeutungsvoll, und die Walküre erschien wieder – wann war sie denn verschwunden? – mit einem weiteren Krieger in den Armen. Dieser trug eine schwarze Rüstung, also wusste man, dass er keiner von den Guten war. Die Musik wechselte zu Moll.
Zum Glück klingelte in dem Moment die Ladentür, und Poppy sagte erleichtert: „Okay, pack das weg.“
„Aber das ist doch der beste Teil“, jammerte Elspeth.
„Ich schaue es mir später an“, versprach Poppy. Zu der Kundin sagte sie fröhlich: „Kann ich Ihnen helfen? Unsere Besen sind heute besonders lebhaft. Einer wollte mir gerade in die Haare fliegen.“
Die Kundin, eine Frau im Samtmantel und mit viel Schmuck, lächelte Poppy an. „Ihr Haar ist fantastisch. Was benutzen Sie dafür?“
„Ich füttere es regelmäßig mit Naturborsten“, erwiderte Poppy, und die Frau lachte, als wäre das ein Witz. „Wir haben auch eine wunderbare Pflegekur mit Kokosöl und Hagebutten, die Ihren Locken bestimmt guttun würde …“
Sie trat hinter dem Tresen hervor, um der Frau Haarpflegeprodukte zu verkaufen, und vergaß die Rockstar-Wikinger dabei völlig. Weitere Kunden kamen herein, und Poppy verkaufte ihnen Lufterfrischer, Suppenkessel und Silberschmuck – und erst als sie einer amerikanischen Touristin die Verwendung von Lapislazuli erklärte, erinnerte sie sich an den verzauberten Gegenstand, nach dem sie zuvor gesucht hatte, und bemerkte, dass sie ihn überhaupt nicht mehr spüren konnte.
Tatsächlich hatte sie ihn nicht mehr gespürt, seit …
Mit plötzlicher Klarheit, die nichts mit den Lapislazuli-Ohrringen in ihrer Hand zu tun hatte, erinnerte sich Poppy daran, wie sie am Abend zuvor in den Laden gestürmt war, ihren Mantel geholt und dabei die Hälfte der Anhänger auf dem Ständer gegenüber dem Tresen umgestoßen hatte. Und sie hatte leise über Claudia geschimpft. Und sie hatte …
Hatte sie versehentlich einen der Anhänger verflucht? Und war es am Ende der in Silber gefasste Lapislazuli mit dem Auge Odins gewesen, den Elspeth an Axl Storm verkauft hatte?
„Oh, Scheiße“, hauchte sie, was sie wahrscheinlich den Verkauf der Ohrringe kostete.
Kapitel 2
Es war fast zehn Jahre her, dass Poppy in der Studentenzeitung die Anzeige für eine Wohngemeinschaft in einem Haus in Highgate gesehen hatte.
Ältere Dame, die es liebt, sich um Pflanzen, Katzen und Menschen zu kümmern, sucht eine jüngere, aufgeschlossene Person, mit der sie das viel zu große Haus teilen kann.
Was Iris verschwiegen hatte, war, dass sie eine Hexe war und Poppy mit dieser Anzeige gezielt angesprochen hatte.
„Niemand sonst hat sie gesehen, Liebes“, hatte sie erklärt, als Poppy sich gefragt hatte, warum Iris nicht mit Angeboten überhäuft worden war. Ihr Haus war riesig, prunkvoll und faszinierend, es hatte einen großen privaten Garten und sogar einen Parkplatz. Poppy hatte versucht, den Wert online zu ermitteln, aber es schien seit Jahrzehnten nicht mehr verkauft worden zu sein. Das Haus war mindestens doppelt so groß wie die anderen Häuser in der Umgebung, und deren Preise trieben ihr schon die Tränen in die Augen.
„Ich habe die Anzeige nur für dich aufgegeben“, hatte Iris ruhig gesagt und Poppy in dem schönen, lichtdurchfluteten Wintergarten noch etwas Tee eingeschenkt. „Ich habe sie verzaubert, damit sie niemandem auffällt, der keine Hexe ist.“ Bereit, dieser verrückten alten Frau ihren Willen zu lassen, hatte Poppy nervös gelächelt. Keine Frage, Iris sah sehr gepflegt aus. Auch ihr Haus brauchte keine Hilfe einer fleißigen Studentin, um sauber und ordentlich zu bleiben, aber es fehlte eindeutig jemand mit handwerklichem Geschick.
„Hexe?“, fragte sie.
„Ja, Liebes.“ Iris sah sie erwartungsvoll an und seufzte dann. „Ach herrje. Ich hatte es schon geahnt. Religiöse Erziehung, nicht wahr?“
„Äh, meine Mutter ist Pastorin, aber –“
„Ist sie das? Sehr fortschrittlich, muss ich sagen. Ich nehme an, das könnte dann ein kleiner Schock für dich werden.“ Iris nahm einen Schluck Tee und strich dann mit der Hand über die Blumenvase auf dem Tisch. Jede einzelne Lilie und jede exquisite Rose schien auf einmal noch prächtiger zu erblühen, und alle noch geschlossenen Knospen öffneten sich.
„Wie haben Sie …?“
„Ich hege und pflege Dinge“, sagte Iris, als ein pummeliges Kätzchen hereinkam. „Kätzchen, Pflanzen, Groll.“ Lächelnd sah sie Poppy an. „Magst du Katzen?“
„Ich mag alle Tiere“, antwortete Poppy, während das Kätzchen sie mit schief gelegtem Kopf musterte. Es fand wohl ihre Frisur lustig und wollte mit den Quasten ihres Oberteils spielen.
„Es macht wahrscheinlich Spaß, damit zu spielen, Malkin“, sagte Iris, „aber zieh nicht am Stoff, verstanden?“
Poppy lächelte, dann begriff sie und starrte Iris an.
„Die Kommunikation mit Tieren ist eine typische Hexenfähigkeit“, sagte Iris und nippte an ihrem Tee. „Ich höre sie meistens wie eine Art Bewusstseinsstrom, aber meine Freundin Sylvia sagt, es sei eher wie eine Bildmontage. Wie ist das bei dir?“
„Ich … äh, ich …“, stotterte Poppy. „Ich weiß einfach irgendwie, was sie wollen. Es ist doch nur Körpersprache, oder?“ Aber sie wusste, dass dem nicht so war. Sie wusste, dass die meisten Menschen Tiere nicht so verstanden wie sie. Sie wusste auch, dass die meisten Menschen keine Haare hatten, die buchstäblich ein Eigenleben führten, und dass sie ihre Kindheit nicht damit verbracht hatten, auf dem Friedhof mit Geistern zu spielen.
Ihre Mutter hatte gemeint, sie habe eine überbordende Fantasie. Ihr Vater hatte sich gefragt, ob es ADHS sei. Ihre Lehrer hatten sie meistens ausgeschimpft, weil sie nicht aufpasste und ständig die Hausaufgaben vergaß.
Iris war die Erste, die Sinn ins Dunkel brachte.
Poppy blickte auf und begegnete Iris’ festem blauem Blick. „Wenn ich eine Hexe bin, sollte ich dann nicht fliegen können? Auf einem Besen? Und …“ Sie kramte in Erinnerungen aus Büchern und Filmen. „Mit den Händen glühende Lichter erzeugen können?“
Iris zuckte mit den Achseln. „Du kannst es versuchen, aber es ist nicht sehr nützlich. Eine Kerze anzuzünden dagegen durchaus.“ Sie nickte in Richtung des Teelichts auf dem Tisch, das zu einer gleichmäßigen, blassen Flamme aufloderte. „Besen sind in London nicht besonders praktisch, aber vielleicht können wir unsere Schwestern in Essex besuchen, und du kannst es dort versuchen. Was noch? Ich nehme an, du möchtest etwas über Zaubertränke wissen?“
Poppy zuckte hilflos mit den Achseln.
„Manche Hexen sind sehr gut darin. Manche furchtbar. Du bist ziemlich kreativ, also könntest du ein Talent dafür haben.“ Bevor Poppy fragen konnte, fügte sie hinzu: „Kessel sind optional, ich bevorzuge einen Kochtopf. Katzen haben wir schon besprochen. Zauberstäbe sind nicht sehr nützlich, es sei denn, du verspürst das Bedürfnis, ein Phallussymbol zu schwingen. Was ist deine Geschlechtsidentität?“ Sie fragte das, als würde sie Poppys bevorzugte Lippenbalsammarke wissen wollen.
„Äh … ich bin cis, und meine Pronomen sind sie/ihr“, sagte Poppy, die ihre Provinzstadt erst vor wenigen Monaten verlassen und noch sehr damit zu kämpfen hatte, sich mit Konzepten wie dem der Geschlechtsidentität auseinanderzusetzen. „Ich … äh … könnte bisexuell sein.“
„Das sind viele tolle Menschen“, sagte Iris. „Nun, die meisten Hexen haben eine besondere Affinität zu einem Bereich der Hexerei – nicht alle, aber die meisten. Wie gesagt, ich helfe Dingen zu wachsen und pflege sie. So wie dir, wenn du es zulässt. Ich bin sicher, wir können herausfinden, wo deine besonderen Talente liegen, oder?“
Poppy hatte gelächelt und genickt, und zehn Jahre später hatte sie immer noch kein Talent für etwas anderes entdeckt als dafür, Chaos anzurichten.
Sehr großes Chaos.
***
Alex hatte nicht vorgehabt, Yelena an diesem Nachmittag ein Geschenk zu kaufen. Er war spazieren gegangen, um vor der Premiere am Abend den Kopf frei zu bekommen, und hatte versucht, sich zu überlegen, was er ihr sagen sollte, ohne dass es klang, als würde er mit ihr Schluss machen. Was er auch nicht tat, denn sie waren kein Paar. Er hatte gedacht, das sei klar gewesen. Tatsächlich war er sich sicher, etwas im Sinne von „Das ist doch nur zum Spaß“ gesagt zu haben, gleich zu Beginn, aber vielleicht hatte Spaß auf Polnisch eine andere Bedeutung.
Der Himmel hatte sich passenderweise zugezogen. Seine Premiere würde eine Walküre beinhalten, die ihn abgrundtief hasste. Wir hätten Voraufführungen machen sollen, statt unvorbereitet aus Edinburgh anzureisen. Aber was dann? Die Presse hätte eine mürrische Yelena gesehen, darüber geschrieben, und die Leute wären nur gekommen, um ihn auszulachen. Und Lachen war der Tod für eine Show wie seine.
Und dann, während er durch Covent Garden geschlendert war und sich gefragt hatte, ob seine Kalorienration einen kleinen Gin Tonic erlaubte, hatte ein kleiner Zauberladen in der Dunkelheit aufgeleuchtet und ihn angelockt.
Es kann sehr wichtig sein, sich das anzuschauen, wovon man sich angezogen fühlt … Er war hineingegangen, um sich die Kartenspiele, die Trickseile, die Zauberhüte anzusehen, die genau aussahen wie die in der Zauberkiste des Großen Magnifico. Dann waren ihm die farbenfrohen Tarotkarten ins Auge gefallen, und ehe er sichs versah, hatte er sich mit jemandem über die Vorzüge von Lapislazuli gegenüber Aventurin unterhalten.
Seine Gedanken schweiften zurück zu der verrückten Frau mit dem Rapunzelhaar, die die Hälfte des Warenbestands umgeworfen hatte. Solches Haar hatte er noch nie gesehen. Es musste unecht sein, denn keine Mähne in der Natur war so dicht und lang. Ein Löwe wäre neidisch. Ein Löwe hätte aber wohl auch keine Besenreste und Hufeisen in der Mähne.
Sie war sehr … ablenkend gewesen.
Und nun trug er ein wunderschönes kleines Geschenksäckchen mit echten Seidenbändern, Blütenblättern und alldem und hatte immer noch keine Ahnung, was er Yelena sagen sollte, wenn er es ihr überreichte. Rapunzel hat gesagt, das würde dir Erleuchtung bringen. Nein!
„Shirley“, sagte er zur Inspizientin. „Haben Sie Stift und Papier?“ Natürlich hatte sie das. Alex schrieb eine kleine Nachricht: Für meine Freundin Yelena. Er betonte, wie viel ihm ihre Freundschaft bedeutete. Er verwendete Worte, die hoffentlich auch in ihrer Zweitsprache unmissverständlich waren. Du bist ein Feigling, Alex Raine, dachte er, als er die Nachricht zusammenfaltete und in das Säckchen steckte.
Aber ein Feigling, der eine Show auf die Beine stellen musste und alle in Bestform brauchte. Er sollte wohl eine Motivationsrede halten. Das war aber eigentlich Jonnos Aufgabe, darin war er gut. Und Alex musste sicherstellen, dass seine Haare in all dem Nebel und der Tristesse des Nachmittags nicht platt geworden waren. Und er musste Yelena aus dem Weg gehen.
„Ich muss gehen und … äh, meditieren“, sagte er. Shirley warf ihm einen wissenden Blick zu, dann stürmte er davon.
***
Das Haus, in dem Poppy mit Iris wohnte, trug den Namen Ivy Cottage. In gewisser Weise passte das, denn Efeu umrankte das Haus. Dann aber auch wieder nicht, denn es war ungefähr so groß wie siebzehn aneinandergereihte Cottages. Davor stand ein übertrieben gotisches Torhaus mit steinernen Nymphen, Wasserspeiern und lateinischen Inschriften; die eisernen Tore waren mit wucherndem Efeu und stacheligen Stechpalmenzweigen verziert.
Der Eindruck wurde etwas getrübt durch die Mülltonnen draußen, die darauf warteten, von Poppy in den Hof gebracht zu werden.
Während sie die Mülltonnen einzeln hineinschleppte, probte sie, was sie Iris sagen sollte. „Da ist was Lustiges passiert, ich habe vielleicht versehentlich eine Kette verzaubert, die wir heute im Laden verkauft haben.“ Ja, das käme bestimmt gut an. „Du weißt ja, wie fertig ich gestern Abend wegen Claudia war, richtig am Boden zerstört“ – dramatische Pause mit Schluchzer – „nun ja, Liebeskummer trifft jeden anders, und … Warte mal!“
Die Hand am Türriegel des Schuppens blieb Poppy stehen.
„Weißt du noch, wie du Herbert was in den Tee getan hast, als du rausgefunden hast, dass er dich betrogen hat? Nun, ich hab was Ähnliches gemacht. Nur nicht bei meiner Ex. Sondern bei einem völlig Fremden. Der hat’s bestimmt gleich seiner superheißen Freundin gegeben, und jetzt wird die bestimmt von einem Bus überfahren oder so –“
„Wer denn, Liebes?“
Poppy fuhr so sehr zusammen, dass sie stolperte und die Tonne im Fallen mit sich riss. Der Behälter landete auf ihr.
„Na ja, wenigstens war sie leer“, sagte Iris.
Iris war von mittlerer Größe und ihr Alter völlig unbestimmbar. Das lange graue Haar trug sie meist zu einer eleganten Frisur hochgesteckt, die Poppy niemals hinbekommen hätte. Geschmückt wurde das Ganze durch mit Edelsteinen oder Schildpatt besetzte Kämme. Heute hatte sie sich mit ihrer Kleiderwahl von Katharine Hepburn inspirieren lassen. Ihr Lidstrich war makellos.
Ausgestreckt lag Poppy auf den feuchten Pflastersteinen des Gartenwegs. Feuchtigkeit sickerte durch ihren Rock und durchnässte ihre Unterwäsche. Sie fragte sich, ob sie jemals auch nur einen Bruchteil von Iris’ Gelassenheit erreichen würde, selbst wenn sie ewig lebte.
„Schlechter Tag?“, fragte ihre Vermieterin.
„Könnte man so sagen“, erwiderte Poppy, während sich ihre Haare mit einem Joghurtbecher anfreundeten, der sich am Mülltonnendeckel verfangen hatte.
„Ist jemand gestorben?“
Poppy zuckte zusammen. „Noch nicht.“
„Dann ist ja gut. Ich mache uns Tee.“ Iris schlenderte zurück ins Haus.
Chaotisch zu sein, ist nicht schlimm. Das hatte Iris kurz nach Poppys Einzug gesagt. Chaos ist notwendig und gesund für die Entwicklung; es bringt Kreativität und haucht der festgefahrenen Ordnung neues Leben ein.
Nur … manchmal könnte Poppy etwas weniger davon gebrauchen.
Als sie dreizehn gewesen war, hatte ein süßer Junge namens Lee sie hinter den Fahrradständern der Schule geküsst, und Poppy war den ganzen restlichen Schultag wie auf Wolke sieben geschwebt – was für eine Hexe immer ein Problem war –, bis sie zufällig mitbekam, wie Lees Freund Ryan ihm gratulierte, dass er bei der Verrückten gelandet sei, und ihm dabei einen Fünfer zugesteckt hatte.
An der Uni hatte sie sich in eine glamouröse Doktorandin namens Sadie verknallt und war überglücklich gewesen, als diese sie zu einer Party in ihre WG eingeladen hatte. Poppy hatte allen Mut zusammengenommen und sie um ein Date gebeten, woraufhin Sadie sie nur mitleidig ausgelacht und ihr erklärte: „Mädchen wie ich gehen nicht mit Mädchen wie dir aus.“
Und dann war da noch Craig gewesen, dessen Social-Media-Profil verraten hatte, dass er während seiner Zeit mit Poppy mit drei weiteren Mädchen ausging – was aber offenbar keines von ihnen störte. Edward, Sohn eines Baronets, hatte mit Poppy rumgemacht und ihr dann erzählt, er würde ein umwerfend schönes Model heiraten. Und dann war da Stacey gewesen, die ein paarmal mit Poppy ausgegangen war und ihr dann gesagt hatte, sie sei einfach zu seltsam, und daraufhin prompt mit einer Frau schlief, die ihr eigenes Blut in einem Fläschchen um den Hals trug.
Poppy hatte sich sehr bemüht, keinen von ihnen zu bestrafen, weil sie ihr wehgetan hatten. Und abgesehen von dem dreizehnjährigen Lee, dessen Fanta sich über seinen Schoß , sodass es aussah, als hätte er sich eingenässt, war es ihr größtenteils gelungen. Sie hatte versucht, ihr Chaos für sich zu behalten und es in den Schmuck zu kanalisieren, den sie herstellte und im Hubble Bubble verkaufte.
Sie hatte versucht, nicht jedes Mal am Boden zerstört zu sein, wenn jemand, in den sie verliebt war, sie enttäuschte. Die meisten waren sowieso nur alberne Schwärmereien gewesen. Bis auf Claudia war eigentlich nichts Ernstes dabei gewesen, und Claudia … Nun ja, Poppy hatte sich in sie verliebt, und Claudia hatte mit irgendeiner Frau rumgemacht, die aussah, als wäre sie in der dritten Woche von The Apprentice rausgeflogen, und jetzt trieb ein verfluchter Anhänger sein Unwesen – und Gott allein wusste, was für ein Chaos er anrichtete.
Nachdem die Mülltonnen sicher verstaut waren, warf Poppy ihre durchnässten Klamotten in die Wäsche und schlüpfte stattdessen in bequeme Leggings und einen Pullover. Ihre Haare erlaubten es ihr, sie mit einem Zopfgummi nach hinten zu binden, was eine Erleichterung war, da sie ihr Bestes gegeben hatten, ihr den ganzen Tag über ins Gesicht zu rutschen.
Sie fand Iris im riesigen Gewächshaus, wo diese vorsichtig und sanft Setzlinge an einem gewundenen Rankgerüst hochleitete.
„Schau mal, es sieht aus wie ein Hexenhut!“, sagte sie. „Leroy vom Schrebergarten hat es für mich gemacht. Ist er nicht geschickt?“
Poppy, die das Gerüst bestimmt auch für Iris hätte anfertigen können, wenn sie sie gefragt hätte, lächelte. „Sehr. Ich glaube, er ist ein bisschen in dich verknallt, Iris.“
„Leroy?“, erwiderte Iris spöttisch. „Sei nicht albern. In seinem Alter.“
Da Poppy keine Ahnung hatte, wie alt Leroy war, und sie Iris’ Alter nicht einmal annähernd einschätzen konnte, zuckte sie nur mit den Achseln.
„Der Tee ist fertig.“ Iris deutete auf das Teetablett. „Und ich habe auch Gin mitgebracht. Also, dann erzähl mir mal, warum jemand von einem Bus überfahren werden könnte. Falls dich das alles aufwühlt, dann halt dich lieber von den Pflanzen fern, Liebes. Du weißt ja, was letztes Mal mit deinen Haaren passiert ist.“
Poppy setzte sich auf eine der kleinen schmiedeeisernen Bänke und trank ihren mit Gin versetzten Tee, während sie Iris erzählte, was an diesem Nachmittag geschehen war und was ihrer Meinung nach in der Nacht zuvor passiert war.
„Betrunken gewesen, aus Versehen einen Gegenstand verflucht und ihn dann vergessen“, fasste Iris zusammen, als Poppy verstummte. „Das kennen wir alle. Also, dieser Mann, von dem du denkst, dass Elspeth ihm den Anhänger verkauft hat –“
„Ich denke das nicht nur“, sagte Poppy. „Ich weiß es. Nachdem er weg war, konnte ich die Magie nicht mehr spüren. Ich habe es anfangs einfach nicht bemerkt.“
Iris nickte. „Aber du weißt, wer er ist?“
Poppy zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich kenne seinen Namen. Zumindest seinen Künstlernamen. Niemand kann wirklich Axl Storm heißen, oder?“
Iris machte eine wegwerfende Handbewegung, während sie einen Steckling ein kleines Stück zurückschnitt. „Das sagst du so, aber ich kannte mal einen Kerl namens Castle, dessen Tochter Windsor hieß. Ich nehme an, Axl Storm ist nicht so schwer zu finden, oder? Vielleicht können wir einen Ortungszauber wirken. Es ist Jahre her, dass ich so etwas für eine Person gemacht habe und nicht für dein Handy oder deine Schlüssel.“
„Vielleicht müssen wir das gar nicht.“ Traurig holte Poppy ihr Handy heraus und zeigte Iris das Foto, das sie von einem Werbeplakat an einem Bus gemacht hatte.
„Axl Storm ist ein Phänomen“, las Iris mit dramatischer Stimme vor. „Fünf Sterne … Edinburgh Festival … Internet-Sensation … Pure sexuelle Anziehungskraft.“ Sie sah genauer hin. „Er erinnert mich an jemanden. Glaubst du, das sind seine echten Augen?“
„Seine Augen waren blau“, sagte Poppy und versuchte, nicht daran zu denken, wie viel attraktiver er in Wirklichkeit war als auf diesen absurd übertriebenen Postern.
Iris blickte sie über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Aha“, sagte sie. Sie richtete sich auf. „Na, dann ist es ja einfach. Wir gehen heute Abend ins Mysterio und holen die Kette zurück.“
„Heute Abend?“ Poppy war auf dem Heimweg mit dem Fahrrad am Mysterio Theatre vorbeigefahren. In der Hoffnung, dass eines der Tickets zurückgegeben würde, hatten draußen schon Leute Schlange gestanden, unter dem glühenden Blick von Axl Storm höchstpersönlich.
Iris nickte in Richtung des Handy-Displays. „Heute hat seine neue Show Premiere.“ Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig vor Beginn der Vorstellung. Wir könnten uns hinter die Bühne schleichen und den Anhänger klauen.“
„Iris“, mahnte Poppy.
„O ja. Ich könnte sie ablenken – ein bisschen echte Magie! – und du schlüpfst rein. Zieh was Schwarzes an. So wie in diesen Tom-Cruise-Filmen.“
„Iris.“
„Oder vielleicht klaue ich ihn. Niemand verdächtigt eine alte Dame. Wie steht’s mit deiner Femme fatale?“ Iris musterte Poppy, die Leggings und Hoodie trug und deren Haare voller Zweige waren. „Na ja, vielleicht könnte ich ja einen Illusionszauber wirken –“
„Iris“, sagte Poppy. „Nein.“
Iris seufzte dramatisch und deutete mit ihrer Gartenschere auf Poppy. „Du bist echt unlustig. Dann kaufen wir uns wohl einfach Karten. Sei so nett und ruf uns ein Uber.“
Poppy starrte sie an. „Karten? Eine Stunde vor der Premiere? Für eine Show mit so vielen Fünf-Sterne-Bewertungen? Für einen Typen mit so vielen Online-Fans, dass sie sogar einen eigenen Namen haben?“
„Wie lautet er?“, wollte Iris wissen. Vorsichtig schnitt sie ein weiteres Stück Efeu ab.
„Die Stormjäger.“ Poppy verzog das Gesicht. „Außerdem habe ich schon nachgesehen. Die Show ist seit Wochen ausverkauft.“
Iris schnaubte nur. „Liebling“, sagte sie, „wir sind Hexen. Wir können Karten für alles bekommen, was wir wollen.“
***
„Wie ist das Publikum?“, fragte Alex Jonno, als sie an einer Gruppe Goth-Wikinger vorbeigingen, die sich aufwärmten.
„Oh, super. Voll. Aufgeregt.“
„Kritiker?“
„Nur die netten.“
Alex warf ihm einen Seitenblick zu, aber in Wahrheit wollte er die Wahrheit nicht hören, und Jonno wusste das. Sie gingen an einer kleinen Nische mit Waschbecken vorbei. Alex blieb stehen. Würde ihm übel werden? Nicht dieses Mal. An Premierenabenden war das nicht immer abzuschätzen.
Vorhin war ihnen die Magermilch ausgegangen, deshalb hatte er seinen Nachmittags-Shake mit teilentrahmter Milch zubereitet, und Alex war sich ziemlich sicher, dass er deren Fett im Magen spürte. An einem Premierenabend. Das würde ihn wahrscheinlich einen seiner fünf Sterne kosten.
„Hast du deine Glückssocken an?“, fragte Jonno, während sie zurück zu Alex’ Garderobe gingen.
„Ja.“ Sie hatten kleine schwarze Katzen darauf und ein Loch über dem rechten kleinen Zeh.
„Glücksunterhose?“
„Meine Unterhose geht dich nichts an“, sagte Alex.
„Vermutlich trägst du gar keine.“ Jonno verzog das Gesicht. „Findest du das nicht unhygienisch?“
Alex hatte dieses Wortgeplänkel schon tausendmal mit Jonno geführt und schätzte es immer noch, weil es ihn von den unzähligen Dingen ablenkte, die auf der Bühne schiefgehen konnten. Vor allem, da er jetzt viel mehr wog. Alex versuchte auszurechnen, wie viel er zugenommen hatte, da er Milch mit einem Prozent mehr Fett getrunken hatte. Der Shake hatte allerdings um einiges besser geschmeckt. Was nicht viel hieß.
„Eigentlich ist es mir egal, ob du Unterwäsche trägst oder nicht, weil ich deine Wäsche nicht wasche“, sagte Jonno. „Hast du noch den Glücksring, den dir dein Urgroßvater zusammen mit seinem okkulten Wissen vererbt hat?“
„Den, den ich für anderthalb Dollar in so einem zwielichtigen Pfandhaus in Atlantic City gekauft habe?“, fragte Alex und zeigte auf seine linke Hand. „Immer.“
„Genau das lieben die Zuschauer an dir“, sagte Jonno, als sie Alex’ Garderobe erreichten. „Die Authentizität.“
„Zehn Minuten bis zum Auftritt“, rief die Inspizientin, als sie vorbeihuschte.
„Danke, zehn.“ Alex spannte die Schultern an, während er auf das Danke, zehn aus der nächsten Garderobe lauschte, aber Yelenas Stimme war deutlich zu hören, und er entspannte sich.
„Heute Nachmittag dachte ich wirklich, sie würde gehen“, sagte Jonno.
„Aber sie ist nicht gegangen“, gab Alex zurück. Er beugte sich über den Schminktisch und betrachtete seinen Lidstrich. Vielleicht brauchte er mehr.
„Du hast gezaubert“, behauptete Jonno.
„Das ist mein Job.“ Er musterte sich kritisch.
Der Mann, der ihn anblickte, war umwerfend. Alex hatte das letzte Jahrzehnt daran gearbeitet. Bauchmuskeln, Brustmuskeln und Bizeps waren perfekt geformt, die Kieferpartie markant und kantig. Von Percy Beaker oder Sandy Grubb war nichts mehr zu sehen und auch von Alex Raine selbst immer weniger.
„Was hast du auf den Zettel geschrieben?“
Alex öffnete den Mund, um es zu erklären, spürte aber, wie ihm die Galle hochstieg, und schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Waschbecken, bevor er sich übergab.
Alles gut, sagte er sich. Jeder ist vor einer Premiere nervös. Dass deine wichtigste Nebendarstellerin dich immer noch nicht ausstehen kann, spielt keine Rolle. Im Theaterbusiness hasst sich jeder.
Er ignorierte die Stimme in seinem Hinterkopf, die sagte, dass die meisten Theaterleute keine Stunts machten, die sie umbringen könnten, wenn ihre Partnerin sauer war.
„Geschätzte Teamkollegin“, keuchte er. „Vertraute Freundin.“
„Und das hat gewirkt?“, fragte Jonno, diesmal etwas taktloser als üblich.
„Fünf Minuten, bis ihr auf eure Posten müsst!“
„Danke, fünf!“, riefen beide zurück.
„Besser wäre es“, sagte Alex, stand auf und griff nach dem Mundwasser. „Außerdem habe ich ihr ein Geschenk gemacht, und das hatte etwas, was alle guten Geschenke haben.“
„Was denn?“, fragte Jonno.
Alex überprüfte, ob sein Haarteil fest saß und alle Karabinerhaken des Gurtes an ihrem Platz waren, und strich den Kunstpelzumhang glatt. „Authentizität.“
***
Iris bei der Arbeit zuzusehen war immer lehrreich. Zwar lag ihre besondere Gabe darin, Dinge zum Gedeihen zu bringen, doch sie beherrschte fast jede Facette der Hexerei. In diesem Moment versuchte sie gerade, jemanden zu überreden.
„Genau“, sagte sie und hielt dem Platzanweiser ein leeres Blatt Papier hin. „Die besten Plätze im Haus. Mitte vorn im Parkett, ja? Wunderbar. Komm mit, Poppy.“
Poppy lächelte den verdutzten Platzanweiser nervös an und eilte an ihm vorbei in den voll besetzten Saal. Die Leute machten Iris Platz, wenn sie sich ihnen näherte. Poppy vermutete, dass sich keiner von ihnen darüber im Klaren war; sie taten es einfach, und Iris schritt schnurstracks zu ihren Plätzen – die tatsächlich die besten im ganzen Theater zu sein schienen.
Die Bühne war gut sichtbar, kein Vorhang zu sehen. Rauch wirbelte um einen Steinmonolithen, der mit Runen beschriftet war, die mit ziemlicher Sicherheit Unsinn bedeuteten, und der dramatisch in wechselnden Blau-, Violett- und Grüntönen beleuchtet wurde.
„Sollten wir nicht versuchen, hinter die Bühne zu kommen?“, zischte Poppy Iris zu, die es sich auf ihrem Platz bereits bequem gemacht hatte und das Programmheft las.
„Hmm? Oh, in der Pause. Ich mag das Theater, Pops.“
„Ja, aber wir sind hier, um den Anhänger abzuholen, und ich bin mir nicht sicher, ob es eine Pause gibt.“
Iris schien sie nicht zu hören. „Er ist wirklich ein Hingucker, nicht wahr? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich seinen Großvater kannte.“
Das lenkte Poppy so sehr ab, dass sie einen Blick auf das Programm warf. „Was, wirklich?“
„Mmm. Vor dem Krieg. Café de Paris. Ein umwerfender Kerl. Sah diesem Jungen unglaublich ähnlich, trug sogar ebenfalls Eyeliner. Das war damals so exotisch. Natürlich sieht man heute nur noch auf der King’s Road Jungs mit – ja? Können wir Ihnen helfen?“ Das galt einem Paar, das mit Eintrittskarten in der Hand und verwirrtem Blick auf sie zukam.
Angesichts Iris’ Selbstsicherheit sagte der Mann etwas zögerlich: „Ich glaube, das sind unsere Plätze.“
„Ich nicht“, erwiderte Iris und wandte sich wieder dem Programmheft zu.
„Vielleicht ist da ein Fehler passiert“, sagte Poppy entschuldigend.
Ohne aufzusehen, murmelte Iris: „Vielleicht haben Sie furchtbare Kopfschmerzen und sollten wieder nach Hause gehen.“
Sofort fasste sich der Mann an den Kopf. „Mein Kopf brummt, Liebes“, sagte er.
„Meiner auch. Vielleicht liegt es am Licht.“
„Vielleicht sollten wir …?“
„Ja. Tut uns leid, dass wir Sie gestört haben.“
Poppy warf Iris einen strengen Blick zu. „Das war gemein. Das sind bestimmt teure Plätze, die sie vor Ewigkeiten gebucht haben.“
Iris seufzte und schloss kurz die Augen. „Volle Rückerstattung und neue Tickets für ein Datum ihrer Wahl“, sagte sie und öffnete die Augen. „Zufrieden? Schau mal, hier steht, er hat den Preis für die beste Zaubershow beim Adelaide Fringe gewonnen. Glaubst du, sie kommen mit Eis vorbei?“
Ob sie kommen würden oder nicht, blieb unbeantwortet, denn plötzlich wurden die Lichter gedimmt, und jemandes Stimme dröhnte aus allen Richtungen gleichzeitig.
„Fürsten, Bürger und Leibeigene“, tönte sie, und Poppy erkannte die sonore Stimme von Männerdutt, nur tiefer und mit zusätzlichen Effekten. „Willkommen zu meinem Festival der arkanen Künste. Wo Sehen Glauben heißt, aber Glauben nicht unbedingt Sehen, und nichts ist, wie es scheint.“
„Das ergibt überhaupt keinen Sinn“, murmelte Poppy.
„Bitte bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit auf Ihren Plätzen, denn das Eingreifen in ein dunkles Ritual kann verheerende Folgen haben.“
Poppy spürte eher, als dass sie sah, wie Iris’ durchdringender Blick auf ihr ruhte, und sank etwas tiefer in den Sitz.
Sie hätten sofort nach dem Anhänger suchen sollen, anstatt sich die Show anzusehen. Poppy hatte keine Ahnung, was sie mit dem verdammten Ding angestellt hatte, aber angesichts ihrer Gefühle für Claudia am Vorabend würde es wohl kaum mit Hundewelpen und Küsschen enden.
Ein Raunen im Publikum lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Bühne, wo der Rockstar-Wikinger höchstpersönlich erschienen war – in Lederhosen, mit aufregendem Make-up und einem Pelzumhang, in dem es unter den Bühnenlichtern bestimmt furchtbar heiß war. Der Wikinger posierte unter großem Applaus und schwadronierte dann eine Weile über geheimnisvolle Künste, während sich sexy Tänzerinnen um ihn wanden. Poppy fragte sich, wofür die leere Kiste rechts von ihnen wohl gut sein sollte. Wahrscheinlich für eine dramatische Verschwinde- und Enthüllungsszene.
„Das kann ich nicht ernst nehmen“, murmelte Poppy zu Iris, die wie gebannt wirkte. Von irgendwo hatte sie Popcorn herbeigezaubert.
„Oh, sieh dir diese Brust an, Liebes. Die ist echt umwerfend. Und die Bauchmuskeln. Nennt man das ein Sixpack?“
Jemand in der Nähe zischte: „Pscht!“
Iris kniff die Augen zusammen, und aus dem Pscht! wurde abrupt ein Husten.
Auf der Bühne verkündete Axl Storm, dass seine mächtige Magie die Götter erzürnt hätte und sie ihn eingesperrt hätten, er aber entkommen sei – und ob sie sehen wollten, wie?
Das Publikum jubelte lautstark. Ein Käfig wurde hereingebracht und Axl mit großem Pomp darin angekettet. Dann, als überraschende Wendung, wurde der Käfig in Brand gesetzt.
Die Musik, die im Hintergrund gewabert hatte, schwoll nun an. Poppy beobachtete die Bühne, wo sich verschiedene Tänzerinnen und Tänzer wanden und gestikulierten, während Axl sich in der brennenden Zelle verrenkte. Sie fragte sich, ob sonst noch jemand den Moment bemerkt hatte, in dem Axl während der Fesselungsszene dramatisch zu Boden geschlagen worden und aus dem Blickfeld verschwunden war.
„Falltür und Körperdouble?“, murmelte sie Iris zu.
„Nicht verraten!“, zischte Iris. „Aber ja.“
Und tatsächlich, nach einigen qualvollen Minuten, in denen es so aussah, als würde Axl in den Flammen im Käfig umkommen, machte ihn ein dramatischer Lichtblitz unsichtbar, und als das Licht verblasste, waren nur noch der Pelzumhang und ein verkohltes Skelett übrig.
Das Publikum schnappte nach Luft. Poppy fragte sich, warum Axls Körper verbrannt sein sollte, aber nicht sein Pelz. Dann richtete sich ein Scheinwerfer auf einen sexy Wikinger, der – ja, genau – in der leeren Kiste auftauchte, die rechts oben auf halber Höhe hing. Sie lachte.
„Aber die Götter konnten mich nicht gefangen halten“, sagte er und schwebte scheinbar auf die Bühne herab, wo er eine aufwendige Hinrichtungsszene inszenierte, in der er eine Enthauptung zu überleben schien. Jemand links von ihnen schrie auf, als das Blut über die Bühne spritzte, und Poppy musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht loszukichern.
Dann kam die Walhalla-Sequenz, die sie auf Elspeths Handy gesehen hatte. Die sexy Walküre erschien und schwebte mit prächtigen Flügeln auf die Bühne herab. Sie trug den gefallenen Krieger in seiner historisch fragwürdigen Rüstung. Poppys Lächeln verschwand, denn um den Hals der Walküre hing ihr Anhänger.
Er leuchtete im Bühnenlicht, was Lapislazuli normalerweise nicht tat. Poppy spürte die Magie, die in Wellen von ihm ausging, wie ein Sonar, das ihre Konzentration störte.
Iris erstarrte neben ihr, ihre Hand umklammerte Poppys. Was sollen wir tun? Sollten wir überhaupt etwas unternehmen? Aber was? Mitten in der Show aufspringen und „Nimm das Amulett ab, es ist verzaubert und böse!“ rufen? Die Leute würden entweder darüber lachen, oder sie würden es einfach für einen Teil der Show halten.
Aber was sollte das Amulett überhaupt bewirken? Poppy glaubte nicht, dass sie es verflucht hatte. So etwas war einfach nicht ihre Art. Vielleicht hatte sie es gesegnet, um dem Träger zu geben, was er verdiente. Aber Männerdutt – Axl – hatte den Anhänger auf der Suche nach Erleuchtung gekauft. Würde die Walküre plötzlich erkennen, wofür sie es verdiente, bestraft zu werden? Das schien unwahrscheinlich.
Gespannt beobachtete sie, wie Walküre und Krieger zu Boden glitten. Es folgten laute Gesänge, als ihm der rauchende Kelch mit dem – was auch immer – überreicht wurde, bevor er auf magische Weise in die Kulissen entschwand. Das Publikum schnappte nach Luft.
„Sehr geschickt“, murmelte Iris, und Poppy begann sich zu entspannen. Natürlich würde ihr Anhänger niemandem schaden. Es war ja nur ein bisschen Metall und Edelstein. Schlimmstenfalls würde er das tun, was er versprach – Erleuchtung bringen. Vielleicht würde die Walküre erkennen, dass sie mit dieser albernen Show ihre Zeit verschwendete, und sich einen richtigen Job im West End oder beim Film suchen, oder –
Das leise Keuchen des Publikums zog Poppys Aufmerksamkeit zurück auf die Bühne. Die Walküre flog mit ihrem nächsten Krieger, dem in Schwarz gekleideten, herein, doch diesmal schien sie mitten in der Luft stehen zu bleiben. Als Vollblutprofi schürzte sie weiterhin die Lippen und warf ihre geflochtene, steife Mähne zurück, während Axl auf der Bühne die letzte Strophe seiner beschwörenden Rede wiederholte. Seine Hände leuchteten auf eine Weise, die Poppy noch nicht deuten konnte. Der schwarz gekleidete Krieger stieß ein theatralisches Stöhnen aus.
Dann bewegten sie sich wieder, und Poppy sah, wie sich alle ein wenig entspannten, kurz bevor etwas in einem Funkenregen explodierte und der Krieger mit einem Schrei gegen den Monolithen krachte. Das Publikum applaudierte. Poppy erstarrte vor Entsetzen.
Eines der Halteseile der Walküre war offensichtlich durchtrennt worden, und sie schwang in einem eleganten Bogen über die Bühne, bevor das zweite Seil riss und sie hilflos auf die Bühne stürzte, die steile Rampe hinunterpurzelte und gegen die Scheinwerfer am Bühnenrand prallte.
Erst, als jemand laut „Hinsetzen!“ rief, bemerkte Poppy, dass sie aufgesprungen war.
Einen Moment lang rührte sich niemand auf der Bühne, dann begann Axl bebend: „Meine Walküre, welches Böse hat dieser Krieger dir angetan?“, und verstummte, als die Walküre zu schreien begann.
Poppy trat mit einem Fuß auf die Fernglashalterung am Vordersitz, mit dem anderen auf die Rückenlehne und sprintete über die Reihen nach vorn, wobei sie zwischen den Zuschauern hindurchsprang. Danke, Luftakrobatik-Kurse! Bevor die Bühnenarbeiter oder der Sicherheitsdienst sie aufhalten konnten, war sie auf der Bühne und kniete neben der gefallenen Walküre nieder.
Deren rechter Arm war völlig verdreht, und eines ihrer Beine hatte eine zusätzliche Ecke. Als das pulsierende, gemusterte Licht der Bühnenbeleuchtung darüberflackerte, erkannte Poppy, dass sie Blut und Knochen sah, und wandte sich schockiert ab.
Ihr Blick traf abrupt Axls, und sie rief: „Stoppt die Vorstellung! Ruft einen Krankenwagen!“
Er schluckte und schien einen Moment wie erstarrt. „Yelena“, murmelte er.
„So heißt sie? Yelena? Rufen Sie einen Krankenwagen!“ Plötzlich fühlte sich Poppy absolut kompetent, wandte sich an das Publikum und legte all ihren Willen in ihre Stimme. „Das gehört nicht zur Show. Ruft bitte einen Krankenwagen!“
Ein nervöses Lachen ertönte aus der ersten Reihe. Poppy sah, wie Iris sich ihren Weg zur Bühne bahnte und dabei die Theatermitarbeiter absichtlich behinderte.
„Bleiben Sie ruhig, Yelena“, sagte Poppy so beruhigend wie möglich. Sanft strich sie Yelena über die Schulter, das Schlüsselbein, die Kette des Anhängers. „Alles wird gut. Bleiben Sie ruhig liegen, Hilfe ist unterwegs.“
Verdammt. Der Verschluss, den sie selbst angefertigt hatte, saß zu fest, und das verdammte Ding ging einfach nicht ab. Poppy zerrte daran, aber Yelena wimmerte, also hörte sie auf.
„Licht an!“, rief Axl, und sie sah zu ihm hinüber. Er beugte sich über den Mann, der gegen den Monolithen geprallt war. „Meine Freunde!“, wandte er sich mit seiner dröhnenden Stimme an das Publikum. „Es tut mir leid, aber dies ist nicht Teil der Show. Bitte betrachten Sie es als …“ Er blickte zur Seite. „… eine spontane Pause und begeben Sie sich zur Theaterbar, wo Erfrischungen bereitstehen. Vielen Dank.“ Unmittelbar nach diesen hilfreichen Worten fing der Bühnenvorhang Feuer.