Kapitel eins
London, Frühling 1815
Von den meisten jungen Damen wurde erwartet, dass der Besuch ihres ersten Balls sie nervös machte, aber diese Nervosität war vermutlich nicht darin begründet, dass sie fürchteten, versehentlich die Gemälde an den Wänden zum Leben zu erwecken.
Lady Theophania Worthington fürchtete jedoch genau das. Und als sie schließlich auf Lady Russells großem Ball angekündigt wurde, erstarrte sie für gefühlte eineinhalb Stunden am oberen Treppenabsatz, bevor ihr panischer Blick zu dem vor Zorn verzerrten Gesicht ihrer Schwägerin schnellte. Elinor hatte sie wochenlang für diesen Auftritt dressiert. Alles musste perfekt sein. Sie durfte ganz und gar nichts falsch machen. Ihre gesamte Zukunft hing von diesem einen Moment ab.
Angst durchströmte sie, ließ ihre Handflächen in ihren Handschuhen schwitzen und sorgte dafür, dass die Kreidemuster auf dem Boden des Ballsaals herumwirbelten und sich bewegten …
Nein! Nicht jetzt! Bitte nicht jetzt!
Sie versuchte verzweifelt, sie dazu zu bringen, sich nicht mehr zu bewegen, verlor das Gleichgewicht, griff nach dem Geländer ohne Hoffnung darauf, es noch zu erreichen, taumelte einen schrecklichen, ihr den Atem raubenden Moment lang und landete schließlich in den Armen eines Piraten.
„Geht es Ihnen gut?“ Seine Augen hatten die Farbe von kräftiger, dunkler Schokolade, und er hatte eine Narbe auf der Wange. „Miss?“ Sein Haar war schwarz wie die Nacht und wild gelockt. „Sind Sie verletzt, Miss …“
„Tiffany“, flüsterte Tiffany, die es schon immer gehasst hatte, Theophania genannt zu werden, da das eindeutig der Name eines verstaubten alten Blaustrumpfes oder einer mürrischen unverheirateten Tante war.
„Lady Tiffany“, zischte ihre Schwägerin und korrigierte sich dann eilig: „Lady Theophania. Wir sind nicht mehr im Klassenzimmer, nicht wahr, meine Liebe?“
Der Pirat hob eine Augenbraue, während er Tiffany aufrichtete, und sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Natürlich sorgte sich Elinor mehr darum, dass Tiffany richtig angesprochen wurde, als darum, dass sie unverletzt war. Musste sie das aber so deutlich vor einem gut aussehenden Unbekannten zeigen?
„Vielen Dank, Mr …“
Er sah sehr belustigt aus. „Santiago, Lady Tiffany“, sagte er und machte eine vollkommene Verbeugung. Die Art von Verbeugung, die schon vor einer Generation aus der Mode gekommen war – genau wie das Tragen grünen Samts zu einer Abendveranstaltung, dachte Tiffany, als sie ihn noch einmal eingehender betrachtete. Und einer Brokatweste. Und eines so locker gebundenen Halstuchs, dass es ihn wie einen Arbeiter aussehen ließ.
Einen besonders gut aussehenden Arbeiter mit funkelnden Augen und Lippen, die den Anschein erweckten, er würde sich sehr anstrengen, nicht zu lächeln.
„Haben Sie herzlichen Dank, Mr Santiago“, sagte Elinor mit streng unterdrückter Verachtung für die bloße Fremdheit seines Namens und Auftretens. Sie führte Tiffany bereits fort. „Komm mit, Theophania. Ich möchte dir ein paar Leute vorstellen. Es wird erzählt, dass der verschollene Duke of St James zurückgekehrt ist, und wäre es nicht eine wirklich großartige Überraschung, wenn du Duchess werden würdest …“
Tiffany blickte flüchtig über ihre Schulter, während sie von dem Piraten fortgeführt wurde. Als er sie angrinste, blitzte ein Hauch von Gold an seinem Ohr auf. Er zwinkerte ihr zu, was dafür sorgte, dass Hitze in ihr aufwallte.
In diesem Moment erwachten die Kreide-Arabesken auf dem Boden zum Leben.
***
Als er sich durch das Fenster davonmachte, kam Santiago zu dem Schluss, dass er über die englische Gesellschaft wohl in großem Maße getäuscht worden war.
Niemand hatte ihm erzählt, dass es so langweilig sein würde, dass der ton jedem, der nicht genau wie die anderen aussah, so kalt gegenübertrat oder dass die Kreidezeichnungen auf dem Boden zum Leben erwachen würden.
Santiago hatte gesehen, wie violette Flammen einen Schiffsmast umspielt hatten, wie Lava blau gebrannt hatte und wie Pflanzen kleine Nager verspeist hatten, aber noch nie hatte er gesehen, wie Kreidezeichnungen sich bewegten und Menschen zum Stolpern brachten.
War das eine Illusion gewesen? Irgendein Streich, der den Gästen gespielt worden war? Schließlich war nichts hier, wie es schien. Einschließlich ihm.
Er hörte die Leute noch immer schreien und grölen, als er in ein Blumenbeet trat und sich umblickte. Nichts davon war wirklich notwendig, dachte er. Eigentlich waren nur ein paar Personen gestolpert, und der Rest hatte sich einfach daraus ergeben.
Nur eine einzige Dame war nicht in Ohnmacht gefallen oder hatte geschrien, und das war die Erscheinung in Silber gewesen, die zuvor bereits in Santiagos Arme gestolpert war. Sie war einfach davongerannt.
Ihr Haar war hell wie Mondschein, ihre Wangen waren in der blassrosa Farbe des zartesten Morgenrots gerötet, ihre Augen glichen der sturmgepeitschten See. Ihr Kleid bestand aus silberfarbenen Spinnfäden, die aussahen wie Perlen oder schimmerndes Sternenlicht. Eine Meerjungfrau. Eine Sirene.
Er schüttelte sich. Sie war nur eine menschliche Frau und obendrein Teil dieses absurden Karussells. Sie war eine Lady. Lady Tiffany. Das klang weich, sanft. Eine Schande, dass ihre Anstandsdame eine Art Harpyie war.
In Singapur war Santiago einst von Dieben eine Gasse entlanggetrieben worden und nur entkommen, indem er eine verzierte Säule emporgeklettert war, als würde er die Webeleinen eines Schiffes erklimmen. Aber in Lady Dings’ Garten gab es herzlich wenig Webeleinen, und außerdem ging er nicht davon aus, dass Lady Tiffany schon viel Zeit auf einem Schiff verbracht hatte.
Er schlug sich zu der Anordnung von Hecken und Lauben durch, die wohl als Treffpunkt für Liebende entworfen worden war, dachte darüber nach, zu pfeifen, und entschied sich dann verwegen dagegen. Das Knirschen seiner Stiefel auf dem Kies reichte vermutlich aus, um jeden auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen.
Zumindest diejenigen, die nicht mit ihrem silberfarbenen Rock in beiden Händen und töricht nach hinten gerichtetem Blick rannten.
„Lady Tiffany“, sagte er, als sie – auf nicht unangenehme Art – mit ihm zusammenstieß. Ihre weit aufgerissenen blauen Augen starrten panisch zu ihm herauf. Aus ihrer Frisur war die Hälfte der Haarnadeln herausgefallen, sodass sich ihre ordentlichen Locken gelöst hatten und die Haare langsam seitlich an ihrem Kopf hinabfielen. Ihre milchweiße Brust hob und senkte sich in ihrem so weit ausgeschnittenen Kleid, dass ein nur leicht tieferer Atemzug all ihre Reize vor ihm entblößt hätte.
Santiago erinnerte sich zögerlich daran, dass er an diesem Abend versuchte, ein Gentleman zu sein, und zwang seinen Blick hinauf auf ihr Gesicht.
Er deutete auf eine kleine Nische in der Hecke. „Ich glaube, wir sind nun allein“, sagte er.
***
Der Pirat führte sie zu einer Nische, in der eine Bank stand. Ein Steinlöwe blickte verzagt auf die frühen Rosen. „Setzen Sie sich. Geht es Ihnen gut?“
Tiffany starrte ihn an. In der Dunkelheit konnte sie seine Gesichtszüge nicht genau erkennen, aber das Mondlicht zeigte ihr seine weißen Zähne und das goldene Funkeln in einem Ohr. Vielleicht war er wirklich ein Pirat. Die Art, die unschuldige Reisende entführte und sie in die Sklaverei verkaufte. Er hatte einen Akzent, den Tiffany nicht zuordnen konnte, aber das lag vermutlich daran, dass Tiffany noch nie jemanden getroffen hatte, der nicht genau den gleichen Akzent hatte wie sie selbst. Aber warum war er auf diesem Ball? Wie war er hineingekommen?
„Warum tragen Sie Grün?“, platzte sie heraus.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich mag Grün. Warum tragen Sie Grau?“
Tiffany verzog gereizt das Gesicht. „Das ist kein Grau, es ist Silber.“
Ein Aufblitzen weißer Zähne in der Dunkelheit. Er lachte sie aus! „Mein Fehler“, sagte der Pirat ernst.
„Gentlemen tragen am Abend kein Grün“, erklärte Tiffany ihm.
„Das ist mir aufgefallen“, erwiderte er. „Finden Sie das nicht trist?“
Tiffany blinzelte ihn an. Ja, das tat sie, aber sie hatte diesen Gedanken zuvor noch nie zugelassen. Gentlemen trugen am Abend Schwarz mit schneeweißen Hemden, denn so funktionierten die Dinge nun mal. Niemand stellte das infrage.
„So … funktionieren die Dinge nun mal“, sagte sie stirnrunzelnd.
„Was ist dort drinnen passiert?“, fragte er. „Mit der … Kreide? Sie schien …“ Er wedelte elegant mit der Hand. „… lebendig geworden zu sein.“
Tiffany wollte sich krümmen und sich mit den Füßen auf der Bank zu einer Kugel zusammenkauern, aber das war nicht besonders damenhaft, und außerdem machten ihre starren Korsettstangen sogar das Hinsetzen zu einer Aufgabe, die Übung erforderte. Es war kühl draußen, und ihre Haut war feucht vor Anstrengung. Sorgfältig breitete sie ihren Rock über ihren Tanzschuhen aus.
„Die Kreide“, wiederholte er nachdrücklich. „Ist das … normal?“
„Normal?“ War er einfältig? „Halten Sie es für normal, wenn Kreidezeichnungen auf gesellschaftlichen Bällen zum Leben erwachen?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe noch nie zuvor einen besucht.“
„Haben Sie je eine Veranstaltung besucht, auf der Kreidezeichnungen zum Leben erwacht sind?“
„Nein.“ Er schien darüber nachzudenken. „Aber ich habe ein paarmal Opium versucht, und die Dinge, die ich dann gesehen habe, waren seltsamer als das.“
Tiffany begann sich nach Fluchtwegen umzuschauen. „Haben Sie jetzt Opium eingenommen?“
„Nein. Leider nicht.“ Erneut grinste er. „Vielleicht hätte das den Abend unterhaltsamer gemacht.“
„Finden Sie Bälle nicht unterhaltsam?“
„Sie stellen viele Fragen, wissen Sie das?“
„Genau wie Sie“, erwiderte Tiffany launisch.
Er seufzte und setzte sich neben sie, lehnte sich auf der Steinbank zurück und streckte seine langen Beine aus. Zumindest trug er dunkle Kniebundhosen und Strümpfe, auch wenn die Schnallen an seinen Schuhen ehrlich gesagt ordinär waren.
Tiffany schaute zu, wie er ein schmales Etui aus seinem grässlichen Jackett zog. Als er es öffnete, kam darin eine Auswahl an Zigarren zum Vorschein. Er bot sie ihr an, und sie starrte sie eine Sekunde lang an, bevor sie stumm den Kopf schüttelte. Er zuckte mit den Schultern und zündete sich selbst eine Zigarre an.
„Sind alle Feste so wie dieses? Eine Vielzahl von Leuten nimmt daran teil, manche von ihnen hüpfen auf und ab, niemand spricht mit irgendjemandem, den er nicht bereits kennt, alle tragen das Gleiche? Bei den Damen zeigt sich zumindest eine gewisse Variation, aber warum haben alle in diesem Land eine Abneigung gegen Farbe?“
Tiffany glättete erneut ihren silberfarbenen Rock über ihren elfenbeinfarbenen Schuhen und strich sich eine Strähne ihres blassen Haars hinter ihr weißes Ohr. Bei der Schneiderin hatte sie ein reizendes dunkelblaues Kleid gesehen, aber offenbar galt dieser Farbton als vulgär. Es war ihr nur gelungen, an das silberfarbene Kleid zu gelangen, weil Elinor sie unbeaufsichtigt gelassen hatte. Das würde vermutlich nicht noch einmal passieren.
„Die Offiziere tragen ihre Regimentsuniformen“, stellte sie fest. Eine Vielzahl von ihnen hatte sich auszahlen lassen, nachdem vor einem Jahr Frieden geschlossen worden war, aber es gab noch immer genug von ihnen in Scharlachrot und Blau, die die Ballsäle schmückten.
„Und die anderen Männer?“
„Am Abend tragen alle Schwarz und Weiß.“ Gewiss war das bekannt?
„Aber warum?“
Tiffany blinzelte. „Meine Schwägerin sagt, leuchtende Farben seien geschmacklos“, erklärte sie.
„Stimmen Sie ihr zu?“
Nein. Aber während sie in Elinors Haus lebte, musste sie Elinors Regeln befolgen, und da Elinor jedes Wort glaubte, das sie in La Belle Assemblée las, hatte es keinen Zweck, mit ihr darüber zu diskutieren.
„All diese Männer in Schwarz“, sagte er und seufzte. „Es sieht aus wie auf einer Beerdigung.“ Er fügte hinzu: „Ich sollte mich vermutlich besser daran gewöhnen. Mein Hafenvorarbeiter hat gesagt, adlige Schnösel tragen jahrelang Schwarz, wenn jemand stirbt.“
Tiffany verschluckte sich leicht und fragte: „Adlige … was sagten Sie?“
„Schnösel.“ Er schaute sie an und lachte. „Ah. Das ist also ein weiteres unangebrachtes Wort. Es scheint so viele davon zu geben. Vielleicht war es ein Fehler, Ratschläge zur Etikette von einem Hafenarbeiter aus Limehouse anzunehmen.“
Tiffany lachte ungläubig. Wer um alles in der Welt war dieser Mann? „Haben Sie sonst niemanden, den Sie fragen könnten?“, hakte sie nach.
Mr Santiago zog die Schultern hoch. „Nein. Mein Vater ist tot, meine Mutter lebt im Kloster, und mein Großvater ist sowohl Hunderte Kilometer weit weg als auch tot.“ Er sagte es, als beschriebe er die Haarfarbe und Größe seines Großvaters. Mein Großvater stammt aus Yorkshire, er ist durchschnittlich groß und ziemlich tot.
„Das tut mir so leid …“
„Warum? Wir haben einander nie kennengelernt und hätten es vermutlich auch nie.“ Er seufzte, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. „Sie halten mich für kaltherzig. Aber er war … kein Teil meines Lebens.“ Er zuckte gleichgültig mit den Schultern, und Tiffany fragte sich, was er wohl eigentlich hatte sagen wollen. „Und ich habe keine Bindung zu ihm. Ich bin nur in der Stadt, um mir anzuhören, was seine Anwälte zu sagen haben, und dann werde ich mich vermutlich wieder auf den Weg machen.“
„Auf den Weg wohin?“, fragte Tiffany höflich.
Er machte eine ausladende Handbewegung und zeichnete mit der glimmenden Zigarre einen Bogen in die Luft. „Ich weiß es nicht. Vielleicht kehre ich nach Amerika zurück. Vielleicht aufs europäische Festland.“ Danach fragte er: „Reisen Sie gern, Mylady?“
Tiffany war im Haus ihres Bruders in Hertfordshire aufgewachsen, war gelegentlich nach London gereist und einmal mit nach Brighton genommen worden, da dieses durch den Royal Pavilion nun furchtbar in Mode gekommen war. Aber die Möwen hatten Elinor aufgebracht, also hatten sie dieses Erlebnis nicht wiederholt.
Aber …
„Ich würde gern mehr reisen“, sagte sie diplomatisch. „Paris, Venedig, Florenz.“
Mr Santiago sah gelangweilt aus. „Ah, die Lieblingsorte eines jeden jungen Engländers“, sagte er.
Tiffany betrachtete ihn im Mondlicht. Sein Samtjackett war dunkel, aber noch immer erkennbar aus Samt, sein Halstuch glich einem einzigen Durcheinander, und sein Haar war vollkommen zerzaust. Ein goldener Ring funkelte an seinem Ohr, und das Ende der Zigarre glomm, als er daran zog.
„Plötzlich kennen Sie die genauen Gewohnheiten junger Engländer“, sagte sie.
Er würdigte den Seitenhieb mit einem Lächeln. „Ich habe zugehört“, sagte er und deutete mit dem Kopf in Richtung des Ballsaals. Die Musik hatte wieder zu spielen begonnen, und die Geräusche der auf der Terrasse herumschwirrenden Personen waren verstummt. „Jedoch ist mir aufgefallen, dass es nur die Männer waren, die mit ihren Reisen prahlten.“
„Ja“, bestätigte Tiffany knapp. Sie legte eine Hand auf den kalten Kopf des Steinlöwen.
„Englische Frauen reisen nicht?“
„Nein“, erwiderte Tiffany noch knapper.
Er hob eine seiner dunklen Augenbrauen. „Ich verstehe“, sagte er.
Nein, dachte Tiffany plötzlich wütend, Sie verstehen nicht, und Sie werden es nie verstehen, da Sie ein grünes Samtjackett auf einem Ball tragen und gerade das Wort ‚Schnösel‘ verwendet haben, um die Mitglieder des ton zu beschreiben, und wie auch immer Sie hier gelandet sind, Sie werden nie ein Teil dieser Welt sein.
Das Steinfell des Löwen wurde unter ihrer Hand allmählich weicher.
Unvermittelt stand Tiffany auf. „Ich sollte gehen“, sagte sie.
„Habe ich Sie verärgert?“, fragte der seltsame Mann mit dem Piratenohrring. Er erhob sich nicht.
„Mich verärgert? Mr Santiago, Sie haben nicht die leiseste Ahnung …“ Sie versuchte sich zu beruhigen. Es hatte keinen Zweck, diesen Fremden anzuschreien. Sie würde ihn vermutlich nie wiedersehen.
Auf der anderen Seite: Sie würde ihn vermutlich nie wiedersehen …
„Sie wissen wirklich gar nichts über die Gesellschaft, nicht wahr?“, fragte sie. „Und noch schlimmer: Es scheint Ihnen nichts auszumachen. Sie scheinen nicht einmal zu begreifen, wie gefährlich es für uns ist, hier draußen so allein zu sein. Aber lassen Sie mich Ihnen eine Sache erklären, und wenn es die einzige Sache ist, die Sie über die englische Gesellschaft lernen, hoffe ich, dass Sie sie beherzigen.“
„Ich bin ganz Ohr“, sagte er sanft.
„Gut. Dann merken Sie sich dies: Sie mögen einen solchen Ball als zwecklos und unbedeutend erachten, aber ich versichere Ihnen, dass er von entscheidender Wichtigkeit für jede Frau in diesem Saal ist. Und das liegt daran, dass jede Frau in diesem Saal auf der Suche nach einem Ehemann ist, entweder für sich selbst oder für ihre Tochter, und das liegt daran, dass selbst die Tochter eines Earls …“ Sie deutete auf sich selbst. „… ohne einen Ehemann nichts hat. Kein Geld. Kein Zuhause. Keinerlei Macht in der Welt. Der Grund, aus dem ich nicht gereist bin, Mr Santiago, liegt darin, dass ich das Pech hatte, als Tochter und nicht als Sohn geboren worden zu sein. Meine Brüder sind alle auf eine Kavaliersreise durch Europa gegangen. Ich war in Brighton. Einmal. Ich habe nur eine Aufgabe im Leben, und die besteht darin, die Ehefrau von jemandem zu werden. Und ihm Kinder zu gebären. Und diese dann zu verheiraten und dann zu sterben.“
„Das sind vier Aufgaben“, sagte er und sah dabei besonders amüsiert aus, und das sorgte dafür, dass Tiffany ihm vors Schienbein treten wollte.
„So sieht das Leben eines Nutztiers aus“, zischte sie. „Sie mögen hier in Ihrem grünen Samtjackett mit Ihrem Ohrring umherschwirren und Hafenarbeiter-Vokabular für all die Leute in diesem Ballsaal verwenden dürfen, aber Ihre Zukunft hängt nicht von diesen Leuten ab.“
„Ich versichere Ihnen“, sagte er mit deutlich ernsterem Gesichtsausdruck, „das tut sie.“
„Dann nehmen Sie es ernst, Mr Santiago. Suchen Sie sich einen ordentlichen Schneider. Suchen Sie sich einen Kammerdiener. Lernen Sie die Regeln. Das alles scheint für Sie unterhaltsam zu sein, aber für mich ist es sehr ernst.“ Sie wandte sich zum Gehen, fühlte sich sowohl hochmütig als auch großartig, aber seine Stimme hielt sie auf.
„Möchten Sie die Ehefrau von jemandem werden?“
Nein. Die Antwort tauchte unmittelbar und heftig in ihrem Kopf auf. Sie wollte nicht wie Elinor werden, die sich im Leben ausschließlich für Kleidung und Klatsch interessierte und dafür, mit wem man sich befreunden und wen man meiden sollte, da ihre einzige Aufgabe darin bestand, ihre Kinder zu verheiraten, sodass sie selbst in tadellosen kalten Ehen lebten und Kinder großzogen, deren einzige Aufgabe darin bestand, geheiratet zu werden …
Tiffany wollte keine Ehefrau sein, keine Frau, die nur in Verbindung mit ihrem Ehemann existierte, die nicht einmal ihren eigenen Namen behalten durfte. Sie wollte nicht Stunden damit verbringen, die korrekte Frisur zu vollbringen oder sich über Musik zu unterhalten, die ihr nicht gefiel, oder darüber zu tratschen, wer wohl eine der Millionen selbst auferlegten und verflucht dummen Regeln gebrochen hatte, nach denen der ton lebte. Sie wollte nichts davon.
Wäre es nicht eine wirklich großartige Überraschung, wenn du Duchess werden würdest?
Die Steinmähne des Löwen erbebte. Tiffany blickte ihn finster an, und er beruhigte sich wieder.
„Nicht einmal, wenn es ein Duke ist“, sagte sie. Sie ging mehrere Schritte, bevor seine Stimme erneut zu ihr durchdrang.
„Wie haben Sie das gemacht?“, fragte er. „Die Kreide zum Leben erweckt?“
Tiffany erstarrte, dann drehte sie sich um und sagte bestimmt und deutlich: „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
„Morgen“, sagte die Zeitung am Ende des Tisches. „Es ist Post für dich gekommen, Tiff… Theophania.“
Tiffany murmelte der Zeitung eine Begrüßung entgegen, da sie annahm, dass sich ihr ältester Bruder dahinter befand, und bediente sich an den Eiern auf der Anrichte. Auch am Kaffee, da Elinor sich noch immer im Bett befand – offenbar mit einem ‚Magenleiden‘, das in keinster Weise in Verbindung zu den Gläsern Madeira stand, die sie am vergangenen Abend zu sich genommen hatte – und nicht hier war, um Tiffany mitzuteilen, dass Schokolade eleganter war.
„Irgendetwas von gestern Abend?“, fragte Cornforth in einem so neutralen Ton, dass Tiffany sich nicht sicher war, welche Antwort er erwartete. Er schien weder geneigt noch abgeneigt zu sein, sie bei der Suche nach einem Ehemann zu unterstützen, und Tiffany machte sich nicht vor, dass es womöglich daran liegen könnte, dass er nicht ertrug, sie zu verlieren, weil er ihre Gesellschaft so sehr schätzte. Ziemlich häufig hatte sie den Eindruck, er würde vergessen, dass sie nicht eines seiner vielen Kinder war, und hätte erst, seit sie ihre Kleider länger trug, erkannt, dass sie in Wahrheit seine Schwester war.
„Ein paar Visitenkarten“, sagte sie. „Und ein Brief.“ Es war keine männliche Handschrift, wofür sie dankbar war. Tiffany war nicht in der Stimmung für Verehrer. Sie mochte gehofft haben, dass ihr Stolpern auf der Treppe am vergangenen Abend ihre Chancen zunichtegemacht hatte, aber es schien, dass kurz danach alle anderen ebenfalls auf mysteriöse Weise gestolpert waren, weshalb niemand sich an ihr Missgeschick erinnerte. Sie hatte sogar ein paarmal tanzen müssen.
„Ach so?“
„Offenbar von …“ Tiffany öffnete den Brief und blickte auf das Ende. „… einer Großtante Esmeralda.“
„Ach so.“
Sein Tonfall ließ nicht erkennen, ob er bereits von der Frau gehört hatte oder nicht, was Tiffany nicht viel weiterhalf. Ihr war jedes ihrer Familienmitglieder bis zum vierten Grad bekannt, und sie kannte den Großteil des Peerage, eines Nachschlagewerks zu den Stammbäumen des Adels, auswendig, aber von einer Esmeralda hatte sie noch nie gehört. Der Name gehörte eindeutig zu der Sorte, die man im Gedächtnis behielt. Ebenso wie Theophania.
„Meine liebe Tiffany“, begann der Brief, was dafür sorgte, dass Tiffany sich auf ihrem Stuhl ein wenig aufrechter hinsetzte.
Bitte vergib mir die Störung deines Frühstücks. Ich bedauere es sehr, dass wir gestern Abend auf dem Russell-Ball nicht miteinander sprechen konnten, aber ich habe deine außergewöhnlichen Fähigkeiten überaus bewundert.
Fähigkeiten. Tiffanys Hals kribbelte.
Ich wäre höchst erfreut, dich zum dir nächstmöglichen Zeitpunkt zu empfangen. Bitte statte mir einen Besuch ab. Ich vermute, dass wir viel gemeinsam haben, und sehe vorher, dass wir einen Großteil unserer Zukunft gemeinsam verbringen werden.
Deine Großtante Esmeralda Blackmantle
Tiffany blickte verstohlen auf, um zu sehen, ob Cornforth sie beobachtete, aber er schien in die Zeitung vertieft zu sein.
Das war ganz sicher der seltsamste Brief, den Tiffany je erhalten hatte. Die angegebene Adresse war eine besonders schicke in Mayfair, und die Qualität des Papiers und der Handschrift waren ausgezeichnet.
Nachdenklich wandte Tiffany sich wieder ihren Eiern zu, die bereits kalt geworden waren, aber der Brief neben ihrem Teller zog immer wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich. Außergewöhnliche Fähigkeiten. Was konnte das bedeuten? Hatte Großtante Esmeralda sie tanzen gesehen und war so gerührt davon gewesen, dass sie ihr einen Brief geschrieben hatte? Tiffany konnte ganz passabel tanzen, aber wirklich niemand würde es in Betracht ziehen, ihr deshalb einen Brief zu schreiben. Was war es dann? Sie hatte am vergangenen Abend keine weiteren Fähigkeiten wie das Singen oder das Spielen des Pianofortes präsentiert – was auch gut war, da sie in beidem schrecklich war. Und wenn es um ihre Fähigkeiten im Zeichnen und Malen mit Wasserfarben ging …
Viscount Cornforth, Erbe des Earls of Chalkdown, hatte geheiratet, als Tiffany gerade einmal ein Säugling gewesen war, weshalb ihre Nichten und Neffen in einem ähnlichen Alter waren wie sie. Das bedeutete, dass sie im selben Kinderzimmer aufgewachsen waren und von derselben Gouvernante und demselben Tanz- und Musiklehrer gelernt hatten. Die Geschichte mit den Zeichenlehrern war jedoch etwas, das sich niemand im Haushalt erklären konnte.
Außer Tiffany.
Es war nicht so, dass sie nicht zeichnen konnte. Sie konnte es, sehr gut sogar. So gut, dass ihre Zeichnungen lebensecht erschienen. So lebensecht, dass sie … nun ja, dass sie zum Leben erwachten.
Was dafür gesorgt hatte, dass mehr als ein Zeichenlehrer gekündigt und den Haushalt verlassen hatte. Manchmal schnell. Gelegentlich schreiend.
Natürlich hatte Elinor den Unsinn, den sie erzählten, nicht geglaubt und irgendwann entschieden, dass Zeichenlehrer einfach zu überempfindlich waren, um sich mit ihnen herumzuärgern. Das war vermutlich das einzige Mal, dass Tiffany ihrer Schwägerin für ihre verbissene Einhaltung der gesellschaftlichen Regeln dankbar gewesen war.
Außergewöhnliche Fähigkeiten.
Sie legte die Gabel ab und warf einen flüchtigen Blick auf den Brief neben ihrem Teller. Dann entschuldigte sie sich vom Tisch und sagte zum Diener: „Schicken Sie bitte Morris zu mir nach oben. Ich werde einen Spaziergang machen.“
***
Limehouse war die Art von Gegend, die es in jeder großen Stadt gab: schmutzig, ärmlich und immer wieder zerfallen und erneut aufgebaut. Santiago hatte sein halbes Leben an solchen Orten verbracht. Er blühte an solchen Orten auf. An solchen Orten hatte er gelernt, Taschendiebstahl zu begehen und Kämpfen auszuweichen, hatte gelernt, zu betteln und zu lügen und alles zu verkaufen, was er konnte, einschließlich sich selbst. Er hatte gelernt, charmant und verschlagen zu sein, und er hatte erwartet, dass ihm das zugutekommen würde, wenn er sein eigenes Schiff führen würde. Er hatte nicht erwartet, dass es nun, da er eine ganze Schiffsflotte besaß und schnöselige Feste mit Mädchen in silberfarbenen Kleidern besuchen durfte, ebenso nützlich war.
Schnöselig. Ha! Santiago hatte von klein auf Spanisch gelernt und seitdem die ein oder andere weitere Sprache, aber es schien, als bedurfte das Englisch, das sein Vater ihm widerstrebend vermittelt hatte, ein wenig Auffrischung – und nicht von Hafenvorarbeitern.
Er trat aus dem Weg, als eine private Kutsche mit dem Wappen irgendeines Lords an ihm vorbeirumpelte. In den Stallungen hinter dem Haus seines Großvaters wartete eine solche Kutsche auf ihn. Santiago befürchtete, dass er, wenn er je einen Fuß hineinsetzte, nie als derselbe Mann nach Limehouse zurückkehren würde.
Diese Art von Reichtum und Privilegien hatte seinen Großvater in einen kalten Mann ohne Gefühle verwandelt und seinen Vater in ein Monster, das sich um nichts als sich selbst sorgte. Und Santiago hatte viel zu viel Zeit damit verbracht, danach zu streben, nicht wie sein Vater zu werden, um nun zu riskieren, dass mit ihm dasselbe geschah.
Er näherte sich zu Fuß den hohen Wänden, die de Groots Gelände umschlossen. Alle Lagerhäuser hier waren von riesigen Sicherheitszäunen umgeben und umringt von Männern mit Musketen, die sie aus Ciudad Rodrigo und Shrirangapattana mit nach Hause gebracht hatten. Santiago, der eine interessante Auswahl an halb tödlichen Waffen bei sich trug, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sich mit so vielen von ihnen wie möglich anzufreunden.
„Morgen, Señor“, sagte einer von ihnen, ein fröhlicher Kerl mit aus Salamanca stammenden, durch Schießpulver entstandenen Verbrennungen im Gesicht. Er deutete auf die ähnlich aussehende Narbe auf Santiagos Wange. „Wieder mit einer Piratenkönigin aneinandergeraten?“ Dann grinste er über seinen eigenen Witz.
Santiago lächelte zurück. „Wenn ich Madam Zheng je wieder begegne, kommen Sie zu meiner Beerdigung, nicht wahr?“, fragte er, und der alte Soldat lachte und winkte ihn durch.
Als Santiago die Augen schloss, roch er den Jasmintee, der gerade aufgebrüht worden war, als das Messer in sein Gesicht geschnitten hatte. Anschließend hatte sie ihm eine Tasse angeboten. Er konnte ihn mittlerweile nicht mehr trinken, in seinen Gedanken wurde der Geschmack des Tees von der Sinneserinnerung an den metallischen Geschmack von Blut verdorben.
„Ah, mijn vriend Santiago! Hoe gaat het vandaag met jou?“
„Estoy muy bien, gracias“, antwortete Santiago und drehte sich um, um de Groot zu begrüßen. Der Mann trug einen passenden Namen, denn er war ein kräftiger blonder Riese mit einem mächtigen Bart und ließ Santiago bei ihrer Umarmung winzig erscheinen. Er deutete mit einer großen Handbewegung auf den Hof, auf dem ganze Wagenladungen von Gütern ausgeladen wurden.
„Schau! Die Marijntje ist angekommen und hat Jasmintee und Opium mitgebracht. Ich verkaufe beides an die Teehäuser hier in der Straße.“
„Ich dachte mir schon, dass es vertraut riecht“, erwiderte Santiago. Als er lächelte, spannte seine Wange.
„Ich mache mir selbst nicht besonders viel daraus“, sagte de Groot. „Ich mag den afrikanischen Tee, den wir in Swellendam hatten, he?“ Er grinste und fügte mit einer schrecklichen Nachahmung eines Ost-Londoner Akzents hinzu: „Lust auf ein Tässchen?“
„Du bist zum Einheimischen geworden, mi amigo“, sagte Santiago und folgte dem großen Mann in das düstere Innere von dessen Kontor.
„Das ist mein besonderes Talent“, sagte de Groot. Er winkte einem Handlanger zu, der davoneilte, um seinem Geheiß Folge zu leisten. „Was kann ich also für dich tun, mijn vriend?“
Santiago nahm Platz. De Groots Geschäft war viel besser etabliert als sein eigenes und sein Büro infolgedessen deutlich unordentlicher. Ein Teller mit Krümeln stand auf seinem Schreibtisch, und auf dem Boden stand das Holzpferd eines Kindes.
Er hatte sich hier ein Zuhause eingerichtet, eine Familie gegründet, all die Dinge getan, von denen es Santiago aufgeschoben hatte, darüber nachzudenken. Der Niederländer sah sogar aus wie ein Geschäftsmann in seiner eleganten Weste und mit der funkelnden Taschenuhr. Santiago war sich bezüglich der Klugheit dieser Zurschaustellung nicht ganz sicher. Es hatte Zeiten gegeben, da hätte er einen Mann, der so aussah wie de Groot, ausgeraubt.
Wie war es dazu gekommen, dass er vom Ausrauben reicher Männer dazu übergegangen war, sich mit ihnen anzufreunden?
Du hast auf Schiffen gearbeitet, dann hast du Schiffe geführt, und dann hast du ein Schiff gekauft. Und dann hast du mehr Schiffe gekauft, und plötzlich hattest du ein Unternehmen, und die Finanzbehörde wollte einen Blick in deine Brandy-Fässer werfen, und dann ist ein eleganter kleiner Mann aufgetaucht und hat dir erzählt, dass dein Großvater gestorben ist und …
Sein Vater hatte ihm immer gesagt, dass dieser Tag kommen würde, aber Santiago hatte ihm nie wirklich geglaubt. Zum Teil, weil er es nicht hatte tun wollen, und zum Teil, weil sein Vater meistens kaum in der Lage gewesen war, sich an die Wahrheit zu erinnern, geschweige denn, sie zu erzählen.
Er konnte London jederzeit verlassen, konnte seine Geschäftsangelegenheiten Männern überlassen, die glücklich darüber wären, mit der Verwaltung davon reich zu werden. Er musste sich nicht niederlassen und sein Büro mit Kinderspielzeug füllen. Er könnte wieder auf See fahren, sich die Hände schmutzig machen und sich mit wilden Frauen anlegen. Vielleicht sogar mit wilden Männern. Niemand würde davon erfahren, und niemand würde sich dafür interessieren.
Er könnte nur an sich selbst denken. Genau wie sein Vater.
„Tee“, sagte de Groot und reichte ihm einen Tonbecher. „Genau wie der, den wir in Swellendam hatten.“
„Der hat damals auch nicht viel gegen meinen Kater geholfen“, sagte Santiago.
Er hatte de Groot auf einem fliegenverseuchten Gelände in Südafrika kennengelernt, wo Santiago damit beschäftigt gewesen war, Wäschetruhen sorgfältig so zu konstruieren, dass Teepakete darin versteckt werden konnten, und de Groot Diamanten mit Ton gemischt und daraus Gefäße getöpfert hatte. Sie hatten den Einfallsreichtum des jeweils anderen gebührend bewundert und sich im weiteren Verlauf übermäßig an Santiagos geschmuggeltem Brandy betrunken, um dann am nächsten Tag mit zusammenpassenden Hühner-Tätowierungen und einem erderschütternden Kater aufzuwachen.
„Manchmal erzähle ich den Leuten von meinem Freund mit dem Hahn auf dem Knöchel“, sagte de Groot zwinkernd.
„Und ich erzähle ihnen von meinem Freund mit dem Hahn auf dem Rücken“, erwiderte Santiago. „Hast du dich je an den Witz erinnert, der dazu geführt hat, dass wir sie bekommen haben?“
„Nee, ich glaube nicht, dass ich ihn ursprünglich überhaupt verstanden habe“, klagte de Groot.
„Die Marijntje“, sagte Santiago. „Ist sie pünktlich angekommen?“
De Groot zuckte mit den Schultern. „Pünktlich für China. Stürme rund ums Kap, aber rund ums Kap gibt es immer Stürme.“
„Die Epunamun wurde seit Marseille nicht mehr gesehen“, erzählte Santiago. „Letzten Monat hat die Sirena es nie nach Porto geschafft. Und die Pincoya wurde zuletzt vor einem Ort namens Foulness gesehen, ist jedoch noch nicht angekommen.“ Er schielte auf die Karte hinter de Groot. „Das muss ein erfundener Name sein, oder? Foulness wie Fäulnis?“
De Groot lachte. „Er ist echt, mijn vriend. Die Engländer haben einen seltsamen Sinn für Humor.“
Santiago schüttelte staunend den Kopf. „Sind irgendwelche deiner Schiffe zu spät gekommen? Oder gar nicht?“ Es sollte sich besser nicht bloß um seine eigenen Schiffe handeln.
De Groot runzelte einen Augenblick lang die Stirn und sagte dann: „Die Linneke und die Anneloes sind ebenfalls nie zurückgekehrt. Ich habe keine so große Anzahl an Schiffen mehr verloren, seit deine Leute uns in Celebes angegriffen haben.“
„Nicht meine Leute“, erinnerte Santiago ihn und versuchte, nicht an diese wappengeschmückte Kutsche und das damit verbundene Haus zu denken.
„Ha! Die Leute sind neugierig auf dich, mein Freund. Der Spanier, der nicht spanisch ist?“
„Ich bin nicht spanisch“, stimmte Santiago zu.
„Man erzählt sich, dass deine Mutter eine aztekische Prinzessin war.“
„Inkaisch“, berichtigte ihn Santiago, „und du darfst es glauben, wenn du möchtest.“ Er hatte jede Variante des Gerüchts gehört. Sein Vater hatte es genossen, sie zu verbreiten.
Sein Vater hatte viele Dinge genossen, mit denen Santiago nicht einverstanden gewesen war.
„Aber dein Vater …“ De Groot lehnte sich nach vorn. „… war Engländer. Und nicht nur irgendein Engländer.“
„Ein im Exil lebender Engländer“, sagte Santiago mit warnender Stimme. „In Ungnade gefallen. Und wir sprachen über Schiffe.“
De Groot sah nicht so aus, als wäre er von dem Themenwechsel überzeugt, aber er sagte: „Das taten wir. Du hast also drei verloren? Genau wie ich. Und ein paar andere – Pernice, Damsgaard, Muller en Zonen – haben lange Wartezeiten hinter sich. Die Company …“ Santiago wusste, dass er damit die Britische Ostindienkompanie meinte. „… hat Verluste bekannt gegeben, jedoch keine Namen genannt. Der Preis für Brandy ist gestiegen.“
„Der Preis für Brandy steigt immer“, bemerkte Santiago vage. „Was ist mit dem französischen Importeur in St Katharine? Der, von dem die Leute erzählen, dass sie ihren Wein dort kaufen.“
„Während sie ihn eigentlich bei dir kaufen, mijn vriend“, sagte de Groot und zwinkerte. Er stand auf und zeigte auf der großen Karte hinter seinem Schreibtisch auf Teile des Atlantiks. „Ich habe von einem portugiesischen Schiff gehört, das vor Tanger gesehen wurde, aber nie dort ankam. Solche Dinge passieren.“
„Solche Dinge sind früher passiert“, sagte Santiago, erhob sich und näherte sich der Karte. „Die Korsaren sollten eigentlich für vogelfrei erklärt worden sein.“
Der Niederländer, über den es Gerüchte über Piraterie in der Karibik gab, erwiderte nichts.
Santiago starrte auf die Karte und versuchte, aus alldem schlau zu werden. „Weißt du genau, wann sie das letzte Mal gesehen wurden?“
„Bei meinen, ja“, erwiderte de Groot. „Bezüglich der anderen musst du herumfragen. Warum? Denkst du, das stinkt zum Himmel?“
Santiagos Blick wanderte die englische Küste hinauf, an Dover vorbei, an Broadstairs vorbei, an der Mündung der Themse vorbei bis ins Marschland von Süd-Essex, wo die Pincoya zuletzt gesehen worden war. Zu der großen Insel mit dem seltsamen Namen. „Ja“, sagte er „Es stinkt nach Fäulnis.“
***
Sie war nun bereits viermal an dem Haus vorbeigegangen. Achtmal, wenn man die Rückwege mitzählte.
Es war ein wirklich hübsches Haus in einer sehr achtbaren Straße. Die Eingangsstufen waren ordentlich, und zu beiden Seiten der Tür standen Formschnittpflanzen, die Geländer waren in einem eleganten Blau gestrichen, und gegenüber befand sich ein kleiner Park, in dem die Frühlingsblumen zu blühen begannen.
Sie hatte Morris einkaufen geschickt, weil sie genau wusste, dass das leitende Hausmädchen sich mit einem jungen Mann traf, der in der New Bond Street arbeitete, und deshalb stundenlang fort sein würde. „Ich werde mich einfach eine Weile lang hier auf diese Parkbank setzen“, hatte Tiffany an diesem ersten Morgen, an dem sie sich nach Mayfair gewagt hatte, gesagt, „und mein Buch lesen, während Sie Ihre Besorgungen machen.“
Sie wussten beide, dass diese Besorgungen nicht existierten. Aber sie wussten ebenfalls beide, dass Morris Tiffany nicht verraten würde, wenn Tiffany sie nicht verriet.
Da sie nun in die Gesellschaft eingeführt war, hatte Tiffany sich gefragt, ob sie eine eigene Zofe bekäme, aber Elinor hatte ihr erklärt, dass es verschwenderisch sei, eine zweite Frau einzustellen, „nur um dein Haar zu richten, Theophania“.
Insgeheim vermutete Tiffany, dass zu dem Zeitpunkt, wenn ihre älteste Nichte Harriet ihr Debüt in der Gesellschaft geben würde, sofort eine Zofe eingestellt werden würde.
Tiffany hatte vorgehabt, zu dem Haus zu gehen und diese Großtante Esmeralda kennenzulernen. Das hatte sie wirklich. Und dennoch war sie zügig an dem Haus vorbeigegangen und lediglich an der Ecke stehen geblieben, um ihren Schuhriemen zu binden.
Mittlerweile hatte sie bereits an drei aufeinanderfolgenden Tagen vorgegeben, ihren Schuhriemen an derselben Ecke zu binden.
Aber dieser Tag würde anders werden. An diesem Tag hatte Morris ihr erklärt, dass sie zur Apotheke und zur Leihbibliothek musste und es bei beiden stets zu entsetzlichen Wartezeiten kam, was Tiffany zu dem Schluss kommen ließ, dass Morris’ junger Mann den Nachmittag freihatte. Morris würde sicherlich mit zerzaustem Haar und vom Küssen geschwollenen Lippen viel später als üblich zurückkehren. Tiffany hatte also Zeit, an die Tür des Hauses ihrer Großtante Esmeralda zu klopfen.
Sie hatte auf jeden Fall Zeit.
Jeden Augenblick würde sie dorthin gehen und es tun.
Das Haus war wirklich ansehnlich mit den mit Stuck versehenen Wänden und elegant gebogenen Fenstern. Tiffany hatte Dutzende Häuser wie dieses in London besucht. Angesichts der Tatsache, dass Elinor und deren viele Listen an Dingen, die Tiffany sagen oder nicht sagen sollte, auf Kutschfahrten stets ihre Aufmerksamkeit verlangten, möglicherweise sogar genau in dieser Straße.
Wenn Elinor hier wäre, wäre sie ganz sicher nicht damit einverstanden, dass Tiffany sich erneut bückte, um ihren Schuhriemen zu binden. Aber wenn sie es bloß zur Ecke schaffte, wäre sie außer Sichtweite des Hauses und …
„Brauchst du vielleicht das hier?“
Tiffany drehte sich um und war überrascht, eine Frau mit einem Schuhriemen in der Hand zu sehen. Sie spürte, wie ihr Gesicht sich erhitzte.
„Ich habe beobachtet, dass du am Ende der Straße häufig stehen bleiben musst, um deinen Schuh zu binden“, sagte die Dame. „Ich kann mir nicht vorstellen, warum er sich immer genau dann löst, wenn du mein Haus passierst. Vielleicht hat Nora hier einen Fluch ausgesprochen und ihn anschließend wieder vergessen.“
Tiffany fiel nicht ein Wort ein, das sie erwidern konnte.
Die Dame, die sie angesprochen hatte, war durchschnittlich groß – auch wenn Tiffany sie immer als viel größer wahrnehmen würde – und elegant in Dunkelblau gekleidet. Ihr Knochenbau war makellos, ihr Alter nicht abzuschätzen und ihr Teint dunkler, als Tiffany es je in den eleganten Salons des ton gesehen hatte.
„Du bist Lady Tiffany Worthington, nicht wahr? Du siehst wirklich aus wie deine Mutter.“
Die Worte waren ausgesprochen, bevor Tiffany sie aufhalten konnte. „Sie kennen meine Mutter?“
Im Gesicht der Dame lag eine leichte Anspannung, als sie sagte: „Natürlich, meine Liebe. Ich kenne jeden. Nun. Vielleicht eine Tasse Tee?“
Damit schwebte sie über die Straße davon und auf genau das Haus zu, bei dem Tiffany versucht hatte, ihren Mut zusammenzunehmen, um darauf zuzugehen.
Sie hat mich Tiffany genannt.
Die Möglichkeit, ihr nicht zu folgen, schien nicht zu bestehen, also ging Tiffany an dem blauen Geländer und den Formschnittpflanzen vorbei und durch die elegante rote Tür und betrat eine Eingangshalle in schickem Grün mit einer hübschen Steintreppe.
„Komm und setz dich“, sagte die Dame in Blau, die unmöglich Großtante Esmeralda sein konnte. Großtanten waren ganz sicher älter, mürrisch und gebrechlich. Tiffany erinnerte sich nur vage an ihre Großmutter, die Dowager Countess, eine schwächliche alte Dame, die Unterstützung beim Stehen gebraucht und die Leute stets angeschrien hatte, weil sie ziemlich taub gewesen war.
Der Tagessalon, in den Tiffany geführt wurde, besaß gestreifte Tapeten und bequeme Sofas. Ein Pianoforte stand an einer Wand, und in die vereinzelten Tische waren feine Marketerien eingelassen. Auf einem von ihnen stand ein Teeservice, aus dessen Kanne Dampf aufstieg.
„Haben Sie jemanden erwar…“, begann Tiffany und verstummte. Der Tee musste zubereitet worden sein, während sie draußen gestanden hatte. Und das Wasser musste gekocht und die Blätter eingeweicht und die Milch heraufgebracht und der Zucker in der Schale platziert worden sein …
„Ich habe dich erwartet. Also, Zitrone?“
Die Zitrone war frisch aufgeschnitten. Tiffany konnte es riechen. Sie nickte und beobachtete, wie dampfender Tee in eine Tasse gegossen wurde. Sie hatte absolut keine Ahnung, was die Etikette betraf, wenn man in das Haus einer Fremden eingeladen wurde, vor dem man drei Tage lang gewartet hatte.
„Sie haben mir etwas voraus, Ma’am“, begann sie.
„Habe ich das?“ Die elegante Dame lächelte leicht. „Hast du meinen Brief erhalten? Ich habe angenommen, dass du deshalb hergekommen bist.“
„Ihren … Aber Sie sind …“
Sie sind zu jung, um meine Großtante zu sein, und außerdem glaube ich nicht einmal, dass ich eine Großtante habe, und wie können wir miteinander verwandt sein, wenn Sie so aussehen und ich so aussehe und ich noch nie zuvor von Ihnen gehört habe?
„Esmeralda Blackmantle. Du kannst mich Tante Esme nennen.“
„Und Sie können … Aber woher wussten Sie, dass ich es vorziehe, Tiffany genannt zu werden? Lady Cornforth …“
„Lady Cornforth“, sagte Tante Esme, und ihre Nasenflügel bebten, „ist deine Schwägerin, nicht die Königin. Wenn du Tiffany vorziehst, nenne ich dich Tiffany.“
Tiffany spürte, wie sich ein Lächeln auf ihr Gesicht legte. Sie hasste es einfach, Theophania genannt zu werden. Aber woher wusste diese Großtante Esme das?
Als Tiffany die Teetasse, die ihr angeboten wurde, nicht entgegennahm, stellte Tante Esme sie auf den Tisch neben dem Sofa, von dem Tiffany sich nicht erinnerte, darauf Platz genommen zu haben.
„Ich hatte vor, auf dem Russell-Ball deine Bekanntschaft zu machen, aber leider wurde ich fortgerufen. Jedoch nicht, bevor ich deine unverkennbaren Fähigkeiten gesehen habe. Die Kreidezeichnungen zum Leben zu erwecken, das ist ein geschicktes Kunststück, so dachte ich.“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, sagte Tiffany wie von selbst, während Eiseskälte ihr Lächeln fortspülte. „Kreidezeichnungen erwachen nicht zum Leben.“
Alle wussten das, und zu ‚allen‘ gehörte auch Tiffany. Kreidezeichnungen erwachten nicht zum Leben, genauso wenig wie Wasserfarben oder Skizzen oder Inhalte der Royal Academy. Davon war Tiffany fest überzeugt. Vielleicht erschien es ihr gelegentlich aus dem Augenwinkel so, als würde ein Gemälde sich bewegen. Vielleicht stellte sie sich manchmal vor, dass eine Statue ihr zuzwinkerte. Und dieses eine Mal, als sie gedankenverloren ein Gänseblümchen an den Rand ihres Notizbuchs gezeichnet hatte und dann eines auf dem Tisch gelegen hatte … Nun, sicherlich hatte sich lediglich eines an ihrem Saum verfangen, und jemand hatte es aufgehoben.
Ja. Es war alles absolut erklärbar. Vermutlich gab es einen klugen Burschen in Oxford oder Cambridge, der ihr alles auf wissenschaftliche Weise erklären konnte.
Esme hob elegant eine Augenbraue. „In dem Fall ist also der halbe Ballsaal einfach zur gleichen Zeit gestolpert? Wie faszinierend.“
„Ich befand mich nicht im Saal“, sagte Tiffany mit wild pochendem Herzen. „Mein Saum …“
„Das hast du dieser Bulldogge von Anstandsdame erzählt, nicht wahr? Ich mag sie nicht, weißt du? Ihr Vater hat ein Vermögen mit Zuckerrohr gemacht, und wir wissen alle, was das mit sich bringt.“ Sie sprach mit düsterer Stimme. „Ich habe bei Lady Russell fünf Minuten mit ihr verbracht, und das hat vollkommen ausgereicht, das versichere ich dir. An dir, Lady Tiffany, bin ich hingegen sehr interessiert.“
Tiffany spürte, wie sie es tat. Wie sie unsichtbar wurde. Sie tat es, seit ihre Gouvernante ihr als Kind etwas Langweiliges hatte beibringen wollen oder der Zeichenlehrer davongeeilt war, um Elinor zu berichten, dass seine Schülerin vom Teufel besessen war. Sie hatte es auf dem Russell-Ball getan. Sie war dann wie ein Igel, der sich zu einer Kugel zusammenrollte, oder wie eine dieser Echsen, von denen ihr Bruder Phileas ihr erzählt hatte, die die Farbe wechseln konnten.
„Na, na, na, nichts da“, sagte Tante Esme. „Das funktioniert vielleicht bei normalen Leuten, aber du und ich, wir sind nicht normal.“ Sie deutete auf ein Gemälde an der Wand, ein ziemlich dramatisches Motiv mit tosenden Wellen und einer Küstenlinie aus gezackten Felsen. „Weißt du, dass die Wellen begonnen haben, sich zu bewegen, als du an ihnen vorbeigingst?“
„Es tut mir so leid“, flüsterte Tiffany. Sie arbeitete wirklich hart daran, es zu kontrollieren, und nun war sie so verunsichert und …
„Warum? Es ist großartig. Einen Illusionszauber zu wirken, ist eine wundervolle Fähigkeit. Noch viel wundervoller ist es, diesen Zauber auf einen physischen Gegenstand zu übertragen. Wie steht es um deine eigenen Zeichnungen?“
„Ich zeichne nicht“, sagte Tiffany angespannt.
Esme hob die Brauen. „Komm schon. Du bist die Tochter eines Earls, und dir wurde diese grundlegende Fertigkeit nicht beigebracht?“
Die schreienden Zeichenlehrer. Tiffany fügte sich fast allem anderen, was Elinor von ihr verlangte, egal wie sehr sie es verabscheute, aber beim Zeichnen und Malen zog sie ihre Grenze. Es musste sein. Zu ihrem eigenen Schutz.
Niemand durfte von ihren … Eigenheiten wissen. Schon gar nicht Elinor. Sie würde Tiffany bis zum Ende ihrer Tage in ein Tollhaus stecken, und man würde nie wieder von ihr sprechen. Elinor hatte so viele Male deutlich gemacht, dass es keinerlei Raum für Tiffanys eigene Vorstellungen gab.
„Ich will das nicht“, flüsterte sie, einmal mehr das eingeschüchterte Kind, so voller Angst vor ihren eigenen Kräften.
„Aber was, wenn du es doch tust?“ Esmes Augen strahlten vor Aufregung. „Hast du … Nein, ist schon gut. Ich möchte dich nicht verängstigen.“ Während Esme sprach, ließ Tiffany sich nach hinten ins Sofa sinken. „Ich werde dich zu nichts zwingen. Ich bin bloß fasziniert. Schau.“ Sie machte eine winkende Bewegung in Richtung des Kamins, in dem ein Feuer vorbereitet, jedoch noch nicht entzündet worden war. Esme verengte die Augen, und die Kohlen gingen in Flammen auf.
Tiffany verschüttete beinahe ihren Tee. „Wie … Das ist nicht … Wie haben Sie …“
Esme lächelte sie nur an. Es war kein wissendes oder grausames oder selbstgefälliges Lächeln. Es war voller ehrlicher Überschwänglichkeit und erinnerte Tiffany an ihren Bruder Phileas, wenn er jemanden traf, der ebenso begeistert von Echsen, die die Farbe wechselten, war wie er selbst.
„Es ist Hexerei“, sagte Tante Esme. „Ich bin eine Hexe, Tiffany. Und du bist es auch.“
***
Der Morgennebel hing tief und unheimlich über dem Marschland. Er hängte sich an Santiagos Kleidung, seine Haare, seine Haut, klamm und unangenehm. Das Gasthaus, in dem er nur widerwillig die Nacht verbracht hatte, war feucht und unwirtlich, die Einheimischen schienen von seiner Anwesenheit vollkommen verärgert zu sein. Er wusste nicht, ob es an seinem Akzent lag oder ob sie einfach jeden hassten. Vielleicht war es beides.
Niemand hatte Informationen über die Pincoya. Es hatte keine Stürme gegeben. Keine Schiffbrüche. Die Sandbank wurde von einem Leuchtschiff markiert – es war zu diesem Zeitpunkt genau vor der Küste zu sehen. Jemand erinnerte sich daran, dass die Flut höher als erwartet ausgefallen war, aber das war schon alles.
Foulness machte seinem Namen alle Ehre. Die Einheimischen sprachen es irgendwie zu deutlich aus. Die Betonung lag auf der zweiten Silbe. Das änderte jedoch nichts daran, dass es kalt, feucht und heimtückisch sumpfig war.
Der Morgennebel machte das Reisen langsam, was durch den Mangel an vernünftigen Straßen und Wegen an diesem gottverlassenen Ort noch begünstigt wurde. Da er sich kein weiteres Pferd hatte ausleihen können, trottete Santiago jämmerlich zu Fuß einen schlammigen, mit Seegras bedeckten Pfad entlang. Die Einheimischen nannten ihn den Broomway, also den Besenweg, da er von besenstielähnlichen Stöcken abgegrenzt wurde, die nur bei Ebbe zum Vorschein kamen. Offenbar war der gesamte Weg nur bei Ebbe sichtbar – und es war bekannt, dass die Flut besonders schnell kam –, aber trotz seiner außerordentlichen Unbrauchbarkeit schien er die einzige Möglichkeit zu sein, die Insel Foulness zu erreichen.
Santiago hatte die Stunden sorgsam gezählt, da niemand im Gasthaus irgendeine Aussage darüber hatte treffen wollen, wann es sicher war, und er hatte ausgerechnet, dass ihm vermutlich noch eine Stunde blieb, den Pfad zu verlassen, bevor die Flut ihn zu gefährlich werden ließ.
„He, Mister!“
Ein dürrer und schmuddeliger Junge tauchte aus dem Nebel auf. Es hätte Santiago nicht überrascht, wenn sich herausgestellt hätte, dass es sich dabei um den Geist irgendeines armen Kindes handelte, das hier draußen ertrunken war, weil die Flut zu schnell zurückgekehrt war. Bis der Junge erneut zu sprechen begann.
„Ich hörte, Sie sind auf der Suche nach Informationen über ein verschwundenes Schiff?“
„Ja“, sagte Santiago und fragte sich, wie viele Münzen er noch übrig hatte. Alle, mit denen er gesprochen hatte, hatten Geld verlangt, auch wenn sie ihm nicht einmal etwas zu erzählen gehabt hatten.
„Ich hab bloß heute Morgen was im Schlamm gefunden, das könnte von einem Schiff sein.“
„Ja?“
„Es ist zu schwer, um es zu tragen. Hier, schauen Sie, wir müssen diesen Weg runter.“ Der Junge führte ihn einen Pfad von fragwürdiger Festigkeit hinunter, und Santiago folgte ihm vorsichtig. Man hörte Geschichten von Strandräubern, von Personen, die Schiffe an felsige Küsten lockten, um die Besatzung zu ermorden und ihre Waren zu plündern. Gab es sie auch an Land? Lockte dieser Junge ihn in einen sumpfigen, wässrigen Tod im endlosen Schlick dieses gottverlassenen Ortes?
Als Santiago gerade stehen bleiben wollte, zeigte der Junge auf etwas Blasses, das aus dem Schlamm herausragte. „Hier, Mister. Es ist eine der Ladys, die man an Schiffen sieht.“
Santiagos Blut gefror beim Anblick des blassen Gesichts. „Ladys …“
Es waren die Überreste der Galionsfigur seines Schiffes, das geschnitzte Abbild einer wunderschönen jungen Frau mit zum Tanz erhobenen Armen. Nur dass ihre Arme abgebrochen waren und sich üble, tiefe Furchen in ihrem Oberkörper befanden.
Krallen? Zähne? Was um alles in der Welt schwamm in der Themse, das einen Bissen dieser Größe von einem Schiff nehmen konnte? Santiago blickte sich um, aber alles, was er sah, waren Schlamm und Nebel.
„Aber man hat mir erzählt, dass es keine Schiffsunglücke gegeben hat“, sagte er und fuhr mit der Hand über das kalte, tote Holz. Das geschnitzte Gesicht von La Pincoya, einem weiblichen Wassergeist der südamerikanischen Mythologie, starrte mit leerem Blick zu ihm zurück.
„Das ist das Seltsame daran. Ich hab nix gesehen. Oder gehört. Niemand hat das. Weil sie eine Glocke läuten, damit die Leute helfen, wenn es ein Schiffsunglück gab, ne? Aber ich hab keine Glocke gehört. Hab nur die Welle gesehen, und dann ist das Zeug im Schlamm aufgetaucht.“
„Welche Art von Zeug?“
Der Junge blickte ihn verschlagen an. Er war dreckig und dünn, seine Kleidung zerlumpt und schlammig. Trotz der Kühle trug er keine Schuhe. Santiago hatte flussaufwärts Kinder wie ihn gesehen, die an den schlammigen Ufern der Themse auf der Suche nach von der Flut angespülten Gegenständen gewesen waren. Dreckspatzen wurden sie genannt, als wären sie Vögel auf der Jagd nach Fischen und nicht Kinder, die nach einer Möglichkeit suchten, an Nahrung und Kleidung zu gelangen.
Eine Weile lang hatte er am Rio de la Plata etwas sehr Ähnliches getan.
„Zeig es mir“, sagte er, „dann kriegst du eine Guinea dafür.“
„Eine Guinea?“ Der Junge sah ihn ungläubig an. „Nee. Was soll ich denn mit einer Guinea anfangen?“
Santiago blickte ihn fragend an. Eine Guinea war eine Menge Geld. Er würde sie aus dem Futter seines Mantels lösen müssen.
„Niemand würde sie von mir annehmen“, erklärte der Junge. „Niemand hier hat Wechselgeld für eine so große Münze. Jemand würde sie mir klauen.“ Er warf Santiago einen berechnenden Blick zu. „Wie viele Shillings haben Sie? Shilling-Münzen, meine ich.“
„Ähm“, erwiderte Santiago. Er versuchte sich zu erinnern, wie viel er im Gasthaus ausgegeben und wie viel er noch übrig hatte. Englisches Geld war irrsinnig mit seinen Pennys und Crowns und Groats und Bobs und Guineas. Es schien eine Münze, ein Wort oder sogar beides für jede denkbare Geldsumme zu geben. Beinahe hätte er die Einfachheit des Dollars vermisst. Sogar die Franzosen hatten ein Dezimalsystem entwickelt.
„Ich mache es für zehn Bobs“, sagte der Junge, für den dieser Betrag – weniger als eine halbe Guinea – vermutlich ausreichte, um wochenlang davon zu leben. Vielleicht sogar monatelang. „Zehn einzelne Bobs. Ich will keine Crowns oder Coach Wheels.“
„Abgemacht“, sagte Santiago. Er blickte sich um, sah den kühlen grauen Meeresnebel, den Schlamm, den Sumpf, die unheimlichen Umrisse der Seevögel und hörte die entfernten, gespenstischen Klänge von Schiffsglocken. Er musste diesen schrecklichen, heimtückischen Pfad wirklich verlassen und zurück auf festen Boden. „Nachdem du mir gezeigt hast, was du gefunden hast.“
Der Junge sah skeptisch aus. „Eine halbe Crown jetzt?“
„Ich dachte, du wolltest keine … in Ordnung“, lenkte Santiago ein. „Aber wenn du mich austrickst und im Sumpf ertränkst, kehre ich als Geist zurück und suche dich heim“, warnte er.
„Mister, wenn ich Sie austricksen und im Sumpf ertränken würde, würde ich meine zehn Bobs nicht bekommen“, argumentierte der Junge, und Santiago hatte nichts an der Logik auszusetzen. Er reichte ihm die Münze, und sie machten sich auf den Weg.
***
„Ich bevorzuge mein Haus in Cornwall“, sagte Esmeralda Blackmantle, die darauf bestand, dass Tiffany sie Tante Esme nannte. „Dort wird gute, ehrliche Arbeit verrichtet, und dadurch erscheint der ganze gesellschaftliche Unsinn so … geschmacklos. Nichtsdestotrotz …“ Sie warf einen flüchtigen Blick auf einen Stapel Einladungen auf einem Silbertablett. „… machen die Feste großen Spaß.“
„Haben Sie lange dort gelebt?“, fragte Tiffany in Ermangelung anderer Gesprächsthemen. Ihre Großtante hatte eine Karaffe geholt und schenkte Tiffany einen kleinen Schluck von etwas Starkem und Süßem ein.
„Nicht lange. Das heißt, seit …“ Esmeralda verstummte, was Tiffany bereits wie ein seltenes Ereignis vorkam. „Schon vor deiner Geburt“, beendete sie ihren Satz.
„Ich war noch nie in Cornwall“, sagte Tiffany. Sie war noch nie irgendwo gewesen.
„Es ist ein wilder und wunderschöner Ort“, erzählte Esme. „Unberührt von den Umbrüchen der modernen Welt. Ein viel besserer Ort als Mayfair, um Hexen heranzuziehen.“ Sie erschauderte leicht. „Ich finde, dass eine Hexe stets im Austausch mit der Erde stehen sollte, und das ist ziemlich schwierig, wenn man von Pflastersteinen und Schotter umgeben ist. Aber du bist nicht in der Stadt aufgewachsen, nicht wahr?“
„Nein, Ma’am“, sagte Tiffany, so als wäre diese Unterhaltung über Hexen vollkommen normal. „Das Haus meines Bruders liegt in Hertfordshire.“
Esmes Gesicht legte nahe, dass Tiffany genauso gut in einem Hühnerstall hätte aufgewachsen sein können. „Ich hörte davon. Schrecklicher Ort. Sogar der Boden stößt uns ab. Weißt du, was sie in ihre Häuser einbauen? Hühnergötter.“ Sie deutete mit den Händen eine Form an. „Kleine Brocken aus Feuerstein mit einem natürlich entstandenen Loch – etwas, das angeblich gegen Hexen schützen soll. Ich meine, das tut es nicht wirklich. Nicht mal ein bisschen, weil es einfach nur Steine sind. Aber der Glaube existiert. Die Menschen versuchen schreckliche Dinge, um uns zu meiden.“
„Uns?“, fragte Tiffany misstrauisch.
Esme deckte Speisen auf der Anrichte auf und naschte kleine Häppchen von dem, was sie dort fand. „Hexen.“ Sie legte den Kopf schief. „Du musst es doch gewusst haben. Vermutet? Dass du nicht wie die anderen Leute bist?“
Tiffany spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Sie hatte sich so große Mühe gegeben, es zu verstecken!
„Aber in Hertfordshire – und mit einem solchen Drachen als Vormund … Gestatte mir zu vermuten, meine Liebe, dass großer Wert darauf gelegt wurde, den Regeln zu entsprechen und sich nicht von den anderen Leuten zu unterscheiden.“
Tiffany nickte, weil sie nicht in der Lage war, zu sprechen. Das waren fast genau Elinors Worte gewesen. Tiffany hatte als Tochter eines Earls und als Cornforths Schwester eine Position zu erfüllen, und sie musste sich stets entsprechend verhalten. Es gab keine Ausnahmen für sie: Sie war nichts Besonderes und musste sich genau so benehmen, wie all die anderen Damen es taten.
Das schlimmste Verbrechen, das Tiffany in Elinors Augen je begehen könnte, war es, die Familie zu blamieren.
„Ah“, sagte Esme, und in dieser Silbe lag eine ganze Welt des Verständnisses. „Es ist ein Jammer, dass du keine anderen Hexen in deinem Umfeld hattest, die dich hätten leiten können, aber … Nein, das hätte wohl nicht geholfen.“
„Es gibt noch andere?“, fragte Tiffany leise.
„O ja. Gerade sind nur Gwen und ich anwesend, aber Nora und Madhu sind auf dem Weg. Und es sind noch viele weitere, im ganzen Land verteilt. Ich nehme an, du bist nicht häufig in Essex? Nein? Mach dir keine Sorgen, Tiffany, wir werden dir beibringen, was du wissen musst. Wie du deine Magie lenkst und kontrollierst. Wie du sie sicher und verantwortungsvoll einsetzt.“
„Gibt es Regeln?“, fragte Tiffany. Für alles gab es Regeln, selbst wenn niemand sie laut aussprach.
„Regeln? Hm. Nicht wirklich. Wenn du etwas dreimal versprichst, wird es bindend, wenn du einen Handel abschließt, ist er für dich verbindlich, was du tust, kommt siebenfach zu dir zurück – solche Dinge. Nutze die Magie also auf eigene Gefahr für Missetaten. Aber all das Geschwätz über irgendwelche dreifachen Drehungen bei Mondschein ist Unsinn.“ Sie beugte sich nach vorn, ihre Augen funkelten, und sie sagte: „Magie, meine Liebe, ist Möglichkeit. Denke nicht darüber nach, was du nicht tun kannst. Denke darüber nach, was du tun könntest.“
Tiffany lächelte schwach und kämpfte gegen den plötzlichen Drang an, zu weinen. Denn was war die Gesellschaft abgesehen von einer endlosen Reihe an Dingen, die man nicht tun konnte?
Vielleicht war Esme einfach nur sehr verschroben, und es gefiel ihr, sich für eine Hexe zu halten. Welche Beweise gab es denn letztendlich wirklich dafür? Vielleicht hatte Tiffany irgendein Augenleiden, das sie glauben ließ, sie sähe, wie Gemälde zum Leben erwachten. Ja, das würde es sein. Sie sollte Elinor bitten, nach einem Arzt zu suchen. Obwohl jegliche Erwähnung von Augenleiden die schreckliche Aussicht auf eine Brille hervorrief, die Elinor für eine noch schlimmere Erschwernis hielt als Pickel oder Sommersprossen.
„Pippin!“, rief Tante Esme. „Ich habe den Cheddar gefunden.“
„Käse! Mmh! Ich liebe Käse!“
Tiffany blickte sich in der Erwartung um, ein Kind zu sehen, aber Esme beugte sich nach unten und fütterte eine graue Katze.
„Bitte sehr. Nein, nicht schnappen. Was haben wir über Manieren besprochen?“
„Blöde Manieren“, sagte jemand.
„So, bitte schön. Nein, das reicht. Sonst wirst du dick und faul, und wir werden von Mäusen überrannt.“
„Die Mäuse können mich mal“, sagte die Stimme, und Tiffany stand auf, um sich nach dem Sprecher umzuschauen. Es befand sich niemand im Zimmer außer ihr, Esme und der Katze.
„Oh, Tiffany, das ist Pippin. Oberster Mäusefänger und gieriges kleines Biest.“ Esme deutete auf die Katze, die auf dem Boden herumschnüffelte.
Pippin blickte zu Tiffany auf, und sie hörte, wie er mit kindlicher Stimme fragte: „Käse?“
Sie starrte.
Pippin, die Katze, fauchte sie an. „Verpfeif dich!“
„Sie mögen es nicht, wenn du sie anstarrst“, erklärte Esme. „Für eine Katze ist das eine aggressive Geste. Blinzele langsam und wende den Blick ab.“
Tiffany, die sich fragte, ob es sich so anfühlte, verrückt zu werden, kam Esmes Aufforderung nach.
„Hmpf.“ Pippin setzte sich und leckte sich die Pfoten.
Tiffany ging an ihm vorbei zur Anrichte, nahm die Karaffe und schenkte sich ein großes Glas von dem ein, was auch immer sich darin befand.
Esme wartete, bis sie das Glas fast an die Lippen geführt hatte, bevor sie fragte: „Wie hat er für dich geklungen?“
Wie ein Kind. Ein kleines, besonders selbstsüchtiges, unhöfliches Kind. Das Ausdrücke verwendet, die mir nicht bekannt sein sollten.
„Katzen sprechen nicht“, sagte sie und nahm einen Schluck.
„Nein, aber sie haben Gedanken und Gefühle, und wir nehmen sie wahr.“
„Wir?“, fragte Tiffany noch einmal hilflos.
„Hexen.“
„Aber es gibt keine Hexen“, wimmerte Tiffany, während die Blumen auf der Tapete zu tanzen anfingen. „Sie kommen bloß in irgendwelchen dummen Geschichten vor, die Kindern erzählt werden!“
„Das bedeutet nicht, dass es etwas nicht gibt“, sagte Esme in vernünftigem Ton. „Außerdem, sieh dir die Beweise an, die deine eigenen Sinne dir liefern. Ich habe noch keine Hexe getroffen, die Tiere nicht verstanden hat. Hast du sie noch nie zuvor gehört?“
Tiffany zuckte mit den Schultern und trank noch einen Schluck. Der Alkohol brannte in ihrer Kehle.
„Ich glaube nicht, dass ich einem je so nah gekommen bin“, sagte sie und erkannte dann, dass das nicht stimmen konnte. Überall gab es Katzen. Aber Elinor war mit Haustieren nicht einverstanden. „Ich meine … nicht innerhalb eines Hauses.“ Tiffany war keine große Reiterin, war immer zu nervös und abgelenkt von dem Gerede der Reitknechte gewesen …
Einen Moment lang schloss sie die Augen. Es waren die Reitknechte gewesen, die sich unterhalten hatten, oder? Nicht die Pferde selbst?
Sie ließ den Blick erneut durch den Raum schweifen, immer noch halb davon überzeugt, dass es sich um irgendeinen Trick handelte. „Wie viele Finger halte ich hoch?“, fragte sie Pippin.
Der Kater fuhr damit fort, sich die Pfoten zu lecken. „Mehrere“, sagte er. Sein Mund bewegte sich nicht, aber sie hörte die Stimme trotzdem.
„Welche Farbe hat mein Kleid?“, versuchte sie sich an einer weiteren Frage.
„Langweilig“, erwiderte der Kater. „Käse.“
Und genau in diesem Moment überkam Tiffany ein seltsames Gefühl, so als wäre etwas an der Welt furchtbar, schrecklich falsch. Schlimmer als zur Mittagszeit Brandy mit einer sprechenden Katze zu trinken. Viel schlimmer als das.
„Ich glaube nicht, dass er das Konzept von Zahlen und Farben wirklich auf die Art versteht, wie wir es tun“, begann Esme, brach dann jedoch ab, und ihr Kopf schnellte in Richtung Decke. Ohne ein weiteres Wort stürmte sie aus dem Zimmer, während Tiffany schnelle Schritte über sich hörte.
„Ich habe es gespürt“, sagte Esme gerade, als Tiffany ihr in die Eingangshalle folgte. „Was ist es?“
„Das Biest mit den Tentakeln“, sagte eine Frau am oberen Treppenabsatz. „Im Meer oder so.“
„Dasselbe, das du letzte Woche gespürt hast?“, fragte Esme und eilte völlig undamenhaft die Treppe hinauf.
„Ja. Absolut scheußlich. Nicht satt. Sucht noch eins.“
„Noch ein – was?“, fragte Esme. Sie war oben angekommen, und Tiffany hatte die Treppe bereits halb erklommen, bevor sie bemerkte, dass sie sich damit aufdrängte. Sie reckte den Hals, um zu sehen, mit wem Esme sich unterhielt, und sah eine Frau, die ein Tuch um die Schultern gelegt hatte und nur einen Schuh trug. Ihr ergrauendes Haar fiel ihr lose über den Rücken.
„Kann ich nicht sagen. Es ist hungrig. So hungrig.“
Esme nickte und ging auf und ab. „Wo?“
„Kann ich nicht sagen. Aber ich kann es zeigen.“
Sie und Esme verschwanden im Flur, und dann drang Esmes Stimme schrill zu Tiffany durch: „Tiffany! Komm entweder mit uns mit oder verschwinde jetzt.“
„Wohin mitkommen?“, fragte Tiffany noch verwirrter.
Pippin, der Kater, strich ihr um die Füße. „Tür-Dings“, sagte er gelangweilt. „Nichts zu essen dort.“
„Möchtest du sehen, wozu Hexen fähig sind?“, fragte Esme, und Tiffanys Füße trugen sie die Treppe hinauf, bevor ihr Gehirn sich einmischen konnte.
***
Der Weg, über den der Junge ihn führte, war einer der holprigen Pfade, die vom Broomway wieder ins Inland und in Richtung der Höfe und Cottages führten. Santiago wollte eigentlich keines davon besuchen, da der Broomway, sobald er zurückkehrte, vom Wasser überflutet sein würde und er wieder auf die Ebbe würde warten müssen. Es sei denn, er fände jemanden mit einem Schiff, der ihn zurückbringen könnte. Vielleicht könnte er eines stehlen. Er wurde dieses schrecklichen Ortes sehr, sehr überdrüssig.
„Hier, Mister“, sagte der Junge und zeigte auf etwas, das halb vom Wasser überschwemmt war. „Kiste mit Zeug. Ich hab versucht, sie zu öffnen, aber sie ist ganz im Schlamm versunken.“
Santiago betrachtete sie. Eine Holzkiste von der Sorte, in der üblicherweise Textilien verpackt wurden. Wenn er die Augen zusammenkniff, konnte er einige Buchstaben auf der Seite der Kiste erkennen: die Spitzenklöppler in Saint-Pierre-lès-Calais, bei denen er eine große Menge Spitze gekauft hatte, die er teilweise sogar der Finanzbehörde gemeldet hatte.
In dieser Kiste hatte sich ein kleines Vermögen befunden, das nun unwiederbringlich ruiniert war.
„Es gibt noch mehr Holzteile und so was“, sagte der Junge. „Und ein … äh …“
„Ein was?“, fragte Santiago und wunderte sich erneut, wie ein ganzes Schiff einfach so im Nebel hatte verschwinden können. „Irgendwelche Überlebenden?“
„Nein, Mister. Das habe ich versucht zu sagen. Es gab ein paar … Teile von Menschen. Äh. Eine Hand. Und Knochen, die … na ja, wirklich von allem hätten stammen können, aber eigentlich ist es eindeutig, weil schließlich keine Kühe oder Pferde oder so im Wasser waren.“
Santiago blickte zurück zum Meer. „Wir stehen bald im Wasser, wenn wir diesen Weg nicht verlassen“, sagte er. „Er wird in weniger als einer Stunde überschwemmt sein. Schaffen wir es in der Zeit aufs Trockene?“
„Klar“, sagte der Junge. „Da ist dieser Unterschlupf, in dem ich penne. Für Kühe und so, aber er liegt nicht im Wasser, und Kühe sind schön warm.“
„Ein … Unterschlupf?“, fragte Santiago und folgte ihm. Manchmal verwirrte die englische Sprache ihn.
„Ja, zum Pennen“, sagte der Junge, als würde das die Sache aufklären.
Da Santiago glaubte, der Junge würde vermutlich nicht sein eigenes Leben riskieren, nur um einen Fremden auszurauben, der ihm zehn Bobs versprochen hatte, folgte er ihm und warf dabei misstrauische Blicke zurück auf das neblige Meer. Weshalb er vor dem Jungen bemerkte, wie es zu kochen begann.
Der Boden unter seinen Füßen erbebte. Seine Haut kribbelte. Etwas stimmte ganz und gar nicht …
„Die Flut“, begann er, aber dies war anders als jede Flut, die er zuvor gesehen hatte. Und er hatte die gigantischen Flutwellen des Qiantang-Flusses beobachtet und den Monsun im Golf von Khambhat erlebt. Das Wasser, das ruhig auf das Land getroffen war, tobte plötzlich, das schlammige Ufer erhob sich und formte Tentakeln.
„Was ist das?“, fragte der Junge entsetzt. Er wich zurück. „Ich hab noch nie gesehen …“
„Nein“, sagte Santiago. „Lauf, Junge! Vamonos!“
Er rannte ebenfalls los, aber der Weg war schmal und mittlerweile von der Flut überschwemmt. Der Junge erreichte vor Santiago höher gelegenen Boden und blickte über die Schulter zurück, genau in dem Moment, in dem das Wasser Santiago am Knöchel packte und in die Luft wirbelte.
***
Esmeralda Blackmantle blieb auf dem Treppenabsatz ihres eleganten Hauses in Mayfair stehen, zwischen zwei halbrunden Tischen mit Beinen im Queen-Anne-Stil und gegenüber einem Ölgemälde, das – selbst aus Tiffanys ungeschultem Blickwinkel – verdächtig wie ein Reynolds aussah, und blickte auf eine Tür, die in unpassendem Grün gestrichen war.
„Was …“, begann Tiffany, aber sie wurde von der grauhaarigen Frau, die eine Hand auf die Tür legte, durch ein „Psst“ zum Schweigen gebracht.
Tante Esme schloss die Augen und presste die Finger ihrer linken Hand gegen ihren Nasenrücken. Mit der anderen Hand steckte sie einen schweren Eisenschlüssel in das Türschloss und sagte eindringlich: „Bring uns an den Ort, den Gwen hat geseh’n. Öffne die andere Seite meiner Tür in Grün.“
Oh, das war doch Unsinn. All das war irgendein alberner Trick. Mit Sicherheit hatte Gwen die Stimme des Katers imitiert, und nun versuchten sie irgendeinen dummen Streich und …
„Ach du lieber Gott“, keuchte Tiffany, als Esme den Schlüssel herumdrehte und der kalte, feuchte Geruch von verrottendem Seegras durch die Tür strömte. Rasch gefolgt von wogendem Nebel, dem Geräusch von Schreien und einem extrem schlammigen Kind.
„Misses, Misses! Sie müssen … Was ist das? Das ist nicht mein Unterschlupf!“
„Nein, Kind“, sagte Tante Esme, während sie in ihrem eleganten blauen Tageskleid durch die Tür schritt. „Wer schreit so?“
„Ähm“, sagte der Junge und starrte den Flur mit seiner gestreiften Tapete und den eleganten Beistelltischen an. „Das ist … äh … dieser Boss, er ist … na ja, Sie werden es schon sehen, denke ich …“
Tiffany schnappte nach Luft. Hinter der Tür befand sich ein Draußen, und nicht das Draußen einer Straße in Mayfair oder eines Gartens irgendwo in London. Hinter dieser Tür – dieser Tür im oberen Stockwerk – befand sich eine Küste. Feuchter, schlammiger Sand grenzte an eine graugrüne See, die sich unruhig hob und senkte. Ein felsiger Steg führte halbherzig hinaus aufs Meer, der Großteil davon war mit Schlamm und Seegras bedeckt. Der Geruch war überwältigend, verrottend und schwefelig und strömte mit einer Brise durch die Tür, die Tiffany das Haar ums Gesicht blies und die Blumen auf dem Tisch ins Wanken brachte.
Eine Möwe schrie. Tiffany erkannte, wie die Vögel um etwas am Strand kreisten.
„Also, komm mit“, sagte die grauhaarige Frau – Gwen – und ging nach Esme und dem schlammigen Kind durch die Tür.
„Aber das ist ein Kuhstall“, sagte das Kind, während es am feuchten Ufer stand und unruhig in den eleganten Flur blickte.
„Es ist ein Haus in Mayfair“, sagte Tiffany gedankenverloren.
„Nein, Miss, es ist ein Kuhstall auf Foulness.“
Sie blickten einander an – das Kind auf dem schlammigen Sand und die Dame auf dem Axminster-Teppich. Tiffany fragte sich den Bruchteil einer Sekunde lang, ob Esme ihr etwas in den Brandy gemischt hatte, der Gedanke wurde jedoch von Esmes schriller Stimme unterbrochen.
„Tiffany! Hör auf zu nörgeln und komm her!“
Also trat Tiffany durch die Tür in die kalte, feuchte, nach Seegras riechende Luft und an das schlammige Ufer. Sie warf einen Blick zurück, und dort stand ein Kuhstall am Rande des trockenen Landes mit einer Tür, die in den oberen Flur eines Stadthauses in Mayfair führte.
„Ich werde verrückt“, murmelte sie. Aber vergangene Woche hatte sie dafür gesorgt, dass Kreidezeichnungen zum Leben erwacht waren, und an diesem Tag hatte sie sich mit einer Katze unterhalten. Warum sollte sie also nicht durch eine Tür in Mayfair einen Strand betreten?
Eine niedrige Mauer, die aussah wie einer der Ha-Has, mit denen der Park von Dyrehaven abgegrenzt war, trennte den trockeneren Boden vom Ufer. Esme und Gwen waren bereits darübergestiegen und gingen den schlammigen Steg entlang, der im Nebel verschwand.
„Das Glück ist mit den Mutigen“, sagte Tiffany und hob ihren Rock an, um ihnen zu folgen.
Vor sich im Nebel erkannte sie Esmes blaues Kleid, während diese neben etwas auf dem Boden kniete, und was auch immer es war, die Möwen waren sehr interessiert daran. Gwen zog ihr Tuch aus und knüllte es grob zusammen, und als Tiffany in ihren Stiefeletten, die eindeutig nicht für diesen Zweck entworfen worden waren, durch den Sand marschierte, sah sie, dass es sich bei der Sache, neben der sie knieten, um eine Person handelte. Um einen Mann.
Er war bewusstlos. Er rührte sich nicht, als Gwen ihr Tuch unter seinen Kopf legte. Seine Kleidung war zerrissen und so durchweicht, dass Tiffany zunächst nicht bemerkte, dass sie nicht nur vom Wasser nass war. Er blutete aus einem Dutzend Wunden und atmete flach.
„Er hat mich gerettet“, plapperte der Junge, während Esme und Gwen damit begannen, die Kleidung des Mannes zu öffnen. „Das Meer ist hochgestiegen wie … wie dieses Wellen-Ding, und er hat es gesehen, und wenn er mir nicht gesagt hätte, dass ich rennen soll, hätte es mich erwischt.“ Er sah verwirrt aus. „Warum war ich ihm wichtig?“
„Wir sind alle Kinder Gottes“, erwiderte Esme, ohne aufzublicken. „Wie ist dein Name?“
„Billy, Miss.“
„Billy. Und dieser Gentleman ist …“
Der Junge zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht, Miss. Irgendein Kerl, der herumgefragt hat, nachdem ein Schiff gesunken war.“
„Ein Schiff ist gesunken? Hier?“ Die zwei älteren Frauen tauschten Blicke aus. Um sie herum war das Watt vollkommen flach. Es gab schlicht keinen Ort, an dem ein Schiffswrack verborgen sein konnte.
„Nein. Nur so ungefähr. Es ist einfach irgendwie … verschwunden oder so. Da war diese große Welle, und … nicht wie die Wellen jetzt, sie war … ich hab noch nie so was gesehen.“
„Kannst du sie beschreiben?“, fragte Esme. Sie hatte noch immer nicht aufgesehen. Sie und Gwen hatten den Mann aus seinem Mantel befreit und werkelten an seiner Weste herum, deren Knöpfe nicht mitarbeiten wollten.
„Die Welle? Sie … irgendwie …“ Der Junge wedelte ein wenig mit den Händen herum und sagte dann: „Ähm, nein.“
„Kannst du sie aufzeichnen?“, fragte Gwen, und Tiffany wich ruckartig zurück.
„Nein“, sagte sie. „Bitte nicht.“ Sie fühlte sich in diesem Moment nicht, als hätte sie sich unter Kontrolle. Wenn der Junge etwas zeichnete und sie es zum Leben erweckte …
Daraufhin blickte Esme mit einer gewissen Strenge auf und nickte. „Stimmt wohl. Schneide sie auf, Gwen. Tiffany, geh zurück ins Haus und hol eine Decke. Irgendeine von irgendeinem der Betten. Und um Himmels willen, lass die Tür nicht zufallen.“
Tiffany zwang sich, zurück zu der Tür zu schauen, die nicht existieren sollte. In dem klapprigen Kuhstall, aus dem sie Kühe hörte, befanden sich Teppiche und Tapeten und Tische im Queen-Anne-Stil.
Sie schluckte.
„Jetzt, Tiffany“, sagte Esme, und ihr Ton verlangte einen solch unmittelbaren Gehorsam, dass Tiffany dem nachkam, ohne überhaupt darüber nachzudenken.
Sie ging zurück ins Haus, und es roch nach Möbelpolitur und Schnittblumen und dem Parfüm, das Esme trug. Als sie sich umdrehte und auf die nächstgelegene Tür zuging, erhaschte sie einen Blick durch das Fenster im Flur auf die Straße draußen. Die Straße in Mayfair.
Nichts hiervon ergibt irgendeinen Sinn.
Sie betrat ein Schlafzimmer, ein normales, nettes Schlafzimmer mit ruhigen blauen Vorhängen. Auf dem Bett lag eine gefaltete Decke. Sie nahm sie an sich – einen schönen, normalen Gegenstand aus einem schönen, normalen Zimmer. Dann ging sie wieder in den Flur mit der geöffneten Tür, die noch immer zu dem Strand führte und hinter der ihre Großtante sich noch immer um einen bewusstlosen Fremden kümmerte.
Um einen bewusstlosen Fremden, der nun bis auf sein Hemd vollkommen entkleidet war und dem auf den Rücken geklopft wurde, bis er Wasser aushustete.
„Oh, da bist du ja. Breite die Decke hier aus.“
Sein Hemd war sehr fein und sehr nass und klebte an seiner Haut. Es klebte überall.
„Soll ich sein Hemd aufschneiden?“, fragte Gwen und fuchtelte mit einer Schere herum.
„Nein!“, rief Tiffany und musste schlucken. Sie war sich wirklich nicht sicher, ob sie noch viel mehr zur Schau gestellte Männlichkeit ertragen würde.
Esme schaute ihr ins Gesicht, lächelte leicht und nickte. „Um deine Keuschheit zu bewahren, na gut“, sagte sie, während Tiffanys Blick an den dunklen Haaren auf seinen Beinen hing.
Inmitten all des Sandes und der Blässe befand sich eine Narbe auf seiner Wange. Gold glitzerte an seinem Ohr. Sein Haar war dick und dunkel und länger, als es in Mode war.
„Er ist der Pirat“, sagte sie überrascht.
„Ist er das?“, fragte Esme gleichgültig. „Hilf uns, ihn auf die Decke zu legen. Nimm seinen Arm. Nein, seinen Arm, nicht seine Hand. Wir sind hier nicht beim Volkstanz.“
Sein Arm war schwer und starr in dem klammen Stoff. Und seine Hand war nackt. Tiffany hatte noch nie die nackte Haut eines Mannes berührt.
Sie musste sich in eine wenig damenhafte Hocke bücken, um die Decke zu erreichen. Aufgrund der Fischbeinstäbe in ihrem starren Korsett war es nahezu unmöglich, die Taille so sehr zu beugen. Sie glaubte nicht, dass sie eine besonders große Hilfe war, während sie ihn auf die Decke hievten, und als sie angewiesen wurde, eine Ecke davon anzuheben, bemerkte sie, dass sie weniger Gewicht trug als der Junge Billy.
„Kommt mit. Ins Haus, bevor die Tür sich von selbst schließt.“
Zu Tiffanys Entsetzen begann die Tür sich tatsächlich langsam und knarzend zu schließen. Würden sie hier draußen an diesem gottverlassenen Strand stecken bleiben? Sie beeilte sich, über den Sand und die niedrige Mauer zu kommen, und versuchte, nicht über das schwere Gewicht des bewusstlosen Mannes nachzudenken, den sie in einer Decke trug, während der Stoff ihr immer wieder aus den Händen rutschte.
„Beeilung, Beeilung“, drängte Esme, und Tiffany beeilte sich, aber als sie versuchte, ihren Rock anzuheben, verlor sie ihren Griff um die Decke, und der Pirat rutschte langsam herunter.
„Nein!“
Sie stolperte, zog ihre Ecke nach oben, versuchte, sein Bein wieder auf die notdürftige Trage zu drängen, aber es kostete sie wertvolle Sekunden. Die Tür fiel krachend ins Schloss, und sie erstarrten alle vier.
„Ähm“, sagte Tiffany.
„Nun, in diesem Fall muss ich …“, begann Esme.
Die Tür fiel aus den Angeln. Die rosafarbene Nase einer Kuh tauchte in der Lücke auf.
Esme atmete ruckartig aus. „… eine andere Tür finden“, sagte sie.
„Können wir nicht einfach durch den Rahmen gehen?“, fragte Tiffany.
„Nein. Es muss eine Tür sein. Eine, die sich öffnen lässt. Klinke, Scharniere, all diese Dinge. Ich habe es mit Torbögen und Türrahmen versucht. Funktioniert nicht. Wir brauchen Scharniere.“
Die Kreide-Arabesken, die die Tänzer zum Stolpern brachten. Das Gänseblümchen, das die Buchseite verließ. Die schreienden Zeichenlehrer …
„Ähm“, sagte Tiffany. Ihre Finger zuckten.
Diese seltsame Eigenart, die sie immer geleugnet hatte. Die sie versteckt und verborgen hatte und vor der sie davongelaufen war.
Die sprechende Katze, der zum Leben erweckte Kamin, die unmögliche Tür …
„Ja?“
Wenn Elinor davon hörte, würde Tiffany nie wieder das Tageslicht sehen.
Dann hoffen wir, dass sie es nie tun wird.
Tiffany straffte die Schultern und tat einen entschlossenen Atemzug. „Wenn wir bloß Scharniere brauchen … kann ich vielleicht helfen.“
Esme hob eine Braue und nickte dann in Richtung der Tür, als erteilte sie ihre Erlaubnis.
Tiffany schaute sich um. Sie hatte keine Zeichenutensilien bei sich. Das hatte sie sich als Regel auferlegt – als verbindliche Regel, da immer etwas schiefging, wenn sie irgendetwas zeichnete. Die Zeichnungen wanden sich und verließen die Seiten. Blumen erblühten. Sie hütete sich, Tiere zu zeichnen.
Aber Scharniere für eine Tür …
Tiffany legte ihre Ecke der Decke sanft ab, und die anderen taten es ihr gleich. „Kannst du mir helfen?“, fragte sie den Jungen, der unsicher aussah, ihr jedoch dennoch dabei half, die feuchte, übel riechende Tür an ihren Platz zu hieven. „Ich nehme an, du hast keine Kreide oder Kohle bei dir?“
Er schüttelte den Kopf und schaute fassungslos dabei zu, wie Tiffany seufzte und etwas Schlamm mit den Händen zusammenschaufelte. Zumindest – angesichts ihrer Nähe zum Kuhstall – hoffte sie inständig, dass es sich dabei um Schlamm handelte. Die Tür des Kuhstalls bestand tatsächlich nur aus ein paar aneinandergenagelten Holzbohlen mit sehr einfachen zweiteiligen Scharnieren. Ein Metallstück auf jeder Seite, eines mit einem Stift und eines mit einem Loch. Tiffany erinnerte sich daran, dass sie als Kind einmal dabei zugesehen hatte, wie eine Tür an einer Scheune oder einem Stall oder etwas Vergleichbarem eingehängt worden war. Das Prinzip war simpel.
Mit einem Finger malte sie eine grobe Nachbildung der Stiftscharniere oben und unten auf die Tür, drehte sich dann um und malte deren Gegenstücke auf den Türrahmen. Während sie das tat, hörte sie den Jungen keuchen.
„Wie haben Sie …“
Die Tür hatte nun Scharniere, in etwa so, als wären sie von einem Schmied angefertigt worden. Sie waren braun und irgendwie schmierig, aber sie waren leibhaftig da.
„Helft mir, sie anzuheben“, sagte sie, und letztendlich brauchte es alle vier von ihnen, aber dann hing die Tür ordentlich in ihren neuen Angeln.
Tante Esme legte ihre Hand darauf, murmelte etwas, und Tiffany hätte schwören können, dass sie ein Licht über die Oberfläche huschen sah.
„Das wird reichen“, sagte Esme und öffnete die Tür zum Flur in Mayfair. Tiffany spürte, wie sie erleichtert die Schultern sinken ließ, richtete sich dann aber zügig wieder auf, da eine Dame nicht zusammensackte.
Esme stellte demonstrativ einen Stein in die Tür, um sie aufzuhalten, und dann gingen sie zurück, um den bewusstlosen Piraten zu holen, der zu stöhnen begann.
Tiffany glaubte, sie würde vor Erleichterung zusammenbrechen, als sie die Füße auf den Teppich setzte. Ein plötzlicher Schrei ließ sie ihre Ecke der Decke schockiert fallen lassen, und dann flog ihr etwas ins Gesicht, und sie schrie auf.
„Das ist eine Möwe“, sagte Esme lebhaft. Sie hatte die Tür einen Sekundenbruchteil zu spät geschlossen. Die Möwe war hereingeflogen, und in dem Durcheinander ließen sie alle die Decke los, woraufhin der Pirat auf den Boden plumpste, während der Vogel aufgebracht kreischend durch den Flur flog.
Er warf die Blumen um und hinterließ einen schmierigen Fleck auf dem Gemälde, bei dem es sich möglicherweise um einen Reynolds handelte, und dann öffnete Esme die Tür und scheuchte ihn hinaus.
„Verfluchte fliegende Ratten“, platzte sie heraus, als sie die Tür hinter ihm schloss, und die Stille, die darauf folgte, war ohrenbetäubend.
Tiffany hatte noch nie zuvor eine Frau fluchen gehört. Sie hatte gehört, wie die Köchin den Küchenjungen murmelnd als ‚verdammten Dieb‘ bezeichnet hatte, und sie hatte gehört, wie die Dienstmädchen über das ‚Vögeln‘ mit einem Mann gekichert hatten, was eindeutig unflätig geklungen hatte, auch wenn Tiffany nicht wirklich wusste, was das bedeutete, aber sie hatte noch nie eine Lady fluchen gehört. Keine Worte, von denen sie tatsächlich wusste, dass es sich um Schimpfwörter handelte.
„Kommt schon“, sagte Großtante Esme und hob ihre Ecke der Decke auf. Der Pirat begann sich zu rühren. „Das blaue Zimmer wird ausreichen. Eins, zwei, drei … und hoch!“
Noch immer schockiert half Tiffany ihnen, den Piraten auf ein Bett in dem Zimmer zu legen, aus dem sie die Decke geholt hatte, und dann wurde Gwen in die Speisekammer geschickt, um Medizin zu holen, und der Junge Billy sollte in der Küche Wasser erhitzen, und Tiffany blieb mit Esme allein zurück, beide schlammig und nass und auf eine Art schwitzend, wie es Ladys eindeutig nicht tun sollten.
„Nun“, sagte Esme, als sie den beinahe nackten Mann betrachteten, der ausgebreitet auf dem Bett lag. „Gute Arbeit mit der Tür übrigens. Diese Scharniere sind einfach … plötzlich Wirklichkeit geworden, so als wären sie von einem Schmied gemacht worden. Bleiben sie dauerhaft?“
„Die Zeichnungen? Nein. Sie halten nicht lange. Ein paar Stunden vielleicht. Ich habe noch nie mit Schlamm gezeichnet.“ Ihre Hände waren so dreckig. Sie blickte sich nach etwas um, an dem sie sie abwischen konnte, aber ihr Blick wanderte immer wieder zurück zu dem Piraten, als wäre er magnetisch.
Auf seinen Armen und Beinen wuchsen kurze dunkle Haare. War das bei allen Männern so? Tiffany gestattete sich nicht, sich Kunstwerke von nackten Männern anzuschauen, da wirklich niemand es gebrauchen konnte, dass sie zum Leben erwachten, also hatte sie keine Ahnung, ob diese Haare üblicherweise darauf abgebildet waren. Sicherlich hätte sie sie bemerkt. Sie waren so … unübersehbar.
„Ich verstehe. Trotzdem nützlich. So hatte ich mir unser erstes Treffen nicht gerade vorgestellt, aber ich nehme an, dass du die Wahrheit nun nicht mehr in Zweifel ziehst, nicht wahr?“
„Die Wahrheit?“, fragte Tiffany. Die Beinhaare waren feucht und klebten am Körper. Würden sie weich werden, wenn sie trockneten?
„Dass du eine Hexe bist.“
Tiffany blinzelte den Piraten an. Der Ärmel seines durchnässten Hemds war zerrissen und offenbarte eine schwarze Zeichnung auf der braunen Haut seines Armes, die durch die Haare hindurch sichtbar war. War er wirklich der Mann in dem grünen Jackett, den sie auf dem Russell-Ball getroffen hatte?
„Nun“, sagte sie abwesend. „Ich glaube, dass Sie eine sind. Sie haben eine magische Tür.“
„Vogel?“, zwitscherte eine kindliche Stimme hinter ihr, und sie blickte sich um und sah Pippin, den Kater, der hoffnungsvoll herumschnüffelte. „Vogel weg?“
„Und vermutlich bin ich auch eine“, sagte Tiffany und ließ die Schultern herabfallen. Eine Lady ließ die Schultern nicht herabfallen, aber vielleicht tat eine Hexe es. Sie hörte die Gedanken der Katze. Es war verrückt. „Warum konnte ich nicht hören, was der Vogel gesagt hat?“
Esme zuckte mit den Schultern. „Vögel reden nicht viel. Möwen schreien meistens. Raben sind jedoch halbwegs intelligent. Apropos: Wenn du mich jemals brauchen solltest, frag einen Raben.“
„Was soll ich einen Raben fragen?“
Irgendwo schlug eine Uhr, und in Tiffany stieg unvermittelt Panik auf.
„O nein. Mein Dienstmädchen wartet. Ich muss gehen …“
„In diesem Zustand?“, fragte Esme, und Tiffany blickte an sich herunter. Ihr Rock war bis zu den Knien schlammig und auf eine Weise sandig, die sie nie würde erklären können. Ihre Stiefeletten waren ruiniert. Ihr Haar fiel an allen möglichen Stellen aus der Frisur. Sie spürte den Schweiß auf ihrer Stirn und an ihrem Hals, und ihre Hände sahen entsetzlich aus. Sie glaubte, die Möwe hätte ihre Hinterlassenschaften auf ihrer Schulter platziert.
„O nein“, sagte sie erneut. Sie stürzte zum Fenster und blickte hinaus auf die Straße. Ja, dort war Morris. Sie saß artig auf der Bank, während neben ihr ein paar Päckchen lagen.
„Vielleicht kann ich dir etwas leihen“, sagte Esme.
„Und was erzähle ich Morris? Sie hat mir das hier angezogen!“
„Ach“, sagte Esme. „Ja. Nun, vielleicht könntest du sagen … dass du etwas verschüttet hast und …“
Tiffany wollte sich mit den Händen über das Gesicht reiben, hielt dann aber inne, weil sie ekelhaft waren. „Ich habe keine Zeit. Also gut.“ Sie warf einen schnellen Blick auf den Piraten, der noch immer zu schlafen schien. „Erzählen Sie nur … ähm … niemandem hiervon.“
„Meine Liebe, ich bin eine Hexe.“
Auch Tiffany beherrschte einen Trick, und dieser war beinahe so nützlich wie die Fähigkeit, unsichtbar zu werden. Er hielt nicht lange an, es sei denn, sie konzentrierte sich stark und nahm Kopfschmerzen in Kauf, aber er war nützlich auf Bällen und Abendgesellschaften und Veranstaltungen, auf denen sie ein wenig anders aussehen wollte. Er bestand darin, ihr Haar zu locken oder zu glätten, einen Makel zu verbergen oder zu erzeugen, ihr Kleid schmeichelhafter oder deutlich weniger passend zu machen. Sich selbst mehr oder weniger reizvoll aussehen zu lassen, und es war beinahe immer Letzteres.
Nun konzentrierte sie sich darauf, wieder so auszusehen wie am Morgen. Der Sand und der Schlamm auf ihrem Rock verflüchtigten sich, ihr Haar band sich selbst wieder zu ihrer vorherigen Frisur zusammen, und die Hinterlassenschaften des Vogels verschwanden. Der Schlamm an ihren Händen löste sich auf, und ihr Teint glättete sich, auch wenn sie den Dreck und den Schweiß noch immer schmierig und unangenehm auf der Haut spürte.
Ein paar Augenblicke später war sie eine elegante, wohlgeratene junge Dame, die lediglich ihre Tante besucht hatte.
„Nun, das ist wirklich eine ausgezeichnete List“, sagte Esme und ging um sie herum.
„Es wird nicht so bleiben“, erklärte Tiffany. „Ich werde mir eine Ausrede einfallen lassen müssen, aus welchem Grund später alles dreckig sein wird.“ Sie betrachtete sich in dem Spiegel über dem Frisiertisch. Ja. Vollkommen vorzeigbar. „Es tut mir so leid. Ich muss gehen.“
„Siempre …“, erklang eine murmelnde Stimme vom Bett aus, und Tiffany wirbelte herum und sah, wie die Augenlider des Piraten flatterten. Er hatte unglaublich lange Wimpern. „Siempre huyendo“, nuschelte er und lächelte sie verschlafen an, bevor er die Augen wieder schloss.
„Was hat er gesagt?“, fragte Tiffany, und ihre Wangen röteten sich.
„Er hat ‚Immer‘ gesagt und dann … ‚Immer rennt sie davon‘, glaube ich“, sagte Esme mit zur Seite geneigtem Kopf. „Was denkst du, was das bedeutet?“
„Ich habe keine Ahnung“, sagte Tiffany und rannte beinahe zur Tür.
Kapitel zwei
Einige Jahre zuvor
Die Straßen von São Paulo wurden nie vom Regen reingewaschen, egal wie viel davon fiel. Der Junge tanzte von einem zerbrochenen Pflasterstein zum anderen und hüpfte über die Pfützen und die mit Schlamm gefüllten Löcher im Boden. Seine Lippe brannte, und seine Rippen schmerzten, aber der Laib Brot war sicher und trocken in sein ledernes Wams gewickelt. Er und Mama würden an diesem Abend essen!
Aber als er sich durch das Gewirr von Gassen gekämpft hatte, über schmale Brücken balanciert war und den Vorhang, der die Zugluft aus ihrem Zimmer fernhielt, zur Seite geschoben hatte, fand er das Zimmer leer vor.
„Sie hat dir das hier hinterlassen“, sagte Senhora Calvo aus dem Nebenzimmer und hielt ihm einen dreckigen Zettel entgegen. „Kannst du lesen?“
Natürlich konnte er lesen. Mama hatte es ihm beigebracht – heimlich, weil Papa gesagt hatte, er wolle seine Unwissenheit erhalten. Er nahm den Brief an sich und überflog ihn ängstlich.
„Hier steht, dass sie ins Kloster gegangen ist“, sagte er. „Aber dort geht sie häufig hin.“
Seine Mutter betete andauernd, und sie bot den Nonnen jegliche Dienste – kochen, waschen, putzen – an, die sie ihr zu verrichten gestatteten.
Sein Vater bezeichnete sie als schmutzige Katholikinnen, aber in Südamerika gab es nicht viele anglikanische Kloster.
„Ich glaube nicht“, sagte Senhora Calvo sanft, „dass sie dieses Mal zurückkommt.“
Seine Mutter hatte ihm auf Spanisch geschrieben, vermutlich, weil so niemand sonst – vor allem nicht sein Vater – in der Lage war, den Brief zu lesen.
Ich werde nicht länger auf diesen Mann warten, und das solltest du auch nicht tun, Edo. Du bist nun alt genug. Du brauchst mich nicht mehr. Geh und schau dir die Welt an, und mach dir keine Sorgen um mich.
Er stopfte den Brief in sein Wams und rannte zum Kloster. Dieses Mal achtete er nicht auf die Pfützen. Die Senhora musste falschgelegen haben. Mama würde zu ihm zurückkommen. Papa verschwand oft wochen- und monatelang, doch Mama würde ihn nicht verlassen. Oder doch?
Aber die Nonnen wollten ihm keinen Einlass gewähren. Es war die Zeit des Silentiums – des Schweigens und der Nachtruhe –, und schmutzige kleine Jungen mit vom Weinen geröteten Augen waren davon nicht ausgenommen.
„Aber ich habe ihr Brot mitgebracht“, sagte er und streckte der Nonne den Laib entgegen. „Ich habe dafür mit einem anderen Jungen gekämpft. Ich habe ihm die Nase gebrochen.“ Das fügte er hinzu, da es eines der wenigen Dinge war, von denen sein Vater ihm beigebracht hatte, dass er stolz darauf sein sollte.
„Dann ist das der Ertrag von Gewalt“, sagte die Nonne ernst und nahm ihm das Brot ab, „und deine Strafe wird sein, hungrig zu bleiben.“
„Aber –“
„Bete zur Jungfrau für die Vergebung deiner Sünden“, sagte sie zu ihm, aber das würde er nicht tun, weil Papa gesagt hatte, dass sie zur Kirche von England gehörten, auch wenn er sich nicht einmal sicher war, wo England war. „Geh und finde eine ehrliche Arbeit, um dich selbst zu versorgen. Du bist nun alt genug, Duarte.“
„Das ist nicht mein Name“, sagte er. Er würde ihre Version davon nicht akzeptieren, nun, da sie Mama gestohlen hatten. Und er würde nie wieder Edo sein, nun, da sie es zugelassen hatte.
Die Nonne sah unbeeindruckt aus. „Ed-ward also“, sagte sie und betonte die englischen Silben übertrieben.
„Nein.“ Das war noch schlimmer. „Mein Name ist Santiago“, sagte er. Wenn er nun auf sich allein gestellt war, brauchte er keinen anderen Namen als den, den er sich selbst gegeben hatte. „Erzählen Sie ihr das“, sagte er, während der Regen an seinem Kinn herabtropfte und seine Schuhe durchnässte. „Und erzählen Sie es meinem Vater, wenn er je zurückkommt. Mein Name ist Santiago, und ich bin nicht länger ihr Sohn.“
***
„Oje“, sagte Elinor, starrte den Marmeladentopf an und verzog das Gesicht. „Erdbeere, wirklich? Niemand verwendet mehr Erdbeeren. Himbeere ist die einzig elegante Geschmacksrichtung.“
Tiffany betrachtete das Rosenmuster auf den Tellern. Bewegten die Blumen sich vor ihren Augen, oder bildete sie es sich nur ein?
Ich bin eine Hexe, Tiffany. Und du bist es auch.
Sie hatte die gesamte Nacht damit verbracht, sich im Bett herumzuwälzen und diese Worte immer und immer wieder in Gedanken zu durchleben. Die Katze, die mit ihr gesprochen hatte. Die grüne Tür, die sich zu einem grauen Ufer geöffnet hatte. Der Pirat.
Ich bin eine Hexe.
Als sie sich daran erinnerte, dass sie Tante Esme, einer verhältnismäßig Fremden, ihre Fähigkeiten gezeigt hatte – zweimal –, brach sie in kalten Schweiß aus.
„Träumst du schon wieder?“, fragte Elinor. „Wirklich, Theophania. Hast du mich überhaupt gehört?“
„Ähm“, sagte Tiffany. Ich frage mich, ob seine Haut überall diesen goldenen Schimmer hat.
„Nein, siehst du? Wie sollst du lernen, was à la mode ist, wenn du mir nicht zuhörst?“
Tiffany wollte sagen, dass sie in Zeitschriften darüber lesen könnte, was modern war, wenn es ihr wichtig wäre, was nicht der Fall war. „Ich habe keine Ahnung“, sagte sie.
„Nein. Du hättest fröhlich weiter Erdbeermarmelade gegessen, als wäre 1810.“ Elinor lachte, als wäre das eine völlig absurde und, nicht zu vergessen, gesellschaftlich unverzeihliche Sache.
„Aber Cornforth mag Erdbeeren“, sagte Tiffany. Sie schaute zu ihrem Bruder, der stirnrunzelnd seine Zeitung las und ihnen keinerlei Beachtung schenkte. Sie hatte eine vage Erinnerung an ihn, wie er das Kinderzimmer besucht hatte, als sie noch klein gewesen war, und wie er ihr gestattet hatte, ihm einen klebrigen Scone mit süßer Erdbeermarmelade zu servieren. Er hatte tapfer gelächelt, ihn ganz aufgegessen und sich nicht beschwert, als sie mit ihren Marmeladenfingern sein ganzes Jackett beschmutzt hatte.
„Das glaube ich nicht“, sagte Elinor. „James“, wandte sie sich an den Diener, „sagen Sie der Köchin, dass es von nun an Himbeermarmelade geben soll. Selbst gemacht, bitte. Wir sind keine Händler.“ Den letzten Satz sagte sie, während sie vor Abscheu erschauderte.
„Aber dauert es nicht lange, Himbeermarmelade zu kochen?“, fragte Tiffany, die noch nie zuvor eine Meinung zu Marmeladensorten gehabt hatte und sich wirklich wünschte, sich gerade nicht damit befassen zu müssen. „Haben Himbeeren gerade überhaupt Saison?“
„Es ist April“, sagte Cornforth, der offenbar zuhörte.
„Gibt es keine Gewächshäuser? Ich ertrage all den Kleingeist wirklich nicht. Theophania, komm, zieh dich an. Wir unternehmen einen Spaziergang durch den Hyde Park. Versuche dieses Mal, nicht in den Dreck zu fallen.“
„Aber ich wollte meine … äh … Großtante besuchen“, sagte Tiffany, und es gelang ihr im letzten Moment, sich davon abzuhalten, „den unverantwortlich gut aussehenden halb nackten Piraten, bei dessen Lebensrettung ich gestern geholfen habe“ zu sagen. „In Mayfair“, fügte sie zur Sicherheit noch hinzu.
„Ich bin mir sicher, dass sie es einen Tag lang ohne dich aushalten wird. All die Zeit und Bemühungen, die wir in deine Saison investieren, und du verbringst sie mit einer verstaubten alten Verwandten, von der ich bis gestern nicht einmal gehört hatte.“ Was geschehen war, als sie den Brief gefunden hatte, den Tiffany nicht klug genug versteckt hatte. „Kennt sie irgendwelche geeigneten jungen Männer?“
Das Aufblitzen weißer Zähne, ein Goldohrring, die unerwartete Tintenzeichnung auf der Haut …
„Ich habe gestern Lady Brimsey getroffen“, fuhr Elinor fort. „Ihre Tochter erwartet noch diese Woche einen Antrag. Und ich habe gehört, dass Lord Rothchester um Erlaubnis gebeten hat, dem Atwood-Mädchen den Hof zu machen. Dem jüngeren, nicht dem mit dem anstrengenden Lachen.“
Tiffany hatte die Damen Atwood kennengelernt, und während die ältere Tochter tatsächlich ein ziemlich charakteristisches Lachen hatte, war das zumindest ein Beweis dafür, dass sie einen Sinn für Humor besaß. Die jüngere erweckte den deutlichen Eindruck einer Puppe, die jemand verzaubert hatte, damit sie tanzte und lächelte.
Ich frage mich, ob ich eine Puppe verzaubern könnte … Nein, das wäre beängstigend.
„Natürlich ist der wirkliche Fang der Saison wohl der Duke of St James“, plapperte Elinor weiter.
„Ist er nicht ungefähr einhundertzwölf Jahre alt?“, fragte Tiffany und überlegte, wie es ihr wohl gelingen könnte, an diesem Tag wieder zu Tante Esmes Haus zu gelangen. Nicht dass es an diesem Tag würde stattfinden müssen, aber sie konnte nicht aufhören, über den Piraten nachzudenken.
Selbstverständlich weil er hätte sterben können. Nicht wegen seiner goldenen Haut, der weißen Zähne und des Goldohrrings …
„Nein, Liebes! Der alte Duke ist gestorben. Sein Enkel hat ihn beerbt. Je weniger über den Vater gesprochen wird, desto besser.“ Elinors Augen funkelten. Mit den Lippen formte sie die Wörter „Duell“ und „Exil“ und fügte dann laut hinzu: „Aber niemand hat auch nur die geringste Spur von ihm gesehen. Ich bin neulich an St James House vorbeigekommen, und an der Tür hängt noch immer kein Klopfer. Er hat den Titel doch übernommen, oder, Cornforth? Cornforth! Was kann in dieser elenden Zeitung bloß so Interessantes stehen?“
Cornforth blickte auf und blinzelte. Er war ein Mann mit sandfarbenen Haaren, einem schmalen Kinn, recht kleiner Statur und braunen Augen, die stets ein wenig ernst wirkten, auch wenn er das gar nicht beabsichtigte. Er und Tiffany sahen sich so wenig ähnlich, dass die Leute nur selten bemerkten, dass sie verwandt waren.
„Nun“, sagte er. „Bonaparte hat den Sklavenhandel in Frankreich abgeschafft.“
„Unser Bruder Anthony wird begeistert sein“, sagte Tiffany und wagte einen Blick zu Elinor.
„Das wird nicht so bleiben“, sagte ihre Schwägerin und schniefte. „Ich habe gehört, dass die Franzosen ihn nicht im Geringsten unterstützen.“
„Ich dachte, Damen unterhalten sich nicht über Politik“, sagte Tiffany unschuldig, was ihr einen giftigen Blick einbrachte.
„Komm schon, zieh dich für den Spaziergang um“, sagte Elinor und erhob sich von ihrem Stuhl. „Es ist an der Zeit, dass du flanierst und gesehen wirst, Theophania. Wie sollst du sonst einen Ehemann finden, wenn du dich die ganze Zeit über nur versteckst? Oh, und Liebes, färbe deine Augenbrauen dunkel, so wie ich es dir gezeigt habe. Du darfst nicht zu … farblos wirken.“
Tiffany lächelte angespannt und gestattete Morris, ihre Augenbrauen mit verbrannter Kohle dunkel zu färben. Offenbar war Farblosigkeit aber nur bei Haaren und Teint schlecht, denn das Kleid, in das sie gesteckt worden war, war aus tristem geblümtem Musselin ohne jegliche Farbe. Trotzdem war es mit Rüschen besetzt und modisch, was alles war, wofür Elinor sich interessierte. Tiffany würde es leicht anpassen müssen, so wie sie es am Vortag getan hatte. Und sie würde ihren Trick vollführen müssen, der sie mit dem Hintergrund verschmelzen ließ, was …
Ha! Ja. So würde es ihr gelingen, Elinors Blick zu entgehen. Aber würde der Zauber lange genug anhalten, um sich vollständig zu entfernen?
Du beabsichtigst, Hexerei anzuwenden, sagte sie zu sich selbst. Du weißt, dass das sowohl unmöglich als auch verboten ist.
Aber da es bereits unmöglich war, bedeutete das vermutlich, dass es nicht verboten sein konnte. Ja. Wer könnte es ihr schon beweisen?
Sie folgte Elinor pflichtbewusst in den Landauer. Beide Verdecke waren offen, sodass sie sehen und gesehen werden konnten. Die Pferde senkten den Kopf und trotteten langsam los. Tiffany versuchte herauszufinden, ob sie ihre Gedanken hören konnte, aber alles, was sie hörte, waren die Unterhaltungen auf der Straße. Vielleicht verloren sich die Gedanken der Pferde darin. Oder vielleicht konnte sie nur Katzen hören.
Oder vielleicht kannst du überhaupt keine Tiere hören, weil das, was gestern passiert ist, ein Fiebertraum oder eine Ausgeburt deiner Fantasie war. Sie musste einfach zu Tante Esmes Haus zurückkehren und es herausfinden.
Als sie sich umblickte, war Tiffany sich sicher, dass mehr Raben unterwegs waren als üblich.
Die Fahrt in den Park war endlos lang, da Elinor darauf bestand, neben allen Bekannten stehen zu bleiben und sie zu begrüßen. Es war für Elinor sehr wichtig, eine große Anzahl an Freunden zu haben und von ihnen hochgeschätzt zu werden. Was beinahe genauso wichtig war, war, dass der Geschmack und die Beziehungen ihrer Freunde ihren eigenen so weit wie möglich unterlegen waren. Mit Mrs Belmont, deren Töchter in einem ähnlichen Alter waren wie Tiffany, tauschte sie Höflichkeiten aus und fragte dann unschuldig, ob sie am nächsten Tag alle zu Mrs Wildinghams Konzert kommen würden.
Mrs Belmont erklärte stotternd, dass sie eine andere Einladung erhalten hatten, und Elinor lächelte triumphierend.
„Ich wette, sie wurden nicht eingeladen. Ah, Sir Henry, Lady Brougham …“
Miss Brougham trug einen freundlichen Blauton, die Art, die auch Tiffany gern tragen würde. Ihr Bruder Percy sagte ein paar Worte über die Theatervorstellung, die er kürzlich besucht hatte. Sie waren ein angenehmes Gespann, freundlich und unbeeindruckt von ihrem Mangel an, wie Elinor es bezeichnen würde, ‚körperlichen Reizen‘. Als sie davonfuhren, dachte Tiffany darüber nach, sich näher mit ihnen anzufreunden.
„Oje“, flüsterte Elinor nicht gerade diskret. „Hast du diese Pickel gesehen? So furchtbar geschmacklos.“
„Ich glaube kaum, dass er das mit Absicht macht“, entgegnete Tiffany.
„Pah“, sagte Elinor. „Und dieser schreckliche Blauton an Miss Brougham, so als wäre sie noch ein Kind. Man würde sie vermutlich auch in der Dunkelheit erkennen. Warum halten es die Leute für notwendig, sich so zu präsentieren? Ah, Lady Greensword.“ Sie erhob die Stimme. „Wie angenehm, Sie zu sehen! Ach, war das nicht ein wunderbares Hauskonzert im Salon Ihrer Gnaden?“
Es war erstaunlich, dachte Tiffany. In Elinors Stimme lag absolut keine Spur von Ironie. Überhaupt keine.
Die Raben waren noch immer unterwegs. Zwei von ihnen beobachteten Tiffany mittlerweile.
Vogelgedanken ergeben nur selten Sinn. Tiffany erwischte sich dabei, wie sie sie aufmerksam anstarrte.
„Theophania! Ich habe dich gefragt, ob es nicht wundervoll wäre, Keans Richard II. zu sehen. Sein Romeo hat mich zum Schwärmen gebracht, das gebe ich gern zu.“ Elinor legte sich eine Hand auf die Brust, da es in Mode war, tragische Helden zu bewundern. „Da haben Sie es! Ich bin eine hoffnungslose Romantikerin.“
„Warum ist es romantisch, den Freitod zu wählen?“, fragte Tiffany, und die beiden älteren Frauen schnappten nach Luft.
„Haben Sie denn keine Empfindsamkeit?“, fragte Lady Greensword.
„Aber die Kirche sagt uns doch …“
Elinors Lachen war ein wenig zu schrill. „Es ist ein Schauspiel, Theophania. Es ist nicht echt. Nun komm mit, noch ein kleines Stück, dann steigen wir für einen Spaziergang aus. Ich möchte nicht zu spät dort ankommen.“
Zu spät wofür? Elinor traf dieselben Leute an denselben Orten an den gleichen Tagen einer jeden Woche. Sie tauschten den gleichen Tratsch über die gleichen Dinge aus. All das war so unglaublich langweilig, und dennoch war es etwas, auf das Elinor sich so eifrig freute, dass sie auf ihrem Platz nach vorn rutschte und sich wie ein Kind im Süßigkeitenladen aufgeregt umschaute.
Tiffany folgte ihr aus der Kutsche und ließ zu, dass Elinor sie herumführte. Sie gab vor, ihrem Plappern darüber zuzuhören, wer wenig schmeichelhafte Kleidung trug oder jemand Unpassendes heiratete.
Sie beschränkte ihre Antworten auf einfaches Murmeln. Sie nickte und knickste mit möglichst wenig Mühe. Sie strengte sich an, unsichtbar zu werden, aus der Sicht der Leute zu verschwinden. Ließ die Blumen auf ihrem Kleid mit den Blumen auf dem Boden verschmelzen. Ließ die Feder an ihrer Haube zu einer solchen werden, die ein Vogel verloren hatte. Ließ das Knirschen ihrer Schritte auf dem Kies zu einfachen Hintergrundgeräuschen verblassen.
Als Elinor stehen blieb, um eine Bekannte mit einem unverzeihlich hässlichen Hut zu begrüßen, ließ Tiffany sich ein wenig zurückfallen, und Elinor machte keine Anstalten, sie vorzustellen. Die Bekannte blickte in ihre Richtung und dann auf die restliche Menge. Ihr Blick prallte einfach an Tiffany ab, als wäre sie eine Bedienstete.
Tiffany wurde langsamer. Trat zur Seite. Hielt den Atem an, als Elinor stehen blieb, um eine engere Freundin zu begrüßen, die sie eindeutig erkennen würde.
Und atmete aus, als die Dame sie nicht einmal zu bemerken schien.
„Heute allein unterwegs, Lady Cornforth? Haben Sie Ihre junge Schwägerin nicht mitgebracht?“
„O nein, Theophania ist …“ Elinor neigte leicht den Kopf und runzelte kaum merklich die Stirn. „Sie … Ach ja, sie besucht ihre Tante, glaube ich.“ Ihr Gesichtsausdruck entspannte sich, während sie die Welt um sich herum in Gedanken neu gestaltete.
„Wie gütig.“
„Ja. Nun, ich habe versucht, ihr beizubringen, wie sie sich in der Gesellschaft verhalten sollte …“
Sie gingen weiter, und Tiffany verschwand in der Menge, so unsichtbar wie ein Windhauch, und in ihr machte sich ein Gefühl des Triumphes breit.
***
Nachts plagten ihn Albträume, in denen schreckliche Biester mit Tentakeln sich aus dem Nichts erhoben und ihm Gliedmaße für Gliedmaße ausrissen. Er träumte von Schiffen, die in die Wellen gezerrt wurden, von einem schreienden Kind, von einer Tür zwischen zwei Welten.
Er träumte von einer Meerjungfrau.
Seine Mutter hatte ihm Geschichten von El Cuero erzählt, einer angsteinflößenden Kreatur, die im Wasser lebte und wie eine Kuhhaut aussah, die jedoch Saugnäpfe und Tentakeln hatte, mit denen sie eine Person zerquetschen und anschließend verspeisen konnte. Gab es diese Kreaturen wirklich? War ein Cuero aus dem Meer an der Küste von Essex aufgestiegen und hatte versucht, ihn zu töten?
„Das erscheint mir unwahrscheinlich“, erklang eine weibliche Stimme. „Vermutlich ist die Flut einfach nur sehr schnell angestiegen.“
Sein ganzes Gesicht fühlte sich so an, als wäre es mit Sand gefüllt. Blinzeln schmerzte. Alles schmerzte. Santiago krächzte: „Die Flut ist zum Leben erwacht.“
„Ja, es kann durchaus manchmal so wirken, nicht wahr?“ Sie gab ihm etwas zu trinken, und dann schlief er wieder ein, und erst später bemerkte er, dass sie Spanisch mit ihm gesprochen hatte.
Was war tatsächlich passiert? Santiago war sich nie wirklich sicher, was von seiner Erinnerung echt und wie viel einem Fiebertraum geschuldet war. Das Meer hatte plötzlich gekocht, und ihm waren Arme gewachsen, große, muskulöse Tentakeln, die irgendwie aus Wasser bestanden hatten. In den Erinnerungsfetzen, die Santiago noch ersann, war das Meer lebendig geworden. Es hatte ihn gepackt wie eine Katze eine Maus und ihn durch die Luft gewirbelt.
Er hatte den Jungen vom Ufer aus rufen gehört, und dann hatte das Meer …
… das Meer …
… das Meer wild um sich geschlagen und ihn ausgespuckt.
Was den letzten Teil betraf, war er sich nicht wirklich sicher. Es musste etwas gewesen sein, was er geträumt hatte. Dieses schreckliche Gefühl des Fliegens, angetrieben von irgendwelchen wässrigen Armen, die sich durch den kalten Nebel auf den matschigen Strand zubewegten.
Was darauf gefolgt war, war nur schwer zu beschreiben. Dunkle, beängstigende Albträume vermischten sich mit Übelkeit und Schmerzen. Gelegentlich eine kalte Hand auf seiner Stirn, die wohltuende Erleichterung von kaltem Wasser an seinen Lippen, eine leise Stimme, die ihm gut zuredete.
Er unternahm ein paar Versuche, aufzuwachen, aber das war keine besonders angenehme Erfahrung, also ließ er sich in den vermutlich durch Betäubungsmittel ausgelösten Schlaf zurückfallen. Es war ein angenehmer Ort, nun, da die Fieberträume sich verzogen hatten, aber es schien, als wäre es ihm nicht gestattet, dort allzu lange zu verweilen.
„Nein, ist schon gut. Ich habe häufig bei meinen Nichten und Neffen gesessen, wenn sie krank waren.“
Eine Frauenstimme, gefolgt von einer weiteren. „Weiß deine Familie, dass du hier bist?“
„Gewissermaßen.“
Er hörte, wie eine Tür geschlossen wurde, und dann näherten sich ihm Schritte. Jemand beugte sich über ihn, eine Frau, ihre Kleidung und ihr Körper rochen süßlich. Einen Moment lang glaubte er, ihre Finger an seiner Wange zu spüren, und dann waren sie verschwunden.
Was er eindeutig spürte, war ihr Busen, der sich gegen seinen Arm drängte. Es war ein wirklich prächtiger Busen, voll und fest, und er seufzte glücklich über seine Nähe.
Sie atmete jedoch scharf aus und zog sich zurück.
„Mr Santiago?“, fragte sie mit zögerlicher Stimme, so als wollte sie nicht wirklich, dass er sie hörte.
„Sie kennen mich?“, gelang es ihm zu fragen. Er versuchte blinzelnd, seine trockenen Augen zu öffnen.
„Ich glaube, wir haben uns bereits getroffen“, sagte sie.
Santiago wusste nicht, wer sie war. Er wusste kaum, wer er war. „Haben wir das?“, krächzte er. Er versuchte, einen Blick auf sie zu werfen, aber alles war dunkel.
Sie beugte sich nach vorn und hielt ihm eine Tasse mit einer Art Schnabel an die Lippen. Er glaubte, dass mit solchen Bechern die Invaliden gespeist wurden. Ah, wunderbar, nun war er also ein Invalide.
„Ja“, sagte sie, als wundervoll kaltes Wasser seine Lippen passierte. „Auf dem Russell-Ball. Sie trugen ein grünes Samtjackett.“
Ein grünes Samtjackett. Ja, so etwas hatte er während seines einzigen Vorstoßes in die vornehme Gesellschaft getragen. Und nun … Nun schien er kaum etwas zu tragen. Was manchmal in der Gegenwart einer jungen Dame und eines Bettes genau richtig war – und manchmal überhaupt nicht. Er vermutete stark, dass es sich in diesem Fall um Letzteres handelte, nicht zuletzt, weil jeder Teil seines Körpers schmerzte.
Er blinzelte, aber seine Sicht war verschwommen. Und das Zimmer war nur spärlich beleuchtet. Wenn er diese Frau bereits getroffen hatte, hatte sie eindeutig keinen Eindruck hinterlassen. Alles, woran er sich von jenem Abend noch erinnerte, war das Mädchen in dem silberfarbenen Kleid und wie es ihr gelungen war, die Kreide zum …
Moment.
„Mr Santiago? Sie atmen so schnell.“
Ihre kalten Finger berührten seine Stirn, aber das half nicht. Mr Santiago. Wen hatte er noch auf dem Ball getroffen, der ihn so ansprechen würde?
„Sie waren es“, krächzte er. Er betrachtete sie in dem gedämpften Licht. Sie strahlte irgendwie, leuchtete, ihre Haut und ihr Haar blass und feenhaft.
„Was meinen Sie?“
„Sie haben die Kreide zum Leben erweckt! Ich habe es gesehen.“
Sie stieß den Atem aus. „Ich bin mir sicher, dass ich nicht weiß, wovon Sie sprechen“, erwiderte sie.
Santiago bemühte sich, sich aufzusetzen, aber sie drückte ihn wieder nach unten. Er widersetzte sich so heftig wie möglich, was nicht gerade viel war. Er besaß die Kraft eines einen Tag alten Kätzchens.
„Bitte bleiben Sie liegen. Sie waren wirklich sehr krank.“
„Ich weiß, was ich gesehen habe. Sie haben die Kreide zum Leben erweckt …“
„Kreide kann nicht zum Leben erweckt werden, Mr Santiago. Das weiß jeder. Sogar der große Maler Mr Turner –“
„… und Sie haben das Meer zum Leben erweckt!“
Daraufhin hielt sie einen Augenblick lang inne, und dann klang ihre Stimme ganz anders, als sie sagte: „Das Meer ist zum Leben erwacht? Was meinen Sie damit?“
„Es … es hat gekocht, und es hat … Arme bekommen“, sagte er und schlug dabei wild mit seinen eigenen Armen um sich. Der gewaltige Schrecken stieg in ihm auf und beraubte ihn seiner Stimme.
„Ich glaube nicht, dass das Meer Arme bekommen kann“, bemerkte sie nüchtern. „Vielleicht war es Seegras.“
„Seegras?“, keuchte er erbost.
„Oder ein … Tintenfisch“, vermutete sie. „Mein Bruder Phileas hat mir von einer Art Qualle erzählt, die er auf seinen Reisen gesehen hat. Sie hatte diese riesigen, langen Tentakeln, zweimal so lang wie dieses Zimmer. Die Einheimischen erzählten, sie hätte einen Stachel, der einen Menschen töten könnte. Vielleicht ist Ihnen so etwas passiert? Die Tentakeln könnten so ausgesehen haben, als wären sie aus dem Meer gekommen, und ich kann mir vorstellen, dass ein so scheußlicher Stich ein solches Delirium auslösen kann.“ Ihre Stimme war wohlwollend, so als erkläre sie einem kleinen Kind, warum seine Fantasie zwar bezaubernd, aber vollkommen absurd war.
„Ich weiß, was ich gesehen habe“, knurrte Santiago. „Und was ich gefühlt habe.“ Er rieb sich die Rippen, wo er noch immer den Druck dieser riesigen Tentakeln spürte, die ihn gepackt und zusammengedrückt hatten. Aber das konnte nicht wirklich passiert sein. Nicht in diesen Gewässern.
„Sie haben leider einen Schlag auf den Kopf erlitten“, sagte die Frau, von der er mittlerweile überzeugt war, dass sie eine bruja oder kitsunetsuki war, ein böser Geist. Eine Zauberin! Was war das englische Wort dafür?
„Sie haben das Meer zum Leben erweckt“, sagte er, und dieses Mal gelang es ihm, sich aufzusetzen und sie finster anzublicken. Er sah nun mehr von ihr, ihr blasses Gesicht und das silbrige Haar und den Busen, der offensichtlich dazu gemacht war, einen Mann jenseits der Vernunft zu verführen.
„Niemand kann das Meer zum Leben erwecken“, erklärte sie so geduldig, dass es schon herablassend wirkte.
„Niemand kann Kreide zum Leben erwecken“, blaffte er sie an, „und trotzdem haben Sie es getan.“
„Ich glaube wirklich, dass Sie sich ausruhen sollten“, sagte sie und erhob sich. „Vielleicht werden Sie nach ein wenig Schlaf in der Lage sein, klarer zu denken.“
„Ich weiß, was ich gesehen habe“, sagte Santiago mit pochendem Kopf. „Sie haben die Kreide zum Leben erweckt. Sie haben das Wasser zum Leben erweckt. Sie haben mir meine Schiffe genommen!“
Vielleicht war sie eine Sirene wie in den alten Mythen. Lockte Seefahrer in den Tod. Das würde den Silberglanz erklären. Und den Busen.
Sie runzelte die Stirn. „Sie meinen das Schiff, das vor Foulness verschwand? Ihr Junge hat uns davon berichtet.“
Welcher Junge? „Die anderen Schiffe!“
„Welche anderen Schiffe? Mr Santiago, bitte überanstrengen Sie sich nicht …“
„Meine Schiffe“, sagte er so ruhig, wie es ihm durch zusammengepresste Zähne gelang, „die Sie mit demselben bösen Voodoo zum Sinken gebracht haben, den Sie auch bei der Kreide angewendet haben!“
„In der Themse ist seit einer ganzen Weile kein weiteres Schiff untergegangen, das versichere ich Ihnen“, sagte sie.
„Was ist mit dem Mittelmeer, hm? Der Biskaya? Dem Ärmelkanal!“
„Auf der ganzen Welt? Mr Santiago, ich habe England noch nie verlassen. Der Ort, der am weitesten von London entfernt ist, den ich je besucht habe, ist Brighton.“
„Das liegt am Ärmelkanal …“
„Mr Santiago“, sagte sie eindeutig verärgert von ihm, aber genau in diesem Moment öffnete sich die Tür, und das hereinströmende Licht blendete ihn.
„Was soll all dieses Gebrüll?“, fragte eine weitere Frau, vielleicht ein wenig älter. Möglicherweise diejenige, die mit ihm gesprochen hatte, als er zum ersten Mal aufgewacht war. Er bemerkte, dass die Meerjungfrau sich auf Englisch mit ihm unterhalten hatte.
„Boss! Boss!“ Das war ein Junge, der an der Frau vorbeieilte, deren Silhouette Santiago im Türrahmen ausmachte. „Sie sind am Leben!“
„Ich habe dir doch gesagt, er ist am Leben“, sagte die Sirene, als der Junge sich auf Santiagos Bett stürzte.
Santiago versuchte sich ein Lächeln abzuringen, aber er war irgendwie verwirrt. Wer war der Junge?
„Ja, aber er hat sich kaum bewegt. Da war dieser Kerl namens Bonko in diesem Unterschlupf, in dem ich mal gepennt habe. Hat einen Schlag auf den Kopf bekommen, ist eingeschlafen und nie wieder aufgewacht. Wir wussten nicht, dass er tot ist, bis er zu stinken angefangen hat.“
„Eine reizende Geschichte“, sagte die ältere Frau, während der Junge sich schnüffelnd Santiago zuwandte. Er war sich ziemlich sicher, dass er alles andere als angenehm roch, hoffentlich aber noch nicht wie tot.
„Du musst mich noch einmal an deinen Namen erinnern“, sagte Santiago zu dem Jungen.
„Billy, Boss. Erinnern Sie sich, dass Sie mir versprochen haben, mir zehn Bobs zu geben, wenn ich Ihnen das Zeug zeige, das an den Strand gespült wurde?“
Das Kind blickte ihn hoffnungsvoll an, und Santiago nickte, während die vage Erinnerung daran in ihm aufstieg. Er hatte es ihm versprochen. Er blickte sich um, so als würde er erwarten, seinen Geldbeutel auf dem Nachttisch liegen zu sehen, aber keines seiner Besitztümer war in der Nähe. Das erschien ihm passend, da auch der Großteil seines Verstandes offenbar abwesend war.
„Und das werde ich auch ganz sicher tun, sobald ich Zugang zu meinen Habseligkeiten habe“, sagte er. „Und noch etwas mehr.“ Er schaute zu dem Jungen, dessen Alter irgendwie unmöglich zu erraten war. Die Städte der Welt waren voller Kinder wie ihm: dünnen, gerissenen Wesen, die wie Füchse waren. Sie gehörten zu niemandem. Für die meisten waren sie unsichtbar. Santiago wusste das, weil er selbst einst ein solches Kind gewesen war. „Geht es dir gut? Wurdest du verletzt?“
„Nee, Boss, und sie haben mir Essen gegeben. Ich war hungrig wie ein Wolf, aber der Fraß ist gut, und es gibt ’ne Menge davon. Die Dame in der Küche macht alles so fein, dass es manchmal wie im Unterschlupf der Laskaren riecht.“
Santiago war zu müde, um herauszufinden, was all das zu bedeuten hatte, aber die neue Dame, die ältere, kam auf ihn zu und sagte: „Madhu stammt aus Mysore, und sie kocht für uns häufig das Essen aus ihrer Heimat. Nun, so ähnlich, wie es ihr mit den vorhandenen Zutaten eben möglich ist.“
„Tut sie das? Das ist großartig. Ich habe in England noch kein gutes Curry gegessen. Ich verschiffe Gewürze aus Mangaluru. Und Reis natürlich.“ Santiago schüttelte den Kopf und bereute es, als vor seinen Augen kleine Lichtpunkte auftauchten. „Darum geht es nicht. Sie …“ Er wandte sich wieder dem Mädchen zu, das das Kleid aus silberfarbenem Stoff getragen hatte. „Sie haben das Meer zum Leben erweckt.“
Mit mehr Licht im Zimmer erkannte er nun, dass sie vermutlich doch keine Meerjungfrau oder Sirene, sondern eine normale menschliche Frau war. Nun, eine normale menschliche Frau mit silbrig blondem Haar und einem prachtvollen Busen. Sie trug eine Art Meergrün, was absolut nicht half.
Sie blickte die ältere Frau an und verdrehte dabei die Augen. „Er hat eindeutig einen Schlag auf den Kopf bekommen. Ich habe das Meer nicht zum Leben erweckt. Das kann niemand tun.“
„Nun“, begann die ältere Frau, räusperte sich dann und sagte: „Natürlich nicht. Sie müssen sich ausruhen, Mr Santiago.“
„Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte er misstrauisch. „Hexerei!“
„Sie haben Tiffany vor einer Woche kennengelernt“, sagte sie geduldig.
Santiago nickte und atmete dabei langsam aus. Tiffany, ja, das war der Name, den sie ihm genannt hatte. Lady Tiffany, wenn er sich richtig erinnerte – nicht dass es für ihn gerade selbstverständlich war, sich richtig zu erinnern.
„Ich glaube, Sie sollten sich ein wenig ausruhen“, sagte die ältere Frau. „Sollen wir jemanden für Sie benachrichtigen? Ihre Familie? Einen Geschäftspartner?“
„Ich habe keine Familie.“ Er legte sich den Arm über die Augen. Selbst das gedämpfte Licht in dem Zimmer war zu viel. „Und meine … meine Geschäftspartner kommen ohne mich aus.“ Nicht dass er wirklich solche hatte. Er hatte Angestellte, Vorarbeiter und Kapitäne.
„Das klingt einsam“, sagte Tiffany leise.
Einsam? Nein, er war nicht einsam. Er war unabhängig, und das war etwas völlig anderes.
„Ich bin nicht einsam“, sagte er. „Sie können mich mit Ihren Sirenenworten nicht in die Falle locken.“
Sie atmete tief ein, so als wollte sie etwas erwidern, hielt dann jedoch inne. Die andere Frau sagte: „Sie müssen sich ausruhen, Mr Santiago. Ich bin mir sicher, dass Sie sehr müde sind.“
Ja, er war müde, nun, da sie es erwähnte. Wirklich sehr müde.
„Ruhen Sie sich einfach aus, und wir kümmern uns um Sie.“
Das Letzte, was er sah, bevor gnädiger Schlaf ihn überkam, war Lady Tiffany, die ihn anschaute.