Prolog
Zürich, im November 2021
Bitteres Aus für Olympiaheld – Jonas Berger tritt zurück
Knapp ein Jahr nach seinem schweren Sturz, bei dem er sich mehrere Bänder im linken Knie riss, gibt Abfahrtsolympiasieger Jonas Berger sein Karriereende bekannt. „Mein Knie hat sich nicht so erholt, wie es nötig wäre, um weiterhin volles Risiko einzugehen “, begründet der 33-Jährige seine Entscheidung an einer Medienkonferenz.
Mit Tränen in den Augen ergänzt er: „Ich hätte meinen Titel nur zu gerne verteidigt.“
Berger spricht die bevorstehenden Olympischen Spiele im Februar 2022 in Peking an. Er habe aber noch ein langes Leben nach seiner Skikarriere, betont der dreimalige Gesamtweltcupsieger. Und dafür brauche er sein Knie ebenso.
Mit Berger verliert die Skination Schweiz ihr langjähriges Aushängeschild. Bis zu seinem schweren Trainingssturz im Januar im Berner Oberland hat Berger abgeräumt, was es zu gewinnen gab: Drei Weltmeistertitel, Olympiagold in der Abfahrt, zweimal holte er die große Kristallkugel.
Mit Berger geht einer, der sich nicht scheute, die Dinge beim Namen zu nennen und der im Schweizer Speedteam eine große Lücke hinterlässt.
Wie es für ihn weitergehe, wisse er noch nicht, sagt der abtretende Skiheld. Er wolle sich jetzt die Zeit nehmen, um seine Zukunft zu entscheiden. Zuerst gönne er sich Ferien an der Wärme. „Ich möchte mit Schnee und Skifahren im Moment nichts zu tun haben.“
Kapitel 1
Zürich, im Juli 2025
„Schon wieder eine Absage.“ Lara stützte den Kopf in die Hände und starrte auf den Computerbildschirm.
„Zeig.“ Caro linste seitlich auf den hellen Screen.
„Herzlichen Dank für Ihr Manuskriptangebot und dafür, dass Sie dabei an unseren Verlag gedacht haben. Wir haben Ihr Manuskript mit großem Interesse gelesen und sorgfältig geprüft. Leider müssen wir Ihnen jedoch mitteilen, dass wir für Ihr Manuskript derzeit keine Möglichkeit zur Veröffentlichung in unserem Haus sehen, da es sich nicht ideal in unser aktuelles Verlagsprogramm einfügen lässt. Wir bitten um Verständnis, dass wir angesichts der Vielzahl an täglichen Einreichungen keine detaillierte Begründung für unsere Absage geben können.“
„PNIP – es ist doch immer das gleiche.“
„Was meinst du mit PNIP?“
„Passt Nicht Ins Programm. Wenn die wenigstens mal schreiben würden, was das Problem ist. Dann könnte ich daran arbeiten.“
„Sei nicht traurig. Du wusstest immer, wie schwierig es ist, einen Roman in einem Verlag unterzubringen“, versuchte Caro ihre beste Freundin zu trösten.
„Trotzdem hätte ich gerne einen Anhaltspunkt“, beharrte Lara. „Ich bekomme langsam den Eindruck, dass ich völlig untalentiert bin.“
„Du weißt, dass diese Erklärung zu kurz greift. Sonst wärst du nicht seit fast zehn Jahren erfolgreich als PR-Texterin.“
Lara holte tief Luft und stieß ein Zischen aus, dann setzte sie sich aufrecht und klappte den Laptop zu. Sie stand auf und ging zum Kühlschrank. „Willst du auch noch Wasser?“
Caro nickte und schob Lara ihr Glas zu, sodass diese die kühle Flüssigkeit einschenken konnte. „Du kannst das Buch ja selbst rausbringen?“
Lara schraubte die Flasche zu und schüttelte gleichzeitig den Kopf, was dazu führte, dass der Flaschendeckel mit einem leisen Klappern auf dem Küchenboden landete. „Mist“, brummelte sie und hob den Deckel auf. „Ich habe immer gesagt, wenn ich keinen Verlag finde, dann veröffentliche ich das Buch nicht. Ich habe viel zu große Angst, mich zu blamieren.“
Caro warf einen Blick auf ihr Smartphone. „Ich muss gleich los, Elia aus der Kita holen.“
Lara setzte sich wieder auf ihren Stuhl und warf ihrer besten Freundin einen liebevollen Blick zu. Sie war erfolgreiche Psychologin und Paartherapeutin. Was führte Caro doch für ein völlig anderes Leben als sie selbst, dachte Lara. Und trotzdem war ihre langjährige Freundschaft nicht daran zerbrochen. Auch nicht an der Tatsache, dass Caro vor ein paar Jahren geheiratet hatte und vor knapp zwei Jahren Mutter geworden war – während Lara mit fast fünfunddreißig noch immer ihr Singledasein feierte – abgesehen von ein paar Affären hin und wieder. Aktuell traf sie sich mit Michael. Elia war Laras Patensohn und sie liebte ihn heiß und innig.
„Kommt doch nachher wieder hierher“, bat sie Caro. „Ich koche euch beiden ein Abendessen.“
Caro trank das Wasser auf Ex und stellte das Glas auf den hölzernen Esstisch. „Ich kann heute leider nicht“, meinte sie dann. „Tut mir leid. Mein Bruder hat doch Geburtstag.“
„Richte ihm liebe Grüße aus“, sagte Lara, während Caroline ihre Handtasche ordnete und dann über die Schulter warf.
Sie rollte mit den Augen. „Kennst ihn ja …“ Dann griff sie Lara an die Oberarme und schüttelte sie sanft, während sie ihr in die Augen blickte. „Lari, du hast Talent. Und du wirst deine Geschichte veröffentlichen, da bin ich mir ganz sicher. Du brauchst nur Geduld.“
Lara versuchte ein Lächeln.
„Dein Job ist doch cool?“
„Ja, ja“, beeilte sich Lara zu sagen. In der PR-Agentur, in der sie arbeitete, hatte sie die Freiheit, Geschichten zu erzählen. In allen möglichen Formen – auf Social Media, in Videos, in Reportagen oder Medienmitteilungen. Die Arbeit war kreativ und bot ihr ein spannendes, lebhaftes Umfeld. Und vor allem – der Job bezahlte ihre Rechnungen. Sie wollte auf keinen Fall undankbar sein. Und dennoch … Lara wollte ihre eigenen Geschichten zu Papier bringen.
Sie schob sich eine ihrer dicken, dunklen Locken hinter das Ohr und drückte ihre Freundin.
„Ich muss los“, lachte Caro und zog sich aus der Umarmung. „Wollen wir Sonntag mit Elia in den Zoo?“
„Sicher“, erwiderte Lara. Der Vorteil an ihrem Singleleben war, dass sie wahrscheinlich die Patentante mit der meisten Zeit für ihr Patenkind war. Und sie liebte die Zeit mit dem kleinen Jungen. „Ich schreibe dir ’ne WhatsApp.“
Caroline war bereits aus der Küche in Richtung Flur verschwunden und kurze Zeit später hörte Lara, wie die Haustür mit einem Knacken zurück ins Schloss fiel.
Lara setzte sich zurück an den Küchentisch und las noch einmal die Absage. Es war bereits die vierte. Oder erst die vierte – viele andere Verlage hatten sich gar nicht die Mühe gemacht, überhaupt zu antworten. Es war zum Verzweifeln.