Prolog
Professor Dorcas unterrichtet Philosophie. Er redet gern über Fehlschlüsse. Seine Vorlesungen sind beliebt. Er ist geduldig mit seinen Studenten. Sie mögen ihn. Alle. Manchmal stellen sie ihm eine Frage, die zu schwierig zu beantworten ist, und dann verwandelt sich sein Gesicht in eine Maske, dann unterdrückt er jede Regung seines Gesichts. Professor Henry Dorcas spricht viel über Fehlschlüsse. Henry Dorcas ist ein sehr guter Redner.
Kapitel eins
Sonnenlicht drang durch den Spalt zwischen den Vorhängen. Satte Strahlen ergossen sich über makellos weiße Laken und liebkosten den darin eingewickelten schlanken Körper. Sie sah zu, wie er sich anzog, ihre blassblauen Augen studierten jeden Teil seines Körpers. Sorgfältig nahm er das gestärkte weiße Hemd von der Lehne des Stuhls und verhüllte mit ihm seinen muskulösen Oberkörper. Sie wollte wieder mit ihm schlafen, seinen heißen Körper auf ihrem spüren. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch die Worte, die sie sich zurechtgelegt hatte, kamen nicht heraus. Stattdessen fragte sie: „Gibst du mir eine Zigarette?“
Er blickte missbilligend zu ihr rüber. „Du solltest damit aufhören. Es ist schlecht für dich.“
Dann warf er ihre Handtasche aufs Bett, ihr gesamter Inhalt ergoss sich auf den Boden. Seufzend bückte sie sich, um die Sachen aufzuheben.
„Ich höre ja auf“, murmelte sie und klopfte eine Zigarette aus der Packung. Er überprüfte sein Aussehen im Spiegel des Frisiertisches. Zufrieden griff er nach seiner Brieftasche und seinem Handy.
„Musst du wirklich gehen?“, schmollte sie.
Sie hasste sich dafür, dass sie ihn so anflehte. Schlimmer noch, sie verachtete sich für diese Situation.
„Ja, muss ich.“ Er beugte sich zu ihr und küsste sanft ihre Lippen. „Ich melde mich“, versprach er, als er sich zur Tür wandte. Etwas lag in der Art, wie er das sagte, hinter dem beiläufigen Tonfall.
„Ich bin schwanger“, platzte es aus ihr heraus. Sie hatte nicht vorgehabt, es ihm so zu sagen, aber was sollte sie sonst tun, dachte sie. Wahrscheinlich würden Wochen vergehen, bis sie ihn wiedersah. Er blieb stehen, seine Hand verharrte auf dem Türgriff. Sie wartete ab, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er sich umdrehte.
„Aber du nimmst doch die Pille“, sagte er endlich.
„Wahrscheinlich habe ich sie ein paar Mal vergessen“, murmelte sie. Die Lüge ging ihr leicht von der Zunge.
„Soll das ein Scherz sein?“, fragte er. Härte trat in seine Augen.
„Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte.“
„Du sagst mir, dass du schwanger bist, und rauchst dabei?“ Seine Lippen verzogen sich angewidert. Sie schüttelte den Kopf. Strähnen ihres blonden Haars lösten sich aus dem ordentlichen Dutt in ihrem Nacken.
„Über so was mache ich keine Witze“, sagte sie und richtete sich im Bett auf. „Ich höre ja auf. Ich war nur ein bisschen nervös.“
Sie streckte ihre Arme nach ihm aus, er ignorierte sie. Mit einem Mal fühlte sie sich verletzlich und dumm. Sie bedeckte ihre Brüste mit dem Laken, drückte die Zigarette aus und erhob sich aus dem Bett. Nun sah er zu, wie sie sich elegant ankleidete. Dann wurde sein Gesicht weich, er trat auf sie zu.
„Es tut mir leid“, sagte er und zog sie sanft in seine Arme, „das war ein Schock. Aber keine Sorge, wir finden eine Lösung. Geld spielt keine Rolle, das weißt du. Wir bringen dich zu dem Besten, den es gibt.“
Sie wich zurück, die Worte schnitten ihr tief ins Herz.
„Ich werde es nicht wegmachen lassen“, sagte sie mit fester Stimme. „Natürlich habe ich darüber nachgedacht, aber ich kann nicht, und das weißt du. Unser Baby wurde in Liebe gezeugt und …“
„Das kann doch nicht wahr sein“, donnerte er und ließ sie ruckartig los. Sie stolperte zurück aufs Bett.
„Ich möchte doch nur, dass wir eine Familie sind“, flehte sie. „Du, ich und …“
Er blickte sie voller Unglauben an.
„Hast du den Verstand verloren, oder was?“
Schnell rappelte sie sich auf und klammerte sich an seinen Arm.
„Du liebst mich. Du verehrst mich, das hast du vor einer Stunde noch selbst gesagt. Du wolltest dich scheiden lassen. Immerhin hast du …“
Er schnaubte abfällig.
„Du bist tatsächlich verrückt geworden.“ Damit wandte er sich ab. „Kümmere dich darum und werde es los. Ich bezahle.“
Er öffnete die Tür und trat auf den Treppenabsatz in der Eingangshalle. So hatte sie sich das alles nicht vorgestellt. Hastig eilte sie ihm nach und packte seinen Arm.
„Du kannst jetzt nicht einfach weggehen“, schrie sie. „Ich will nur, dass wir eine Familie sind.“
Grob schüttelte er ihre Hand ab. „Du steigerst dich da in etwas hinein. Auf keinen Fall lasse ich mich scheiden.“
Wut rauschte durch sie hindurch. Wie konnte er es wagen, sie so abzuweisen?
„Ich werde es ihr sagen“, zischte sie.
Sein Gesicht verdunkelte sich, für einen Moment bekam sie Angst.
„Du solltest mir nicht drohen“, warnte er.
„Ich kann nicht mehr abtreiben, ich bin in der sechzehnten Woche. Es überrascht mich sowieso, dass du es nicht gemerkt hast. Immerhin hast du ständig damit geprahlt, wie groß meine Titten geworden sind.“
„Dann bist du trotzdem noch im Zeitfenster“, knurrte er, „das wissen wir beide. Regele es einfach.“
„Bitte“, bettelte sie jetzt, „lass uns einfach darüber reden.“ Mit beiden Händen griff sie nach seinem Arm.
„Jetzt hör endlich auf“, rief er wütend und schubste sie von sich. „Ich bin spät dran.“
Stolpernd versuchte sie, ihr Gleichgewicht wiederzufinden, suchte nach etwas, an dem sie sich festhalten konnte, doch da war nichts. Er trat vor, um ihren Arm zu fassen, während sie panisch an seinem Hemd riss. Der Ruck zog ihn nach vorn, sodass er sich am Geländer hinter ihm festhalten musste, um nicht zu fallen. Als er erneut nach ihr greifen wollte, war es zu spät.
„Nein“, kreischte sie mit weit aufgerissenen Augen.
Entsetzt sah er zu, wie sie die gesamte Treppe hinunterstürzte. Das brutale Aufschlagen ihres Körpers auf jeder einzelnen Stufe schien kein Ende zu nehmen. Dann ließ ihn das schrille Klingeln seines Handys zusammenzucken. Er ignorierte es und ging langsam die Treppe hinunter. Sie bewegte sich nicht. Noch bevor er unten ankam, konnte er sehen, dass ihr Genick gebrochen war.
***
Mit klopfendem Herzen wache ich auf. Ich reibe mir die trüben Augen, blicke mich im Zimmer um und atme erleichtert aus, als ich die vertrauten Umrisse meines Frisiertischs erkenne. Sanft lege ich eine Hand auf meinen Bauch und erinnere mich daran, dass es nur ein weiterer Traum war. Ich kicke die Bettdecke mit den Füßen von mir, doch ich höre einfach nicht auf zu schwitzen. Ich wische mir den feuchten Film von der Stirn. Plötzlich spüre ich sie, die allzu vertrauten Krämpfe. Ich schließe die Augen in dem Versuch, sie zu ignorieren, tue so, als wären sie nicht da, doch keine zehn Minuten später lassen sie sich nicht mehr schönreden. Ich bemerke die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen und schlucke die bittere Enttäuschung hinunter. Mit schwerem Herzen stolpere ich durch die Dunkelheit ins Badezimmer, wo ich mich auf die Toilette setze und meinen Tränen freien Lauf lasse. Die völlige Stille der Nacht erstickt mich und das Gefühl des Verlusts ist beinahe unerträglich, während tiefe Schluchzer mir den Atem rauben. Warum?, flehe ich. Warum wir, warum passiert uns das? Schließlich greife ich in den Badezimmerschrank und nach einem Tampon. Vielleicht nächsten Monat, sage ich mir. Vielleicht bist du schon nächsten Monat in einem neuen Zuhause. Ein Neuanfang kann doch sicher nur Gutes bedeuten.
Vorsichtig schließe ich die Schlafzimmertür hinter mir, schlüpfe zurück ins Bett und umklammere meinen Bauch. Die Schmerzmittel wirken bald und ich werde wieder einschlafen, aber ich weiß jetzt schon, dass die Enttäuschung morgen früh noch schwerer zu ertragen sein wird. Ich denke wieder an den Traum. Ich war schwanger. Ich konnte spüren, wie sich das Baby in mir bewegt hat, so real war es. Ich ziehe die Knie bis an meine Brust und schließe die Augen. Nichts davon war real.
2017
Professor Dorcas
„Aber es endet doch nicht immer in einer Tragödie, oder?“, fragt Zoe, eine hübsche rothaarige Studentin, die ganz hinten sitzt.
„Nein, aber jede Handlung hat Konsequenzen“, antwortet Henry. „Bevor wir wissen, wo wir stehen, finden wir uns in einem verworrenen Netz aus Täuschungen wieder. Ein Fehler kann – und das tun sie oft – zu Lügen und weiterer Täuschung führen. Dann beginnt unser moralisches Urteilsvermögen zu verschwimmen. Schon ein einziger Fehlschluss kann verheerende Auswirkungen haben. Er kann Träume und unsere Zukunft zerstören, kann einen Menschen zur Verzweiflung bringen – was wiederum häufig zu weiteren Fehlschlüssen führt.“
„Ein Dominoeffekt“, sagt der junge Mann zu Henrys Linken.
„So ist es“, lächelt Henry. „Und warum unterlaufen uns solche Fehlschlüsse?“
Stille breitet sich aus, Henry wartet auf eine Antwort.
„In Momenten der Schwäche?“, schlägt einer der Studenten vor.
„Um Eindruck zu schinden“, sagt ein anderer.
„Hochmut, Neid, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei und Trägheit. Die sieben Todsünden“, fügt Henry hinzu.
„Es ist nicht immer leicht, zu seinen Taten zu stehen und die Wahrheit auszusprechen“, sagt Zoe.
„Jede Handlung hat eine Konsequenz. Jede Handlung hat ihren Preis. Manche Fehlschlüsse können den Rest unseres Lebens beeinflussen, und das Leben der Menschen um uns herum. Aber denken Sie mal darüber nach: Sie machen einen Fehler. Es ist Ihre eigene Schuld, Sie können es nicht rückgängig machen. Was werden Sie tun?“, fragt Henry.
„Man versucht, sich rauszureden.“
„Genau, man vertuscht es. Man versucht, sein Gesicht zu wahren. Vielleicht lügt man, tut Dinge, um seinen Fehler zu verbergen – und dabei passieren weitere Fehlschlüsse.“
„Oh, welch verworrenes Netz wir weben, wenn wir nach Trug und Täuschung streben“, murmelt Zoe nachdenklich.
„Danke, Zoe, für dieses Zitat von Walter Scott.“ Henry lächelt.
„Haben Sie jemals einen Fehlschluss begangen, Professor Dorcas?“
Henrys Gesicht verfinstert sich.
„Kann jemand in diesem Raum von sich behaupten, das noch nie getan zu haben?“, antwortet er.
Kapitel zwei
Mai 2017
Malcolm folgt der von Bäumen gesäumten Straße, die mitten durch den Wald führt. Als das Auto um die Kurve biegt, kommt ein Feld in Sicht, auf dem Pferde grasen. Wir bleiben auf der verschlungenen Straße, bis wir schließlich in eine grobe Kiesauffahrt einbiegen. Ein Eisentor ragt hoch vor dem Haus auf, daneben hängt ein Schild, auf dem „Hunters Moon“ geschrieben steht.
„Das ist es“, sagt Adam. Ich spähe durch die regennasse Windschutzscheibe auf das bedrohlich wirkende Gebäude vor mir. Adams Handy klingelt und ich unterdrücke ein Seufzen.
„Sorry, Flora“, entschuldigt er sich, als er den Anruf annimmt.
„Schon okay“, murmele ich und drehe mich um, um einen Blick auf den Range Rover zu werfen, der uns folgt.
„Du gewöhnst dich schon daran“, sagt Adam, der meinem Blick gefolgt ist, und widmet sich dann seinem Anrufer. „Ich schaue mir gerade mit Flora ein Haus an. Was ist so dringend, Lucy?“
Jetzt krame auch ich in meiner Handtasche, um mein Handy zu checken. Mich erwartet eine einzelne Nachricht. Laurie fragt, ob unsere Verabredung zum Mittagessen noch steht. Ich verstaue das Handy wieder und richte meine Aufmerksamkeit zurück auf das Haus, das ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Adam hat sein Gespräch beendet, schaut zu mir und dann nach draußen.
„Was denkst du?“, fragt er mit einem Lächeln.
„Es ist groß“, sage ich.
„Es ist perfekt“, antwortet er, „und zu teuer, aber mir wurde versichert, dass wir am Preis noch was machen können.“
Es ist viel zu groß. Die gotische Eichenhaustür wirkt abweisend.
„Wer versichert so was?“, frage ich.
Er tippt sich mit dem Finger an die Nase. „Ich habe da meine Kontakte“, lächelt er. „Wir wären schön dumm, wenn wir uns das hier entgehen lassen.“
Schwere Wolken hängen über dem Haus, ich erschauere. Es ist so imposant und ganz anders als die anderen Häuser, die wir uns angesehen haben. Ich mustere die verwitterten Fensterrahmen, den dunklen Stein. Efeu ist wild und unkontrolliert gewachsen, er bedeckt die ganze Hausseite.
„Alles in Ordnung?“, fragt er besorgt.
Erneut unterdrücke ich einen Seufzer. Ich weiß, dass er es gut meint, aber wie soll ich mich erholen, wenn er mich ständig daran erinnert, wie zerbrechlich ich bin?
„Es geht mir gut, Adam.“
„Richtig“, sagt er entschlossen. „Komm, lass uns reingehen. Ich wette, du kannst da drin wahre Wunder vollbringen.“
Eine gut aussehende Frau in einem weichen sandfarbenen Mantel kommt die Stufen hinunter, um uns zu begrüßen. Ihr sorgfältig frisiertes Haar schützt sie mit einem roten Regenschirm vor dem Regen.
„Hallo“, sie lächelt, „ich bin Sienna. Willkommen auf Hunters Moon. Leider kann Vikki Merchant, die normalerweise dieses Haus betreut, Sie heute nicht herumführen, aber ich werde mein Bestes geben.“
„Ich bin sicher, Sie werden das großartig machen. Es tut mir sehr leid, aber ich habe nur dreißig Minuten, bis ich zu einem Meeting muss.“ Adam lächelt ebenfalls, dann wenden sich seine sanften braunen Augen mir zu. „Schauen wir es uns an.“
Zwei Männer steigen aus dem Range Rover und folgen uns auf dem Fuß. Siennas Blick huscht zu ihnen herüber, dann streckt sie mir ihre Hand entgegen.
„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sage ich, „ich bin Flora Macintosh.“
Sie nickt wissend. Offenbar war das eine dumme Aussage, natürlich kennt sie meinen Namen. Mein Mann ist der Innenminister, und wenn seine Ambitionen Realität werden, ist er eines Tages Premier.
„Ich kann mich auch nicht dran gewöhnen“, sage ich und nicke in Richtung der Leibwächter, die ich insgeheim Tweedledee und Tweedledum nenne. „Aber es sieht so aus, als müssten wir ab jetzt mit ihnen leben.“
Adam ist seit sechs Monaten Innenminister, und es fällt mir immer noch schwer, mich daran zu gewöhnen. Als er noch auf der Ersatzbank saß, war alles einfacher. Damals schien das Leben normal zu sein.
„Kommst du?“, ruft Adam ungeduldig.
Ich folge Sienna die Stufen hinauf und bleibe im Türrahmen stehen. Auch die Eingangshalle ist anders, als ich erwartet hatte. Weder dunkel noch einschüchternd, stattdessen drängt das Tageslicht durch die großen, luftigen Fenster regelrecht herein. Ein Kronleuchter hängt von der hohen Decke, während sich vor uns eine lange, holzverzierte Treppe entfaltet. Alles wirkt hell und freundlich, trotzdem läuft mir ein Schauer über den Rücken.
„Es ist einer dieser feuchtkühlen Tage, nicht wahr? Ich befürchte, momentan wird das Haus nur leicht beheizt“, entschuldigt sich Sienna. Sie führt uns über große Natursteinfliesen in der Eingangshalle zum Wohnzimmer. Ein sanfter Rosenduft umgibt uns, ich atme ihn tief ein.
Angesichts der damastrot gestrichenen Wände versuche ich, keine Grimasse zu ziehen. Im Raum verteilt stehen mehrere weiche, weiße Sofas mit wunderschön bedruckten Kissen, die irgendwie zu modern wirken und nicht zum Charakter des Hauses passen wollen. Um die Fenster wurden schwere kastanienbraune Brokatvorhänge drapiert, die an den Rändern schon ausfransen, während sich auf den Fensterbänken kitschige Kerzenhalter aneinanderreihen. Der Raum müsste dringend abgestaubt werden, aber dazu sage ich nichts.
„Wir müssen den Preis etwas herunterbringen“, beginnt Adam. „Er übersteigt unser Budget.“
„Ich kann das gern für Sie anfragen. Was schwebt Ihnen vor?“
„Ich würde sagen, zweihundertfünfzigtausend weniger“, sagt Adam.
„Ich werde es dem Verkäufer mitteilen“, antwortet Sienna, ohne mit der Wimper zu zucken.
Adam betrachtet die Wände und schaut hoch zur Decke.
„Es muss gründlich renoviert werden.“
In der Ecke des Raumes steht ein Klavier. Ich gehe hinüber und spiele ein paar Töne. Es ist verstimmt.
„Der aktuelle Besitzer ist Gerard Meyer, der Schauspieler“, erklärt Sienna. „Das Haus steht schon eine Weile leer. Natürlich wird es noch ausgeräumt. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Küche.“
„Gerard Meyer wohnt hier?“, frage ich überrascht. Ich habe ihn in mehreren Filmen gesehen. Eine Zeit lang wurde behauptet, er sei der neue Brad Pitt.
„Ja, in den USA ist er sehr bekannt, ist es nicht so?“, erklärt Sienna.
„Ist seine Frau nicht gestorben?“, frage ich, aber Sienna tut, als hätte sie mich nicht gehört.
„Es ist perfekt“, sagt Adam. „Genau das, wonach wir gesucht haben.“
Ich drehe mich um und starre ihn an.
„Aber du hast erst ein Zimmer gesehen.“
„Die Lage ist einfach perfekt. Es hat eine lange Auffahrt, sichere Tore und es ist der ideale Rückzugsort auf dem Land.“ Er steigt die Treppe zum ersten Stock hinauf, während ich Sienna in die Küche folge.
„Die Lage ist wirklich sehr gut“, stimmt sie zu. „Man fährt eineinhalb Stunden aus London heraus, und schon ist man im Herzen von Oxfordshire. Der Ort ist sehr beliebt, Immobilien werden hier nur selten zum Verkauf angeboten.“
„Mein Mann trifft Entscheidungen sehr schnell“, sage ich und bin von Adam genervt.
„Oh“, sagt sie und zieht die Augenbrauen hoch.
Ich lache. „Nicht in seinem Beruf.“
„Ah, das ist natürlich eine Erleichterung“, grinst sie.
„Es riecht nach Rosen“, sage ich, als mich erneut eine Duftwoge einhüllt.
Sienna schnuppert. „Ich rieche nichts“, sagt sie freundlich.
Die Küche ist wunderschön und mit allem Komfort ausgestattet. Perfekt am anderen Ende des Raumes ausgerichtet, thront ein großer Eichentisch mit Blick auf ein Paar verglaster Flügeltüren. Ein glänzender gusseiserner AGA-Herd bildet den Mittelpunkt des Raumes.
„Er funktioniert, aber es gibt auch ein Induktionskochfeld“, versichert sie mir.
Ich schaue aus dem Fenster.
„Da ist ein See“, bemerke ich. Ein kleines Ruderboot schaukelt auf dem Wasser.
„Ja, eigentlich ist es ein großer, künstlich angelegter Teich, aber er ist trotzdem sehr schön, finden Sie nicht? Das Gelände ist sehr gepflegt. Ich glaube, jemand aus dem Dorf kommt regelmäßig her, um …“
Ich drehe mich zu ihr um. „Warum verkauft er es?“
Sienna blättert durch ihre Notizen.
„Das ist so peinlich“, sagt sie und errötet. „Vikki weiß alles über Hunters Moon. Es tut mir so leid.“
„Ist schon okay. Seine Frau ist gestorben, oder nicht?“, wiederhole ich dennoch. „Ist es in diesem Haus passiert?“
„Ich weiß, dass sie seit einem Jahr tot ist. Er war gerade für einen Oscar nominiert worden“, sagt Sienna.
„War es hier?“, frage ich und spüre, wie mich ein neuer Schauer überkommt.
„Oh nein, nein. Ich denke nicht“, versichert mir Sienna. „Ich kenne nicht die ganze Geschichte, aber Vikki auf jeden Fall. Sie weiß alles über dieses Haus und seine Geschichte. Es gehört leider nicht zu den Objekten, die ich verwalte. Es tut mir wirklich leid.“
Trotz der Versicherungen verrät ihr Gesichtsausdruck, dass sie mehr weiß, als sie zugibt.
„Ich vertrete sie nur, Vikki kann Ihnen weitaus mehr erzählen als ich. Ich weiß nur, dass der Eigentümer, Mr Meyer, inzwischen den Großteil seiner Zeit in den Vereinigten Staaten verbringt und beschlossen hat, das Haus nun doch zu verkaufen. Wir verwalten es nun seit sechs Monaten, und ich kann mir vorstellen, dass er es jetzt loswerden möchte. Wie Sie sehen, würde es ein wenig vernachlässigt.“
„Es ist so groß. Ich kann mir vorstellen, dass der Markt für solche Anwesen begrenzt ist.“
„Ja, es liegt etwas außerhalb.“ Sienna beißt sich auf die Lippe und schaut an mir vorbei zu dem stämmigen Bodyguard, bevor sie leiser fortfährt: „Sie würden sich hier sicher fühlen, das Haus ist sehr abgeschieden.“
„Kommst du nach oben?“, ruft Adam.
Sienna und ich schauen gleichzeitig zur Decke.
„Er hat nur dreißig Minuten“, sage ich lächelnd und schaue zurück zum See.
„Ich fühle mich hier nicht wohl“, gebe ich zu. „Ich weiß nicht, warum. Es ist größer als die anderen Häuser, die wir uns angeguckt haben, aber es ist nicht nur das.“
Ich denke an Laurie und daran, wie sehr ihr dieses Haus gefallen würde. Sie würde überall irgendwelche Schwingungen wahrnehmen. Der Rosenduft ist uns bis in die Küche gefolgt, und ich blicke mich suchend um, in der Erwartung, eine Vase mit Rosen zu entdecken, aber nirgends steht auch nur eine einzelne Blume.
„Wir haben auch andere Häuser in den Cotswolds, falls Sie weitere Inspiration möchten. In diesem Dorf, Penlyn, werden aber nur selten Immobilien verkauft, es ist ein wunderschöner Ort“, sagt Sienna. „Ich glaube nicht, dass Sie ein weiteres Haus wie dieses finden werden, es sei denn, Sie suchen weiter außerhalb.“
„North Oxfordshire ist der Wahlkreis meines Mannes, daher bleibt uns kaum eine Wahl. Aktuell leben wir in einer Wohnung in Oxford, brauchen aber etwas Größeres.“
„Sie sind doch Innenarchitektin“, sagt Sienna. „Ich habe letzte Woche Ihre Arbeit im Fernsehen gesehen. Sie werden diesen Ort völlig verwandeln.“
Ich lächle. Es wäre ein gutes Projekt für mich, das ist wahr. Zudem brauche ich gerade etwas, auf das ich mich konzentrieren kann – und das Haus ist reif für meine Ideen.
„Mein Gott, Flora, du weißt doch, dass ich nicht viel Zeit habe. Können wir jetzt weitermachen?“, poltert Adam, als er zu uns ins Zimmer stürmt.
„Entschuldige“, murmele ich und folge ihm nach oben.
„Es ist wirklich ideal“, sagt er zu Sienna. „Wann kann es bezogen werden?“
„Sofort“, entgegnet sie mit einem Lächeln. „Mr Meyer wohnt nicht hier. Wir müssen das Haus nur noch ausräumen lassen.“
„Ich möchte sichergehen, dass wir es nicht verlieren. Kann ich direkt eine Anzahlung leisten?“
Ich wirbele herum. „Adam, darf ich dich kurz sprechen?“, frage ich scharf. Schulterzuckend folgt er mir ins Schlafzimmer. Bevor ich überhaupt etwas sagen kann, schaut er auf seine Uhr.
„Adam, ich weiß, dass du viel um die Ohren hast, aber ich bin mir wirklich nicht sicher, was das Haus angeht. Vor allem geht es mir zu schnell, direkt ein Angebot zu machen. Ich spüre ein …“
Er zieht die Augenbrauen hoch. „Du spürst?“ Dann lächelt er. „Du klingst ja schon wie Laurie.“
„Ich weiß. Ich fühle mich einfach nicht wohl dabei. Ich kann es nicht so richtig erklären … Wusstest du, dass Gerard Meyers Frau gestorben ist? Wahrscheinlich genau hier in diesem Haus.“ „Hat das die Maklerin erzählt?“
„Nein, aber offensichtlich ist es hier passiert, deshalb wird er dir auch den Preisnachlass gewähren.“
Mir ist klar, wie lächerlich das klingt. Ich bin eine 36-jährige, erfolgreiche Frau und mit einem Mann verheiratet, der eines Tages vielleicht Premierminister sein wird – und ich plappere wie eine fünfjährige.
„Ich glaube, du lässt dir zu viel von Laurie einreden.“
„Außerdem ist es riesig und ganz schön teuer“, füge ich hinzu und senke meine Stimme. „Können wir uns das zusammen mit der Wohnung in London überhaupt leisten?“
„natürlich können wir das. Ich nehme eine Hypothek auf, es ist eine gute Investition. Und den Preisnachlass bekommen wir bestimmt, das Haus muss dringend renoviert werden. Du sagst doch immer, dass du aus der Wohnung in Oxford raus willst, und du weißt auch, wie sehr du London hasst.“
Ich seufze. „Ja schon, aber ich hatte mir etwas Moderneres vorgestellt.“
„Es hat Charakter“, sagt er und nimmt meine Hand. „Es ist genau die Art von Haus, in der du deine Magie am besten entfalten kannst. Es ist unser Traumhaus, Flora.“
Ich nicke. „Du hast recht. Es ist perfekt. Tut mir leid, es liegt wohl einfach an mir.“
Adam zieht mich an sich. Der raue Stoff seines Anzugs reibt an meiner Wange. „Alles ist gut. Hier wirst du schwanger werden, ich weiß es“, flüstert er. „In sechs Monaten ziehen wir in die Downing Street 10, und du wirst einen runden Bauch haben. Das hier wird ein toller Ort für uns sein, um zwischendurch zur Ruhe zu kommen.“
„Aber nicht mit Tweedledee und Tweedledum in ständiger Nähe, und ich glaube nicht, dass du schon in sechs Monaten in der Nummer 10 sitzen wirst. Aber ich stimme dir zu, dass es gut ist, Ambitionen zu haben.“
Er lacht.
„In sechs Monaten kann viel passieren, und ich verspreche dir, dass Tweedledee und Tweedledum nicht in unserem Schlafzimmer sein werden. Also, was sagst du? Soll ich die Kaution bezahlen?“
„Okay“, seufzend stimme ich zu und sehe im gleichen Moment den Nachttisch am Bett. Eine junge Frau starrt mich aus einem silbernen Rahmen heraus an. Große Creolen baumeln an ihren Ohrläppchen, sie sieht Glücklich und lebensfroh aus. Sie ist viel zu jung gestorben. An ihrer Seite steht Gerard Meyer. „Also gut, ich sollte mich wohl langsam auf den Weg machen“, unterbricht Adam meine Gedanken. „Soll ich dich mitnehmen oder Malcolm bitten, dich zurück in die Stadt zu bringen?“
„Ich treffe mich mit Laurie, wenn Malcolm nichts dagegen hat, wäre das schön.“
„Malcolm tut, was wir ihm sagen, Liebling. Das ist sein Job. Also keine Sorge, ich fahre mit den Jungs zurück.“
Ich nicke.
„Vergiss nicht, dass morgen die Spendengala ist. Alle Augen werden auf uns gerichtet sein. Gönn dir ein schönes neues Kleid.“ Er steckt mir eine Kreditkarte zu.
„Ich liebe dich“, sagt er und küsst mich innig. „Und jetzt kümmere ich mich um die Anzahlung.“
Ein letztes Mal betrachte ich das Foto und entdecke Sienna auf dem Treppenabsatz.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagt sie strahlend. „Ich weiß einfach, dass Sie hier glücklich sein werden.“
„Mein Mann muss jetzt leider los, können Sie mir trotzdem noch den Rest des Hauses zeigen?“
„Natürlich“, antwortet Sienna, sie sieht erleichtert aus. „Wir schließen zuerst diesen Bereich ab, danach zeige ich Ihnen das Außengelände.“
Ich beobachte vom Fenster am Treppenabsatz aus, wie Adam aus dem Auto winkt und nur wenige Sekunden später verschwunden ist.
„Es gibt drei weitere Schlafzimmer“, referiert Sienna. „Dieses ist das Hauptschlafzimmer, das – ebenso wie das mittlere Schlafzimmer – ein eigenes Bad hat. Zusätzlich gibt es noch ein separates auf dem Flur. Ein Badezimmer für ihn und eines für sie“, lacht sie. „Das ist doch kaum zu toppen, oder nicht?“
Ich stimme zu, dass es traumhaft klingt, und schaue zur vergilbten Decke hinauf.
„Das Dach ist beschädigt. Ich bin sicher, dafür können wir im Preis noch etwas runtergehen“, sagt sie.
Schon wieder weht Rosenduft um meine Nase. Sienna führt mich zurück ins Erdgeschoss.
„Hier geht es in einen Kellerraum.“ Sie zeigt auf eine Tür und will sie öffnen, doch der Knauf gibt keinen Millimeter nach.
„Sie klemmt. Wir werden jemanden bitten, sich das anzusehen“, versucht sie zu helfen. Der nächste Raum ist ein Arbeitszimmer voller Bücherregale. Ich stelle mir vor, wie Adam hier arbeitet, und verspüre eine plötzliche Verbundenheit mit dem Haus. Durch eine weitere verglaste Flügeltür blickt man hinaus auf den See. Das Licht in diesem Raum ist unglaublich.
„Das hier ist ein großartiger Ort zum Arbeiten“, sage ich. „Lassen Sie mich Ihnen zeigen, wie es draußen aussieht“, sagt Sienna, offensichtlich erfreut angesichts des schnellen Verkaufs. In einem verzierten Spiegel über dem Kamin erhasche ich einen Blick auf mich selbst. Ich sehe ausgezehrt aus, mein Wollpullover hängt regelrecht leblos an mir. Schnell zupfe ich meinen Pony zurecht und schiebe einzelne Haarsträhnen, die sich aus meinem Dutt gelöst haben, hinter die Ohren. Ich sehe nicht aus wie sechsunddreißig, sondern älter. Vielleicht hat Adam recht, vielleicht brauchen wir dieses Haus wirklich. Es könnte uns Glück bringen, vielleicht werde ich wirklich wieder schwanger. Ich kämpfe gegen ein Seufzen. Seit wann definiert es mich, ob ich schwanger werde oder nicht? Ich war eine selbstbewusste, erfolgreiche Karrierefrau – bis Adam und ich beschlossen, eine Familie zu gründen. Und jetzt dreht sich mein ganzes Leben um Zyklen, Hormone, Temperaturkurven und Fruchtbarkeitsbücher. Es scheint, als wäre momentan für nichts anderes Platz in meinem Kopf. Meine Gedanken schweifen wieder ab, ich muss mich zwingen, meine Konzentration auf das Haus zu richten. Die Wasseroberfläche des Sees kräuselt sich, als eine Windböe darüber hinwegfegt. Sienna leitet mich eilig zum Bootshaus, um dort Schutz vor dem nächsten Regenguss zu suchen.
„Was für ein Tag“, lacht sie und richtet hastig ihre Frisur. Im Bootshaus riecht es muffig. Außer einem knallbunten Teppich und zwei schäbigen Sofas, die verloren herumstehen, ist der große Raum leer. Farbenfrohe Überwürfe bedecken Teile der Sofas, schaffen es aber kaum, ihren schlechten Zustand zu verbergen.
„Ist es nicht romantisch hier drinnen?“, schwärmt Sienna. „Das ist mein Lieblingsbereich des Hauses. Ich wette, an lauen Sommerabenden ist es wunderschön. Man könnte so viel daraus machen.“
Ich stelle mir das Häuschen mit großen gemütlichen Sofas, Schaukelstühlen und warmen Decken vor. Wir könnten sogar einen Holzofen einbauen, um auch bei kühlerem Wetter hier sitzen zu können. Dieses kleine, aufregende Kribbeln, das ich immer verspüre, wenn ich die Einrichtung eines Hauses plane, macht sich in mir breit.
„Gibt es einen Rosengarten?“, frage ich.
Sienna schüttelt den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste, aber Sie haben genug Platz, um einen anzulegen.“
Hinter dem See und dem Bootshaus sehe ich dichten Wald. „Gehört das auch zu Hunters Moon?“, frage ich und zeige in Richtung der Bäume.
„Ja, spektakulär, nicht wahr? Das sind vier Hektar Waldfläche. Marsham Woods grenzt an dieses Grundstück, aber keine Sorge, ihr Land ist komplett ummauert. An den Grenzen sind Überwachungskameras installiert, am Eingang des Hauses gibt es ein Kontrollmodem für das Tor und eine weitere Kamera. Von der Chatterpie Lane aus führt ein zweites Tor im Wald auf das Grundstück, aber auch das ist gut verschlossen. Das Haus ist unglaublich sicher.“
Unter den schweren, dunklen Wolken wirkt der Wald bedrohlich. Ein Sturm zieht auf, und ich möchte auf keinen Fall mehr hier sein, wenn der losbricht. Erneut blicke ich zum Haus, dessen Steinmauern kalt und einschüchternd wirken. Die langen Ranken des wuchernden Efeus schließen sich um das Haus und drängen langsam aber sicher ins Innere vor. Es ist viel zu groß für zwei Personen. Wir würden uns darin verlieren und einander nie sehen. Es wird ein Albtraum, all die Räume zu heizen.
„Im Winter wird es hier so gemütlich sein“, meldet sich Sienna, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Mit dem offenen Kamin im Wohnzimmer wird es wunderschön sein.“
Ich lächle.
„Ihr Mann hat gesagt, dass er bis Ende des Jahres in der Downing Street 10 sitzen wird. Ganz sicher wird er ein besserer Premierminister als Ralph Meadows.“
Nur wenn Ralph unter dem Druck einknickt, und ich weiß, dass das nicht passieren wird. Adam wird so enttäuscht sein.
„Das ist keineswegs garantiert“, entgegne ich lächelnd.
Die Aussicht, dass Adam Premierminister wird, reizt mich nicht besonders. Von anderen Politiker-Ehefrauen weiß ich, dass es mit zunehmender Macht der Ehemänner nur noch schwieriger wird, ein normales Familienleben zu führen. Sienna schließt das Bootshaus ab, während ich hastig zurück zum Haus laufe. Die dunklen Wolken am Himmel spiegeln die seltsame Untergangsstimmung, die in mir rumort. Ich umschlinge meinen ausgekühlten Körper, um mich selbst zu wärmen.
„Vielen Dank“, rufe ich über meine Schulter hinweg.
Malcolm wendet den Range Rover, das Haus sieht kalt und unfreundlich aus. Eine Gestalt in einem der Fenster im Obergeschoss fällt mir ins Auge. Ich winke, aber sie winkt nicht zurück.
„Hi Malcolm, zum Grand Café in der Stadt, bitte“, sage ich. Ich werfe einen letzten Blick zurück und sehe, wie Sienna abschließt. So schnell kann sie unmöglich die Treppe heruntergekommen sein. Ich schaue erneut zum Fenster, aber die Gestalt ist verschwunden.
Juni 1997
Zwanzig Jahre zuvor
Die Nacht war schwül, man hatte ein Gewitter vorhergesagt. Kate mochte keine Gewitter und wollte unbedingt zu Hause sein, bevor es losging. In zwei Tagen war ihr achtzehnter Geburtstag. Sie war aufgeregt, hatte so viele Pläne und so viele Träume. Der Bus glitt in die Bucht der Haltestelle. Sie bedankte sich beim Fahrer und stieg hinaus in die warme Nacht. Der intensive Duft von Geißblatt lag in der Luft, sie atmete ihn genüsslich ein, knipste ihre Taschenlampe an und begann, der Landstraße zu folgen. Von der Bushaltestelle aus war es ein zehnminütiger Fußweg bis zu ihrem Cottage. Er kam aus dem Gebüsch gesprungen, sie erkannte ihn sofort. Ein Schauer der Angst rüttelte an ihrem Körper. Er lebte zusammen mit seiner Mutter in einem heruntergekommenen Cottage am Rande des Dorfes. Alle sagten, er sei seltsam, „wie seine Mutter“, sagten sie. Er roch nach Alkohol, Kate wich zurück.
„Wusste ichs doch, dass du es bist“, sagte er und trat näher.
„Hallo“, murmelte sie in dem Versuch, freundlich zu wirken. „Du siehst gut aus“, fuhr er fort und leckte sich über die Lippen.
„Mein Vater wartet auf mich“, antwortete sie und wollte an ihm vorbei, doch er stürzte vor und versperrte ihr den Weg.
„Lust auf einen Spaziergang?“, fragte er mit einem Grinsen. Ihr war sehr bewusst, was für einen Rock sie trug. Er war nicht besonders kurz, ging aber auch nicht über die Knie. Sie fühlte sich unwohl.
„Nein, danke. Ich muss jetzt nach Hause“, erklärte sie und schob sich grob an ihm vorbei.
Diese Entscheidung würde sie für immer bereuen. Vielleicht hätte sie mit ihm reden, etwas netter zu ihm sein sollen. Vielleicht wäre er dann nicht so gewesen. Vielleicht war es ihre Schuld. Sie versuchte, sich zu befreien und zu fliehen, doch er war zu stark. Er stieß sie zu Boden. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, aber er drückte ihr grob die Hand ins Gesicht. Sie stank nach Tabak und Bier, Galle stieg ihr in die Kehle. Sie betete, dass jemand kommen würde, aber niemand kam, und niemand hörte ihr schmerzerfülltes Wimmern.
Eine Stunde später stolperte sie in den Gemeindesaal, ihr Rock war zerrissen und ihr Gesicht verletzt. Eine Versammlung war gerade zu Ende gegangen. Blut lief an den Innenseiten ihrer Oberschenkel hinab, sie wischte es mit zitternden Händen weg.
„Helfen Sie mir“, flehte sie, als sie zu Füßen von Henry Dorcas zusammenbrach.