Leseprobe Gefährliches Málaga | Ein spannungsgeladener Krimi an der Südküste Spaniens

Prolog

Bioparc Fuengirola

Samstag, den 3. August, 11 Uhr

Dr. Melanie Pohlmann

Die Biologin Dr. Melanie Pohlmann führte ihren Vater, der einen Rollator schob, durch den Bioparc Fuengirola, einen Zoo dreißig Minuten von Málaga entfernt.

„Gefällt es dir hier, Papa?“, versuchte sie ein Gespräch zum Laufen zu bringen.

„Was meinst du denn genau?“

„Hier in Südspanien.“

„Geht so“, antwortete er nach einer langen Pause. „Ziemlich heiß.“

„Die haben ein tolles Zoo-Konzept hier. Die Grundidee besteht darin, den Bioparc in verschiedene Regionen zu unterteilen. Wenn ich zum Beispiel mit dir gleich zum Madagaskarbereich gehe, dann sieht die Flora und Fauna dort so aus, als befänden wir uns wirklich vor Ort.“

Das Gesicht ihres Vaters drückte noch immer völlige Teilnahmslosigkeit aus.

Es war zum Verrücktwerden!

Die Biologin gab Gas und legte noch mehr leidenschaftliche Begeisterung in die Stimme. „Die Tiere werden entsprechend ihrer Herkunft gehalten, dadurch können wir als Besucher regelrecht eintauchen in die Art und Weise, wie sie leben.“

„Ist bei uns in Bochum im Zoo beim Stadtpark auch nicht anders.“

Das war mal wieder typisch ihr Vater. Nichts war ihm gut genug.

„Seit wann gibt es bei uns im Zoo neben dem Bismarckturm denn einen Madagaskarbereich?“, fragte die Biologin spöttisch.

„Das zeigt nur, wie lange du schon nicht mehr in deiner Heimatstadt warst, Melanie. Auch bei uns im Ruhrpott gibt es Kattas. Man erkennt sie an ihren schwarz-weiß geringelten Schwänzen.“

Bluffte ihr Vater nur, oder war der Neuzugang dieser stark gefährdeten Lemurenart in Bochum tatsächlich an ihr vorbeigegangen?

„Ach ja, wirklich?“, fragte sie, bemüht, sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen.

„Aber sicher. Seit über zehn Jahren, wenn nicht noch länger.“

Das konnte durchaus sein, überlegte sie. Egal, er wollte ihr nur ein schlechtes Gewissen machen, doch darauf würde sie nicht reinfallen. Sie schwieg beharrlich.

Etwas später zeigte ihnen ein Schild mit der madagassischen Flagge, dass sie am Ziel angekommen waren. Von einem Felsen stürzte ein Wasserfall in die Tiefe.

„Komm, Papa, lass uns einen Moment ausruhen“, schlug die Biologin vor und steuerte zielstrebig die nächste Bank an. Sie brauchte dringend eine Pause. Es war Schwerstarbeit, ihrem Vater irgendetwas recht machen zu wollen. Keine Ahnung, wie ihre Schwester Johanna das mit ihm in Bochum aushielt. Dr. Melanie Pohlmann setzte sich und atmete durch, genoss den erfrischenden Sprühregen des Wasserfalls. Ihr Vater jedoch hielt nichts vom Ausruhen, sondern blieb stur neben ihr stehen. Es dauerte gefühlte fünf Minuten, bis auch Hans Pohlmann endlich auf seinem Rollator Platz nahm. Warum war er nur so bockig? Schon seit ein paar Jahren machte ihm sein Herz zu schaffen. Er müsste eigentlich viel häufiger Pausen einlegen.

„Schon nicht mehr ganz so heiß, oder?“, hielt sie tapfer das Gespräch in Gang.

„Na ja.“ Er wischte sich demonstrativ den Schweiß von der Stirn. „So ganz lange sollten wir nicht mehr bleiben.“

„Wir sind doch gerade erst angekommen, Papa. Ich wollte dir außerdem unbedingt noch den ersten hier in Spanien geborenen Flachlandgorilla zeigen. Die sind eigentlich vom Aussterben bedroht, aber das Zuchtprogramm …“

„Denk doch mal an mein Herz“, unterbrach er sie. „Du weißt doch, dass es mir immer öfter Probleme macht. Außerdem bin ich mit meinen sechsundsiebzig Jahren nicht mehr der Jüngste. Was für eine seltsame Idee von deiner Schwester, mich zu zwingen, mit ihr nach Südspanien zu fliegen.“

„Zu zwingen? Papa, jetzt übertreibst du aber.“

Außerdem war Johannas Idee kein bisschen seltsam, dachte Frau Dr. Pohlmann bei sich. Der Plan war logisch: Sie kümmerte sich um ihren Vater, und Johanna machte währenddessen ein bisschen Urlaub am Stadtstrand von Málaga. Natürlich war sie zuerst nicht begeistert gewesen, aber sie wusste, dass sie ihrer Schwester den Gefallen nicht abschlagen durfte. Mit knirschenden Zähnen hatte sie also Johanna zugesagt, auch wenn es ihr nicht passte, neben ihrer Forschung zusätzlich auch noch ihren Vater betreuen zu müssen. Doch sie hatte sich verpflichtet gefühlt, wenigstens für ein paar Tage nach dem alten Mann zu sehen. Immerhin konnte sie die beiden davon abhalten, sich bei ihr einzuquartieren. Zum Glück war es ihr gelungen, ihnen stattdessen einen Hotelaufenthalt schmackhaft zu machen. Vierundzwanzig Stunden am Stück mit ihrem Vater, und sie wäre wahnsinnig geworden.

„Schau mal!“ Frau Dr. Pohlmann zeigte auf einen Affenbrotbaum. „Siehst du das kleine Lemurenbaby, das sich am Fell der Mutter festkrallt?“

Ihr Vater machte keine Anstalten, der Richtung ihres Arms zu folgen. Stattdessen starrte er auf den Boden vor sich und schwieg.

Die Biologin unterdrückte ein Gähnen. Sie hatte kaum geschlafen. Allerdings aus einem angenehmen, einem erfreulichen Grund. Sie lächelte, als sie an Tim, ihr Date vom Vorabend, dachte. Dass sie ausgerechnet in Málaga diesen attraktiven Deutschen kennengelernt hatte … Er jedoch fand ihre Begegnung nicht weiter ungewöhnlich. Tim war ausgesprochen reiselustig, besaß ein Talent für Sprachen und hatte anscheinend schon überall auf der Welt gelebt und gearbeitet.

Ein Abenteurer.

Wie aufregend.

Neue Chancen, neues Glück …

Wer weiß, vielleicht würde sich ihr neuer Bekannter sogar irgendwann als Mr Right erweisen. Wie gut, dass sie Vorkehrungen getroffen und sich letzten Monat in Málaga einige Eizellen hatte einfrieren lassen. So konnte sie sich, obwohl sie Ende dreißig war, mit der Wahl des passenden Kerls Zeit lassen. Sie beobachtete die Lemurenmutter, die ihrem Baby liebevoll über den Kopf streichelte. Egal, was passierte, irgendwann würde sie auf jeden Fall ebenfalls Kinder haben. Das kleine Äffchen war aber auch zu niedlich.

„Ich will jetzt Kaffee und Kuchen“, riss ihr Vater sie aus den Gedanken.

„Ja, Papa.“ Sie sah einen weiteren Wegweiser, auf dem eine stilisierte silberne spanische Kaffeekanne abgebildet war. „Wir haben Glück. Gleich um die Ecke befindet sich anscheinend eine Cafeteria. Da organisiere ich dir was.“

Er nickte kurz und erhob sich umständlich. Wie sehr er in den Monaten, in denen sie ihn nicht gesehen hatte, gealtert war!

Kurz darauf verfrachtete sie ihren Vater an einen Tisch in der Ecke der Cafeteria. Typisch Hans Pohlmann: Sie hätten auf der Außenterrasse wunderbar unter kühlen Sonnensegeln sitzen können, doch er hatte darauf bestanden, ins Innere zu gehen. Wegen der, wie er es nannte, unmenschlichen Hitze draußen.

Drinnen lief dann natürlich die Klimaanlage auf Hochtouren. Dr. Melanie Pohlmann kannte das ungesunde Wechselspiel zwischen drinnen und draußen bereits. In Südspanien herrschte üblicherweise draußen Sommer und drinnen Winter. Vorsorglich hatte sie immer eine leichte Strickjacke dabei. Sie öffnete die Tasche, nahm sie heraus und zog sie sich über. Anschließend warf sie einen Blick auf die Theke. Auch wenn sich kaum ein Besucher im Inneren der Cafeteria aufhielt, wartete eine Reihe Zoo-Besucher vor der Kasse.

„Hier ist anscheinend Selbstbedienung. Ich hole dir deinen wohlverdienten Kaffee und …“, sie überlegte einen Moment, bevor sie den Satz beendete, „… und was Süßes.“ Besser, sich nicht festlegen. Sie hatte keine Ahnung, ob es hier Kuchen gab. Aber so was wie Churros oder Croissants müsste sich auftreiben lassen. „Bin gleich wieder zurück, Papa.“

Eigentlich verspürte sie ebenfalls Hunger – sie hatte noch nicht gefrühstückt –, aber die strengen Tiergerüche nahmen ihr den Appetit. Kaffee würde reichen. Café con leche. Schmeckte, machte munter und hatte darüber hinaus den praktischen Nebeneffekt, auch zu sättigen.

Die Biologin beobachtete, wie der Mann vor ihr den Kaffeeautomaten bediente, und tat es ihm nach. Während sie mit dem Tablett vor der Kasse wartete, schaute sie sich nach ihrem Vater um. Er saß in einer seltsamen Körperhaltung da. Merkwürdig zusammengesackt. Tja, wie sagte man immer? Das Alter ist nichts für Feiglinge.

Obwohl kaum Betrieb herrschte, war die Frau an der Kasse furchtbar lahm. Es ging kaum voran. Die Gedanken der Biologin schweiften ab. Sie hasste es zu warten. Das Erste, was sie ihrem Nachwuchs beibringen würde, wäre, aktiv zu sein und das Leben beherzt selbst in die Hand zu nehmen.

Während sie ihre zukünftigen Kinder in Gedanken noch immer zu Amazonen und Freiheitskämpfern erzog, kam sie endlich an die Reihe. Sie bezahlte und balancierte das Tablett zurück an den Ecktisch. Gespielt munter näherte sie sich ihrem Vater.

„Papa, Zeit für deinen Kaffee.“

War er eingeschlafen?

Dann nahm sie aus dem Augenwinkel etwas Seltsames wahr. Unten, in seiner Hose. Da bewegte sich etwas. Frau Dr. Pohlmann kniff die Augen zusammen.

Und dann ging es ganz schnell.

Das Hosenbein bewegte sich. Sie hörte ein Zischen.

Oh, mein Gott!

Wie gelähmt beobachtete sie, wie eine Schlange aus dem Hosenbein ihres Vaters glitt und sich auf den Boden der Cafeteria fallen ließ. Das Tier war unfassbar lang.

Endlich kam Leben in die Biologin. Sie öffnete den Mund und stieß einen durchdringenden Schrei aus.

Kapitel 1

Bioparc Fuengirola

Samstag, den 3. August, 11.30 Uhr

Javier

Die Leiterin des Kindergartens Eva Álvaro warf Javier einen auffordernden Blick zu. Javier nickte. Alles klar. Kinder durchzählen.

Zum Glück trugen alle Kindergartenkinder gelbe Warnwesten und waren dadurch schon von Weitem schnell zu erkennen.

Lucia, Ana: zwei. Jesús, Nacho und José: fünf.

Zwei Minuten später war Javier bei zwölf angelangt. Alle da! Er hob den Daumen in die Luft. Eva nickte ihm zu. Sie ging in Richtung Voliere vor, er bildete die Nachhut.

Als Eva ihn gebeten hatte, die Kinder und sie zum Bioparc Fuengirola zu begleiten, da sie noch eine männliche Aufsichtsperson benötigte, hatte er, ohne nachzudenken, zugesagt. Organisatorisch war das kein Problem gewesen. Seit einem halben Jahr hatte Javier seine Dienstzeit reduziert, um einen freien Tag für seine Ehrenamtsarbeit zu haben.

Im Prinzip genoss Javier den Ausflug mit der Kindergartengruppe auch.

Also, allgemein gesprochen.

Doch ganz konkret hatte er sich die Exkursion anders vorgestellt. Die Kinder waren aufgedreht und wuselig. Das fand er außerordentlich anstrengend. Immerhin hatte Eva ihn wissen lassen, wie überaus dankbar sie ihm für seine Begleitung war.

„Übrigens“, hatte sie ihm an der Bushaltestelle zugeraunt, „Miguel, der Vater vom kleinen Jesús, hat mir ebenfalls seine Unterstützung angeboten. Aber ich habe dankend abgelehnt.“ Sie kicherte. „Ich wollte nicht auf seine Mithilfe angewiesen sein.“

Eva musste ihm das nicht erklären. Es war ein offenes Geheimnis, dass Miguel sich ein wenig zu gern selbst reden hörte. Javier musste grinsen. Man konnte ihm vieles vorwerfen, aber nicht, dass er sich in ewig langen Monologen verlor. Eher im Gegenteil, wenn man den Worten seiner Partnerin Inmaculada Glauben schenkte. Auf jeden Fall war er zufrieden, wie begeistert Eva auf seine spontane Zusage reagiert hatte.

Nacho und José fingen an, sich an den Haaren zu ziehen.

„Auseinander“, sagte Javier schärfer, als er es beabsichtigt hatte.

„Ist doch nur Spaß“, sagte Nacho.

„Spaß, Spaß“, echote José.

Javier verdrehte die Augen. Die Jungen nervten! Unauffällig schaute er auf die Uhr und bereute seine impulsive Zusage jetzt doch ein wenig.

Es lag nicht an dem Ort.

Der Bioparc war beeindruckend.

Javier hatte sogar das Gefühl, dass ihn die Pracht der wilden Tiere noch mehr faszinierte als die Kinder. Doch der Weg von Málaga nach Fuengirola war keine Freude gewesen. Die peques, die Kleinen, waren so laut und wild, dass Javier immer wieder befürchtete, dass sie entweder im Eifer des Gefechtes auf die Straße laufen oder sonst wie ausbüxen würden. Um nicht den Überblick zu verlieren und nicht zufällig irgendwen aus der Gruppe an der Haltestelle oder im Bus zu vergessen, zählte er daher die Horde fast schon zwanghaft immer wieder durch.

Gegen Mittag kehrte endlich ein wenig Ruhe ein. Eva, Javier und die Kinder saßen auf dem Mäuerchen neben der Rutsche auf dem großen Sandspielplatz und nahmen ihren mitgebrachten Proviant zu sich.

Zehn, elf, zwölf.

Die Kinder mampften ihre bocadillos, die mit Käse oder Wurst belegten Baguettes, schlürften den Inhalt ihrer Getränkepäckchen durch den Strohhalm und kamen sich dabei sagenhaft lässig vor. Das erste Mal an diesem Tag war es leise. Zumindest so lange, bis Pablo anfing, die Gurkenscheiben von seinem Sandwich herunterzuholen und damit um sich zu werfen. Zum Glück ging Eva sofort dazwischen. Während sie den Jungen ermahnte und mit ernstem Gesicht den Blick über die Truppe schweifen ließ, nahm Javier wahr, wie immer mehr Sicherheitsleute vor der Cafetería des Bioparcs auftauchten. Sie telefonierten aufgeregt und befestigten ein blau-weißes Absperrband vor dem Eingang des Gebäudes.

Der Berufsinstinkt des Comisario Principals war geweckt. Ehrenamt hin oder her. Da stimmte etwas nicht.

„Eva“, wandte er sich leise an seine Kollegin. „Kann ich dich mal für einen Moment allein lassen?“

Eva blickte ihn kurz an und nickte ihm dann unauffällig zu, bevor sie mit ihrer Strafpredigt fortfuhr. Javier bewunderte sie, wie sie sich ihm knapp widmen und dann problemlos an derselben Stelle wie zuvor an ihre Standpauke anknüpfen konnte. Eltern und Erzieher waren Konzentrationsgurus. Hut ab.

Javier stand auf und schlenderte in Richtung Cafetería. Dort beobachtete er einen Angehörigen der Sicherheitskräfte, der immer wieder von einem Fuß auf den anderen trat. Als er einen Augenblick still stand, ging er auf ihn zu.

„Hombre, was ist passiert?“

Der Mann sah ihn überrascht an. Javier bemerkte, dass er reden wollte, aber nicht wusste, wie viel er sagen durfte. Mierda, dachte Javier. Das sah nicht gut aus. Sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Da schien tatsächlich etwas Größeres im Gange zu sein.

„Du kannst mich ruhig einweihen. Ich bin Polizist und helfe gerne.“ Umständlich zog Javier seine Brieftasche aus der Hosentasche und zeigte dem Sicherheitsmann seinen Ausweis.

„Eine Schlange“, stammelte dieser nervös. „So was habe ich noch nie erlebt, und ich arbeite schon über zehn Jahre hier im Bioparc.“

„Verstehe.“ Javier gab sich Mühe, Ruhe auszustrahlen.

„Sie ist giftig und hat einen alten Mann gebissen, der mit seiner Tochter den Bioparc besucht hat.“

„Der Krankenwagen ist bereits gerufen worden, nehme ich an?“

Je aufgeregter sein Gegenüber wurde, desto gelassener agierte der Comisario Principal. Ein Handy klingelte. Der Mann entschuldigte sich, drehte sich zur Seite und nahm einen Anruf entgegen. Javier hörte, wie er sich mit „Dime!“ meldete. Dann gab er im Stakkato-Rhythmus einige Mal das Wort „sí“ von sich.

Javier warf einen Blick auf Eva und die Kinder. Seine Kollegin schien alles unter Kontrolle zu haben. Überaus professionell, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Als Javier wieder den Sicherheitsmann anschaute, war dieser gerade dabei, sein Handy einzustecken. Er schwieg und wirkte fassungslos.

„Und?“, fragte Javier. Es dauerte eine Weile, bis er eine Antwort bekam.

„Dafür ist es bereits zu spät“, sagte sein Gegenüber.

Javier konnte dem Mann erst nicht folgen. Doch dann fiel dem Comisario Principal ein, dass er ihn vor dem Telefonat gefragt hatte, ob ein Rettungswagen unterwegs wäre. Seit langer Zeit überkam Javier wieder einmal der Drang, eine Zigarette in den Händen zu halten.

„Hast du eine Zigarette für mich?“

Der Mann schüttelte den Kopf. War vermutlich auch besser so. Dann stellte Javier die unausweichliche Frage: „Was ist mit dem alten Mann?“

Diesmal kam die Antwort prompt. „Er ist tot.“

„Wo finde ich ihn?“

Der Mann wies mit dem Kopf auf die Cafetería. Javiers Gedanken rasten.

„Vale, muy bien. In Ordnung, danke.“

Er ging ein paar Schritte in Richtung des Eingangs der Cafetería. Dann blieb er stehen. Es war notwendig, das Ganze logisch anzugehen. Der Mann war bereits tot. Die Schlange musste wieder eingefangen werden. Doch das war nicht Aufgabe der Polizei. Das konnten die Zoo-Angestellten sicherlich besser erledigen als jeder andere.

Javier zog sein Handy aus der Hosentasche und schrieb eine kurze Nachricht an seine Sekretärin Sofía. Er bat sie, die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin zu informieren und vor allem so schnell wie möglich Verstärkung zu schicken. Noch wirkte alles friedlich. Doch sobald sich das mit der Schlange herumgesprochen haben würde, könnte in null Komma nichts eine Massenpanik ausbrechen. Ein Horrorszenario, das Javier sich lieber nicht vorstellen wollte. Er musste das verhindern, unbedingt die Kontrolle behalten. Und das hieß: unverzüglich zu handeln. Der Comisario schaute sich um. Das Schwierigste würde die Evakuierung des Zoos werden. Javier wählte erneut die Nummer der Dienststelle.

„Sofía? Hör zu, du musst auch den Zivilschutz und die Guardia Civil informieren.“

„So schlimm?“

„Ja. Stell dir vor, es bricht Panik aus …“

„Alles klar.“

Dann rief er die Leiterin des Kindergartens an. Er schilderte Eva kurz, dass der Zoo wegen einer ausgebrochenen Schlange evakuiert werden müsse, und bat sie, mit den Kindern den Bioparc sofort zu verlassen.

Eva blieb erstaunlich ruhig. „Alles klar. So machen wir das.“

„Wirklich alles in Ordnung?“

„Ja. Ich war mal in Thailand im Urlaub. Da hat man uns gesagt, wie man Schlangen in die Flucht schlägt.“

„Ach ja?“

„Man muss laut sein und mit aller Kraft auftreten.“ Javier hörte sie lachen. „Bei unseren zappeligen Kindern mache ich mir also keine Sorgen. Wir werden jetzt den geordneten Rückzug antreten. Hilf du den Leuten, so gut du kannst.“

Wenn du wüsstest, dachte Javier und hatte einen Anflug von schlechtem Gewissen, weil er ihr den toten Mann verschwiegen hatte.

„Benötigst du mich denn nicht als Begleitung?“

„Nein. Ich rufe einfach den Vater von Jesús an.“

„Am besten sagst du Miguel noch nicht …“

„Natürlich nicht, sonst flippen alle Eltern aus. Ich sage bloß, dir sei was dazwischengekommen.“

In der Sekunde, in der Javier das Gespräch beendete, wandte sich der Sicherheitsmann an ihn. „Und jetzt?“

Javier dachte nicht lange nach. Nachdem er die Situation mit Eva geklärt und auf der Wache Bescheid gesagt hatte, hielt ihn nichts mehr zurück. Voller Schwung stieg er über das Absperrband. Er hatte schon einige Schritte gemacht, als er den Sicherheitsmann hinter sich rufen hörte.

„Moment, ich komme mit.“

Kurz darauf standen sie zu zweit vor dem Eingang der Cafetería. Dort wurde sein Begleiter von einer hektischen Frau mit rotem Kopf begrüßt. Der Mann stellte ihr Javier vor. Die Frau knipste ein Lächeln an.

„Oh, Polizei. Endlich. Gut, dass Sie kommen. Ich bin Frau Martín, die Stellvertreterin des Zoo-Direktors.“

Sie sprach nicht weiter und schien auf etwas zu warten. Erst jetzt nahm Javier ihre ausgestreckte Hand wahr. Er griff zu.

„Was ist mit dem Zoo-Direktor los?“, fragte er.

„Er ist im Ausland. In Laos, Asien. Eine wichtige und aufregende Reise. Wir haben da nämlich ein Kooperations…“

„In Ordnung“, unterbrach Javier Frau Martín. Er hatte jetzt keine Zeit für Small Talk. Doch an dem erschrockenen Blick der stellvertretenden Zoo-Direktorin bemerkte er, dass sein Tonfall wohl zu schroff geklungen hatte. Das lag vermutlich daran, dass er den ganzen Morgen die Rasselbande hatte im Schach halten müssen.

Die Stellvertreterin fand schnell in ihre Rolle zurück. „Keine Sorge. Ich kümmere mich um alles. Sollen wir als Erstes in die Cafetería gehen? Da haben wir Ruhe, denn sie ist schon evakuiert worden.“

„Das heißt, dass sie garantiert schlangenfrei ist?“

„Aber sicher.“ Die Frau strahlte nur so vor Zuversicht. „Darauf haben Sie mein Wort.“

Javier hoffte, dass ihr Spruch nicht in die Rubrik „Berühmte letzte Worte“ fallen würde.

Die stellvertretende Zoodirektorin grinste ihn noch breiter an. „Möchten Sie Kaffee oder Tee?“

Javier konnte Frau Martín nicht einschätzen. War sie eine Plaudertasche, wollte sie nur höflich sein, oder fühlte sie sich überfordert?

„Moment mal, das kommt mir seltsam vor.“ Javier schaute durch die gläserne Frontscheibe in die Cafetería. Im Inneren meinte er einen Rollator und jemanden, der an einem Ecktisch saß, auszumachen. War der Tatort jetzt evakuiert worden oder nicht?

„Wieso befindet sich dort noch jemand?“

Die Zoo-Frau setzte wieder ihr künstliches Lächeln auf. Javier hatte den Eindruck, als ob da eine Spur Mitleid in ihrem Blick läge. Konnte sie ihn ebenfalls nicht einschätzen? Hielt sie ihn etwa für alt und schwer von Begriff?

„Ach so, Sie meinen, weil die Schlange noch darin sein könnte?“ Frau Martín trat auf ihn zu, kam näher und näher … machte sie etwa Anstalten, seinen Arm zu tätscheln? Javier trat einen Schritt zurück.

Nahm sie ihn etwa nicht ernst?

Vielleicht lag es daran, dass er extra ein schreiend buntes Hemd angezogen hatte, um die Kinder zu erfreuen … In diesem Moment hätte er doch gern eine Uniform getragen. Die stellvertretende Direktorin hielt seinem Blick stand.

„Wie gesagt, die Cafetería ist bereits von unserem Team durchsucht und wieder freigegeben worden.“ Die Frau ließ es so klingen, als wäre so ein Vorgang das Natürlichste der Welt. Javier merkte, dass sich seine Nervosität allmählich legte. Frau Martín lehnte sich gegen die Tür und betrat die Cafetería. Eine Nachricht ging auf Javiers Handy ein.

„Moment“, sagte er. Die Botschaft war schnell gelesen. Sofía war zwar dabei, sich um Verstärkung zu bemühen, doch das schien nicht so einfach zu sein. „Perdón“, schrieb sie ihm. „Hab Geduld. Du weißt schon: Wochenende.“

„Alles klar?“, fragte Frau Martín.

„Nein. Aber das macht nichts. Lassen Sie uns weitermachen.“

Javier folgte der stellvertretenden Zoo-Leiterin in die Cafetería. Er wollte als Erstes auf die Leiche des alten Mannes hinten in der Ecke neben dem Rollator zugehen, überlegte es sich dann aber anders, änderte die Richtung und lief stattdessen auf die Frau zu, die neben der geschlossenen Kasse kauerte. Ihm fiel ein, was der Wachmann gesagt hatte. Das musste die Tochter des Toten sein.

„Guten Tag“, begrüßte er sie und stellte sich vor. Währenddessen musterte er die Zeugin. In den Dreißigern, blass, gepflegtes Äußeres, teure Kleidung. Auffallend attraktiv.

„Es tut mir sehr leid zu hören, dass Ihr Vater gestorben ist. Mein herzliches Beileid.“

Die Frau antwortete ihm auf Englisch. „Haben Sie mir gerade kondoliert? Entschuldigung, aber ich spreche noch nicht so gut Spanisch. Ich bin erst vor Kurzem für ein Forschungsjahr in Málaga angekommen.“

Javier hörte ihr konzentriert zu und nickte.

Sie sprach weiter: „Und ich weiß nicht genau, was Sie gesagt haben. Ja, das ist unser Vater. Hans Pohlmann. Meine Schwester Johanna wird auch gleich kommen. Sie macht hier gerade Urlaub. Wollte mich besuchen, wohnt aber im Hotel. Meine Schwester. Zusammen mit meinem Vater, meine ich.“

Die Frau sprach sehr gut Englisch. Muttersprachlerin höchstwahrscheinlich. Javier tippte darauf, dass sie aus Großbritannien kam. Das Vereinigte Königreich spülte, soweit er wusste, die meisten Touristen nach Spanien. Wenn sie ankamen, waren sie üblicherweise bleich, dann holten sie sich einen Sonnenbrand, und wenn sie Spanien wieder verließen, war ihre Haut leuchtend rot wie die einer Krabbe.

„Vale, alles klar. Ist es in Ordnung, wenn ich schon einmal Ihre Personalien aufnehme?“ Er nahm einen Kugelschreiber aus der Brusttasche seines kreischend bunten Hemds. Geduldig stellte Javier seine Fragen und begann, die Antworten auf zwei gefalteten Blättern Papier aufzuschreiben, die er in der Hosentasche gefunden hatte. Frau Martín hatte sich an den Nebentisch gesetzt.

„Geburtsort?“

„Bochum, Deutschland.“

Javier schaute erstaunt auf.

„Ach was, Sie kommen aus Deutschland? Ich hatte vermutet, Sie wären Engländerin.“

„Nein, nein. Ich komme aus Bochum, aus dem Ruhrgebiet. Ich habe allerdings ein Auslandssemester in London verbracht.“

In den nächsten Minuten beschrieb ihm die Frau Doktor, was sie im Zoo erlebt hatte. Javier machte sich Notizen. Gleichzeitig überlegte er, ob es nötig wäre, seine deutsche Kollegin Sandra König einzuschalten. Sie kam ursprünglich aus Köln, lebte aber schon ein paar Jahre in Málaga. Als abgeordnete Hauptkommissarin war sie für Mordfälle zuständig, in denen ihre deutschen Landsleute involviert waren.

Javier kam jedoch zu dem Entschluss, nichts zu überstürzen. Er musste Sandra nicht sofort um Unterstützung bitten. Seine Kollegin konnte auch später noch mit Frau Doktor Pohlmann in ihrer Muttersprache über das weitere Prozedere sprechen. Javier steckte den Kugelschreiber und die Papiere wieder ein.

„Entschuldigung, Comisario Principal. Sind Sie fertig?“, meldete sich Frau Martín zu Wort. Anscheinend hatte sie sein Gespräch mit der Tochter des Toten genau beobachtet.

„Mit der Zeugin für den Moment schon. Ich werde mir jetzt die Leiche anschauen.“ Javier entknotete die Plastikhandschuhe, die er immer bei sich trug.

Die Zeugin flüsterte ihm etwas zu. Er konnte sie aber nicht verstehen.

„Bitte?“

„Hans Pohlmann. Er heißt Hans Pohlmann. Bitte nennen Sie ihn bei seinem Namen.“

Er sah in Richtung der Leiche des alten Manns und nickte.

„Ich weiß nicht, ob es von Bedeutung ist, aber mein Vater hatte ein schwaches Herz.“

„Danke“, sagte Javier. „Ich werde das weitergeben.“

„Darf ich Frau Doktor Pohlmann auch noch etwas fragen?“, schaltete sich die stellvertretende Zoo-Leitung ein.

„Tun Sie das“, gab Javier seine Zustimmung.

Frau Martín ging langsam auf die Zeugin zu und wechselte ins Englische. „Frau Dr. Pohlmann, Sie sagten, Sie hätten die Schlange gesehen. Könnten Sie sie genauer beschreiben? Damit wir wissen, wonach wir suchen müssen.“

Die Zeugin blickte zu Boden. Als die stellvertretende Zoo-Direktorin ansetzte, ihre Frage noch einmal zu wiederholen, schüttelte Frau Dr. Pohlmann kurz den Kopf.

„Nein. Nicht wirklich, es ging alles so schnell.“

„Darf ich Ihnen ein paar Fotos zeigen?“

Während Frau Martín die Zeugin in Beschlag nahm, ging Javier zu dem Toten. Jemand hatte ihn flach auf eine Sitzbank gelegt. Javier hatte einen Kloß im Hals, als er anfing, die Leiche abzutasten. Links am Hals sah er einen blauen Fleck, vermutlich die Bissstelle. Er nahm sein Handy zu Hilfe und benutzte die Taschenlampenfunktion, um besser sehen zu können. Die Stelle sah so aus, als ob sie geschwollen wäre. Doch vielleicht bildete er sich das auch nur ein.

Im Hintergrund hörte er, wie Frau Martín die Deutsche mit Schlangendetails überschüttete. Einige konnte er verstehen. Bezeichnungen wie etwa Nattern, Ottern, heimisch und nicht heimisch, Würgeschlange und Giftschlange sagten ihm etwas. Doch andere englische Fachbegriffe hatte er noch nie gehört. Da die Frau Doktor zu Protokoll gegeben hatte, dass sie als Biologin arbeitete, konnte sie vermutlich mehr mit den Ausdrücken anfangen als er.

Mit einem Mal spürte der Comisario Principal Zugwind im Rücken. Eine Frau raste in die Cafetería hinein. Javier war sofort in Alarmbereitschaft. Sein Körper spannte sich an, die rechte Hand griff nach der Dienstwaffe.

Doch natürlich ging sie ins Leere.

Es war sein freier Tag. Er war unbewaffnet.

Schlimm genug. Er verabscheute Überraschungen am Tatort.

„Melanie!“, schrie die Frau. „Wo ist Papa?“

Javier beherrschte genug Deutsch, um sie verstehen zu können.

Die Frau kam direkt neben Javier zum Stehen und riss den Kopf des toten Mannes hoch. Dem Comisario Principal blieb keine Zeit, um zu reagieren.

„Papa …“ Sie presste den Kopf an die Brust, drehte sich zu Frau Dr. Pohlmann und schrie sie auf Deutsch an. Diesmal verstand er nicht, was sie sagte.

„Moment mal.“ Javier hob die Hand. „Beruhigen Sie sich.“

Dann öffnete sich die Tür erneut. Diesmal betrat ein Mann in Jeans die Cafetería. Auch er lief entschlossen auf ihn zu. Doch Javier hatte sich getäuscht. Der Fremde wollte nicht zu ihm, sondern nahm Kurs auf Frau Martín. Javier hörte, wie sie den Neuankömmling freundlich begrüßte.

„Danke, dass Sie kommen.“ Sie wandte sich dem Comisario Principal zu. „Das ist Herr Velasco. Er ist Notfall-Psychologe. Er hat heute den Bioparc besucht, über den Zivilschutz von dem Unglück gehört und sofort seine Unterstützung bei der psychologischen Betreuung angeboten.“

„Das ist gut, sehr gut“, sagte Javier. Ein wenig unbeholfen ging er auf Herrn Velasco zu. „Vermutlich möchten Sie allein mit den beiden Schwestern sprechen …“

„Wenn das möglich ist, gern.“

Javier trat noch einen Schritt näher an Herrn Velasco heran und flüsterte ihm ins Ohr, dass die beiden ihren Vater nicht noch einmal berühren dürften. „Sie wissen schon: Wegen der Spuren.“

„Das bekomme ich hin“, antwortete der Psychologe ihm ebenso diskret.

Plötzlich stand eine Frau von der Spurensicherung in der Tür.

„Just in time“, begrüßte Javier sie und musste selbst darüber lachen, dass sein Satz mehr spanisch als englisch klang. Er wies sie kurz ein, dann gab er Frau Martín ein Zeichen, und sie verließen zusammen die Cafetería. Mittlerweile war der Zoo menschenleer. Javiers Kollegen hatten gemeinsam mit dem Sicherheitsdienst das Gelände geräumt und weiträumig abgesperrt.

„Haben Sie herausbekommen, welche Ihrer Schlangen entkommen ist?“, fragte Javier die Stellvertretung.

„Nein, bislang nicht.“

„Schade“, sagte Javier. „Hat Frau Dr. Pohlmann den richtigen Typ Schlange bestimmen können?“

„Na ja. Das Ganze ist ausgesprochen seltsam. Wissen Sie, es scheint so, als wären die Reptilien im Serpentarium noch vollzählig.“

„Im Schlangenhaus?“

„Genau. Wir halten im Bioparc nämlich überhaupt keine Schlangen. Aber ein paar Blöcke weiter befindet sich das Serpentarium. Die Touristen besuchen es gern. Manchmal kooperieren wir auch. Zum Beispiel …“

Javier bedankte sich freundlich und brachte sie dadurch eleganter als bei ihrer ersten Begegnung zum Schweigen. Mittlerweile hatte er seine Meinung geändert. Er hielt Frau Martín durchaus für kompetent. Es gefiel ihm, wie sie mitdachte. Den Hang zur Redseligkeit führte er auf ihre Unsicherheit zurück. Dafür hatte er großes Verständnis, denn ihm ging es nicht anders. Er fühlte sich im Bioparc ebenfalls außerhalb seiner gewohnten Komfortzone.

Die stellvertretende Zoo-Direktorin setzte erneut an: „Also, was ich sagen will, ist, dass auch im Schlangenhaus auf den ersten Blick keine Schlange fehlt. Aber wir werden das noch einmal genau prüfen.“

„Und die Giftschlange? Ist sie immer noch nicht gefunden worden? Es war doch eine Giftschlange, oder?“ Javier räusperte sich. „Ich bin alles andere als ein Fachmann, aber es kam mir so vor, als hätte ich Bisszeichen am Hals gesehen.“

„Ja, Sie liegen richtig, Comisario Principal. Wir gehen auch davon aus, dass der Mann nicht erwürgt, sondern vergiftet wurde. Wir haben bereits die Reptilienauffangstation für Schlangen und Gefahrtiere verständigt.“

„So was gibt’s?“, fragte Javier.

„Natürlich. Wir arbeiten oft mit denen zusammen. Sie wissen schon, im Rahmen des Tierschutzgesetzes Ley 7/2023 und der Normativa Española.“

„Sagt mir nichts.“

„Washingtoner Artenschutzübereinkommen?“

Javier schüttelte den Kopf.

„Tierschmuggel?“

Jetzt musste er lachen.

„Nochmals nein. Ich arbeite auf der Wache in Málaga, zusammen mit meiner Kollegin Sandra König. Sie kommt aus Deutschland und kennt sich mit modernen Themen aus. Mit dem Netz, sozialen Medien und so.“

Frau Martín nickte. „Verstehe. Das erklärt so einiges.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

Frau Martín schwieg. Dann machte sie einen Vorschlag. „Kommen Sie, ich begleite Sie zu einem der Polizeiwagen.“

Javier schaute sie irritiert an. Wollte ihn die stellvertretende Bioparc-Leiterin loswerden?

„Moment mal. Ich bin gar nicht mit dem Auto gekommen.“ In diesem Moment gesellte sich der Sicherheitsmann, mit dem er die Cafetería betreten hatte, zu ihnen.

„Comisario Principal Sánchez. Ihre Kollegen überlassen Ihnen einen der Dienstwagen. Er steht dort hinten rechts auf dem Parkplatz. Der Schlüssel steckt.“

Die stellvertretende Zoo-Direktorin begleitete Javier zum Auto. Dort verabschiedete sie sich kurz und bündig. „Danke für Ihre schnelle und unbürokratische Hilfe.“ Und weg war sie. Der Sicherheitsmann zeigte auf ein leeres Dienstfahrzeug, das im Schatten geparkt war, und wünschte ihm noch einen guten Tag.

Javier setzte sich ein wenig überrumpelt ins Auto. Er wollte gerade Gas geben, als er ein seltsames Rascheln hörte.

Una serpiente, eine Schlange, schoss es ihm durch den Kopf. Mierda.

Man hatte das Tier noch immer nicht gefunden. Was, wenn die Schlange sich ausgerechnet in seinem Auto verkrochen hatte? Javier lauschte, konnte aber nichts mehr hören. Von wo war das Rascheln gekommen? Er war sich unsicher.

Von hinten?

Vom Beifahrersitz?

Langsam nahm er sein Handy und schaltete die Taschenlampe ein. Vorsichtig leuchtete er die Ablage vor sich ab.

Nichts.

Er richtete das Handy nach unten, auf den Raum zwischen seinen Füßen. Auch da nichts Auffälliges. Ein Glück. Das wäre es noch gewesen. Eine Giftschlange, die ihm unter der Hose das Bein hochkroch. So wie bei dem armen Teufel aus Deutschland. Vor Javiers innerem Auge tauchten die Bissabzeichen auf dem Hals des Toten auf.

Denk logisch, ermahnte er sich. Du musst das Auto systematisch weiter absuchen! Javier richtete das Licht auf den Beifahrersitz.

Ebenfalls unauffällig.

Langsam drehte er sich zur Rückbank. Sie war leer, bis auf eine Plastiktüte. Er zuckte zusammen. Das raschelnde Geräusch. Da war es wieder.

Javier schaute auf das Fenster in der Tür hinten im Auto. Es war einen Schlitz weit geöffnet.

Der Comisario Principal atmete aus. Das Rätsel war gelöst. Keine Schlange weit und breit. Stattdessen hatte die durch die Fensterritze hineinwehende Luft die Tüte bewegt und dadurch zum Knistern gebracht. Javier startete den Wagen und fuhr zügig zurück nach Málaga.

Kapitel 2

Polizeiwache Málaga

Samstag, den 3. August, 16.30 Uhr

Sandra

Unten im Erdgeschoss der Dienststelle war die Raumtemperatur noch halbwegs erträglich, fand Sandra. Doch oben im vierten Stockwerk, wo sich das neue gemeinsame Eckbüro von Javier und ihr befand, herrschte eine brüllende Hitze.

Es war noch nicht lange her, da hätte Sandra alles für einen Aufenthalt in der Sonne gegeben. Sie liebte den Sommer am Mittelmeer. Damals konnte es ihr gar nicht heiß genug sein. Doch in den letzten Jahren hatte sich das geändert. In den Zeiten der Klimakrise erreichte das Büro Kamikaze-Temperaturen. Unmöglich, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Und natürlich funktionierten weder die Klimaanlage noch die automatischen Rollläden. Schon seit zwei Wochen nicht mehr. Sandra war so genervt gewesen, dass sie an diesem Vormittag kurz entschlossen ein Rollo besorgt und es mit Sofía notdürftig vor dem Fenster befestigt hatte. Nicht, dass das mickrige Ding viel brachte …

Als abgeordnete Hauptkommissarin aus Deutschland war Sandra eine der wenigen, die im August noch die Stellung hielten. Die Kolleginnen und Kollegen mit Kindern befanden sich allesamt im Urlaub. Da Sandra manchmal gern allein arbeitete, genoss sie die ungewohnte Ruhe auf der Dienststelle. Sie schaute kurz auf die altmodische Uhr an der Wand. Nur noch dreißig Minuten bis zum Ende ihres Dienstes, und dann würden zu Hause Chips und ein Spielfilm auf sie warten. Wenn alles gut ging, wäre auch Diego schon zu Hause und sie konnte ihm die wichtige Neuigkeit erzählen.

Ein Klopfen riss sie aus den Gedanken. Vermutlich Sofía, die sie um eine fehlende Unterschrift bitten würde.

Doch es war nicht Sofía.

„Oh, hallo, Javier.“ Sandra setzte sich aufrecht hin. „Mit dir hatte ich gar nicht gerechnet. Hast du nicht heute frei?“

„Ja …“

Jetzt erinnerte sich Sandra wieder daran, welche Pläne ihr Kollege gehabt hatte.

„Wolltest du nicht heute deine Kindergartenschar in den Bioparc nach Fuengirola begleiten?“

„Ja.“

Oha, dachte sie. Javiers Tonfall klang nicht gut. „Setz dich doch erst mal hin.“

Erstaunlicherweise folgte er ihrer Aufforderung. Sie schenkte ihm ein Glas Wasser ein. Auch das nahm er kommentarlos an und begann, seinen Durst zu stillen. Erst nachdem er das Glas geleert hatte, fragte Sandra vorsichtig nach, ob etwas passiert wäre.

„Ja.“

Javier atmete laut aus. Sandra wartete. Endlich beugte er sich zu ihr und begann zu sprechen.

„Sandra, im Bioparc Fuengirola gab’s einen Toten. Ein älterer Mann aus Deutschland ist dort ums Leben gekommen.“

„Wie jetzt? Ein Herzinfarkt? Haben das die Kinder mitbekommen?“

„Eine Giftschlange.“

„Bitte was? Eine Schlange?“ Ungläubig riss sie die Augen auf. Die Situation klang absurd.

„Ich kann es selbst noch nicht richtig begreifen. Eben noch bin ich mit meiner fröhlichen Kindergartengruppe durch den Bioparc gelaufen, und eine halbe Stunde später musste ich eine Leiche untersuchen.“

Sandra schüttelte verwirrt den Kopf, probierte, sich die Situation vorzustellen.

„Wie kam denn die Schlange zu dem Mann?“

„Ist alles noch völlig unklar.“

Javier stand auf und lief nervös vor dem durch das Rollo behelfsmäßig abgedunkelten Fenster auf und ab.

„Und du wirst es nicht glauben, Sandra: Die ganze Familie, also der verstorbene alte Herr und seine beiden Töchter, sind Deutsche. Die eine war mit ihrem Vater im Zoo, die andere kam dann später dazu. Alle sind völlig überfordert.“ Plötzlich blieb Javier stehen. Er drehte sich zur Wand um und dann zurück zu ihr. „Sag mal, was für ein seltsamer Lappen hängt denn da an dem Fenster?“

Sandra lachte. „Das Rollo haben Sofía und ich heute Morgen angebracht. Die Klimaanlage geht immer noch nicht und …“

„Verrückt. Aber besser als nichts“, lautete sein Kommentar.

„Meine Landsleute also“, überlegte Sandra laut und nahm das ursprüngliche Thema des Gesprächs wieder auf. „Hört sich so an, als ob wir einen neuen Fall hätten.“

„Wenn ich das nur mit Sicherheit wüsste …“

Sie hatte den Eindruck, dass die Zoo-Geschichte Javier ordentlich unter die Haut gegangen war.

„Okay, Fass doch mal kurz für mich zusammen, was wir haben.“

„Also, wie gesagt: einen toten älteren Herrn.“

„Genaues Alter?“

„Sechsundsiebzig. Er hatte ein Herzproblem.“

„Verstehe, also kurz gesagt: Der ältere herzkranke Mann wurde von einer Giftschlange gebissen. Er ist vermutlich entweder an dem Gift gestorben oder hat von dem Schrecken einen Herzinfarkt bekommen.“

Javier schien sich auf ihr Frage-und-Antwort-Spiel einzulassen.

„Richtig. Die Gerichtsmediziner werden uns über die Todesursache sicherlich bald Auskunft geben können. Der Fall ist aber kompliziert, denn das Tier wurde immer noch nicht gefunden.“ Javier dachte einen Moment nach, bevor er fortfuhr. „Allerdings scheint die Schlange kein Zoo-Tier gewesen zu sein. Es gibt da wohl so ein Schlangenhaus in der Nähe …“

„Ja, das Serpentarium. Kenne ich. Diego hat es mir mal gezeigt.“

„Da ist die Schlange aber anscheinend auch nicht hergekommen. Es sieht so aus, als handelte es sich um ein zoofremdes Reptil.“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Sandra.

Ihr Kollege zuckte mit den Schultern.

„Das ist wirklich seltsam.“ Sandra dachte sich immer mehr in den faszinierenden Fall hinein.

„Was glaubst du, hat das zu bedeuten?“, wiederholte sie nachdenklich.

„Keine Ahnung.“ Javier legte die Stirn in Falten. „Es könnte heißen, dass das Tier sich verlaufen beziehungsweise verkrochen hat.“

Seine Interpretation überzeugte Sandra nicht. Sie hatte das Gefühl, dass mehr dahintersteckte. Nervös biss sie sich auf die Unterlippe.

„Und was hältst du von der Idee, dass die Schlange absichtlich im Bioparc abgelegt wurde?“

„Hmm, klar, das wäre natürlich auch möglich. Interessante Überlegung“, stimmte Javier ihr zu.

Sandra verfolgte ihren Gedanken weiter. „Im schlimmsten Fall hätten wir es mit OK zu tun.“

Javier sah sie durchdringend an. „Organisierte Kriminalität vermutest du?“ Dann sprang er auf und fing wieder an, auf und ab zu laufen. „Erpressung, Schmuggel, Terrorismus, Mord …“, hörte sie ihn murmeln. Endlich setzte er sich wieder hin. „Das wäre entsetzlich und eindeutig eine Nummer zu groß für uns.“

Sandra legte ihm ihre Hand auf den Unterarm. „War ja nur eine Spekulation. Noch wissen wir überhaupt nichts mit Bestimmtheit.“

„Scheißfall“, fluchte ihr Kollege. „Es hat mich echt umgehauen. Erst diese wilden Kinder auf dem Spielplatz an meinem freien Tag, und dann findet man nebenan eine Leiche.“

Ob Javier sich mit dem alten Mann identifizierte?, fragte sich Sandra. Doch dann verwarf sie den Gedanken wieder. Ihr Kollege war zwar zwanzig Jahre älter als sie, aber mit Ende fünfzig noch deutlich jünger als der Tote. Außerdem wollte sie Javiers Verhalten nicht mit oberflächlicher Küchenpsychologie trivialisieren.

„Da bist du wirklich in eine seltsame Situation hineingeraten. Irgendwie gruselig. Aber den Töchtern des alten Mannes ist am meisten geholfen, wenn wir jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Lass uns dem Ganzen zusammen auf den Grund gehen. Im Team, wie immer.“

„De acuerdo, damit bin ich hundertprozentig einverstanden. Das hört sich nach einer sehr guten Entscheidung an.“

Sandra stellte erfreut fest, dass Javiers Stimme schon ein wenig gelöster klang. „Sehe ich genauso. Sag mal, Javier: Offiziell ist heute sowieso dein freier Tag. Was hältst du davon, dass du jetzt erst einmal nach Hause gehst, und ich schaue mal, ob ich Genaueres recherchieren kann. Dazu bräuchte ich die Namen der Betroffenen. Gibt es so was wie ein Protokoll?“

Javier nickte, zog ein paar zerknitterte Blätter aus seiner Hosentasche und hielt sie ihr unter die Nase.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst“, sagte Sandra lachend.

„Aber sicher doch. Oder nimmst du etwa dein Dienstgerät mit auf den Kinderspielplatz?“

Sandra hörte das Wort „Kinderspielplatz“ und merkte, dass sie errötete. Schnell murmelte sie etwas Unverfängliches und versuchte, sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen.

Javier winkte ihr von der Tür aus zu. „Ciao Sandra“, verabschiedete er sich.

„Tschüss, Javier“, rief sie ihm so locker, wie es ihr mit knallrotem Kopf möglich war, hinterher.

„Und was die Temperaturen hier angeht: Trinken nicht vergessen!“, witzelte Javier.

Immer noch einen drauf, dachte Sandra lächelnd. Gleichzeitig war sie erleichtert, dass er offensichtlich keinen Verdacht geschöpft hatte, als sie errötet war. Plötzlich musste Sandra kichern. Ihr wurde bewusst, wie sehr sie sich bereits in ihrer eigenen Bubble befand: Javier war zwar ein exzellenter Polizist, aber dass er solche minimalen Signale nicht nur wahrnahm, sondern darüber hinaus auch noch auf Anhieb richtig deutete, wäre selbst von ihm zu viel verlangt.

„Übrigens, interessantes Hemd. Sehr künstlerisch“, schlug sie zurück und erntete ein fettes Grinsen.

Sobald der Comisario Principal das Büro verlassen hatte, setzte sie sich an ihren Computer und schaute, was sie im Netz über den Fall finden konnte.

„Mist“, fluchte sie leise. Der Tod des deutschen Touristen und die entflohene Schlange waren bereits das Thema des Tages auf etlichen Kanälen.

Was war nur los mit der Pressestelle? Waren die etwa ebenfalls im Urlaub? Es sah so aus, als wären alle Infos ungefiltert an die Öffentlichkeit geraten. Sogar ein Foto von dem toten älteren Herrn war auf einer Seite hochgeladen worden. Geschmacklos. Und ein paar Spinner waren schon eifrig dabei, Gerüchte und Verschwörungserzählungen abzusondern.

„Mist, verdammter“, machte sie ihrem Unmut laut Luft.

Sandra rief Javier auf seinem Handy an. Natürlich nahm er nicht ab. Er trennte seine Arbeitszeit stets streng von seinem Feierabend ab. Dieser Sturkopf! Immerhin sprang sein Anrufbeantworter an.

„Javier, hier spricht Sandra.“ Sandra bemerkte, wie aufgewühlt sie klang. Um einen ruhigen Tonfall bemüht, fuhr sie fort. „Javier, du solltest jetzt besser nicht nach Hause fahren. Im Netz kursieren mal wieder seltsame Gerüchte.“

„Seltsam? Inwiefern?“ Jetzt war ihr Kollege doch an sein Handy gegangen.

„Du weißt schon, Trolle, die es lieben, unsere Arbeit zu diffamieren.“ Sandra musste schlucken. Sie wollte Javier zwar warnen, ihn aber nicht zu sehr beunruhigen.

„Sandra, was schreiben sie über mich?“

„Sie beschimpfen dich und …“ Sandra beschloss, mit offenen Karten zu spielen. „Sie drohen dir mit Gewalt.“ Das musste reichen, sie wollte ihm die ekelhaften Kampfansagen nicht im Wortlaut vorlesen. Sandra merkte, wie ihr unangenehme Erinnerungen ins Gedächtnis schossen.

Sie dachte an den letzten Fall zurück. In El Silencio waren Javier und sie ins Visier einer rechtsradikalen Internetgruppe geraten. Sandra hatte sich über lange Zeit bedroht und verfolgt gefühlt. Manchmal hatte sie noch immer Albträume davon.

„Sandra, du bist die Social-Media-Expertin. Wie hoch schätzt du die Gefahr ein?“

„Hoch. Wir müssen die Drohungen ernst nehmen. Am besten wäre es, wenn du dich für ein paar Tage bei Inmaculada einquartieren würdest.“

Javiers Lebenspartnerin Inma war super. Bei ihr wäre er am besten aufgehoben. Die ruhige, besonnene Art seiner ehemaligen Klassenkameradin tat Javier gut. Javier hatte damals in der Schule für Inmaculada geschwärmt, sie aber aus den Augen verloren. Nach Jahrzehnten waren sie sich wiederbegegnet und zu einem Paar geworden. Sandra liebte diese romantische Geschichte. Allerdings hatten die beiden beschlossen, ihre zwei Wohnungen beizubehalten. Eine Entscheidung, die sich jetzt als Vorteil erwies, denn bislang hatte noch kein Paparazzo die Adresse von Javiers Gefährtin herausbekommen.

Sandra schaute auf die Wanduhr. Schon halb neun. Offiziell hatte sie bereits seit dreieinhalb Stunden Feierabend. Eine Sekunde dachte sie an ihre ursprünglichen Ideen zur Abendgestaltung. Kuscheln mit Diego und zusammen mit der Chipstüte in der Hand einen Film oder eine Serie suchten. Von wegen. Sie stand auf und ging zu Sofías Büro, auch wenn es mehr als unwahrscheinlich war, dass sie die Sekretärin dort noch antreffen würde.

Doch Sandra lag falsch.

Sofía lächelte sie freundlich an, als sie ihr Büro betrat. „Mein Beileid.“

Sandra sah Sofía fragend an.

„Da habt ihr ja mal wieder einen besonders heftigen Fall an der Backe.“

„Du sagst es.“

„Du weißt nicht, wie viele hysterische und unverschämte Telefonate ich heute schon entgegengenommen habe.“

„Das tut mir leid, du Arme.“

„Die Zeiten ändern sich. Nachrichten verbreiten sich so schnell, dass man gar nicht mehr mitkommt.“

„Bei Lügen ist es noch schlimmer.“

„Stimmt, da hast du leider recht. Und alle wissen sofort, was richtig und falsch ist und vor allem wer Schuld hat. Und dann regen sie sich wahnsinnig auf.“

„Ist doch auch klar und einfach, Sofía: Die Polizei macht immer alles falsch. Noch Fragen?“

Beide Frauen lachten.

Die Sekretärin fuhr den Computer herunter. „Und, hat sich unser Rollo bewährt?“

„Ich glaub schon. Zumindest psychologisch. Fühlt sich gut an, dass wir etwas dafür getan haben, dass die Sonne draußen bleibt.“

„Prima. Was sagt Javier dazu?“

„Unsere handwerklichen Fähigkeiten haben ihn nicht gerade umgeworfen, aber er fand’s okay, glaub ich.“

„Sandra, du weißt, wie spät es ist. Du solltest Feierabend machen.“

„Dito. Wir sollten beide nach Hause gehen. Heute Abend können wir sowieso nichts mehr reißen.“

Kapitel 3

Illegales Labor, Málaga

Samstag, den 3. August, kurz vor Mitternacht

Der Schlangenzauberer

Er lag auf der leicht zu desinfizierenden Liege und versuchte einzuschlafen. Doch er war zu aufgewühlt, um zur Ruhe zu kommen. Er schaltete das Licht an und betrachtete das Foto von ihrem Grab.

Es war schwer gewesen, eine Ruhestätte mit einem buddhistischen Bereich auf einem öffentlichen Friedhof in Deutschland für sie zu finden. Aber etwas anderes kam für ihn nicht infrage. Er konnte ihren Körper nicht in ihre Heimat zu ihrer Familie zurückbringen lassen. Völlig undenkbar. Sie musste in seiner Nähe bleiben. Er war jetzt ihre Familie.

Der Schlangenzauberer warf einen schnellen Blick auf die unbestechlich genaue Uhr an der Wand seines Labors. Sie empfing ein Funksignal von der Cäsium-Atomuhr in Colorado und musste niemals neu eingestellt werden.

Wenige Minuten nach Mitternacht.

Es blieb ihm nicht viel Zeit. In drei Wochen würde sich Mindys Todestag jähren. Bis dahin musste alles perfekt sein. Er hatte das gesamte Trauerjahr damit zugebracht, die Rache zu planen. Bis jetzt lief alles genau so, wie er sich das vorstellte. Nach der Beendigung seines Planes würde er ihr Grab besuchen und es mit süßlich duftenden gelben Lilien, ihren Lieblingsblumen, schmücken.

Er bemerkte, wie sein Atem allmählich gleichmäßiger und tiefer wurde. Endlich konnte er sich entspannen. Es gelang ihm sogar, die Augen geschlossen zu halten. Nicht mehr lange, und er würde endlich einschlafen können.