Leseprobe Game Changer | Die Buchvorlage zum kanadischen Serienphänomen Heated Rivalry

Kapitel 1

Kip

Am 14. Januar, einem Dienstag, stellte Kip fest, dass sich laute Mixer und ein Kater überhaupt nicht miteinander vertrugen.

Eigentlich hatte er gestern Abend gar nicht so viel trinken wollen. Aber Chuck und Jimmy waren mal wieder in der Stadt und sie hatten sich schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Kip war ja auch nicht total betrunken gewesen – dafür wusste er doch nur zu genau, dass seine Schicht am nächsten Morgen schon um sechs Uhr begann. Dennoch hatte er gerade so viel getrunken, dass sich die leistungsstarken Mixer jetzt in seinen Todfeind verwandelten.

Aber er hatte eine Aufgabe zu erledigen: Den verdammt besten Smoothie für die geschäftig aussehende Frau machen, die gerade vor seiner Theke wartete.

„So, bitte schön.“ Er bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen, als er seiner Kundin ihre Bestellung reichte. „Einmal der Green Warrior mit einem Schuss Weizengras.“

Er schielte auf die Uhr. Oh Gott. Es war erst halb sieben.

Ihm blieb keine Zeit, seinen Kopf auf diesen wirklich einladenden Haufen Orangen, der auf der Theke aufgestapelt war, sinken zu lassen, denn wochentags war im Straw+Berry bis neun Uhr immer ganz schön was los. Heute Morgen stand er zusammen mit Maria im Laden, was ziemlich cool war, denn sie waren ein gutes Team. Obwohl beide nicht sonderlich viel Begeisterung für ihren Job übrig hatten, nahmen sie ihn doch ernst und erledigten alles, was sie tun sollten. Und außerdem war Maria witzig.

„Welcher dieser dämlichen Smoothies hilft wohl bei einem Kater?“, stöhnte Kip, als gerade kein Kunde im Laden war.

„Äh, keiner. Aber der mit Wassermelone wird wahrscheinlich nicht schaden.“

„Okay. Dann mach ich mir einen mit Wassermelone und … naja, … mindestens fünf Schmerztabletten.“

„Du meinst wohl fünf ‚Wellness-Booster‘.“

Kip mixte sich einen riesigen Wassermelonen-Smoothie und fühlte sich tatsächlich etwas besser, nachdem er ihn getrunken hatte. Dazu warf er auch nur zwei Schmerztabletten ein.

„Was hast du denn gestern Abend überhaupt angestellt?“, fragte Maria.

„Och, hab einfach nur mit ein paar College-Freunden abgehangen.“

„Ach ja? Und? Sind sie süß?“

„Nee. Obwohl … keine Ahnung. Nicht mein Typ.“ Chuck war groß, bullig und trug einen Vollbart. Jimmy war das genaue Gegenteil: klein und dünn. Und er sah ungefähr sieben Jahre jünger aus, als er wirklich war.

„Sind sie auch so super erfolgreiche Saftbar-Baristas wie wir?“

„Die haben tatsächlich Jobs in ihrem Fachbereich bekommen. Sie arbeiten beide in Boston. Irgendwas mit Finanzen. In einer Versicherung vielleicht. Oder so. Weiß nicht genau. Jedenfalls tragen sie dabei Anzüge.“

„Und du trägst ne Schürze. Das ist doch auch toll.“

„Klar. Bin auch richtig stolz drauf.“

„Ach, komm schon! Du hast auch noch ein Cap mit ner aufgestickten Erdbeere! Wenn das nichts ist!“

Kip warf ein Stückchen gefrorene Ananas in ihre Richtung.

„Ich sag dir mal was, Kippi. Ich werde heute nett zu dir sein und hinten alle Vorbereitungen übernehmen. Dann kannst du dein hübsches Köpfchen ein bisschen ausruhen, wenn der Ansturm hier vorbei ist.“

„Echt jetzt?“

„Klar.“

„Du bist die Beste! Ich liebe dich!“, seufzte er glücklich.

„Ich weiß. Reiß dich jetzt aber lieber zusammen. Gleich kommen die Geschäftsfrauen, die ihren flüssigen Grünkohl haben wollen.“

Es dauerte noch gut eine Stunde bis der erste Ansturm vorüber war und Kip endlich die Ruhe genießen konnte, die ihm Maria versprochen hatte. Sie ging nach hinten, um dort Obst und Gemüse zu schneiden, und er sackte auf einem Stuhl zusammen, den er sich hinter die Theke geschoben hatte. Kip drückte sein Gesicht an die Wand. Oh Gott, war die Wand schön kühl.

Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass er die Augen geschlossen hatte, bis ihn ein Geräusch aufschreckte. Jemand hatte sich zwar nicht sonderlich laut geräuspert, aber doch deutlich genug, um auf sich aufmerksam zu machen.

Kip öffnete die Augen und stand schnell auf. „Entschuldigen Sie bitte“, stotterte er. „Wie kann ich … ?“

Er kam sich vor wie eine Zeichentrickfigur, denn vermutlich fiel ihm die Kinnlade herunter und sein Mund stand sperrangelweit offen. Eventuell rollte auch seine Zunge heraus und über den Boden wie ein Teppich. Aber was sollte er machen? Vor ihm stand gerade der absolut heißeste Typ der ganzen Stadt!

„Äh … wie kann ich Ihnen helfen?“, brachte Kip gerade so noch heraus.

Der Mann war groß, blond, und er … ja, also … er hatte einen Waschbrettbauch. Und das konnte Kip so genau sagen, weil der Mann ein unverschämt enges Sportjacken-Dings und Jogginghosen von Under Armour trug. Er musste wohl gerade mit seiner Laufrunde fertig geworden sein. Sein feuchtes Haar klebte ihm an der Stirn und seine Haut glänzte schweißnass.

„Guten Morgen“, sagte der verschwitzte Mann fröhlich. „Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“

Kip wurde rot. In der Hoffnung, dass sein blödes Basecap das ein bisschen verbergen konnte, senkte er den Kopf. Mein Gott, da steht der heißeste Mann der Welt vor mir und ich trag eine Schürze und ein Basecap mit einer Erdbeere drauf.

„Sie haben mich nicht … also, ich hab nicht …“ Kip holte tief Luft. Reiß dich zusammen! „Entschuldigung. Ich hatte gestern Abend wohl ein bisschen zu viel Spaß.“

Eine Augenbraue des Mannes hob sich. „An einem Montagabend?“

„Ja, naja, Sie wissen schon, das Leben eines Smoothieverkäufers halt: Leb schnell, stirb jung und so weiter.“

Der Mann lachte und Kip wäre fast dahingeschmolzen.

„Also, was gibt’s hier denn Gutes?“, fragte der Traummann dann und kniff die Augen zusammen, um die Speisekarte zu studieren.

„Ähm, also, der Smoothie mit Blaubeeren, Ananas und Grünkohl ist nicht schlecht. Ich mag ihn. Und den Grünkohl schmeckt man auch wirklich nicht heraus – ich schwör’s.“

„Das wäre dann der … Blue Moon Over Brooklyn?“

„Genau. Die Namen hier sind alle irgendwie blöd.“

Da deutete der Mann mit einem seiner langen Finger auf Kips Namensschild. „Dein Name gefällt mir.“

Kip blickte auf sein Namensschild, als wüsste er nicht was dort stand. Wie ein Idiot.

„Das ist, naja, so eine Art Spitzname“, sagte er, als hätte ihn der heiße Typ danach gefragt. Was er nicht hatte. Aber Kip redete einfach weiter, weil er das eben immer so tat. „Ich mein … jeder nennt mich Kip. Also ist es schon irgendwie mein Name. Aber eben nicht mein richtiger Name. Eigentlich heiße ich … äh … ist ja auch egal. Du möchten also einen Blaubeer-Smoothie?“

„Klingt gut“, erwiderte der Mann und ignorierte wie verdammt doof sich Kip verhielt.

Kip machte sich an die Arbeit und warf verschiedene gefrorene Früchte und frischen Grünkohl in den Mixer. Zu seinem Glück musste er sich darauf konzentrieren und der Mixer war außerdem laut genug, um ihn davon abzuhalten, immer weiter zu plappern. Er schielte in Richtung des Mannes, der nun mit in die Hüften gestemmten Händen da stand und die langweiligen Obst-Poster betrachtete, die die Wände des kleinen Ladens zierten. Kip wusste gar nicht, wo er hinschauen sollte und so wanderte sein Blick von den breiten Schultern zu den fast schon irrwitzig kräftigen Armen und glitt dann über den muskulösen Rücken hinab zu der schmalen Taille, die in einen Hintern überging, der schlicht gesagt einfach nur …

Kip schüttelte den Kopf und machte den Mixer aus. Er tastete ungeschickt nach einem Plastikbecher, in den er dann den blauen Smoothie füllte. „Hier, bitte schön.“

Der Mann drehte sich um, nickte und reichte Kip einen zusammengefalteten, leicht feuchten 20-Dollar-Schein, den er aus der Hosentasche gezogen hatte. Er wedelte ablehnend mit einer Hand, als Kip ihm das Wechselgeld geben wollte. „Das ist für dich.“

„Echt?“, fragte Kip und beobachtete ihn dabei, wie er den ersten Schluck nahm. Beobachtete, wie sich seine rosafarbenen Lippen um den Strohhalm schlossen.

„Klar.“ Der Mann lächelte. „Weil du mir den Smoothie empfohlen hast. Der ist wirklich lecker!“

Kip lächelte zurück. „Schön, dass er dir schmeckt. Dann noch einen schönen Tag.“

Der Mann hob seinen Smoothie-Becher und prostete ihm zu. „Dir auch, Kip.“

Kip wurde richtig schwindelig bei dem Klang seines Namens aus dem Mund dieses Mannes. Als sein Traummann den Laden verließ, trat gerade ein anderer Mann ein, der nicht mal annähernd so attraktiv war.

„Heilige Scheiße!“, rief der neue Kunde aus und deutete mit seinem Daumen in Richtung Tür. „Das war doch gerade Scott Hunter!“

„Häh?“

Der Mann schaute Kip an, als hielte er ihn für einen Dummkopf. „Scott Hunter!“

„Sie meinen wie dieser Eishockey-Typ?“, fragte Kip.

Was?“, ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund. Maria stand in der Tür, die ins Hinterzimmer führte. „Habe ich ernsthaft Scott Hunter verpasst?“

„Ich glaube nicht, dass … Glauben Sie echt, dass er das war?“, meinte Kip.

Der Kunde nickte. „Oja, ganz sicher. Wundert mich nur, dass er sich überhaupt raus traut, so mies wie er aktuell spielt.“

„Läuft es bei ihm gerade nicht?“ Kip wusste natürlich, wer Scott Hunter war. Jeder, egal ob Fan oder nicht, kannte ihn. Der Mittelstürmer war nicht nur Kapitän der New York Admirals, sondern auch der Star des Teams. Vor drei Jahren hatte er das US-Team bei Olympia zu Gold geführt. Doch Kip kannte ihn hauptsächlich aus seinen Werbeaufnahmen für Hugo Boss. Und von denen war er tatsächlich ein großer Fan.

Kip mochte Eishockey, hatte aber den NHL-Spielen in letzter Zeit nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. So viel er wusste, wurde Scott Hunter in der Stadt aber immer gefeiert und geliebt. Wie der König von New York. Offensichtlich war Kip da also irgendetwas entgangen.

„Diese Saison ist er richtig schlecht“, fuhr der Kunde fort. „Hat seit November kein Tor mehr gemacht! Warum die ihm all das Geld zahlen, weiß auch keiner. Sie sollten den Penner einfach verkaufen.“

„Naja …“, fing Kip an und wusste dann nicht, wie er den Satz beenden sollte. Es war eigentlich lächerlich, aber dennoch fühlte er sich von der Kritik dieses Mannes persönlich angegriffen und er sah sich genötigt, Scott Hunter zu verteidigen. „Vielleicht macht er ja gerade nur eine schwierige Phase durch.“

Der Kunde schnaubte. „Die soll er gefälligst im Sommer haben. Wenn er jetzt mit der Scheiße weitermacht, verpassen wir dieses Jahr noch die Playoffs.“

Kip war immer noch unerklärlicherweise sauer. Doch er schüttelte das Gefühl ab und reichte dem Typ seinen Smoothie, damit er endlich verschwand.

Als sie schließlich wieder allein waren, hakte Maria noch einmal nach. „War das also wirklich Scott Hunter?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht. Ich mein … jetzt, wo der Typ es gesagt hat … wahrscheinlich schon. Ich war so abgelenkt davon, wie heiß er war. Aber ja, doch, er sah schon sehr wie Scott Hunter aus. Und … ähm … er hat mir echt ein großzügiges Trinkgeld gegeben.“

„Wie großzügig? Du weißt schon, dass wir es teilen müssen, oder?“

„Ja, ja, ich weiß. Dreizehn Dollar ungefähr.“

Was?“

„Naja, wenn das wirklich Scott Hunter war, ist das für ihn ja nur eine Kleinigkeit. Ihm ist Geld wahrscheinlich total egal.“

„Das muss auch schön sein.“

„Bestimmt.“

„Alsoooo“, sagte Maria und rückte Kip auf die Pelle. „Wie heiß war er?“

„Oh. Mein. Gott.“ Kip grinste. „So heiß wie ein Vulkan. Absolut überirdisch.“

„Was hatte er an?“

„Sportklamotten. Ich glaube, er war gerade joggen. Wirklich enge Sportklamotten.“

„Holy Shit!“

„Genau.“

„Ich kann nicht glauben, dass ich ihn verpasst habe. Wenn er noch mal kommt, musst du mir unbedingt Bescheid sagen. Selbst wenn ich auf dem Klo bin. Hol mich einfach!“

„Klar. Das wäre ja auch gar nicht seltsam.“

Maria begann damit, das Obst und Gemüse, das sie gerade geschnitten hatte, im Kühlschrank zu verstauen, wobei Kip ihr half. Und für ein paar Minuten arbeiteten sie stillschweigend vor sich hin.

„Hey“, sagte Kip plötzlich in die Stille hinein. „Er hat meinen Namen gesagt.“

„Wer? Hunter? Er hat wirklich ‚Kip‘ gesagt?“

„Ja“, antwortete Kip verträumt.

„Ach Gottchen. Ich wette, wenn er es sagt, klingt es auch gar nicht mehr so doof.“

Kip warf eine Erdbeere nach ihr.

***

Als er am nächsten Morgen im Zug saß, las Kip die Schlagzeile: Das war Hunters Nacht! Er beugte sich ein bisschen vor, um die erste Seite der Zeitung zu lesen, die der Passagier ihm gegenüber in der Hand hielt. Anscheinend hatte Hunter gestern Abend einen Hattrick erzielt und zwei Assists gutgeschrieben bekommen. Das Spiel gegen Washington endete schließlich mit einem 7:1 Kantersieg. Kip lächelte. Irgendwie war er stolz auf ihn.

Ja, na klar, wie toll, dass so ein millionenschwerer Superstar einen erfolgreichen Abend hatte. Sheesh.

Die Admirals spielten heute Abend in New Jersey, verriet ihm die Zeitung. Während Kip die zwei Blocks von der Haltestelle zum Straw+Berry zurücklegte, dachte er darüber nach, wann er das letzte Mal bei einem Spiel der Admirals gewesen war. Das musste schon mindestens acht Jahre her sein. Nein, sogar noch länger. Denn er hatte Hunter noch nie live spielen sehen.

Gott, werde ich jetzt die ganze Zeit nur noch an Scott Hunter denken müssen?

Er gähnte und zog den Schlüssel aus der Tasche, um die Ladentür aufzuschließen. Er musste wirklich einen Job finden, der später am Tag begann. Schon vor fünf aufzustehen, um vor sechs auf Arbeit zu sein, war doch bescheuert. Vor allem, weil er dafür nur Mindestlohn bekam.

Der Morgen verlief wie an den meisten Werktagen: Von sieben bis neun gab es einen wahren Ansturm, dann wurde es ein bisschen ruhiger, bis schließlich die Kundinnen, die Maria die Yoga-Mamas nannte, hereintröpfelten.

„Dein Boyfriend hatte gestern wohl einen richtig guten Abend“, sagte Maria und füllte eine Schüssel mit Orangen.

„Was zum Teufel redest du denn da?“

„Na, Scott Hunter. Er hat doch ungefähr eine Million Tore gemacht, oder so.“

Drei Tore“, verbesserte sie Kip, „und zwei Assists.“

„Oh, entschuldige. Ich wusste ja nicht, dass du so ein Hardcore-Fan bist.“

„Bin ich doch gar nicht! Aber ich hab auf dem Weg hierher die Zeitung gelesen. Das sind wohl irgendwie ziemlich große Neuigkeiten.“

„Oh, mein Gott! Du bist total in ihn verknallt! Du bist gestern Abend nach Hause und hast erstmal Fotos von Scott Hunter gegoogelt, oder?“

„Gar nicht wahr!“ Doch.

„Ah, egal. Du bist so ein Fanboy! Wie süß!“

„Ich hasse dich.“

„Tust du nicht.“

Maria stapelte weiter ihre Orangen und Kip fegte den Boden hinter der Theke, obwohl der nicht mal wirklich dreckig war. Aber er hasste es, einfach nur sinnlos in der Gegend herumzustehen.

Kurz nach zehn öffnete sich die Tür und Kip fand sich plötzlich wieder Scott Hunter in verschwitzten Sportklamotten gegenüber.

Und dieses Mal war auch Maria da. „Heilige Scheiße!“

Kip stieß sie so unauffällig wie möglich mit dem Ellenbogen an.

„Guten Morgen, Kip“, sagte der Mann, der definitiv Scott Hunter war.

„Guten Morgen, ähm …“ Oh Gott. „Du bist Scott Hunter, oder?“

Er schaute ihn amüsiert an. „Das bin ich.“

„Wahnsinn“, hauchte Maria.

„Es … also … äh“, stotterte Kip und riss sich dann zusammen. „Super Spiel gestern.“

„Danke! Ich dachte mir, dass ich mir wieder so einen Blaubeer-Smoothie hole. Wenn es bei einem meiner Spiele gut läuft, versuche ich immer, genau das zu wiederholen, was ich an dem Tag gemacht habe.“

„Alles klar“, antwortete Kip. Scotts Augen waren blau. So unglaublich blau.

„Also … einen Blaubeer-Smoothie, bitte.“

„Natürlich!“ Kip löste sich aus seiner Starre und machte sich an die Arbeit.

Scott Hunter trug wieder diese absurd enge Jacke und die Hose von Under Armour. Sein Haar war feucht und zerzaust, sein Gesicht wohl von der Anstrengung leicht gerötet. Kip Grady dagegen trug wieder einmal seine verfickte Schürze und das Basecap mit der dämlichen Erdbeere darauf. Aber immerhin hatte er dieses Mal keinen Kater.

Er reichte dem Spitzensportler seinen Smoothie und versuchte, nicht auf seine Lippen zu schauen, die sich gerade um den Strohhalm schlossen. Und das war ziemlich schwierig, denn Scott blickte ihm dabei direkt ins Gesicht und sog dann an dem Halm. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als er bemerkte, wie Kip ihn anstarrte.

„Danke, Kip“, sagte er. „Hoffentlich sehen wir uns am nächsten Spieltag wieder.“

Er hob den Becher wie zu einem Abschiedsgruß und verließ dann den Laden.

Als sich Kip zu Maria umdrehte, stand ihr Mund weit offen.

„‚Hoffentlich sehen wir uns am nächsten Spieltag wieder‘?“, wiederholte sie. „Willst du mich verarschen?!“

„Hm?“

„Der steht total auf dich, Grady!“

Kip wurde so rot wie die Erdbeere auf seinem Basecap. „Ach, komm schon. So hat er das doch gar nicht gemeint.“

„Natürlich nicht.“

„Wirklich! Er ist einfach nur abergläubisch. Er wollte nur sagen, dass er darauf hofft, dass es funktioniert und er heute Abend wieder so großartig spielt. Und dass er dann am nächsten Spieltag wieder herkommen würde. Das ist auch schon alles!“

„Ja, offensichtlich hat er genau das gesagt, aber man muss zwischen den Zeilen lesen!“

„Er ist doch nicht mal … Oh mein Gott! Ich kann nicht glauben, dass ich darüber überhaupt rede. Scott Hunter steht nicht auf Kerle. Und er steht mit absoluter Sicherheit nicht auf Typen, die in einem Smoothie-Laden arbeiten.“

„Wenn du meinst.“

„Ich geh jetzt nach hinten und schneide Ananas“, brummte Kip.

„Schau lieber auch gleich mal, ob wir noch genug Blaubeeren haben“, trällerte Maria ihm hinterher.

***

Kip stand im Wohnzimmer seiner besten Freundin und bewunderte die Aussicht auf den Hudson River. Sie lebte in Tribeca und er konnte sich noch nicht einmal im Ansatz vorstellen, wieviel die Wohnung hier kostete.

In New York City zu wohnen, war schweineteuer, aber Kip hatte eine wirklich beeindruckende Möglichkeit gefunden, mit lediglich einem Niedriglohnjob trotzdem jeden Monat pünktlich seinen Studienkredit zurückzuzahlen: Er wohnte noch bei seinen Eltern.

Ja, er war fünfundzwanzig. Und ja, er hatte seinen Uniabschluss mit zweiundzwanzig gemacht. Aber es war halt nun mal so, dass man mit einem Geschichtsstudium auf dem Arbeitsmarkt nicht gerade der Renner war.

Kip hatte Träume. Er hatte Ziele. Er wollte in einem der großartigen Museen der Stadt arbeiten. Und irgendwann vielleicht sogar in einem Museum in Europa. Vielleicht würde er auch ein Buch schreiben. Oder zwei. Vielleicht könnte er auch eine bekannte Fernsehsendung moderieren und dafür um die Welt reisen und seinem Publikum bedeutende historische Stätten vorstellen. Oder vielleicht als Berater für historische Filme in Hollywood tätig sein …

Vielleicht würde er auch einfach weiterhin Obst und Gemüse in trinkbare Matsche verwandeln, die geschäftige Leute dann auf ihrem Weg zu ihren wirklich wichtigen Jobs schlürften.

Elena, die Besitzerin des Apartments, in dem er gerade stand, hatte so einen Job und dazu noch ein Leben, das ihm im Vergleich zu seinem richtig erwachsen vorkam. Sie arbeitete im Bereich der Cybersecurity bei Equinox Tech, der am schnellsten wachsenden IT-Firma im Land. Kip hatte keine Ahnung, was genau sie da machte, aber sie schien sehr gut zu verdienen und der Titel ihrer Position klang wirklich beeindruckend.

Elena war zweifellos der klügste Mensch, den Kip kannte. Sie war nicht nur brillant und witzig, sondern auch noch atemberaubend schön – eine ungewöhnliche Kombination aus der Größe und dem Körperbau ihres norwegischen Vaters und des dunklen Haares und Teints ihrer libanesischen Mutter.

Sie waren schon seit der Highschool befreundet und durch sie war ihm klar geworden, dass ihn Frauen sexuell gesehen so gar nicht interessierten. Denn wenn er sich nicht für sie interessierte, dann … naja … dann …

Egal. Elena hatte wahrscheinlich schon vor ihm gewusst, dass er schwul war. Sie wusste alles vor ihm.

„Brauchst du einen Mitbewohner?“, fragte Kip und wandte sich von den Fenstern ab.

„Nein“, antwortete sie. „Niemals.“

Sie kuschelten sich auf ihr Sofa und genossen ihr bestelltes, asiatisches Essen (Elena kochte nie). Kip kaute gerade auf einem Bissen herum, als sie scheinbar beiläufig fragte: „Also. Wer ist es?“

Die Nudeln flutschten von Kips Essstäbchen zurück in die Schachtel. „Was? Wer? Was meinst du?“

„Du schaust schon den ganzen Abend so verträumt. An wen denkst du?“

Kip wurde rot. Er stocherte mit seinen Stäbchen im Essen herum. „An niemanden.“

„Christopher!“ Wenn er sie nervte, sprach Elena ihn immer mit seinem vollen Namen an.

„Du wirst mich doch eh nur auslachen.“

„Das klingt so gar nicht nach mir.“

Darüber musste Kip lachen. „Es ist nur … Naja. Kennst du Scott Hunter?“

„Ob ich Scott Hunter kenne? Nicht persönlich.“

„Aber du hast schon von ihm gehört, oder?“

„Klar.“

„Okay. Also … er kommt immer wieder mal im Laden vorbei.“

„Im Smoothie-Laden?“

„Ja. In den letzten zwei Tagen halt. Er sagt, dass es ihm Glück bringt. Weil er so gut gespielt hat, nachdem er sich gestern früh einen Smoothie geholt hat. Deswegen ist er heute wieder gekommen und hat sich noch mal einen machen lassen, weil sie heute Abend ein Spiel haben.“

„Okay.“

„Er ist einfach … Er ist einfach heiß. Das ist schon alles.“

Elenas Lippen zuckten, aber es gelang ihr, sich ein Lachen zu verkneifen. „Das ist ja aufregend.“

„Schon.“

Sie aßen weiter und schwiegen. Und Kip, der offenbar einfach nicht cool bleiben konnte, hielt es immerhin eine volle Minute aus, bevor es aus ihm herausplatzte. „Er kennt meinen Namen!“

Elena zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Er hat ‚Guten Morgen, Kip‘ gesagt, als er heute in den Laden kam.“ Kip versuchte es ja, aber es gelang ihm einfach nicht, nicht dämlich zu grinsen.

„Das war bestimmt aufregend.“

„Ja, doch. Und … äh … er hat gesagt, dass er hofft, mich wiederzusehen. Wenn der Smoothie noch mal Glück gebracht hat, oder so.“

„Der magische Eishockey-Smoothie?“

„Mach dich nicht über mich lustig!“

„Mach ich doch gar nicht. Und ich sag dir mal was: Dieses Spiel schauen wir uns heute Abend an!“

***

Während sie das Spiel schauten, war Kip peinlicherweise ziemlich nervös. Bei jedem Schlag, den Scott einsteckte, zuckte Kip zusammen. Und bei jedem von Scotts Torschüssen hielt Kip den Atem an. Er wollte unbedingt, dass dieses Spiel gut für Hunter lief und er wusste, dass er sich selbst nichts mehr vorzumachen brauchte, was die Gründe dafür anging.

Am Ende des ersten Drittels stand es 1:1. Auf seinem Weg zu den Kabinen gab Scott ein kurzes Interview. Als er den Helm abnahm, stand sein feuchtes Haar wirr ab und Kips Herz schlug schneller. Scott war schweißgebadet; noch mehr als nach seiner Laufrunde. Kip konnte sehen, wie der Schweiß an seinem Hals glänzte und dann in den roten Kragen seines Trikots rann.

Scott sagte irgendetwas über ihre starke Verteidigung und Teamarbeit. Sein herrlicher Mund schwebte über dem Mikrofon, seine blauen Augen blickten weder in die Kamera noch zu dem Mann, der ihn interviewte. Es schien, als wäre er kaum noch anwesend, sondern schon da, wo er in diesem Moment viel lieber wäre.

„Er ist auf alle Fälle attraktiv“, meinte Elena.

„Ja …“, hauchte Kip.

Das Spiel blieb auch im zweiten Drittel spannend. Erst im letzten Drittel, nachdem Scott selbst zwei Tore gemacht und ein weiteres vorbereitet hatte, ließen die Admirals die Fans im Stadion von Newark verstummen. Kip war ganz aufgeregt.

„Mein Gott, er ist einfach unglaublich! Diese letzte Tor … der Puck hatte bestimmt 160 km/h drauf … aber es sah trotzdem so aus wie in Zeitlupe.“

„Er hat talentierte Hände“, stimmte ihm Elena zu und grinste.

Sie nahm ihr Handy und tippte irgendetwas ein. „Das nächste Heimspiel ist Samstagabend gegen Tampa Bay“, sagte sie dann. „Musst du am Samstag arbeiten?“

Kip stöhnte. „Fuck! Ich muss da … ich muss meine Schicht tauschen. Wer arbeitet am Samstag?“

Er griff nach seinem Handy und schrieb Maria eine Nachricht.

Kip: Arbeitest du am Samstag?

Die Antwort kam keine Minute später.

Maria: Ja?

Kip: Kann ich mit dir tauschen?

Maria: Warum?

Kip: Ich bin für Freitag eingeteilt. Können wir bitte tauschen?

Maria: Etwa wegen Scott Hunter?!

Kip kam sich blöd vor, aber antwortete dennoch:

Kip: Vielleicht.

Maria: Himmel, Kip!

Kip: BITTEEE?!

Maria: Na gut.

Es folgte ein kurze Pause, dann schrieb sie noch:

Maria: Du arbeitest dann mit Jeff.

Argh. Jeff war einfach furchtbar. Er war faul und die meiste Zeit high. Kip begriff nicht, warum er überhaupt noch im Smoothie-Laden arbeitete.

Aber das wäre es trotzdem wert. Denn das Spiel endete 6:2 für die Admirals. Und das bedeutete, dass Scott ganz sicher am Samstag in den Laden kommen würde.

Also, vielleicht ganz sicher.

Fast sicher ganz sicher.