Leseprobe Fuel the Flames | Eine grumpy x sunshine sapphic Romance voller großer Gefühle

Kapitel 1

Hannah

«Hast du etwas dagegen, wenn ich schon Feierabend mache?» Evan, mein Kollege schaut mich fragend an.

Ich sehe mich um, es sind nur noch zwei Kunden in der Bibliothek. «Wenn du vorher die zurückgegebenen Bücher auf den Wagen stapelst, damit ich sie gleich einsortieren kann, kannst du meinetwegen gehen.»

«Klar.» Er macht sich an die Arbeit, während ich fortfahre, den Einband eines Buches zu reparieren, welches heute zurückgegeben wurde. Ich musste von der Leserin eine Strafe kassieren, weil das Buch in einem schlechten Zustand ist. Aber zum Glück bekomme ich das wieder hin. Seit ich die High School abgeschlossen habe, arbeite ich in der Bibliothek von Auburn, Alabama, und dies ist nicht das erste Buch, welches ich retten muss. Dass es mir trotzdem immer und immer wieder das Herz zerreißt, würde ich nie laut aussprechen. In meinen Augen haben Bücher eine Seele und man sollte vernünftig mit ihnen umgehen. So wie mit Menschen. Aber bei Menschen interessiert es ja schon kaum jemanden, warum sollten die Leute dann bei Büchern die Grenze ziehen?

Kurz darauf verabschiedet Evan sich und ich bin mit der letzten Kundin allein. Ein Blick auf die Uhr des Computers verrät mir, dass es nur noch eine Viertelstunde bis zur Schließzeit ist. Während ich die Bücher der Kundin auschecke, öffnet sich krachend die Tür. Wir fahren beide erschrocken zusammen.

Doch in der Tür steht nur ein junges Mädchen etwa vierzehn Jahre alt.

«Entschuldigung. Bin ich zu spät, oder haben Sie noch geöffnet?» Ihr Atem ist abgehakt, als wäre sie gerannt, und ihre zerzausten Haare bestätigen diese Vermutung.

«Wir haben geöffnet», beantworte ich die Frage und sehe Erleichterung in ihrem Blick.

Sie kommt zu mir an den Tisch und stellt sich hinter der Frau, die ich bediene, in die Schlange. Dabei wippt sie nervös mit den Füßen.

Ich staple die drei Bücher, die die Frau sich ausleiht, der Größe nach auf und schiebe sie über den Tisch. «Viel Spaß damit. Bis zum nächsten Mal.»

«Dankeschön. Bis bald.»

Dann wende ich mich dem Mädchen zu. «Wie kann ich helfen?»

«Ich war vorgestern mit meiner Schulklasse hier. Wir haben unsere Bibliotheksausweise bekommen und jeder, der wollte, durfte sich ein Buch mitnehmen.»

Ich erinnere mich. Die örtliche Schule kommt jährlich mit der aktuellen sechsten Klasse her, so habe ich selbst auch angefangen, die Bibliothek zu besuchen.

Jetzt zieht das Mädchen ein Buch aus ihrer Umhängetasche.

Es ist der erste Teil einer Fantasytrilogie. Ziemlich dick. Ob es ihr nicht gefallen hat und sie es deshalb zurückbringt?

«Ich habe jede freie Minute gelesen. Selbst letzte Nacht, unter der Bettdecke heimlich mit einer Taschenlampe, damit meine Eltern es nicht mitbekommen. Und jetzt brauche ich unbedingt Band zwei. Ganz dringend!»

Sie sieht dabei so ernst und fast schon verzweifelt aus, dass ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen kann. Denn ich verstehe sie gut. Ich war auch so. Nein, ehrlich gesagt bin ich heute noch so und wahrscheinlich werde ich immer so bleiben.

«Lass mich mal nachschauen.»

Ich tippe den Namen der Autorin der Reihe ins System ein und halte zeitgleich mit dem Mädchen den Atem an. Als ich das grüne Symbol neben dem zweiten Band sehe, welches mir mitteilt, dass das Buch nicht ausgeliehen ist, atme ich aus. Ein Glück.

«Ich hole es dir. Willst du Band drei auch gleich mitnehmen? Dann musst du morgen nicht wiederherkommen.» Ich zwinkere ihr zu.

«Ja, bitte!»

In der Jugend-Fantasyabteilung habe ich die beiden Bücher schnell gefunden. Zwischen Geschichten mit Drachenreitern, Zauberern und Vampiren stehen die Folgebände über die junge Monsterjägerin. Ich nehme die Bücher mit nach vorne, scanne die Barcodes, sodass der Status im System auf Rot umspringt, und reiche sie dem glücklichen Mädchen.

«Viel Spaß.»

«Danke! Sie haben mir den Tag gerettet.»

Das glaube ich ihr sogar.

Ich begleite sie zur Tür, um hinter ihr abzuschließen, damit keine neuen Kunden hereinkommen, denn wir haben jetzt offiziell geschlossen.

In der Stille, die zurückbleibt, beginne ich die Bücher, die heute zurückgebracht wurden, wieder einzusortieren, die meditativste Aufgabe des Tages.

Vor meinem Wohnhaus werde ich schon von meiner besten Freundin Jade erwartet. Wir hatten uns zum Quatschen verabredet.

«Hi! Wartest du schon lange? Ich war noch schnell ein paar Snacks kaufen.»

«Nein, bin gerade erst angekommen.» Jade grinst. «Außerdem sind Snacks die weltbeste Entschuldigung fürs Zuspätkommen, das weiß doch jeder.»

Ich schließe die Haustür auf und biege direkt nach links zu meiner Erdgeschosswohnung ab. Ich wohne erst seit knapp drei Monaten hier, nachdem ich aus meiner alten Wohnung in einer Nacht- und Nebelaktion wegen Schimmel an den Wänden ausgezogen bin. Trotzdem fühle ich mich in dieser Wohnung wohler als in all meinen bisherigen Wohnungen zusammen. Ich habe es mir gemütlich gemacht, alles ist grün, voller Pflanzen, und man sieht kaum noch was vom Holzboden, weil ich überall Teppiche ausgelegt habe. Neben dem innen liegenden Badezimmer und der kleinen Küche gibt es nur ein Wohnzimmer und das Schlafzimmer. Für mich allein völlig ausreichend. In jeder Ecke und auf jeder Fläche liegen Bücher, weil meine beiden Regale mittlerweile aus allen Nähten platzen.

«Setz dich.» Ich deute auf die Couch und Jade lässt sich auf den grünen Cordstoff sinken.

«Was hast du mitgebracht?», fragt meine beste Freundin mit einem Blick auf den Stoffbeutel mit den Einkäufen, den ich auf dem Wohnzimmertisch abgestellt habe.

«Schokokekse, Weingummi und Salt and Vinegar-Chips.»

Jade rümpft die Nase. «Ich kenne echt niemanden außer dir, der diese Chips isst. Du komischer Mensch.»

Ich werfe ihr einen Luftkuss zu. «Ich hab dich auch lieb.»

«Was heißt hier auch

«Ey!»

Jade duckt sich, um dem Kissen auszuweichen, welches ich nach ihr werfe.

«Mein Glück, dass du die besten Chips der Welt hasst. So bleibt mehr für mich.» Ich reiße die Tüte auf und schiebe mir genüsslich den ersten Chip in den Mund.

Jade bedient sich lieber an den Weingummis.

«Erzähl mal. Was hab ich verpasst? Steht in nächster Zeit was an bei dir?», fragt sie, ehe sie den Kopf zurücklegt und ein Weingummi in die Luft wirft, um es mit dem Mund aufzufangen. Dann geht ihr Blick zu mir und sie mustert mich abwartend.

Ich zucke mit den Schultern. «Wie immer. Arbeiten. Und sonst bin ich hier. Wahrscheinlich werde ich bloß lesen, Yoga machen und die Pflanzen versorgen. Oder endlich mal wieder an meinem gigantischen Diamond Painting von Sydney arbeiten.»

Jade seufzt.

«Was denn?»

«Du brauchst eine Freundin. Oder wenigstens mal wieder ein Date. Das Letzte ist ewig her, oder? War das nicht die, die über dich eigentlich an mich ran wollte?»

Ich verziehe das Gesicht bei der Erinnerung. «Jap. Die war seltsam. Selbst für meine Verhältnisse.»

Jade schnaubt. «Was auch immer das heißen soll. Wie wärs, wenn du es noch mal mit einer Dating-App versuchst?»

Ich wiege den Kopf hin und her. «Ich weiß nicht, Jade. Damit hab ich nicht die besten Erfahrungen gemacht, wie du weißt. Außerdem, ich und Beziehungen …» Ich lasse das Ende des Satzes in der Luft hängen. Eigentlich weiß Jade, dass ich nicht auf der Suche bin. Schon lange nicht mehr.

«Aber das ist doch Jahre her. Mittlerweile sind da bestimmt viele neue Leute unterwegs, und selbst wenn nicht die eine dabei ist, lernst du vielleicht neue Leute kennen und hast Spaß. Und wer weiß? Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt.»

Sie merkt, dass ich immer noch zögere.

«Gib mir mal dein Handy.»

Ich reiche es ihr. Sie kennt meinen Code. Wir kennen uns seit der Schule und haben keine Geheimnisse voreinander. Dafür haben wir schon zu viel gemeinsam durchgestanden. Ich war an ihren dunkelsten Tagen da und sie an meinen. Deshalb lasse ich sie machen. Wenn ich an der App keinen Gefallen finde, kann ich sie immer noch wieder löschen.

Sie tippt einige Mal auf dem Display herum und gibt mir dann das Handy zurück. «Melde dich an und wir richten dein Profil ein.»

Seufzend ergebe ich mich meinem Schicksal.

Eine halbe Stunde später ist mein Profil vollständig ausgefüllt und mit den besten Fotos bestückt, die Jade und ich finden konnten.

«Wenn das nicht funktioniert, weiß ich auch nicht. Nein, wir denken positiv. Das wird funktionieren.»

Jade ist begeistert, im Gegensatz zu mir. Aber na ja, was nicht ist, kann ja noch werden.

«Okay, was gibt es sonst noch für Themen, abgesehen von meinem nicht vorhandenen Liebesleben? Was gibt es bei dir Neues?», versuche ich das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Zum Glück lässt sie sich darauf ein.

Fast zwei Stunden und drei leere Snacktüten später wirft Jade einen Blick auf die Uhrzeitanzeige ihres Handys. «Mist, ich muss los. Aber wir schreiben, ja? Halt mich unbedingt auf dem Laufenden, was die App angeht!»

«Mache ich.» Jade und ich umarmen uns zum Abschied, dann bin ich allein in meinem Safe Place und mache mich bettfertig. Bevor ich das Licht lösche, wische ich ein bisschen durch die App. Begeistert bin ich nicht, aber vielleicht hat meine beste Freundin recht mit dem, was sie sagt und das hier wird funktionieren.

Kapitel 2

Zoe

«Noch zwei Minuten», sage ich vom Fahrersitz des Löschfahrzeugs aus zu Amy, die neben mir sitzt. Meine Kollegin und beste Freundin nickt und bereitet sich darauf vor, auszusteigen. Wir wurden zu einem Hausbrand gerufen. Was genau uns erwartet, wissen wir nicht. Das Adrenalin hält mich wach. Als wir an der Adresse ankommen, stutze ich. Es sieht nicht aus, als würden wir hier gebraucht werden. Ich schaue zu Amy und sie erwidert meinen Blick. Vielleicht hat jemand das Feuer gemeldet, damit wir kommen, um eine brenzlige Situation zu entschärfen, wäre nicht das erste Mal.

Bevor wir uns überhaupt am Haus bemerkbar machen können, geht schon die Tür auf. Eine kleine alte Frau mit silbernen Haaren steht in der Tür und winkt uns aufgeregt zu. «Hier. Kommen Sie und helfen Sie.»

«Bitte warten Sie hier draußen, damit wir uns ein Bild von der Situation machen können», sage ich zu ihr.

Daraufhin fängt sie an zu weinen. Mein Blick geht wieder zu Amy. Ein Nicken, dann betreten wir das Haus. Rauch wabert durch die Luft, aber es ist nicht allzu viel. Ich bewege mich durch den langen Flur in die Richtung, aus der der Rauch kommt, und merke dann, wie die Anspannung von mir abfällt. Der Brandherd ist ein Topf, der auf dem Kochfeld steht. Ich gebe Amy ein Zeichen, das sie nach draußen gehen soll, um nach der alten Dame zu sehen und das zweite Fahrzeug wegzuschicken, und ersticke das Feuer mit Hilfe des Topfdeckels, der neben dem Herd liegt. Während ich mich vergewissere, dass das Feuer komplett erloschen ist, kommt Amy zu mir zurück. Sie sieht gleichermaßen besorgt und amüsiert aus.

«Was ist los?»

«Mrs Parker sagt, das Feuer habe ihre Katze … gefressen.»

Ich blinzle. «Bitte … was?»

Amy zuckt mit den Schultern.

«Sollten wir einen Rettungswagen anfordern?», fragt sie mich.

«Lass uns erst mal hören, was sie dazu sagt.»

Gemeinsam gehen wir nach draußen, wo Mrs Parker im Vorgarten auf uns wartet.

«Hi, Mrs Parker. Mein Name ist Zoe Walker. Sie suchen Ihre Katze?»

Die alte Frau nickt mit Tränen in den Augen. «Ich habe Snowball nur für zwei Minuten aus den Augen gelassen, um Sie anzurufen, und als ich wieder kam, war er weg. Er war schon immer neugierig und das Feuer … nun ja.»

«Wir kommen gleich wieder.»

Ich bedeute Amy mir wieder ins Haus zu folgen. «Ich glaube nicht, dass ein Rettungswagen notwendig ist. Sie ist nur ein bisschen durcheinander. Lass uns mal die Katze suchen.»

«Snowball, wo bist du?», rufe ich und komme mir dabei nur ein kleines bisschen lächerlich vor. Es ist ja nicht so, als könnte er antworten und meine Stimme kennt er auch nicht. Amy und ich teilen uns auf und suchen das ganze Haus nach dem Tier ab.

Nach etwa einer Viertelstunde finde ich den weißen Kater, zusammengerollt unter dem Sofa, wo er friedlich schläft und sich gar nicht von der Aufregung um sein Verschwinden oder dem Feuer beeindrucken zu lassen scheint.

«Dem Tier geht es gut», rufe ich Amy zu.

Als ich Mrs Parker Entwarnung gebe, fällt sie mir um den Hals. «Das Feuer hat ihn also nicht gefressen?»

«Nein, Snowball geht es gut, Mrs Parker.» Unbeholfen tätschle ich ihr die Schulter.

«Vielen Dank!» Ihre Augen strahlen, als sie mich anschaut. Endlich hat sie aufgehört zu weinen.

«Gern geschehen. Dafür sind wir da.»

Amy und ich verabschieden uns, steigen ein und fahren zurück auf die Wache.

Scott begrüßt uns in der Küche. «Hey ihr beiden. Was war los? Ryan sagt, es wurde nur ein Fahrzeug benötigt.»

«Ich nicke. Es war lediglich ein Topf, der Feuer gefangen hat. Nichts Dramatisches. Ich glaube, die Bewohnerin des Hauses hatte mehr Angst als alles andere. Aber wenn man nie mit Feuer konfrontiert wird, ist das ja absolut verständlich.»

Scott nickt. «Definitiv.» Er schaut zum Herd. «Wir haben euch Essen aufgehoben, soll ich es warm machen?»

Amy nickt, aber ich lehne ab. «Danke, aber ich will erst eine Runde in den Kraftraum.»

Im Kraftraum mache ich eine kurze, aber knallharte Session an den Battleropes. Was harmlos aussieht, ist ein Ganzkörpertraining und das Gehirn bekommt auch gleich was ab. Erst als mir der Schweiß in die Augen läuft, höre ich auf und lasse die schwarzen Seile sinken.

Nach einer Dusche fühle ich mich schon besser. Jetzt kann ich das Essen kaum erwarten und hoffe sogar, dass es ein bisschen friedlich bleibt, damit ich nicht sofort wieder los muss. So viel Glück hat man nicht immer.

Aus meinem Spind nehme ich eins meiner Bücher und lasse mich dann in der Küche nieder. Amy sitzt vor einem Teller voller Reispfanne und mustert mich. Oder besser gesagt, das HazMat-Buch, welches ich auf den Tisch lege.

«Dein Lehrbuch über Gefahrstoffe? Wirklich? Wie wäre es mit einer Pause?», fragt sie mit leicht spöttischem Unterton.

«Ach was. Mir gehts gut. Das Training hat meinen Kopf klar gemacht. Perfekte Zeit zum Lernen.»

Meine beste Freundin runzelt die Stirn. «Zoe …»

«Mir geht es gut, Amy. Wenn ich gegessen und gelernt habe und es ruhig ist, schlafe ich heute Nacht ein bisschen. Aber du weißt, wie wichtig mir das hier ist.»

«Versprochen?» Sie glaubt mir nicht, das sehe ich.

«Hoch und heilig.»

«Na schön.»

Damit ist die Unterhaltung beendet und ich schlage das Buch auf.

Kapitel 3

Hannah

Mein Handy klingelt, während ich dabei bin, meinen Haustürschlüssel zu suchen. Ich nehme das Gespräch an, klemme mir das Telefon zwischen Ohr und Schulter und wühle weiter in meiner Handtasche, die eigentlich viel zu klein ist, um ständig meine Sachen verschwinden zu lassen.

«Hallo?» Ich habe gar nicht geschaut, wer mich anruft, bevor ich auf den grünen Hörer getippt habe.

«Hey.» Ich erkenne die Stimme meiner besten Freundin Jade.

«Hey, du. Was gibts?»

«Ich dachte, ich frag dich mal, ob du Lust hast, morgen Abend zum Essen zu uns zu kommen.»

Jade ist vor ein paar Monaten zu ihrer Freundin Amy in deren Haus gezogen. Die beiden sind so süß zusammen, dass man davon manchmal Zahnschmerzen bekommt, aber ich mag Amy und gönne Jade ihr Glück mehr als sonst jemandem. Außerdem sind die Essen bei den beiden immer lustig und gemütlich – einfach schön.

«Gerne. So um sieben?»

«Sieben passt. Ich backe was zum Nachtisch.»

Dieser Satz ist Musik in meinen Ohren. Jade liebt es zu backen und ich liebe es davon zu profitieren.

«Gut, dann bis Morgen.»

«Bis Morgen. Ich freue mich.» Ich höre das Lächeln in ihrer Stimme und weiß, dass sie es ernst meint.

«Ich mich auch», antworte ich und lege auf.

In der Wohnung ist die erste Amtshandlung wie immer, mich umzuziehen. In Leggins und Hoodie lässt es sich doch viel besser entspannen als in Marlenehose und Bluse.

Mit einem frischen Pfefferminztee mache ich es mir auf dem Sofa bequem und scrolle zum Runterkommen ein bisschen durch die sozialen Netzwerke.

Der Ton einer eingehenden Benachrichtigung sorgt dafür, dass ich automatisch mit den Augen rolle. Ich kenne das Geräusch mittlerweile besser, als mir lieb ist. Seit vier Tagen begleitet es mich jetzt täglich und ich hasse es.

Seufzend öffne ich die Dating-App, um zu schauen, was den Ton ausgelöst hat. Es ist seltsam. Eigentlich will ich es nicht wissen und trotzdem schaue ich nach. Warum? Neugier? Die Suche nach Bestätigung? Ich habe keine Ahnung. Der Gedanke, die App wieder zu löschen, kommt mir dennoch regelmäßig in den Sinn und wahrscheinlich werde ich das in den nächsten Tagen tun.

Es ist nicht, als würde ich keine Nachrichten oder Likes bekommen, vielmehr merke ich, dass mich keine der Fratzen interessiert. Oder Frauen. Bei manchen ist das irgendwie dasselbe. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich kann mir nicht vorstellen, meine Zukünftige in einer App kennenzulernen. Beste Voraussetzung, um eines der tausend Portale da draußen auszuprobieren. Allerdings ist da diese leise Stimme in meinem Kopf, die sagt «Was, wenn doch?» und die ist der Grund, warum ich die App bisher nicht gelöscht habe. Vielleicht möchte mein Unterbewusstsein mir mitteilen, dass ich doch so langsam bereit für eine Beziehung bin.

Doch die aktuelle Benachrichtigung reizt mich nicht. Wieder nur ein langweiliges «Hey.» Was ist das? Ich hasse Small Talk mit jeder Faser meines Herzens. Aber wenn man mich kennenlernen will, könnte man sich schon ein bisschen Mühe geben, finde ich. Keine Ahnung, beschreib mir halt unser perfektes erstes Date oder was auch immer. Hauptsache mehr als ein stumpfes «Hey». Ich schließe die App und atme tief durch. Ich spüre, wie mich das alles mehr aufwühlt, als es sollte. Deshalb stehe ich auf, hole meine Yogamatte hervor, die immer zwischen Sofa und Wand steht und rolle sie auf dem Wohnzimmerboden aus. Nach einer halben Stunde auf der Matte wird es mir und meinem Geist besser gehen, so ist es immer. Genau das brauche ich jetzt.

Jade und Amy sind heute merkwürdig drauf. Während Amy den Tisch deckt, und Jade das Essen zu Ende zubereitet haben sie mich ins Wohnzimmer verbannt, wo ich mit ihren beiden Katzen Ginger und Hazel spiele. Ich komme nie mit leeren Händen für die beiden Fellkinder und bei dem Verschleiß an kleinen Schaumstoffbällchen ist das auch gut so. Vor allem die Grünen haben es den beiden angetan. Gerade rennt Hazel in einem Affenzahn hinter dem Wurfgeschoss her und bringt mich damit zum Lachen.

Schon wieder höre ich Amy und Jade flüstern. Als würden sie was aushecken. Ich kenne Jade lange genug, um zu wissen, wann etwas nicht stimmt. Nur dass ich diesmal nicht dahinterkomme, was genau los ist. Aber der Abend ist noch lang, ich werde es schon herausfinden.

Ich werfe den Katzenball ein weiteres Mal, bevor ich vom Sofa aufstehe und in die Küche gehe.

«Was tuschelt ihr zwei?», frage ich, als ich im Türrahmen stehen bleibe. Sie haben mich nicht kommen hören und zucken beide zusammen. Okay, irgendwas ist hier definitiv im Busch.

«Gar nichts», antwortet Jade. «Setz dich schon mal, das Essen ist gleich fertig.»

Ich setze mich an den schön gedeckten Tisch. Bei Jade gab es schon immer Tischdecken und schönes Geschirr, das ist einfach sie.

«Was gibt es zu essen?»

«Erinnerst du dich, an das Beef Wellington, was ich letztes Jahr zu Weihnachten gemacht habe?»

«Oh ja, das war so lecker!»

«Ich habe die vegetarische Version davon gemacht. Mit einer Pilzfüllung. Ich habe nämlich beschlossen, kein Fleisch mehr zu essen.»

«Oh wow. Find ich super. Dann lern ich dank dir viele neue tolle Gerichte kennen.»

Jade lacht und stellt die Platte mit dem Braten aus Blätterteig und der Füllung auf den Tisch. Dazu gibt es Kartoffelpüree und Brokkoli.

«Wenn der schmeckt, wie er riecht, bin ich ein Fan.»

Jade setzt sich mir gegenüber. «Ich bin auch schon gespannt!»

«Wie läuft es bei dir, Hannah?», fragt Amy mich, als sie mir die Schale mit dem Kartoffelpüree reicht und ihr Gesichtsausdruck lässt darauf schließen, dass sie auf etwas Bestimmtes anspielt.

«Ganz gut, danke», antworte ich unverfänglich.

«Jade hat erzählt, du bist seit Neustem auf Dating-Apps unterwegs.»

Ich werfe meiner besten Freundin einen vernichtenden Blick zu. Dass Paare einander aber auch immer alles erzählen müssen. Schrecklich.

«Auf einer. Und dass nur, weil deine Liebste mich dazu überredet hat.»

«Und wie läuft es?» Jades Stimme ist zuckersüß. Grund genug, für einen weiteren bösen Blick meinerseits.

«Keine Ahnung, ich kann mich einfach nicht damit anfreunden, Leute online kennenzulernen.»

Amy und Jade tauschen einen Blick.

«Ich hätte eine Alternative für dich.» Jade schaut mich direkt an.

«Die wäre?»

«Was hältst du von einem Blind Date?»

Ich blinzle. «Ein Blind Date?»

Jade nickt enthusiastisch und auch Amy hat ein breites begeistertes Grinsen im Gesicht.

«Ich weiß nicht …», zögere ich.

«Komm schon, Hannah. Es ist nicht online, und wenn es nicht funkt, gehst du einfach nach Hause und hakst die Sache ab.»

Mich mit jemand völlig fremden treffen? Was da alles passieren kann.

«Wenn du dich drauf einlässt, kannst du die App löschen und ich geh dir nie wieder damit auf die Nerven.»

Das ist es. Das sind die Worte, die ziehen.

Ich seufze. «Okay. Aber wo finde ich jemanden? Und wann und wo?»

Wieder wechseln die beiden einen Blick. «Morgen. Um 15 Uhr im Queens

«Ihr … habt schon was arrangiert? Ohne zu wissen, ob ich überhaupt ja sage?»

«Ja.»

«Und schon so bald?»

«So machst du wenigstens keinen Rückzieher.»

Sie hat ja recht. Leider. «Man könnte meinen, du kennst mich.»

Jade lacht. «Das tue ich.»

«Will ich überhaupt wissen, wie ihr auf diese Idee gekommen seid? Wie habt ihr jemanden gefunden, der dazu ja sagt? Da könnte doch Gott weiß wer auftauchen.»

Jade schüttelt den Kopf. «Vertrau mir. Sie ist definitiv nicht seltsam, ich lasse dich nicht in dein Verderben laufen. Es ist eine Person, vor der man keine Angst haben muss. Mehr sag ich dazu aber nicht, ich will nicht zu viel verraten.»

«Okay und wie erkenne ich mein Date? Bitte sagt mir nicht, ich muss da mit einer Rose oder so auftauchen.»

Jade schüttelt den Kopf. «Quatsch. So kitschig sind wir nicht. Ich habe einen Tisch reserviert. Auf meinen Namen. Ihr lasst euch einfach beide hinführen und trefft euch da.»

«Klingt … sinnvoll. Also gut, ich mache es.»

Dann kann ich das Thema danach wenigstens abhaken, aber den Gedanken spreche ich nicht aus.

Den ganzen nächsten Vormittag versuche ich nicht zu viel über das Blind Date nachzudenken. Bereue ich es, zugesagt zu haben? Nicht direkt. Alles ist besser, als diese App und wer weiß, vielleicht wird es ja ein toller Nachmittag. Wen auch immer Jade und Amy für mich ins Queens bestellt haben. Und wie Jade gesagt hat, wenn es mir nicht gefällt, gehe ich wieder. Niemand zwingt mich, stundenlang dortzubleiben. Ich habe mir selbst versprochen, mich nicht reinzusteigern. Kein großes Ding aus der Sache zu machen. Trotzdem stehe ich jetzt vor meinem Kleiderschrank und komme mir vor, als hängt der Rest meines Lebens von der Wahl ab, ob ich lieber das rote oder das weiße T-Shirt anziehen soll.

Am Ende wird es das weiße und ich schlüpfe zusätzlich in eine hellblaue Bluse, die ich offenlasse. Wenigstens muss ich mir um meine Frisur keine Gedanken machen, denn ich trage meine braunen Haare ausschließlich zu einem langen geflochtenen Zopf. Egal, was ich mache und wo ich hingehe. Ich kann mich nicht einmal an einen Tag erinnern, wo ich sie anders getragen habe.

Bevor ich das Haus verlasse, putze ich meine Brille und straffe die Schultern. Auf dem Weg zu meinem heiß geliebten Mini Cooper checke ich mein Handy. Was ist das für ein Gefühl? Hoffnung, dass das Treffen ausfällt? Nein, da ich gar nicht weiß, mit wem ich mich treffe, kann diejenige mich ja gar nicht erreichen. Stattdessen finde ich eine Nachricht von Jade, die mir viel Glück wünscht. Wahrscheinlich sitzt meine beste Freundin die nächsten zwei Stunden wie auf heißen Kohlen und wartet darauf, dass ich ihr Bericht erstatte. Der Gedanke lässt mich schmunzeln.

Ich steuere meinen Wagen durch die Straßen von Auburn und lasse dabei meine liebste Disney-Playlist laufen, wozu ich lauthals mitsinge. Das beruhigt mich immer. Nur als ich vor dem Café ankomme, bin ich immer noch, oder wieder, nervös. Hilfe, was ist das denn? Es ist nur ein Kaffee, kein verdammter Heiratsantrag.

Ich drücke den Rücken durch und öffne die Glastür.

Das Queens ist voll. Kein Wunder für die Uhrzeit an einem Samstag. Ich trete an die Theke und knete meine Hände, um das nervöse Zittern zu unterdrücken. Ich komme mir komisch vor, noch nie hat jemand von uns hier einen Tisch reserviert.

Der Kellner lächelt mich freundlich an. «Hi, kann ich helfen?»

«Ja, es gibt eine Reservierung auf den Namen Brooks.»

«Einen Augenblick.»

Er schaut nach und mustert mich dann. «Leider kann ich keine Reservierung mit diesem Namen finden.»

Als mir mein Fehler auffällt, kann ich mich nur mit Mühe davon abhalten, mir die Hand vor die Stirn zu schlagen. Ich bin so blöd.

«Entschuldigung. Der Tisch ist auf den Namen Walsh reserviert.»

Er lächelt leicht und schaut erneut nach. «Das sieht schon besser aus. Ihre Begleitung ist schon da. Folgen Sie mir, ich bringe Sie zum Tisch.»

Sie ist schon da? Jemand, der überpünktlich ist, na das passt ja zu mir … nicht. Ich folge ihm und sehe mich um. Mit jedem Schritt steigt meine Aufregung und ich wische meine klammen Hände unauffällig an meiner Hose ab.

Der Kellner bleibt stehen. «Der Tisch dort drüben. Es kommt in ein paar Minuten jemand und nimmt Ihre Bestellung auf.»

«Danke.»

Das Gesicht meines Dates wird von der Speisekarte verdeckt. Das Einzige, was ich erkenne, sind die kurzen, aber gepflegten Fingernägel. Weil ich nicht so recht weiß, was ich tun soll, räuspere ich mich. Weder will ich mich einfach setzen, noch kommt ein simples «Hallo» aus meiner Kehle. Anscheinend bin ich doch nervöser, als ich mir eingestehen wollte.

Nachdem ich auf mich aufmerksam gemacht habe, senkt die Frau am Tisch die Speisekarte und ich spüre, wie mir das Blut aus dem Gesicht weicht.

«Zoe?»