Das Herz des Marquess of Westcliffe
Dusean, für immer und ewig.
Kapitel 1
London, Mittsommernacht
„Der Himmel sei mir gnädig“, flüsterte Alasdair Hugh Morley, der Marquess of Westcliffe, mit heiserer Stimme.
Ein wahrhaftiges Zauberwesen.
Anders ließ es sich nicht erklären, wie magisch sie seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Die kapriziöse Schönheit stand vollkommen regungslos. Der leicht nach links geneigte Kopf lenkte den Blick des Betrachters auf den anmutig geschwungenen Hals; die Lippen umspielte ein sinnliches Lächeln. Lady Willow Rosalind Arlington, Tochter des Dukes und der Duchess of Milton, war außergewöhnlich schön, wenn auch nicht auf die Art, wie es in vornehmen Kreisen gerade Mode war. Manche, darunter seine Mutter, hätten gesagt, die junge Dame sei zu rundlich, ihr Haar zu dunkel und ihre Haut zu blass, doch in Alasdairs Augen war sie wie ein kostbarer Rubin inmitten glitzernder Diamanten.
Ihr Anblick löste in ihm unerwünschte Lustgefühle aus. Doch Lady Willow war wirklich eine Augenweide. Ihr Alabasterteint bildete einen lebhaften Kontrast zu ihrem saphirblauen Kleid mit der hohen Taille. In ihr dunkles, zu einer hohen Frisur aufgestecktes Haar waren Blumen geflochten, und ihr Körper war zwar ein wenig füllig, wies aber auch ansehnliche Kurven auf. Da er davon ausgehen konnte, dass sie auf dem heutigen Mittsommerball anwesend war, hatte er sich auf ihren Anblick gefasst gemacht. Doch selbst in seinen wildesten Fantasien hätte er sich nicht vorstellen können, welche Gefühle sie auch nach all den Jahren noch in ihm weckte – ein verwirrendes Gemisch aus Freude, kalter Wut und heißer Begierde.
Zum Teufel nochmal!
Ihren Mund umspielte ein geheimnisvolles, verführerisches Lächeln, das in ihm die Erinnerung an den Geschmack dieser vollen Lippen wachrief. Was zum Geier war bloß mit ihm los? Hatte nicht gerade sie ihm seine schmerzvollste Lektion erteilt? Worte, die er niemals vergessen würde, drängten sich in sein Bewusstsein, wo er sie keinesfalls gebrauchen konnte.
Ich werde Seine Durchlaucht, den Duke of Salop, heiraten. Mein Vater hat gestern seinen Antrag angenommen. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit, die Sie mir freundlicherweise entgegengebracht haben, aber ich kann Sie nicht heiraten.
Bitte vergessen Sie meine vormaligen Erklärungen. Ich hätte mir niemals erlauben sollen, Ihnen zu sagen, dass ich Sie liebe und heiraten will. Sie, Alasdair, sind ein dritter Sohn … Mein Vater würde es nie gestatten, dass Sie um mich werben.
Diese Worte, fast sechs Jahre zuvor geäußert, hatten noch immer die Kraft, ihn zu peinigen. Dabei hatte er gedacht, er könnte es ertragen sie wiederzusehen, als sei sie nur eine blasse Erinnerung aus seiner Vergangenheit. Hätte sie damals nur gewusst, dass seine Chancen, den Titel zu erben, größer waren als vermutet. Denn jetzt war er der Marquess of Westcliffe und letztes Mitglied seiner fluchbeladenen Ahnenreihe.
Fast vergaß er, dass es ein bestimmter Grund war, der ihn auf den jährlichen Mittsommerball des Dukes und der Duchess of Milton geführt hatte. Alasdair verabscheute nämlich Bälle und andere gesellschaftliche Ereignisse, die er langweilig und banal fand. Seine Mutter hatte seine Haltung nie verstanden. Daher war sie entsetzt gewesen, dass ihr Sohn sich sträubte, an diesem Ball teilzunehmen, der sich zu einer Siegesfeier zu Ehren des Duke of Wellington entwickelt hatte.
Zwar war Alasdair froh, dass sie nun vor Napoleons vorrückenden Truppen und seinen finsteren Machenschaften sicher waren, doch er brauchte bloß die Augen zu schließen und schon erstanden die Gräuel des Krieges erneut in seiner Vorstellung. Es hatte keinen Sieger gegeben. Der Krieg hatte Hoffnungen und Träume zerstört und das Leben tausender Männer, Frauen und Kinder ausgelöscht.
Er blickte sich im hell erleuchteten Ballsaal um, sah die extravaganten Dekorationen und das Gedränge der Gäste, die sich durch die Menge schoben, um einander zu begrüßen. Ihr leeres Geschwätz klang ihm in den Ohren und übertönte die anschwellenden Klänge des Orchesters. Paare wirbelten über die Tanzfläche, lachend und plaudernd in ihren glänzenden Roben, und gaben sich dem Frohsinn und dem Rhythmus der Musik hin. Sie waren begeistert, weil sie am wichtigsten Ereignis der Saison teilnehmen durften, weit entfernt von den Grausamkeiten des Daseins. Und plötzlich war Alasdair froh, weil sie alle das Glück hatten, in diesem geschützten Raum Zuflucht zu finden, sicher vor Angst, Schmerz, Verzweiflung, Hunger und Terror.
Doch in gewisser Weise fand er die Situation hier fast so beängstigend wie auf dem Schlachtfeld. Denn seine Anwesenheit diente einem bestimmten Zweck, ein Gedanke, der einen bitteren Geschmack in seinem Mund hinterließ. Er wollte sich eine Frau suchen, genauer gesagt eine junge Erbin. Wer sie war, spielte dabei keine Rolle. Allerdings wünschte er sich, sie würde über eine gewisse Intelligenz und ein angenehmes Äußeres verfügen. Denn auch wenn es ihm nicht um Liebe ging, so würde er schließlich während ihres gemeinsamen Lebens mit ihr reden und sie ansehen müssen, und da sollte sie schon etwas mehr mitbringen als nur ihr Geld.
„Die junge Dame, die du unhöflicherweise mit den Augen verschlingst, ist Lady Willow, die einzige Tochter Seiner Durchlaucht. Ich glaube, du kennst sie von deinen Besuchen in Hadley House vor einigen Jahren“, flüsterte ihm seine Mutter, die verwitwete Marchioness, verschwörerisch zu. „Lady Willow war seit Jahren nicht mehr in London, und ihre Familie ist sehr zugeknöpft, was den Grund dafür angeht. Man munkelt, ihre Mitgift würde fünfundzwanzigtausend Pfund betragen. Dazu kommt noch ein jährliches Einkommen von zehntausend Pfund. Lass uns unsere Gastgeberin begrüßen und sie bitten, uns noch einmal ihre Tochter vorzustellen. Bestimmt werden sie heute Abend noch einen Walzer spielen; sieh zu, dass du sie dafür als Tanzpartnerin bekommst.“
Alasdair brummte nur. Das Letzte, was er wollte, war, auch nur in Lady Willows Nähe zu kommen. Sie zu berühren, ihren Duft wahrzunehmen und zu beobachten, wie ein Ausdruck von Abneigung in ihre schönen moosgrünen Augen trat, während er sich nach einem winzigen Lächeln von ihr verzehrte.
Bei dem Gedanken daran wurde ihm ganz kalt, und die Wut, die er in sich hineingefressen hatte, wuchs. Vielleicht sollte er das Versprechen einlösen, das er sich vor Jahren selbst gegeben hatte, nämlich, die bezaubernde Schönheit zu verführen, seine quälende Begierde an ihr zu stillen und sie dann sitzenzulassen. Es war eine äußerst befriedigende Vorstellung. Ob sie schon jemandem versprochen war? Er hoffte nicht, denn so groß sein Wunsch auch war, sie durch Liebe und Schmerz zu bestrafen, ließ er sich grundsätzlich nicht mit Frauen ein, die schon vergeben waren.
Als er nicht antwortete, blickte seine Mutter ihn scharf an. „Du hast es versprochen, Alasdair“, ermahnte sie ihn vorwurfsvoll.
„Ach, sei ruhig, Mutter.“ Er legte ihre Hand auf seinen Arm, und gemeinsam schlenderten sie durch den überfüllten Ballsaal zum Kartenzimmer, wobei er Lady Willow keinen Augenblick aus den Augen ließ. „Ständig bettelst und drängelst du, und ich gehorche. Ich kann mir meine Tanzpartnerinnen auch ohne deinen Rat aussuchen.“
Als er spürte, wie ihr Griff um seinen Arm sich verstärkte, schaute er sie an und sah ihre grauen Augen, die den seinen so ähnlich waren, zornig aufblitzen. Ihre Lippen waren unwillig zusammengepresst. Doch er würde nicht nachgeben. Er war schon fügsam genug und hatte sich tagtäglich ihre Tiraden darüber angehört, was von ihm erwartet wurde. Ihm war durchaus bewusst, dass sie ihm heute Abend bei der Suche nach einer geeigneten Braut helfen wollte, denn seine Mutter verbrachte einen Großteil ihrer Zeit damit, sich zu sorgen, weil er immer noch ledig war.
„Wenn du deine Bekanntschaft mit Lady Willow nicht erneuern willst, solltest du dich Lady Madalene vorstellen, der ältesten Tochter des Earl of Gilmanton. Es heißt, ihre Mitgift sei verdoppelt worden.“
Ohne eine Antwort zu geben, begleitete Alasdair seine Mutter zum Kartenzimmer und verließ sie dann mit einer kurzen Entschuldigung. Er verstand ihre Besorgnis durchaus, doch die einzige junge Dame, die zurzeit sein Interesse erregte, war Lady Willow.
Wie unter Zwang ging sein Blick zu ihr hinüber, und als er den sehnsuchtsvollen Ausdruck auf ihrem Gesicht bemerkte, raubte es ihm fast den Atem. Er war so eindringlich, schmerzvoll und geradezu herzergreifend schön, dass Alasdair nichts lieber wollte, als ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Dabei kam er sich selbst idiotisch vor, da er normalerweise nicht zu Fantastereien oder romantischer Versponnenheit neigte. Nicht mehr, seit sie ihm das Herz gebrochen und er die Grausamkeit des Krieges kennengelernt hatte.
Er folgte ihrem Blick und zog verwundert die Stirn kraus, denn sie schaute auf die Kübelpflanzen auf der Veranda. Die konnten ja wohl kaum der Grund für ihren verlangenden Blick gewesen sein. Wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt, näherte sie sich jetzt der Stelle, von der die Musik kam. Ihre Schritte waren unsicher und zögernd, als wüsste sie nicht recht, was sie tun sollte. Unsicher nagte sie an ihrer Unterlippe, um dann plötzlich eine andere Richtung einzuschlagen.
Und zwar so plötzlich, dass sie mit einem Diener zusammenstieß, der ein Tablett mit Champagnergläsern trug.
Das Klirren war ohrenbetäubend. Lady Willow wurde kreidebleich und fasste sich mit der Hand an die Kehle. Dann blickte sie sich wie suchend um, und wenn Alasdair sich nicht irrte, wurde sie in der plötzlich einsetzenden Stille noch blasser. Hier und da war leises Gemurmel zu hören, und einige Damen reckten sogar den Hals, um zu sehen, was vorgefallen war. Bestimmt waren sie froh um jedes noch so banale Bröckchen Klatsch, das sie morgen verbreiten konnten. Warum ging Willow nicht weg? Stattdessen raffte sie mit angstvoller Miene und schwer schluckend ihren Rock zusammen. Auf einmal wirkte sie sehr verletzlich.
Irritiert nahm Alasdair die Welle von Zärtlichkeit wahr, die ihn durchströmte, und biss wütend die Zähne zusammen. Zärtliche Gefühle waren das Letzte, was er für sie empfinden wollte. Wo war auf einmal sein Zorn auf sie? Der Wunsch, ihr wehzutun, weil sie ihn so grausam missachtet hatte? Sie waren verflogen, und das erschreckte ihn. Schließlich hatte er jahrelang mit Bitterkeit an sie gedacht, nachdem sie ihm eine Abfuhr erteilt hatte. Zu dumm. Alles, was er wollte, war, Lady Willow zu verführen und sich all das zu nehmen, was sie ihm in ihrem Wankelmut verweigert hatte. Für immer sollten sein Geschmack und das Gefühl seines Körpers ihr in Leib und Seele eingeprägt bleiben, damit sie ebenso sehr litt, wie er gelitten hatte, wenn er sie dann schließlich verließ. Doch die panische Angst in ihrem Gesicht brachte das Eis tief in seinem Inneren zum Schmelzen, und plötzlich wollte er sie nur noch trösten und ihr die Furcht nehmen.
Ohne auf die gemurmelten Worte und das Kopfnicken zu achten, mit dem die anderen Männer ihn begrüßten, schlenderte Alasdair gemächlich auf sie zu.
Lass es sein, du Idiot. Hau ab … und kümmere dich nicht um sie.
Doch seine Füße setzten wie von selbst ihren Weg fort. Dabei trieb ihn nicht nur der Wunsch an, ihre Reaktion zu beobachten, wenn sie erfuhr, dass er jetzt der Marquess of Westcliffe war und sie an ihr gebrochenes Versprechen erinnern wollte. Insgeheim verlangte es ihn danach, ihr hübsches Gesicht von Nahem zu sehen; dieses Lächeln, das ihn einst um den Verstand bringen konnte. Er wollte sich in der Schönheit ihrer grünen Augen verlieren und ihre Stimme hören … sanft und ein wenig rauchig, die mit einem bloßen Lachen seinen Schwanz abrupt zum Leben erwecken konnte.
Er war verdammter Idiot.
Kapitel 2
Das Gefühl der Scham war fast unerträglich. Noch immer klangen Lady Willow das erschrockene Gemurmel und die geflüsterten Bemerkungen in den Ohren. Wie hatte sie nur so unachtsam sein können?
„Was für ein Tollpatsch!“, ließ sich eine zwitschernde Stimme vernehmen.
Dabei kannte Willow die Regeln und wusste, was von ihr erwartet wurde. Und doch hatte sie versagt. Ausgerechnet an diesem Abend, an dem sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte, hatte sie ihre Familie enttäuscht. Der Drang zu fliehen wurde fast übermächtig, dennoch blieb sie wie angewurzelt stehen. Wohin sollte sie auch gehen? Obwohl sie mit der Dunkelheit vertraut war, stieg ein Gefühl der Panik in ihr auf und drohte, sie zu überwältigen.
Wo war Lady Olivia, ihre Begleiterin? Willow hatte ihrer Großmutter, der verwitweten Countess of Montrose, versprochen, sich an diesem Abend besonders vorzusehen.
Du darfst dich nicht zum Tanz auffordern lassen und keine Erfrischungen zu dir nehmen. Stattdessen musst du dicht bei mir bleiben, damit niemand merkt, dass etwas mit dir nicht stimmt.
Die gleichgültige Stimme ihrer Großmutter klang Willow noch immer in den Ohren, während die Angst ihr die Kehle zuschnürte. Das war’s. Ihr Kampf um Unabhängigkeit, den sie seit mehr als einem Jahr führte, hatte einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Es würde keine Landpartien mehr geben, und das Picknick in Hampstead Heath mit Olivia, auf das sie sich so gefreut hatte, würde ohne sie stattfinden. Die übertriebene Fürsorge ihrer Familie würde ihr das letzte bisschen Freude rauben, das ihr noch geblieben war.
„Warum steht sie einfach so da?“, hörte sie eine neugierige Stimme fragen.
Willow war es, als würde die Menschenmenge von allen Seiten auf sie eindringen, bis sie erstickte. Fieberhaft überlegte sie, auf welchem Weg sie am besten aus dem Haus entkommen konnte. Wenn sie sich recht erinnerte, befand sie sich neben der dritten Verandatür. Sie brauchte also nur drei Schritte zu tun, sich dann links zu halten und weitere zwanzig Schritte bis zum Garten zu gehen. Von dort aus gelangte sie zu einem der Pavillons.
Willow machte einen Schritt und hätte beinahe laut aufgeschrien, als sie gegen jemanden stieß.
„Ach, verdammt!“, fluchte der Mann. „Jetzt habe ich die ganze Weste voller Champagner.“
Erschrocken presste Willow sich beide Hände auf die Magengrube und sagte in Richtung der Stimme: „Verzeihen Sie, ich habe Sie nicht gesehen.“
Das leise Schimpfwort, das ihm entschlüpfte, trieb ihr die Röte in die Wangen. Wahrscheinlich nahm er an, sie hätte es bei dem allgemeinen Lärm nicht gehört.
Wo bleibst du, Olivia?, schrie Willow im Stillen, hin und her gerissen zwischen Unsicherheit und Angst. Es war Jahre her, dass sie sich unter so viele Menschen gewagt hatte. Olivia musste doch inzwischen aus dem Ruheraum zurück sein. Schließlich hatte Willows Freundin und Begleiterin versprochen, nach ein paar Minuten wiederzukommen.
Ob ihre Großmutter und Eltern ihren Fauxpas bemerkt hatten?
Immer lauter wurde das Stimmengewirr, bis ihr der kalte Schweiß ausbrach und sie sich entschloss, jemanden um Hilfe zu bitten. Der Gedanke war ihr mehr als unangenehm, aber es half alles nichts, wenn sie ihre Eltern nicht in Verlegenheit bringen wollte. Schließlich waren sie die Gastgeber dieses grandiosen Balls.
Willow erstarrte, als jemand ihren Ellbogen berührte. Der Duft nach wildem Moos und frischem Regen stieg ihr in die Nase. Es war ein einzigartiger, unwiderstehlicher Geruch, viel dezenter als die Duftnoten von Orangen, Jasmin und Lavendel, die schwer in der Luft hingen.
Irgendwie vertraut …
„Immer mit der Ruhe.“ Die Stimme war leise, beruhigend und souverän. „Ich glaube, der nächste Tanz ist für mich reserviert.“
Wie auf ein Stichwort wurde ein Walzer angekündigt, worauf eine Welle der Erregung durch die Gästeschar lief. Es war ein schrecklich schamloser Tanz, und von Olivia wusste Willow, dass viele sich gefragt hatten, ob die Duchess of Milton ihn heute Abend spielen lassen würde. Willow bekam Herzklopfen, als der Mann sie mit festem Griff an sich zog. Das konnte sie nicht zulassen, doch zugleich ärgerte sie sich über ihre alberne Zimperlichkeit. Seit Olivia ihr diesen schönen und faszinierenden Tanz beigebracht hatte, sehnte sich Willow danach, ihn mit einem Partner zu tanzen. Doch es musste jemand sein, der ihre Situation verstand.
„Mylord, ich …“ Ihr versagte die Stimme. War er überhaupt ein Lord? Aber wer sonst besäße die Dreistigkeit, sie auf die Tanzfläche zu zerren, ohne auch nur seinen Namen zu nennen? Das war höchst ungehörig, doch andererseits war sie ihm dankbar, dass er die Initiative ergriff. Und plötzlich erfasste sie ein Gefühl der Erregung, weil in ihrem banalen, ereignislosen und einsamen Leben etwas so Überraschendes geschah. Sie neigte den Kopf und sagte lächelnd: „Ich bin Lady Willow und danke Ihnen, dass Sie mich aus einer unangenehmen Lage gerettet haben. Mein kleines Missgeschick hat viel unerwünschte Aufmerksamkeit erregt.“
„Lord Westcliffe, zu Ihren Diensten, Mylady“, antwortete er mit einem süffisanten Unterton.
Westcliffe?
Mit klopfendem Herzen hob Willow den Kopf. „Ich danke Ihnen, aber ich möchte lieber nicht tanzen“, sagte sie. „Allerdings wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich in den Salon begleiten würden. Mir ist, als würde ich in diesem Gedränge gleich in Ohnmacht fallen.“ Damit reichte sie ihm die Hand, die er auf seinen angewinkelten Arm legte.
Sie schwiegen einen Augenblick, und ihr war, als könnte sie seine Neugier förmlich spüren. Oje. Willow hoffte nur, er wäre nicht jemand, den sie kennen müsste. Sie wusste, dass der Titel Alasdairs älterem Bruder Marcus gehörte. Doch der war, wenn sie sich recht erinnerte, an einem Fieber gestorben. In der ländlichen Abgeschiedenheit ihres Daseins war sie auf Olivias Berichte angewiesen, um über die Ereignisse in den vornehmen Londoner Kreisen auf dem Laufenden zu bleiben. Und in diesem Fall hatte sie leider keine Ahnung.
„Würden Sie mir stattdessen die Ehre erweisen, mit mir einen Spaziergang durch den Garten zu machen?“, fragte er unvermittelt.
„Einen Spaziergang?“
„Ja. Der Vollmond scheint, die Sterne funkeln, und da die Türen zur Veranda offenstehen, können wir weiterhin der schönen Musik lauschen.“
Die Aussicht darauf, durch den Garten zu flanieren, war unwiderstehlich, und so folgte Willow ihm durch die Menge. Er steuerte auf die ganz links gelegene Schiebetür zu, durch die man auf die äußere Veranda gelangte, von der ein paar Stufen hinunter zu einem Pavillon führten.
Die kühle Nachtluft strich über Willows Haut, als sie auf die Veranda hinaustraten. Sie wusste genau, wie viele Schritte es auf dem Gartenweg bis zum Pavillon waren, und sie ging mit ihm, ohne an seinem ungehörigen Benehmen Anstoß zu nehmen. Dabei passte sie ihre Schritte seiner gemächlichen Gangart an und zählte im Stillen die Stufen mit, während sie in den Garten hinunterstiegen. Eigentlich war es schrecklich leichtsinnig, ihm zu folgen, auch wenn er sie vor der drangvollen Enge des Ballsaals gerettet hatte. Gegen ihre Beklemmung atmete Willow tief durch und nahm erneut diesen Duft wahr, der ihr vage bekannt vorkam. Sie schnupperte noch einmal, und plötzlich traf es sie wie ein Schlag … Der Duft war ihr vertraut und nur mit einem bestimmten Menschen verbunden.
Abrupt blieb sie stehen und entzog ihm ihre Hand. „Was ist denn?“, fragte er.
Das war unmöglich. Die Stimme dieses Mannes war tiefer und ließ mit ihrer rauen Sinnlichkeit ihre Nervenenden vibrieren. „Alasdair?“
„Lady Willow.“ Seine Stimme klang spöttisch und kalt.
Gütiger Himmel. „Wie … Ich …“
War es ein Scherz gewesen, dass er sich als Lord Westcliffe vorgestellt hatte? Wollte er sich über sie lustig machen? Sie zwang sich, ihre verworrenen Gedanken zu ordnen.
„Einen Augenblick lang dachte ich, Sie hätten mich nicht erkannt, Lady Willow.“
Ohne den Lärm des Ballsaals stand ihr plötzlich alles in schmerzlicher Klarheit vor Augen. Ein leichtes Streicheln an ihrer Wange löste einen erwartungsvollen Schauder tief in ihrem Bauch aus. Hatte er eine ihrer Locken berührt? „Natürlich habe ich Sie erkannt“, erwiderte sie mit belegter Stimme.
„Angesichts der flüchtigen Rolle, die ich in Ihrem Leben gespielt habe, war ich sicher, ich sei für Sie nicht des Erinnerns wert. Anscheinend habe ich mich geirrt.“ Seine Stimme hatte einen leicht bedrohlichen Unterton.
Sie trat einen Schritt zurück. Nicht des Erinnerns wert? Jahrelang hatte sie beim Aufwachen und Einschlafen von ihm geträumt. Seine Küsse, ihre gemeinsamen Träume und Albträume fielen ihr wieder ein und ließen ihr Herz vor Furcht und Freude schneller schlagen.
Dann plötzlich die Erleichterung: Er war am Leben! Ihr älterer Bruder Quinton war in den Krieg gezogen, und auch Alasdair hatte sich ein Offizierspatent gekauft. Ganz gleich, wie oft sie sich – zuerst beiläufig, später dann direkt – bei ihrem Bruder nach Alasdairs Befinden erkundigt hatte, immer war sie nur auf schmallippiges Schweigen gestoßen. Jetzt durchdrang die Freude sie wie ein süßer Schmerz. Alasdair. Aber er hatte sich doch als Lord Westcliffe vorgestellt. Sie versuchte, sich ihre Verwunderung nicht anmerken zu lassen, und hoffte nur, er merkte nicht, welchen Ansturm widersprüchlicher Gefühle er in ihr auslöste. Schrecken traf auf Freude; Scham verschmolz mit Entzücken. Sie musste ihre ganze Willenskraft aufbieten, um auch nur weiterzuatmen.
„Ich habe dich redseliger in Erinnerung. Niemals hätte ich gedacht, dass ich dich einmal sprachlos erleben würde“, bemerkte er.
Sie mochte es, wie er sprach, den tiefen, sinnlichen Tonfall seiner Stimme. „Ich –“ Jetzt, da sie ihm plötzlich so nahe war und mit ihm redete, nachdem sie sich jahrelang nach dem Unmöglichen gesehnt hatte, wurde ihr so schwindlig, dass sie schwankte.
Seine warmen, starken Hände hielten sie, und ihr war, als brenne ihre Haut unter seiner Berührung. Sie schrak zurück und stieß sich die Hüfte an der Ecke des gusseisernen Tisches. Vor Schmerz stieß sie ein Zischen aus und suchte Halt an der Tischkante. Plötzlich war er ihr ganz nah und stützte sie mit leichtem Griff um ihre Taille.
„Hast du dir wehgetan?“
Obwohl ihre ganze Seite schmerzte, schüttelte sie stumm den Kopf im Vertrauen darauf, dass er sie beim Licht der vielen Gartenfackeln, welche die Veranda und die Pavillons beleuchteten, sehen konnte.
„Bist du wirklich der Marquess of Westcliffe?“, fragte sie mit stockender Stimme und spürte gleich darauf, wie sich sein Körper anspannte.
„Sag mir, ob du dir wehgetan hast“, beharrte er. Sie versuchte, seiner Frage nicht zu viel Bedeutung beizumessen.
„Nein. Bist du wirklich der Marquess of Westcliffe?“
„Ja.“ Schmerz und etwas Düsteres schwangen in seiner Stimme mit.
Sie löste sich aus seinem Griff, worauf er ihre Hand nahm und seine Finger mit ihren verschränkte. „Dein Verlust tut mir schrecklich leid“, sagte sie. „Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie sehr deine Familie gelitten hat.“ Er war der dritte Sohn. Was war nur geschehen, dass er auf einmal den Titel trug?
Er drückte kurz ihre Hand, dann ließ er sie los und trat einen Schritt beiseite.
Sogleich vermisste sie die Wärme, die er ausstrahlte. „Danke, dass du mich hinausbegleitet hast. Einen Augenblick lang dachte ich, ich würde ohnmächtig. Solch ein Zeichen von Schwäche hätten mir meine Brüder nie verziehen“, sagte sie leise. Was sie wirklich interessierte, blieb ungesagt.
So viele Fragen gingen ihr durch den Kopf, dass sie die Zähne zusammenbeißen musste, um nicht damit herauszuplatzen. Warum war er nicht zurückgekehrt? Wo war er gewesen? War er schon vergeben? Sie wollte alles wissen, was ihm in den vergangenen sechs Jahren widerfahren war. Das war sehr dumm von ihr, denn schließlich war er gegangen, ohne sich auch nur umzudrehen. Hätte er es getan, wäre ihm klargeworden, wie sehr sie ihn brauchte.
„Du hattest doch nie einen Hang zur Theatralik. Was hat dich denn jetzt so mitgenommen?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe festgestellt, dass es ziemlich bedrohlich sein kann, im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit zu stehen.“
„Das musst du mir näher erklären.“
Willow schwieg, ärgerlich über sich selbst. Auf keinen Fall wollte sie über ihre Probleme sprechen. „Seit sechs Jahren haben wir nichts mehr voneinander gehört, Alasdair“, sagte sie stattdessen. Plötzlich war ihr die Kehle wie zugeschnürt, und sie brachte kein Wort mehr heraus.
„Und?“
Ich habe dich vermisst. Doch das konnte sie ihm nicht sagen. Es wäre töricht gewesen, ihm ihre Zuneigung zu gestehen, nachdem er sie so lieblos behandelt hatte. Am besten wäre es, sie ginge in den Ballsaal zurück und dann hinauf in ihr Zimmer. So alleine mit ihm zu sein, war sowieso äußerst unschicklich. Für die feine Gesellschaft spielte es keine Rolle, dass sie beide einmal eng befreundet gewesen waren, und er würde sich bedanken, wenn er gezwungen wäre, eine junge Dame in ihrer Situation zu heiraten. Andererseits wollte sie die Unterhaltung unbedingt fortsetzen. Sie wollte seine Stimme hören, ihren kultivierten, wenn auch etwas rauen Klang, und vielleicht sogar noch einmal sein leises vergnügtes Lachen hören, das typisch für ihn war, wenn ihn etwas amüsierte oder erfreute.
Ach, wüsste sie doch bloß, woran sie mit ihm war. Er wirkte so kalt und distanziert, ganz anders als der lachende junge Mann, den sie gekannt hatte. Wie sehr hatte er sich verändert und wie war er jetzt? Mit einundzwanzig war er ein Bild von einem Mann gewesen. Sie erinnerte sich noch gut an seine dunkle männliche Schönheit – mit Augen, so grau wie ein Wintersturm, scharf ziselierten Wangenknochen, sinnlich geschwungenen Lippen und dunkel goldenem Haar, das immer ein wenig zerzaust wirkte. Sein Körper war schlank und fest gewesen vom vielen Sport im Freien. Ob er noch immer den Kopf so hochmütig neigte, wenn er sprach?
Ach, verdammt!
Der Drang, ihn zu berühren, sein Gesicht mit den Händen zu erkunden, flutete in ihr auf wie eine heiße Woge. Doch dieses Begehren brachte sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. „Ich muss wieder hineingehen. Würden Sie mich begleiten, Lord Westcliffe?“, fragte sie.
Sie kannte jedes Möbelstück im Haus, die Anordnung aller Fenster und Türen und jeden Winkel des Geländes, auf dem Hadley House stand. Doch der Ball heute hatte sie verwirrt. Nichts war mehr, wie es sein sollte. Selbst die Gerüche, an die sie gewöhnt war, wurden vom Duft der Blumen überdeckt, mit denen der Ballsaal geschmückt war.
„Ich habe dich auch vermisst, Willow.“
Sie erstarrte.
„Du hast noch immer nicht gelernt, deine Gefühle zu verbergen. Ich kann erkennen, dass dir Fragen auf den Nägeln brennen“, fügte er leise hinzu, und in seiner Stimme schwangen Faszination und noch etwas anderes, Geheimnisvolles mit. „Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte dich nicht vermisst.“
Angestrengt versuchte sie, den Klang seiner Stimme und die Bedeutung seiner Worte zu deuten. Intimität. Obwohl seine Worte an sich völlig harmlos waren, schwang in ihnen eine unterschwellige Vertrautheit mit. Doch darunter verbarg sich Zorn, der sie nervös machte.
„Du bist wütend“, stellte sie fest. Es hatte ja keinen Sinn, so zu tun, als merkte sie es nicht.
Er stieß ein freudloses Lachen aus. „Warum sind Sie nicht verheiratet, Lady Willow? War Ihr Duke Salop doch kein Traummann? Hat er vielleicht herausgefunden, dass sich hinter Ihrer Schönheit ein Herz aus Eis verbirgt?“
Sie zuckte zusammen, antwortete jedoch in die Richtung, aus der seine Stimme kam: „Ich werde nicht mit Ihnen über die Vergangenheit reden, Lord Westcliffe. Wir waren beide jung und töricht … und heute ist heute.“
Der Kies knirschte unter seinen Schritten, als er näher trat. Zu nahe. Die Wärme seines Körpers strahlte auf sie ab wie eine zärtliche Berührung.
„Ich war jung und habe mich wie ein Idiot benommen, aber Sie, Lady Willow, waren ein launisches, herzloses Biest.“
Bei seinen harschen Worten schnappte sie nach Luft, doch zugleich empfand sie eine tiefe Traurigkeit, denn hinter dem Zorn spürte sie seinen Schmerz. Sie schloss die Augen und dachte voller Trauer an ihre gemeinsame Zeit. An ihre Hoffnungen und ihre Liebe zu ihm. Wie sehr hatte sie darunter gelitten, dass sie ihn vertrieben hatte, ohne ihm zu sagen, wie sehr sie ihn liebte. Man hatte von ihr erwartet, dass sie sich einen Duke angelte. Dritte Söhne, ganz gleich, wie charmant, galant und gutaussehend sie waren, kamen einfach nicht in Frage.
„Es mag dir heute nicht mehr viel bedeuten, Alasdair, aber ich habe dich geliebt. Doch meine Familie war der Ansicht, du würdest nicht für mich taugen. Sie redeten mir meine Liebe zu dir beinahe aus, und ich bekam nie die Gelegenheit, dir zu sagen, wie leid mir das alles tat. Mein Vater war strikt dagegen, dass ich deine Frau würde, und aus Furcht gab ich nach.“
„Sie haben sie dir beinahe ausgeredet?“
Sie hörte die Verachtung in seinen Worten und fragte sich, ob er noch immer den Mund so verzog wie früher, wenn ihn etwas anwiderte. Unwillkürlich streckte sie die Hand aus und berührte sein Kinn
Er erstarrte.
Willow wollte unbedingt, dass er verstand. Jahrelang hatte sie auf eine solche Gelegenheit gewartet und doch nie damit gerechnet, dass sie ihn einmal wiedersehen würde. „Ja, beinahe. Ich habe meine harten Worte bereut und dass ich meinem Vater nachgegeben habe. Und ich wollte … ich wollte dich zu Hause aufsuchen, weil ich –“
„Lügnerin“, hauchte er plötzlich ganz nahe an ihrem Mund.
„Alasdair, ich –“
„Nein“, knurrte er unwillig und legte ihr die Hände auf die Hüften. „Wieder diese süßen Lügen von deinen Lippen. Und ich bin ein verdammter Idiot, weil ich glauben will, dass du genug Interesse an mir hattest, um nach Westerham Park zu fahren. Und jetzt will ich nichts weiter als das einfordern, was du mir – uns – vorenthalten hast.“
Sie war erschrocken und verärgert zugleich. „Ich war jung, aber ich habe dich von ganzem Herzen geliebt. Ich habe dich mit törichten Worten davongejagt, weil ich Angst hatte, mein Vater würde dir schaden, wenn ich dich nicht aufgäbe. Aber wenn du mich wirklich so heiß und innig geliebt hast, wie du behauptetest, warum hast du mich dann nicht überredet, mit dir nach Gretna Green durchzubrennen? Letzten Endes warst du es, der gegangen ist.“ Ihre Stimme war ein wütendes Flüstern. „Ich habe uns gar nichts vorenthalten.“
Als er sie an sich zog, durchströmten sie verwirrende Gefühle. Seine Gegenwart, sein großer, harter Körper und vor allem sein Duft waren ihr fast schmerzlich bewusst.
„Lassen Sie mich los, Mylord.“
„Nenn mich nie wieder Mylord“, entgegnete er mit eisiger Stimme. „Ich will nur meinen Namen von deinen Lippen hören, wenn ich mir das nehme, wovon ich so lange geträumt habe.“
„Wie bitte?“, zischte sie wütend und drückte mit den Händen gegen seine Brust.
Als er sie losließ, ärgerte sie sich noch mehr, weil sie sich nun nach seiner Umarmung zurücksehnte.
„Ich möchte, dass Sie sich über meine Absichten im Klaren sind, Lady Willow. Ich werde Sie aus meinen Gedanken verbannen. Es ist jetzt sechs Jahre her, und noch immer träume ich von Ihrem Lächeln und Ihrem Lachen. Von Ihren Küssen und Ihrem sanften Wesen. Das ist jetzt vorbei. Ich werde dafür sorgen, dass Sie mich bis zur Verzweiflung begehren, und dann werde ich meinen Schwanz tief in Sie versenken. Sie werden meinen Namen schluchzen, die Finger in meinen Rücken krallen und darum flehen, dass die süßen Wonnen nie ein Ende nehmen. Ich werde mich in Ihre Seele einbrennen, und wenn ich damit fertig bin, werden Sie hoffentlich, ebenso wie ich jetzt, um das trauern, was wir verloren haben.“
Entsetzt fasste sie sich mit der Hand an die Kehle. Doch plötzlich erwachte ein Hoffnungsschimmer und verdrängte alle anderen Gefühle. War es nicht genau das, was sie sich jeden Tag wünschte? Leidenschaft zu spüren und sich ihr vorbehaltlos hinzugeben? Den Mut zu finden, sich dem Urteil der feinen Gesellschaft und der einengenden Liebe ihrer Familie zu entziehen? Aber nicht so … Nicht mit Zorn und Schmerz, flüsterte eine innere Stimme.
Sie spürte seine Wärme, als sie nähertrat. „Deinen Plan, mich gnadenlos winseln und leiden zu lassen, finde ich faszinierend.“ Die dreisten Worte waren ihr entschlüpft, bevor sie noch über die Folgen nachdenken konnte.
Als er sich nicht rührte, dachte sie schon, sie hätte das Falsche gesagt, doch dann hörte sie, wie schwer er schluckte, wie zitternd sein Atem ging. Trotz seines Ärgers hatten ihn ihre Worte getroffen. Die Erkenntnis freute sie, und zum ersten Mal seit Jahren kam sich Willow ein wenig boshaft vor … und fühlte sich ganz wunderbar dabei.
Eine Berührung. Ein Hauch streifte ihre Lippen, und sie bemerkte, dass er ihr näher gekommen war, als es die Schicklichkeit erlaubte. Eine flüchtige Liebkosung, aber noch kein Kuss. Dann sein Atemhauch an ihrer Wange. Jede Berührung, jedes Flüstern war eine Qual. Aber eine süße Qual. Sein Duft vernebelte ihre Sinne, und wie von einem Instinkt getrieben hob sie sich auf die Zehenspitzen und beugte sich ein wenig vor. Seine Lippen schmeckten nach gewürztem Wein und Erdbeeren. Ihr rauschte das Blut in den Ohren. Sie hatte ihn geküsst! Wie außerordentlich unschicklich von ihr. Sie gehorchte seinem Drängen und öffnete die Lippen. Ein leises Stöhnen entrang sich seiner Kehle, dann fuhr seine Zunge über die Kante ihrer Zähne. Dabei zog er sie weder an sich, noch presste er seinen Körper an ihren. Dennoch spürte sie die Hitze, die von ihm ausstrahlte, empfand seine Stärke und verlor dabei ein wenig von der Selbstbeherrschung, die sie nach dem schier endlosen Albtraum, den sie durchlitten hatte, um jeden Preis bewahren wollte.
Seine Zunge glitt über ihre Lippen und drang in ihren Mund ein. Sie entzog sich ihm nicht, sondern schwelgte in seiner Zärtlichkeit. Denn wenn sie jetzt vor dieser ebenso verbotenen wie beglückenden Berührung zurückwich, würde sie niemals wieder seine Nähe suchen. Wie könnte sie auch? So verführerisch seine Worte auch geklungen hatten, war sie doch entschlossen, sich nie wieder verletzen zu lassen. Nicht von diesem Mann.
Ein Schauder lief ihr den Rücken hinunter. Es juckte sie in den Fingern, durch sein Haar zu streichen, doch sie wollte den Zauber des Augenblicks nicht zerstören. Dieser Kuss ohne eine weitere Berührung wirkte inniger, als wenn sie einander umarmt hätten. So konnte sie sich auf den Geschmack und die Beschaffenheit seiner Lippen konzentrieren und sich ganz ihrer Wahrnehmung hingeben. Seine Lippen waren rau, hart und fordernd. Ohne Furcht rückte Willow noch ein wenig näher an ihn heran. Eine verwirrende Hitze bildete sich in ihrem Inneren, wie ein Pulsieren, das sich von ihren Brüsten hinunter zum Nabel und weiter bis in ihren verborgensten Winkel ausbreitete. Die Berührung seiner Lippen, aufreizend, lockend und verführerisch, zwang sie geradezu, mit einem Finger die feste Linie seines Kiefers nachzufahren.
Da löste er schwer atmend seinen Mund von ihrem, und sie schnappte nach Luft, als er an ihrem Hals zu knabbern begann.
„Süß“, murmelte er mit rauer Stimme. „Du schmeckst süß.“
Sie fuhr mit dem Finger an seinen Brauen und seiner Nase entlang, als wollte sie sich sein Gesicht einprägen. Dann vergrub sie die Finger in seinem dichten, seidigen Haar, das er, wie sie feststellte, jetzt viel kürzer trug.
Endlich ließ sie die Hände sinken. „Was tun wir hier eigentlich, Alasdair?“ Ihre Stimme klang heiser und zitternd, und angesichts des unverhüllten Verlangens, das darin mitschwang, stieg ihr die heiße Röte in die Wangen. Doch sie wollte unbedingt verstehen, worum es hier wirklich ging. Es war einfach unbegreiflich, dass sie beim ersten Wiedersehen nach Jahren so etwas taten. Was immer dieses Etwas war.
Er küsste sie zärtlich und flüsterte: „Ich weiß es nicht. So hatte ich mir den heutigen Abend nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht. Aber du bist die Versuchung in Person und so verdammt schön.“
Willow stockte der Atem. Schön? Sah er denn nicht ihre Narben? Ihre Gedanken schweiften ab, als er sie erneut küsste. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle, während sie sich ihm entgegen neigte. Sie spürte, wie sie sich verlor, in seinem Geruch und Geschmack unterging, und wie ihr Verlangen nach ihm wuchs. Ihr wurde angst und bange.
Nie wieder würde sie zulassen, dass sie voneinander abhängig wurden.
Willow löste sich aus der Wärme, die ihn umgab, überwältigt von der Wonne, die ein bloßer Kuss in ihr ausgelöst hatte. „Mylord, ich –“
Er umfasste mit beiden Händen ihr Gesicht. „Ich muss es wissen. Ist das der Grund, warum du mich so leidenschaftlich küsst, Willow? Leidenschaftlicher als jemals zuvor.“
Seine Lippen dicht an ihrem Mund fügte er hinzu: „Weil ich jetzt ein Marquess bin … und es wert, geküsst und berührt zu werden?“ Die leise Geringschätzung in seinem Ton traf sie bis ins Mark.
Nein, sie brachte es einfach nicht fertig, bei all dem Leid, das zwischen ihnen stand. Ihr Körper wehrte sich dagegen, etwas zurückzuweisen, wonach sie sich so lange vergeblich gesehnt hatte. Doch wenn es jetzt schon so weh tat, was würde sein, wenn er erst ihren Körper und ihr Herz erobert hätte? Mit einer entschlossenen Bewegung löste sie sich von ihm, wich zur Seite aus und stieß sich erneut die Hüfte an irgendeinem Tisch. Oder war es ein Stuhl? Sie stieß einen leisen Schmerzenslaut aus. Ach, zum Teufel!
„Du musst besser aufpassen“, sagte er. „Lass mich dir helfen.“
„Nein! Bitte, berühre mich jetzt nicht.“ Ohne Rücksicht darauf, was ihre Worte ihm verrieten, tastete sie nach dem Stuhl. Als sie das kalte Gusseisen spürte, griff sie nach der Lehne, tat einen Schritt und stieß sich den Zeh.
„Verdammt noch mal!“, entfuhr ihr ein undamenhafter Fluch.
„Neigst du zu solchen Missgeschicken?“, fragte er leicht belustigt.
„Verzeih mir meine Tollpatschigkeit“, stieß sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Ich bin es, der um Verzeihung bitten muss. Ich wollte mich nicht über dich lustig machen. Die Lichter von der Veranda und vom Garten sind auch nicht besonders hell.“
Er machte ein paar Schritte und blieb hinter ihr stehen. „Kann ich dir helfen?“
Sag es ihm. Es war feige von ihr, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Doch wenn er sie in die Bibliothek begleitete, würde das nicht ohne kleinere Unfälle abgehen. Die zusätzlichen Tische und Stühle und das Menschengewühl brachten sie durcheinander. „Ich kann nicht sehen. Ich bin blind“, stieß sie endlich hervor.
„Wie bitte?“
„Du hast es ja gehört“, bemerkte sie leise.
Willow stand in der kühlen Brise und wartete. Sie fühlte sich unbehaglich und ausgeliefert.
„Blind?“, fragte er mit tonloser Stimme, die nichts von seinen Gefühlen verriet.
Sie konnte förmlich seinen Blick spüren, wie er über ihr Gesicht glitt und auf ihren Augen verharrte. Ob ihm jetzt die Narben an ihrer Schläfe auffielen?
„Ja.“
Sie hörte, wie er scharf den Atem einzog, dann wurde es schrecklich still.
„Ich nehme an, Sie möchten sich jetzt verabschieden, Mylord. Ich darf Sie nur bitten, mich zu meiner Großmutter zu begleiten. Ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie unser Stelldichein beenden wollen.“
„Unser Stelldichein?“
Ihre Wangen brannten. Dafür hatte sie ihre Begegnung tatsächlich gehalten. Wie dumm von ihr.
Er ergriff ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. „Willow, ich –“
Sie machte sich von ihm los und richtete sich auf. „Nein, Lord Westcliffe.“ Obwohl sie sich einbildete, er würde bei der formellen Anrede zusammenzucken, fuhr sie fort: „Ich glaube, für uns beide war das heutige Zusammentreffen wichtig. Ich bin froh, dass wir miteinander geredet haben. Auch wenn Ihre Methode, mich aus Ihren Träumen zu vertreiben, ihren Reiz hätte, muss ich ablehnen. Sie werden sich wohl etwas anderes überlegen müssen. Ich spüre, dass Sie erfahren wollen, was geschehen ist, doch das geht nur mich etwas an, und ich möchte nicht darüber reden. Also bedrängen Sie mich bitte nicht. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich zur Bibliothek begleiten könnten, Mylord.“
Sie wartete mit klopfendem Herzen.
„Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie zu begleiten, Lady Willow“, antwortete er und legte ihre Hand auf seinen Arm.
Zu ihrer Überraschung fand sie seine Antwort kränkend. Was hatte sie denn erwartet? Dass er trotz ihrer Vorwürfe eine Affäre mit ihr beginnen würde? Es wäre wirklich dumm von ihr, so etwas zu glauben. Schließlich hatte er sie damals vor vielen Jahren einfach verlassen, und das, nachdem er ihr seine Liebe erklärt hatte. Warum sollte er jetzt um sie kämpfen, wo sie in so armseligen Umständen lebte?
Was war sie nur für ein törichtes Mädchen.