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2. Januar
Das alte Haus war ein böser Ort. Drei Tage hatte Sandra vergeblich danach gesucht, und nun hatte sie es endlich gefunden.
Manche Menschen glaubten, dass Gebäude, in denen Verbrechen begangen worden waren, die Erinnerung daran bewahrten und noch Jahrzehnte später wieder wachrufen konnten. Sandra hielt Gruselgeschichten von beseelten Mordhäusern für Unsinn, doch dieses Haus brachte ihre Überzeugung ins Wanken. Es war nicht nur ein lebloser Haufen aus Steinen, Holz und Dachschindeln, sondern erfüllt von einer Aura des Wahnsinns, die seine Substanz durchtränkte wie ein schleichendes Gift.
Es sah genauso aus wie auf der Schwarz-Weiß-Fotografie, die Marc an die Pinnwand seines Arbeitszimmers geheftet hatte. Auch in der Realität schien das Haus alle Farben der Umgebung zu verschlucken. Es schmiegte sich an den steilen, von Unkraut und blassen Pilzen überwucherten Hang, als wollte es seine schreckliche Vergangenheit verheimlichen. In dem schmutzigen Putz klafften Lücken, durch die das Mauerwerk hervorbrach wie schwärende Wunden. Der Giebel war einst mit grauen Eternitplatten verkleidet gewesen, von denen die meisten inzwischen fehlten. Vom rauen Westerwälder Klima gebleichte Holzlatten schimmerten bleich wie die Knochen eines Skeletts. Die blinden, von flachsroten Einfassungen gerahmten Fenster starrten Sandra an wie die leeren Augenhöhlen eines Totenschädels. Drei der sechs scheinbar willkürlich angeordneten Scheiben waren zerbrochen. Kinder, die mutig genug waren, sich dem verbotenen Ort zu nähern, hatten sich offenbar einen Spaß daraus gemacht, sie einzuwerfen.
Ein baufälliger, von dornigem Gestrüpp überwucherter, zweigeschossiger Holzschuppen lehnte sich müde an die rechte Seitenwand. Wo einst ein Tor gewesen war, gähnte nun ein nachtschwarzes Loch.
Warum hatte Marc diese Ruine fotografiert? Was war daran so besonders? Sie konnte ihn nicht mehr fragen, denn er war seit vier Tagen spurlos verschwunden. Die Fotografie war ihr einziger Anhaltspunkt, um nach ihm zu suchen.
Sandra zog den Abzug, den sie von der Pinnwand genommen hatte, aus der Manteltasche und drehte ihn um. Auf der Rückseite hatte Marc in seiner vertrauten Handschrift eine Nachricht hinterlassen, die wie ein vergifteter Pfeil in ihrer Seite steckte: Marion. Du bist mein Herz, das schlägt.
Darunter hatte er den Namen eines kleinen Ortes in den nördlichen Ausläufern des Westerwalds notiert, jedoch keine Adresse. Ein alter Mann im Dorf hatte ihr schließlich den Weg beschrieben. Das verfallene Gehöft befand sich einen Kilometer abseits des Weilers und war nur über einen holprigen Wirtschaftsweg zu erreichen, der kaum noch benutzt wurde. Der Alte hatte sie gewarnt, das Haus aufzusuchen. Im Rückspiegel hatte sie gesehen, dass er das Kreuzzeichen schlug, nachdem sie seinen Rat in den Wind geschlagen hatte und weitergefahren war.
Er nannte es das „Haus der Katzen“. Nun wusste sie, was er damit gemeint hatte. Auf den verwitterten Pfeilern des Gartenzauns, den Stufen, die zu der Veranda hinaufführten, und auf der Motorhaube eines verrosteten Traktors kauerten ein Dutzend Katzen und beobachteten sie misstrauisch. Es waren verwilderte Tiere, um die sich niemand kümmerte und die das alte Gemäuer bewachten wie eine Kompanie kampferprobter Söldner.
Vom Rücksitz her drang ein leises Winseln. Knut, der zweijährige Golden Retriever, verfolgte aufmerksam, wie Flo eines seiner kryptischen Bilder malte. Der Bleistiftstummel schabte gleichmäßig über das Papier. Der Junge sah auf, ihre Blicke begegneten sich kurz im Rückspiegel. Ihr Sohn besaß ein außergewöhnliches Gespür für ihre Stimmungen und bemerkte ihre Unruhe.
„Was malst du da?“, fragte sie.
Sorgfältig trennte er das oberste Blatt ab und reichte es ihr. Es zerriss ihr das Herz, mitanzusehen, wie er vergeblich darum kämpfte, Lippen, Zunge und Kehlkopf zu formen, um ein verständliches Wort herauszubringen. Schließlich gab er auf.
Flo litt an Apraxie. Alle anatomischen Voraussetzungen, die er brauchte, um sprechen zu können wie andere Kinder, waren vorhanden. Was ihm fehlte, war die Bedienungsanleitung in dem dafür verantwortlichen Hirnareal, seine Gedanken an die entsprechenden Muskeln weiterzuleiten. Niemand wusste, warum das so war. Manchmal schaffte er es, ein einzelnes Wort zu artikulieren, aber meistens scheiterte er. Sie hatte mit ihm die besten Ärzte aufgesucht – Spezialisten, Psychiater, Naturheilmediziner und Scharlatane. Schließlich hatte sie eingesehen, dass die Odyssee durch Krankenhäuser und Fachkliniken keine Besserung brachte und den Jungen nur zusätzlich belastete. Flo hatte seinen eigenen Weg gefunden, sich mitzuteilen. Die Störung seiner Feinmotorik machte es ihm unmöglich, sich verbal auszudrücken, beeinträchtigte jedoch nicht die Geschicklichkeit seiner Hände. Aufgrund seiner Einzigartigkeit hatte er ein verblüffendes Talent entwickelt, das sich in detailgetreuen Zeichnungen äußerte. Obwohl er durchaus in der Lage war, Sprache zu verstehen und – wenn auch mühsam – in Schrift zu übersetzen, zog er seine komplizierte Bilderschrift vor. Im Lauf der Zeit hatte Sandra gelernt, sie zu lesen. Sie hatte ihr Kind akzeptiert, wie es war, was die Situation merklich entspannte.
Marc hatte das niemals gekonnt. Er war mit der Behinderung seines Sohnes überfordert gewesen, kapselte sich ab und vergrub sich in seiner Arbeit als Reporter. Seine Recherchereisen führten dazu, dass er immer öfter tagelang, manchmal mehrere Wochen fernblieb. Dass Flo unter seiner Abwesenheit litt, schien ihm nicht bewusst zu sein, oder es war ihm gleichgültig.
Marion. Du bist mein Herz, das schlägt.
Die Entfremdung zwischen ihnen war so deutlich zu spüren gewesen, als zöge ihn eine unsichtbare Strömung von ihr fort. Sandra hatte getan, was sie immer tat, wenn sie vor einem Problem stand: Sie hatte vor den Anzeichen der drohenden Krise die Augen verschlossen und gehofft, dass es vorübergehen würde. Die Anrufe, die er vor ihr zu verbergen suchte, die verschlüsselten Einträge in seinem Terminkalender, die Wochenenden, die er außer Haus verbrachte … alles deutete darauf hin, dass er eine Affäre begonnen hatte.
Hatte sie all das verdrängt, weil sie es nicht ertrug, dass die kleine Welt, die sie aufgebaut hatte, aus den Fugen geraten war? Nachdenklich betrachtete sie das Foto.
Es war vorstellbar, dass sich Marc mit der mysteriösen Marion in einem Hotel oder in ihrer Wohnung traf, dass er ein Doppelleben führte, von dem sie nichts wusste. Doch dass er sich zu einem Schäferstündchen diese Ruine ausgesucht hatte, war mehr als unwahrscheinlich. Es sei denn, er hatte eine abnorme sexuelle Vorliebe entwickelt, die ihr verborgen geblieben war. Nein, sein Interesse an diesem Lost Place musste mit seiner Arbeit zusammenhängen.
Sandra betrachtete Flos Bleistiftskizze. Er hatte das unheimliche alte Haus in allen Details exakt wiedergegeben. Was seine Fantasie hinzugefügt hatte, beunruhigte sie zutiefst: Aus einem der Fenster blickte ihr Marc entgegen. Manchmal schien es ihr, als könnte Flo Dinge sehen, zu denen andere Menschen keinen Zugang hatten. Spürte er, dass sein Vater in der Nähe war, oder verkörperte die Zeichnung nur seinen Wunsch, ihn zu finden? Seine stummen Fragen waren nicht schwer zu verstehen: „Ist Papi in dem Haus? Sind wir deshalb hier? Wird er zu uns zurückkommen?“
„Ich weiß es nicht, Flo“, sagte sie. „Aber alles wird gut werden. Hab ein bisschen Geduld, und warte hier. Ich bin gleich zurück.“ Sie warf Knut einen strengen Blick zu. „Du bist dafür verantwortlich, dass ihr den Wagen nicht verlasst.“
Der Hund schnaubte, als wäre das eine Selbstverständlichkeit, die man ihm nicht erklären musste. Zwischen dem Jungen und dem Retriever bestand ein starkes, unsichtbares Band. Zunächst hatte sich Sandra mit Marcs Vorschlag, einen Hund ins Haus zu holen, nicht anfreunden können. Bei einem Besuch im Tierheim hatte sie ihre Meinung jedoch geändert. Flo hatte sofort auf Knut reagiert. Auch der Retriever hatte das Freundschaftsangebot des Jungen umgehend angenommen, als wäre er sich seiner wichtigen Aufgabe bewusst gewesen, ihn zu beschützen.
Sandra stieg aus dem Wagen. Der Regen hatte nachgelassen, aber die Kälte des Januarnachmittags kroch durch das dünne Leder ihrer Stiefeletten. Langsam ging sie auf das heruntergekommene Gehöft zu. Auf einem der Steinpfeiler, die das schief in den Angeln hängende Gartentor flankierten, kauerte ein großer Kater und starrte sie aus smaragdgrünen Augen an. Sein struppiges Fell war so schwarz wie eine mondlose Nacht. Er zeigte kurz seine beeindruckenden Eckzähne, doch dann entschied er, dass sich eine Auseinandersetzung nicht lohnte, sprang auf den Boden herab und trollte sich.
Sandra schob das Tor auf und ging zögernd auf die Eingangstür zu. Vielleicht hätte sie die Warnung des alten Mannes ernst nehmen sollen – nicht aus Angst vor Geistern, sondern weil es lebensgefährlich war, das baufällige Haus zu betreten.
Du musst eben vorsichtig sein, dachte sie. Die Zeit des Wegschauens ist vorbei. Dir bleibt keine andere Wahl.
Ganz gleich, wie groß ihre Enttäuschung über Marcs Verhalten und ihr Zorn auf ihn waren, sie musste ihn finden, Flo brauchte ihn. Sie würde nicht zulassen, dass sein Vater sich der Verantwortung entzog und aus dem Staub machte.
Die restlichen Katzen waren dem Beispiel des Katers gefolgt und hatten sich verzogen. Neugierige Augenpaare schimmerten hier und da in der Dämmerung und beobachteten sie aus sicherer Entfernung.
Sandra schreckte auf, als ihr Handy klingelte. Sie zog es aus der Manteltasche. Auf dem Display leuchtete die Nummer von Kai Berger auf – einem Freund und Kollegen ihres Mannes, der als freier Journalist arbeitete und für die Zeitung schrieb, für die auch Marc tätig war. Sie meldete sich.
„Hallo, Sandra“, begrüßte er sie. „Hast du mit der Polizei gesprochen?“
„Ja. Sie unternehmen nichts, solange kein Hinweis auf ein Verbrechen vorliegt.“
„Marc ist seit vier Tagen überfällig.“
„Sie wissen, dass wir am Abend vor seinem Verschwinden einen Streit hatten, und vermuten, dass er deshalb den Kontakt vorübergehend abgebrochen hat.“
„Das hättest du nicht erwähnen sollen“, erwiderte Kai.
„Das habe ich auch nicht.“
„Es war eine von Flos Zeichnungen, nicht wahr?“
Sandra seufzte. „Du darfst ihm nicht die Schuld geben.“
„Natürlich nicht. Er ist noch ein Kind.“
„Ein Kind, das mehr Fürsorge braucht als andere. Flo hängt sehr an Marc. Ich glaube, er wollte nur auf seine Art helfen. Hast du Neuigkeiten?“
„Allerdings. Sie werden dir nicht gefallen.“
„Warst du in der Redaktion? Konntest du herausfinden, ob er einer Story nachjagt?“
„Marc arbeitet nicht mehr für die Rhein-Zeitung. Er hat vor vier Wochen gekündigt und seinen restlichen Urlaub genommen.“
Sandra schwieg bestürzt. Ihre finanzielle Situation war ohnehin angespannt. Wie konnte Marc so verantwortungslos sein und ohne triftigen Anlass einen sicheren Job hinwerfen?
„Ich verstehe. Er hat’s dir verheimlicht“, sagte Kai.
„Ja.“
„Das sieht ihm ähnlich.“
„Warum hat er das getan?“, fragte sie.
„Ich weiß es nicht. Alle waren überrascht, nicht nur ich. In den vergangenen Wochen hat er sich so verändert, dass ich manchmal das Gefühl hatte, ich redete mit einem Fremden. Ich frage mich die ganze Zeit, was der Auslöser für die Kündigung war.“
„Vielleicht hängt sein Entschluss mit den verlassenen Orten zusammen, die er fotografiert hat. Ich habe das Haus gefunden, dessen Foto an der Pinnwand in seinem Büro hing. Es ist ein altes Gehöft, das abseits eines Dorfes im Westerwald in der Nähe eines aufgegebenen Steinbruchs steht.“
„Sag mir nicht, dass du dorthin gefahren bist.“
„Es ist die einzige Spur, die ich habe.“
„Du hättest mich anrufen sollen.“
Sandra betrat die Veranda. Die morschen Bretter knarrten unter ihren Stiefeletten.
„Entspann dich, Kai. Abgesehen davon, dass ich mir in dieser Ruine den Hals brechen kann, wenn ich nicht aufpasse, gibt es hier nichts, was mir gefährlich werden könnte.“
Vielleicht ist genau das Marc passiert, und ich beschuldige ihn zu Unrecht, schoss es ihr durch den Kopf. Sie dachte an die düstere Vorahnung, die sie beim Anblick des Hauses überkommen hatte. Was würde sie finden, wenn sie es betrat?
„Geh auf keinen Fall hinein“, warnte Kai eindringlich, „schon gar nicht mit dem Jungen.“
„Flo wartet im Auto“, erwiderte sie. „Knut passt auf ihn auf.“
„Okay. Siehst du irgendwo eine Katze?“
„Mindestens ein Dutzend. Warum fragst du?“
„Dann irre ich mich nicht.“
„Was meinst du damit?“
„Ich habe inzwischen herausgefunden, wem das Haus gehört“, sagte Kai. „Darum rufe ich an.“
„Lass mich raten. Hannibal Lecter?“
Sie lachte über ihren Scherz, aber es klang unecht. Kais Andeutungen machten sie nervös. Er war niemand, dem man leicht Angst einjagte. Wenn er sie warnte, gab es einen triftigen Grund dafür.
„Schlimmer“, erklärte er. „Du stehst vor dem Haus von Achim Veit. Der Kerl hat vor neun Jahren fünf Frauen ermordet und ihre Leichen unter Straßenbaustellen begraben.“
„Davon habe ich damals in der Zeitung gelesen. Was hat Marc damit zu tun?“
„Ich weiß, dass er sich die Polizeiakten des Falls besorgt hat. Vieles blieb nach Veits Tod ungeklärt. Er hatte einen Komplizen, an dessen Schuld allerdings bis heute Zweifel bestehen. Möglichweise hat Marc den wahren zweiten Täter gefunden.“
Sandra zögerte. Sie blickte zum Wagen hinüber. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Die Zufahrt zum Haus versank im Matsch.
„Kannst du herkommen?“, fragte sie.
„In frühestens zwei Stunden. Ich muss zu einer Redaktionskonferenz. Unternimm nichts ohne mich.“
In diesem Moment drang ein gedämpftes, vertrautes Klingeln aus dem Innern des Hauses: der Ton von Marcs Handy.
„Ich kann nicht warten“, unterbrach sie ihn. „Marc ist hier, ich höre sein Telefon. Vielleicht ist er verletzt, liegt seit Tagen dort und braucht Hilfe.“
„Sandra, tu das nicht!“
„Ich melde mich wieder.“
Sie steckte das Handy in die Manteltasche und erstickte Kais Protest. Bevor sie tiefer in die Schatten der Veranda eintauchte, überzeugte sie sich davon, dass Flo den Wagen nicht verlassen hatte. Knut drückte seine feuchte Nase gegen die Seitenscheibe. Sollte sie den Hund mitnehmen? Falls ihr wirklich Gefahr drohte, wäre sie nicht schutzlos. Sie verwarf den Gedanken wieder. Flo hasste es, allein zu sein. Ihn im verschlossenen Wagen zurückzulassen, könnte einen Panikanfall auslösen.
Sie riss eine der morschen Holzlatten des Geländers ab und wandte sich der Eingangstür zu. Ein warnendes Fauchen ließ sie herumfahren. Auf einem Rattansessel in einem Winkel der Terrasse hockte der unheimliche schwarze Kater. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen mit seinen grünen Dämonenaugen. Unter dem räudigen Fell spannten sich kräftige Muskeln. Wollte er verhindern, dass sie das Haus betrat, oder verteidigte er nur instinktiv sein Territorium? Sie machte einen drohenden Schritt auf ihn zu, stocherte mit der Latte nach ihm und schaffte es schließlich, ihn zu vertreiben.
Sandra wischte den verkrusteten Schmutz von der vergilbten Milchglasscheibe der Eingangstür. Kaum ein Lichtstrahl des grauen Januartages drang ins Haus. Langsam drückte sie die Klinke. Rostige Angeln quietschten, die Tür schwang auf. Niemand machte sich die Mühe, abzuschließen, denn hier gab es nichts, was sich zu stehlen lohnte.
Ein blassgrauer Keil aus Licht fiel auf den schwarz-weiß karierten Fliesenboden, der mit bräunlichen Flecken beschmutzt war, die aussahen wie eingetrocknetes Blut. Es roch nach Moder, Schimmel und Verwesung.
„Marc?“
Sandra schaltete die Taschenlampe ihres Smartphones ein und wagte sich tiefer in das Dunkel hinein. Sie irrte durch Zimmer, in denen sich nichts verändert hatte, seit das Haus verlassen worden war. Auf den Möbeln lag eine dicke Staubschicht, in der Küche standen noch das Geschirr auf dem Tisch und Reste einer Mahlzeit, als wären die Bewohner in aller Eile aufgebrochen und nie zurückgekehrt.
„Marc? Bist du hier? Antworte!“
Bis auf das Knarren der Dielenbretter unter ihren Füßen was es totenstill. Sie wählte Marcs Nummer und wartete. Wieder antwortete dumpf das vertraute Klingeln. Angestrengt versuchte sie, das Geräusch zu orten. Mal entfernte sie sich davon, mal schien sie ihm näher zu kommen. Die Melodie brach ab, Marcs Stimme drang leise an ihr Ohr. Die Mailbox war angesprungen. Sie wartete, bis die Ansage stoppte, und wählte erneut. Kam das Klingeln aus der Küche? Der Lichtfleck der winzigen Handylampe huschte über Schränke, einen Tisch und zwei Stühle. Schranktüren standen offen, im Kühlschrank moderten mumifizierte Essensreste. Angewidert wandte sie sich ab und kehrte in die Diele zurück.
Durch die geöffnete Haustür strich ein nasskalter Wind ins Haus. In der mit Brettern verkleideten Seitenwand der Treppe, die ins Obergeschoss führte, bewegte sich knarrend eine niedrige Tür. Sie wählte erneut Marcs Nummer und wartete auf eine Antwort. Kurz darauf hörte sie die vertraute Tonfolge – lauter, dann wieder leise. Die Lautstärke schwankte im Takt der in der Zugluft schwingenden Kellertür, bis die Melodie plötzlich verstummte. War die Leistung des Akkus nach vier Tagen Dauerbetrieb erschöpft?
Sandra näherte sich dem Bretterverschlag, zog ihn vorsichtig auf und blockierte die Tür mit einem gusseisernen Schirmständer. Ausgetretene Basaltstufen verloren sich in der Finsternis. Sollte sie auf Kai warten? Das Haus schien verlassen zu sein. Vielleicht war Marc verunglückt und lag hilflos dort unten in der Dunkelheit. Sie musste Gewissheit haben, fasste die abgebrochene Holzlatte fester und stieg entschlossen die Stufen hinab.
Am Fuß der Treppe fand sie das Handy. Es lag halb versteckt unter einem Regal mit Einmachgläsern, deren Inhalt aussah wie die Organsammlung eines Pathologen. Sie hob es auf und steckte es ein. Wenn sie es aufgeladen hatte, würden seine letzten Anrufe möglicherweise Antworten bringen. Das Telefon deutete darauf hin, dass er hier gewesen war – es vielleicht noch immer war.
Der Keller erwies sich als Labyrinth und erstreckte sich offenbar auch unter den Schuppen. Einige der Räume waren mit Gerümpel vollgestopft, die meisten leer. Schließlich entdeckte sie eine Tür, die sich von allen anderen deutlich unterschied. Sie war aus massiven Bohlen gezimmert, mit starken Angeln versehen und drei großen Stahlriegeln verschlossen. In das Holz hatte jemand mit eckigen Buchstaben „Die Tür zum Januar“ eingeritzt.
Mit zitternden Fingern zog sie die Riegel aus den Halterungen. Die Tür schwang auf. Vier Stufen führten in einen düsteren Keller hinab. Sandra schrie entsetzt auf. Was sie sah, sollte sich für immer in ihr Gedächtnis brennen.
2
Koblenz hatte sich nicht verändert, seit Helen der Stadt den Rücken gekehrt hatte. Das Verkehrschaos schien sogar noch größer geworden zu sein. Es gab unzählige Baustellen, Staus und Umleitungen. Nachdem sie dreimal das Karree zwischen dem Deutschen Eck, dem Polizeipräsidium am Moselring und der gesperrten Pfaffendorfer Brücke im Süden umrundet und erfolglos nach einem Parkplatz Ausschau gehalten hatte, stellte sie ihren roten Fiat Spider im Halteverbot am Peter-Altmeier-Ufer ab.
Der Ort, den sie aufsuchen wollte, lag ganz in der Nähe. Was sie zu erledigen hatte, würde nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, war aber ein wichtiger erster Schritt in ihrem neuen Lebensabschnitt. Unangenehme Angelegenheiten aufzuschieben, entsprach nicht ihrer Wesensart, daher brachte sie die Sache am besten sofort hinter sich. Der kurze Trip in die Vergangenheit würde zeigen, ob sie überhaupt in der Lage war, dauerhaft zu bleiben. Für diese Erkenntnis war es reichlich spät, aber bisher hatte sie alles, was damit zusammenhing, verdrängt, weil sie den Job, den man ihr angeboten hatte, unbedingt haben wollte.
Die Plastiktüte in ihrer Jackentasche knisterte, als sie blind drei Gummibärchen auswählte und einzeln zwischen die Lippen steckte. Wie immer, wenn sie nervös war, versuchte sie, die Farben am Geschmack zu erkennen: Grün, Orange und Rot. Die letzten beiden waren schwer auseinanderzuhalten, wenn man sich nicht konzentrierte. Mochte die alte Angewohnheit auch albern anmuten, Helen half es, sich auf das Wesentliche zu fokussieren.
Entschlossenen überquerte sie das spitz zulaufende Dreieck des Deutschen Ecks und betrat das Rasenstück hinter dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Die angrenzenden Bäume leuchteten bereits in ihren Herbstfarben. Vom Westerwald her strich ein kalter Wind über die Stadt und fuhr mit eisiger Hand durch die Kronen der Platanen.
Helen schlug den Kragen ihrer Lederjacke hoch. Bilder tauchten auf, Erinnerungen kehrten zurück. Es war unerträglich schwül gewesen an jenem Abend vor neun Jahren, als sie dem Maskenmann eine Falle stellten. Sie hatten den Einsatz akribisch geplant, und doch endete er in einer Katastrophe. Ein Gewittersturm brach los und löste das Drama aus, dessen erster Akt sich hier abgespielt hatte.
Nach wenigen Schritten stand sie vor der rostigen, von Büschen teils überwucherten Eisenplatte, die den Einstieg in die Koblenzer Unterwelt markierte: ein Labyrinth aus Tunneln, ehemaligen Bunkern und Kavernen, das sich unsichtbar unter der Stadt erstreckte. Sie dachte an das Mädchen, dessen Tod sie nicht hatte verhindern können. Der Einsatz, bei dem sie die junge Frau als Lockvogel eingesetzt hatte, war gründlich aus dem Ruder gelaufen und hatte dazu geführt, dass sie selbst in die Gewalt des Serienkillers Roland Kaminsky geraten war. Helen versuchte, sich an den Namen des Mädchens zu erinnern, doch er wollte ihr nicht einfallen. Die toten Augen zu vieler Opfer von Gewaltverbrechen verfolgten sie bisweilen in ihre Träume.
„Der Täter kehrt immer an den Ort des Verbrechens zurück, nicht wahr?“
Helen wandte sich um. Am Rand der Wiese stand ein Mann in einem hellblauen Jogginganzug. Sein dunkelblondes Haar klebte verschwitzt am Schädel. Sie verbarg ihre Überraschung und ging sofort zum Angriff über, als ihr klar wurde, wer sie angesprochen hatte. Der Name des Mädchens mochte ihr entfallen sein; die spröde Stimme mit dem spöttischen Unterton war ihr im Gedächtnis geblieben. Vermutlich hatte er sie bereits eine ganze Weile beobachtet. Sie fühlte sich ertappt und ärgerte sich darüber, dass er ihre Anwesenheit an diesem Ort als Schwäche auslegen würde.
„Ich bin eine von den Guten, schon vergessen, Dr. Kiesner? Ich verübe keine Verbrechen, sondern verfolge diejenigen, die sie begehen.“
Er schlenderte auf sie zu. „Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, gehören Sie zur Kategorie der Opfer.“
„Wo haben Sie denn Ihre Fliege gelassen? In dem Babystrampler hätte ich Sie fast nicht erkannt. Oder sind Sie inkognito unterwegs, um Material für Ihre oberflächlichen Gutachten zu sammeln?“
Kiesner blickte pikiert an sich herab. „Weder noch“, erwiderte er. „Unser Zusammentreffen ist rein zufälliger Natur.“
Sie musterte ihn aufmerksam. Kiesner war gealtert. Das Haar lichtete sich an den Schläfen. Sein Teint hatte eine ungesunde Farbe; als hätte ein ungeschickter Maler eine graue Wand mit roter Tünche überstrichen. Die herabhängenden Mundwinkel verliehen seinem Gesicht einen bitteren Zug. Der ehemalige Polizeipsychologe stellte die gleiche, blasierte Miene zur Schau wie damals. Die wenigen Sätze, die sie gewechselt hatten, reichten, um ihr klarzumachen, dass sich an ihrem angespannten Verhältnis nichts geändert hatte. Kiesner gab ihr noch immer die Schuld am Tod ihres Kollegen Ralf König. Ob er die Chance gekommen sah, es ihr heimzuzahlen? Arbeitete er etwa weiterhin als Psychologe bei der Koblenzer Polizei?
„Wie wäre es mit einem Neustart?“, fragte sie. „Oder ziehen Sie es vor, da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben?“
Kiesner lächelte schmal. „Ich sehe, Sie haben sich nicht verändert, Frau Stein. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, sind impulsiv und neigen zu vorschnellen Handlungen.“
Sie vergrub die Hände in den Taschen ihrer Jacke, damit er nicht sah, dass sie zornig die Fäuste ballte.
„Sie tragen mir also immer noch die alte Geschichte nach.“
Er schüttelte unmerklich den Kopf. „Kaum zu glauben, dass Sie nach Koblenz zurückgekehrt sind. Die große Helen Stein, jüngste und – ihrer eigenen Auffassung nach – beste Profilerin Deutschlands.“
„Diesen Lorbeerkranz habe ich mir nicht selbst aufgesetzt. Meine Aufklärungsquote beweist, dass ich gute Arbeit abliefere. Nur darum geht es. Ich bringe exzellente Empfehlungen mit. Oder stellen Sie die Wahl des Innenministers infrage?“
„Noch leiten Sie die KI 2 nur kommissarisch, vergessen Sie das nicht. Leider ist Ziegler aufgrund der Personalnot gezwungen, mit Ihnen vorliebzunehmen.“
„Glauben Sie, was Sie wollen. Sie werden nicht verhindern, dass ich den Job behalte. Der Polizeipräsident von Koblenz und der Personalrat haben meiner Einstellung zugestimmt. Vergessen Sie außerdem Starbacher nicht.“
„Sein Einfluss ist inzwischen mehr als gering.“
„Warten Sie es doch ab.“
Helen stapfte verdrossen über die Wiese. Dass sie ausgerechnet auf Kiesner treffen musste, war ein schlechtes Omen.
„Da wäre noch eine Kleinigkeit, Frau Stein“, rief er ihr nach.
Sie blieb stehen und drehte sich um. „Was denn?“
„Wir beide haben einen Termin. Morgen Mittag Punkt 12:00 Uhr in meinem Büro im Präsidium. High Noon sozusagen.“
„Ich wüsste nicht, wozu das gut sein soll.“
„Ihre psychologische Begutachtung steht noch aus. Wir wollen herausfinden, ob Sie für den Job überhaupt geeignet sind.“
Ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich.
„Das Auswahlverfahren ist abgeschlossen“, entgegnete sie.
„Vorläufig, Frau Stein, vorläufig. Ich kann es kaum erwarten, Ihnen auf den Zahn zu fühlen. Nebenbei, was haben Sie beruflich gemacht, seit Sie damals weggelaufen sind?“
„Ich bin nicht weggelaufen. Es war meine Aufgabe, als Profilerin dort zur Verfügung zu stehen, wo ich gebraucht werde.“
„Haben Sie meinen Rat befolgt und sich einer Therapie unterzogen?“
„Mir fehlt die Zeit für solchen Psychoquatsch. Ich löse Mordfälle, das ist Heilung genug.“
„Sie heilen andere, weil Sie davor zurückschrecken, sich Ihren eigenen Narben zu stellen. Ich halte Sie nach wie vor für eine tickende Zeitbombe.“
Helen schnaubte durch die Nase. „Sind Sie sicher, dass nicht Sie es sind, der einen Therapeuten braucht?“
„Geben Sie es ruhig zu. Sie jagen Verbrecher wie Kaminsky und Veit, um Ihr Trauma immer wieder zu durchleben; in der Hoffnung, dass Sie es dadurch umgestalten, neu erzählen und schließlich verarbeiten.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ihre Verbitterung steht Ihnen im Weg, um mich sachlich beurteilen zu können. Sie sind befangen, Dr. Kiesner. Ich werde gegen Ihre Begutachtung Beschwerde einlegen, noch bevor Sie einen Satz zu Papier gebracht haben.“
„Das wird schwer möglich sein. Die Anweisung kommt unmittelbar von Ihrer vorgesetzten Dienststelle, dem LKA Mainz, Dezernat 44, Gewalt- und Sexualdelikte. Leiter der Abteilung ist Kriminaldirektor Berthold Kain, den Sie in guter Erinnerung haben dürften. Es wird nicht bei einem ersten Gespräch bleiben, Frau Stein. Meine Aufgabe ist es, Sie sechs Wochen lang zu beobachten und – falls es nötig sein sollte – einzugreifen. Ich kann Ihnen versprechen, dass ich diesen Auftrag sehr gewissenhaft erfüllen werde.“
Helen presste die Lippen zusammen und schluckte eine giftige Erwiderung herunter. Erst Kiesner und dann auch noch Kain! Einen schlechteren Start hätte sie gar nicht erwischen können. Sie würde viele Gummibärchen brauchen, um diese Nachricht verarbeiten zu können.
„Tun Sie, was Sie wollen. Und jetzt entschuldigen Sie mich“, sagte sie. „Bis zu meinem Dienstantritt am Montag habe ich noch eine Menge zu erledigen.“
Sie drehte sich auf dem Absatz um und eilte zu ihrem Wagen. Der Ärger über die schlechten Nachrichten brannte heiß in ihrem Bauch.
Alles hatte mit Starbachers Anruf begonnen, der ihr den Tipp gegeben hatte, dass die Leitung der neuen Kriminaldirektion 2 vakant war. Bei ihrem Einstellungsgespräch mit Ziegler, dem Polizeipräsidenten und dem Personalrat war Kiesner mit keinem Wort erwähnt worden. Und was Kain betraf: Er war die Karriereleiter hochgefallen, noch bevor sich auch Helen entschlossen hatte, Koblenz zu verlassen. Als sie zugesagt hatte, die Leitung der KI 2 zu übernehmen, war sie davon ausgegangen, dass er dem LKA längst den Rücken gekehrt hatte. Gerüchten zufolge strebte er eine politische Karriere an. Wie man sich doch täuschen konnte! Sie hätte sich besser informieren sollen. Die Polizei war eine große Familie, in der man sich immer wieder mal über den Weg lief.
Nachdenklich kehrte sie zum Peter-Altmeier-Ufer zurück. Sie hatte das alte Team vermisst – den tapsigen Horst Bender, den loyalen Andreas Kreutz und den schweigsamen Karsten Engelhardt. Zweifel hatten sie geplagt, ob ihre Entscheidung richtig war, doch am Ende hatte das Heimweh gesiegt. Nun war sie hier und musste mit dem zurechtkommen, was sie vorfand.
Hinter dem Scheibenwischer des Spiders flatterte ein Strafzettel im Wind. Ärgerlich steckte sie ihn in die Jackentasche. In düsterer Stimmung machte sie sich auf den Weg zu Georg Starbacher. Ihr früherer Vorgesetzter hatte ihr für den Übergang die Souterrainwohnung seines Wohnhauses in Simmern angeboten, in der bis vor Kurzem seine Tochter gewohnt hatte, die nun in Marburg studierte. Helen war froh gewesen, angesichts des angespannten Wohnungsmarkts rasch eine Bleibe gefunden zu haben.
Da der alte Fiat Spider kein Navi besaß, war sie auf die Informationen ihres Smartphones angewiesen. Sie tippte die Adresse ein und stöhnte, als ihr zwei unterschiedliche Routen angezeigt wurden. Beide erwiesen sich als große Umwege, weil die Pfaffendorfer Brücke – die kürzeste Verbindung zur rechten Rheinseite und damit zu den Ausläufern des Westerwalds – wegen eines Brückenneubaus für den Autoverkehr gesperrt war. Die morgendliche Fahrt in die City würde nun noch länger dauern, als sie eingeplant hatte.
Es dämmerte bereits, als sie eine halbe Stunde später in dem kleinen Ort aus dem Wagen stieg. Ingrid Starbacher öffnete ihr die Tür, eine resolute Frau Anfang sechzig, die die Schrullen ihres Mannes mit der nötigen Geduld ertrug. Sie führte Helen in ein gemütliches Wohnzimmer. Ein Kachelofen spendete wohlige Wärme. Georg Starbacher wandte ihr den Rücken zu und legte gerade Feuerholz nach. Als er sie kommen hörte, wirbelte er seinen Rollstuhl herum und strahlte von einem Ohr zum anderen. An ihm sah das stets aus, als zerbeiße er Kieselsteine.
„Helen! Wie schön, dass du endlich da bist. Ich freue mich, dich zu sehen.“
Er drückte ihre Hand so fest, dass sie zusammenzuckte. Sanft zog er sie zu sich herab, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als die Umarmung zu erwidern.
„Ingrid, mach uns doch bitte einen Tee“, rief er. „Es ist kalt heute, das Mädchen muss ganz durchgefroren sein.“
Starbachers Herzlichkeit vertrieb für den Augenblick Kiesners Drohungen und die Gedanken an die Widrigkeiten, die ihr bevorstanden.
„Ein Mädchen von dreiundvierzig Jahren“, antwortete sie und lachte. „Du solltest mich nicht mehr so nennen.“
„Alte Gewohnheiten kann man nur schwer ablegen. Lass dich anschauen.“ Er betrachtete sie forschend. „Du trägst das Haar kürzer. Die Frisur steht dir.“
„Es war an der Zeit, die alten Zöpfe abzuschneiden.“
„Setz dich doch.“ Er runzelte besorgt die Stirn. „Du machst ein Gesicht, als wolltest du am liebsten sofort wieder abreisen. Ich dachte, du freust dich auf deinen neuen Job.“
Sie nahm in einem der beiden Sessel Platz.
„Ich hatte einen schlechten Start.“
Sie berichtete von ihrer Begegnung mit Kiesner. Starbacher rieb sich missvergnügt das Kinn.
„Ich wusste nicht, dass er wieder als Polizeipsychologe arbeitet. Ich hörte, dass er vor vier Jahren in die Privatwirtschaft wechselte und als Mentalcoach für Unternehmen tätig war.“
Ingrid brachte ein Tablett mit Tee und Keksen. Helen bedankte sich und knabberte anstandshalber an dem Gebäck, obwohl sie keinen Hunger verspürte.
„Jedenfalls ist er zurück auf seinem alten Posten“, sagte sie. „Hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich mich nicht beworben. Von seiner Beurteilung wird abhängen, ob ich den Job überhaupt behalte. Meine Einstellung erfolgte nur kommissarisch.“
Starbacher schürzte die Lippen und trank einen Schluck Tee.
„Dahinter kann nur Berthold Kain stecken. Er spinnt seine Intrigen jetzt vom LKA in Mainz aus.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass sich unsere Wege noch mal kreuzen“, gab sie zu. „Unter ihm zu arbeiten, ist mehr als nur anstrengend.“
„Mmh. Dein unmittelbarer Vorgesetzter ist Thomas Ziegler, ihm unterstehen die drei Abteilungen der Kriminalinspektion Koblenz. Er ist ein guter Mann, mit ihm wirst du dich verstehen.“
„Kain und Kiesner können mir trotzdem Knüppel zwischen die Beine werfen.“
Starbacher lächelte zuversichtlich. „Es wird ihnen nicht gelingen, dich in Misskredit zu bringen. Was damals geschah, ist lange her. Du hast inzwischen bewiesen, dass du dem stressigen Polizeialltag gewachsen bist.“
„Du hast meine Beurteilungen gelesen?“
Er lächelte verschmitzt. „Ein oder zwei Verbindungen ins Präsidium habe ich noch. Ich muss doch wissen, was aus meiner besten Schülerin geworden ist.“
Helen verkniff sich eine Antwort und stellte ihre Tasse ab. Ich hoffe, ich enttäusche dich nicht, dachte sie.
„Wie steht es mit dem Rest der alten Truppe?“, fragte sie.
„Dein Team ist vollzählig. Bender und Kreutz können es kaum erwarten, dich zu unterstützen. Engelhardt ist immer noch beim SEK.“
Trotz des Ärgers empfand sie nun ein warmes Gefühl der Heimkehr.
„Du willst sicher die Wohnung sehen, nicht wahr?“, fragte Starbacher.
Helen stand auf. „Ich wollte dich gerade darum bitten. Die Fahrt hierher war lang. Ein bisschen Ruhe könnte nicht schaden.“
Ihr Blick streifte den Rollstuhl, was dem alten Mann nicht verborgen blieb.
Er lächelte. „Keine Sorge. Ich übernehme das persönlich, schließlich haben wir jetzt einen Aufzug. Komm mit. Ich zeige dir dein neues Zuhause.“
„Was macht die alte Verletzung?“, fragte sie.
„Ich arrangiere mich damit, wie du siehst.“
Auf dem Weg zur Souterrainwohnung im Untergeschoss klingelte ihr Handy. Sie meldete sich.
„Hier spricht Thomas Ziegler. Man hat mich darüber informiert, dass Sie bereits heute in Koblenz angekommen sind, Frau Stein. Herzlich willkommen.“
Kiesner hatte die Neuigkeit also schon herumgetratscht.
„Ich richte mich gerade ein“, sagte sie.
„Nun, ich weiß, Ihr Dienst beginnt offiziell erst am Montag. Mir wäre allerdings sehr daran gelegen, wenn ich Sie schon heute in Anspruch nehmen könnte.“
„Kein Problem. Wie kann ich helfen?“
„Wir haben einen ungeklärten Leichenfund in einem kleinen Ort im Westerwald. Ich würde es begrüßen, wenn Sie die Angelegenheit übernehmen.“
„Okay, das lässt sich machen. Schicken Sie mir die Adresse auf mein Smartphone.“
„Der Tatort ist Ihnen bekannt. Es handelt sich um das Gehöft, das Achim Veit bewohnte.“
Helen presste das Telefon so fest zusammen, dass das Plastik knirschte. War es ein teuflischer Zufall, dass ihr erster Fall sie dorthin führte, wo es vor neun Jahren geendet hatte … oder steckte mehr dahinter? Bei der Vorstellung, Veits Haus wieder zu betreten, flutete Panik durch ihren Körper.
3
Helen brauchte vierzig Minuten, um die Zufahrt des alten Gehöfts zu erreichen. Je näher sie dem Ort des Grauens kam, desto schärfer wurden die vergessen geglaubten Bilder: der Keller, die Katzen und Veits verrückter Singsang. Mit der Erinnerung kehrte die Angst zurück.
Als sie den mit Schlaglöchern übersäten Wirtschaftsweg entlangfuhr, brach die Nacht herein – mondlos, kalt und tintenschwarz. Die Scheinwerfer ihres Spiders bohrten Speere aus Licht in die Finsternis, silbrige Regentropfen tanzten darin wie Glühwürmchen in einem Wirbelsturm. Wütend darüber, dass Veit noch immer Macht über sie besaß, trat sie auf das Gaspedal und trieb den Wagen die holprige Straße entlang.
Jede einzelne Sekunde der vierundzwanzig Stunden, die sie in seinem Keller gefangen gewesen war, hatte ihr Gedächtnis bewahrt; unzugänglich für ihr Wachbewusstsein und doch lauernd wie ein Sturm hinter dem Horizont, der jederzeit losbrechen und sie hinwegfegen konnte.
Helen formte die aufsteigende Panik in Zorn um, in Wut auf Veit und die Wunden, die er ihrer Seele zugefügt hatte. Niemals würde sie zulassen, dass Kiesner recht behielt. Sie war zurückgekehrt, um sich selbst zu beweisen, dass sie stark genug war, mit der Vergangenheit abzuschließen. Der Käfig, in den sie die Monster ihrer Albtraumnächte gesperrt hatte, öffnete sich jedoch unerwartet leicht und schnell. Sie fühlte sich unvorbereitet und entwaffnet, bevor der Kampf überhaupt begonnen hatte. Unentwegt hämmerte sie sich ein, dass es keinen Grund gab, sich vor Veit zu fürchten. Er war tot und begraben. Sein Komplize saß lebenslang in der JVA Koblenz ein. Was immer sie in diesem Haus erwartete, es hatte nichts mit den Ereignissen vor neun Jahren zu tun.
Sie gelangte an eine Weggabelung und trat heftig auf die Bremse. Die Zufahrt zum Hof war bereits damals unwegsam gewesen, inzwischen war sie für den Spider beinahe unpassierbar. Weit vor ihr fetzte Blaulicht zwischen den kahlen Bäumen. Die Antriebsräder drehten in dem schlammigen Untergrund durch und fanden nur widerwillig Halt, als sie zu heftig beschleunigte.
Nach hundert Metern mündete der Weg in einen mit grobem Schotter bedeckten Wendehammer. Drei Streifenwagen, ein Notarztwagen und ein Transporter der Kriminaltechnik schirmten das baufällige Haus ab. Zwei uniformierte Polizisten waren damit beschäftigt, ein Absperrband zu spannen. Etwas abseits am Waldrand stand ein weiterer Wagen: ein schwarzer SUV mit dem Kennzeichen des Rhein-Lahn-Kreises.
Helen stellte den Motor ab und zögerte. Sie hatte es so gewollt. Die Reise in die Unterwelt ihrer Psyche begann. Jetzt.
Sie stieg aus und ging auf das verrottete Gartentor zu. Scheinwerfer tauchten die Szenerie in gleißendes Licht. Unbeeindruckt von dem Chaos ringsum kauerte ein zerzauster, schwarzer Kater auf einem steinernen Zaunpfeiler und starrte sie an. Vier Katzen kauerten unter einer Bank auf der Veranda. Aus dem nachtschwarzen Loch des Schuppens neben dem Haus funkelten weitere Augenpaare. Sie hatte nie herausgefunden, was es mit den Tieren auf sich hatte. Auf Veits Hof hatte es mehr als ein Dutzend gegeben; sie mussten sich inzwischen stark vermehrt haben und schienen zu einer Plage geworden zu sein.
Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf: Achim Veit saß auf den Stufen, die zum Keller hinunterführten, liebkoste eine der Katzen und schnitt ihr völlig unerwartet die Kehle durch. Dann riss er ihr das Herz aus dem Leib und aß es. Einen schrecklichen Augenblick lang verschwamm sein Gesicht mit dem des Katers auf dem Zaunpfahl, als wäre Veits irre Seele in ihm reinkarniert.
Von seinem herausfordernden Blick angestachelt, klatschte sie in die Hände. Er reagierte nicht und starrte sie aus Augen an, die in der Dämmerung funkelten wie Smaragde. Erst als sie ihn fast berührte, zeigte er beleidigt die Fangzähne und sprang von seinem Thron.
Aufgeputscht von ihrem albernen Sieg, ging sie den mit Unkraut überwucherten Gartenweg entlang. Sie durfte nicht zulassen, dass die Vergangenheit ihre Konzentration beeinträchtigte. Ihre alten Gegner warteten nur darauf, dass sie einen Fehler machte.
Unvermittelt wurde die Eingangstür aufgerissen. Sie schlug gegen die Wand der Diele, das vergilbte Milchglas zersprang klirrend. Helen war wie gelähmt. Die untersetzte Gestalt in dem weißen Schutzanzug, die ihr im letzten Moment auswich, verwandelte sich eine Schrecksekunde lang in Azrael, Veits Komplizen, der ihn mental kontrolliert und für seine Zwecke missbraucht hatte. Sie brauchte endlose Sekunden, bis sie realisierte, dass ihr keine Gefahr drohte. Der Flüchtende wich ihr aus, stützte sich auf das morsche Geländer und übergab sich in den Hof. Die Spannung entlud sich in lautem Gelächter.
„Kotzt du immer noch jeden Tatort voll, Bärchen?“, fragte sie.
Bender wischte sich über den Mund und grinste.
„Helen. Mensch, tut das gut, dich zu sehen.“
„Hi!“
Sie drehte sich um. Andreas Kreutz stand in der offenen Tür. Sein Haar war schütter geworden und von grauen Strähnen durchzogen. In seinen Augenwinkeln hatten sich Krähenfüße eingegraben, die nun, als er herzlich lächelte, einen hellen Kontrast zu seiner gebräunten Haut bildeten. Er breitete die Arme aus.
„Komm her, und lass dich umarmen.“
Helen nahm das Angebot freudig an. Es fühlte sich gut an, wieder Teil des alten Teams zu sein. Ein bisschen beschämt löste sie sich von ihm.
„Werdet mir bloß nicht sentimental.“
„Wir freuen uns auch, dich zu sehen“, erwiderte er, „nicht wahr, Horst?“
Bender nickte und lächelte verlegen. Er war kalkweiß.
„Ich … muss was trinken. Bin gleich wieder da.“
„Es scheint sich nichts geändert zu haben, seit ich fort war“, sagte sie kopfschüttelnd. „Ich werde nie begreifen, was ihn zur Mordkommission getrieben hat. Sein Magen ist viel zu empfindlich, um den Anblick einer Leiche zu verkraften.“
Kreutz runzelte die Stirn. „Was dich da drin erwartet, kann einem wahrhaftig den Appetit verderben.“ Er betrachtete sie prüfend. „Kaum bist du zurück, führt dich dein erster Weg in dieses verfluchte Haus. Ich riet Ziegler davon ab, dich sofort einzubinden, aber er bestand darauf, dass du die Ermittlungen leitest. Schaffst du das?“
Sie fuhr sich nervös durch das Haar.
„Warum nicht? Ich mache meinen Job, so gut ich kann, daran ändert die Vergangenheit nichts.“
„Kiesner ist zurück“, sagte er.
„Ich hatte bereits das Vergnügen, ihn zu treffen.“
Kreutz nickte ernst. „Er hat nie vergessen, was bei der Aktion in dem alten Bunker damals passierte.“
„Das ist sein Problem.“
„Er wird es zu deinem machen. Und das ist nicht alles, was er dir vorwirft.“
„Reicht es nicht, dass er mir die Schuld an Königs Tod gibt?“
„Er war der Neffe seiner Frau, vergiss das nicht. In ihm hat sich ’ne Menge angestaut.“
„Woher weißt du das?“
„Die Leute reden eben.“
„Lass sie quatschen. Schieß los, was ist passiert?“
„Komm mit, ich zeig’s dir.“
Helen streifte die Schutzkleidung über, die Kreutz ihr reichte, und betrat hinter ihm das alte Haus. Der Bretterverschlag, durch den sie damals geflohen war, stand offen. Mühsam kämpfte sie die aufsteigende Panik nieder und konzentrierte sich auf Kreutz’ Bericht.
„Wir haben es mit einer weiblichen Leiche zu tun“, erklärte er, während sie in den Keller hinabstiegen. „Etwa Mitte zwanzig.“
„Gibt es Hinweise auf einen gewaltsamen Tod?“
„Kann man wohl sagen. Schau’s dir selbst an.“
Der Bereich am unteren Ende der Treppe war hell erleuchtet. Die mit starken Eisenbändern und Riegeln versehene Tür war weit geöffnet. Vier Stufen führten hinab in einen Kellerraum, dessen feuchte Wände aus rohen Bruchsteinen gemauert waren. Das Bett mit der verschimmelten Matratze, an das Veit sie gefesselt hatte, stand noch an seinem Platz. Die Kette lag neben einem der Bettpfosten, zusammengerollt wie eine schlafende Kobra. Selbst der eingetrocknete Blutfleck auf der Stufe, wo er die Katze getötet hatte, war noch zu sehen. Helen brach kalter Schweiß aus.
Ich brauche nur Mut für den nächsten Schritt, redete sie sich ein, nicht für den ganzen Weg. Immer schön langsam einen Fuß vor den anderen setzen.
Auf dem gestampften Lehmboden des Kellers erwartete sie die Tote. Sie war nackt und lag seit mindestens drei bis vier Tagen hier. Unter der Haut war ein grünlich braunes Netz aus Venen sichtbar, dazu ausgeprägte Totenflecke. Ein süßlich fauler Geruch schwebte in der Luft. Kreutz reichte ihr eine Schutzmaske, die sie ablehnte. Ohne Aktivkohlefilter war die einfache Maske so gut wie nutzlos. Was Benders Magen überfordert hatte, war ein Anblick, der auch für sie nur schwer zu ertragen war: Im Brustkorb der Toten klaffte ein Loch. Das Herz fehlte.
Instinktiv wich Helen zurück und stieß auf Widerstand. Jemand umfasste ihre Taille und hielt sie fest. Die unerwartete Berührung war zu viel. Sie unterdrückte mühsam einen Schrei, befreite sich entschieden und fuhr herum. Vor ihr stand ein hochgewachsener, schlanker Mann von annähernd fünfzig Jahren. Seine Augen hatten die Farbe von schmutzigem Eis und passten zu seinem dichten, silbergrauen Haar. Sein Teint wies eine gesunde Bräune auf, als hielte er sich oft in der Sonne auf – die wettergegerbte Haut eines Seglers oder Bergsteigers. Er wirkte äußerst vital und seltsam fehl am Platz im Angesicht der schrecklich zugerichteten Leiche. Ihre heftige Reaktion schien ihn verunsichert zu haben. Zögernd streckte er die Hand aus.
„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Wenn Sie erlauben, mich vorzustellen? Dr. Frank Hehl, Rechtsmedizin Mainz, Außenstelle Koblenz. Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Frau Stein, nehme ich an?“
„Die bin ich.“
Mechanisch ergriff sie seine Hand. Hehl hatte einen festen, aber angenehmen und warmen Händedruck.
„Seit wann haben wir in Koblenz eine Rechtsmedizin?“, fragte sie.
Hehl lächelte. „Vor drei Monaten beschloss man im Innenministerium, eine zusätzliche Planstelle einzurichten. Als ich hörte, dass Sie sich um die Leitung der neuen K2 bemühten, bewarb ich mich ebenfalls.“
„Ich verstehe nicht ganz.“
Er betrachtete neugierig die Leiche, als könne er kaum erwarten, sie zu untersuchen. Erst dann lieferte er eine Erklärung.
„Ich musste des Öfteren erleben, dass meine Arbeit durch inkompetente und schlampige Ermittlungen entwertet wurde. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Frau Stein. Ich habe die Fälle Kaminsky und Veit studiert und bin beeindruckt von Ihren Erfolgen.“ Er zwinkerte ihr zu. „Forensik, Profiling und kriminalistischer Spürsinn sollten im Idealfall eine perfekte Symbiose ergeben. Ich glaube, dass wir uns wunderbar ergänzen werden. Daher freue ich mich auf eine interessante und fruchtbare Zusammenarbeit.“
Bender tauchte in der Tür zum Keller auf und verdrehte hinter Hehls Rücken in gespielter Verzweiflung die Augen. Ohne Worte machte er ihr klar, dass er ihn für einen überdrehten Spinner hielt. Helen verkniff sich ein Grinsen. Die Erkenntnis, dass sie sich noch immer blind verstanden, tat gut. Wie sich der steife Rechtsmediziner in das Team einfügte, würde man abwarten müssen.
„Dann zeigen Sie mal, was Sie können“, sagte sie.
Hehl beugte sich interessiert über die Tote und unterzog sie einer ersten Untersuchung. Er stellte einen Aluminiumkoffer ab und klappte ihn auf.
„Wir haben hier eine weibliche Leiche, etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Sie wurde vor circa vier Tagen abgelegt“, dozierte er. „Auffallendstes Merkmal ist das fehlende Herz.“
„Wie bei Veit“, sagte Kreutz.
Helen fuhr gereizt herum. „Er ist tot, schon vergessen?“
Ihre Stimme kippte beinahe über. Sie griff in die Tasche ihrer Jacke und steckte sich ein Gummibärchen in den Mund. Kreutz schüttelte den Kopf.
„Dass du bei dem Gestank etwas essen kannst.“
Sie kaute demonstrativ auf dem Fruchtgummi herum.
„Gelatinescheiße regt mein Denkvermögen an.“
Plötzlich lachten sie alle – Bender, Kreutz und Helen. Nur sie drei kannten die Bedeutung dieses Witzes. Die vergangenen neun Jahre schmolzen zu einem Augenblick zusammen, sie waren noch immer ein Team. Es kam ihr vor, als wäre sie nie fort gewesen. Hehl dagegen zog pikiert die Mundwinkel herab.
„Ein bisschen mehr Respekt vor der Toten bitte“, sagte er.
Helen musste sich zusammenreißen, um nicht erneut loszuprusten. Kreutz half ihr, sich wieder auf ihre Aufgabe zu konzentrieren.
„Okay, wir haben es möglicherweise mit einem Nachahmungstäter zu tun“, sagte er. „Vielleicht ein Verrückter, der sich für die Wiedergeburt dieses Monsters hält.“
Hehl fuhr mit seiner Untersuchung fort. Er summte leise eine Melodie, als beschäftigte er sich nicht mit einem Mordopfer, sondern würde sich die Zeit mit einem Puzzle vertreiben. Die Tonfolge weckte in Helen eine Erinnerung, die sie mit Unruhe erfüllte, aber sie konnte beim besten Willen nicht sagen, wo und wann sie sie schon einmal gehört hatte.
„Wenn der Mörder ihr das Herz herausgeschnitten hat, müssten wir dann nicht auf viel mehr Blut stoßen?“, fragte Bender. „Da ist nicht mal ein Fleck auf dem Boden.“
„Gut beobachtet“, erwiderte Hehl. „Dies ist nicht der Tatort.“
„Was uns zu der Frage führt, warum er sich die Mühe gemacht hat, die Leiche hierherzubringen“, überlegte Helen.
„Das stützt meinen Verdacht, dass er einen Bezug zu Veit herstellen will“, sagte Kreutz.
„Würden Sie mir bitte die große Pinzette reichen?“
Helen warf einen Blick in den Aluminiumkoffer, streifte ein Paar Latexhandschuhe über und gab ihm das Gewünschte. Kurz darauf richtete sich Hehl auf und präsentierte einen Gegenstand, den er aus der Brusthöhle der Toten entnommen hatte. Es war ein Stein in der Form eines Herzens.
Bender kniff die Augen zusammen. „Was zum Teufel ist das?“
„Ein Herz“, antwortete Helen. „Ein Herz aus Stein.“
Bum, bum, du bist mein Herz, das schlägt.
Sie glaubte nicht an Geister, aber in diesem Augenblick war sie sicher, dass Veit sie beobachtete und sein irres Lachen hervorpresste.
Bender steckte den Stein in einen durchsichtigen Plastikbeutel.
„War sie schon tot, als er ihr das Herz herausgeschnitten hat, oder …?“ Helen ließ den zweiten Teil der Frage unausgesprochen.
„Um die Todesursache festzustellen, muss ich die Leiche erst genau untersuchen“, antwortete Hehl. „Ich spüre Ihre Ungeduld, Frau Stein. Verständlich und lobenswert, Sie brauchen schnelle Ergebnisse. Dennoch bitte ich um Geduld. Was ich bis jetzt sagen kann, ist, dass der Täter mit großer Präzision gearbeitet hat, gewissermaßen nach Anatomielehrbuch.“ Er betrachtete die Leiche wie ein Sammler, der einen aufgespießten Schmetterling studiert. „Er hat keinen Rippenspreizer verwendet. Eine solche Vorgehensweise wäre auch geradezu barbarisch. Wir haben es mit einem Künstler zu tun.“
„Das ist wohl eher das Werk eines Wahnsinnigen“, sagte Kreutz.
„Auch mir scheint der Vergleich unpassend“, entgegnete Helen.
Hehl warf ihr einen tadelnden Blick zu.
„Ich spreche von den chirurgischen Fertigkeiten des Täters, nicht von seiner Psyche oder seinen Motiven. Um das Herz eines Menschen zu entnehmen, ohne den Akt zu einer bloßen Metzelei verkommen zu lassen, bedarf es eines Vorgehens, das man durchaus als Kunstform bezeichnen kann. Ich möchte fast sagen, unser Mann hat ein Gespür für Ästhetik. Das Herz ist kein einfacher Muskelklumpen, sondern das Symbol des Lebens, der Sitz der Seele, und als solches hat er es behandelt. Ein präziser Schnitt unterhalb des Brustbeins ermöglichte einen eleganten Zugang zum Mediastinum, dem Raum, in dem das Organ ruht. Es ist der Weg des geringsten Widerstands, aber handwerklich äußerst anspruchsvoll.“
Kreutz schüttelte den Kopf. „Das ist ja krank. Sie klingen, als würden Sie den Kerl bewundern.“
„Nein, er hat recht“, erwiderte Helen. „Wir wissen nicht, was ihn antrieb, aber seine Vorgehensweise lässt auf seinen Charakter schließen. Er leidet mit hoher Wahrscheinlichkeit unter einer psychischen Störung, doch er muss auch hochintelligent sein und hat möglicherweise Medizin studiert. Das sind wichtige Anhaltspunkte.“
Hehl lächelte. „Brillant. Das ist es, was ich ausdrücken wollte. Ich wusste, dass wir uns auf Anhieb verstehen.“
Helen ging das Gequatsche auf die Nerven.
„Freuen Sie sich nicht zu früh. Wir haben es nicht mit einem faszinierenden Studienobjekt zu tun, sondern mit einem menschlichen Leben, das auf grausame Weise beendet wurde.“
„Selbstverständlich. Entschuldigen Sie, wenn meine Ausführungen Ihnen gefühlskalt erschienen. Doch wir müssen Distanz wahren, oder nicht? Kühle und objektive Beurteilung ist gefragt.“
„Überlassen Sie das Profiling mir“, antwortete sie gröber, als sie beabsichtigt hatte. Ihr Blick fiel auf ein auffälliges Detail.
„Ihr Kopf ruht auf einer Art Nackenstütze“, sagte sie, „beinahe liegt sie da wie auf einem Obduktionstisch.“
„In der Tat. Sehr interessant, nicht wahr? Was mag das bedeuten?“
„Ich weiß es nicht. Noch nicht.“
„Also haben wir es mit einem perversen Arzt oder Chirurgen zu tun?“, fragte Bender.
„Nicht unbedingt“, erwiderte Hehl. „Er könnte auch Student sein oder ein Laie, der sich das nötige Wissen angeeignet hat.“
Helen zwang sich, das mit eingetrocknetem Blut bedeckte Steinherz näher zu untersuchen.
„Da ist etwas eingraviert“, sagte sie.
Hehl nahm den Stein aus dem Beutel und wischte die Stelle vorsichtig sauber. Buchstaben kamen zum Vorschein.
„Ein V“, murmelte sie.
„V wie Veit“, sagte Bender.
„Schauen Sie, da ist noch mehr“, sagte Hehl. „Es ist kein Wort, es ist die Zahl Acht. Geschrieben als römische Ziffer VIII.“
„Warum nicht die Eins?“, überlegte Bender.
Alle schwiegen. Jeder schien zu ahnen, was das bedeutete.
„Veit hat fünf Frauen ermordet“, sagte Helen schließlich.
„Wenn wir es mit einem Verrückten zu tun haben, der seine Serie fortsetzt, müsste dies hier aber Nummer VI sein“, überlegte Kreutz.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Wir haben Opfer sechs und sieben noch nicht gefunden.“
„Scheiße“, stöhnte Bender.
„Das kannst du laut sagen.“
„Die Zahl könnte auch etwas anderes bedeuten“, gab Hehl zu bedenken.
„Was denn? Die Anzahl der Katzen, die ums Haus herumstreunen? Andi hat vermutlich recht. Jemand kopiert Veits Taten, und wir sind zufällig zuerst auf das dritte Opfer gestoßen.“
„Draußen wartet die Frau, die die Leiche entdeckt hat“, sagte Kreutz. „Vielleicht kann sie uns weiterhelfen.“
„Ich will sie sprechen.“
Helen hatte es plötzlich eilig, den verfluchten Keller zu verlassen. Ihr Blick streifte das Stahlrohrgestell mit der Matratze und der Eisenkette. Alles drehte sich um sie, Vergangenheit und Gegenwart vermischten sich zu einem Wirbel aus Angst, Wut und Schmerz. Sie kämpfte den Moment der Schwäche nieder und hoffte, dass niemand bemerkt hatte, wie nahe sie einer Panik gewesen war. Kreutz war nach oben gegangen, Hehl kniete neben der Leiche und untersuchte sie mit kindlicher Neugier, als stochere er in einem Ameisenhaufen.
„Helen?“, rief Bender. „Ich muss dir etwas zeigen.“
„Ich komme.“
Sie streifte den Schutzanzug ab und stieg die Stufen hinauf. Ihre Knie zitterten, Adrenalin durchflutete ihre Adern.
„Sieh dir das an.“
Mühsam konzentrierte sie sich auf das, was er entdeckt hatte. Jemand hatte eine Botschaft in die Brettertür geritzt.
Die Tür zum Januar.
„Stammt das von Veit?“
„Nein“, antwortete sie. „Das war damals noch nicht da.“
„Was soll das bedeuten? Man kann doch nicht durch eine Tür in eine bestimmte Zeit reisen.“
Die Kratzer setzten sich hell von dem altersdunklen Holz ab. Sie waren keine Woche alt.
„Ich weiß es nicht. Fotografiere die Tür. Vielleicht bringt uns eine Analyse der Handschrift weiter.“
Helen floh die ausgetretenen Steinstufen hinauf und trat ins Freie. Gierig sog sie die feuchtkalte Luft ein und wartete, bis sie wieder klar denken konnte. Langsam überquerte sie den Wendehammer und ging auf die Frau zu, die unruhig vor ihrem Wagen auf und ab lief und rauchte. Sie war Anfang dreißig, hatte schulterlanges, dunkles Haar und trug einen blauen Wintermantel.
„Mein Name ist Helen Stein. Ich leite die Ermittlungen und muss Ihnen einige Fragen stellen.“
Sie warf die Kippe in eine Pfütze. Ihre Hand zitterte.
„Ich bin Sandra Engel. Was wollen Sie wissen?“
„Was führte Sie hierher?“
„Ich suche meinen Mann. Er ist seit vier Tagen spurlos verschwunden.“
„Haben Sie eine Vermisstenanzeige aufgegeben?“
„Ja, aber seitdem ist nichts passiert. Also beschloss ich, selbst aktiv zu werden.“
„Was verbindet Ihren Mann denn mit diesem abgelegenen Ort?“
„Marc ist Journalist. Er hat das alte Haus fotografiert – dieses und andere verlassene Gebäude in der Umgegend.“
„Haben Sie das Bild dabei?“
Sie zeigte ihr ein Schwarz-Weiß-Foto. Helen drehte es um und las die Mitteilung auf der Rückseite.
Marion. Du bist mein Herz, das schlägt.
„Sie glauben, dass er eine Affäre hat und sich hier mit einer anderen Frau trifft?“
Sie zuckte mit den Schultern und zündete sich eine neue Zigarette an. „Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Dies ist nicht gerade ein romantisches Plätzchen für ein Stelldichein.“
Sie erklärte, wie sie auf das Handy ihres Mannes gestoßen war und die Leiche im Keller entdeckt hatte.
„Wissen Sie, warum er sich für das Haus interessierte?“
„Nein. Marc hat kaum über seine Arbeit gesprochen. Am besten reden Sie mit Kai Berger.“
„Wer ist das?“
„Ein Kollege meines Mannes. Er behauptet, Marc habe sich die Akten eines alten Mordfalls besorgt.“
„Nannte er einen Namen?“
„Weid oder …“
„Achim Veit?“
„Ja, ich glaube, so heißt er. Kai sagte, es habe einen Mittäter gegeben, der damals verhaftet wurde. Aber an seiner Schuld bestehen wohl Zweifel. Vielleicht ist Marc auf der Suche nach dem wahren Täter. Es kommt öfter vor, dass er tagelang unterwegs ist, um für eine Story zu recherchieren. Doch normalerweise meldet er sich regelmäßig.“
„Und das war diesmal nicht der Fall?“
„Nein. Ich habe Angst, dass ihm etwas zugestoßen ist. Aber die Polizei unternimmt ja nichts.“
„Das wird sich jetzt ändern. Ich lasse die Fahndung nach ihm einleiten.“
„Sie glauben doch nicht etwa, dass er etwas mit diesem schrecklichen Mord zu tun hat?“
„Im Augenblick möchte ich nur mit ihm sprechen, weil er ein wichtiger Zeuge sein könnte. Und Sie wollen ihn wohlbehalten zurück. Wie würden Sie denn Ihr Verhältnis beschreiben?“
„Was hat das mit seinem Verschwinden zu tun? Ich liebe meinen Mann.“
„Daran zweifle ich nicht. Ich frage mich nur, ob er das Gleiche für Sie empfindet. Immerhin scheint er Geheimnisse zu haben, die …“
„… beruflicher Natur sind. Die Konkurrenz ist groß, alle jagen der ultimativen Story nach.“
„Okay, das war’s erst mal“, sagte Helen. „Wenn ich noch Fragen habe, melde ich mich. Ich brauche das Handy, das Sie im Haus gefunden haben.“
„Es gehört meinem Mann.“
„Und es lag an einem Tatort, deshalb ist es für uns wichtig, es auszuwerten. Mit wem hatte er zuletzt Kontakt? In welcher Verbindung steht er zum Opfer? Wir brauchen Antworten auf diese Fragen. Das sollte auch in Ihrem Interesse sein.“
„In Ordnung.“
„Geben Sie es meinem Kollegen. Er wird Ihre Personalien aufnehmen und die Kontaktdaten von Kai Berger. Ich darf Sie außerdem bitten, sich im Polizeipräsidium in Koblenz zu melden. Wir müssen Sie erkennungstechnisch behandeln.“
„Wozu?“
„Falls die Kriminaltechnik Fingerabdrücke sicherstellen kann, sollten wir Ihre so schnell wie möglich zuordnen und ausschließen können.“
Helen blickte sich um. Bender überquerte in seinem Entengang den Platz.
„Haben Sie die Tote schon identifiziert?“, fragte Sandra.
„Nein.“
„Könnte es die Frau sein, deren Namen Marc auf dem Foto notiert hat?“
„Das werden die weiteren Ermittlungen ergeben. Fahren Sie nach Hause, und verarbeiten Sie erst einmal den Schock. Ich verspreche Ihnen, wir unternehmen alles, was in unserer Macht steht, um Ihren Mann zu finden. Eine letzte Frage noch: Sagt Ihnen ‚Die Tür zum Januar‘ etwas?“
„Sie sprechen von dem Satz, den jemand in die Kellertür geritzt hat.“
„Es ist Ihnen auch aufgefallen?“
„Ja, aber ich weiß nicht, was das sein soll. Kann ich jetzt gehen?“
„Natürlich. Vergessen Sie nicht, Ihre Kontaktdaten anzugeben.“
„Können Sie so lange auf Flo aufpassen?“
Erst jetzt bemerkte Helen einen etwa achtjährigen Jungen auf dem Rücksitz.
„Klar.“
Sandra ging zu Bender hinüber, um ihre Angaben zu machen. Helen öffnete die Wagentür. Neben dem Jungen saß ein Golden Retriever, der sie warnend anknurrte.
„Hi“, sagte sie. „Ich bin Helen. Wie heißt du?“
Flo schaute kurz auf und beugte sich wieder über seinen Malblock. Zunächst schenkte sie dem Gekritzel keine Beachtung, doch dann bemerkte sie, dass er ein ungewöhnliches Talent besaß. Schnell erschuf er ein Bild, das für sein Alter erstaunlich detailreich war. Darauf war ein Paar zu sehen, das heftig stritt. Die Gesichter spiegelten treffend ihre Erregung wider. Die Frau war eindeutig seine Mutter, der Mann vermutlich der Vater.
„Darf ich das behalten?“, fragte sie.
Er nickte stumm, riss das Blatt ab und reichte es ihr. Kreutz überquerte den Wendeplatz.
„Wir sind hier fertig“, sagte er.
Helen verfolgte, wie Sandra Engel auf ihren Wagen zuging und einstieg.
„Was denkst du?“, fragte Kreutz.
„Das ist eine merkwürdige Geschichte. Ihr Mann fotografiert Veits Haus und hat es offenkundig betreten. Seitdem fehlt jede Spur von ihm, und wir finden im Keller eine Leiche ohne Herz.“
„Glaubst du, er hat etwas mit dem Mord zu tun?“
„Zumindest scheint er Dinge zu wissen, von denen wir keine Kenntnis haben.“
Sie zeigte ihm die Bleistiftskizze.
„Hat das ihr Sohn gemalt?“, fragte er.
„Beeindruckend, nicht wahr? Das ist ein seltsamer Junge. Ob er autistisch ist?“
„Horst sagt, er kann nicht sprechen – irgendein Defekt in seinem Gehirn.“
Helen betrachtete das Bild. „Er will uns auf seine Weise etwas mitteilen.“
„Und was?“
„Die Ehe scheint nicht so harmonisch zu sein, wie Sandra Engel behauptet. Es hat Streit gegeben, und der hat möglicherweise etwas mit dem Verschwinden ihres Mannes zu tun. Wir müssen ihn finden, so schnell wie möglich. Sie sagt, er habe nicht nur Veits Hof fotografiert, sondern weitere abbruchreife Häuser im Westerwald.“
„Vielleicht war er auf der Suche nach Lost Places und wollte eine Story darüber schreiben.“
„Ja, vielleicht.“
Kreutz nickte. „Ich verstehe. Du glaubst, wenn wir die Häuser finden, stoßen wir auf die Opfer VI und VII.“
„Das befürchte ich.“
Ihr fiel plötzlich ein, woher sie die Melodie kannte, die Hehl gesummt hatte. Bum-bum, bum-bum. Du bist mein Herz, das schlägt. Es war Veits Lied.
4
3. Januar
Sandra wanderte durch eine endlose Galerie, ohne den Ausgang zu finden. Statt Gemälden und Kunstwerken umringten sie gläserne Vitrinen, in denen lebendige Herzen schlugen. Wie das Donnern riesiger Pauken schallte der Rhythmus ihres Pumpens von den Wänden wider. Endlich tat sich eine Tür auf, doch sie führte nur tiefer in eine fugenlose Dunkelheit hinein. Flo stand zwischen den mit Eis bedeckten Zargen und sagte: „Das ist die Tür zum Januar. Wer sie durchschreitet, kommt nie mehr zurück.“ Er schrumpfte und verschmolz mit der Finsternis. Vergeblich versuchte Sandra, ihn festzuhalten. Sein kleiner Körper zerfloss unter ihren Händen und verwandelte sich in ein schwarzes Steinherz, das Marcs Namen trug.
Mit einem leisen Schrei schreckte sie aus dem Albtraum hoch. Ihr Handy vibrierte und zappelte auf dem Nachttisch, das Display leuchtete grell im Halbdunkel des Januarmorgens. Sie zog es zu sich heran und meldete sich.
„Hallo, Rita.“
„Hi, Sandra. Ist alles okay?“
„Den Umständen entsprechend“, murmelte sie verschlafen.
„Hab ich dich geweckt? Du kriechst doch sonst mit den Hühnern aus den Federn.“
Sie schlug die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. „Sorry, ich habe verschlafen. Seit Marc verschwunden ist, weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“
„Hat er sich immer noch nicht gemeldet?“
„Nein.“
Sie berichtete von den Ereignissen des gestrigen Tages. Die alte Freundin ihrer Mutter pfiff durch die Zähne.
„Das ist krass. Wie kommt Flo damit klar?“
„Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wie es in ihm aussieht, aber ich mache mir Sorgen. Er zieht sich immer mehr in seine innere Welt zurück.“
„Wie kann ich helfen?“
„Ich brauche Zeit, um ein paar Dinge zu erledigen. Die Polizei hat mich zur Abnahme meiner Fingerabdrücke aufgefordert. In der Werkstatt wartet ein Projekt auf mich, das ich nicht aufschieben kann. Außerdem will ich Marcs Büro noch einmal nach einem Hinweis durchsuchen, den ich vielleicht übersehen habe. Um 16:00 Uhr hat Flo seinen wöchentlichen Termin bei der Logopädin. Könntest du ihn für ein paar Stunden zu dir nehmen? Ich weiß, ich verlange viel, aber …“
„Kein Problem, darum rufe ich an. Ich dachte mir schon, dass du ein bisschen Freiraum brauchst. Dann hole ich Flo gleich ab. Meine beiden Enkel langweilen sich zu Tode und können Gesellschaft gebrauchen. Sie lieben ihn, und er fühlt sich wohl mit ihnen.“
„Sie mögen vor allem Knut.“
Rita lachte. „Er kommt natürlich mit.“
„Du würdest mir einen großen Gefallen tun.“
„Bin schon unterwegs.“
Es klickte in der Leitung. Sandra sank auf das Kissen zurück. Sie fühlte sich müde und zerschlagen. Die grausige Entdeckung im Keller des alten Hauses und Fetzen des Albtraums verfolgten sie. Gerade jetzt, wo sie all ihre Kraft brauchte, hätte sie sich am liebsten die Bettdecke über die Ohren gezogen.
Ritas Angebot kam zur rechten Zeit. Sie war unkonventionell, schrill und großherzig – ein Produkt der Hippiezeit wie die Mitglieder der Künstlerkommune, in der Sandra aufgewachsen war – und arbeitete als Alltagshelferin für Kinder mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. Um Flo kümmerte sie sich ehrenamtlich und lehnte eine Bezahlung aus alter Verbundenheit ab. Sie begleitete ihn zur Schule und unterstützte ihn dabei, seine einzigartige Kommunikation in Sprache zu übersetzen. Dass er sich nur durch seine Zeichnungen mitteilen konnte, bedeutete nicht, dass er schwachsinnig war. Ärzte und Psychiater bescheinigten ihm eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz. Allerdings war die Vorstellung, dass er irgendwann ein normales Leben würde führen können, so abwegig wie der unausgesprochene Verdacht der Polizistin, Marc könnte etwas mit dem abscheulichen Mord zu tun haben.
Flo auf eine herkömmliche Schule zu schicken, hatte sich als unmöglich erwiesen. Jeder Morgen war ein neuer Kampf gewesen, der mit Tränen und Streit einherging. Marc hatte ihn stets ermutigt, auch wenn Sandra manchmal aufgeben wollte.
„Weißt du denn nicht, was für ein außergewöhnlicher Junge du bist?“, hatte er ihm beim Frühstück zugeflüstert. „Du denkst in Bildern, andere nur in Worten. Das ist eine Gabe der Götter, eine Superkraft, die nur ganz wenige Menschen besitzen.“
Marc war der Pfeiler gewesen, der alles trug, bis das Fundament darunter zu bröckeln begann. War er unter der Last zusammengebrochen, oder hatte sein Verschwinden gar nichts mit den Rissen, die sich in ihrer Ehe auftaten, zu tun? Die Ungewissheit brachte Sandra um den Schlaf.
Trotz Flos Behinderung waren sie lange Zeit ein perfekt eingespieltes Trio gewesen, hatten sich ergänzt, gestützt und geliebt. Doch vor einigen Wochen hatte Marc begonnen, sich zu verändern. Sandra hatte die subtilen Zeichen missachtet, weil sie die sich anbahnende Krise nicht wahrhaben wollte. Zwar war er physisch anwesend, aber seine Gedanken weilten nicht mehr bei ihr oder Flo. Auch körperlich hatte er sich zurückgezogen. Die intuitiven kleinen Berührungen – Ausdruck von Intimität und Vertrautheit – blieben aus. Bald kam es ihr vor, als stünden sie auf verschiedenen Seiten eines immer tiefer werdenden Grabens. Es wurde kalt in ihrem Zuhause. Der Winter ihrer Liebe schien angebrochen, und in Marcs Verschwinden fand er seinen Tiefpunkt.
Während sie sich ankleidete, hörte sie Flos Schritte auf der Treppe. Sie ging hinunter in die Küche, wo sie gemeinsam frühstückten.
„Hast du Lust, Rita zu besuchen?“, fragte sie beiläufig.
Flo nickte stumm und trank seinen Kakao, Knut stellte die Ohren auf. Der Hund wich nicht von seiner Seite und schien zu spüren, dass der Junge ihn im Augenblick mehr als sonst brauchte.
Es klingelte an der Haustür. Sandra öffnete und ließ eine heftige Umarmung über sich ergehen.
„Wo ist der kleine Mann?“, fragte Rita unternehmungslustig.
Sandra nahm Flos Jacke vom Garderobenhaken. Keine zwei Minuten später waren Rita und Flo verschwunden. Die Stille schnürte Sandra die Kehle zu. Ihr Leben brach in großen Stücken auseinander. Hätte sie all das verhindern können, wenn sie früher reagiert hätte, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken? Warum hatte sich Marc so verändert? Was hatte ihn verändert? Sie ging hinüber in sein Arbeitszimmer und blickte sich um. Stundenlang hatte sie nach einem Hinweis gesucht, der sein Verschwinden erklären könnte. Die einzige Spur, die sie bisher entdeckt hatte, war das Foto des unheimlichen alten Hauses gewesen.
Sie entfernte die restlichen Fotografien von der Pinnwand und betrachtete sie noch einmal eingehend. Auf keiner der Aufnahmen fand sie eine weitere Bemerkung oder einen Namen. Sie setzte sich hinter Marcs Schreibtisch. Der Laptop, den er ausschließlich für seine Arbeit benutzt hatte, war vermutlich der Schlüssel zur Lösung des Rätsels. Er war jedoch mit einem Passwort gesichert. In den vergangenen Tagen hatte sie mehrfach versucht, sich Zugang zu verschaffen, war aber jedes Mal gescheitert.
Wieder testete sie vergeblich Kombinationen aus Namen und Daten, die Marc wichtig waren. Schließlich gab sie das Datum des Tages ein, an dem sie Knut aus dem Tierheim geholt hatten, dazu den Namen des Hundes. Diesmal erwachte der Bildschirm zum Leben. Rasch durchsuchte sie die angelegten Ordner, öffnete Dateien und stieß auf ein Dutzend Artikel, die er für die Rhein-Zeitung geschrieben hatte, darunter ein erster Entwurf für ein Projekt, das auf eine Verbindung zu dem verlassenen Haus des Serienmörders hindeutete: Eine Fotostory über Lost Places im Westerwald.
Da sie sein Handy hatte abgeben müssen, suchte sie auf dem Rechner nach E-Mail-Adressen und Telefonnummern von Personen, mit denen er in Kontakt stand. Er benutzte den Messengerdienst Signal, der gegenüber Diensten wie WhatsApp einen höheren Sicherheitsstandard versprach. Sie klickte die Verknüpfung auf dem Desktop an. Die Meldung „Can’t connect to device“ poppte auf. Offenbar war der Messenger mit Marcs Smartphone gekoppelt. Ohne das Telefon ließen sich mögliche Chatverläufe nicht öffnen.
Unter einem Stapel handschriftlicher Notizen in der obersten Schreibtischschublade fand sie noch mehr Fotos von verlassenen Orten: eine brachliegende Industrielandschaft, verrostete Silos, Förderbänder, die ins Nichts führten, und die Skelette ehemaliger Lagerhallen.
Auf den Rückseiten hatte er weitere Frauennamen notiert, jedoch ohne den Zusatz Du bist mein Herz, das schlägt. Das letzte Foto forderte sie mit einem neuen Rätsel heraus: Jana. Die Tür zum Januar.
Es war der Satz, den jemand in die Kellertür des alten Hauses geritzt hatte, jedoch mit einem Namenszusatz. War damit gar keine reale Tür gemeint, sondern ein Informant, der Marc Zugang zu dem Geheimnis verschaffen sollte, dem er nachjagte?
In der Bilddatenbank des Computers stieß sie auf die digitalen Originale der ausgedruckten Fotos. Sie gab das Bild, das Marc als „Tür zum Januar“ markiert hatte, in eine Suchmaschine ein, die das Netz nach ähnlichen Bildern durchforstete. Die Ergebnisse waren zunächst enttäuschend: Angebote für Wellblechplatten, Dachziegel und ein Artikel über Fachwerkbaukunst im Westerwald. Sie klickte sich durch Reiseblogs und Fotogalerien, bis sie eine Stunde später in einem Geisterjägerforum auf eine Spur stieß. Das Haus war aus einem anderen Winkel fotografiert worden, jedoch eindeutig dasselbe Gebäude. Ein User hatte darunter seine Erfahrungen gepostet: „Alte Mühle in Breitbach. Echt gruselig, aber gefährlich. Absolut einsturzgefährdet. Seid vorsichtig, Leute!“
War die Ruine die „Tür zum Januar“?
Die kleine Vierhundertseelengemeinde befand sich im nördlichen Westerwald, nicht weit von Veits Gehöft entfernt. Es war kurz nach zehn. Früh genug, um rechtzeitig zurückzukehren, bevor Rita Flo nach Hause brachte.
Eine Stunde später passierte sie das Ortsschild von Breitbach. Das Navi lotste sie zu einem geteerten Wirtschaftsweg, der zwischen abgeernteten Maisfeldern hindurchführte. Nach einem Kilometer wich die löchrige Asphaltdecke einem Hohlweg mit tief ausgefahrenen Spuren, der sich einem düsteren Talkessel zuneigte. Der Bach zu ihrer Linken, den sie vorhin kaum beachtet hatte, stürzte nun in rauschenden Kaskaden einen felsigen Hang hinab. Wo das offene Gelände in dichten Baumbestand überging, neigten zwei Fichten einander ihre Stämme entgegen und bildeten eine Art Torbogen. Die Baumkronen filterten das Tageslicht und tauchten den Erdboden in tiefe Schatten. Der selten benutzte Weg war von Unkraut und dürren Sträuchern überwuchert und führte immer steiler bergab. Sandra stellte den Skoda ab und ging zu Fuß weiter.
Der Bach mündete in einen Mühlteich. Verrottetes Herbstlaub trieb auf dem ölig schimmernden Wasser und verströmte einen schweren, erdigen Geruch. Auf der anderen Seite einer schmalen Holzbrücke stand die alte Mühle – ein windschiefes, von Efeu und Gestrüpp umranktes Skelett, das die Natur allmählich zurückeroberte. Was in aller Welt war Marc an diesem vergessenen Ort so wichtig?
Sie überquerte die Brücke und ging auf das Haus zu. Die Fenster im Erdgeschoss waren zerbrochen, die Haustür fehlte. Vorsichtig betrat sie die dunkle Diele und schaltete die Taschenlampe ihres Handys ein. Ihr Herz schlug schnell und hart gegen die Rippen, weil sie damit rechnete, auf die nächste grausam zugerichtete Leiche zu stoßen. Der Fußboden glich einem Minenfeld aus Löchern und Fallen, durch die verfaulte Deckenbalken wie abgenagte Knochen ragten. Sich weiter in das Haus hineinzuwagen, war lebensgefährlich. Der Ort schien ohnehin eine Sackgasse zu sein. Es gab nicht das geringste Anzeichen, dass Marc hier gewesen war oder sich für die Ruine interessiert hatte.
Sandra schaltete die Taschenlampe aus und horchte. Sie irrte sich nicht, das Brummen eines Motors schallte durch den Wald und wurde lauter. Sie kehrte um und blieb im Halbdunkel hinter der offenen Haustür stehen.
Ein geländegängiges Motorrad überquerte die Holzbrücke. Der Fahrer steuerte die Maschine auf das Haus zu und stellte sie vor dem Eingang ab. Er trug Jeans, eine schwarze Lederjacke und einen Helm von derselben Farbe. Anhand der Figur und der Bewegungen erkannte sie, dass es sich um eine Frau handelte. Ohne das Visier zu öffnen, stieg sie von dem Motorrad und ging auf einen Briefkasten zu, dem Sandra keine Beachtung geschenkt hatte. Sie warf einen Umschlag hinein und kehrte zu ihrer Enduro zurück. Das Ganze hatte weniger als eine Minute gedauert.
„Jana!“
Es war ein Schuss ins Blaue gewesen, der ungeahnte Wirkung zeigte. Die Frau fuhr erschrocken herum. Sandra lief aus der Mühle und blockierte den Weg zur Brücke.
„Wo ist Marc?“
„Wer sind Sie?“
„Seine Frau, Sandra Engel. Bitte, ich muss wissen, was hier geschieht. Auch wenn Sie … wenn Sie eine Affäre mit ihm haben.“
Die Fremde schob das Visier ihres Helms hoch.
„Marc und ich? Da liegen Sie völlig daneben. Ich weiß nicht, wo er steckt. Wenn Sie ihn finden, bestellen Sie ihm, dass er dafür sorgen soll, dass ich heil aus der Geschichte rauskomme, in die er mich hineingezogen hat.“
„Wovon sprechen Sie?“
Sie stieg auf die Enduro und startete den Motor. „Sie wissen gar nichts, oder?“
„Marc ist seit fünf Tagen spurlos verschwunden.“
„Ich habe ihn gewarnt, aber er war besessen von seiner verdammten Story.“
„Woran hat er gearbeitet? Helfen Sie mir, ihn zu finden.“
„Ich bin doch nicht lebensmüde. Und falls Sie nicht die Nächste sein wollen, die von der Bildfläche verschwindet, dann hören Sie auf, nach ihm zu suchen. Wenn ich recht habe, kommt er nicht zurück.“
„Was meinen Sie damit?“
Sie blickte sich gehetzt um.
„Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht wissen. Die machen Sie fertig, ihre Leute sind überall. Marc hätte die Finger von der Sache lassen sollen, aber er hat nicht auf mich gehört. Ich schätze, nun hat er den Preis für seine Neugier gezahlt.“
„Welche Bedeutung haben die alten Häuser?“, fragte Sandra. „Wozu dient der Briefkasten?“
„Wir nutzen ihn, um Nachrichten auszutauschen. Es war Marcs Idee. Alle anderen Kommunikationswege sind zu unsicher. Und jetzt hören Sie auf, mir Fragen zu stellen. Die Antworten können sehr ungesund sein. Lassen Sie mich um Gottes willen in Ruhe.“
„Warten Sie! Was wissen Sie über das Haus der Katzen? Über Veit?“
„Veit? Wer ist das? Nichts. Passen Sie auf sich und den Jungen auf. Das ist der beste Rat, den ich Ihnen geben kann.“
Sie drehte den Gasgriff. Kies spritzte unter dem Hinterrad auf. Die Enduro schoss nach vorn, Sandra sprang hastig zur Seite. Sekunden später war das Motorrad zwischen den Bäumen verschwunden.
Sandra kehrte zur Mühle zurück und hebelte den rostigen Briefkasten mit einem Pfosten des umgestürzten Staketenzauns auf. Sie nahm einen Umschlag heraus, in dem ein billiges Mobiltelefon steckte. Auf dem Display klebte ein Post-it mit einer vierstelligen Zahlenfolge. Jana behauptete, dass sie und Marc diesen Ort benutzten, um Nachrichten auszutauschen. Nun würde sie sich an dem Spiel beteiligen. Die Vermisstenanzeige war nichts weiter als ein bürokratischer Akt gewesen, zudem schien die Kommissarin Marc zu verdächtigen, etwas mit dem Mord zu tun zu haben. Darum musste sie ihn unbedingt vor der Polizei finden. Sie steckte das Handy in die Manteltasche und kehrte zu ihrem Wagen zurück.
Gegen halb vier brachte Rita Flo zurück. Sandra musste ihren Plan aufschieben und ihn zu seiner Therapie begleiten. Sie wusste, dass er keinen Sinn darin sah, sich aber ihr zuliebe Mühe gab mitzuarbeiten. Heute jedoch war er zerfahren und unaufmerksam. Er hasste Veränderungen, selbst unbedeutende Abweichungen seines Tagesablaufs jagten ihm Angst ein. Unvorhergesehene Ereignisse führten dazu, dass er sich in ein Schneckenhaus vergrub, zu dem nur Knut Zugang fand.
Erst am frühen Abend kam sie dazu, die Kontaktliste des Prepaidhandys, das sie dem Umschlag entnommen hatte, zu durchsuchen. Sie gab die PIN ein, das Telefon erwachte zum Leben. Nur eine einzige, keinem Namen zugeordnete Nummer war gespeichert, vermutlich die von Jana. Sandra schrieb eine kurze Textnachricht und schickte sie ab.
„Ich konnte nicht zum Briefkasten, ohne dich in Gefahr zu bringen. Aber ich habe Neuigkeiten, die alles verändern. Wir müssen uns treffen, Marc.“