Leseprobe Fighting for you

Kapitel 1

Chicago, Illinois
18. November 2016

»Ihren Ausweis, bitte.«

Das nachdrückliche »Bitte« reißt mich aus meinen Gedanken. Einen Moment lang starre ich den Kerl vor mir irritiert an. Er ist fast so breit wie die Tür, vor der er steht und so groß, dass ich mir wie ein kleines Mädchen vorkomme. Ich sehe zu ihm hoch, immer noch unfähig zu kapieren, was er von mir will.

»Ihren Ausweis«, wiederholt er, diesmal eine Spur kühler. Durch die Metalltür in seinem Rücken dringt das gedämpfte Wummern von Bässen.

Meinen Ausweis, na klar. Schnell krame ich meinen Perso aus der Handtasche und halte ihn ihm hin.

Er wirft einen kurzen Blick darauf und fängt dann dröhnend an zu lachen. »Dass du schon volljährig bist, hätte ich mir fast denken können. Ich will deinen Ausweis sehen. Den da.« Mit einem Nicken deutet er auf das Band um meinen Hals, das in meinem Dekolleté verschwindet.

Ich spüre, wie ich rot anlaufe. Natürlich. Ich stehe am Presseingang eines Clubs und der Türsteher will meinen Presseausweis sehen, den ich im Ausschnitt meines Kleides verborgen habe. Auf dem Weg hierher hat der Wind mir das Plastikkärtchen immer wieder ins Gesicht geblasen. Es hat sich wie kleine Ohrfeigen angefühlt.

Klatsch, Klatsch …

Ich schrecke auf, weil etwas meine Wange berührt.

»Hey, Miss.«

Ich öffne die Augen und schaue in das Gesicht meines Taxifahrers, der seine Finger immer noch leicht gegen mein Gesicht klatschen lässt.

»Wachen Sie auf, wir sind da.«

»Schon gut, ich bin doch wach«, murre ich, setze mich auf und schiebe den Mann beiseite, der sich so nah zu mir auf die Rückbank gebeugt hat, dass ich seinen Atem riechen kann. Kaffee. Hauptsächlich. Darunter nehme ich eine Spur Wodka wahr. »Hören Sie einfach auf, mich zu schlagen.«

Der Taxifahrer sieht für einen Moment entsetzt aus. »Ich schlage Sie nicht, ich –«

Ich hebe die Hand und bringe ihn so zum Schweigen. Ich brauche bloß einen Augenblick, um mich zu sammeln. Also, wo bin ich hier und was wollte ich nochmal?

»Das Ivory«, hilft mir der Taxifahrer auf die Sprünge.

Erst jetzt erkenne ich, dass wir uns direkt vor dem Club befinden. Richtig. Mein Traum war nicht bloß ein alberner Traum, sondern eher eine Vorahnung. Bevor ich mich noch weiter zum Affen machen kann, bezahle ich den Fahrer, dessen Taxameter immer noch läuft, und steige aus.

Der Wind fährt eisig unter mein nachtblaues Satinkleid und als das Taxi abrauscht, sprenkelt aufspritzendes Regenwasser meine weißen Stilettos. Nicht die beste Arbeitskleidung. Ich komme mir unpassend angezogen vor, aber mein Chef Brad Cooper – der mich an meinem eigentlich freien Abend herzitiert hat – hat auf partytaugliche Kleidung bestanden. Man dürfe mir keinesfalls die Reporterin ansehen.

Anders als im Traum ziert jetzt also kein Band mit einem Presseausweis meinen Hals, sondern ein silbernes Kettchen.

Bloß nicht als Pressevertreterin auffallen, hat mir Brad immer wieder eingeschärft. Ich solle einfach meinen Job machen, aber bitte ohne Smartphone, Block, Steintafel oder worauf auch immer ich sonst meine Notizen machen würde. Haha.

Ich gebe zu, dass meine Laune nach seinem Anruf im Keller war. Ich hatte mich auf einen gemütlichen Freitagabend auf dem Sofa gefreut. Von Feiern, Alkohol und anderen Menschen – vor allem Männern – habe ich vorerst die Nase voll. Doch statt einen Riesenbecher Eiscreme zu löffeln und dabei alte Liebesklassiker im Fernsehen zu schauen, stehe ich nun hier. Durchgefroren vor dem Ivory, einem Club, den ich nicht kenne, in einem Viertel von Chicago, das ich nicht mag. Die Schlange, die sich vor der Diskothek gebildet hat, ist lang und der Wind schneidend. Schon jetzt spüre ich meine Füße nicht mehr und die Kälte kriecht meine nackten Beine hoch bis in die Knie. Ich zittere am ganzen Leib, bewege mich aber trotzdem kein Stück von der Stelle weg, an der mich das Taxi rausgelassen hat. Was ist, wenn man mir die Reporterin doch ansieht? Was, wenn man mich nicht reinlässt und ich versage? Wieder einmal versage? Wie viele Chancen wird mir Brad noch geben? Nach der Sache mit meinem Ex …

Schluss damit.

Ich lasse den Blick an mir hinuntergleiten. Mein Ausschnitt ist tief, aber nicht zu tief. Außer am Rücken. Da reicht er mir bis knapp über den Po. Der glänzende Stoff wird dort nur von dünnen Bändern zusammengehalten. Meine Beine überzieht zwar eine dicke Gänsehaut, trotzdem machen sie in den hohen Schuhen einen passablen Eindruck. Alles in bester Ordnung. Kein Aufnahmegerät in meiner Hand, keine Steintafel für Notizen unter meinem Arm.

Aber warum fühle ich mich trotzdem so unwohl?

»Das liegt nur an der Kälte, Megan«, murmle ich und ernte einen verstörten Blick von zwei Mädchen, die gerade an mir vorbei huschen. »Scheiße«, füge ich noch an. Dann setze ich mich endlich in Bewegung.

Der Türsteher ist nicht halb so riesig und breit wie in meiner Vision.

Nein, Maggie, korrigiere ich mich sogleich. Du bist kein Genie wie der große Theo Clark. Du hast keine Visionen, sondern Träume.

Ich seufze tief, als mich wieder mal diese Gedanken befallen, die nicht meine eigenen sind und eigentlich so gar nicht zu mir passen wollen.

Eben. Sie passen nicht zu mir. Und darum werde ich ihnen jetzt auch keinen weiteren Raum geben. Ich setze mich endlich in Bewegung. Der Wind verweht mein Haar, während ich mich der Tür nähere – der einzigen, denn einen gesonderten Presseeingang gibt es hier nicht. Ich schwinge die Hüften und versuche den Türsteher ins Visier zu nehmen, doch der ist in sein Handy vertieft. Macht nichts. Sicher wird er mich trotzdem reinlassen. Warum auch nicht? Die wenigen Gäste, die vor der Tür stehen und rauchen, sehen nicht viel anders aus als ich. Legerer gekleidet vielleicht, doch ich werde sicher nicht abgewiesen, weil ich zu gut angezogen bin. Oder? Ich werde etwas langsamer, bleibe dann vor dem Security stehen und räuspere mich.

Er schaut auf. Sein Gesicht wirkt nicht gerade freundlich. Er hat einen verschlagenen Zug um die Lippen und wirkt mit seiner Wollmütze, die auf zerzaustem blondem Haar sitzt, eher wie ein Hafenarbeiter als wie der Ordner eines angesagten Clubs.

»Spät dran«, sagt er, als würde ich erwartet.

Ich runzle die Stirn. »Äh «

Großartig, Megan. So souverän. So schlagfertig!

»Du bist spät dran«, erklärt er seinen Halbsatz mit der vollständigen Version. »Gleich geht’s los.«

Es geht los? Wovon redet er? Von der Party? Ich nahm an, dass in diesem Club einfach den ganzen Abend gefeiert wird. Aber gut, egal, ich werde es ja sehen.

»Wollen Sie meine Tasche …«

»Hab ich gesagt, dass ich deine Tasche kontrollieren will?«

»Nein«, sage ich ganz automatisch, anstatt ihn, wie ich eigentlich sollte, zu fragen, warum zur Hölle er so unfreundlich zu mir ist.

»Na also.« Mit dem Kinn deutet der Türsteher auf den Eingang in seinem Rücken. »Dann rein mit dir. Und keine Schlägerei anfangen, klar?«

Er zwinkert mir zu und mir wird klar, dass er auf diese Frage keine ernsthafte Antwort erwartet. Also werfe ich ihm einfach ein schnelles Lächeln zu, und dann betrete ich das Ivory.

Das Ivory – Brad hat nicht viele Worte darüber verloren.

Sei in zwei Stunden da, ich hab was aufgetan, das wird 'ne Supergeschichte, der Laden ist gerade richtig im Kommen, du wirst schon sehen.

Ich weiß ja nicht – auf mich wirkt der Eingangsbereich wie der eines ganz normalen Clubs. Hinter der schweren Stahltür gibt es eine Kasse, an der ich eine Verzehrkarte bekomme, für die ich saftige 35 Dollar zahlen muss. Eine Treppe führt von dort nach unten, ausgetretene Steinstufen, dazu rot gestrichene Wände. Blutrot, wie ich finde. Ich präge mir diesen Eindruck für meinen Artikel ein. Irgendwas muss ich ja reinschreiben. Mit ›Das Ivory ist ein Club und dort wird gefeiert‹ wird Brad wohl kaum zufrieden sein.

Also schön, Megan. Eindrücke sammeln, das kannst du.

Je weiter ich die Stufen hinuntergehe, desto deutlicher spüre ich den Bass. Die Wände vibrieren, mein Körper scheint es auch zu tun und ich nehme das Wummern in meinem Bauch wahr. Es fühlt sich komisch an, so wie alles, seit ich Brads Anruf bekommen habe. Alleine in eine Diskothek zu gehen behagt mir einfach nicht. Sicher, als Reporterin ist man oft allein unterwegs, steht einsam auf irgendwelchen Events herum, während sich die anderen vergnügen – doch das hat mir nie etwas ausgemacht. Das hier ist anders. Es fühlt sich wie eine riesige Falle an.

»Schluss damit, verdammt nochmal«, zische ich und bin froh, dass diesmal niemand in meiner Nähe ist, der mich hören kann.

Was zur Hölle ist denn los mit mir?

Ich gehe alleine in einen Club, obwohl ich lieber zu Hause wäre. Das ist alles. Was also soll dieses Drama, liebes Bauchgefühl? Ich beschließe, meine innere Anspannung mit Alkohol zu betäuben und gehe die letzten Stufen jetzt schneller hinab. Eigentlich sollte ich während eines Jobs nicht trinken. Andererseits soll ich mich ja unauffällig und keinesfalls wie eine Reporterin benehmen. Also kann ein Drink nicht schaden. Vor mir tut sich ein riesiger Raum auf, der schummrig beleuchtet ist und an dessen Decke ein paar Discolichter flackern. Es ist brechend voll, doch die meisten Gäste tanzen nicht, sondern stehen herum, als würden sie auf etwas warten. Da ich die Bar direkt zu meiner Rechten erblicke, schaue ich mich gar nicht weiter um, sondern steuere sie an. Es herrscht kaum Gedränge und so bestelle ich rasch einen doppelten Schnaps.

Die Barkeeperin, eine junge Frau mit grünen Haaren und Piercing in der Nase, schmunzelt. »Was für Schnaps, Schätzchen? Gin, Whiskey, Wodka, Rum … Den Billigsten? Den Teuersten? Vielleicht einen aus –«

»Rum klingt gut«, sage ich.

»Weißen oder braunen? Havana Club –«

Bevor sie wieder ins Aufzählen gerät, nicke ich hastig. »Genau den.«

Die Barkeeperin lächelt mich voll gutmütigem Spott an und füllt mein Glas. »Für dich gibt es sogar einen dreifachen. Zum ersten Mal hier?« Sie schiebt mir mein Glas rüber.

Ich trinke einen Schluck und stelle verwundert fest, dass mir das Zeug nicht die Kehle wegätzt, wie ich befürchtet hatte.

»Ja«, gebe ich zu und lasse meinen Blick jetzt doch schweifen. Viel erkenne ich allerdings nicht. In der Mitte des Clubs, dort, wo ich die Tanzfläche vermute, stehen die Leute dicht gedrängt. Doch keiner rührt sich. Wieso tanzen sie nicht? Vielleicht ist das so eine neue Tanzrichtung. Vielleicht ist das die Supergeschichte, die Brad aufgetan hat.

Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: Rumstehen, der neue Trendtanz – erstmals entdeckt im Ivory Chicago!

»Was tun die da?«, frage ich die Grünhaarige nach einem weiteren Schluck. Der Rum breitet sich warm in meinem Innern aus und jetzt, wo ich sehe, dass im Ivory kein Monster auf mich lauert, fühle ich mich langsam etwas besser.

»Sie warten.« Die Barkeeperin zuckt mit den Schultern. »Die wenigsten sind wegen der Musik hier.«

»Weswegen dann?«, frage ich beiläufig. Ich versuche, ungerührt, sogar ein bisschen gelangweilt zu klingen. So, als wäre mir die Antwort egal. Dabei ist sie es ganz und gar nicht.

»Na wegen Harley Jones. Gut, manche bestimmt auch wegen José Angel Cuevas. Aber für die meisten hier ist er so wichtig wie die Klofrau.«

Sie scheint meinen irritierten Gesichtsausdruck falsch zu deuten.

»Also: gar nicht«, fügt sie daher erklärend an.

Ich nicke schnell. Harley Jones. Nie gehört. Vielleicht ist das irgendein DJ. Aber andererseits hat sie gesagt, dass die Leute nicht wegen der Musik hier wären. Irgendwie macht das alles keinen Sinn. Vielleicht ist er ein DJ, der keine Musik auflegt, sondern … die Menschen zum Rumstehen animiert, indem er eine abendfüllende Schweigeminute veranstaltet? Gott, ich sollte den Rum aus dem Kopf lassen. Trotzdem trinke ich einen weiteren kleinen Schluck. Mein Gesicht kribbelt bereits und mir ist angenehm warm.

Ich fasse mir ein Herz und beschließe, doch noch weiter nachzuhaken. »Wer ist denn Harley Jones?«

Auf der Stelle überzieht wieder ein amüsierter Ausdruck das Gesicht der Barkeeperin. »Mädchen, hast du die letzten Monate unter einem Stein geschlafen? Deinen Winterschlaf im Sommer absolviert?«

Na ja, so ungefähr. Anstatt das zuzugeben, zucke ich nur mit den Schultern und verziehe entschuldigend den Mund.

»Harley ist der heißeste Typ der Stadt.«

Ah, jetzt verstehe ich. Sicher so ein aufstrebender Popstar und alle Anwesenden sind einfach zu nervös, um ausgelassen zu feiern. Gleich gehen vermutlich die ersten Kreischkonzerte los. Unauffällig sehe ich mich um und versuche den Altersdurchschnitt der Gäste auszumachen. Bei manchen der Frauen ist es schwer zu sagen, aber alles in allem kommt es mir nicht vor, als wären Teenies hier.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich die Barkeeperin zu mir vorbeugt und mir einen weiteren Drink herüber schiebt. »Glaub mir einfach, Schätzchen. Harley Jones wird den Käfig zum Beben bringen.«

Den … Käfig? Ist der Kerl ein Gogo-Tänzer oder was? Jetzt sehe ich mich erstmals richtig um – und dann entdecke ich, was mir vorhin in meiner Nervosität entgangen ist. Ungefähr in der Mitte des schummrigen Clubs befindet sich tatsächlich ein großer Käfig. Er ist achteckig und mit stabilem, grobmaschigem Draht umzogen. Sein Boden ist rot und die meisten der Anwesenden haben sich drum herum verteilt. Okay, ein so großer Käfig ist sicher nicht zum Tanzen da. Ich meine, mich dunkel zu erinnern, so etwas schon mal gesehen zu haben … Aber nein, das kann unmöglich sein. Brad würde mich nicht zu einer solchen Veranstaltung schicken. … Oder?

Ich bedanke mich bei der Barkeeperin, nehme mein neues Glas und die Verzehrkarte, auf der sie nur drei Dollar ausgestrichen hat. So billig können meine zwei dreifachen Schnäpse gar nicht gewesen sein. Ich frage mich, warum sie so nett ist. Dann beschließe ich, mein Misstrauen beiseite zu schieben und reiße mich endlich von der Theke los, um zu einer Erkundungstour zu starten, die ich, wie mir scheint, dringend nötig habe.

Ich nehme noch einen Schluck Rum, dann schiebe ich mich zwischen die erste Traube aus Menschen. Mir fällt auf, dass sich die Musik verändert hat. Nicht mehr ganz so basslastig und tanztauglich, stattdessen ein etwas düsterer Song mit Raps darin, die so schnell hingerotzt werden, dass ich kein Wort verstehe.

Von den Gesprächen um mich herum schnappe ich jedoch ein paar Satzfetzen auf: … richtig abgehen … hoffentlich ein paar Fotos machen … letztes Mal hatte ich ’nen Kieferbruch in Nahaufnahme … einfach nur so sexy, wie er seine Gegner niedermacht …

Du liebe Güte. Mein Verdacht scheint sich zu bestätigen. Ich schiebe mich weiter durch die Leute und entdecke dann an einer schwarz gestrichenen Säule ein Plakat. Es zeigt zwei Männer, den einen in der oberen linken und den anderen in der unteren rechten Ecke. Der unten rechts ist offensichtlich hispanischer Abstammung und hält einen Rosenkranz in den Händen, während er finster an der Kamera vorbeistarrt. Eine Narbe ziert seine Braue, eine Tränentätowierung unter seinem Auge weist ihn als ehemaligen Häftling aus. Um den Kopf hat er ein Bandana gewickelt, darunter raspelkurzes Haar.

Und der andere Typ, der oben links … na ja, er ist nur von hinten drauf. Breite Schultern, eine aufrechte Haltung und Muskeln. Ausgeprägte Muskeln, die seine Schultern definieren und sich seinen Rücken hinabziehen bis zu seinen schlanken Hüften. Ein tätowierter Schriftzug ziert seine Haut auf Höhe der Schulterblätter: In sucum et sanguinem.

Mist, ich verstehe leider kein Wort Lateinisch. Ich werde später googeln, was das bedeutet. Aber eigentlich könnte ich auch jetzt gleich …

Ich komme nicht mehr dazu, mein Handy rauszuholen, denn auf einmal tut sich etwas in der Halle. Der Rapsong wird heruntergeregelt und durch etwas anderes ersetzt: Trommeln, die einen langsamen, aber treibenden Takt vorgeben. Auch das Licht verändert sich, wie ich sehe, als ich der Säule den Rücken zukehre. Im Club wird es dunkler, gleichzeitig flammen Scheinwerfer auf, die über die Menge wandern, die sich nun enger denn je um den Käfig gruppiert. Zum Glück steht er erhöht, sonst könnte ich schon jetzt nichts mehr erkennen. Jubel und Applaus brechen los, während sich die umherirrenden Scheinwerferlichter alle zugleich auf das achteckige Gestell richten. Die Trommeln schlagen weiter und eine Welle der Energie scheint sich im Club auszubreiten. Ich schlucke hart, umklammere mein Glas und nippe am Rum. Ich bin froh, dass ich ein wenig abseits stehe und lehne mich mit dem Rücken gegen die Säule. Ich sollte nicht hier sein, sondern zu Hause. Aber diese Erkenntnis hilft mir jetzt auch nicht weiter. Gleichermaßen abgeschreckt und neugierig sehe ich zu, wie sich die Menge auf der anderen Seite des Käfigs zu teilen scheint, nein, vielmehr wird sie von ein paar Sicherheitsleuten auseinandergetrieben.

Zeitgleich ertönt eine Stimme, die aus dem Nichts zu kommen scheint: »Ladies and Gentlemen! Herzlich willkommen zur achtunddreißigsten Ivory Fight Night!«

Jubel.

Mein Herz setzt einen Schlag lang aus, um dann umso heftiger weiterzuwummern. Ich sehe nach oben und entdecke einen Anzugträger mit Mikrofon hinter dem DJ-Pult, das sich auf einem kleinen Balkon ein paar Meter über uns befindet.

Der DJ regelt ungerührt an ein paar Knöpfen herum, während der andere Kerl weiterredet: »Ihr wisst alle, was euch heute Abend erwartet: Es wird hart. Es wird brutal. Es wird eine Nacht der Platzwunden und gebrochenen Knochen!«

Bei jedem seiner Worte flippen die Zuschauer ein bisschen mehr aus. Gebrochene Knochen, hey, super. Ich kann ihre Euphorie nicht nachvollziehen.

»Und ich weiß, wen ihr alle sehen wollt: den Mann, der zuschlägt wie kein Zweiter. Den König des Käfigs. Harley Jones!«

Ohrenbetäubende Anfeuerungsrufe. Ich sehe noch mal hinüber zum Plakat.

In sucum et sanguinem.

Hieß sanguis nicht Blut?

Schaudernd wende ich mich wieder dem Käfig zu. Auf der anderen Seite ist jetzt ein etwa einen Meter breiter Gang entstanden, immer noch gesichert von den Securitys.

»Doch bevor der König seinen Hofstaat begrüßt, seid faire Sportsmänner und lasst was hören für den zweiten Star des Abends, den mexikanischen Pitbull, der keine Angst hat, sich mit den Größten anzulegen: José Angel Cuevas!«

Ein Mann erscheint in dem künstlich geschaffenen Gang und die Anwesenden lassen tatsächlich was für ihn hören: Buhrufe, so laut, dass die Wände zu vibrieren scheinen. Innerlich mache ich mir eine Notiz – fair geht es hier nicht gerade zu. Doch der mexikanische Pitbull stört sich gar nicht daran, dass er hier offensichtlich nicht willkommen ist. Hocherhobenen Hauptes, mit geballten Fäusten, schreitet er im Lichtkegel eines Scheinwerfers auf den Käfig zu. Er ist oben ohne, sein gesamter Oberkörper von Tätowierungen überzogen. Er trägt einen Rosenkranz, den er erst ablegt, nachdem er die Stufen des Käfigs erklommen hat. Er küsst das Kreuz der Kette, dann gibt er sie an einen Mann in einem schwarzen Shirt ab, der ihn anschließend in das umzäunte Achteck lässt. Cuevas macht ein paar tänzelnde Schritte, hüpft auf und ab, scheint sich warm halten zu wollen. Die Schmährufe reißen nicht ab und irgendjemand schleudert ein Glas gegen die Käfigwand. Ich zucke zusammen. Mit so etwas hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, als ich das Ivory vor ein paar Minuten betreten habe.

»Leute, Leute!«, sagt der Anzugträger von seiner Tribüne aus. »Seid bitte fair. Cuevas hat um eine Chance gebeten und er hat sie bekommen. Jetzt macht ihn nicht fertig, bevor Harley es tut!«

Hämisches Gelächter. Cuevas stört sich immer noch nicht daran. Doch er macht etwas anderes: Er geht auf die Seite des Käfigs, wo das Glas gegen den Draht geknallt ist, dann zeigt er auf irgendwen im Publikum, und als er sich sicher zu sein scheint, dass er dessen Aufmerksamkeit hat, schlägt er herausfordernd seine Fäuste gegeneinander.

Sofort wird er von dem Mann im schwarzen Shirt zurück in die Käfigmitte geführt, trotzdem entsteht ein kleiner Tumult in der Menge der Zuschauer. Ich weiß nicht, ob es normal ist, dass die Männer im Käfig die Leute im Publikum anfeinden, aber sonderlich überrascht wirkt hier niemand. Noch eine innerliche Notiz. Ich leere mein Glas, stelle es auf einem nahen Bistrotisch ab, dann lehne ich mich wieder an die Säule und verschränke die Arme vor der Brust.

»Und wo wir gerade beim Thema sind …«, fährt der Moderator von seinem Balkon aus fort, ohne dem Vorfall auch nur das geringste bisschen Beachtung zu schenken: »Begrüßt ihn mit mir – den Champion, den Unbesiegten, den einzig wahren …«

An diesem Punkt können seine Worte die Rufe und den Applaus der Zuschauer kaum noch übertönen.

»… Harley Jones!«

Nun ist es so weit. Wieder wandert der Lichtkegel Richtung Gang, aber diesmal dauert es einen Moment, bis dort jemand erscheint.

Trommeln, Jubelrufe, steigende Spannung.

Noch eine Notiz, denke ich. Und dann erscheint ein weiterer Mann im Scheinwerferlicht. Er ist nicht oben ohne, so wie der andere, doch selbst von hier kann ich erkennen, wie sich unter seinem dunklen Tank Top die Muskeln abzeichnen. Seine bloßen Arme glänzen feucht, der rechte ist von oben bis unten tätowiert. Auch sein dunkles Haar ist ein wenig feucht und als er kurz die Menge überblickt, fallen mir seine stechenden Augen auf. Sein Gesicht ist absolut ernst – nicht bösartig, nicht sauer, sondern eine Maske der Entschlossenheit. Menschen rufen seinen Namen, er reagiert gar nicht darauf, sondern setzt sich schließlich in Bewegung Richtung Käfig.

Eine beringte Frauenhand versucht an einem der Ordner vorbei, ihn anzufassen, jemand reckt ihm ein Handy entgegen und macht ein Foto. Er – Harley Jones – hat nur den Ring im Auge, den Ring und seinen Gegner, der darin wieder mit Hüpfen und Tänzeln beschäftigt ist. Die Atmosphäre gewinnt an Bedrohlichkeit. Ein Raubtier, das sich dem anderen nähert … oder seiner Beute. Seinem Opfer.

Ich atme tief durch und ignoriere meine Reflexe, die mir mit steigender Vehemenz raten, hier zu verschwinden. Das ist also der Job, den Brad meinte, als er sagte, er habe was Großes aufgetan. Ich soll über Käfigkämpfe berichten.

Mit einem kurzen Brainstorming versuche ich, meine Anspannung einzudämmen. Was weiß ich über Käfigkämpfe? In weiten Teilen der USA finden sie illegal statt, in Scheunen und auf Hinterhöfen. Doch es gibt auch legale Formen, vermutlich ähnlich organisiert wie das Boxen. Wo liegt der Unterschied? Man darf nicht nur schlagen, sondern auch treten, werfen und was weiß ich nicht noch alles. Die Kämpfer tragen keine dick gepolsterten, sondern nur dünne Handschuhe. Und es gibt viel, viel mehr Verletzungen – manche sterben sogar bei diesen Fights.

Aber hoffentlich nicht heute Nacht.

Der Käfig zieht meine Aufmerksamkeit wieder auf sich, als Harley ihn betritt. Die Zuschauer skandieren seinen Namen. Er bleibt bei dem Mann im T-Shirt stehen, der sicher der Ringrichter ist, lässt dabei aber Cuevas nicht aus den Augen. Der hampelt immer noch herum, was ihn jetzt nervös wirken lässt. Harley hingegen scheint die Ruhe selbst zu sein. Lediglich der Schweiß auf seiner Stirn verrät seine Anspannung. Während der Ringrichter etwas zu ihm sagt, greift er nach dem Saum seines Shirts und zieht es über den Kopf. Perfekt definierte Muskeln auf leicht gebräunter Haut. Keine weiteren Tattoos auf seinem stahlharten Bauch oder der Brust, die sich unter seinen Atemzügen sichtbar hebt und senkt. Ein gereizter Stier, kurz davor, sein Gegenüber einfach aufzuspießen. Ich zwinge mich, den Blick von Harley Jones’ Körper zu nehmen und ihm wieder ins Gesicht zu sehen. Gott, diese Augen. Der ganze Mann. Er sieht absolut fantastisch aus.

Ich trete ein wenig näher. Nicht, weil mich der Anblick anziehen würde! Aber ich muss ja so genau wie möglich beobachten, um später auch was Gutes schreiben zu können. In die Menge der Schaulustigen dränge ich mich jedoch nicht, stattdessen bleibe ich im hinteren Bereich stehen, dort, wo die Zuschauer ruhiger und nicht ganz so euphorisiert wirken wie die weiter vorn. Ich sehe mich abermals um, versuche zu erfassen, wie viele hier sind. 500 oder 600 bestimmt.

»Ladies und Gentlemen«, ergreift der Kerl im Anzug noch mal das Wort. »Seid ihr bereit für die Action? Für einen Kampf Mann gegen Mann, wie es ihn schon vor tausenden von Jahren gegeben hat und immer geben wird? Seid ihr bereit, eure Helden, eure modernen Gladiatoren fighten zu sehen? Dann lasst was hören!«

Wieder Getöse, das den Club beinahe zum Bersten bringt. Ich konzentriere mich auf die zwei Männer hinter dem Draht. Sie stehen nun beide beim Ringrichter, er scheint ihnen etwas zu erklären. Die Regeln? Cuevas nickt immer wieder abgehackt, während Harley Jones einfach nur zuhört. Dann ziehen die Kämpfer mit Hilfe von zwei anderen Männern ihre Handschuhe an und bekommen jeweils einen Mundschutz. Mein Herz klopft wie wild, als mir klar wird, dass es jetzt gleich losgeht. Am liebsten würde ich wegsehen, aber wenn ich das tue, würde daraus wohl eine ziemlich beschissene Story entstehen. Also zwinge ich mich hinzusehen, während der Ringrichter aus dem Weg geht, nachdem er die zwei Gladiatoren in der Mitte des Käfigs voreinander positioniert hat. Es ist wie schon die ganze Zeit: Cuevas tänzelt herum, Harley sieht ihn unbeeindruckt an. Irgendetwas strahlt dieser Mann aus, das ihn trotzdem viel bedrohlicher als seinen Kontrahenten wirken lässt. Es ist diese Entschlossenheit, die mir vorhin schon aufgefallen ist. Jones hofft nicht, dass er gewinnt, er betet dafür keine Rosenkränze – er weiß, dass er gewinnen wird.

Und dann erschallt ein Countdown. Das Scheinwerferlicht verändert sich leicht, es bekommt eine rötliche Note. Die Stimme aus den Lautsprechern klingt tief, bedrohlich.

»Sieben … sechs … fünf …«

Cuevas schlägt seine Fäuste gegeneinander. Jones lockert seine Schultern.

»Vier … drei … zwei …«

Cuevas tänzelt herum, die Menge jubelt, die meisten rufen: »Jones! Jones! Jones!«

Ich wende mich ab, muss hier raus. Dann bemerke ich, dass sich die Menschen mittlerweile auch hinter mir so dicht zusammengedrängt haben, dass kaum ein Durchkommen ist. Verdammt.

»Eins … Fight!«, bellt die Lautsprecherstimme, und dann geht es wohl los, denn die Anfeuerungsrufe werden lauter, aller Blicke kleben am Käfig, es gibt keine Musik, keine Trommeln mehr, nur die Kämpfer und ihre Fans.

Und mich. Ich spüre, wie eine Gänsehaut meinen ganzen Leib überzieht. Immer noch würde ich am liebsten weglaufen, aber jetzt meldet sich auch meine Vernunft endlich wieder zu Wort. Ich kann nicht abhauen. Ich habe hier einen Job zu erledigen. Und wie schlimm kann es schon sein? Dass hier ist ein organisierter Kampf, etwas Offizielles, und es gibt Regeln. Kein Grund, gleich die Fassung zu verlieren.

Als ich die ersten seltsamen Blicke auf mir spüre, wende ich mich zögerlich wieder dem Käfig zu. Ich zwinge mich hinzusehen.

In sucum et sanguinem.

Harley Jones steht mit dem Rücken zu mir, ist jetzt endlich auch in Bewegung. Er weicht einem Schlag von Cuevas geschickt aus, dann rammt er seine Faust in dessen Seite. Cuevas krümmt sich, ich kann sehen, dass er beinahe seinen Mundschutz verliert, als er vor Schmerz keucht. Das Bild des zuschlagenden Jones hat sich bereits in meinen Geist gebrannt – die Muskeln in seinem Oberarm, seiner Schulter, seinem Rücken, alles in perfekter Harmonie, auf Zerstörungskurs. Irgendwie schön, irgendwie schrecklich. Ganz automatisch denke ich an …

Nein, Meg. Nicht schon wieder.

Erneut verschränke ich die Arme, wie immer, wenn ich versuche, meine Gedanken zwanghaft beisammen zu halten. Und dann platziert Harley einen weiteren Schlag, diesmal mitten in Cuevas’ Gesicht.

Der Kopf des Mexikaners fliegt zur Seite, Blutstropfen spritzen aus einer frischen Platzwunde. Die Verletzung tut jetzt gerade ganz sicher noch nicht weh, aber sie wird anschwellen, spannen, immer wieder aufreißen und möglicherweise eine hässliche Narbe hinterlassen. Neben mir schreit sich ein Mann vor Begeisterung die Seele aus dem Leib. Ich möchte ihn schütteln.

Dann zieht Harley Jones meine Aufmerksamkeit wieder ganz auf sich. Er tänzelt mühelos um Cuevas herum, sodass ich sein Gesicht sehen kann. Sein Blick ist starr, sein Oberkörper von ein paar Treffern gerötet, dennoch wirkt er, als könne er einen ganzen Krieg allein gewinnen, wenn es sein müsste. Er zweifelt nicht an seinem Sieg, und als ich sehe, wie Cuevas ihn mit einem Tritt gegen den Oberschenkel trifft, wie er zwar leicht strauchelt, sich aber überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lässt, beginne ich, an ihn zu glauben.

Auch wenn das keine Rolle spielt. Für mich ist es egal, wer hier gewinnt. Mir gefällt dieser Sport nicht und es sollte ihn nicht geben, er macht die Menschen aggressiv, wie man schon am Publikum erkennt.

Und dennoch. Jones’ Körper, das perfekte Zusammenspiel seiner Muskeln, als er ausholt und zuschlägt und mit der anderen Faust gleich einen zweiten Schlag hinterher schiebt, zieht mich in seinen Bann.

Dann endet die erste Runde und die zwei Kämpfer gehen auseinander. Die Käfigtür wird geöffnet, man bringt ihnen Wasser und tupft ihre Gesichter mit Handtüchern ab. Die Leute aus Jones’ Team sehen allesamt ein bisschen südländisch aus, aber nicht mexikanisch wie Cuevas, sondern eher italienisch. Ob Jones Italiener ist? Er sieht nicht wirklich so aus …

Ich quetsche mich nun doch noch ein Stück weiter nach vorn, um sein Gesicht besser erkennen zu können. Niemand hindert mich.

Harley hat helle Augen, ob blau oder grün, kann ich nicht erkennen. Er trinkt aus einer Plastikflasche, die ihm sogleich wieder abgenommen wird, dann lässt er sich den Mundschutz wieder einsetzen. Sein Gesicht hat einen störrischen Zug, das gefällt mir. Und er hat keine von diesen seltsam platten Boxernasen, also hat er wohl tatsächlich noch nicht allzu viele Schläge einstecken müssen.

Er steht auf, begibt sich wieder zur Ringmitte. Und dann geht es weiter. Diesmal sehe ich nicht weg, als Cuevas vorprescht und Harley so geschickt ausweicht, als habe er vorher gewusst, dass der Schlag kommen würde.

»Mach ihn fertig!!«, brüllt jemand neben mir, und der Mann an meiner anderen Seite sagt ganz sachlich: »Mehr als 2 Runden hat Jones noch nie gebraucht.«

Wieder werden Rufe laut. Alle für Harley, kaum einer für Cuevas. Und dann passiert es: Harley Jones packt seinen Kontrahenten, beugt sich ein Stück hinunter und wirft ihn dann schnell, effektiv, elegant und trotzdem brutal über seine Schulter. Es kracht, als Cuevas auf den Ringboden aufschlägt und ich denke, dass der Kampf jetzt vorbei ist. Aber weit gefehlt: Harley geht mit ihm zu Boden, hockt sich auf ihn und schlägt ihm ins Gesicht, hart und erbarmungslos, mehrfach nacheinander. Ich presse die Lippen zusammen. Habe ich diesen Mann gerade noch in irgendeiner Form bewundert, auch wenn es nur für die Schönheit seines Körpers war? Ja, habe ich, und das war total idiotisch von mir. Der Kerl ist ein Schläger, ein Raubtier, ganz wie ich zuerst dachte.

Er steht auf. Cuevas nicht. Um mich herum bricht die pure Begeisterung los, als der Ringrichter sich dem Mexikaner zuwendet. Prüfend. Und als er den Kampf schließlich beendet.

Dann greift er nach Harleys Arm, hebt ihn in die Höhe und macht damit klar, wer der Sieger ist.

Applaus, Rufe, ein paar Mädels einige Meter vor mir fallen sich in die Arme.

Die Stimme des Anzugträgers ertönt wieder: »Sieg durch K.o. in Runde 2 durch Harley Jones! Wer kann diesen Mann jetzt noch stoppen? Ich sage: niemand!«

Die Menge dreht durch. Alle freuen sich. Nur der Held des Abends nicht: Harley sieht grimmig aus, als sich Sanitäter einen Weg zum Käfig bahnen, um Cuevas abzutransportieren, der sich zwar bewegt, aber nicht aufsteht. Der Champion ist wohl unzufrieden. War das zu einfach? Konnte er seinen Gegner nicht gebührend leiden lassen? Das alles hier ist widerlich.

Ich schüttle den Kopf und schaffe es endlich zu gehen, zumindest zurück zur Bar, wo ich bei derselben Frau wie gerade einen weiteren Rum ordere.

Sie strahlt mich euphorisch an. »Hast du gesehen, wie er ihn gefinished hat? Das war der Hammer!«

»Das war brutal. Sicher hat er ihm die Nase gebrochen.«

Sie winkt ab. »So was merken diese Jungs doch gar nicht mehr.« Dann gießt sie mir mein Getränk ein.

»Als wäre normales Boxen nicht menschenverachtend genug.«

»Menschenverachtend?« Ungläubig sieht sie mich an. »Entschuldige, aber was genau machst du hier, wenn du das so siehst?«

Tja, jetzt bin ich in Erklärungsnot. »Meine Freunde …«

»Ich habe sie hergeschleppt«, sagt auf einmal eine samtige Stimme gleich neben mir. »Und dieser Drink, bei dem es sich vermutlich um kein sehr kleines Glas Wasser handelt, geht auch auf mich.«

Ich muss mich meinem neuen Begleiter nicht zuwenden, um ihn zu erkennen – Brad Cooper. Ja, er heißt wirklich wie der Kerl aus Hangover, sieht dabei aber nicht halb so gut aus, was irgendwie schade ist. Seine Stimme reicht aus, um ihn zu identifizieren. Trotzdem drehe ich mich zu ihm um.

»Danke«, sage ich voll beherrschter Höflichkeit und hoffe, dass er mir nicht gleich eine Szene zum Thema Alkohol am Arbeitsplatz macht.

Brad bestellt sich einen Scotch und wendet sich mir dann zu. »Du bist also gekommen. Braves Mädchen. Und?«

»Nicht unbedingt mein Thema«, bringe ich gepresst hervor.

Brad bekommt seinen Scotch, lässt ihn gegen mein Glas klickern und nippt daran. »Cheers. Aber es ist ein gutes Thema«, sagt er dann. »Eine gute Story. Spürst du die Energie, die in diesem Raum herrscht? So roh und urwüchsig. Wo erlebt man so was noch?«

Tja, ich wüsste da ein paar Orte und Brad weiß das genau. »Warum setzt du nicht Luke darauf an? Oder Piper. Sie wartet seit Jahren darauf, dass sie mal über was anderes als Kleider und Schuhe berichten darf.«

»Das liegt daran …« Brad nimmt einen weiteren Schluck Scotch. »… dass Piper mein Kleider-und-Schuh-Mädchen ist. Luke ist mein Auto-und-Zigarren-Junge. Und du bist meine Spezialistin für alles, was in die Tiefe gehen muss.« Er wirft mir sein aalglattes Lächeln zu, das perfekt zu seinem auf Figur geschnittenen Anzug und dem makellosen Haarschnitt passt.

Ich lache trocken. »In die Tiefe gehen? Hier haben sich zwei Männer geprügelt und die Leute stehen drauf, weil sie schon immer auf so etwas standen. Was soll ich denn dazu noch schreiben?«

»Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, nur weil andere es getan haben, Meg.«

Autsch, das war ein böser, wenn auch gut gemeinter Schlag in die Magengrube. Manchmal vergesse ich, was Brad alles über mein Privatleben weiß. Wie viel er weiß. Mir wäre es lieber, er hätte gewisse Dinge nie erfahren, aber es gab eine Phase in meinem Leben, da ging es nicht anders, als ihm die Wahrheit zu erzählen. Die ganze Wahrheit.

»Du hast eine 1A-Auffassungsgabe. Du siehst Dinge, die andere nicht sehen, und diese Dinge will ich in deinem Artikel lesen. Guck dir die Zuschauer an. Das sind keine primitiven Hinterwäldler. Warum sehnen sich schöne Frauen von deiner Kategorie und gut verdienende Männer wie ich danach, moderne Gladiatorenkämpfe zu sehen? Ich weiß, wenn jemand aus meiner Redaktion diese Frage ergründen kann, dann du. Muss ich dir noch mehr Honig ums Maul schmieren oder wirst du –«

Ich winke ab. »Schon gut.« Dann leere ich mein Glas, um hinzuzufügen: »Ich fahre dann mal nach Hause und setze mich ran. Brauchst du den Artikel für übermorgen? Für die nächste Wochenendausgabe? Und wie viel Platz bekomme ich?«

»Moment«, sagt Brad und hebt die Hand. »Du hast da was falsch verstanden, Meg.«

»Ach ja?« Ich ziehe die Brauen in die Höhe.

»Du sollst nicht über diesen Kampf schreiben.«

Ich runzle die Stirn.

»Zumindest nicht nur«, fährt Brad fort. »Der Kampf ist ein guter Einstieg, aber dein Artikel wird viel umfassender sein. Du bekommst nämlich die Reportagesektion für den Monat Dezember.«

Ich spüre, wie mir die Knie weich werden. Was? Ich meine … Was?

Die Reportagesektion ist der größte und wichtigste Bereich der Chicago Daily News, bei denen ich beschäftigt bin. Es gibt nur eine Reportage im Monat, die immer am letzten Tag erscheint. Sie ist die Königsdisziplin und kann für jeden Journalisten einen gewaltigen Karrieresprung bedeuten. Ich habe mir immer erhofft, dass ich die Reportage mal schreiben darf, vielleicht in ein paar Jahren, aber …

»Wenn du das gut machst«, sagt Brad und sieht mir dabei tief in die Augen. »Dann bekommst du die Stelle, um die du mich gebeten hast.«

Wie vorhin beim Kampf beginnt mein Herz auch jetzt wieder wie wild zu schlagen. Hat er das gerade wirklich gesagt? Ich denke an Sonne, an das Meer, und vor allem an einen Ort ganz weit weg von hier.

»Verstehe ich das richtig? Wenn ich’s nicht versaue, machst du mich zur Westküsten-Korrespondentin?«

»Du hast mich goldrichtig verstanden.«

Wäre er nicht mein Chef, würde ich ihm jetzt um den Hals fallen. Ich habe ihn bereits vor zwei Monaten gebeten, mich für diesen Posten in Erwägung zu ziehen, aber da er nie groß etwas dazu gesagt hat, habe ich gedacht, er hätte sich einfach dagegen entschieden. Jetzt sehe ich mich schon die Koffer packen. Nur noch eine kleine Hürde liegt zwischen meinem Traumjob an meinem Traumort und mir.

»Okay!«, sage ich, plötzlich von Tatendrang erfüllt. »Wie soll ich das Ganze aufziehen? Historisch? Von den Gladiatoren, die gegen Bären und Löwen kämpften, bis heute? Oder mehr gesellschaftskritisch, wie du eben vorgeschlagen hast? Ich könnte als Schwerpunkt …«

»Megan. Zerbrich dir nicht deinen hübschen Kopf. Ich werde dir einen Schwerpunkt vorgeben.«

Neugierig sehe ich ihn an. »Und welchen?«

Mein Chef lächelt vielsagend. »Das kannst du dir eigentlich denken. Dein Schwerpunkt lautet Harley Jones

Während Brad seinen Namen sagt, läuft vor meinem inneren Auge ein kurzer Film ab: Harleys kalt entschlossener Blick, seine Muskeln, die sich anspannen, sein perfekter Körper, der vorschnellt und seine Faust, die ein Gesicht zertrümmert …

Meine Kehle wird trocken. Soll ich ihm etwa begegnen? Mich ihm nähern, wenn keine Käfigwand diese Bestie von mir trennt? Das kann ich nicht, und Brad weiß das. Ist das hier eine Falle? Will er mich auf die Probe stellen? Warum muss er mir ausgerechnet diesen Auftrag geben?!

»Megan«, sagt er eindringlich, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Bitte. Du bist die Einzige, die für diese Nummer in Frage kommt. Du bist jung, talentiert, charmant und anpassungsfähig. Gib dir einen Ruck. Eine Herausforderung wird dir gut tun. Und denk an die Belohnung.«

Oh ja, er hat Recht – das hier ist eine Herausforderung. Und ich habe keine Ahnung, wie gewisse Teile von mir, meine Reflexe, all die Dinge, die ich bisher nicht aufarbeiten konnte, reagieren werden, wenn ich auch nur in Harley Jones’ Nähe komme. Aber ich werde es herausfinden, denn ich will die Belohnung. Ich will sie unbedingt. Und auch wenn mir dieser Auftrag irgendwie Angst macht, muss ich mir mein Ziel vor Augen halten.

Schluck die bittere Pille, dann wirst du gesund. Nimm den anstrengenden Weg und du gelangst an einen wunderbaren Ort.

Ich seufze tief, dann nicke ich. »Harley Jones also. Okay. Ich könnte ihn interviewen«

»Du wirst ihn interviewen.« Brads Augen blitzen und er leert in Ruhe seinen Scotch, ehe er weiterspricht. »Zumindest indirekt.«

»Indirekt«, bringe ich hervor und ahne nichts Gutes.

»Ganz genau. Harley Jones und sein Team suchen jemanden fürs Marketing. Jemanden, der die Fotos schießt, die Flyer und Plakate designt, die Website updatet und der Jones noch viel berühmter macht. Jemanden wie dich.«

»Aber ich bin … ich kann …«, stottere ich, sogleich wieder demotiviert, und breche ab, bevor es richtig peinlich wird mit meinem Gestammel. Ich war noch nie besonders gut im Fotografieren. Meine erste Fotokamera ist mir in einen Teich gefallen, als ich die ölige Schicht an der Oberfläche ablichten wollte. In der Schule habe ich mal einen Fotokurs belegt, bei dem ich im Labor lauter schwarze Bilder entwickelt habe, während andere farbenprächtige Motive von Blumen und Tieren in den Händen hielten. Immer, wenn ich Fotos zu meinen Artikeln brauche, begleitet mich Jasper, ein langjähriger Freund und ebenfalls bei Brad angestellt. Und Flyer designen, Webseiten updaten … Ich bin eine Niete am PC und schaffe es tatsächlich, das Internet zu löschen. Zumindest habe ich das mal ernsthaft geglaubt. Ich bin also ein wandelnder Computer-Witz und ich habe keine Ahnung, wie Brad auch nur auf die Idee kommt, dass dieser Job etwas für mich sein könnte. Und warum überhaupt.

»Jetzt mach nicht so ein Gesicht. Das kriegst du doch mit Links hin.«

Ich lache auf. Es klingt in meinen eigenen Ohren kläglich. »Ich bin Reporterin, Brad …«

»Und eine sehr gute dazu. Deswegen habe ich dich ja auch ausgewählt, den Artikel zu schreiben.«

»Den Artikel, ja. Aber ich hab doch keine Ahnung von Marketing und überhaupt –« Erst jetzt wird mir etwas viel Essenzielleres klar: »Moment mal, was geht hier eigentlich vor? Wieso machen wir keinen Termin mit Jones’ Management und interviewen ihn ganz offiziell? Wieso dieser … dieser Undercover-Einsatz?«

»Wir wollen wahre Einblicke. Nichts Geschöntes. Werden in dem Business Drogen genommen? Ich will es wissen. Hat dieser Möchtegern-King-Kong mit Doping zu tun? Ich will auch das wissen. Pinkelt er im Sitzen? Heult er sich nachts in den Schlaf? Frisst er kleine Kinder? Ich will alles wissen. Die ganze ungeschönte Wahrheit.«

»Das ist …«

»Dein Karrieresprungbrett.«

»Ich soll ihn bespitzeln und dabei so tun, als gehörte ich zum Team.«

»Ganz recht. Du begleitest ihn die nächsten vier Wochen lang, bis zu seinem ersten großen UFC-Kampf Mitte Dezember. Und dann hast du noch eine Woche, mir deine fertige Reportage zu liefern. Sie erscheint als Paukenschlag zum Jahresende und wir stoßen Silvester darauf an.«

Mir wird heiß und kalt. Ich soll diesen Schlägertypen begleiten? Was heißt das? Werde ich mit ihm allein sein?

Ehe ich dazu komme, danach zu fragen, deutet Brad zur anderen Seite des Clubs. »Komm mit.«

»Wohin?«, frage ich perplex.

»An deinen neuen Arbeitsplatz.« Damit drückt er mir eine Spiegelreflexkamera in die Hand, die er, wie es aussieht, schon die ganze Zeit an einem Riemen von der Schulter baumeln hatte.

Ich lege vorsichtig eine Hand auf das Gehäuse. Noch immer sträubt sich alles in mir gegen die neue Aufgabe.

»Jetzt nimm schon. Das Ding ist nicht giftig. Nimm.«

Er lässt los und ich kann gerade noch rechtzeitig zugreifen.

Ich glaube, dass ich gerade aussehe, als hätte er mir eine scharfe Atombombe gegeben, aber Brad scheint zufrieden.

»Steht dir. Und jetzt komm. Ich kenne da jemanden, der kennt jemanden … Lange Rede, kurzer Sinn: Du hast den Job bei Jones eigentlich schon in der Tasche. Und jetzt wirst du deinen zukünftigen Arbeitgeber auf Zeit kennenlernen.« Er geht los.

Ich starre noch einen Moment auf das Ungetüm in meiner Hand, dann trinke ich meinen Rum auf Ex und folge Brad.

Soll ich Harley Jones heute noch kennenlernen? Jetzt? Ich schaue zum Käfig. Er ist nicht mehr da. Er wartet auf mich …

Mir wird schwindelig. Mein Puls dröhnt in meinen Ohren. Das fängt ja fantastisch an.

Kapitel 2

Brad führt mich einmal quer durch den Club, wo die Menschen noch immer ganz euphorisiert sind. Ich schnappe auf, dass José Angel Cuevas von einem Krankenwagen abgeholt worden ist. Sein Jochbein soll gebrochen sein oder zumindest, so sagen die Zuschauer, sah es so aus. Innere Notiz: Sie freuen sich nicht nur über Jones’ Sieg, sie geilen sich auch an den Verletzungen seines Gegners auf.

Wir betreten einen schmalen Flur. Aus dem müssen die zwei Kämpfer vorhin gekommen sein, wegen dem schummrigen Licht war er nicht zu erkennen. Stahltüren befinden sich links und rechts, ein Sicherheitsmann sorgt dafür, dass sich niemand Unbefugtes hier hinten herumtreibt.

Neben ihm steht ein anderer Kerl, der Brad zugrinst.

»Halt dich ab jetzt an Leo. Er weiß Bescheid«, zischt mir mein Boss zu, dann begrüßt er den Kerl, der Leo sein muss.

Ich nehme mir einen Augenblick, um ihn genauer zu betrachten.

Er ist ungefähr 35, etwas jünger als mein Chef, trägt ein schwarz-weiß gestreiftes Hemd und dazu eine dunkle Jeans. Seine Füße stecken in edlen, polierten Schuhen.

»Das ist sie also«, wendet er sich an mich und schüttelt mir die Hand. »Ich bin Leo. Meinem Cousin gehört der Laden hier.«

»Meg …«, beginne ich, dann stocke ich, weil ich nicht weiß, ob ich meinen echten Namen benutzen darf.

»Megan Clark.« Brad legt wieder kurz seinen Arm um mich, als wäre ich sein Besitz. »Die PR-Expertin.« Leo zwinkert mir zu. »Dann komm mal mit.« Damit lässt er Brad stehen und geht vor.

Ich werfe meinem Boss einen entschuldigenden Blick zu, dann folge ich Leo. »Woher kennen Sie Brad?«, frage ich, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand aus dem Umfeld des Ivory uns tatsächlich hilft, mich bei Jones einzuschleusen. Wer an diesen Kämpfen verdient, kann ja kein Interesse daran haben, dass ich irgendwelche dunklen Geheimnisse aufdecke.

»Er war hier Stammgast, früher, als das Ivory noch mir gehörte. Ich ging pleite, mein Cousin kaufte mir den Laden zu einem Spottpreis ab und machte mich gnädigerweise zu seinem Assistenten. Noch Fragen?«

Nein, die habe ich tatsächlich nicht. Rache ist ein starkes Motiv – als Reporterin weiß man so was.

Während wir den Korridor durchqueren, sehe ich mich um. Auf einem Schild steht ›Büro‹, auf einem anderen ›Lager‹. Wir gehen bis zum Ende des Flures, zu einer Tür, an der ›Garderobe 1‹ steht. Warum braucht ein solcher Club eine Garderobe? Na ja, wer weiß. Vielleicht sind hier früher mal Bands aufgetreten. Oder Stripperinnen. Ehe Käfigkämpfe so eine große Nummer wurden.

»Hier ist es«, sagt Leo und wartet an der Tür auf mich.

Ich schließe ein bisschen langsamer zu ihm auf, als ich müsste. Meine Hände sind feucht und mir ist jetzt noch schwindeliger. Doch der Rum hat leider nicht dafür gesorgt, dass meine Vorstellung davon, Harley Jones zu treffen, sich zum Positiven verändert hat. Es ist mir nicht egal geworden und ich fühle mich auch nicht mutiger als zuvor. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich diesem Kerl gegenüber verhalten, was ich zu ihm sagen soll. Er verdient sein Geld mit Schlägereien. Das ist so gar nicht meine Wellenlänge.

Leo stößt die Tür auf und tritt ein. »Das ist sie«, höre ich ihn sagen. »Eure neue PR-Frau Megan Clark.«

Das ist dann wohl mein Stichwort. Doch etwas in mir sträubt sich jetzt stärker denn je dagegen, auch nur noch einen weiteren Schritt zu machen. Ist er da drin? Oder nur sein Team, diese italienisch wirkenden Männer, die ihn beim Kampf mit Wasser versorgt haben? Diese Typen haben einigermaßen harmlos auf mich gewirkt. Harley jedoch …

Vor meinem inneren Auge sehe ich erneut, wie er mit Cuevas zu Boden gegangen ist, wie er zugeschlagen hat, wieder und wieder.

»Megan Clark«, wiederholt Leo und ich mache mir klar, dass ich nicht ewig hier stehen bleiben kann. So ein Mist. Ich muss all meine Kraft aufwenden, um mich schließlich doch in Bewegung zu setzen. Mein Herz pocht schmerzhaft gegen meine Rippen, als ich mit gesenktem Kopf die Kabine betrete.

Sie ist klein, das ist das Erste, was mir auffällt. Zu klein und zu voll: Der Mann im Anzug, der Kommentator, ist hier, die zwei Typen aus Harleys Ecke sind es auch. Zögernd lasse ich meinen Blick umherhuschen und dann entdecke ich Harley.

Er sitzt auf einem Stuhl an einem beleuchteten Kosmetiktisch, aber davon abgewandt. Vor ihm hockt eine Frau mit Latexhandschuhen, die eine kleine, aber klaffende Wunde an seinem Schlüsselbein zunäht. Ich schaue auf das Blut, das in einem dünnen Rinnsal seinen Oberkörper hinabläuft, dann auf seinen vollkommen tätowierten rechten Arm. Dunkle Motive, keine Farbe, verschlungene Linien, Präzision … dieselbe Präzision, mit der er zuschlägt. Merk dir das für deinen Artikel, Megan.

Dann sehe ich auf, mein Blick trifft seinen … und ich bin überrascht. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte. Vermutlich, dass er mich genauso ansieht, wie er vorhin seinen Gegner im Käfig ins Visier genommen hat. Aber das tut er nicht. Seine Augen sind von einem kühlen Blau, das schon, aber es liegt eine Sanftheit darin, die ich nicht erwartet hätte und die meine Furcht in sich zusammenschmelzen lässt wie einen Eisberg in der Sonne.

»Hi«, sage ich, dennoch mit dünner Stimme. »Ich bin die neue …«

Wie hat mich Leo noch mal vorgestellt?!

»Ich bin die …«

»Ich schätze mal, dass Sie die neue PR-Frau sind«, sagt der anzugtragende Moderator mit vor Ironie triefender Stimme. »Mit Ihren rhetorischen Fähigkeiten zumindest haben Sie uns jetzt schon überzeugt.«

»Diego, lass es gut sein«, sagt wiederum Leo.

Ich sehe ihn an, dann die italienisch wirkenden und sehr schweigsamen Typen aus Harleys Ecke. Und dann kann ich nicht anders, als wieder ihn anzuschauen. Seine Augen sind … bemerkenswert.

»Du solltest das heute Abend noch kühlen«, sagt die Frau, die Ärztin oder Sanitäterin sein muss, während sie ihr Zeug zusammenpackt. »Und du solltest –«

»Ich weiß Bescheid, Sally«, erwidert Harley. Es sind die ersten Worte, die ich aus seinem Mund höre und der Klang seiner tiefen, samtigen Stimme sorgt dafür, dass meine Knie weich werden. Oder vielleicht ist das auch nur die Nervosität wegen des spontanen Undercover-Auftrags.

Harley fixiert mich mühelos mit seinem stahlblauen Blick. »Hör zu, neue PR-Frau.«

»Ich heiße –«

»Das ist mir relativ egal. Wichtig ist, dass du dich an ein paar Regeln hältst: Keine Fotos, die Mitglieder meiner Familie zeigen. Keine Fotos aus meinem Privatleben. Von meinem Auto. Meiner Wohnung. Der Scheiß geht niemanden was an. Klar?«

Ganz automatisch nicke ich und augenblicklich kehrt die Furcht zurück. Ich habe mich einen Moment lang täuschen lassen, von seinen Augen und seiner Stimme. Doch jetzt, wo er mit mir redet, entpuppt er sich als genau die Sorte Mann, die ich erwartet hatte – ein Kampfhund, der sein Revier markiert. Gott, ist dieser Kerl einschüchternd. Fast fühle ich mich wie der nächste José Cuevas.

»Ich meine es ernst. Alles, was im Ring und hinter den Kulissen passiert, ist okay, der Rest ist tabu.«

»Ich habe verstanden, dass Sie es ernst meinen, Mister Jones.«

Harley sieht mir noch einen Moment lang in die Augen, dann nickt er, steht auf und wendet sich von mir ab, als wäre ich in der Sekunde, in der ich seine Regeln akzeptiert habe, zu Staub zerfallen. Immer noch hypnotisiert sehe ich zu, wie er sich ein frisches Shirt überzieht.

»Was bedeutet die Tätowierung auf Ihrem Rücken?«, höre ich mich dabei zu meinem Entsetzen selbst fragen.

Harley hält in der Bewegung inne.

Der Moderator, der, wenn ich mich recht erinnere, Diego heißt, lacht leise.

Ich räuspere mich. »Ich meine, vielleicht kann ich diesen Spruch irgendwie in die Flyer mit einbinden oder ins Artwork der Webseite oder …«

»Nein, kannst du nicht«, sagt Harley.

Gut, das war schon wieder ziemlich deutlich.

»Okay, war nur eine …«

»Idee, klar, aber es war ’ne beschissene Idee, also vergisst du sie am besten wieder.« Er sagt das mit einer solchen Beiläufigkeit, als würde es ihn nicht im Geringsten interessieren, wie ich mich dabei fühle – und genauso ist es vermutlich auch.

Ich nicke wieder, auch wenn er es nicht sehen kann, da er immer noch mit dem Rücken zu mir dasteht. Jetzt zieht er sich eine Lederjacke über, die an ihm aussieht, als sei sie nur für ihn gemacht worden.

»Gut, ich … Ich werde mir etwas anderes überlegen. Wann soll ich anfangen? Zu arbeiten?«

Anstelle von Harley antwortet mir einer der Italiener. »Du bist morgen früh um neun an der New Orleans Street. Dort befindet sich Harleys Gym. Du wirst ein paar Bilder vom Training aufnehmen und die Webseite sowie die sozialen Kanäle damit versorgen. Und du machst dir ein Bild von … von unserer Szene, unserem Sport, einfach allem. Keine Ahnung, was Leo bewogen hat, dich in so hohen Tönen zu loben, aber bis jetzt sehe ich nur ein kleines Mädchen, das nicht im Geringsten zu uns passt.«

Autsch, das saß. Wie ein kleines Mädchen wollte ich nun wirklich nicht herüberkommen – schließlich bin ich eine Frau von 28 Jahren.

»Ich brauche immer eine kleine Eingewöhnungsphase, aber dann werde ich abliefern wie verrückt, verlassen Sie sich drauf, Mister …«

»Nenn mich Luigi. Ich bin sein Manager.« Mit dem stoppeligen Kinn deutet er auf Harley, der mir weiterhin keine Beachtung schenkt. »Und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst. Morgen brauchen wir dich frisch. Kapiert?«

Ich nicke, werfe Harley einen letzten Blick zu, dann hebe ich zum Abschied meine nutzlose Kamera, sage »Danke« und »Tschüss« und gehe.

Das war Megan Clark mit einer gelungenen Demonstration darin, keinen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – und Harley Jones mit einer kleinen Lektion darüber, wie man es doch tut.

***

Als ich nach Hause komme, ist es so spät, dass es eigentlich schon wieder früh ist. Fahles Mondlicht fällt durch das große runde Fenster ins Innere meines kleinen Apartments. Ich schließe die Tür hinter mir und atme erst einmal tief durch. Was für eine Nacht! Die aufregendste seit langem. Ein bisschen sehnsüchtig schiele ich zu meinem Sofa, das wuchtig und einladend auf der rechten Seite des Raumes steht, doch um es mir dort gemütlich zu machen, ist nun wirklich keine Zeit mehr. Am liebsten würde ich ins Bett gehen. Stattdessen werde ich mir den Rest der Nacht um die Ohren schlagen, indem ich über Harley Jones recherchiere. Ich muss zumindest ein gewisses Grundwissen haben, und ein paar Infos übers Fotografieren und übers Design von Plakaten, Flyern und Webseiten sollte ich mir auch noch aus dem Netz ziehen. Die Reportage ist zu wichtig, um sie halbherzig aufs Papier zu schmieren oder vorzeitig zu versauen, indem ganz einfach auffliegt, dass ich nicht die geringste Ahnung von PR habe.

Ich hänge meine Tasche an den Garderobenständer, der noch vom Vormieter übrig ist, kicke meine Stilettos von den Füßen und tappe dann über den ausgetretenen Dielenboden in die Küche. Sie befindet sich im selben Raum wie das Wohnzimmer, nur Schlafzimmer und Bad sind abgetrennt. Insgesamt hat die Wohnung kaum 30 Quadratmeter, aber das reicht mir.

Ich öffne den Kühlschrank, schnappe mir den Kanister mit Orangensaft und trinke einen großen Schluck. Der Rum hat mich durstig gemacht. Ich hätte besser nicht so viel davon getrunken, aber ohne hätte ich den Abend wohl kaum überstanden. Ich muss an meinen Vater denken. Den berühmten Theo Clark. Wir waren uns in vielen Bereichen ähnlich und sind es wohl auch in diesem, denn wenn er an einem richtig großen Artikel schrieb, stand stets ein Glas Brandy auf seinem Schreibtisch. Er war kein Trinker, das nicht. Aber er wusste seine Nerven zu beruhigen, wenn es nötig war. Nun, vermutlich hätte auch ich besser einen kleinen Brandy als – wie viele waren es, 3? – dreifache Rum getrunken. Aber das ist jetzt wohl nicht mehr zu ändern.

Ich schlurfe um die mit dunklem Holz verkleidete Küchentheke herum und will mich gerade zu meinem Schreibtisch begeben, der in der Nähe des Sofas steht, als es leise an der Tür klopft. Einmal, noch mal, dann dreimal schnell. Ich lächle, dann gehe ich aufmachen. Wie mir der vereinbarte Code schon verraten hat, steht vor der Tür keine Geringere als Ellie. Sie leidet seit Jahren unter Schlafstörungen, daher wundert es mich nicht, dass sie um diese Zeit noch wach ist. In den Händen hält sie einen großen Topf und als sie meinen Blick darauf bemerkt, setzt sie ein wissendes Gesicht auf. »Ich wette ich weiß, wer noch nicht zu Abend gegessen hat.«

Mit einem breiten Lächeln lasse ich sie rein. »Habe ich dich geweckt, als ich nach Hause gekommen bin?«, frage ich dann und schließe die Tür. »Ich hab mich bemüht, leise zu sein.«

»Warst du auch, aber Scrooge führt mal wieder einen nächtlichen Stepptanz auf und du weißt ja, ich hab einen leichten Schlaf.«

Scrooge heißt nicht wirklich Scrooge, wir nennen ihn nur so, wegen dem geizigen alten Mann aus Dickens’ Weihnachtsgeschichte. Er wohnt unter Ellie und pumpt sie dauernd nach Salz oder Zucker an, obwohl er bei einer Bank arbeitet und sicher nicht arm ist. »Was treibt der Kerl da nur immer?«, frage ich.

»Weiß ich nicht«, erwidert Ellie. »Will ich auch gar nicht wissen. Mac and Cheese?« Sie stellt den Topf auf die Küchentheke und hebt den Deckel ab. Sogleich strömt mir ein sahnig-würziger Geruch entgegen.

»Unbedingt!«, sage ich und beeile mich, Teller und Besteck aus den Schränken zu suchen. Die meisten Teller sind gesprungen und das Besteck ist alt und verbogen. Ich habe fast alles hier vom Vormieter übernommen und meine eigentlichen Sachen stehen überall in Kartons herum. Beispielsweise an der Theke, übereinandergestapelt, sodass sie eine Art Barhocker ergeben. Ellie setzt sich ganz selbstverständlich auf einen dieser Stapel.

»Wo hast du dich rumgetrieben?«, will sie in ihrer stets etwas ruppigen Art wissen. Sie ist eine große rothaarige Frau mit den Kurven eines Filmstars aus den Vierzigern, aber sie kann schimpfen wie ein Bauarbeiter. Ich mochte sie von unserer ersten Begegnung an, die stattfand, als wir beide an der Uni in den Anfängerkurs Kritische Recherche starteten.

»In einem Club.« Ich stelle die Teller ab und tue uns etwas auf.

»Versteh mich nicht falsch, aber seit wann gehst du wieder aus?«, will Ellie wissen.

Ich lache kurz. »Seit unser Chef mich dazu zwingt.«

»Brad?!« Ellies Stimme überschlägt sich fast. Sie arbeitet wie ich bei den Daily News und kennt Brad natürlich. »Hat er dich endlich um ein Date gebeten?!«

»Du weißt selbst, dass ich dann nein gesagt hätte.« Ich schiebe ihr ihren Teller herüber.

Ellie bindet ihre langen Haare zu einem Zopf, wie sie es immer vor dem Essen tut, und sieht mich an, als verstünde sie jetzt gar nichts mehr.

»Es war kein Date.« Ich setze mich neben sie. »Es war was Geschäftliches. Ein Auftrag. Und wenn ich den zu Brads Zufriedenheit erledige, bekomme ich die Stelle an der Westküste.«

»Du willst Chicago also wirklich verlassen?«

Ich nicke. »So schnell wie möglich.«

Ellie seufzt tief. Ihr gefällt die Vorstellung, dass ich wegziehe, nicht und ich verstehe das, denn ich werde sie auch vermissen. Aber hier kann ich nicht bleiben. Nicht nach allem, was war.

»Hey, vielleicht verkack’ ich es ja«, tröste ich sie.

Ellie muss lachen, dann greift sie nach ihrer Gabel und fängt an zu essen. »Um was geht es denn?«

»Käfigkämpfe«, gebe ich unverblümt zu. Dann schiebe ich mir eine Gabel Makkaroni in den Mund und spüre erst jetzt, wie hungrig ich eigentlich bin. Sofort schiebe ich eine weitere Gabel nach. Dann erst bemerke ich Ellies Gesichtsausdruck. Sie sieht aus, als wäre sie jetzt völlig vom Glauben abgefallen.

»Käfigkämpfe«, wiederholt sie. »Du.«

»Ich weiß selbst, wie bescheuert sich das anhört, aber …«

»Nein, kein Aber«, sagt Ellie und klingt ein kleines bisschen sauer. »Du solltest das nicht machen. Das ist kein Thema für dich. Du wirst dich miserabel dabei fühlen. Und dass Brad so ein unsensibler Arsch ist, hätte ich auch nicht gedacht. Er soll dir ein anderes Thema geben. Egal, welches. Aber nicht dieses.«

Ich denke über ihre Worte nach, während ich eine weitere Gabel Makkaroni mit Käse verschlinge. Fühle ich mich mies? Na ja. Ich habe Angst vor dem Auftrag, weil es richtig peinlich wäre, wenn ich auffliege. … Und weil ich die nächsten Wochen in der unmittelbaren Umgebung eines hauptberuflichen Schlägers verbringen werde. Aber glaube ich, dass Harley seinen Angestellten gegenüber gewalttätig ist? Nein, natürlich nicht. In der Kabine hat er nicht gerade einen freundlichen Eindruck auf mich gemacht, aber er wirkte auch nicht aggressiv. Wenn er von der Art her so bleibt, dann werde ich zwar die eine oder andere verärgerte Bemerkung hinunterschlucken müssen, aber ich werde damit zurechtkommen.

Trotzdem werde ich viele schlagende Männer sehen. Prügeleien. Blut und vielleicht gebrochene Knochen.

Werde ich auch damit zurechtkommen?

Ich seufze.

»Sag ihm ab, Megan«, fordert Ellie eindringlich. »Du kannst ihm immer noch im Januar oder Februar beweisen, dass du für die Stelle an der Westküste qualifiziert bist. Das läuft dir nicht weg.«

Sicher, ich könnte Brad sagen, dass ich es nicht mache. Gleich morgen früh. Und dann wäre ich den ganzen Winter hier und würde darauf warten, dass er mir eine zweite Chance gibt, und meine Flucht, die mir gerade so greifbar erscheint, würde wieder in ganz weite Ferne rücken, wieder zu einem Traum werden.

»Nein.« Ich schüttle den Kopf. »Vergiss es, Ellie. Ich werd das durchziehen und dann lasse ich Chicago hinter mir. Das ist der einzig richtige Weg.«

Ellie mustert mich lange und prüfend. Dann ist sie diejenige, die seufzt. »Du weißt, was ich davon halte, dass du abhauen willst.«

Ich nicke. »Aber ich habe keine andere Wahl.«

»Gut, versuch dich an dem Job«, sagt sie schließlich. »Wir reden dann in einer Woche noch mal.«

Ich ignoriere das siegessichere Funkeln in ihren Augen und wende mich wieder meinem Teller mit Nudeln zu. Dabei denke ich an Harley und an das, was Brad zu mir gesagt hat: Hat dieser Möchtegern-King-Kong mit Doping zu tun? Ich will auch das wissen. Pinkelt er im Sitzen? Heult er sich nachts in den Schlaf? Frisst er kleine Kinder? Ich will alles wissen. Die ganze ungeschönte Wahrheit.

Wenn ich mich reinhänge, kann diese Reportage eine richtig große Sache werden. Gut für meine Karriere. Für mein Selbstbewusstsein als Journalistin. Für meinen Neuanfang.

Ich werde das packen. Und wenn das bedeutet, dass ich die nächsten Wochen damit verbringe, mir einen Faustschlag nach dem anderen anzusehen, nun, dann ist das eben so.

***

Als Ellie weg ist, ist es nach fünf Uhr morgens und an Schlaf ist wirklich nicht mehr zu denken. Ich brühe mir eine Kanne starken Kaffee auf, setze mich an den Schreibtisch, der ein Erbstück von meinem Vater ist, und fahre den Laptop hoch. Während ich warte, nippe ich an der pechschwarzen Brühe und sehe aus dem Fenster. Meine Wohnung liegt im Zentrum von Chicago, in dem weniger schicken Teil. Dieses Haus hier hat 24 Stockwerke und ist umgeben von ähnlich hohen Wohntürmen. In manchen der Fenster brennt bereits Licht. Schräg gegenüber erkenne ich einen Mann, der ein bisschen umständlich seine Krawatte bindet. Im Fenster darunter eine Frau im Nachthemd, die gähnend ein Baby in den Armen wiegt. Ich lächle. Alles ist so normal um mich herum. Innerlich danke ich Ellie dafür, dass sie mir geholfen hat, diese Bleibe zu bekommen, nachdem alles in die Brüche gegangen war. Sie hat sich beim Vermieter extrem für mich eingesetzt und nur in den höchsten Tönen von meiner Unkompliziertheit und Integrität geschwärmt – das hat gezogen.

Mit einem gleichmäßigen Schnurren macht mir der Laptop bewusst, dass er jetzt bereit ist. Ich trinke einen weiteren Schluck Kaffee und stelle dann die Tasse ab, um mich der Tastatur zuzuwenden. Ich öffne ein Suchfenster und gebe Harleys Namen ein, und es dauert keine Sekunde, bis mein Browser genug Ergebnisse ausspuckt, um damit einen meterdicken Ordner füllen zu können.

Das Erste, was kommt, sind Anzeigen mit Kampfterminen und der Aufforderung zum Ticketkauf. Eine Menge Superlativen flattern über den Bildschirm: DER FIGHT DES JAHRES wechselt sich ab mit SEHT DEN UNBESIEGTEN LIVE.

Der Unbesiegte … ist das Harleys offizieller Kampfname? So was haben Kampfsportler doch, oder? Ich meine mich zu erinnern, dass Muhammad Ali The Greatest gewesen ist. Der Unbesiegte … das klingt ganz schön hochgestochen. Und es passt irgendwie zu dem lateinischen Tattoo. Ach ja, ich wollte doch nachschauen, was es damit auf sich hat. Wie war das noch gleich?

Irgendwas mit sanguis. Blut. Ich gebe das Wort ein, aber das ist natürlich hoffnungslos – da bekommt man tausend Ergebnisse für Latein-Englisch-Übersetzer und Wörterbücher. Wie lautete denn noch mal der Rest? Ach, warum mache ich es mir denn so schwer? Ich lösche meine Suchanfrage und gebe stattdessen ein: Harley Jones Tattoo.

Gespannt starre ich auf den Bildschirm und überfliege dann die Ergebnisse. Es scheint nichts Passendes dabei zu sein, also wechsle ich auf die Bildsuche – auch da nichts, was sich speziell mit seinen Tätowierungen befasst. Mist. Aber dann habe ich eine Idee. Ich gebe Harleys Namen und den seines heutigen Kontrahenten ein, und zack, erscheint das Kampfplakat, das ich auch im Ivory gesehen habe. Sehr gut. Ich vergrößere es und kann das Tattoo so gerade entziffern: In sucum et sanguinem.

Schnell gebe ich den Satz oben in die Suchmaske ein und werde nun endlich in Sekundenschnelle fündig.

»In Saft und Blut«, lese ich mir selbst im Flüsterton vor, »lateinische Redewendung, sinngemäß zu übersetzen als ›In Fleisch und Blut‹.«

In Fleisch und Blut … Worauf bezieht sich dieser Halbsatz für Harley? Soll er ihn einfach nur brutaler wirken lassen? Im Sinne von … keine Ahnung, ich werde dir meine Faust in Fleisch und Blut rammen?

Ich muss grinsen. Nein, so etwas Bescheuertes steckt sicher nicht dahinter. Aber was will er dann damit sagen? Ich gebe noch mal seinen Namen ein und stelle fest, dass er einen Wikipedia-Artikel hat. Na, wer sagt’s denn? Vielleicht finde ich da ja auch was über die Bedeutung seiner Tätowierungen.

»Harley Jones, MMA-Kämpfer aus Chicago, Illinois«, lese ich wieder laut. »Jones wurde gleich durch seinen ersten Kampf im Januar 2016 zur Berühmtheit in der Szene, als er seinen Kontrahenten Victor ›Big Vic‹ Mason in der zweiten Runde durch K.o. besiegte. Big Vic war bis dato ungeschlagen. Jones hat seitdem mehr als 20 Kämpfe hinter sich gebracht, eine hohe Rate für einen so kurzen Zeitraum. Verloren hat er dabei kein einziges Mal, all seine Siege erzielte er durch K.o., wobei er nie bis in die dritte, letzte Runde eines MMA-Kampfes gehen musste. In der Szene wird er als ›Der Unbesiegte‹ bezeichnet. Seine Fangemeinde wuchs binnen kurzer Zeit rapide. Gerüchte besagen, dass Jones kurz vor seinem Einstieg in die UFC steht.«

MMA. UFC. All diese Abkürzungen sagen mir nichts. Ich gebe UFC ein und finde heraus, dass es sich dabei um den Profiverband schlechthin für Käfigkämpfe in den USA handelt. Gut für Harley, wenn er dort mitmachen darf. Warum auch immer man das will. Aber wer weiß, für jemanden, der gut zuschlagen kann, ist es sicher leicht verdientes Geld. Ich vergrößere das Foto, das zu seiner Wikipedia-Seite gehört. Es zeigt ihn ein Stück weit aus der Ferne fotografiert, durch die Maschen des Käfigs, die dicht vor der Linse verschwimmen. Sein Gesicht ist ernst und entschlossen. Sein Blick ist eiskalt blau. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich es hier mit mehr als nur einem bekannten Fighter zu tun habe. Dass es für diese blaue Kälte einen Grund gibt. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber eigentlich lässt mich mein journalistisches Gespür selten im Stich.

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und betrachte das Foto mit etwas Abstand, während vor dem runden Fenster ein sonniger Herbstmorgen aufzieht.

Was auch immer es mit Harley Jones auf sich hat, ich werde es herausfinden – und mir mein Ticket an die Westküste verdienen.