Prolog
Miles
»Versteh mich nicht falsch. Du bist heiß. Aber … na ja … deine Farm …«
Er schluckte bei dem verächtlichen Blick, den Evelyn über seine heiß geliebte Farm wandern ließ.
»Meine Farm?«, fragte er, obwohl er die Antwort kannte und wusste, sie würde ihm nicht gefallen.
»Deine Farm ist ein Drecksloch.«
Autsch. Egal, wie oft sie ihm das ins Gesicht schleuderten, es tat immer gleich weh. Warum konnten sie nicht verstehen, dass seine Farm alles andere war als ein Drecksloch? Warum sahen sie nur das Chaos, nicht das perfekte Gleichgewicht der Natur? Warum …?
»Ich weiß, was du brauchst«, unterbrach sie seine Gedanken.
Er zog bloß die Augenbrauen hoch. Auch was jetzt kam, kannte er bereits. Sie war nicht die Erste, von der er die folgenden Worte hörte.
»Ja?«
»Eine Sklavin, die du für die Arbeit hier einspannen kannst. Eine, die den ganzen Tag über schuftet und abends auch noch die Beine für dich breitmacht. Die dir möglichst noch eine Schar Kinder gebärt, weil zwei Paar Hände die Arbeit hier nicht schaffen können. Damit du die auch versklaven kannst. Ich kann das alles nicht.«
Sie wandte sich um.
»Du musst dir wohl eine andere suchen.«
Mit versteinerter Miene sah er zu, wie sie auf ihr Auto zumarschierte, einstieg und ohne einen weiteren Gruß davonfuhr.
Es war wieder passiert. Evelyn war nur die letzte in einer langen Reihe an Frauen, in die er sich verliebt hatte. Frauen, bei denen er gehofft hatte, sie wären bereit, sein Leben zu teilen. Er hatte sich wohl getäuscht. Schon wieder.
Eine Berührung am Bein lenkte seinen Blick nach unten. Sein rostbrauner Kater umschmeichelte schnurrend seine Beine. Er beugte sich nach unten und nahm ihn auf den Arm. Obwohl Rusty das für gewöhnlich nicht mochte, ließ er es geschehen. Vielleicht spürte er, dass Miles heute jemanden brauchte, der ihn verstand.
»Du hast sie nie gemocht, stimmt’s?«, fragte er den Kater. »Vielleicht hätte ich auf dich hören sollen. Du hast eine bessere Menschenkenntnis als ich.«
Rusty schnurrte weiter. Dann wurde er unruhig, wand sich und sprang aus Miles’ Armen zu Boden. Mit erhobenem Schwanz rannte er Richtung Stall. Maunzend. Es war Zeit für die Abendfütterung.
Miles gestattete sich noch einen Moment des Selbstmitleids. Er schaute in die Sonne, die im Begriff war, hinter dem Bergrücken zu verschwinden, und nahm Abschied. Von diesem Tag. Von Evelyn.
»Vielleicht sollte ich einfach einsehen, dass mich keine will«, sagte er leise.
Ein Maunzen ertönte vom Stall und erinnerte ihn daran, dass es Wichtigeres gab als die Liebe. Vielleicht sollte es einfach nicht sein …
Verschüttete Milch … oder doch Kaffee?
Misserfolge sind wie Steine im Fluss deines Lebens. Ändere einfach nur die Richtung, und es läuft wieder wie von selbst.
–
Pipers Sammlung von Kalendersprüchen und Floskeln, die aus dem Sprachgebrauch gestrichen werden sollten.
Piper
»Ändere einfach nur die Richtung, und es läuft wieder wie von selbst.« Piper biss die Zähne zusammen und stellte die Musik lauter, in der Hoffnung, dass die dumpfen Bässe, die über die Kopfhörer direkt in ihre Gehörgänge hämmerten, endlich ihre Gedanken übertönten. Doch es funktionierte nicht.
Wie auch? Es gab keine andere Richtung. Vor ihr ragte eine Wand auf. Der Fluss ihres Lebens war blockiert, um die Formulierung des bescheuertsten aller Kalendersprüche zu übernehmen, die ihre Freundin – oder sollte sie sagen ehemalige Freundin? – Karen jemals zitiert hatte. Und um damit weiterzumachen: Das Wasser stieg und stieg. Es reichte ihr schon bis zum Hals. Sie war kurz davor, in ihrem Schlamassel zu ertrinken.
Nein, falsch. Eigentlich war sie bereits jämmerlich untergegangen.
Piper lehnte die Stirn gegen die Fensterscheibe des Überlandbusses, der sie dahin bringen würde, wo sie ihre Träume endgültig begraben könnte: nach Maplewood.
Maplewood, ein kleines Städtchen im Nirgendwo von New Hampshire, zwischen den White und Black Mountains, wo außer Bären, Elchen und Wandertouristen nur noch ein paar Sturköpfe lebten, die nicht wahrhaben wollten, dass ein Leben hier keine Zukunft hatte. Ein paar Häuser entlang der kaum befahrenen Landstraße, eine Gasse mit ein paar kleinen Läden, ein Diner, ein Community Centre, in dem einmal im Monat Filme gezeigt wurden, über die man andernorts schon nicht mehr sprach, ein kleiner See, der diese Bezeichnung kaum verdiente. Mehr gab es da oben nicht.
Was es auch nicht gab: den täglichen Anblick ihrer zerbrochenen Träume.
Wie von allein gingen ihre Gedanken wieder zurück nach Portsmouth. Sie sah sich selbst am Fenster ihres Wohnhauses stehen und zum Schaufenster ihres Betriebs blicken. The Juicy Juice.
Verächtlich verzog sie die Mundwinkel. Sie hatte damals schon gesagt, dass der Name für ihr Produkt zu kindisch klang. Schließlich produzierten sie keine Kindersäfte, sondern hochkonzentrierte Vitaminpräparate in Flüssigform. Alec hatte jedoch darauf bestanden, dass der Name einprägsam sei. Genau das, was sie bräuchten. Und sie hatte auf ihn gehört. Wie sie immer auf ihn gehört hatte.
Ein Fehler, das wusste sie jetzt. Zu spät.
»Aus Fehlern lernt man«, hörte sie Karens Stimme in ihrem Kopf. Und gleich darauf: »Fehler sind die Sprossen der Trittleiter deines eigenen Wachstums.«
Piper schlug mit der Stirn gegen die Fensterscheibe, um diese Stimme loszuwerden. Was sie in ihrer Situation am allerwenigsten brauchen konnte, waren Karens Kalendersprüche.
Karen hatte sie genauso verraten wie Alec. Nein, vielleicht noch schlimmer. Während Alec sie einfach verlassen, sie sang- und klanglos mit ihren Schulden alleingelassen hatte, war Karen diejenige gewesen, die Pipers Wohnung ersteigert hatte. Für einen Pappenstiel.
Das hatte noch mehr geschmerzt als alles andere.
Nein, von Karen wollte Piper nichts mehr wissen.
Nicht von Karen.
Nicht von Alec.
Nicht vom Juicy Juice.
Nicht von Pipers Schulden und dem Nichts, das sich gerade vor ihr auftat wie ein schwarzer Abgrund.
Wieder ließ sie den Kopf gegen die Scheibe rumsen.
Da verschwand plötzlich der Kopfhörer von ihrem Ohr.
»Die Musik ist so laut, dass der ganze Bus mithören kann«, keifte ihre Sitznachbarin. »Und wenn du noch einmal den Kopf gegen die Scheibe schlägst, bricht sie. Ich habe keine Lust, auf halber Strecke den Bus wechseln zu müssen, nur weil du mit deinem Leben nicht klarkommst, also hör auf damit.«
Piper starrte sie an. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht einmal bemerkt hatte, dass sich die Frau neben sie gesetzt hatte. Noch weniger hatte sie sie bewusst wahrgenommen. Umso ausführlicher betrachtete sie ihre Sitznachbarin jetzt. Eine Frau mit Dreadlocks, einige davon grün gefärbt, andere mit bunten Bändern geschmückt. Ihre Klamotten waren schreiend bunt. Nicht wirklich aufsehenerregend, wenn die Frau nicht mindestens siebzig Jahre alt gewesen wäre.
»Ich bin Fay«, sagte die Frau, und der amüsierte Ausdruck auf ihrem Gesicht verriet, dass sie genau wusste, was Piper dachte. »Wenn du willst, kann ich mich auch einmal um mich drehen, damit du mich von allen Seiten anstarren kannst.«
Pipers Wangen wurden heiß. »Nicht nötig«, nuschelte sie und richtete den Blick auf ihr Handy, um die Musik leiser zu stellen. Dann wandte sie ihn wieder nach draußen. Wald. Davon würde sie in nächster Zeit mehr als genug zu sehen bekommen.
Wieder wurde ihr der Kopfhörer von den Ohren gezupft. »Könntest du mir kurz helfen?«
Piper kniff die Lippen zusammen, um eine respektlose Bemerkung hinunterzuschlucken. Sie wollte nicht helfen. Sie wollte in Ruhe gelassen werden. Sie wollte sich in Selbstmitleid suhlen. Sie wollte …
»Es ist nicht gesund, die Sklavin seiner Gedanken zu werden«, sagte da die Frau. Wieder hatte sie erraten, was in Pipers Kopf vor sich ging. Langsam wurde sie ihr unheimlich.
»Geht es um einen Mann?«
Piper verzog das Gesicht. »Der ist das kleinste Problem.«
»Aber Teil des Problems?«
»So könnte man das ausdrücken. Ja. Und ich will nicht über ihn reden.«
»Akzeptiert. Hilfst du mir also?«
Piper zuckte mit den Schultern. Es war ja nicht so, als wäre sie mit irgendwelchen wichtigen Dingen beschäftigt. »Was soll ich tun?«
Die Frau beugte sich zur Seite und zog eine Art Korb unter ihrem Sitz hervor. Bei näherem Betrachten erkannte Piper, dass er aus dicker Wolle gehäkelt war – oder gestrickt? Was wusste sie schon? Auf jeden Fall befanden sich darin mehrere bunte Wollstränge.
»Ich muss die hier aufwickeln. Würdest du sie halten?« Ohne auf ihre Antwort zu warten, griff Fay nach Pipers Händen und richtete sie aus. Sie löste den Knoten, der das Wollbündel zusammenhielt, und hängte die Enden über Pipers Unterarme. »So kann ich die Wolle abwickeln, ohne dass sie sich verheddert«, erklärte sie. »Und jetzt erzähl. Was hat der Mann, der nicht das Problem ist, angestellt?«
Piper seufzte. Eigentlich war sie noch nicht bereit, mit jemandem darüber zu sprechen. Nicht einmal ihren Eltern hatte sie erzählt, was passiert war. Die wussten nur, dass Piper nach Hause kam. »Für ein paar Tage«, hatte sie gesagt und verschwiegen, dass es genauso gut auch »für immer« sein könnte.
»Sieh es mal so: Du kennst mich nicht. Es mir zu erzählen, ist ungefähr so, als würdest du es in ein Tagebuch schreiben. Der Vorteil: Ich höre auch wirklich zu. Du kannst dir deine Erlebnisse von der Seele reden, und für mich vergeht die Zeit schneller. Am Ende haben wir beide gewonnen.«
»Sie haben recht, Ms …?«
»Fay. Einfach nur Fay. Was also hat der Mann, der nur Teil des Problems ist, angestellt?« Die Frau lächelte, und der letzte Widerstand in Piper fiel in sich zusammen.
»Er hat unseren gemeinsamen Betrieb an die Wand gefahren und ist verschwunden. Mich hat er mit unseren Schulden allein zurückgelassen. Meine ›Freundin‹«, sie malte Gänsefüßchen in die Luft bei der Bezeichnung für Karen, »hat den größtmöglichen Vorteil aus der Situation gezogen, nachdem sie mich mit ein paar bescheuerten Kalendersprüchen abgespeist hat. Und jetzt bin ich auf dem Heimweg und weiß nicht, was ich mit meinem Leben machen soll.«
»Es leben?«, fragte Fay unschuldig zurück.
Dafür hatte Piper nur ein müdes Schnauben übrig. Ja, noch mehr Kalendersprüche … Das war genau das, was sie jetzt brauchte.
Sie sagte jedoch nichts. Stattdessen hielt sie die Arme ausgebreitet und schwang sie hin und her, um es Fay auf dem beschränkten Raum zu erleichtern, die Wolle aufzuwickeln. Ihr Blick ging nach draußen.
Wald.
Wald.
Wald.
Und dazwischen: Bäume.
Und dann kam der Augenblick, den sie als Kind immer herbeigesehnt hatte, wenn sie mit der Familie in Urlaub gefahren war: die unbewaldete Hügelkuppe, von der aus man auf das Städtchen hinabsehen konnte. Welcome to Maplewood, stand auf dem verwitterten Schild. Und Population: 2678.
Sie lächelte, als eine Kindheitserinnerung in ihr hochkam.
In der ersten Klasse liebte Piper Mathematik mehr als jedes andere Fach. Sie liebte, dass zwei und zwei immer vier war. Sie liebte, dass vier auch die Summe von eins und drei sein konnte oder von vier und null. Und dass es egal war, welche dieser Zahlen zuerst in der Rechnung stand. An Mathematik konnte man sich festhalten. Da war alles klar. Nicht wie in Englisch, wo derselbe Laut auf sechs verschiedene Arten geschrieben werden konnte.
Ihre Liebe zur Mathematik wurde noch größer, als Piper lernte, große Zahlen zu lesen. Die Lehrerin ließ sie das Dezimalsystem anhand von Perlen entdecken … goldene Perlen, die wunderbar glatt anzufassen waren und herrlich glänzten. Piper liebte es, mit ihnen zu spielen und die langen Perlenschnüre wieder und wieder durch die Finger gleiten zu lassen.
Dann kam der Tag, an dem die Lehrerin ihnen den Zahlenraum Tausend vorstellte. Wie viele Einerperlen mussten zu Zehnerstangen und die wieder zu Hunderterplatten zusammengefasst werden, bis daraus endlich ein Tausenderwürfel entstand! Und wie lang war die Kette, wenn man all diese Stangen und Platten wieder auseinanderzog! Sie reichte von der Klassentür bis zum Eingang der Schule. So lang war sie.
Ab dem Moment liebte Piper große Zahlen. Wo auch immer ihr Ziffern begegneten, musste sie innehalten und sie lesen. Natürlich entdeckte sie auch die Zahl auf dem Willkommensschild von Maplewood und bestand darauf, dass ihr Dad anhielt, damit sie sie in aller Ruhe vorlesen konnte.
»Welcome to Maplewood. Population: 2678«, las sie laut vor. »Was heißt Population, Dad?«
Geduldig erklärte er es ihr, und Piper wiederholte die Zahl auf dem Heimweg so oft, dass sie sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen sollte.
Am nächsten Tag stürzte sie sich in der Schule sofort auf das Perlenmaterial. Um die Einwohnerzahl auf dem Willkommensschild darzustellen, brauchte Piper zwei Tausenderwürfel, sechs Hunderterplatten, sieben Zehnerstangen und acht einzelne Perlen. Das waren ganz schön viele Perlen! Und jede davon stand für einen Menschen!
Als kurz darauf die Nachbarin Zwillinge bekam, quengelte Piper so lange, bis Dad mit ihr zu diesem Schild fuhr. Die Enttäuschung war riesengroß, als die Zahl unverändert war.
»Der Bürgermeister lässt das Schild alle paar Jahre austauschen«, erklärte Dad.
»Aber dann stimmt die Zahl ja nicht.« Es war unvorstellbar für sie, dass der Bürgermeister eine so schlimme Lüge auf sich nahm. Und vielleicht war das der Moment, in dem Piper den Glauben an Mathematik verlor. Schließlich reichte eine klitzekleine Unachtsamkeit – oder Lüge –, und all die Gesetzmäßigkeiten waren nichts mehr wert.
Inzwischen wusste sie, dass der Bürgermeister, Nigel Grey, keinen Gedanken daran verschwendete. Denn auch heute noch prangte dieselbe Einwohnerzahl auf dem mittlerweile ziemlich verwitterten Schild.
Verwittert waren auch die ersten Häuser, die sie passierten. Die bunten Farben aus Pipers Erinnerung waren verblasst, an manchen Stellen abgeblättert. Die Veranden der ehemals hübschen Häuschen im viktorianischen Baustil waren morsch, in den Grünflächen wucherte Unkraut.
Die Beklommenheit, die die ganze Zeit über in ihrer Brust geschwelt hatte, wuchs. Ihre Rückkehr nach Maplewood war nichts als das Eingeständnis einer riesigen Niederlage. Sie gab auf. Ihre schillernde Zukunft, ihre Träume … sich selbst.
Miles
»Danke, und bis morgen«, sagte Miles, während er seinen wiederverwendbaren To-go-Becher in Empfang nahm. Er zwinkerte der alten Mae zu, dann verließ er das Maple Mug Café.
Der Tag war lang gewesen, und er hatte sich eine Belohnung in Form eines Pumpkin-Spice-Latte und eines von Maes Honigtörtchen redlich verdient. Und selbst wenn es nicht so wäre, gehörte es doch zu seiner Tagesroutine, ein letztes Mal im Maple Mug vorbeizuschauen und sich mit Kuchenresten einzudecken. Allein schon, um noch einmal zusammen mit der alten Dame ihre Bestände durchzugehen. Sie vergaß immer öfter, wichtige Waren bei ihm zu bestellen, konnte daher ihre legendären Kuchen nicht backen und geriet in Stress. Einmal hatte sie sich so sehr aufgeregt, dass sie mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht worden war. Am Ende war es eine Panikattacke und nicht lebensbedrohlich gewesen, aber wenn er mithelfen konnte, um so etwas ein zweites Mal zu verhindern, wollte er das auch tun.
Heute hatten sie festgestellt, dass Mae der Honig ausging. Er würde also morgen ein paar Gläser seines Blütenhonigs zu der täglichen Bestellung packen. Außerdem Haselnüsse. Auch die gingen langsam zur Neige. Er zog sein Handy heraus, um einhändig – in der anderen Hand trug er ja den Kaffeebecher – die Nüsse zu Maes Bestellung hinzuzufügen, da passierte es.
Etwas Hartes, Schweres flog ihm vor die Füße, er stolperte und das Handy glitt ihm aus der Hand. Gleichzeitig ergoss sich der Inhalt seines To-go-Bechers über sein Hemd und den Haufen auf der Erde.
»Heiß! Verdammt!«, entfuhr es ihm, und er riss das Hemd weg von seiner verbrühten Haut. »Was zum Teufel …!« Er sah hoch und … es traf ihn wie ein Blitz: Ein Zauberwesen stand vor ihm. Grün funkelnde Augen, die in dem bleichen Gesicht riesig wirkten, braune Locken, zu einem O geöffnete erdbeerfarbene Lippen. Seine Traumfrau!
»Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!«
Wie ein Rumpelstilzchen tanzte sie um den Haufen aus Taschen und Koffern herum. Wer war sie, dass sie mit so viel Gepäck verreiste? Ein Promi? Nur was tat sie dann ausgerechnet in Maplewood?
Miles’ Mund klappte auf und wieder zu. Er war nicht imstande, auch nur ein sinnvolles Wort zu formulieren.
Das Zauberwesen hingegen war nicht auf den Mund gefallen. »Meine Koffer! Meine Tasche! Sie ist nicht wasserdicht! Und wie soll ich jemals wieder diese Kaffeeflecken herausbekommen? Du hast mit deinem bescheuerten Kaffee meine Tasche ruiniert! Was sage ich! Meine Tasche? Meine ganzen Habseligkeiten hast du ruiniert. Mein ganzes Leben ist in diesen Taschen, und du schüttest einfach deinen bescheuerten Kaffee drüber!«
Er starrte sie immer noch nur an.
»Und du sagst gar nichts? Nicht einmal Entschuldigung?«
»Entschuldigung«, meinte er lahm.
Sie schnaubte bloß. Mit einem letzten vernichtenden Blick raffte sie ihre Sachen zusammen und rauschte davon. Miles starrte ihr benommen nach. War das jetzt wirklich passiert?
Ein leises Kichern holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
»Da hat ja mal jemand mächtig Eindruck bei unserem Miles hinterlassen.«
Er drehte sich zu Fay um, zu der das Kichern und die Stimme gehörten. »Sie hat vor allem einen Kaffeefleck auf meinem Hemd hinterlassen.« Anklagend zeigte er auf den immer noch heißen Fleck auf seiner Brust.
Fay kicherte wieder. »Wohl nicht nur das.«
»Ach, hör mir auf mit deinen Verkuppelungsversuchen. Habt ihr noch nicht verstanden, dass ihr euch bei mir die Zähne ausbeißt?« Fay gehörte wie auch Mae zu einer recht unternehmungslustigen Runde älterer Damen, die am liebsten im Café ihrer alten Freundin saßen und den lieben langen Tag über die Einwohner von Maplewood plauderten. Ihren Lieblingen, zu denen leider auch er gehörte, ließen sie besondere Aufmerksamkeit in Form ihrer Kuppeleien angedeihen. Ganz zufällig luden sie immer zu den Zeiten, zu denen er bei Mae vorbeischaute, Frauen in seinem Alter ein, die – ebenfalls ganz zufällig – gerade alleinstehend und auf der Suche nach der großen Liebe waren.
Evelyn war eine dieser Frauen gewesen. Einen kleinen Augenblick dachte er wehmütig an sie, dann fielen ihm ihre harten Worte wieder ein. Nein. Er wollte nicht um sie trauern. Sie hatten nicht zusammengepasst und basta.
Er musste den Damen sagen, dass sie damit aufhören mussten. Er wollte keine arrangierte Beziehung. Wenn überhaupt, wollte er von der Liebe getroffen werden wie vom Blitz – wie gerade eben. Nur idealerweise eben so, dass auch die Frau vom selben Blitz getroffen wurde.
Das war bei diesem Zauberwesen ganz offensichtlich nicht der Fall gewesen. Im Gegenteil. Er wagte sogar zu behaupten, sie könne ihn regelrecht hassen.
Tja, so viel zu seinem Glück in der Liebe.
»Wer ist sie?«, fragte er trotzdem, denn Fay schien das ganz offensichtlich zu wissen.
»Piper«, sagte sie. »Piper Brown, von den Browns oben auf dem Rose Hill.«
Diese Information musste er gleich noch einmal sacken lassen.
Die »kleine Piper« war für Mae wie eine Enkelin, und die Inhaberin des Maple Mug erzählte gern und ausschweifend von ihr. Von dem Betrieb, den sie mit ihrem »charmanten« Verlobten aus dem Nichts gestemmt hatte, von der »bezaubernden« Wohnung in Portsmouth, von der schillernden Zukunft, die Mae sich für sie ausmalte. Vor allem aber war die »kleine Piper« alles, was Miles nicht war: erfolgreich, liiert und … ein Ausbund an Charme.
»Das ist die kleine Piper?« So nannte zumindest Mae sie immer, wenn sie von ihr sprach. Miles konnte die explosive Person beim besten Willen nicht mit dem in Zusammenhang bringen, was seine beste Kundin immer von ihr erzählte.
Fay kicherte. »Na ja, gegen dich ist jede klein.«
Damit hatte sie auch wieder recht. Miles war fast zwei Meter groß, dazu von der körperlichen Arbeit auf der Fox and Crow Farm kräftig gebaut. So ein Persönchen wie Piper musste gegen ihn wie eine Elfe wirken.
Ohne sie wirklich zu kennen, hatte sich Miles im Laufe der Jahre ein Bild von ihr gemacht. Doch nichts, was er sich vorgestellt hatte, traf auch nur im Geringsten auf die Furie zu, die ihn gerade mit Kaffee überschüttet hatte.
Er schnaubte amüsiert. »Und was tut sie hier?«, fragte er. »Wochenendbesuch bei Mom und Dad?«
Fay schüttelte nachsichtig den Kopf. »Hast du das Gepäck nicht gesehen?«
»Ich bin sozusagen darübergestolpert«, erwiderte er.
»Na, dann weißt du Bescheid.«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Weiß ich das?«
»Na, sie bleibt hier. Für immer.«
»Oh«, sagte er nur, und er konnte sich nicht dagegen wehren, dass ein Gedanke in seinem Kopf aufblitzte: Und wo ist der angebliche Verlobte?
In Fays Augen blitzte etwas auf, das ihm gar nicht gefiel. »Ja, für immer«, wiederholte sie langsam.