Leseprobe Engelsstille

1

Erik Lindberg blickte in den Lauf eines entsicherten Sturmgewehrs. „Aus dem Weg!“, rief der Mann und kam einen Schritt auf ihn zu. „Oder ich knall dich ab!“

Kommissar Lindberg hielt seine Hände in die Höhe. Seine Dienstwaffe lag im Büro, die Schutzweste ebenso; kein Wunder, noch vor einer halben Stunde hatte er im Basler Hirscheneck ein Feierabendbier getrunken und einem alten Schulfreund zugehört, wie toll, frei und abwechslungsreich das Leben als Single war.

Der Schulfreund hatte dabei beinah geweint.

Dann war diese Frau gekommen und hatte Lindberg um Hilfe angefleht. Obwohl er sie nicht kannte, hatte er ihr zugehört.

Und jetzt stand er in ihrer Wohnung vor der Schlafzimmertür und ein Mann richtete ein Sturmgewehr auf ihn. Aus zwei Metern Entfernung. Die Augen des Mannes waren trüb von zu viel Alkohol, von Verzweiflung und Wahnsinn. „Ich will zu meiner Frau und meinem Sohn!“

Lindberg blieb in der Tür stehen. „Ihre Frau hat Angst vor Ihnen.“

„Ich will nur mit ihr reden!“

„Das können Sie, wenn Sie mir Ihre Waffe geben.“

„Du hast mir gar nichts zu befehlen!“ Der Mann machte zwei Schritte auf Lindberg zu und zielte mit diesem verdammten Gewehr direkt auf sein Herz. Eine SIG 550, das übliche Modell der Schweizer Armee, vollautomatisch, 20-Schuss-Magazin. Nahezu jeder ehemalige Schweizer Soldat besaß eines davon, Milizarmee nannte man das. Und die hielt man immer noch für notwendig, denn wie jeder wusste, war die Schweiz ja von so unglaublich vielen Feinden umgeben.

Es war völlig paranoid. Und zog die Wahnsinnigen an wie kostenloses Koks auf einem Züricher Nachtclubklo.

Alle zeigten immer mit dem Finger auf die USA, aber hier, in der kleinen Schweiz starben jedes Jahr über dreihundert Menschen durch Armeewaffen. Und die Polizei durfte die Überreste einsammeln.

So wie die Kollegen ihn einsammeln würden, wenn der Mann abdrückte.

„Ihr wollt sie mir nur wegnehmen!“ Der Mann spuckte auf den Boden. Sein Atem stank nach Korn und Bier. „Du auch!“

„Ich kenne Ihre Frau gar nicht“, entgegnete Lindberg.

„Und warum bist du dann hier?“

„Sie hat mich um Hilfe gebeten. In der Kneipe gegenüber.“

„Und kaum kennst du sie fünf Minuten, riskierst du schon dein Leben für sie?“

Lindberg atmete tief aus. Wie war es soweit gekommen?

Die Frau hatte erzählt, ihr siebenjähriger Sohn habe sich im Bad eingeschlossen, aus Angst vor seinem Vater. Dieser habe schon mehrfach gedroht, sich umzubringen und alle mitzunehmen, doch es sei noch nie so eskaliert wie heute. Er habe sie geschlagen, ihr Handy und Geld abgenommen und sie mit einer Waffe bedroht.

In ihrer Verzweiflung sei sie in die gegenüberliegende Kneipe geflüchtet, habe den Barkeeper gebeten, die Polizei zu rufen und der habe ihr erzählt, dieser Schwarzhaarige am Tisch neben der Garderobe sei Kriminalkommissar.

Und so war sie zu Lindberg gekommen und er hatte sie in ihre Wohnung begleitet. Dort hatte er jeden Raum überprüft und dann den Jungen und die Frau ins Schlafzimmer geschickt, um das Nötigste zu packen. Plötzlich war dieser Mann aus dem Gartenschuppen gekommen und über die Terrasse ins Wohnzimmer gestürmt. Mit erhobenem Gewehr.

Lindberg hatte sich schützend vor die Schlafzimmertür gestellt. Was hätte er auch tun sollen, ohne Waffe?

Er konnte nur hoffen, dass er den Mann solange aufhalten konnte, bis die Frau und der Junge durch das Fenster geflüchtet waren.

Falls sie das überhaupt taten.

Er sah, wie der Mann zitterte, seinen Finger am Abzug krümmte. „Geh zur Seite!“

„Noch ist es nicht zu spät.“ Lindberg blickte dem Mann direkt in die Augen. „Noch ist nichts geschehen. Ich bin bei der Polizei …“

In dem Moment fiel der Schuss.

Er spaltete Lindbergs Satz in zwei Teile, von dem der zweite nie gesagt werden würde.

2

Antipas legte den Kopf auf den Kofferraum und lauschte.

Stille.

Sein Atem kondensierte in der kalten Novemberluft.

Nur noch wenige Tage, dann würde niemand mehr atmen.

Er stieg in den Wagen und fuhr los, ohne die Scheinwerfer anzuschalten.

Nichts sollte die Schwärze der Nacht stören. Er mochte sie. Schon als Kind hatte er sich in der Dunkelheit geborgen gefühlt.

Und Antipas mochte die Finsternis erst recht.

Nach wenigen Minuten parkte er den Wagen auf der anderen Seite des Waldes und zog den Zündschlüssel ab. Er holte die Drahtschlaufe aus dem Handschuhfach, eine Spezialkonstruktion, die man mit nur einer Hand zuziehen konnte und so stets die Kontrolle über den Gegner behielt. Er stieg aus dem Auto und lauschte wieder.

Wahrscheinlich war Eva noch bewusstlos.

Er wartete einen Moment, nahm dann den Autoschlüssel und öffnete den Kofferraum.

Evas Füße trafen ihn mit voller Wucht an der Brust. Er geriet ins Wanken, trat einen Schritt zurück und lächelte überlegen. Sie war eine Kämpferin. Selbst mit gefesselten Händen und einem Gaffer-Tape vor dem Mund. Und weil sie eine Kämpferin war, würde er sie retten.

Eva war ein guter Mensch. Er hatte viel von ihr gelernt. Früher.

Jetzt würde sie von ihm lernen.

Ihre hinter dem Rücken gefesselten Hände suchten am Kofferraum nach Orientierung. Er ging einen Schritt auf sie zu. Das Weiß ihrer Augen blitzte in der Dunkelheit auf. Er spannte die Drahtschlaufe zwischen seinen Fingern und beobachtete ihre suchenden Bewegungen.

Jetzt! Mit einem einzigen Handgriff legte er ihr die Schlinge um den Hals und zog zu. Die Drahtschlaufe brannte sich in jene Striemen, die er vor ein paar Stunden hinterlassen hatte. Eva trat erneut nach ihm, doch sie verfehlte ihn. Für ihre Augen war die Dunkelheit ein Feind. „Wenn du dich bewegst, machst du es nur schlimmer“, sagte er. „Du möchtest doch deinen Körper behalten, dort wo du hingehst, oder?“

Sie zerrte an ihren Fesseln.

„Ich will dir nicht wehtun“, flüsterte er. „Ich bringe dich an einen Ort, an dem es keine Schmerzen gibt. Keine Sünde. Und keine Versuchung. Du wirst glücklich sein.“

Sie trat noch verzweifelter um sich.

Er zog die Schlaufe enger zu. „Steh auf!“, befahl er.

Sie röchelte und in ihren Augen erkannte er Tränen.

Er gab dem Draht mehr Spiel. „Steh auf!“, befahl er erneut.

Taumelnd erhob sie sich.

„Und jetzt spring!“

Sie reagierte nicht, blickte ihn angsterfüllt an.

„Dir kann nichts passieren“, sagte er. „Ich bin bei dir.“

Eva wimmerte irgendetwas, das unter dem Gaffer-Tape nicht zu verstehen war.

Er zog fester zu und sie sprang aus dem Kofferraum.

Sie kam mit beiden Beinen auf dem Boden auf, verlor das Gleichgewicht, wollte sich trotz ihrer hinter dem Rücken gefesselten Hände instinktiv abstützen und fiel zur Seite. Ihr Oberkörper prallte auf den Waldboden. Regungslos blieb sie in den Laubblättern liegen.

Er ging in die Hocke und beugte sich über sie. „Eva?“

Ihr Tritt traf ihn dort, wo es wehtut.

Er fiel nach hinten, stützte sich ab, verlor dabei den Draht und fluchte. Sie sprang auf und rannte in die Dunkelheit. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hob er den Draht auf und folgte ihr.

Sie rannte so haarscharf an ein paar Bäumen vorbei, dass er sich fragte, ob sie diese in der Dunkelheit sah. Schon bald war er dicht hinter ihr, ihr keuchender Atem ganz nah. Mit einer einzigen Bewegung schwang er die Drahtschlaufe wieder um ihren Hals und zog zu.

Sie riss den Kopf nach hinten, wollte schreien, doch es kam nicht mal ein Röcheln aus ihrer Kehle. Er drängte sie tiefer in den Wald, ließ sie nicht mehr zu Atem kommen.

„Siehst du sie schon?“, fragte er.

Doch sie winselte nur um Gnade.

Er zog ihren Kopf nach oben und zeigte auf ein hölzernes Gebäude wenige Meter vor ihnen. „Das ist meine Kapelle“, erklärte er. „Du darfst sie leider nicht betreten.“ Er verstärkte den Druck auf die Drahtschlaufe. „Noch nicht.“

Sie versuchte sich zu wehren, zerrte panisch mit den Händen an den Handschellen.

Er zog den Draht fester zu, Eva zappelte, sie wollte keuchen, doch sie konnte nicht mal mehr das. Sie zuckte ein letztes Mal und erschlaffte in seinen Armen.

Er zählte bis dreißig und dann erst ließ er von ihr ab.

Er musste ihren Puls nicht überprüfen. Er wusste auch so, dass Eva tot war.

Jetzt musste er sie nur wieder zum Leben erwecken.

3

Überall war Blut. Auf seinem Gesicht, seinem Hemd, am Boden. Erik Lindberg lehnte mit dem Rücken am Türpfosten, die Beine von sich gestreckt, seine Arme hingen schlaff herab.

Vor ihm lag der nach Korn stinkende Mann, niedergestreckt von den Scharfschützen der Sondereinheit Basilisk. Der Mann bewegte sich nicht mehr.

Lindberg hatte nicht damit gerechnet, dass die Kollegen so schnell eingreifen würden, nur fünfundzwanzig Minuten nachdem der Barkeeper die Polizei angerufen hatte.

Ein Typ in Vollmontur stellte sich vor Lindberg. Der Kommissar fokussierte auf dessen Namensschild. Kübler stand darauf. „Das war ziemlich fahrlässig von Ihnen. Wir hatten gerade unsere Position bezogen.“ Kübler zeigte auf den Mann, der aus dem Bauch und dem linken Unterarm blutete. „Eine Minute später und Sie lägen jetzt an seiner Stelle da.“

Lindberg war sich sicher, dass der Mann ohne sein Eingreifen erst seine Frau und den Jungen getötet hätte und dann sich selbst, aber er schwieg.

„Wie kamen Sie überhaupt dazu, sich da einzumischen, und das auch noch ohne Waffe?“ Kübler schüttelte den Kopf. „Man kann kaum glauben, dass Sie bei der Bundespolizei sind.“

Lindberg blickte auf den Boden. „Danke“, sagte er schließlich, „dass Sie die Frau und den Jungen gerettet haben.“ Er richtete sich auf und torkelte ohne weitere Worte aus dem Haus.

Irgendeiner würde sich schon melden, um seine Aussage aufzunehmen.

Irgendeiner meldete sich immer.

Lindberg ging wieder in das Hirscheneck, sah, dass sein Schulfreund nicht mehr dasaß, nickte dem Barkeeper zu und bestellte noch ein Bier. Er wollte jetzt nicht nach Hause. Er brauchte erst ein wenig Ablenkung.

In die Rehaklinik konnte er auch nicht. Er hatte Paula heute schon besucht und die Ärzte sagten, er dürfe sie nicht überfordern. Und wenn sie schlief, glaubte er immer, sie würde nie mehr aufwachen.

Als die Kneipe endlich schloss, fand er doch noch den Weg nach Hause.

Er legte sich ins Bett und wenn das möglich gewesen wäre, hätte er sich gewundert, dass er direkt einschlief.

Jedenfalls schreckte er erst aus dem Schlaf hoch, als sein Handy klingelte.

Sein Kopf schmerzte, als baue jemand eine Autobahn mittendurch. Er griff nach seiner Jeans, kramte sein Privathandy aus der Hosentasche und blickte auf das Display. Es war schwarz.

Es musste ein dienstlicher Anruf sein. Normalerweise erkannte er das schon am Klingelton. Er holte sein Polizeihandy aus der Jackentasche und nahm das Gespräch an. „Ja?“

„Hi, Erik“. Es war seine Kollegin Mia. „Bist du schon auf dem Weg zur Arbeit?“

„Ich bin grad aufgestanden.“ Lindberg rieb sich die Augen und blickte auf den Wecker. Morgens sechs Uhr dreißig. Definitiv zu früh. „Und ziemlich fertig.“

„Dann musst du allein nach Einsiedeln kommen. Wir fahren jetzt los.“

„Einsiedeln?“

„Ein Mordfall, es wäre wirklich gut, wenn du so schnell wie möglich kommst.“

Lindberg massierte sich den schmerzenden Schädel. „Ich war gestern in einen Amoklauf verwickelt.“

„Was? Bist du verletzt?“

„Nein, nur Kopfweh und Kater.“

„Bist du selbst Amok gelaufen, oder was?“ Sie lachte.

„Nicht wirklich.“ Er räusperte sich. „Ist es so wichtig?“

„Würde ich dich sonst um die Zeit anrufen?“

Er atmete tief durch. „Wo muss ich hin?“

„In den Chlosterwald. Ich schicke dir die genauen Koordinaten per SMS.“

Lindberg legte auf, zog seine Jeans an, griff sich ein frisches Hemd und schob sich eine Sonnenbrille in die schwarzen Haare. Auch wenn er in Basel geboren war, was die Sonne anging, war er Schwede, notfalls konnte er auch ein halbes Jahr ohne sie auskommen. Jedenfalls wenn er einen Kater hatte.

Er ließ seinen Volvo stehen und rief sich ein Taxi. Als Lindberg einstieg, rümpfte der Fahrer missbilligend seine Nase. Lindberg schluckte ein Fisherman’s und rieb sich die Stirn. Gemäß Dienstanweisung hätte er aus Versicherungsgründen erst nach Bern zur Bundespolizei fahren müssen und dann dort in einen Dienstwagen steigen, aber er bezweifelte, dass er in einer Stunde schon wieder fahrtüchtig war. Außerdem hatte Mia ihn gebeten, so schnell wie möglich zu kommen. „Nach Einsiedeln“, sagte er so normal es ihm momentan möglich war.

„Das wird aber nicht günstig“, antwortete der Taxifahrer. „Das liegt ja voll in der Pampa.“

„Deswegen heißt es auch Einsiedeln.“ Ein besserwisserischer Taxifahrer hatte Lindberg gerade noch gefehlt.

Ebenso einer, der an jeder Ampel eine Vollbremsung machte, als wolle er das Taxi einem Belastungstest unterziehen.

Und Lindbergs Magen gleich mit.

Der Kommissar erinnerte sich daran, dass er als Kind vor zwei Dingen Angst gehabt hatte: Erstens auf einen hohen Turm zu steigen und zweitens, mehr als dreißig Minuten mit einem Bus fahren zu müssen. Unweigerlich war ihm dabei schlecht geworden. Mit den Jahren hatte sich Letzteres gelegt, aber momentan fühlte Lindberg sich, als sei er wieder fünf und säße in einem Bus irgendwo zwischen Basel und Bangladesch.

Er schloss die Augen und atmete tief durch.

4

Das nächste was Lindberg mitbekam war, dass der Fahrer ihn antippte. „Wo müssen wir jetzt hin?“

Lindbergs Kopf schmerzte immer noch und ihm war hundselend. Sie standen vor dem riesigen Portal eines Barock-Klosters. „Sind wir schon in Einsiedeln?“

Der Taxifahrer nickte. „Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass in dem pompösen Ding nur Einsiedler leben.“

Lindberg holte sein Smartphone heraus und führte den Fahrer am Kloster vorbei zu einem Feldweg und auf diesem in Richtung Wald. Jede Bodenunebenheit schlug Lindberg direkt auf den ohnehin schon strapazierten Magen.

Er schaffte auf dem Feldweg nicht einmal hundert Meter. „Stopp!“, rief er.

Der Taxifahrer hielt an, Lindberg stürzte aus dem Wagen und beugte sich über die Gräser am Wegesrand.

Ich bin wohl der erste Kommissar, der schon vor dem Tatort kotzt. Lindberg wischte sich mit einem Taschentuch den Mund ab, deckte seine Hinterlassenschaft mit Herbstlaub ab, nahm dieses Mal gleich drei Fisherman’s und stieg wieder in das Taxi.

„Zu viel Alkohol ist nicht gut“, erklärte der Taxifahrer, als habe er die Weisheit mit Schaufelbaggern gefressen.

Sie fuhren in den Wald hinein und hielten neben mehreren Streifenwagen, die dort parkten. „Da können Sie ja froh sein, dass Sie nicht selbst gefahren sind“, sagte der Fahrer.

Lindberg antwortete nichts, sondern nickte nur.

Der Mann zeigte auf den Taxameter und bewies, dass er nicht zu viel versprochen hatte. Kein Wunder, das Leben in der Schweiz war eben teuer.

Und das Sterben auch.

Lindberg zückte seine Kreditkarte und verließ schwankend das Taxi. Ihm war immer noch schlecht, aber die frische Waldluft tat gut. Und wenigstens stand er jetzt am Tatort. Tatort? Was hatte Mia noch einmal gesagt?

Ein Streifenpolizist stand am Ende des Waldweges, Lindbergs Kehle brannte, als habe er Feuerwasser getrunken. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Ich brauche dringend ein Wasser.

Lindberg trottete zu dem Polizisten und zückte wortlos seinen Ausweis.

Der Kollege zeigte in den Wald. „Geht da hinten lang, fünfzig Meter und dann links. Ist nicht zu übersehen.“

Lindberg zog sich Schutzoverall und Handschuhe an. Auch das war ihm schon leichter gefallen. Doch irgendwie schaffte er es und ging los. Der Boden war mit Laub übersät, das dichte Gestrüpp war an einigen Stellen niedergetreten. Es mussten etliche Kollegen vor Ort sein. Wenn jemand hier entlanggekommen war, würde man kaum mehr Spuren von ihm finden.

Nach einigen Metern blieb Lindberg stehen. Hat der fünfzig oder hundertfünfzig Meter gesagt?

Der Pfad vor Lindberg verlor sich im Nichts. Links wucherten ein paar Büsche, nur rechts schien es weiterzugehen. Lindberg torkelte nach rechts, glaubte, ein paar Stimmen zu hören und lief schneller.

Dann sah er das Kreuz. Ein schlichtes, naturbelassenes Holzkreuz. Es ruhte auf einem aufgeschütteten Erdhaufen. Die Erde war noch frisch.

Lindberg lief von hinten auf das Kreuz zu, dann erst erkannte er seine Assistentin Mia Adam, deren knallroter Bubikopf selbst in der Morgendämmerung unverkennbar war. Neben ihr stand die Chefin der Kriminaltechnik Katharina Zach, sie lebte schon viele Jahre in der Schweiz, aber ihre Berliner Schnauze hatte sie nie abgelegt. Wie immer war sie ganz in Schwarz gekleidet, samt schwarzlackierten Fingernägeln. Nur den Einwegoverall der Spurensicherung trug die Mittvierzigerin notgedrungen in Weiß, angeblich hatte sie sich jedoch schon aus Japan ein schwarzes Modell bestellt.

Lindberg erkannte weitere Mitarbeiter der Bundespolizei, sowie eine Menge Kollegen, die er noch nie gesehen hatte, wahrscheinlich von der Kantonspolizei.

Normalerweise überließ die Bundespolizei den lokalen Behörden die Ermittlungen und schaltete sich nur bei Terrorismus ein oder wenn die Sicherheit der Schweiz bedroht war, sowie bei internationalen oder kantonsübergreifenden Fällen, dazu kamen Entführungen. Was also machten sie hier?

Mia Adam erblickte ihn als Erstes und ließ ein Lächeln aufblitzen. Selbst am frühen Morgen sah sie aus wie siebzehn, obwohl sie vierundzwanzig war. „Geht’s dir gut?“

Lindberg zuckte mit den Schultern, am besten er redete nicht viel.

„Erst dachte ich, das ist ein Scherz“, sagte Katharina Zach und zeigte auf das Grab mit dem Holzkreuz. „Aber der Täter hat wohl nicht meinen Humor.“

Ein Blick in ihre Augen verriet Lindberg, dass es nur der übliche Sarkasmus am Tatort war, reiner Selbstschutz. Jetzt erst sah er hinab in das Grab. Dort lag eine Frau. In einem weißen Totenhemd.

5

Lindberg blickte zur Seite und atmete tief ein. Wer begräbt eine Tote mitten im Wald, verziert mit einem Holzkreuz? Eva stand darauf.

Eva? Nur Eva?

Das Holzkreuz sah aus wie eines dieser provisorischen hüfthohen Kreuze, die man in der Schweiz auf das frische Grab stellte, bis der Grabstein gesetzt wurde. Wenn kein Geld für einen Grabstein oder ein Metallkreuz vorhanden war, blieb es auch stehen. Aber immer trug es den kompletten Namen. Außer bei Kindern.

Zwei Kriminaltechniker waren gerade dabei, die feuchte Erde zu beseitigen, die am Körper der Leiche und an ihrem Totenhemd klebte.

„Was machen wir hier?“, fragte Lindberg. Das sah eher nach einer illegalen Bestattung aus als nach ihren üblichen Fällen.

„Das ist Eva Rohner“, antwortete Mia Adam. „Wurde vor zwei Tagen entführt. Du erinnerst dich?“

Lindberg nickte, aber viel wusste er nicht über das Opfer. Lehrerin, Single, Ende dreißig, ein Zeuge hatte gesehen, wie sie beim Joggen von einem Mann überwältigt worden war. „Woher wisst ihr, dass sie es ist?“ Die Kollegen hatten die Leiche gerade mal freigelegt, da war es unwahrscheinlich, dass sie schon identifiziert war.

Mia Adam deutete auf ein weißes Jutesäckchen. „Der Täter hat ihre Kleider mit ihr bestattet, darin befand sich ein Ausweis.“

Lindberg blickte wieder hinab in die Gruft. Das brünette Haar der Toten setzte sich kaum von der Erde ab, ihre Augen waren geschlossen, Mund und Nase noch mit Erde bedeckt. Lindberg hätte am liebsten weggeschaut, denn jetzt hatte der Tod ein Gesicht. Ein bräunlich-roter Bluterguss zog sich quer über den Hals von Eva Rohner. „Stranguliert?“, fragte er.

Katharina Zach nickte. „Wahrscheinlich mit etwas Schmalem wie einer Drahtschlaufe.“

„Wer hat sie entdeckt?“, fragte Lindberg.

Mia Adam zeigte auf einen älteren Mann, der mit zwei Polizisten sprach. „Ein Spaziergänger.“

„Um die Uhrzeit?“

„Der Mann dreht immer morgens um fünf Uhr dreißig seine Runde. Sein Hund hat angeschlagen, ist in den Wald gelaufen und er hinterher. Tja, und dann stand er vor dem Grab.“

„Ist ihm etwas aufgefallen?“

Mia schüttelte den Kopf. „Keine merkwürdigen Spuren, kein Auto, er hat nichts gesehen.“

„Warum hier?“, fragte Lindberg. „Kam die Entführte nicht aus Zürich?“

„Das hab ich mich auch gefragt“, sagte Mia. „Vielleicht hat er den Ort gewählt, weil Einsiedeln der bekannteste Wallfahrtsort des Landes ist.“

„Und daher das Kreuz?“

Mia Adam nickte.

„War das Grab komplett zugeschaufelt?“

Mia nickte. „Wie auf dem Friedhof.“ Sie blickte Lindberg an. „Hast du so was schon mal gesehen?“

„Einen Täter, der sein Opfer bestattet?“ Lindberg schüttelte den Kopf. „Gibt’s hier irgendwo ein Wasser?“

Mia schaute ihn irritiert an.

„War ein Bier zu viel gestern“, flüsterte er.

„Ist nicht zu übersehen.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Ist trotzdem gut, dass du gekommen bist.“ Sie kramte in ihrer übergroßen Handtasche, holte aber nur eine leere PET-Flasche heraus und schüttelte den Kopf. „Willst du eine Alka-Seltzer?“

„Ohne Wasser?“ Er winkte ab, nicht ohne ein ,Hicks‘ hinterherzuschieben. Verdammt, jetzt hab ich auch noch Schluckauf!

Katherina Zach lupfte eine Augenbraue, doch dann widmete sie sich wieder der Leiche. „Mach mal das Gesicht richtig frei!“, rief sie zu einem ihrer Mitarbeiter. „Über den Lippen liegt irgendetwas.“

Zach ging erst am Rand des Loches in die Knie und stieg dann doch selbst hinab.

Schließlich richtete sie sich wieder auf und drehte sich zu den Kommissaren. In ihrer Hand hielt sie eine weiße Daunenfeder.