Leseprobe Empire of Sins | Eine Enemies to Lovers Dark Mafia Romance

Prolog

Holly

In meinem Schädel pocht es. Ich fühle mich, als wäre ich von einem Laster überrollt worden. Vorsichtig öffne ich die Augen einen Spalt. Dicke dunkle Balken durchziehen die weiße Decke. Das ist nicht mein Zimmer. Wo bin ich?

Ich stöhne und will mir an den Kopf greifen. Stattdessen spannt sich etwas fest um meine Handgelenke. Meine Arme bewegen sich kein Stück. Sofort ziehe ich fester. Nichts.

Mein Puls rast. Kalter Schweiß bricht mir aus. Mein Blick schnellt hinunter zu meinen Füßen. Um meine Knöchel ist ein Seil gewickelt. Scheiße!

Ich strample und zerre wie verrückt. Der Strick reißt mir die Haut auf, doch ich ignoriere den Schmerz, kämpfe weiter, bis mir die Luft wegbleibt. Trotzdem lockern sich die Fesseln nicht.

Zittrig atme ich ein und aus. Wie bin ich hier gelandet? Gähnende Leere. Verdammt. Ich drehe den Kopf zur Seite und erstarre.

Zwei bullige Typen mit Glatze und ausdrucksloser Miene stehen neben der Tür. Breite Gesichter, ausgeprägte Wangenknochen und eine etwas zu kurze Nase. An ihren Hälsen prangt dasselbe Tattoo. Ein schwarzer, kleiner Skorpion.

Ich senke die Lider. Mein Herz hämmert. Wummernd knallt es gegen die Rippen. Immer wieder. Ich muss mich erinnern. Ich muss. Plötzlich blitzen Bilder vor mir auf. Unscharf und verworren. Dann werden sie klarer.

In den frühen Morgenstunden verließ ich den Club, in dem ich feierte, und steuerte die nächstgelegene U-Bahn-Station an. Auf einmal spürte ich einen Stich am Hals. Sofort gaben meine Knie unter mir nach, und Dunkelheit umhüllte mich.

Mein Herz setzt einen Schlag aus. Panik erfüllt mich. O mein Gott. Ich wurde entführt!

Die Tür wird geöffnet. Ein Mann mit pechschwarzen, langen Haaren, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden sind, betritt in einem dunklen Samt-Bademantel den Raum. Die feinen Falten um seine braunen Augen lassen ihn älter wirken. Er ist bestimmt schon Mitte vierzig.

„Verschwindet“, sagt er und schnippt mit den Fingern, an denen mehrere goldene Ringe stecken.

Sein Blick ist starr auf mich gerichtet. Je länger er mich ausgiebig betrachtet, desto mehr zucken seine Mundwinkel. Unwillkürlich halte ich den Atem an. Was hat er vor?

Die zwei Typen nicken und verlassen den Raum. Meine vollkommene Aufmerksamkeit gilt dem Mann vor mir.

Ich schlucke gegen den Kloß in meinem Hals an. „Warum … bin ich hier?“

Er antwortet nicht, tritt an mich heran und legt den Kopf schief. Langsam öffnet er den Bademantel und streift ihn sich über die Schultern. Darunter ist er bis auf eine weiße Boxershorts nackt. Um seinen Hals baumelt eine dicke Goldkette, und seine Sehnen zeichnen sich unter seiner dunklen Haut ab. Auf seiner Brust prangt das gleiche Tattoo wie am Hals der zwei Kerle. Ein Skorpion. Riesig, fast bis hinunter zu seinem Bauch.

Als er den Arm nach mir ausstreckt, ziehe ich instinktiv die Beine an. Der Saum meines roten Rocks rutscht weit nach oben. Ein kaltes Lächeln kriecht auf seine schmalen Lippen. Dann beugt er sich über mich. Sein verwittertes Gesicht kommt meinem immer näher, bis sein Atem meine Wange streift. Galle kriecht mir in den Mund. Hastig wende ich den Kopf ab und drücke ihn tief ins Kissen.

„Sieh mich gefälligst an.“ Seine kratzige Stimme jagt einen Eisschauer durch mich hindurch.

Ich reagiere nicht. Ich kann nicht. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr.

Grob klemmt er mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger ein. Sein Griff ist erbarmungslos brutal. Ich wimmere. Etwas mehr Druck, und er würde mir den Kiefer brechen. Er reißt mich zu sich. So ruckartig, dass mir schwindlig wird.

Ich blinzle. In seinen Augen glimmt etwas Gefährliches auf, was mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Weit mehr als Erregung.

„Endlich habe ich dich, mi corazón. Jetzt gehörst du mir“, raunt er mir dunkel ins Ohr. „Ich werde eine Menge Spaß mit dir haben.“

Ich beiße die Lippen aufeinander und kneife die Augen zusammen. Warte darauf, dass er seinen Mund gewaltsam auf meinen presst. Irgendwie werde ich das durchstehen. Ich muss. Doch er lässt mich los.

Langsam öffne ich die Augen wieder. Er geht zur Kommode und zieht die oberste Schublade heraus. Als er sich zu mir umdreht, hält er zwei lederne Fesseln und ein Messer in der Hand. Die lange Klinge ist auf einer Seite gezackt, der Griff aus Elfenbein. Ich zittere so heftig, dass meine Zähne klappern.

„Was … willst du … von mir?“, frage ich panisch. Meine dünne Stimme bricht immer wieder.

Warum hat er es ausgerechnet auf mich abgesehen?

„Ich will dich nicht nur leiden sehen. Ich will dich brechen, bis der Glanz in deinen blauen Augen für immer erlischt.“

Blitzschnell packt er meine Knöchel und zieht sie zu sich. So sehr ich auch strample, meine Beine geben nach, bis ich ausgestreckt vor ihm liege.

„Bitte nicht“, flüstere ich. Meine Sicht verschwimmt.

„Du kannst flehen und wimmern, so viel du willst. Am Ende wirst du mir genau das geben, was ich will. Und das freiwillig.“ Heiser lacht er auf. „Die Erkenntnis, dass du mir nicht entkommen kannst, wird dich zerstören. Und irgendwann wirst du aufhören, dich zu wehren. Du wirst mir deinen Körper anbieten …“ Ganz langsam leckt er sich über die Lippen. „… bis es für dich so normal geworden ist, wie zu atmen.“

Ein zerstörerischer Ruck fegt durch mich hindurch wie ein Orkan. Tränen brennen mir in den Augen. Ich werde leiden. Denn töten wird er mich nicht. Zumindest vorerst.

Er durchtrennt den Strick, der um meine Knöchel gewickelt ist, und befestigt eines der Lederbänder am linken Bettpfosten.

Mit dem Messer tippt er gegen meinen Fuß. „Spreiz die Beine.“

Kaum merklich schüttle ich den Kopf. Niemals. Dann wird er meinen Fuß am Pfosten fixieren.

„Jetzt, sofort.“ Zwischen seinen buschigen Augenbrauen taucht eine lange Falte auf.

„Nein“, wispere ich und erschrecke über meinen eigenen Mut. Er will, dass ich mich ihm freiwillig ausliefere. Dass ich aufgebe. Und genau diesen Triumph werde ich ihm verweigern.

„Ich werde dich ficken. Du wirst die Beine für mich spreizen und mich darum bitten. Du wirst mir sagen, dass du mich willst. Dass du es brauchst. Egal, wie hart ich dich nehme. Und wenn ich fertig bin, dankst du mir und leckst meinen Schwanz sauber.“

„Eher sterbe ich.“ Das werde ich ohnehin. Ich weiß es. Dieses schreckliche, erdrückende Gefühl tief in mir, das sich wie Gift in meinem Körper ausbreitet, verrät es mir. Meine Unterlippe zuckt. Dieses Zimmer werde ich nicht lebend verlassen.

Laut und überaus amüsiert lacht er auf. „Nein. Egal, wie sehr du dich nach dem Tod sehnst. Und das wirst du schon sehr bald, doch ich werde dir diesen Wunsch nicht erfüllen. Du bist mein Spielzeug, mi corazón. Jeden Tag.“

Flatternd schließe ich die Lider. Entkommen ist unmöglich, und wehren kann ich mich auch nicht. Trotzdem gebe ich nicht nach. Er kann mich nicht brechen. Wenn er meinen Körper will, muss er ihn sich mit roher Gewalt nehmen. Etwas anderes lässt mein Kopf nicht zu.

„Ich warte“, knurrt er.

Wieder reagiere ich nicht.

Ich spüre, wie er sich auf die Matratze kniet, sich über mich beugt und meinen Rock bis zur Taille hochschiebt.

„Wir haben alle Zeit der Welt. Du wirst dich mir ergeben. Heute noch.“ Seine Worte dringen von weit her zu mir durch. Es fühlt sich an, als hätte ich meinen Körper verlassen, um mich vor dem zu schützen, was unweigerlich passieren wird.

Er packt mein rechtes Knie und zwingt meine Beine ein Stück auseinander. Tränen rinnen mir die Wangen hinunter – trotzdem kommt mir kein Laut über die Lippen.

Etwas Kaltes berührt die Innenseite meines Oberschenkels. Ich reiße die Augen auf. Die Messerspitze.

„Gehorchst du mir jetzt?“ Er fixiert mich mit seinem dunklen, lodernden Blick.

„Nein.“ Innerlich komme ich zur Ruhe. Ich habe akzeptiert, was als Nächstes geschehen wird. Denn es spielt keine Rolle, wie ich mich verhalte. Er wird mich erniedrigen, verletzen und missbrauchen. Seine kalten, hasserfüllten Augen verraten es mir.

Kapitel 1

Xander

Sechs Monate später

„Wo ist Kate?“, brülle ich meinen Vater in seinem Arbeitszimmer an.

Mein harter Blick nagelt ihn fest. Die eine Sehne an meinem Hals zuckt, und meine Hände verkrampfen sich. Seit vier beschissenen Wochen habe ich sie nicht mehr gesehen. Über hundertmal habe ich ihre Nummer gewählt. Erfolglos. Sie ruft weder zurück, noch antwortet sie auf meine Nachrichten.

Unbeeindruckt reibt Vater mit dem Daumen über den goldenen Siegelring an seiner rechten Hand und lehnt sich im ledernen Sessel zurück. „Das kann ich dir nicht sagen. Aber ich versichere dir, sie ist wohlauf.“

Zu oft habe ich diese Worte von ihm gehört. Jedes Mal, wenn ich ihn mit Kates plötzlichem Verschwinden konfrontiere, verlassen sie seinen Mund. Aber diesmal kommt er damit nicht durch.

Mit beiden Händen stütze ich mich auf seinem massiven Holzschreibtisch ab und beuge mich darüber, bis mein Gesicht direkt vor seinem ist. „Das reicht mir nicht.“

„Oh, doch.“ Warnend kneift er die braunen Augen zusammen, die meinen so ähnlich sind. „Du bist ein unberechenbarer Hitzkopf, der sich nicht unter Kontrolle hat und nie an die Konsequenzen denkt.“

Er hat nicht unrecht. Im Gegensatz zu ihm mache ich keinen Hehl daraus, wer ich bin. Der einzige Sohn der einflussreichsten Mafiafamilie in Detroit. Xander Romero. Die Stadt gehört uns. Wir kontrollieren sie. Wir sind das Gesetz. Verdammt noch mal, dann benehme ich mich auch genauso.

„Konsequenzen?“ Amüsiert lache ich auf. „Nichts, was ich tue, hat für mich irgendwelche Konsequenzen. Und das wird sich nie ändern, nicht solange wir Detroit fest im Griff haben.“

„Das habe ich, als ich jung war, auch gedacht.“ Er seufzt tief. Ein trauriger Schatten trübt seine Gesichtszüge. So schnell wie er gekommen ist, verschwindet er auch wieder, und seine Miene wird hart. „Raus! Reagiere dich in einem unserer Clubs ab. Dort verbringst du doch ohnehin am liebsten deine Zeit. Mit Frauen und Drogen. Die Familiengeschäfte haben dich noch nie interessiert.“

Der vorwurfsvolle Tonfall in seiner Stimme lässt mich kalt. Bei jeder unserer Unterhaltungen taucht er früher oder später auf. Bevor ich etwas erwidern kann, klopft es an der Tür. Caleb kommt herein, stellt sich neben meinen Vater, beugt sich zu ihm herunter und flüstert ihm etwas ins Ohr. So leise, dass ich es nicht hören kann.

„Sehr gut.“ Ein selbstgefälliges Grinsen legt sich auf Vaters Lippen, dann bleibt sein Blick an mir hängen. „Verschwinde endlich. Caleb und ich müssen etwas Wichtiges besprechen.“

Caleb. Ich hasse ihn. Seine blauen, stechenden Augen erinnern mich an die eines Huskys. Irgendwie passt es. Er ist nichts weiter als ein dreckiger Köter. Vaters dreckiger Köter, dem er offenbar mehr vertraut als mir, seinem Sohn. Soll mir recht sein, denn seit Kate verschwunden ist, vertraue ich Vater auch nicht mehr. Schon länger fühlt es sich so an, als stünde etwas zwischen uns. Zu mir war er immer übertrieben hart und unnachgiebig, während Kate, seine kleine Principessa, alles von ihm haben konnte.

Wortlos verlasse ich den Raum. Im Gang lehnt Blaze mit angewinkeltem Bein und verschränkten Armen an der Wand. Wir sind schon seit Ewigkeiten befreundet. Kennengelernt haben wir uns in meinem Fight-Club, dem No Mercy, wo ich regelmäßig in den Käfig steige, um meine Wut rauszulassen. Meistens, nachdem Vater mir wieder einmal zu verstehen gegeben hat, dass ich nichts anderes als eine Enttäuschung für ihn bin. Blaze war mein Gegner und verdammt, er war gut. Ich habe ihm mit einem brutalen Kick gegen die Schläfe das Licht ausgeknipst. Trotzdem ist daraus eine tiefe Freundschaft entstanden. Wo ich bin, ist auch er.

„Und weißt du jetzt, wo deine Schwester steckt?“ Geschmeidig drückt er sich von der Wand ab und rückt seinen Man-Bun zurecht. Seine blonden Haare sind lang. Wenn er sie offen trägt, reichen sie ihm bis über die Schultern.

„Nein. Aber ich werde sie schon noch finden.“

„Solltest du. In etwas mehr als vier Monaten hat sie Geburtstag, und den verbringt sie am liebsten mit dir. Kaum zu glauben, dass sie schon achtzehn wird.“

Ich nicke knapp. Kate und ich stehen uns sehr nahe, auch wenn sie fast sechs Jahre jünger ist als ich. „Bis dahin habe ich sie locker aufgespürt. Du weißt, dass sie mein Ein und Alles ist.“ Mein Leben. „Mom ist an einem Herzinfarkt gestorben, da war Kate gerade mal zwölf. Seitdem habe ich mich um sie gekümmert, weil Vater am Boden zerstört war und sich wochenlang zurückgezogen hat. Ich kann ihm viel vorwerfen, aber nicht, dass er Mom nicht geliebt hat.“

Warum erzähle ich das Blaze ausgerechnet jetzt? Scheiße. Kates Verschwinden lässt mich sentimental werden. Lange Zeit hat sie bei mir im Bett geschlafen, sie konnte es nicht ertragen, allein zu sein. Wenn sie in der Nacht leise weinte, habe ich sie in den Arm genommen und sie so lange festgehalten, bis sie wieder eingeschlafen ist.

Blaze räuspert sich. „Umso mehr musst du sie finden. Was hast du vor?“

„Das weiß ich noch nicht, aber mir wird schon etwas einfallen.“ Wenn nicht, werde ich Caleb in die Mangel nehmen. Ihm dermaßen zusetzen, bis er winselnd und blutspuckend zu einer Kugel zusammengerollt vor mir auf dem Boden liegt. Vater hat ihm bestimmt verraten, wo sich Kate aufhält. In meinem Magen rumort es, meine Wut kommt schlagartig zurück.

„Entspann dich“, sagt Blaze, dem offenbar nicht verborgen bleibt, wie es in mir brodelt, und legt mir die Hand auf die Schulter. „Du musst dringend runterkommen. Etwas Koks und ein anständiger Fick werden dich besänftigen. Gehen wir in einen der Clubs.“

Ich nicke. Genau das brauche ich jetzt.

Einige Minuten später sitzen wir in meinem schwarzen Bugatti Chiron und rasen durch die Innenstadt. Ich drücke ordentlich aufs Gas, überhole mehr als einen Wagen. Die Cops werden uns nicht anhalten. Der Polizeichef steht auf Vaters Gehaltsliste, genauso wie der Bürgermeister. Ich schließe die Hände fester ums Lenkrad. Vater hat behauptet, ich kümmere mich nicht ums Familiengeschäft. Das stimmt nicht, er bezieht mich einfach nicht mit ein.

„Ich glaube, wir werden verfolgt“, sagt Blaze.

„Von wem?“ Flüchtig sehe ich zu ihm hinüber. Seine Aufmerksamkeit gilt dem Seitenspiegel.

„Von einem weißen BMW-Geländewagen.“

Ich blicke in den Rückspiegel. Der Wagen fährt direkt hinter mir. Am Steuer sitzt ein Mann mit schwarzen, kurzen Haaren und einem in Form gebrachten Bart. Auf einmal wird er langsamer und fällt ein Stück zurück. „Bist du dir sicher?“

„Ja. Er ist mir vor zwei Tagen schon aufgefallen. Aber da habe ich mir noch nichts dabei gedacht.“ Blaze wendet sich mir zu. „Wir fahren zum Club. Wenn er uns dorthin folgt, haben wir Gewissheit.“

„Nein. Im dunklen Club kann er problemlos in der Menge untertauchen. Ich will wissen, warum er uns folgt, und vor allem, für wen er arbeitet.“

Auf der rechten Seite taucht das Westin Book Cadillac auf. Das teuerste Hotel der Stadt.

„Ich habe eine viel bessere Idee.“ Mit dem Kopf deute ich auf das imposante Nobelhotel.

Blaze grinst. „Der Typ ist geliefert, da entkommt er uns nicht.“

Abrupt verlangsame ich, biege ab und fahre die Einfahrt hoch. Nachdem ich geparkt habe, steigen Blaze und ich aus. Als wäre nichts, betreten wir die Motor Bar, die zum Hotel gehört.

Wir nehmen in einer der edlen Nischen Platz, von der aus wir den Eingangsbereich gut im Blick haben. Das Lokal ist nur mäßig besucht. An der Bar sitzen ein paar Escort-Damen, die darauf warten, von einem der Geschäftsmänner, die im Hotel übernachten, angesprochen zu werden. Man erkennt sie an den eleganten, dennoch aufreizenden Kleidern. Mein Blick bleibt an einer von ihnen hängen. Ihr feuerrotes, gewelltes Haar fällt ihr über die nackten Schultern. Gedankenverloren leckt sie sich über die vollen, roten Lippen, während sie ihr schwarzes, kurzes Kleid glättet. Sie ist nicht nur heiß und besitzt mörderische Rundungen, sondern verspricht auch Ablenkung der besonderen Art. Verrucht und hemmungslos. Genau die Art von Ablenkung, die mich anmacht. Sie zu ficken, würde mich definitiv besänftigen.

Ein Kellner tritt an unseren Tisch. „Was kann ich Ihnen bringen?“ Kaum eine Minute hier, und die Bedienung eilt zu uns. Wo ich auch hingehe. Alles wird stehen und liegen gelassen, um meine Wünsche zu erfüllen.

„Zwei Whiskys ohne Eis. Den teuersten, den Sie haben“, antworte ich, ohne ihn anzusehen, löse den Blick von der Frau an der Bar und nehme den Eingangsbereich ins Visier.

Werde ich wirklich verfolgt? Ich schüttle den Kopf. Wer ist schon so lebensmüde und legt sich mit mir an? Es muss jemand sein, der unbedingt verrecken will.

Die Eingangstür wird geöffnet. Ich erkenne den Mann, der die Bar betritt, auf Anhieb. Der Fahrer des Geländewagens. Auf den ersten Blick wirkt er nicht verdächtig. Genau wie Blaze und ich trägt er einen maßgeschneiderten Anzug. Seine Lederschuhe sind auf Hochglanz poliert. Definitiv nicht der Typ Mann, der sich die Hände schmutzig macht.

„Entweder lag ich richtig, oder es ist reiner Zufall, dass er auch hier ist“, sagt Blaze.

„Ich glaube nicht an Zufälle. Nicht an so offensichtliche.“ Dennoch ist beides möglich.

Der Kellner kommt mit unseren Drinks zurück, während sich unser Verfolger an einen Tisch in der Ecke setzt.

„Was machen wir jetzt?“ Blaze dreht das Glas vor sich hin und her.

„Ich verschwinde mit einer der Escorts in einem der Hotelzimmer. Du verlässt die Bar, steigst in den Bugatti und wartest. Nach ein paar Minuten kommst du zurück. Wenn er mir tatsächlich folgt, setzt du unsere Männer auf ihn an. Bei der nächstbesten Gelegenheit sollen sie ihn überwältigen und dann quetschen wir ihn aus. Bis er uns verraten hat, für wen er arbeitet.“ Und das wird er. Wir haben da so unsere Methoden.

Ich lege den Autoschlüssel auf den Tisch.

„Gut.“ Blaze steckt ihn ein. „Such eine aus, die mir auch gefällt. Wenn alles erledigt ist, komme ich nach.“

Ich nicke, deute mit dem Finger auf die sexy Rothaarige an der Bar. Lasziv überkreuzt sie die langen Beine und drückt das Rückgrat durch.

Er zieht die Luft ein. „Fuck, ist die geil.“

„Dann beeile dich besser, wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie viel zu erschöpft sein, um sich dir zu widmen.“ Ich hebe die Hand, damit der Kellner auf uns aufmerksam wird.

Kapitel 2

Holly

Sobald ich meine Sommersprossen abgedeckt, die rote Perücke aufgesetzt und die grünen Kontaktlinsen eingesetzt habe, existiert Holly nicht mehr. Es fühlt sich an, als wäre ich eine andere Person. Eine skrupellose Frau, die ihre Freier gnadenlos über den Tisch zieht, weil ihr keine andere Wahl bleibt.

Zum wiederholten Mal schweift mein Blick durch die Bar. Die Konkurrenz ist groß, und nur wenige potenzielle Kunden sind anwesend. Keiner von ihnen hat ein Tattoo am Hals, das überprüfe ich immer als Erstes. Ein älterer Herr mit schütterem Haar und einem länglichen Gesicht lächelt mich unbeholfen an. Als ich den Ehering an seiner linken Hand erkenne, weiß ich auch, warum. Trotzdem erwidere ich es und wickle mir lasziv eine Haarsträhne um den Finger. Nach kurzem Zögern steht er auf und kommt auf mich zu. Bevor er mich erreicht, rutscht die Blondine neben mir hastig vom Barhocker, legt ihm die Hände auf die Brust und flüstert ihm etwas ins Ohr. Vermutlich ihren Preis und was sie alles Unglaubliches mit ihm anstellen wird. Er nickt, nimmt ihre Hand und führt sie aus der Bar.

„Bitch“, zische ich leise und seufze. Sie hat mir gerade meinen Kunden geklaut.

Im Augenwinkel registriere ich, wie einer der beiden jungen Männer in der Nische ein dickes Bündel Geldnoten aus der Hosentasche zieht. Er entfernt die Geldklammer und legt zwei Hunderter auf den Tisch. In seiner Hand befinden sich locker noch über tausend Dollar. Jackpot. Heutzutage zahlt praktisch jeder mit Kreditkarte und hat kaum Bargeld dabei.

Verstohlen betrachte ich ihn genauer. Die kurzen, braunen Haare hat er mit Gel in Form gebracht. Seine Nase ist leicht schief, wirkt, als hätte er sie schon einmal gebrochen. Auf seinem kantigen Kinn zeichnet sich ein leichter Bartschatten ab, der trotz seines olivfarbenen Hauttons gut zu erkennen ist. Das perfekte Opfer. Ein attraktiver Mann mit massig Kohle, wenn ihn nicht etwas Dunkles umgeben würde, das ich nicht richtig einordnen kann. Mein Bauchgefühl sagt mir jedenfalls, dass mit ihm nicht zu spaßen ist.

Ein Kellner tritt an ihren Tisch und nimmt das Geld. Mit einer flüchtigen Handbewegung gibt er ihm zu verstehen, dass er den Rest behalten kann. Die Bedienung lächelt, wendet sich ab und geht.

Mein potenzielles Opfer wird gleich die Bar verlassen. Ich muss eine Entscheidung fällen, bevor es zu spät ist. Rasch gleite ich vom Barhocker und nehme meine Handtasche vom Tresen. Was soll schon schiefgehen? Meine Masche habe ich perfektioniert. Ein paar sanfte Berührungen, die in ihm die Lust nach mehr wecken, aber nicht zu fordernd sind, damit er mir die Kontrolle überlässt. Ein paar tiefe Blicke und verheißungsvoll gestöhnte Worte, die ihn dazu bringen, genau das zu tun, was ich will. Ich werde ihm den Himmel auf Erden versprechen, bekommen wird er nichts davon.

Mit graziösen Schritten nähere ich mich ihm, während er aufsteht. Er überragt mich ein gutes Stück, obwohl ich Pumps mit einem beträchtlichen Absatz trage. Das weiße Hemd spannt an den genau richtigen Stellen. Darunter zeichnen sich definierte, stahlharte Muskeln ab.

„Lust auf ein kleines Abenteuer?“, hauche ich mit samtweicher Stimme und streiche ihm mit dem Zeigefinger den Oberarm entlang.

Er taxiert mich, lässt seinen Blick unverhohlen über mich gleiten und ziemlich lange an meinem Ausschnitt verweilen. Meine Mundwinkel wandern nach oben. Er hat angebissen.

Langsam beugt er sich nach vorn. Sein frischer, herber, nach Hölzern riechender Duft umhüllt mich. Mit den Lippen streift er sachte an meinem Ohrläppchen entlang. „Nein.“

Für den Bruchteil einer Sekunde bringt er mich aus dem Konzept, doch ich fange mich schnell wieder. „Bist du dir … sicher?“ Ich trete näher, bis meine Brüste gegen seinen harten Oberkörper drücken. „Was auch immer du …“

Er legt mir den Zeigefinger auf den Mund. „Ich will kein kleines Abenteuer. Ich will alles.“ Seine Stimme ist rau, dunkel und unglaublich verführerisch. So verführerisch, dass mir warm wird.

Ich trete einen Schritt zurück. „Alles? Das wird teuer.“

Ein wölfisches Grinsen legt sich auf seine Lippen. Stärker als zuvor spüre ich die Gefahr, die ihn umgibt. „Klären wir die Details doch in meiner Suite.“

Ich schiebe meine Bedenken zur Seite. Mit ihm kann ich umgehen. Ich habe viel Schlimmeres überstanden. „Gerne.“

Seine Begleitung steht auf. „Wir sehen uns.“ Er zwinkert mir zu und verlässt die Bar.

Leicht irritiert sehe ich ihm nach. Bevor ich seine Worte einordnen kann, legt mir mein Kunde die Hand auf den unteren Rücken und führt mich in die weitläufige Lobby.

„Warte hier, ich bin gleich wieder bei dir“, sagt er und geht zur Rezeption.

Mir wird schlagartig klar, dass er die Suite, von der er gesprochen hat, zuerst noch buchen muss. Leise meldet sich mein Gewissen. Die kostet bestimmt ein kleines Vermögen. Das Geld könnte er genauso gut aus dem Fenster werfen.

Er kommt zurück. „Wollen wir?“ Erneut spüre ich seine Hand in meinem Rücken. Diesmal ein gutes Stück tiefer, so tief, dass seine Fingerspitzen meinen Hintern berühren. Überraschenderweise fühlt es sich angenehm und nicht schmierig an, wie sonst, wenn mich eines meiner Opfer anfasst.

Ich nicke. Gewissensbisse kann ich mir nicht leisten.

Wir betreten den Aufzug und fahren in die oberste Etage. Mit einem Ping gleiten die Türen zur Seite. Nachdem wir den Lift verlassen haben, lässt er mich los, zieht die Zimmerkarte aus der Anzughose und sperrt die Tür auf. Er benimmt sich, als wäre er ein echter Gentleman, und lässt mir den Vortritt. Aber mich kann er nicht täuschen. Hinter seinem anziehenden Äußeren verbirgt sich etwas Dunkles. Ich kann fühlen, wie es im Schatten lauert, darauf wartet, endlich in Aktion zu treten. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich äußerst vorsichtig vorgehen muss.

Die Suite umfasst ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Der Boden ist aus edlem dunklem Holz, die hellbeige Einrichtung verleiht den Räumen eine zeitlose Eleganz.

Unauffällig sehe ich mich um. Das einzige Badezimmer mit Dusche ist nur vom Schlafzimmer aus erreichbar. Sehr gut. Ich stelle meine Handtasche auf die Kommode.

„Klären wir zuerst die Details.“ Er zieht ein Geldbündel hervor, das von einer silbernen Klammer zusammengehalten wird. Von Nahem ist es noch dicker als von Weitem. Locker zwei- oder dreitausend. „Wie viel?“

„Dreihundert.“ Innerlich bereite ich mich darauf vor, dass er den Preis drücken will. Das wollen sie immer. Am liebsten hätten sie es umsonst.

„Und dafür bekomme ich alles?“ Während er spricht, löst er den Verschluss seiner silbernen Armbanduhr und legt sie neben meine Handtasche auf die Kommode. Erst jetzt erkenne ich, dass es eine Rolex ist. Ich kann nicht anders, als sie anzustarren. Mein Freier ist reich. Die kostet mindestens zwanzig Riesen. Mein schlechtes Gewissen löst sich in Luft auf.

„Ja. Für eine Stunde gehöre ich dir und du kannst mit mir anstellen, was immer du willst.“ Mein Körper wird ihm nie gehören, nicht einmal ansatzweise. Das sage ich nur, weil meine Kunden normalerweise total darauf abfahren.

Auch dieses Mal verfehlt es seine Wirkung nicht. Er nickt zufrieden. Zu meinem Erstaunen zählt er fünfhundert ab, legt die Noten vor meine Handtasche und schiebt das restliche Geld zurück in die Hosentasche. „Nehmen wir den Druck raus, gehen es entspannt an. Zumindest für den Anfang. Gut möglich, dass es etwas länger dauert.“

Er beeindruckt mich und das ist schon lange keinem Mann mehr gelungen. Und dann tut er es gleich noch mal. Normalerweise würde ich jetzt schon begrabscht werden, während meine Opfer ihre Lenden an mir reiben und mir ins Ohr raunen, wie geil sie auf mich sind. Doch er setzt sich aufs Bett.

„Da das nun geklärt ist, zieh dich aus.“ Er knackst mit den Knöcheln. „Zeig mir, was du zu bieten hast.“

„Es wird dir gefallen.“ Langsam streife ich mir die dünnen Träger des Kleides über die Schultern, schiebe den Stoff über meine Brüste hinunter bis zur Taille. Ich will, dass er nackt ist, aber dafür muss ich ihm zuerst einen kleinen Anreiz bieten. „Wie willst du mich?“

Sein hungriger Blick ruht auf meinem Busen, jagt einen wohligen Schauer durch meinen Körper, aber das bringt mich nicht von meinem Plan ab.

„Überrasche mich.“

Das kommt mir sehr gelegen. Ich sinke auf die Knie, stütze mich auf den Handflächen ab und nähere mich ihm langsam. Dabei sehe ich ihm tief in die schokoladenbraunen Augen mit den dichten Wimpern. Lust lodert darin. Ich habe ihn genau da, wo ich ihn haben will. Neckisch richte ich mich auf, lege ihm die Hände auf die Knie und strecke ihm meine Brüste entgegen. Meine Fingerspitzen wandern seine Oberschenkel entlang, bis zu seinem Schritt. Dort löse ich die Finger von seiner Anzughose.

„Zeigst du ihn mir?“, hauche ich und leck mir erwartungsvoll über die Unterlippe.

„Oh, Pupa. Ich werde ihn dir nicht nur zeigen. Ich werde ihn tief in deiner Pussy versenken“, sagt er kehlig.

Gar nicht gut. Das geht in die falsche Richtung. Geschmeidig stehe ich auf und sinke auf seinen Schoß. „Da will ich ihn aber noch nicht.“

„Wo willst du ihn dann?“ Ein wissendes, gefährliches Lächeln zupft an seinen Mundwinkeln.

Anstatt zu antworten, nehme ich seine Hand, biege bis auf seinen Zeige- und Mittelfinger alle nach unten. Er zieht scharf die Luft ein, als sich meine Lippen darum schließen. Ganz langsam nehme ich sie in mich auf, bis es mich würgt und meine Augen feucht werden. Ich halte die Luft an, kämpfe dagegen an und schiebe sie mir noch ein gutes Stück weiter in den Mund. Ich habe nur diese eine Chance, um ihn zu überzeugen.

„Du bist gut. Du bist verdammt gut.“ Anerkennend streicht er mir über die Wange.

Erleichtert lasse ich seine Finger aus dem Mund gleiten. Ich habe ihn in der Hand, sein Verlangen noch mehr angeheizt. Was jetzt noch kommt, ist ein Kinderspiel.

„Pack ihn aus“, knurrt er.

Genau auf diese Worte habe ich gewartet.

„Nicht so schnell.“ Ich ziehe sein Hemd aus der Anzughose und knöpfe es rasch auf, dann streife ich es ihm über die breiten Schultern. Seine Brust ist definiert, kein Gramm Fett ist unter seiner dunklen Haut erkennbar. Was ich sehe, gefällt mir, aber auch davon lasse ich mich nicht ablenken. „Du musst zuerst duschen.“

„Das habe ich schon vor zwei Stunden.“ Er vergräbt eine Hand in meinem Haar, zieht meinen Kopf näher zu sich, bis sich unsere Nasenspitzen berühren. „Du sinkst jetzt auf die Knie und machst den Mund weit auf für mich, Pupa. Ich will sehen, wie sich deine Lippen um meinen Schwanz schließen.“

Ich halte seinem fordernden Blick stand, in dem es noch mehr lodert als zuvor. Er ist nicht der erste Kunde, der sich davor drücken will.

„Wenn du nicht duschst, kannst du das vergessen.“ Meine Stimme ist fest, meine Miene hart. Wenn er nicht im Badezimmer verschwindet, habe ich ein ernsthaftes Problem. Ich räuspere mich. „Und das willst du nicht. Du würdest den besten Blowjob deines Lebens verpassen. Einen, der dich um den Verstand bringt, der dich alles vergessen lässt.“

Sein Griff in meinem Nacken verstärkt sich. Angespannt halte ich den Atem an. Konnte ich ihn überzeugen?

Plötzlich lässt er mich los. „Dann eben. Wenn ich zurückkomme, bist du nackt. Ich will, dass du es dir selbst besorgst, während du mir einen bläst.“

Mein Puls beruhigt sich. Ich rutsche von seinem Schoß und er steht auf. Dann öffnet er die Hose, zieht sie aus und lässt sie am Boden liegen. Ich lächle. Genau wie ich es erhofft habe.

Mit langen Schritten erreicht er das Bad, betritt es und zieht die Tür hinter sich zu. Leider nicht fest genug, sie fällt nicht ins Schloss. Mist. Ich warte einen Augenblick. Sie schließt sich nicht. Offenbar hat er es nicht bemerkt.

Anstatt das Kleid wie von ihm gewünscht auszuziehen, rolle ich es nach oben und schlüpfe in die Träger. Reglos verharre ich. Endlich vernehme ich das Rauschen des Wassers, auf das ich sehnsüchtig gewartet habe. Eilig bücke ich mich und ziehe das Geldbündel aus seiner Anzughose. Zusammen mit den Noten, die auf der Kommode liegen, verschwindet es in der Handtasche. Ich hebe die Rolex hoch. Soll ich die auch einstecken? Unentschlossen drehe ich sie auf die Rückseite. Vita mia, steht darauf in geschwungener Schrift eingraviert. Darunter: Kate. Jemand hat sie ihm geschenkt – jemand, dem er viel bedeutet. Das spüre ich. Und das reicht mir, um die Uhr liegen zu lassen. Auch wenn ich die Worte nicht verstehe.

Ich drehe mich um. Vor Schreck gleitet mir die Handtasche durch die Finger und landet auf dem Boden. Mein Freier lehnt im Türrahmen, versperrt mir mit seiner imposanten Statur den Weg. Sein Kopf berührt beinahe den Balken über ihm. Nicht der kleinste Wassertropfen glänzt auf seiner Haut. Trotzdem höre ich noch das Rauschen des Wassers. Und die Boxershorts hat er auch noch an.

„Willst du mich verarschen?“ Seine Halsschlagader zuckt. Die Augen hat er zu zwei schmalen Strichen zusammengepresst. „Niemand verarscht mich ungestraft, darum würde ich es dir auch nicht empfehlen.“

Ich schlucke hart. „Ich … habe vergessen, Kondome einzustecken. Darum wollte ich rasch welche besorgen.“

Sein Blick gleitet zur Kommode, dann zu seiner Anzughose. „Schieb deine Handtasche rüber.“

Mist. Ich bin geliefert.

„Jetzt, sofort.“ Seine Kiefermuskeln arbeiten, während er mich anstarrt.

Er wird mich nicht gehen lassen, wenn ich ihm die Kohle nicht zurückgebe, also verpasse ich der Tasche einen kräftigen Tritt. Sie landet direkt vor seinen Füßen. Ohne den Blick von mir zu lösen, hebt er sie hoch. Seine Hand verschwindet darin, umgehend taucht sie wieder auf. In den Fingern hält er das Geldbündel. Ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, die Klammer zu entfernen.

„Das müssen verdammt teure Kondome sein, die du kaufen wolltest.“

„Qualität hat eben ihren Preis.“ Ich recke das Kinn. „Und jetzt lass mich durch.“

Ein überaus gefährliches Grinsen taucht auf seinem Gesicht auf. „Pupa. Du wolltest mit mehr Kohle abhauen, als dir zusteht, ohne deinen Job zu erledigen. Denkst du wirklich, du kommst damit durch?“

Stumm sehe ich ihn an. Wäge meine Optionen ab. Mich zu entschuldigen, wird ihn nicht besänftigen. Er will genau das, was ich ihm versprochen habe, aber das will ich ihm nicht geben.

„Nein“, antworte ich schließlich. „Aber ich blase dir …“

Er hält sich den Zeigefinger an die Lippen. „Du gehst jetzt ins Bad und stellst das Wasser ab, dann setzt du dich aufs Bett.“

Nach kurzem Zögern nicke ich. Das verschafft mir immerhin etwas Zeit, mir zu überlegen, wie ich aus der Sache rauskomme.

Im Badezimmer atme ich zweimal tief durch und drehe den Regler zu. Wir sind in einem Luxushotel. Er kann mir nichts anhaben. Wenn er es versucht, schreie ich so laut ich kann. Die Cops kann er zum Glück auch nicht rufen. Prostitution ist in Detroit verboten, damit würde er sich nur selbst schaden.

Mit gestrafften Schultern verlasse ich das Bad. Mein Kunde knöpft sein Hemd zu. Die Hose hat er schon wieder angezogen.

„Was hat mich verraten?“, frage ich und sinke auf die Matratze.

„Du hast meine Rolex ziemlich lange angestarrt. Das hat mich irritiert. Dann hast du auch noch gelächelt, als ich die Anzughose liegen gelassen habe. Da war mir klar, dass du mich bescheißen willst.“

Verdammt. Er ist aufmerksam. Zu aufmerksam. Bis jetzt hat mich noch keines meiner Opfer durchschaut. Bevor sie gemerkt haben, dass ich sie um ihr gesamtes Bargeld erleichtert habe, war ich weg. Nachdenklich reibt er sich mit der Hand übers Kinn und das eine ganze Weile.

„Ich gehe jetzt“, sage ich und stehe auf.

Innerhalb eines Wimpernschlags steht er vor mir, legt mir die Hände auf die Schultern und drückt mich ziemlich unsanft und sehr bestimmend zurück aufs Bett. „Nein.“

„Doch“, zische ich.

Abermals schüttelt er den Kopf. „Du hast jetzt genau zwei Möglichkeiten.“ So schnell wie er mich gepackt hat, lässt er mich auch wieder los und klemmt mein Kinn zwischen Zeigefinger und Daumen ein. Ruckartig drückt er es nach oben, zwingt mich, den Kopf in den Nacken zu legen. Überdehnt ihn schon fast unangenehm. „Du beweist mir, dass du dein Geld wert bist. Gibst mir, was du mir so vollmundig versprochen hast.“ Mit dem Daumen fährt er über meine Lippen. „Und an deiner Stelle würde ich meinen Schwanz hingebungsvoller lutschen, als du es je zuvor getan hast. Um mich auch wirklich davon zu überzeugen, dass du so verdammt gut bist, wie du behauptet hast.“

Auch wenn er heiß ist, darauf habe ich keinen Bock. Als ich angefangen habe, mich aus der Not heraus zu prostituieren, hatte ich vor, mit meinen Kunden zu schlafen. Aber ihre abschätzigen Kommentare und die angeekelten Mienen haben mich andere Pläne verfolgen lassen.

„Was ist die zweite?“

„Du erledigst etwas für mich.“ Endlich gibt er mein Kinn frei. „Dann darfst du nicht nur die fünfhundert behalten, die ich dir schon gegeben habe, sondern bekommst auch noch die knapp zweitausendfünfhundert, die du mir stehlen wolltest.“

Das klingt zu gut. „Was müsste ich dafür tun?“

Er tritt einen Schritt zurück. „Du musst mit einem Mann eine ähnlich miese Nummer abziehen, wie du es mit mir vorhattest. Er hat etwas, was ich will, und du besorgst es mir.“

Miese Nummern sind leider zu meiner Spezialität geworden. Wenn ich etwas kann, dann das. „Wer ist der Mann und was genau muss ich klauen?“

„Das erfährst du morgen. Den Donnerstagabend verbringt er im Bourbon und Sin Club, einem exklusiven Herren-Club in Cork Town. Punkt zehn bist du dort. Jemand wird dich ansprechen und dir einen Umschlag überreichen, in dem du alle nötigen Informationen findest.“

Ich schweige, überlege mir, ob ich mich darauf einlassen soll. Die Kohle könnte ich gut gebrauchen. Sehr gut sogar. Aber es könnte riskant werden, wenn ich nicht genau weiß, wer mein Opfer ist und was ich ihm abnehmen soll. Geld ist es definitiv nicht.

„Er wird dir vermutlich tausend Dollar für deine Dienste, die er nie bekommen wird, bezahlen.“ Sein Gesichtsausdruck verhärtet sich. „Das Geld gehört auch dir.“

„Was passiert, wenn ich erwischt werde?“

„Es wird alles glattgehen, solange du dich genau an die Anweisungen hältst, die du im Umschlag findest. Ich weiß, wie er tickt.“ Ein Lächeln zupft an seinen Mundwinkeln. Es wirkt gekünstelt, soll mich bestimmt in falscher Sicherheit wiegen. „Vertrau mir.“

Wie für dumm hält er mich? Ihm ist es scheißegal, was mit mir passiert, wenn ich auffliege. Aber das werde ich nicht, dafür bin ich zu gut. Aus meinen Fehlern von heute habe ich gelernt.

„Okay“, sage ich schließlich.

Er zückt sein Smartphone. Bevor ich realisiere, was er macht, hält er es mir vors Gesicht und steckt es wieder ein. Scheiße! Er hat mich fotografiert.

Ich springe auf. „Löschen.“

„Sobald du den Job erledigt hast. Ich brauche es, damit die Kontaktperson dich erkennt.“ Er hebt meine Handtasche vom Boden hoch und leert den Inhalt auf das Parkett. Viel ist es nicht. Mein Lippenstift. Ein kleiner Spiegel. Die fünfhundert, die er mir gegeben hat. Ein kleines Klappmesser und ein Schlüssel. „Wo ist dein Portemonnaie?“

„Zu Hause“, antworte ich, knie mich hin und sammle die Sachen wieder ein. Bestimmt hat er es auf meinen Führerschein abgesehen. Aber den habe ich nicht mehr. Genauso wie alle anderen Dinge, die ich dabeihatte, als ich entführt wurde. Ich erschaudere. Der Teufel höchstpersönlich hat ihn.

„Wie heißt du?“

Ich richte mich auf. „Das wirst du nie erfahren.“

„Oh, doch.“

Ehe ich zurückweichen kann, packt er mich im Nacken und zerrt mich zu sich. Seine Fingerspitzen bohren sich tief in meine Haut. Schmerz durchzuckt und lähmt mich.

Ich presse die Lippen aufeinander. „Ruby Fox.“ Nicht mein richtiger Name. Den habe ich mir für meine Kunden ausgedacht. Nur darum verlässt er überzeugend und schnell meinen Mund.

Lange starrt er mich aus verengten Augen an, dann lässt er mich grinsend los. „Ruby Fox.“ Jeden einzelnen Buchstaben rollt er über die Zunge, verleiht meinem erfundenen Namen einen verlockenden Klang. „Haben wir einen Deal?“

„Ja. Wann bekomme ich das Geld?“

„Nachdem du den Job erledigt hast. Wir treffen uns am Freitag um elf wieder hier.“

Ich nicke. Noch bevor ich einen Schritt mache, zucke ich zusammen. Die Zimmertür öffnet sich und schließt sich kurz darauf wieder.

Seine Begleitung taucht im Türrahmen auf. „Es ist alles geregelt. Ich habe noch kurz gewartet, bis unsere Männer aufgetaucht sind. Bist du schon fertig oder hast du noch gar nicht angefangen?“ Interessiert wendet er sich mir zu, dann fasst er sich in den Schritt.

Auch er sieht gut aus, wie ein Sunnyboy. Aber keiner von der guten Sorte. Bei ihm schlägt das Wetter um, sobald er eine Frau dort hat, wo er sie haben will.

„Wir gehen“, sagt mein Opfer.

„Warum?“, fragt der Typ mit dem Man-Bun.

„Weil ich es gesagt habe“, antwortet der andere streng, nimmt seine Uhr von der Kommode, legt sie an und verlässt den Raum. Ohne ein weiteres Wort folgt ihm seine Begleitung.

Ich warte, bis die Tür ins Schloss fällt. Langsam sinke ich aufs Bett. Zuerst hielt ich mein Opfer für einen Geschäftsmann - Firmenspionage oder etwas in der Art. Doch ich lag komplett daneben. Der Typ, mit dem Man-Bun sprach von unseren Männern. Das lässt nur einen Schluss zu: Ich habe es vermutlich mit einem Kriminellen zu tun.

Verdammte Scheiße!

Ich muss unbedingt herausfinden, wer mein Auftraggeber wirklich ist, und ich weiß auch schon, wie.

Nachdem weitere zehn Minuten verstrichen sind, stehe ich auf, nehme meine Handtasche, verlasse die Suite und fahre mit dem Lift ins Erdgeschoss. Vor der Rezeption halte ich an. Perfekt, dieselbe Frau sitzt dort wie vorhin.

„Guten Abend“, sage ich freundlich.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Sie lächelt kurz, dann hebt sie eine ihrer perfekt gezupften Augenbrauen.

Offenbar hat sie bemerkt, dass ich käuflich bin. Es trifft mich nicht. Hauptsache, ich werde nicht erkannt.

„Vor Kurzem hat ein gut aussehender Geschäftsmann bei Ihnen eine Suite gebucht. Groß, breitschultrig, braune Haare und Augen. Könnten Sie bitte nachsehen, wie er heißt?“

Sie spitzt die Lippen. „Bedaure. Die Privatsphäre unserer Gäste steht für uns an oberster Stelle.“

Wie bringe ich sie bloß dazu, mir den Namen zu verraten? Ich beschließe, an ihr Mitgefühl zu appellieren, immerhin ist sie eine Frau, genau wie ich.

„Das verstehe ich vollkommen. Aber er ist gegangen, ohne zu … bezahlen.“

Ein süffisantes Lächeln breitet sich in ihrem Gesicht aus. „Vielleicht war er mit dem Service nicht zufrieden.“

Bitch. Ich lehne mich nach vorn. „Das sind sie immer.“ Mit dem Zeigefinger deute ich auf ihren Ehering. „Ihr Mann war es übrigens auch.“

Sie reißt die Augen auf. „Ich rufe die Polizei.“ Hastig greift sie nach dem Telefon.

Ich drehe mich um und verlasse das Hotel. Wenn die Polizei mich in die Finger bekommt, bin ich am Arsch. Es wäre viel zu riskant, ihnen zu vertrauen. Der Teufel hat weitreichende Verbindungen. Erneut fröstelt es mich bis ins Mark. Ich kann niemandem trauen außer mir selbst.