Leseprobe Einer von ihnen lügt | Der nervenaufreibende Psychothriller über ein abgelegenes Haus voller dunkler Geheimnisse

Prolog

Die unheimliche Stille nach dem Sturm wird vom aufheulenden Martinshorn der Polizei zerrissen. Eine Kolonne von Einsatzwagen schlängelt sich von der Hauptstraße den schmalen Weg hinauf, Blaulichter tasten sich über die schlafenden Felder; blau, schwarz, blau, schwarz, blau, schwarz.

Drei Streifenwagen fahren vor, dicht gefolgt von einem Krankenwagen. Für die zu rettende Person kommt jede Hilfe zu spät, doch davon wissen sie noch nichts. Jetzt zählt nur, dass alles bereit ist.

Die Fahrzeuge kommen zum Stehen, denn ein umgestürzter Baum versperrt die Weiterfahrt. Türen schlagen auf und zu, Schritte platschen auf nassem Kies. Zwar hat der Regen nachgelassen, doch der Boden ist so aufgeweicht, dass ihre Schuhe sofort durchnässen. Sie tasten sich durch die Dunkelheit, hin zu ihrem gemeinsamen Ziel.

In der Mitte des Hofes liegt ein toter Körper, nichts weiter als ein zusammengefallener Haufen Knochen, von denen der unablässige Regen den Großteil des Blutes fortgespült hat. Elf lebende Körper umringen ihn und beäugen mit misstrauischen Blicken jeden Schritt der herankommenden Beamten.

Alle warten.

Erster Teil

Fünf Wochen zuvor

Kapitel Eins

„Miss Ambleside, wie schön, Sie kennenzulernen. Bitte kommen Sie herein.“

Stella folgt Mr Titheridge ins Wohnzimmer und betrachtet dabei eingehend seinen Nacken, dort, wo sich die weißen Haare leicht über den Kragen seines Poloshirts kräuseln. Im Kamin lodert ein Feuer, obwohl der späte Frühling den Tag bereits aufgeheizt hat. Die Luft steht, jeder Atemzug fühlt sich an, als würde sie durch Watte schnaufen. Stella würde am liebsten ihren Blazer ausziehen und ein Fenster aufreißen.

Stattdessen bleibt sie wartend neben dem großen Couchtisch aus dunklem Holz stehen, auf dem sich ein Stapel Zeitschriften wackelig auftürmt. Mr Titheridge dreht sich zu ihr um und schenkt ihr ein strahlendes Lächeln.

„Bitte, setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem. Ich schaue nur schnell nach, wo unser verfluchter Tee bleibt.“

Während er zurück in den Flur verschwindet, lässt Stella sich auf eines der Sofas sinken und rückt ihre Brille zurecht. Eine ihrer Gesichtshälften glüht und sie wendet sie vom Feuer ab, um den Rest des Zimmers zu beäugen. Der Raum ist nicht sonderlich groß, doch die dunkle Vertäfelung und die hohen Decken verleihen ihm eine unerwartete Weitläufigkeit. Ihr gegenüber, vor dem Kamin, steht ein abgewetztes Samtsofa und unweit dessen ein Esstisch mit einem halben Dutzend Stühlen, die an die bleiverglasten Fenster gerückt sind. Schwaches Sonnenlicht sickert durch die kleinen Scheiben und lässt den Staub aufleuchten, der durch die Luft tanzt.

Im Haus herrscht Stille, obwohl draußen gerade noch ein paar Leute herumschwirrten, als Stella mit ihrem ramponierten Fiesta vorgefahren war. Ein jüngerer Mann, vielleicht Ende zwanzig wie sie, war in Richtung einer Scheune unterwegs gewesen. Eine ältere Frau hatte gehetzt gewirkt, als sie quer über den Hof vom Farmhaus weggeeilt war. Jetzt ist von all dem nichts mehr zu sehen. Kein Laut, kein Schritt, kein Schatten. Ein leicht kribbelndes Unbehagen regt sich tief in ihrem Inneren.

Gerade als sie sich dem Kamin zuwenden möchte, schwingt die Tür auf und eine Dame, dürr wie ein Garderobenständer, tritt ein. Sie trägt ein Tablett, das sie auf den Couchtisch stellt. Dabei wirft sie Stella ein knappes Lächeln zu.

„Tee und Kaffee“, sagt sie geschäftig. „Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?“

„Nein, das passt schon“, dröhnt Mr Titheridge hinter ihr. Die große Frau nickt kurz angebunden, dreht sich um und verschwindet wortlos.

Mr Titheridge scheint ihre Schroffheit gar nicht wahrzunehmen. Er lächelt Stella breit an und lässt sich in den Sessel ihr gegenüber fallen.

„Bevorzugen Sie Tee oder Kaffee?“ Er mustert sie aufmerksam, und ihr wird ganz warm im Gesicht.

„Tee, bitte“, sagt sie.

Sie wartet, während er Milch in zwei Tassen gießt. Dann schenkt er Tee aus der Kanne ein und schiebt ihr eine der Tassen hin, doch Stella lässt sie vorerst auf dem Tisch stehen.

Mr Titheridge nimmt einen Schluck, stellt seine Tasse mit einem Klirren ab und schlägt sich auf die Oberschenkel. Stella zuckt zusammen.

„Danke, dass Sie heute hergekommen sind, Stella.“

Sie bemerkt, wie sein Blick an ihr hinuntergleitet, auf ihre nackten Knie. Sie zupft an ihrem Bleistiftrock und lächelt ihn an.

„Aber natürlich, Mr Titheridge“, entgegnet sie und verschränkt ihre Hände ineinander.

„Ach was, lassen wir das. Für alle hier heiße ich Alan, und bei Ihnen mache ich da keine Ausnahme“, sagt er.

„Aber natürlich, Alan“, sagt sie. Es kommt ihr vor, als hätte sie versehentlich einen Lehrer beim Vornamen genannt, wofür sie sich stillschweigend rügt. Sie ist eine erwachsene Frau; sie lässt sich von Männern nicht einschüchtern. Schon gar nicht von Männern wie Alan Titheridge. Sie schluckt. „Ich habe gehört, Sie suchen jemanden, der sich um Ihre PR kümmert?“

Er nickt. Sein Blick ruht jetzt auf ihrem Gesicht.

„PR, Schadensbegrenzung, nennen Sie es, wie Sie wollen. Leider scheint es inzwischen wohl nötig zu sein“, sagt er. Er beugt sich vor und sein weißes Haar glänzt im grellen Licht der Decke. „Ich nehme an, Sie haben die letzten Berichte gesehen? Die Vorwürfe und so weiter?“

Stella nickt. Natürlich hat sie die Artikel über den örtlichen Gutsherrn gelesen, dem vorgeworfen wurde, illegales Dachshetzen auf seinem Land zu dulden und der dann beim Fremdgehen erwischt wurde. Sie weiß auch, dass das seinem Geschäft schadet. Den meisten vergeht die Lust, Jagdwochenenden und Landurlaube bei jemandem zu buchen, der mit solchen Praktiken in Verbindung gebracht wird.

Es ist kaum verwunderlich, dass er dringend gute Presse braucht.

„Leider ja, das muss furchtbar für Sie gewesen sein“, sagt Stella und nutze dabei den Tonfall, den ihre Mutter früher ihre „Telefonstimme“ genannt hat, mit weicheren Vokalen und deutlicher Aussprache.

„Alles völliger Unsinn, jedes Wort. Nur kauft einem das natürlich keiner ab“, erwiderte er und nimmt die Teetasse wieder in seine fleischige Hand. Er beugt sich verschwörerisch vor. „Was ich im Grunde brauche, ist nicht nur jemanden, der meinen Ruf aufpoliert, sondern auch jemanden, der mein Geschäft ein bisschen auf Vordermann bringt. Sie wissen schon, die Öffentlichkeit wieder ins Boot holen, die Presse und die örtliche Prominenz ein bisschen umschmeicheln, so etwas.“ Er schüttelt den Kopf, lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander.

Stella mustert sein lachsfarbenes Hemd, das in die etwas zu hochgezogene Hose gestopft ist. Seine ehemals sicher schmale Taille ringt vergebens darum, vom Saum des Hemdes bedeckt zu bleiben. Sein Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen, die jedes seiner einundsechzig Jahre widerspiegeln. Viel Zeit hat er wohl kaum damit verbracht, selbst auf dem Hof mit anzupacken. Eher damit, andere für sich schuften zu lassen, stellt sie sich vor.

„Nun, das klingt auf jeden Fall nach etwas, wobei ich Ihnen helfen kann“, antwortet sie und zieht eine Kopie ihres Lebenslaufs aus einer Klarsichthülle in ihrer Tasche. „Wie Sie sehen, habe ich …“

„Ach, machen Sie sich darum keine Gedanken“ unterbricht Alan sie und wedelt mit der Hand, als wolle er einen unangenehmen Geruch vertreiben. „Ich hatte schon etliche hochqualifizierte Leute hier, die mir helfen sollten und die alles gründlich in den Sand gesetzt haben.“ Er lächelt und stellt dabei seine makellos geraden, weißen Zähne zur Schau. „Ich habe Ihre Qualifikationen natürlich zur Kenntnis genommen und alles sieht tadellos aus.“ Er legt die Fingerspitzen unter dem Kinn aneinander. „Außerdem suche ich jetzt vor allem die richtige Person, verstehen Sie. Jemanden, mit dem ich klarkomme. Jemanden, dem ich …“ Er runzelt die Stirn, als suche er nach passenden Worten, obwohl Stella ziemlich sicher ist, dass er sehr genau weiß, was er sagen will. „Jemanden, dem ich wirklich vertrauen kann. Denn offensichtlich gibt es hier jemanden, dem ich nicht trauen kann. Und ich ahne, dass ich Hilfe brauchen werde, um herauszufinden, wer genau das ist.“

„Aber natürlich.“ Stella räuspert sich. „Also, Sie können mir auf jeden Fall vertrauen.“ Sie hasst, wie ihre Stimme klingt: bedürftig. Aber das ist sie doch, oder? Sie braucht diesen Job. Sie ist darauf angewiesen, dass Alan Ja sagt. Und wenn sie ihn dafür überzeugen muss, dass sie sich auch als eine Art Detektivin behaupten kann, dann macht sie das eben.

Plötzlich beugt Alan sich wieder vor und nimmt eine glänzende Broschüre vom Tisch.

„Dann ist da noch diese Sache mit der Wohltätigkeitsorganisation“, sagt er und blättert durch Seiten voller Fotos und Geschichten von Frauen. „Ich spende schon eine Weile an sie. Das ist der Akt, mit dem ich in der öffentlichen Wahrnehmung wieder gut dastehen werde“, fährt er fort. „Wir würden gemeinsam daran arbeiten und uns um die ganze Reklame kümmern.“

Stella antwortet nicht. Sie nickt nur. Alan hebt den Blick zu ihr.

„Wohnen Sie in der Nähe?“

„Ähm, nicht direkt.“ Der plötzliche Themenwechsel bringt sie aus der Fassung.

„Ich weiß nicht, ob das für Sie interessant wäre. Aber für die richtige Person gäbe es hier ein Zimmer. Nichts Besonderes, nur ein Raum ganz oben mit eigenem Bad. Die Stelle könnte allerdings ziemlich, wie sagt man heute, fordernd werden. Man könnte Sie brauchen, einfach dafür, dass Sie zur Verfügung stehen. Das Angebot gilt, falls Sie möchten.“

Stellas Herz pocht. Dass man ihr ein Zimmer hier anbot, übertraf alles, was sie sich je ausgemalt hatte.

„Heißt das … bedeutet das, ich habe die Stelle?“

„Aber selbstverständlich“, erwidert Alan strahlend. „Sie müssen unbedingt Ja sagen. Sie wirken perfekt und, um ehrlich zu sein, wir sind nicht gerade mit Bewerbungen überflutet worden. Ich weiß nicht, ob dieser ganze Unsinn die Leute abgeschreckt hat oder ob es die Abgeschiedenheit des Hofes war.“

Stella lächelt so breit, dass ihr die Wangenknochen schmerzen.

„Dann vielen Dank“, strahlt sie. „Ich nehme Ihr Angebot sehr gern an.“

Kapitel Zwei

Zwei Tage später kehrt Stella mit ihrem Koffer zum Bauernhaus zurück. In den letzten Tagen hatte sie in der alten Wohnung ihrer Mutter geschlafen, die inzwischen zum Verkauf stand und die sie heilfroh hinter sich lässt. Es war ein merkwürdiges Gefühl gewesen, nach all den Jahren allein dort zu sein. Nicht nur leer, sondern … ach, sie will gar nicht erst an die Albträume denken, die sie seit dem Tod ihrer Mutter jede Nacht quälen. Das hier ist ein Neuanfang.

Alan hatte angeboten, ein Auto zu schicken, das sie abholt. Da sie ihm aber nie genau gesagt hatte, wie weit entfernt sie im Moment wohnt, hatte sie abgelehnt. Er könnte es merkwürdig finden, dass sie bereit ist, so weit von ihrem bisherigen Zuhause wegzuziehen. Sie braucht sein Vertrauen und darf in ihm keine Zweifel säen.

Also ist sie mit ihrem klapprigen alten Fiesta zum Hof gefahren. Jetzt, als sie in den Hof vor dem Bauernhaus einbiegt, sieht sie die Hutständer-Frau von neulich, die schon auf sie wartet, die Hände vor dem Körper gefaltet. Sie wirkt genauso einschüchternd wie beim letzten Mal, und Stella spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht. Irgendetwas sagt ihr, dass es dauern wird, bis sie diese Frau auf ihre Seite geholt hat.

Sie stellt den Motor ab, bleibt einen Moment sitzen und holt tief Luft. Sie schafft das. Es wird schon gutgehen.

Sie öffnet die Autotür einen Spalt breit, doch eine Windböe reißt sie gänzlich auf. Ihr Haar peitscht ihr wild ins Gesicht, als sie den Kofferraum öffnet und ihren Koffer herauszerrt. Doch bevor sie ihn überhaupt auf den Boden stellen kann, wird er ihr aus der Hand gerissen. Sie fährt herum und sieht die Hutständer-Frau neben sich stehen, reglos, ohne jedes Lächeln.

„Den nehme ich für Sie. Bitte folgen Sie mir.“

Stella hatte nun wirklich keinen Empfang mit rotem Teppich erwartet. Aber die Frau sagt nicht einmal Guten Tag oder schenkt ihr auch nur den Hauch eines Lächelns. Das kann ja heiter werden.

Pflichtbewusst folgt Stella ihr ins Haus. Dieses Mal biegen sie nicht nach rechts ins Wohnzimmer ab, sondern steigen die hölzerne Treppe links in der Eingangshalle hinauf. Stella begutachtet die Beine der Frau, die mit strammem Schritt in den ersten Stock hinaufsteigt. Dort gehen sie nach rechts den Flur entlang zu einer weiteren, schmaleren Treppe. Oben warten zwei Türen auf sie und sie treten durch die erste. Hier oben ist es kühler und Stella stellt erleichtert fest, wie freundlich das Zimmer eingerichtet ist. Ein großes Doppelbett, ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch, ein Sessel. Unter dem Fenster steht eine Kommode, rechts führt eine kleine Tür in einen Nebenraum. Da sie sich direkt unter dem Dach befinden, ist die Decke schräg. Bei ihrer Körpergröße von eins sechzig macht ihr das aber keine Sorgen.

„Das ist Ihr Zimmer. Das Bad befindet sich dort drüben. Ich habe ein paar Handtücher bereitgelegt. Wenn Sie noch etwas brauchen, finden Sie mich unten.“

Noch bevor Stella überhaupt weiß, was sie sagen soll, ist die Frau verschwunden. Die Tür fällt fest hinter ihr ins Schloss.

Stella setzt sich auf das Bett und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Sie ist da. Hier beginnt etwas Neues.

Sie streicht mit der Hand über die Tagesdecke, welche mit zarten Gänseblümchenmuster geschmückt ist, und glättet die Ränder. Dieser Ort ist so ganz anders als der, von dem sie gerade kommt. Die alte Wohnung ihrer Mutter ist so kalt und leer, als hätte ihr Tod das letzte bisschen Leben aus den Wänden gesogen. In Wahrheit kann sie es kaum erwarten, die Wohnung loszuwerden. Solange sie aber nicht verkauft ist, konnte sie sich nichts anderes leisten. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als dort zu wohnen. Jetzt muss sie nur versuchen, diese Stelle mit dem hübschen Zimmer zu halten, bis die Wohnung verkauft ist. Dann kann sie hier fort.

Sie hofft nur, dass bis dahin niemand merkt, wie frei erfunden ihr Lebenslauf in Wirklichkeit ist.

* * *

Nachdem sie ausgepackt hat, geht Stella die Treppe hinunter. Sie hofft, Alan zu finden oder wenigstens jemanden, der ihr sagt, wo sie gebraucht wird und was zu tun sei.

Doch in der Eingangshalle ist niemand zu sehen. Auch im Wohnzimmer nicht, als sie vorsichtig den Kopf durch die Tür steckt. Das Feuer brennt noch. Der Raum wirkt noch stickiger als bei ihrem letzten Besuch. Auf dem Couchtisch steht ein leeres Glas. Auf der Lehne des Sessels liegt ein aufgeschlagenes Buch voll aufgefächerter Seiten. Offenbar war vor Kurzem noch jemand hier gewesen, doch von diesem Jemand fehlt nun jegliche Spur.

Sie dringt tiefer in das Haus vor. Aus dem Raum, den sie für die Küche hält, dringen Geräusche, doch sie wagt es nicht, hineinzugehen, falls die hutständerartige Frau dort sein sollte. Sie will nicht in ihrer ersten Stunde hier schon anecken, sondern späht stattdessen in die anderen Zimmer: ein großes Familienzimmer auf der einen Seite, ein förmlicher Speiseraum auf der anderen mit riesigen Porträts an den Wänden und ein weiterer, verschlossener Raum, bevor sie den Weg zurückgeht und die Haustür aufdrückt.

Sofort packt sie der Wind und drängt sie zurück, bis sie sich wieder fängt. Sie ist froh, dass sie diesmal daran gedacht hat, die Haare zusammenzubinden. Nur die feinen Pumps erweisen sich als völlig unpraktisch. Vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen über den unebenen Hof und geht auf die Scheunen zu. Als sie endlich drinnen, und der Wind ausgesperrt ist, atmet sie erleichtert auf. Es ist warm hier und sie benötigt einen Moment, um den riesigen Raum gänzlich zu erfassen.

Direkt vor ihr türmen sich Heuballen fast bis unter die Decke. Sie wendet den Blick ab und entdeckt rechts davon einen großen Traktor mit Anhänger, auf dessen beiden Seiten Sitzbänke montiert sind. In einer Ecke ist ein Bereich mit Netzen abgetrennt, am Ende hängt eine Zielscheibe. Sie fragt sich, wofür das gut ist. Sie geht ein paar Schritte weiter hinein.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Die Stimme klingt tief und laut, aber als sie sich ruckartig umdreht, um zu sehen, woher sie stammt, ist niemand zu sehen. Ihre Knie werden weich. Was ist nur los mit ihr? Warum ist sie so angespannt?

„Hallo?“, ruft sie in die Weite des Raums. Ihre eigene Stimme hallt zu ihr zurück. Jetzt spürt sie einen Stich von Ärger. Versucht da jemand mit Absicht, sie zu verunsichern? Warum zeigt die Person sich nicht einfach?

Sie will gerade noch etwas sagen, als der junge Mann, den sie bei ihrem letzten Besuch hier gesehen hat, hinter den Heuballen hervorkommt und sich dabei die Hände an einem Lappen abwischt.

„Hi“, sagt Stella und schenkt ihm ein Lächeln. Als sie näher tritt, fällt ihr auf, dass er attraktiver ist als erwartet. Sie spürt, wie ihr das Blut ins Gesicht schießt.

„Wer sind Sie?“

In seiner Stimme fehlt jegliche Freundlichkeit. Stellas Ärger flammt wieder auf. Was stimmt mit den Leuten hier nicht?

„Ich bin Stella“, sagt sie. „Ich fange heute hier an zu arbeiten?“ Sie versteht selbst nicht, warum das am Ende wie eine Frage klingt.

„Da wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.“ Auf seiner Stirn bilden sich Falten. „Was genau sollen Sie hier eigentlich machen?“

„Ich helfe nur Mr Titheridge, Alan“, korrigiert sie sich, „ein bisschen mit der PR und so allgemein … Sie wissen schon …“ Sie verstummt.

„Uns alle wohl auch ein bisschen im Blick behalten, was?“

„Oh, ich …“ Stella verstummt. Sie ist tatsächlich hier, um sie auszuspähen, fällt ihr ein. Ein bisschen Detektivarbeit, herausfinden, wer ihren Chef hintergeht. Nur glaubt sie nicht, dass das hier gut ankommt. „Nein, nicht wirklich. Er will nur ein bisschen Unterstützung, damit mehr Leute von seiner Wohltätigkeitsarbeit erfahren und wieder hierher auf den Hof kommen. Sie wissen schon, nach allem, was in letzter Zeit passiert ist.“ Die Worte klingen selbst in ihren Ohren hohl. Am Ausdruck in seinem Gesicht erkennt sie, dass er es genauso empfindet.

„Na dann, willkommen im Paradies.“ Er streckt ihr die Hand hin. „Und sag ,du‘. Ich bin Tom. Quasi das Mädchen für alles, offiziell aber bin ich für die ganzen Erlebnisse zuständig. Also Schießen, Traktorfahrten, Axtwerfen, solche Sachen.“ Ach, dafür ist also die Zielscheibe. Er verzieht das Gesicht, Stella kann die Geste nicht recht deuten. „Damit die feinen Herrschaften mal ein Gefühl dafür bekommen, wie es so auf einem richtigen Bauernhof ist.“ Sein Augenrollen am Ende versteht sie dagegen sofort. Sie tritt einen Schritt näher und schüttelt seine Hand. Sie ist warm und trocken. „Freut mich, dich kennenzulernen.“

Nach einem kurzen Händedruck zieht Tom seine Hand zurück und nickt. „So, ich sollte mal weitermachen. Wir haben zumindest noch ein paar Buchungen, also muss ich für später noch einiges vorbereiten.“ Er wendet sich zum Gehen.

„Moment“, bremst ihn Stella und Tom wendet sich langsam wieder zu ihr, die Augenbrauen fragend gehoben. „Weißt du zufällig, wo alle sind? Jemand hat mir zwar mein Zimmer gezeigt, aber mir nicht gesagt, wie es weitergeht.“

„Große Frau, Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen?“

Stella verkneift sich ein Grinsen. „Genau die. Sie war nicht besonders … herzlich.“

„So kann man es auch nennen.“ Tom kratzt sich am Kopf. „Das ist Miriam, Alans Assistentin, na ja, irgendwie. Sie ist schon ewig hier und ich glaube, keiner weiß so genau, was sie eigentlich macht. Sie hält sich für die Chefin und würde den Laden am liebsten allein schmeißen. Nimm es nicht persönlich, sie ist am Anfang zu allen unfreundlich, aber das legt sich. Leg dich nur nicht mit ihr an, sonst …“ Er fährt sich mit dem Finger über die Kehle und schneidet eine Grimasse.

„Ist zur Kenntnis genommen“, entgegnet Stella.

„Alan hat sich wahrscheinlich in seinem Büro verkrochen und tut so, als würde er arbeiten. Rhonda ist in der Stadt. Die kommt später wieder, mit frisch gemachten Nägeln und einer schicken Föhnfrisur. Völlig sinnlos bei dem Wetter, wohlgemerkt.“

„Alles klar.“ Stella nickt. „Danke. Soll ich dann …“ Sie deutet zum Haus hinüber.

Tom muss Mitleid mit ihr haben, denn er lässt das Handtuch fallen und geht zur Tür.

„Komm, ich stelle dich den anderen vor.“

* * *

Stella ist erleichtert, dass sie nun endlich ein paar der Leute kennengelernt hat, die im Haus leben und arbeiten. Miriam, die große, einschüchternde Frau, hat sie sogar angelächelt. Sie vermutet jedoch, dass das eher an Toms Anwesenheit lag als daran, dass Miriam plötzlich Gefallen an ihr gefunden hätte. Außerdem traf sie Gail, die die Zimmer für die Gäste putzt. „Die schlafen alle in den schnieken umgebauten Scheunen da unten“, hatte sie in ihrem unverkennbaren Glasgower Akzent erklärt. „Beim Putzen darf kein Staubkorn liegen bleiben, weil die alles sehen, diese piekfeine Gesellschaft.“ Und dann war da noch die Köchin Gwen.

Stella hat sogar Alans Buchhalter Robert kennengelernt, der offenbar einen Albtraum durchwacht, all die Rückerstattungen für stornierte Buchungen zu bearbeiten. Er wirkte gehetzt, als er ihr die Hand gab, und sein Händedruck war eine Spur zu fest.

Alan hat sie immer noch nicht gesehen. Man hat ihr aber gerade mitgeteilt, dass sie nun gleich seine Frau Rhonda kennenlernen wird, die soeben in die Einfahrt eingebogen ist. Miriam hat es mit gedämpfter, ehrfürchtiger Stimme verkündet, als wäre Rhonda irgendeine Göttin und nicht einfach nur eine wohlhabende, ganz normale Frau.

Stella folgt Tom zur Haustür hinaus und ein weiterer Windstoß trifft sie, als sie den Hof erneut betreten. Die Reifen von Rhondas Range Rover knirschen über dem Kies, als sie neben Stellas verbeultem Fiesta zum Stehen kommt. Stella spürt, wie ihr die Scham in die Wangen steigt, weil ihr Auto so heruntergekommen wirkt.

Sie beobachtet, wie Rhonda vorsichtig aus dem Wagen steigt. Eine zierliche, schlanke Frau, ein bedrucktes Kopftuch über dem Haar, vermutlich irgendein teures Label wie Liberty, etwas, das sich Stella im Leben nicht leisten könnte. Das Tuch ist straff über ihre Frisur gespannt, die mindestens genauso viel gekostet hat und jedes Haar an seinem Platz hält. Rhonda scheint Tom und Stella noch gar nicht bemerkt zu haben, denn sie öffnet erst einmal die hintere Tür. Bevor sie jedoch auch nur eine Tasche anfassen kann, ist Miriam schon zur Stelle, zerrt die Einkaufstüten aus dem Auto und dirigiert Rhonda in Richtung Haustür. Stella muss sich beherrschen, um bei diesem unterwürfigen Getue nicht die Augen zu verdrehen.

Rhonda ist fast direkt vor ihnen, als sie sie endlich wahrnimmt, und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.

„Na hallo“, sagt sie, nimmt Stellas Hände in ihre und drückt ihr zur Begrüßung erst die eine, dann die andere Wange an die eigene. „Sie müssen unser Neuzugang in der Familie sein, wir freuen uns sehr, dass Sie da sind.“ Sie verzieht das Gesicht zu Tom hin. „Hoffen wir nur, dass Sie Alans Schlamassel besser in den Griff bekommen als er, nicht wahr, Tom?“

„Und ob“, sagt Tom und lacht.

Rhonda wendet sich wieder Stella zu und zieht sie leicht am Arm. „Kommen Sie herein, sonst werden wir noch fortgeblasen“, sagt sie, und Stella trottet brav hinterher. Während sie gemeinsam durch die Tür stolpern, mustert Stella diese Frau. Klein, mit warmem Lächeln und bis ins Detail geschminktem Gesicht, trotz des Wetters. Rhonda entspricht so gar nicht dem Bild, das Stella sich gemacht hatte. Zu ihrer eigenen Überraschung und zu ihrem Ärger merkt sie, dass sie sie auf Anhieb sympathisch findet.

„Also gut, trinken wir einen Tee und lernen uns ein bisschen kennen“, sagt Rhonda und zieht sich das Tuch vom Kopf, kaum dass die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen ist. „Wenn Sie hier wohnen werden, wäre es schön, wenigstens ein bisschen über Sie zu erfahren.“

„Das wäre sehr nett, danke“, erwidert Stella.

„Ich bringe gleich welchen rüber, Mrs Titheridge“, eifert Miriam und huscht in Richtung Küche davon.

„Wir sehen uns später“, sagt Tom und verschwindet wieder zur Haustür hinaus. Stella verspürt den Drang, ihm zu folgen, geht dann aber doch in das Wohnzimmer, in dem Alan sie vor zwei Tagen zum Gespräch empfangen hat.

Rhonda führt sie zu den Sofas am Kamin, und Stella spürt schon jetzt, wie sie in ihren dicken Wollstrumpfhosen zu schwitzen beginnt. Von hier aus kann sie in den Hof sehen und hinüber zu den Scheunen. Draußen hat ein stürmischer Regen eingesetzt, der gegen die Scheiben peitscht und die Aussicht zu einem grauen Schleier verwischt.

„Also, Alan meint, Sie hätten mit so was schon eine Menge Erfahrung.“ Rhonda schlägt die Beine übereinander und lässt sich auf dem Sofa zurücksinken. Sie mustert Stella. „Obwohl Sie sehr jung sind.“

Stella spürt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt und sie schluckt. Darauf war sie gefasst. Es war klar, dass man sie zu den genannten Erfahrungen auf ihrem Lebenslauf befragen würde. Sie muss sich nur an ihren Plan halten.

Sie lächelt. „Ja, ich habe schon eine ganze Reihe von …“, sie stockt, während sie nach der taktvollsten Formulierung sucht, „… Maßnahmen zur Imagepflege betreut.“

Rhonda zieht die Augenbrauen hoch. „Imagepflege. Donnerwetter, so nennt man das heute?“, sagt sie, und Stella spürt einen dumpfen Schlag der Sorge tief im Bauch. Dann lacht Rhonda warm. „Ich fürchte, bei Alan wartet eine Menge Arbeit auf Sie. Er hat in letzter Zeit ja alles gründlichst an die Wand gefahren.“

„Ja“, entgegnet Stella. Sie rutscht unbehaglich auf dem Sofa hin und her. Rhonda ist schwer zu durchschauen, und es ist kaum zu erkennen, wie sie zu den jüngsten Vorwürfen steht.

Vor ein paar Monaten war Alan beschuldigt worden, Geld dafür genommen zu haben, dass auf seinem Land Dachsjagden mit Hunden stattfanden. Die Presse hatte sich darauf gestürzt und seine sofortige Verhaftung gefordert. Eine Tierschutzgruppe hatte ihn außerdem bedroht, was das ohnehin lodernde Feuer weiter angefacht hatte. Das war schon schlimm genug gewesen. Doch kaum hatte sich die Lage etwas beruhigt, tauchte in der Daily Mail, einer Klatschpresse, ein Foto von Alan mit einer jüngeren Frau auf, die ganz sicher nicht Rhonda war. Die beiden lagen sich vor einem Restaurant in der Londoner Innenstadt in den Armen, während er angeblich auf Geschäftsreise war.

Nach den vorangegangenen negativen Schlagzeilen hatten die Zeitungen sich ausgetobt. ‚Von Dachsjagd zu Damenaffären, Top-Unternehmer stürzt ab‘ lautete eine besonders schlüpfrige Überschrift. Danach meldeten sich noch einige andere Frauen und behaupteten, Alan habe sich ihnen gegenüber im Laufe der Jahre ebenfalls übergriffig verhalten.

In der Folge brachen die Buchungen auf dem Hof ein, und Alan setzte alles daran, seinen ramponierten Ruf zu reparieren. An dieser Stelle kam Stella ins Spiel. Doch jetzt wird ihr klar, wie sehr das alles Rhonda mitgenommen haben muss.

Stella will gerade etwas in diese Richtung sagen, als Miriam mit dem Tee hereinkommt. Sie warten, während Miriam geschäftig alles ordentlich auf dem Tisch arrangiert.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mrs Titheridge?“ fragt sie schließlich.

„Nein, danke, Miriam, das ist perfekt.“ Sie lächelt die Frau an, Miriam nickt und verlässt den Raum.

Rhonda nimmt die Milchkanne und wendet sich wieder Stella zu. „Alan scheint zu glauben, dass sein Engagement für diese Wohltätigkeitsorganisation alles wieder ins Lot bringt“, erklärt sie, die Milchkanne noch immer zwischen ihnen. „Er denkt, ein bisschen Arbeit mit ein paar misshandelten Frauen mache ungeschehen, was er getan hat. Aber ich glaube, es braucht mehr, um uns aus diesem Schlamassel rauszuholen. Finden Sie nicht auch?“

„Ich …“ Stella verstummt. Rhondas Direktheit überrascht sie und sie weiß nicht recht, wie sie reagieren soll. Zum Glück spürt Rhonda ihr Unbehagen und ergreift erneut das Wort.

„Entschuldigen Sie, das war nicht besonders fair von mir. Wie Sie sich denken können, kenne ich meinen Mann nach fast vierzig Jahren Ehe ziemlich gut. Mir war immer klar, dass er nicht perfekt ist, ich meine, wer ist das schon? Aber er steckte noch nie in so einem Durcheinander.“ Sie gießt Milch in die Tassen, scheinbar ohne zu merken, wie sehr sie untertreibt, und stellt die Kanne wieder ab. „Ich hoffe nur, dass wir mit Ihrer Hilfe nicht erst handeln, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“

Stella schüttelt den Kopf. „Das hoffe ich auch. Ich bin wirklich überzeugt, dass wir die Sache ein Stück weit entschärfen können. Ich habe ein paar Ideen; ich würde sie gern so bald wie möglich mit Ihnen beiden durchgehen, sobald Mr … Alan … da ist.“

Rhonda nimmt die Teekanne und schenkt Tee ein. „Ja, ich habe keine Ahnung, wohin er sich verdrückt hat.“ Sie trinkt einen Schluck und verzieht das Gesicht. „Mein Gott, ist der dünn.“ Sie blickt wieder zu Stella. „Aber bitte kommen Sie immer zu mir, wenn Alan nicht da ist oder sich … schwierig verhält.“

„Natürlich“, antwortet Stella.

Sie kann die Art der Beziehung ihrer Arbeitgeber noch nicht recht einordnen. Rhonda scheint ihren Mann zu lieben, mag ihn aber nicht besonders, auch wenn sie sich das vielleicht nur einbildet. Eines weiß sie jedoch: Es schadet nie, die Ehefrau auf ihrer Seite zu haben.

Auch sie hebt ihre Tasse und trinkt einen Schluck. In diesem Moment sagt Rhonda: „Wissen Sie was? Sie kommen mir furchtbar bekannt vor. Ich habe das Gefühl, wir sind uns vielleicht schon einmal begegnet.“

Stella spuckt den Tee fast wieder aus, die heiße Flüssigkeit bleibt ihr im Hals stecken. Sie schafft es, hinunterzuschlucken, ohne sich zu verschlucken, und stellt die Tasse beinahe mit einem Schlag auf den Tisch.

„Um Himmels willen, es tut mir furchtbar leid. Alles in Ordnung?“ Rhonda springt auf und klopft Stella auf den Rücken.

„Schon gut, ich habe mich nur am Tee verschluckt“, keucht Stella, als sie sich endlich wieder gefangen hat. Sie beobachtet, wie Rhonda sich ihr gegenüber wieder hinsetzt und sie anlächelt, offensichtlich auf eine Antwort wartend. Stella lächelt zurück. „Aber nein, da irren Sie sich bestimmt. Ich bin mir ganz sicher, wir sind uns noch nie begegnet.“

Kapitel Drei

Als sie ihren Tee ausgetrunken haben, steht Rhonda auf.

„Es tut mir leid, dass ich Sie gleich wieder allein lasse, doch ich muss wirklich los. Alan dürfte bald von seinem geheimnisvollen Ausflug zurückkehren.“

„Schon in Ordnung. Danke für den Tee“, sagt Stella, erleichtert, gleich etwas Zeit für sich zu haben, um ihre Gedanken zu sortieren.

Als Rhonda gegangen ist, zückt Stella ihr Handy aus der Tasche. Man hatte ihr gesagt, dass es hier draußen so gut wie keinen Empfang gibt. Heute scheint selbst das WLAN zu schwächeln, kein einziger Balken auf dem Display. Ein Schauer überkommt sie bei dem Gefühl, so vollständig von der Welt abgeschnitten zu sein. Es könnte alles Mögliche passieren und sie könnte niemanden erreichen. Sie schüttelt den Kopf. Jetzt reiß dich mal zusammen, Stella, es wird schon nichts passieren. Sie steckt das Handy wieder in die Tasche und steigt nach oben, um ihren Mantel zu holen.

Draußen hat der Regen beinahe gänzlich aufgehört. Es ist zwar noch windig und die grauen Wolken wirken bedrohlich, doch sie hat beschlossen, ein wenig auf Erkundungstour zu gehen. Der Hof ist riesig und bisher kennt sie nur das Wohnhaus und eine der Scheunen.

Sie geht an der Scheune vorbei, in der Tom vorhin war, und überquert die Wiese. Ein frisch angelegter Kiesweg führt durchs Gras, gesäumt von Solarlampen, die ihn in regelmäßigen Abständen erhellen, und sie folgt ihm ein paar Minuten. Mit der aufgesetzten Kapuze über dem Kopf ist ihre periphere Sicht sehr eingeschränkt, deshalb richtet sie den Blick nach vorn auf die Gebäude, die sie für die umgebauten Ställe hält. Als sie näher kommt, erkennt sie ein Auto davor. Einige Türen stehen offen und ein Putzwagen lehnt draußen. Gail muss hier sein und die Zimmer auf Hochglanz bringen. Stella schlägt einen Bogen hinter den Stall, denn sie möchte auf keinen Fall gesehen werden. Für Geplauder ist sie gerade nicht in Stimmung. Dahinter steht ein weiteres Gebäude mit einer Glasfassade, an deren Scheibe sie ihr Gesicht presst. Es scheint ein kleines Spa mit Empfangstresen und Stapeln von Handtüchern und Bademänteln dahinter zu sein. Niemand ist zu sehen und als sie an der Tür rüttelt, stellt sie fest, dass sie verschlossen ist.

Hinter diesem Gebäudekomplex liegen noch mehr Felder, die sich bis zum Horizont aneinanderreihen. Sie fragt sich, ob das alles Alan gehört und ob er je darüber nachgedacht hat, einen Teil davon zu verkaufen.

Sie will sich gerade wieder zum Haus wenden, doch gerade in jenem Moment sieht sie es. Eine geschlossene Reihe dunkler Kiefern, wie ein Tor in den Wald. Ein ausgetretener Pfad führt direkt darauf zu und verliert sich zwischen den Stämmen.

Obwohl sie nichts weniger möchte, als dort hineinzugehen, geht sie einige Schritte darauf zu. Etwas zieht sie jedoch an und sie kann sich nicht dagegen wehren. Ehe sie begreift, was sie tut, steht sie direkt am Rand des Waldes. Der Wind fährt durch die Baumkronen, doch kurz hinter der Stelle, an der sie steht, herrscht Stille. Dunkelheit. Gefahr.

Ihr Puls hämmert in den Schläfen, ihr ganzer Körper zittert. Dann macht sie noch einen Schritt und die Bäume umschließen sie. Auf ihrer Brust liegt ein Druck, als würde sich ein Band darum legen und immer enger ziehen, bis ihr die Luft abgeschnürt ist. Trotzdem bleibt sie wie angewurzelt stehen und ihre Beine scheinen unfähig, sie von hier fortzutragen.

Ein Geräusch hinter ihr lässt sie zusammenfahren, sie schnappt nach Luft und stürzt zurück ins Freie. So schnell sie kann, jagt sie den Pfad über das Feld zurück zum Wohnhaus und hält erst an, als sie die Haustür erreicht, die sie aufreißt und hinter sich ins Schloss krachen lässt. Dann bleibt sie vornübergebeugt stehen, die Hände auf den Knien, und ringt nach Atem. Allmählich wird ihr Atem ruhiger und der Schwindel lässt nach. Sie richtet sich auf und …

„Alles in Ordnung mit dir?“

Sie fährt herum, die Augen weit aufgerissen. Tom steht dort und betrachtet sie mit neugierigem Blick.

Sie streicht sich verlegen die Haare aus dem Gesicht und zwingt sich zu einem Lächeln.

„Ja, alles gut, danke.“

Er runzelt die Stirn. „So siehst du aber nicht aus. Hat dich da draußen etwas erschreckt?“

Sie richtet sich auf. „Nein. Wie kommst du darauf?“

Tom zuckt mit den Schultern. „Ach, ich weiß nicht, vielleicht ist es der wilde Blick in deinen Augen oder die Tatsache, dass du offenbar hierher gerannt bist.“ Er wendet sich ab. „Schon gut, ich wollte dich nicht stören.“

„Entschuldigung!“, ruft sie und erschrickt über die Panik in ihrer eigenen Stimme. Sie ist zwar inzwischen weit von den Bäumen entfernt, doch das Gefühl des Ortes hängt ihr noch nach, und sie möchte jetzt auf keinen Fall allein sein.

Tom kommt wieder auf sie zu und bleibt dicht vor ihr stehen. Er mustert ihr Gesicht. Sie senkt den Blick.

„Lass dich von der Gegend nicht verrückt machen“, sagt er beschwichtigend. „So manches ist hier seltsam, doch im Grunde ist alles harmlos.“

„Klar“, sagt sie und lacht unsicher. „Ja, sicher. Ich hab nur …“ Sie deutet vage in Richtung Wald. „Dieser Wald hat mich ein bisschen fertiggemacht. Total albern. Normalerweise bin ich nicht so schreckhaft.“

Tom schüttelt den Kopf. „Ich würde mir deshalb keinen Kopf machen. Das passiert uns allen.“

Und dann, noch bevor sie fragen kann, was er damit meint, ist er durch die Tür in die Küche verschwunden.

Sie geht nach oben in ihr Zimmer, um sich hinzulegen.

Kapitel Vier

Am nächsten Morgen wacht Stella früh und erstaunlich munter auf. Die Vorhänge sind schwer, aber schlecht zugezogen. Unter dem Dach ist es kalt. Sie kriecht aus dem Bett und tritt ans Fenster. Von hier sieht sie die Vorderseite des Hauses, die Felder und die Landschaft dahinter, trotzdem ist sie immer noch der unheimlichen Baumreihe gewahr, die den Rand des Waldes markiert.

In der Nacht haben sie Albträume gequält, grelle Bilder von brennenden Autos und dunklen Gestalten, die zwischen dicht stehenden Bäumen hervorlugten. Mehrmals ist sie hochgeschreckt, mit einem dumpfen Grauen im Bauch und schweißnass am ganzen Körper. Trotzdem fühlt sie sich an diesem Morgen erstaunlich erholt, fast beschwingt, als wäre sie bereit für alles, was kommt.

Sie stellt sich unter die Dusche. Das uralte, ächzende System braucht eine halbe Ewigkeit, bis das Wasser warm wird. Als der heiße Strahl schließlich auf ihren Kopf prasselt, denkt sie an den vergangenen Abend zurück.

Alan war irgendwann doch noch aufgetaucht, woher auch immer, und hatte darauf bestanden, dass sie beim Abendessen Gesellschaft leistet.

„Sie gehören jetzt zur Familie. Hier macht keiner viel Aufhebens um Förmlichkeiten“, hatte er gesagt, als sie zögerte.

Am Ende saßen nur sie, Alan und Rhonda beim Essen. Von Tom keine Spur, während Miriam leise herein- und hinaushuschte und darauf achtete, dass es ihnen an nichts fehlte. Offenbar zählte er beim Thema Mahlzeiten nicht zur Familie. Für einen Bauernhof wirkte das Ganze merkwürdig feierlich. Wobei sie sich eingestand, dass dies im Grunde kein Bauernhof im klassischen Sinn war, sondern eher eine luxuriöse Jagdhütte mit Boutique-Hotel.

Das Essen war großartig. Brathähnchen mit den köstlichsten Röstkartoffeln und einer Auswahl an Gemüse, danach ein hausgemachtes Sorbet. So gut hatte sie seit Jahren nicht mehr gespeist. Während sie ordentlich zulangte, fiel ihr auf, dass Rhonda ihr Essen kaum anrührte. Sie stocherte lediglich wie ein Spatz darin herum. Kein Wunder, dass sie so zierlich war.

Beim Essen berichtete Alan ihr etwas ausführlicher, was sie auf dem Hof eigentlich machten. Er sprach viel darüber, wie sehr die Leute ihn schätzten und bewunderten. Und darüber, dass er sich sicher war, jemand aus seinem näheren Umfeld habe ihm eine Falle gestellt.

„Es muss natürlich jemand vom Hof sein. Die Person muss mir nahestehen und meine Abläufe kennen“, räsonierte er und schob sich die nächste Gabel Hähnchen in den Mund.

„Haben Sie jemanden Bestimmten im Verdacht?“, fragte Stella.

Rhonda verdrehte die Augen. „Er verdächtigt alle, nicht wahr, Alan? Sogar mich.“

Stella entging der Blick nicht, den Alan Rhonda zuwarf, bevor er antwortete. Er gefiel ihr ganz und gar nicht.

„Ich habe so meine Theorien“, raunte er, nachdem er geschluckt hatte. „Nur ist es heikel, jemanden ohne Beweise zu beschuldigen. Genau die fehlen mir allerdings.“

„Und das ist es, wobei ich Ihnen helfen soll? Ich glaube nicht …“

„Nein, ganz bestimmt nicht“, fiel Rhonda ihr ins Wort. Ihre Finger umschlossen fest den Weinkelch. „Was wir von Ihnen brauchen, ist ein Weg nach vorn. Wir sollten nicht ständig in der Vergangenheit herumstochern.“

„Ja, natürlich“, entgegnete Alan. „Aber ich kann kein Personal behalten, dem ich nicht traue. Ich habe es schon oft gesagt. Vielleicht sollte ich sie alle rausschmeißen und noch einmal von vorn anfangen.“

Rhonda schüttelte den Kopf. „Es ist keiner von hier, da bin ich mir sicher“, beharrte sie. Stella fragte sich, woher diese Gewissheit kam.

„Mir fallen auf Anhieb einige Möglichkeiten ein, wie Sie wieder positive Presse bekommen könnten“, sagte Stella.

„Großartig.“ Rhonda trank einen Schluck Wein. „Genießen wir heute einfach unser Essen. Morgen früh können Sie alles in Ruhe mit Alan besprechen.“

Damit war das Thema erledigt. Der Rest des Abends verlief recht angenehm. Stella bemerkte keine weiteren Anzeichen der Spannung zwischen den beiden.

Sie hoffte nur, dass es Rhonda später gut gehen würde, wenn sie mit Alan allein war. Gleichzeitig hatte sie den Eindruck, dass diese Frau sehr wohl wusste, wie sie auf sich aufzupassen hatte, trotz ihres zerbrechlichen Aussehens.

* * *

Nachdem sie geduscht hat, zieht Stella sich schnell an und geht nach unten. Aus dem Speisezimmer dringt das Klirren von Besteck, doch sie hat sich vor dem Frühstück noch etwas vorgenommen. Sie schlüpft zur Haustür hinaus und läuft hinüber zur Scheune. Sie will Tom heute Morgen noch abpassen, bevor sie sich mit Alan zusammensetzt und mit ihm die, wie er es genannt hat, „Gegenoffensive“ gegen die schlechte Presse plant.

Es ist kalt heute, doch die Sonne scheint und der Himmel hat ein milchiges Blau. Stella spürt, wie sich ihre Stimmung aufhellt. Sie erinnert sich an das Gefühl drohenden Unheils von gestern, als sie am Waldrand stand, und schüttelt über sich selbst den Kopf. Sie muss müde gewesen sein und den Druck des Tages zu nah an sich herangelassen haben. Sie zieht die Strickjacke fester um sich und tritt in den Stall.

Hier ist niemand, was sie kurzfristig enttäuscht. Sie geht weiter hinein, passiert die Heuballen, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und steuert auf den Bereich zu, in dem die Äxte geworfen werden. Sie schaut sich um, doch es liegen keine Äxte herum. Das ist im Grunde beruhigend, auch wenn sie gern einmal ausprobiert hätte, wie sich das anfühlt. Sie biegt in den Teil des Stalls ein, den sie neulich nicht gesehen hat, und bemerkt in einer Ecke eine Art provisorisches Büro sowie einen riesigen Schrank. Sie geht hinüber und versucht, die Tür zu öffnen, doch sie ist verschlossen. Als sie sich dem Büro zuwendet, bleibt sie stehen. Tom steht im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtet sie.

„Suchst du was?“ Seine Stimme klingt dunkel.

„Nein, entschuldige“, sagt sie und stolpert fast über die Worte. „Ich war nur neugierig.“

Er nickt. „Schon gut. Am besten bleibst du da trotzdem weg. Der Schrank ist voller Gewehre“, sagt er. „Wir müssen sie ordentlich verwahren, sonst verlieren wir unsere Lizenz.“

Stella spürt, wie es ihr kalt den Rücken hinunterläuft. Sie hat noch nie ein Gewehr in der Hand gehabt. Wenn sie darüber nachdenkt, hat sie noch nie eines in echt gesehen, nur im Fernsehen.

„Wie viele sind da drin?“, fragt sie und deutet mit dem Kopf auf den riesigen Schrank, der vom Boden bis zur Decke ragt.

„Ungefähr zwanzig. Ein paar verschiedene Modelle, aber die meisten sind Schrotflinten. Für die Jagdgesellschaften eben.“

Stella blickt wieder zu dem Schrank. Zwanzig Gewehre. Das schreit doch nach Ärger.

„Sind die geladen?“, fragt sie und blickt nun wieder zu Tom.

Er schüttelt den Kopf. „Die meisten nicht. Ein paar lassen wir mit Munition drin, damit Alan sie nehmen kann, wann immer er will. Er ist ziemlich impulsiv und hat selten die Geduld, sie erst in Ruhe zu laden.“

„Schon klar.“

Tom stößt sich vom Türrahmen ab. „Ich kann sie dir zeigen, wenn du willst.“

„Oh, ich …“, setzt sie an. Sie wollte gerade abwinken, aber in Wahrheit ist sie neugierig. Sie würde wirklich gern einmal ein Gewehr in echt sehen.

„Kein Problem. Solange ich dabei bin, ist es völlig sicher. Ich gehe davon aus, du hast nicht vor, jemandem den Kopf wegzublasen.“ Er lächelt, als er an ihr vorbeigeht und zu dem Schrank hinüberläuft. Stella wartet, während er das Schloss öffnet. Als die Türen aufschwingen, klappt ihr vor Staunen der Mund auf.

An der Rückwand und an den Türen hängen riesige Schrotflinten. Darunter sind kleinere Waffen aufgereiht, die sie für Pistolen oder etwas Ähnliches hält.

„Willst du eine in die Hand nehmen?“

Sie zögert. Eigentlich möchte sie, doch allein der Gedanke fühlt sich seltsam an, wie die Berührung eines toten Körpers. Sie streckt die Hand aus, nimmt die Schrotflinte, die Tom von der Halterung gelöst hat, und schließt die Finger darum. Das Metall liegt kalt auf ihrer Haut und sie zieht die Waffe näher zu sich heran.

„Die hier geben wir Leuten, die noch nie geschossen haben“, sagt Tom. „Sie sind leicht, liegen gut in der Hand und lösen sich nicht so schnell versehentlich aus. Unfälle können wir uns nicht leisten, das wäre schlecht fürs Geschäft.“ Er grinst, sie lächelt zurück. „Wobei“, fügt er mit einem dunklen Unterton hinzu, „Alan gibt sich größte Mühe, seinen Laden eigenhändig an die Wand zu fahren. Dabei braucht er wirklich keine Hilfe.“

„Stimmt“, sagt sie und wiegt das Gewehr in den Armen wie ein Baby. Sie hebt den Blick zu Tom. „Apropos: Was weißt du über das, was hier in letzter Zeit vorgefallen ist?“

Toms Miene verändert sich schlagartig; sie verfinstert sich, als zöge eine Wolke vor die Sonne. Er wendet sich wieder dem Waffenschrank zu und beginnt, an etwas herumzufummeln. Seine Schultern wirken plötzlich wie erstarrt.

„Nur das, was in der Zeitung stand“, meint er. Seine Stimme klingt gedämpft.

Sie muss vorsichtig sein. „Du wusstest also nichts von Dachshetzen oder der Untreue, bevor es in den Nachrichten war? Kein bisschen?“

Er fährt plötzlich zu ihr herum. „Deswegen bist du hier?“

„Wie meinst du das?“

„Du sagst, du bist hier, um ein bisschen PR zu machen und Alans Ruf aufzupolieren und so. Bist du in Wahrheit hier, um uns alle unter die Lupe zu nehmen? Denkt Alan, einer von uns steckt dahinter?“

„Nein, ich …“

„Denn eins sage ich dir: Das hier ist ganz sicher keine Falle. Das hat sich schon lange angebahnt, wenn du mich fragst. Er gibt den Netten, den Freundlichen, den Großzügigen, aber in dem Mann steckt eine dunkle Seite und das meiste, was er tut, dreht sich um Geld oder Sex. Er hat das nur verdammt gut verborgen. Bis jetzt.“

Nach Toms Ausbruch breitet sich eine erdrückende Stille im Raum aus. Er wirkt außer Atem, als hätte es ihn Kraft gekostet, die Worte herauszupressen. Er starrt stumm zu Boden.

Stella räuspert sich. „Ich glaube nicht, dass das irgendetwas mit dir zu tun hat, Tom“, sagt sie. „Ich meine … ich will nur wissen, worauf ich mich hier einlasse. Wenn ich Alan helfen und das Unternehmen retten soll, dann muss ich doch genau wissen, womit ich es zu tun habe, oder?“

Tom schweigt vorerst, dann fragt sich Stella, ob sie ihm das Gewehr einfach zurückgeben und gehen sollte. Schließlich hebt er den Kopf und sieht sie an.

„Tut mir leid, ich weiß, du machst nur deinen Job. Es ist nur so, in so einer Situation fühlt man sich ausgeliefert, oder? Ich bin schon lange hier und ich kann es mir nicht leisten, diese Stelle zu verlieren. Also muss das Unternehmen gerettet werden, aber ich muss auch sicher sein, dass Alan mir vertraut. Sonst war es das für mich.“

„Schon gut. Ich verstehe dich.“ Das Gewehr wird schwer in ihren Händen und sie rückt es ein Stück zurecht. „Alan traut im Moment niemandem so richtig. Trotzdem bin ich sicher, tief drinnen weiß er, dass hier keiner dahintersteckt, am allerwenigsten du. Er würde dir doch nicht das hier alles anvertrauen, wenn er wirklich glauben würde, dass es da etwas zu befürchten gäbe, oder?“

„Vermutlich nicht.“ Tom blickt wieder hoch. „Aber eins sage ich dir: Wenn er mich auch nur schief ansieht, bin ich weg. Ich arbeite nicht für jemanden, der mir misstraut, ganz egal, wie sehr ich diesen Job brauche.“

Stella will gerade antworten, als draußen ein ohrenbetäubender Knall ertönt. Beide erstarren. Dann schreit jemand und Tom reißt sich los und rennt aus der Scheune. Stella weiß, sie sollte ihm hinterher, aber die Gelegenheit ist zu gut für ein bisschen Schnüffelei. Es wäre geradezu fahrlässig, jetzt nicht wenigstens einen kurzen Blick zu riskieren. Tom hat alles offengelassen, die Bürotür, den Waffenschrank. Sie stellt das Gewehr rasch und vorsichtig wieder ins Regal des Schranks und eilt zu der Tür, durch die Tom verschwunden ist. Von der anderen Seite des Hauses her hört sie Stimmen, aber zu sehen ist niemand.

Sie dreht sich wieder um und hastet ins Büro, reißt Schubladen auf, wühlt in den Papieren auf dem Schreibtisch. Sie weiß nicht genau, wonach sie sucht, hofft aber, dass sie es erkennt, wenn sie es sieht.

In einer Ecke liegt ein Stapel Zeitungen, sie blättert sie durch, findet aber nichts Brauchbares. In der anderen Ecke steht ein Computer, ein uralter Apple Mac, der Bildschirm ist schwarz. Sie wirft einen Blick zur Tür. Wenn Tom sie hier erwischt, ist sie geliefert, er wird ihr nie wieder trauen. Dann rüttelt sie an der Maus, bis der Bildschirm aufleuchtet. Eine Tabelle ist geöffnet, links eine Spalte mit Namen, rechts eine mit Adressen. Es sieht aus wie eine Liste von Leuten, die ein Wochenendangebot gebucht haben. Für den Fall, dass es doch etwas anderes ist, zieht sie ihr Handy aus der Tasche und macht ein Foto. Sie wagt es nicht, das Programm zu schließen und weiterzusuchen, denn Tom könnte jeden Moment zurückkommen.

Sie schlüpft durch die Tür und zurück zum Waffenschrank. Das Gewehr, das sie eben weggelegt hat, liegt noch an seinem Platz, zum Glück. Doch ein anderes zieht ihren Blick auf sich. Es ist schwarz und glänzend und hat einen leuchtend roten Griff. Sie kennt sich überhaupt nicht mit Waffen aus, aber für ihr ungeschultes Auge wirkt es teuer. Sie fährt mit den Fingern über das kühle Metall und schließt ihre Hand um den Griff. Bisher konnte sie nie verstehen, was Menschen an Waffen finden. Für sie waren sie immer nur zum Töten da, und sie bringt es nicht einmal übers Herz, eine Spinne in ihrer Wohnung zu erschlagen. Sie hebt sie immer vorsichtig auf und setzt sie draußen aus. Jetzt, vor dieser beeindruckenden Sammlung, beginnt sie zu begreifen, warum andere daran Gefallen finden. Es sind erstaunliche Maschinen, mit größter Sorgfalt gefertigt, wunderschön in ihrer Form, mit harten Kanten und weichen Bögen.

Es ist eigentlich unfassbar, wie viel handwerkliches Können in etwas steckt, das im Kern nichts anderes ist als eine Tötungsmaschine.

Sie merkt, wie ihre Hand nach dem schwarzen Gewehr greift und es vom Regal hebt. Es ist schwerer als das vorherige und sie wiegt es in den Händen. Dann hebt sie es an, legt es an die Schulter und blickt am Lauf entlang. Sie dreht sich und nimmt einen der Strohballen auf der anderen Seite der Scheune ins Visier. In Gedanken krümmt sie den Finger am Abzug. Peng!

Ein schepperndes Geräusch reißt sie aus ihrem Tagtraum. Sie fährt herum und rechnet damit, Tom auf sich zustürmen zu sehen, doch da ist niemand, nur ein Eimer, der umgekippt ist und im Luftzug hin und her rollt.

Ihr Herz hämmert jetzt, und sie dreht sich um, um das Gewehr wieder in den Schrank zu stellen. Das andere stellt sie ebenfalls zurück an seinen Platz. Sie will sich gerade abwenden, als ihr Blick an einer der Pistolen hängen bleibt, oder ist es ein Revolver? Sie hat keine Ahnung, worin der Unterschied liegt. Sie sind so winzig, dass sie sich kaum vorstellen kann, wie sie einem Menschen in weniger als einer Sekunde das Leben nehmen. Bisher hat sie so etwas nur im Fernsehen gesehen, in Gangsterfilmen, in denen sie im Hosenbund stecken und ohne Vorwarnung hervorschnellen. Wahnsinn, welche Macht man mit so einem Teil in der Tasche hätte, niemand würde je etwas ahnen. Sie schaut über die Schulter, nimmt eine der Waffen und betrachtet sie: das glatte Schwarz des Laufs, der geschwungene Griff, in den sich ihre Finger anmutig schmiegen. Sie drückt hier und da auf etwas, achtet aber peinlich darauf, den Abzug nicht zu berühren. Dann streckt sie die Waffe vor sich aus, die Arme durchgestreckt, die Füße schulterbreit aufgestellt, als wäre sie eine Polizistin, die auf einen Verdächtigen wartet. Sie kneift ein Auge zu und nimmt die Strohballen wieder ins Visier, stellt sich vor, es wäre ein Gesicht, und dann, Knall!

Alles geht so schnell, dass sie einen Moment braucht, um zu begreifen, dass sich tatsächlich ein Schuss gelöst hat. Sie bleibt wie angewurzelt stehen, in derselben Haltung, die Arme noch immer nach vorn gestreckt, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Dann zerreißt ein weiterer Schrei die Luft, und die Hölle bricht los.