Kapitel 1
Shavasana, die Endentspannung, ist für mich der schönste und zugleich heilsamste Teil einer Yogaeinheit.
Es ist der Moment, in dem der Körper das Geübte aufsaugt wie ein trockener Schwamm die ersten Tropfen Wasser. Alles, was in Bewegung war, findet den Weg zurück in die Ruhe.
Die Wärme der Muskeln klingt nach wie ein Kaminfeuer, das noch glimmt, nachdem die Flammen längst erloschen sind. Der Atem wird gleichmäßig, erfüllt den Raum wie eine unsichtbare Welle, die sanft abebbt. Acht Matten im Studio, acht Herzen, die schlagen – jedes in seinem eigenen Rhythmus und doch wie ein Chor aus leisen Trommeln.
In dieser letzten Asana dürfen meine Schüler loslassen, schwer werden und währenddessen diese paradoxe Leichtigkeit spüren, wie ein Sinken und Schweben zugleich.
Atmen. Leben. Sein.
Einfach magisch.
Nur heute, das spüre ich in einer namenlosen Unruhe, will das Schicksal meine Yogastunde anders enden lassen.
„Atme tief ein. Spüre die Pause. Fülle deine Lunge. Atme aus. Genieße die Atemleere.“
Meine Stimme gleitet durch den Raum, gleichmäßig wie die Musik, die mit weichen Klängen die Stille untermalt.
Der süßlich-warme Duft von Sandelholz hängt noch in der Luft. Er erinnert an den Anfang der Stunde, an den Moment, in dem wir unsere Intention gesetzt haben: das Leben umarmen. Ich liebe das Leben und das Leben liebt mich.
Ein Satz, der nachträglich wie aus einer anderen Welt klingt.
Das Licht ist sanft – nicht zu hell, nicht zu dunkel. Durch die halb geöffneten Vorhänge sickert der goldene Schein des Sonnenuntergangs herein, malt Muster auf das Parkett, legt warmes Orange über die Matten und lässt die geschlossenen Lider meiner Schüler leuchten.
Draußen rauscht die Landstraße, ein Motorrad knattert vorbei, irgendwo bellt ein Hund. Drinnen herrscht eine Stille, die selbst die Unruhigsten trägt. Acht Körper, zugedeckt mit flauschigen Decken, die nach Baumwolle und einem Hauch Lavendel riechen. Nur das Heben und Senken ihrer Brustkörbe hält den Raum lebendig.
Der Duft der Ölmischung auf meinen Händen – Lavendel, Bergamotte, Vanille – liegt wie ein stilles Versprechen über allem.
Barfuß gehe ich zwischen den Matten umher. Mein Schritt ist so weich, dass selbst das alte Parkett nicht knarrt. Ich richte ein Kissen, ziehe eine Decke höher, streiche eine Haarsträhne beiseite. Währenddessen atme ich tiefer. Nicht nur, um präsent zu sein, vielmehr, weil es mich erdet, mich daran erinnert, dass ich Teil dieses Kreises bin und nicht nur die, die ihn leitet.
Ich halte inne.
Eine Gänsehaut breitet sich vom Nacken über meinen Rücken aus. Ohne ersichtlichen Grund. Der Raum fühlt sich verändert an, dichter, als würde er für einen Moment selbst den Atem anhalten.
Etwas fehlt.
Mein Blick wandert langsam über die Gesichter meiner Schülerinnen und Schüler, prüfend, auf der Suche nach unsichtbaren Mustern.
Ich erkenne es nicht an einer Bewegung, sondern an der Abwesenheit davon.
Der Atem.
Ein kaum sichtbarer Riss im Rhythmus reicht aus, um die Harmonie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Stille wirkt plötzlich lauter. Mein Herzschlag beschleunigt sich, die feinen Härchen an meinen Armen richten sich auf. Ich kenne dieses Schweigen. Aber heute hat es einen anderen Klang – schärfer, fast bedrohlich.
Da.
Ganz hinten, in der zweiten Reihe von rechts, entdecke ich ihn.
Richard Kossmann. Er liegt reglos auf seiner Matte.
Die Hände flach auf seinem Bauch, die Lippen leicht geöffnet. Doch seine Brust hebt sich nicht. Keine Bewegung.
„Richard?“
Meine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. Ein lauterer Ton würde den Moment zerreißen.
Keine Reaktion.
Meine Gedanken kreisen auf der Suche nach einer Ursache.
Vielleicht ist er eingeschlafen? Nicht ungewöhnlich nach einer intensiven Yogaeinheit wie heute. Aber diese Ruhe trägt einen anderen Ton. Eine Härte. Ein Fehlen.
Etwas in mir rebelliert.
Instinktiv knie ich mich neben ihn, lege zwei Finger an seinen Hals.
Nichts. Kein Puls.
Die Schulter unter meiner Hand ist schwer. Leblos. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Dann zwinge ich meine Stimme ins Außen.
„Alle bitte langsam aufsetzen.“
Meine Worte klingen ruhiger, auch wenn ich mich nicht danach fühle. Einige Schüler murmeln verschlafen, andere reiben sich die Augen und schieben die Decken von sich.
„Lisa, ruf bitte die Rettung.“
Mein Ton wird fester. Als sie zögert, bricht meine Fassade.
„Mach schon.“
Die Stille zerspringt.
Getuschel. Hastige Bewegungen. Eine Wasserflasche rollt klappernd über den Boden. Eben noch hing die Entspannung wie ein seidener Faden im Raum. Jetzt ist er zerrissen.
Ich beginne mit der Herzdruckmassage. Zähle im Kopf. Drücke. Beatme. Wieder drücken. Meine Arme brennen, mein Kopf schwankt zwischen Hitze und Kälte. Der Raum schrumpft, die Luft wird dick.
Ein Geruch steigt mir in die Nase. Kein Sandelholz.
Bitter. Alt. Krautig. Ein stechender Unterton von Alkohol mischt sich in den Duft.
Er setzt sich wie ein Film auf meine Zunge. Ein schales Brennen. Übelkeit steigt in mir auf.
„Bitte … jemand muss übernehmen.“
Meine Stimme ist heiser, brüchig. Ein junger Mann kniet sich neben Richard und übernimmt die Kompressionen. Ich sinke zurück auf meine Fersen, vertiefe meine Atmung und spüre den kalten Schweiß im Nacken.
Draußen prasselt der Regen gegen die Fenster. Es kommt mir vor wie ein Versuch, den Raum von außen wachzurütteln. Mein Blick bleibt an Richards Gesicht hängen. Vollkommen friedlich. So friedlich, dass es grotesk wirkt.
Und in mir wächst ein Gedanke, schwer wie ein Stein:
Das hier ist kein Einschlafen in Shavasana.
Heute hat das Leben uns nicht umarmt.
Es hat losgelassen.
Kapitel 2
Schon von Weitem höre ich die Sirene. Ein auf- und abschwellendes Heulen, das sich durch das enge Ortszentrum windet und sich in den feuchten Abend senkt.
Für einen Herzschlag lang hält Auernfeld den Atem an. Dann spürt man es im ganzen Ort: Hier stimmt etwas nicht.
Das Geräusch schneidet durch die Nachtluft, schrill und unüberhörbar. Jeder Ton jagt mir eine Gänsehaut über die Arme.
Im Studio wechseln wir uns weiter mit der Wiederbelebung ab. Die Zeit zieht sich. Schwer und zäh.
Der Raum wirkt geteilt.
In der einen Ecke herrscht Bewegung: hastige Hände, kurze Anweisungen, das rhythmische Drücken der Wiederbelebung, Unglauben in schnellen Blicken.
In der anderen Ecke sammeln sich die Reglosen. Sie sitzen wie erstarrt auf ihren Matten, ziehen die Knie an den Körper oder wechseln unruhig die Position. Die Stille ist kaum auszuhalten. Ein gedämpftes Schluchzen. Einer starrt unablässig auf einen Punkt am Boden, als könnte er die Realität dadurch auf Abstand halten.
Das Studio riecht noch nach warmem Sandelholz. Doch darunter liegt etwas anderes. Ein bitter-stechender Unterton, fremd und fehl am Platz. Der Geruch trifft mich wie ein kurzer Stich in die Kehle. Mein Atem stockt.
Endlich fliegt die Tür auf. Zwei Sanitäter stürmen herein, schwer keuchend, aber mit diesem Blick, den nur Menschen haben, die wissen, wie man eine Katastrophe handhabt.
Ihre Bewegungen sind schnell und präzise. Kein überflüssiger Schritt, keine Frage, kein Zögern.
Einer kniet sofort neben Richard nieder. Seine Hände kontrollieren den Puls und die Atmung mit einer Routine, die mir für einen Moment Hoffnung schenkt.
Der andere übernimmt die Herzdruckmassage, so kraftvoll, dass Richards Brust tief nachgibt.
Das Piepen des Defibrillators zerreißt die Stille, während die Elektroden aufgeklebt werden.
„Zurücktreten“, sagt der Größere der beiden. Die Stimme hart und klar, beinahe schneidend. Er wirkt selbstbewusst und reißt das Kommando sofort an sich.
Ein Schlag. Ein darauffolgendes Zucken des Körpers.
Dann wieder dieses kalte, monotone Piepen.
Mein Herz hämmert. Meine Hände zittern vom Adrenalin, das heiß und scharf durch meine Adern schießt. Die Luft riecht nach Schweiß, Metall und etwas, das ich nicht einordnen kann.
„Noch einmal laden.“
„Zurücktreten.“
„Schock abgeben.“
Zwischen diesen Befehlen liegt ein Abgrund aus Hoffnung und Angst.
Die Minuten dehnen sich zu einer Ewigkeit. Niemand wagt, sich zu bewegen.
Dann ein kaum merkliches Kopfschütteln.
Der Sanitäter sieht mich an. Ein Blick genügt.
Ich weiß die Antwort, bevor er sie ausspricht.
„Es tut uns leid.“
Leise. Endgültig.
Der Raum verstummt. Nicht in der wohltuenden Stille von Shavasana, sondern in einer bleiernen, erdrückenden. Eine Stille, die alles verschluckt.
Es ist faszinierend, wie ähnlich die Reaktion einer so unterschiedlichen Gruppe ausfällt. Frauen und Männer, jung und älter, starren fassungslos ins Leere, ein Versuch, das Geschehene mit starrem Nichtblinzeln rückgängig zu machen. Als Richard vorsichtig auf die Trage gehoben wird, wuchten sich die Gedanken in mir nach oben: Wie konnte das passieren?
Habe ich etwas übersehen?
Etwas nicht gespürt? Nicht erkannt?
Ich gehe jede Berührung, jedes Wort, jeden Blick noch einmal durch. Suche fieberhaft nach einem Zeichen.
Nichts.
Nur dieser abrupte, brutale Stillstand.
Die Sanitäter bieten psychologische Unterstützung an. Niemand widerspricht.
Kurz darauf sind sie da: zwei Frauen, ein Mann. Ihre Stimmen weich und warm, unaufdringlich.
Sie reichen Wasser und Tee umher.
Stellen ein paar Fragen, die nicht zu groß sind.
Lenken den Atem und die Gedanken in ruhigere Bahnen.
Sie sprechen von Verarbeitung, möglichem Herzstillstand, Schockzuständen und nächsten Schritten. Worte, die wirken wie ein Geländer, das man halten kann, wenn alles schwankt.
Als die Schülerinnen und Schüler abgeholt oder heimgebracht werden, bleibe ich stehen, bis ich nichts mehr höre. Alles, was bleibt, ist mein eigener Atem.
Kurze Zeit später trete ich nach draußen.
Der Regen hat mich sofort durchnässt. Das Wasser rinnt mir den Hals hinab. Die Kälte setzt sich auf meine Haut, doch ich fühle sie kaum.
Ich spüre meine Füße fest auf dem Boden, aber innerlich stehe ich irgendwo anders.
Innen tobt ein Chaos.
Außen ist nichts als Leere.
Kapitel 3
Während ich die Studiotür aufschließe, trägt der Morgen noch die Müdigkeit der Nacht. Das Schloss hängt wie immer ein wenig. Normalerweise schenkt mir diese vertraute Geste ein leises Lächeln. Heute nicht.
Heute wirkt jeder Handgriff schwerer, als hätte die Luft plötzlich Gewicht angenommen.
Drinnen riecht es nach Holz und dem Rest der Sandelholzstäbchen von gestern. Ein Duft, der mich üblicherweise wärmt. Heute jedoch scheint er wie ein Schleier über dem Raum zu liegen, nah und doch unerreichbar.
Ich setze mich auf eine Matte. Um zu atmen. Ein. Aus. Präsenz finden.
Die Atmosphäre fühlt sich nicht friedlich an. Sie ist wachsam. Ich bin alt genug, um zu wissen, dass Ruhe nicht von selbst kommt – und jung genug, um mich trotzdem immer wieder darin zu verlieren. Also treffe ich die üblichen Vorbereitungen: Matten ausrollen, Decken falten, Kissen richten. Kleine Handgriffe, die mir sonst den Raum öffnen. Heute wirken sie mechanisch.
Das Morgenlicht fällt gedämpft durch das große Fenster. Draußen zieht ein Mann seinen Terrier vorbei. Der kleine Körper ist angespannt, die Ohren aufgestellt. Er bellt und zerrt an der Leine. Der Mann zupft ihn weiter, ohne den Blick zu heben.
Kurz darauf erscheint Anna. Im Versuch, niemanden zu stören: leise, fast schüchtern, obwohl außer der Stille niemand hier ist. Ein kurzes Nicken. Jedoch kein Wort.
Nach und nach füllt sich der Raum etwas. Gleichzeitig bleiben sonst genutzte Matten leer.
Jürgen tritt ein. Groß und kantig, mit Schritten, die schwer wirken. Er legt seine Matte ans Fenster, die dunklen Augen wach, ohne den Kontakt zu suchen.
Lisa folgt. Ihre Bewegungen sind tastend. Sie hängt die bunte Jacke auf, die Finger bleiben einen Moment länger am Stoff, auf der Suche nach Halt. Sie lässt sich auf ihrer Matte nieder, öffnet die Trinkflasche, setzt sie an und nimmt doch keinen Schluck.
Ein paar der heute wenig erschienenen Schüler murmeln Guten Morgen. Andere schweigen.
Die gewohnten Neckereien, die kleinen Scherze, die leichten Seufzer – heute bleiben sie aus. Zwischen uns steht etwas Unsichtbares.
Und doch sind sie gekommen. Zumindest ein paar von ihnen. Vielleicht, weil die Routine ein Seil ist, an dem man sich festhält, wenn alles andere ins Wanken gerät. Vielleicht brauche ich dieses Seil am allermeisten. Ich habe kurz überlegt, die Stunde abzusagen. Aber wenn ich diesen Raum schließe, bleibt nur die Leere.
Wir beginnen mit sanften Dehnungen im Sitzen. Meine Stimme klingt ruhig, beinahe automatisch. Doch die Reaktionen sind anders. Kein Lachen, kein erlöstes Seufzen. Nur eine Art von Pflicht.
Zwischen den Übungen schweift mein Blick durch das Studio.
Die meisten bewegen sich still und unauffällig durch die Haltungen, während drei der Schüler herausstechen.
Anna sitzt mit gefurchter Stirn da, die Augen geschlossen, aber der Körper angespannt wie ein gestrafftes Seil.
Lisas Finger öffnen und schließen sich unaufhörlich, als wolle sie etwas abstreifen, das an ihr haftet.
Jürgen hält jede Position exakt, fast überpräzise. Es wirkt wie ein Versuch, zu kontrollieren.
Von draußen dringt das ferne Klirren von Flaschen herein, dann fährt ein Auto vorbei. Danach tritt wieder Stille ein. Sie wirkt diesmal schwer und lauernd, in Erwartung auf Worte, die niemand je ausspricht.
Im herabschauenden Hund fällt mein Blick durch das Fenster. Eine Frau mit Einkaufskorb bleibt stehen, blickt herüber, vielleicht durch uns hindurch, und geht weiter.
Meine Gedanken driften ab. Ich hole sie über die Atmung zurück in den Moment. Ein. Aus.
Worte, die auf jede Bewegung gelegt sind, aber heute nicht tief reichen.
Im Krieger kürze ich die Haltung, ohne bewusst darüber nachzudenken. Stillstand fühlt sich gefährlich an, als könnte er uns zerbrechen.
Einmal kreuzt mein Blick den von Lisa. Doch er liegt nicht auf mir, sondern auf Jürgen. Für einen Moment trifft mich das, ohne Grund, frontal und unerwartet. Dann beugt Jürgen sich vor, wechselt die Haltung, und der Augenblick verrinnt wie Wasser zwischen den Fingern. Manchmal frage ich mich, ob ich mit Anfang dreißig bereits mehr im Leben stehen sollte, statt immer noch zu suchen – unsicher und unsichtbar.
Nach einer halben Stunde lasse ich den Blick in die Runde schweifen und frage:
„Wie geht’s euch heute?“
Ein paar nicken stumm.
Anna murmelt: „Geht schon.“ Mehr Pflicht als Gefühl.
Lisa presst die Lippen zusammen, neigt den Kopf hin und her. Es sieht aus wie der Versuch, Schatten abzuschütteln, die sich hartnäckig festsetzen wollen.
Wir beenden die Einheit mit einer verkürzten Endentspannung. Die Augen geschlossen, die Körper still. Aber niemand hier hat wirklich losgelassen. Auch ich nicht.
Als die Schüler gehen, bleibt Lisa einen Moment länger. Ich sehe, wie Worte in ihr hochsteigen, bis an die Lippen. Vielleicht eine Frage. Vielleicht ein Bekenntnis.
Doch dann greift sie nach ihrer Tasche, nickt knapp und verschwindet.
Der Raum ist wieder leer. Nur das Nachschwingen hängt noch in der Luft.
Ich bleibe auf meiner Matte sitzen und blicke durch das große Fenster. Der Morgen ist heller geworden, doch die Kälte der Nacht hängt noch in den Ecken.
Draußen nehme ich die Gesprächsfetzen zweier Passanten wahr. Nur ein paar Worte bleiben hängen.
„… gestern … komisch …“
Dann verstummen die Stimmen wieder.
Es fühlt sich an wie die Pause zwischen zwei Sätzen.
Und ich ahne: Der nächste wird alles verändern.