1
Es ist ja nur für ein paar Nächte, sagte sich Marjorie, nachdem sie das letzte Gästezimmer begutachtet hatte. Sie war froh, dass alles für die Gäste vorbereitet war.
Die Klingel läutete, aber nicht nur einmal, sondern andauernd. Nichts war ärgerlicher, als wenn jemand ständig klingelte, ohne den Bewohnern Zeit zum Öffnen zu geben.
Edna kann es nicht sein; ihr Zug kommt erst heute Mittag an und Horace hat versprochen, sie abzuholen.
Die Klingel verstummte kurz, läutete dann aber erneut, während Marjorie über die Galerie im ersten Stock ging. Sie stieg die Haupttreppe hinunter ins Erdgeschoss und stellte dabei fest, dass sogar das Treppengeländer poliert war. Ihre Haushälterin hatte hervorragende Arbeit geleistet.
„Ist ja gut, ich komme“, hörte Marjorie Jeremy sagen, bevor sie sah, wie er auf die Haustür zuging. „Wo ist denn deine Haushälterin?“, fragte er kurz angebunden, als sie die Treppe herunterkam.
Wenn sie nur das geringste bisschen Verstand hat, versteckt sie sich, dachte Marjorie, antwortete jedoch: „Sie ist damit beschäftigt, die Zimmer für deine Gäste vorzubereiten. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, mich dazu zu überreden, Jeremy. Es ist wirklich zu viel, und wenn all deine Geschäftspartner so ungeduldig sind wie der da draußen, kannst du eine andere Unterkunft suchen.“ Als es schon wieder klingelte, spürte Marjorie, wie Ärger in ihr hochstieg. Ihr Sohn hatte ihr versichert, dass die Gäste erst später eintreffen würden.
Jeremy schob ihren Protest mit einem Handschwenken beiseite und riss mit der anderen Hand die Tür so heftig auf, dass sie fast gegen die Wand geknallt wäre. Ein eisiger Windstoß fegte in den Flur und Jeremy hätte beinahe sein Gleichgewicht verloren.
„Ach, du bist es, Marcus“, sagte er.
Der Mann, der Marcus hieß, drückte noch einmal mit dem Zeigefinger auf die Klingel und sagte barsch: „Die Klingel funktioniert nicht. Ich stehe schon ewig hier.“
Ein weiteres lautes Ding-Dong, Ding-Dong hallte durch den Flur.
Marjorie, die hinter Jeremy stand, sah ihn finster an. „Wie Sie hören können, funktioniert die Klingel einwandfrei. Könnten Sie also bitte Ihren Finger herunternehmen?“, erwiderte sie.
„Nun, ich konnte sie von draußen nicht hören.“
Das ist, weil Klingeln im Haus zu hören sein sollen, dachte Marjorie.
„Darf ich dir meine Mutter vorstellen?“, sagte Jeremy, während er den Mann hereinließ und die Tür gegen den heftigen Wind draußen zudrückte.
Marjorie runzelte verwirrt die Stirn. Wer war dieser Marcus? Sie ging in Gedanken die Gästeliste durch, die sie sich eingeprägt hatte, aber ihr fiel niemand mit diesem Namen ein. Alle unsere Gästezimmer sind schon vergeben.
Jeremy nahm dem Mann seinen Mantel ab und hängte ihn an die Garderobe im Flur. Marcus war etwa ein Meter achtzig groß und trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug mit passender Krawatte. Sein schwarz gefärbtes Haar war in der Mitte gescheitelt und fiel ihm über die Augenbrauen.
„Mutter, das ist unser Chefunterhändler Marcus Singleton. Marcus, das ist meine Mutter, Lady Marjorie Snellthorpe.“ Chefunterhändler seit wann? Marjorie nahm die ausgestreckte Hand des Mannes entgegen und spürte seine langen, stämmigen Finger, die sich kalt anfühlten.
„Wie geht es Ihnen?“, erkundigte sie sich.
„Sehr gut, vielen Dank. Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Lady Snellthorpe.“ Obwohl sein Tonfall freundlich war, wandte er rasch den Blick ab und musterte begierig den Flur, was ihr ein unangenehmes Gefühl gab. „Wie vornehm! Es wird mir hier gefallen, Jeremy. Wollen wir uns mal umsehen?“
Marcus Singleton war erst vor ein paar Minuten hereingekommen und ging Marjorie schon jetzt auf die gereizten Nerven.
Jeremy räusperte sich. „Vielleicht möchtest du vorher etwas trinken.“
„Für mich ist es noch etwas zu früh am Tag“, erwiderte Mr Singleton.
„Im Wohnzimmer steht ein Tablett mit Tee und Kaffee bereit“, sagte Marjorie und verdrehte die Augen in Jeremys Richtung.
„Folg mir bitte.“ Marjories Sohn führte ihn zu der großen Eichentür hinter der Treppe. „Da geht es hinein“, sagte er und ließ Marcus vorausgehen.
„Sein Name steht nicht auf der Liste“, zischte Marjorie Jeremy zu, während sie ihm folgte.
Jeremy sprach laut genug, dass Marcus es hören konnte. „Marcus bleibt nicht über Nacht, Mutter. Er leitet jedoch die Geschäftsverhandlungen und wird daher mit dir und unseren Gästen an den Mahlzeiten und Ausflügen teilnehmen. Ich habe ihn gebeten, früher zu kommen, damit er sich einen Überblick über das Grundstück verschaffen und dafür sorgen kann, dass das Küchenpersonal gut vorbereitet ist.“
Marjories Laune wurde noch gereizter als ihre Nerven. Sie blieb wie angewurzelt stehen und wusste nicht, auf welche von Jeremys Offenbarungen sie zuerst eingehen sollte. Währenddessen schenkte sich Marcus Singleton Kaffee aus der Kanne ein.
Sie nahm Jeremy beiseite. „Es ist überflüssig, dass deine Freunde – oder, besser gesagt, deine Angestellten – mein Personal überprüfen. Vielen Dank.“
Jeremy senkte die Stimme. „Sie sind nicht dein Personal, Mutter. Du hast mir gesagt, dass du Extrahilfe brauchst, und deswegen habe ich für diese Woche eine Köchin und zusätzliche Helfer eingestellt. Ich hätte das Kochen auch auslagern können, aber du wolltest ja, dass das Essen hier zubereitet wird. Wenn du kein fremdes Personal wolltest, hättest du mich einen Caterer beauftragen lassen können.“
„Und riskieren, dass sich einer deiner Gäste eine Lebensmittelvergiftung zuzieht? Wenn die Mahlzeiten hier zubereitet werden, weiß ich wenigstens, wo das Essen herkommt. Das hier ist mein Haus und es sind meine Regeln, Jeremy. Aber wenn es dir nicht passt, hast du immer noch Zeit, dir eine Alternative zu suchen.“
Jeremy seufzte und legte ihr besänftigend die Hand auf die Schulter. „Es wird schon klappen, Mutter. Versprochen. Marcus will einfach nur die Leute kennenlernen, mehr nicht.“
„Wenn du meinst“, gab Marjorie nach. Sie hätte sich weigern sollen, als er sie dazu drängte, seine potenziellen neuen Lieferanten in der Woche vor Weihnachten zu beherbergen. Der Druck zehrte an ihren Nerven. Zufrieden über seinen Sieg ging Jeremy weg und goss sich einen Kaffee ein.
Wieder ertönte die nervige Türklingel. Ich brauche einen ruhigeren Klingelton, vielleicht sogar eine Melodie, dachte Marjorie. Sie steckte den Kopf in den Flur und sah Gina zur Tür gehen, daher schloss sie sich Jeremy und Marcus Singleton an. Letzterer begutachtete ihre Gemälde.
„Ist das ein Original?“ Marcus Singleton starrte auf ein Ölbild.
„Ja. Es ist von einem amerikanischen Künstler namens Thomas Kinkade. Er ist viel zu jung gestorben. Mögen Sie Kunst, Mr Singleton?“
„Sehr sogar. Ich habe selbst eine ansehnliche Sammlung.“ Marcus zeigte sich angetan und betrachtete die Signatur unten rechts.
Marjorie besaß mehrere Originalgemälde, von denen einige aus der Familie ihres verstorbenen Mannes stammten; andere hatte sie im Laufe der Jahre selbst erworben. Sie fragte sich, ob Marcus Singletons Interesse an Kunst nur vorgetäuscht war, fand es jedoch unhöflich, so etwas zu denken. Doch eines war sicher: Sie musste diesen Mann von Edna fernhalten. Bei ihm würde ihre Schwägerin wahrscheinlich ihre schlimmste Seite zeigen, da sie falsche Leute schon aus meilenweiter Entfernung erkannte.
Schon wieder urteilte sie über einen Menschen, den sie gerade erst kennengelernt hatte. Das verhieß für die restliche Woche nichts Gutes. Erneut machte sie sich Vorwürfe, weil sie zugesagt hatte, Jeremys Geschäftspartner in ihrem Haus unterzubringen.
Als die höfliche Konversation verstummt war, unterbrach Marjorie das Geschäftsgespräch der Männer. „Meine Freunde werden gleich hier sein. Soll ich Ihnen jetzt schon alles zeigen, Mr Singleton?“ Marjorie hoffte, dass das Klingeln vorhin an der Tür die Köchin gewesen war, die Gloria, ihre eigene Köchin, für die nächsten fünf Tage vertreten würde.
„Das wäre klasse“, sagte Marcus Singleton.
Marjorie hob fragend eine Augenbraue und sah ihren Sohn an, der nur mit den Schultern zuckte.
„Mögen Sie mir also folgen?“ Marjorie führte die Männer zurück in den Flur und begann die Führung in der Bibliothek, da diese dem Wohnzimmer am nächsten war.
„Wer liest denn all diese Bücher?“, fragte Mr Singleton schniefend.
„Mein verstorbener Mann war ein begeisterter Leser, Mr Singleton. Ich selbst lese auch gern ein gutes Buch, aber mit seiner Leidenschaft für Klassiker konnte ich nie mithalten.“
„Hmm.“ Mr Singleton schniefte erneut und musste niesen. „Gehen wir weiter?“
„Sie interessieren sich wohl weniger für Literatur als für Kunst?“ Marjorie war froh, dass dieser unhöfliche Mensch, der ihr von Minute zu Minute immer mehr auf die Nerven ging, nicht in ihrem Haus übernachten würde.
„Ich sehe keinen Sinn darin, Bücher zu behalten; zu viel Staub, wenn Sie mich fragen.“ Er nieste noch einmal wie zur Bestätigung seiner Bemerkung. „Gehen wir?“
„Natürlich“, sagte Jeremy. „Komm, Mutter, hier gibt es nichts zu sehen.“
Warum hofierte Jeremy solche Leute bloß? „Gerne.“
Marjorie holte tief Luft, bevor sie den spontanen Rundgang durch ihr Haus fortsetzte. Sie durchquerten die Empfangshalle, gingen am Wohnzimmer vorbei, wo sie Tee getrunken hatten, und begaben sich in die Mitte des Hauses.
„Dort drüben unter der Treppe ist eine Toilette und in einem Anbau neben der Küche befinden sich weitere praktische Räume.“ Sie deutete mit der Hand auf die Gästetoilette und ging an ihrem Arbeitszimmer vorbei, das sie in letzter Zeit hauptsächlich als Lesezimmer nutzte, ohne die Tür zu öffnen. Ein Sonnenstrahl fiel durch die verzierten Fenster über der Treppe. Marjorie blieb oft auf halber Treppe stehen, um den herrlichen Blick auf den Vorgarten zu genießen, aber sie hatte nicht die Absicht, Mr Singleton mehr als das Erdgeschoss zu zeigen. „Anscheinend hat es aufgehört zu regnen.“
Marjorie führte die beiden in den großen Speisesaal, in dem sie und Ralph früher seine Geschäftsgäste bewirtet hatten. Der frisch polierte Mahagoni-Esstisch ließ sich fast über die gesamte Länge des Raumes ausziehen. Das Personal würde ihn für das Abendessen decken, aber es würde nicht nötig sein, ihn auszuziehen. Marjorie nahm ihre Mahlzeiten nur selten in diesem Raum ein, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen, ihn umzugestalten. Der Speisesaal war einer der Gründe gewesen, warum sie und ihr verstorbener Mann Ralph das Haus gekauft hatten, da er sich so gut für Empfänge eignete.
Die Schiebetüren, die vom Raum abgingen, waren geschlossen. Als Jeremy eine davon aufschob, blickten sie auf das geräumigere und formellere Wohnzimmer mit Sofas und Stühlen, die um einen großen offenen Kamin angeordnet waren, und weiteren Sitzgelegenheiten. Auch dieses Zimmer hatte Ralph häufig für Wohltätigkeitsbälle oder Geschäftstreffen genutzt.
Marcus Singleton marschierte mit erhobener Nase durch den Raum, glücklicherweise ohne zu schniefen oder zu niesen. „Dieser Raum eignet sich gut, Jeremy. Wir können getrennte Gespräche führen. Dazu brauchen wir nur ein paar Möbel umzustellen …“
Marjorie spannte die Kiefermuskeln an, schwieg jedoch.
„… aber ja doch“, fuhr er großspurig fort, „hier werden wir den Großteil unserer Verhandlungen durchführen.“
Jeremy räusperte sich und wich dem Blick seiner Mutter aus. „Ich bin sicher, dass wir das hinbekommen.“
„Meine Herren, ich lasse Sie jetzt mit Ihren Plänen alleine.“ Marjorie schürzte die Lippen und ging zur Tür.
„Ich muss noch das Dienstpersonal kennenlernen“, rief Mr Singleton ihr nach.
Marjorie zwang sich zu einem Lächeln und nickte. Sie öffnete eine weitere Tür im großen Wohnzimmer, die zurück auf den Flur führte.
„Kommen Sie bitte mit. Ich stelle Ihnen meine Haushälterin und meine Köchin vor, obwohl Letztere heute in den Urlaub fährt.“ Marjorie seufzte, als ihr wieder einmal klar wurde, wie lästig Jeremys Wunsch, seine Gäste zu beherbergen, war. „Sie besucht ihre Verwandten über die Weihnachtsfeiertage.“
Marcus Singleton blieb abrupt stehen und sah Jeremy finster an.
„Aber du hast doch eine Vertretung, Mutter“, sagte Jeremy in scharfem Ton. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen; die Aushilfsköchin bringt die besten Empfehlungen mit. Ich habe sie selbst ausgesucht.“
Ohne die Frau überhaupt gesehen zu haben. Marjorie hoffte, das nicht laut gesagt zu haben. „Ich habe vorhin die Türklingel gehört, also nehme ich an, dass sie schon da ist“, sagte sie stattdessen. „Die Bediensteten werden sehr beschäftigt sein, Mr Singleton, also halten Sie sie bitte nicht zu lange auf.“
„Ich habe keine Klingel gehört“, stöhnte Jeremy und warf seiner Mutter einen besorgten Blick zu. Was hatte dieser Singleton für eine Macht über ihren Sohn? Mit jedem Schritt in Richtung Küche wurde Marjorie nervöser.
Die Tür schwang auf.
„Ah, Mrs Ratton, es freut mich, dass wir –“
Marjorie kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Sie sah, wie ihre Haushälterin die Augen weit aufriss, kurz bevor sie das Klirren von zerbrochenem Geschirr hörte, als das Tablett, das Gina Ratton in der Hand gehalten hatte, auf den Boden fiel. „Ich … ich … ich hole etwas zum Aufwischen.“
Marjorie hatte ihre Haushälterin, die normalerweise ruhig und effizient war, noch nie so nervös erlebt. Sie versuchte, Mrs Ratton beruhigend anzulächeln, doch die Haushälterin huschte eilig zurück in die Küche.
„Was ist denn mit der los?“, fragte Jeremy aufgebracht und wischte sich ein paar Tropfen Tee von der Hose. Dann wandte er sich an Marcus Singleton. Mit hervorquellenden Augen starrte Mr Singleton auf die Küchentür. Sein Gesicht war hochrot und eine Ader pochte sichtbar in seiner Schläfe. „Das tut mir leid, Marcus. Vielleicht sollten wir die Bediensteten später kennenlernen.“
„Das ist eine gute Idee. Dann überlassen wir es Ihnen, sich um Ihr Personal zu kümmern, Lady Snellthorpe.“ Marcus Singleton drehte sich auf dem Absatz um und marschierte zurück ins Wohnzimmer, dicht gefolgt von Jeremy.
2
Gina stand am Spülbecken und umklammerte mit beiden Händen die Arbeitsplatte, während sie mit hängenden Schultern hinaus in Marjories Garten starrte. Marjorie betrat die Küche und legte ihrer Haushälterin sanft die Hand auf den Arm. Gina zuckte bei Marjories Berührung leicht zusammen.
„Alles in Ordnung, meine Liebe?“, fragte Marjorie behutsam.
„Es tut mir so leid, Mrs Snellthorpe“, sagte Gina mit krächzender Stimme. „Ich hätte nicht so ungeschickt sein dürfen.“ Sie rang die Hände, richtete sich dann aber auf. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie blinzelte sie weg. Ihre Wangen wirkten eingefallen und die wiederholten Worte „Es tut mir leid“ klangen wie ein Gurgeln in ihrer Kehle.
Dann rannte Gina in die Spülküche neben dem Anbau, riss die Tür auf und knallte sie hinter sich zu. Von innen drang lautes Klappern von Töpfen und Pfannen heraus. Im Haus wurde es immer unruhiger. Was war nur in ihre Haushälterin gefahren? Sie war nicht der Typ Frau, der sich so benahm. Kannte sie Marcus Singleton etwa? Oder war es der gleiche Stress, der sich auch in Marjorie aufgebaut hatte und der sie nun einholte? Sie hörte einen weiteren Schlag, der aus der Spülküche kam. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, der Sache auf den Grund zu gehen.
„Was ist denn da draußen los?“ Marjories Hausmädchen Elsa riss die Küchentür auf und blieb wie angewurzelt stehen. „Ach, Entschuldigung, Mrs Snellthorpe, ich habe Sie gar nicht gesehen.“
Aus der Spülküche drang erneutes Klappern. „Gina hat etwas fallen lassen. Ich glaube, sie ist deswegen aufgebracht. Könnten Sie ihr vielleicht zur Hand gehen?“
Elsa, die sie aufmerksam ansah, verbarg ihre Überraschung. „Sie hat alle Hände voll zu tun mit den vielen Gästen, die heute ankommen“, erklärte sie. „Wir alle.“
Das weiß ich doch, dachte Marjorie. „Ich werde es wiedergutmachen, versprochen“, sagte sie. „Wissen Sie, wo Gloria ist?“
„Sie zeigt der neuen Köchin gerade, wo alles ist.“
Marjorie bemerkte einen Hauch von Missbilligung im Tonfall ihres Hausmädchens. Keinem von ihnen – am wenigsten von allen Marjorie – gefiel der Gedanke, dass eine Fremde die Hausgäste bewirten würde, aber es ließ sich nicht ändern.
„Es ist nur für fünf Tage.“
„Aber …“ Elsa zögerte.
Marjorie spürte, dass sie sich immer weiter anspannte. „Aber was?“ Doch es blieb keine Zeit, auf die Antwort zu warten, denn es läutete erneut an der Tür. „Keine Sorge, ich gehe aufmachen. Wahrscheinlich sind das meine Freunde Horace und Frederick mit Edna. Die haben Sie ja schon kennengelernt, als sie hier zu Besuch war.“ Marjorie entging Elsas Grinsen nicht. „Horace war so freundlich, sie vom Bahnhof abzuholen. Es ist praktisch, dass beide über King’s Cross anreisen.“
Dann fügte Marjorie hinzu: „Könnten Sie frischen Tee und Kaffee ins Wohnzimmer bringen, wenn Sie einen Augenblick Zeit haben? Mein Sohn und sein Unterhändler haben die Getränke geleert, die Sie freundlicherweise für die Ankunft meiner Freunde bereitgestellt haben. Es ist nicht eilig.“ Als sich Marjorie zum Gehen wandte, kräuselte sie die Nase. „Hier unten riecht es so komisch –“
Aus der Spülküche ertönte erneut Getöse. Marjories Herz machte einen Satz.
„Keine Sorge, Lady Marjorie. Ich werde die Unordnung beseitigen und mich dann um Ihr Tablett kümmern. Gloria wird jeden Moment zurück sein.“
Marjorie zögerte, doch es blieb keine Zeit für etwas anderes, als die Tür zu öffnen. „Danke“, sagte sie und befürchtete, dass ihre Haushälterin womöglich nicht die Einzige war, die in den nächsten fünf Tagen die Nerven verlieren würde.
Als Marjorie die Haustür erreicht hatte, war sie froh, dass wer auch immer draußen stand, mehr Geduld hatte als Marcus Singleton. Vorsichtig öffnete sie die Tür, da sie nicht umgeweht werden wollte, doch der Wind, den Mr Singleton mitgebracht hatte, schien sich mittlerweile gelegt zu haben. Marjorie freute sich riesig, als Fredericks graue Augen ihr lächelnd von der zweiten Stufe aus zuzwinkerten.
„Wie schön, dich zu sehen“, sagte sie und fügte schnell hinzu: „Und die anderen natürlich auch.“
Horace lud das Gepäck aus seinem Auto, das auf der Kiesauffahrt vor dem Haus parkte, während Edna ihn beaufsichtigte.
„Vorsicht mit dem Koffer hier, da sind zerbrechliche Sachen drin.“
Marjorie grinste. Sogar Ednas forsche Art war in der kommenden Woche willkommen. Ihre Welt war wieder in Ordnung. Frederick blieb mit einer Reisetasche auf der Türschwelle stehen. „Schön, dich zu sehen, Marjorie. Danke für die Einladung.“ „Danke fürs Kommen. Ich hoffe, ich habe eure Weihnachtspläne nicht durcheinandergebracht.“
„Kein bisschen. Ich glaube, die Kinder waren erleichtert, mich nicht einladen zu müssen. Dafür können sie dieses Jahr die Schwiegereltern besuchen.“ Er lachte.
„Wo sind denn meine Manieren? Komm herein. Ich glaube, die beiden brauchen noch eine Weile.“ Edna und Horace schienen ein Privatgespräch zu führen und hatten es offensichtlich nicht eilig, sich zu ihnen zu gesellen.
Frederick zögerte. „Soll ich ihnen nicht helfen?“
„Anscheinend hat Horace doch alles im Griff.“
Die Heckklappe schloss sich mit einem Knall, als Frederick zögernd in den Flur trat. „Sind deine anderen Gäste schon da?“
Marjorie hatte vergessen, wie schlicht Frederick lebte und dass Reichtum ihn oft einschüchterte. „Nein. Im Moment ist nur mein Sohn hier, zusammen mit seinem Unterhändler oder so was. Die Geschäftsgäste kommen erst heute Nachmittag an. Ich fürchte, dann geht das Chaos erst richtig los.“ Sie brachte es nicht übers Herz, ihm zu gestehen, dass es schon begonnen hatte. „Ich weiß deine Unterstützung wirklich zu schätzen.“
Fredericks Wangen röteten sich.
„Hallo, Marge.“ Marjories Schwägerin zeigte keine solche Zurückhaltung. Edna Parkinton schlang die Arme um Marjorie, bevor diese zurückweichen konnte. Fast erdrückt von der Umarmung, schnappte sie nach Luft und riss sich los.
„Schön, dich zu sehen, Edna, und dich auch, Horace. Vielen Dank, dass ihr gekommen seid.“
Horace nahm Marjories Hand und küsste sie. „Wo ist denn das Chaos?“
„Das kommt noch. Ich wollte euch alle hier haben, bevor sie ankommen. So könnt ihr mir bei den Vorbereitungen helfen. Ich habe schon seit Jahren nicht mehr so viele Gäste bewirtet.“
„Keine Sorge, Marge. Wir werden sie in Schach halten“, sagte Edna.
„Sehr gut Dafür wäre ich euch dankbar.“ Marjorie konnte kaum glauben, wie froh sie war, die vertrauten Gesichter ihrer drei Freunde zu sehen. Es war erst ein paar Monate her, seit sie gemeinsam Urlaub in den schottischen Highlands gemacht hatten, aber wenn sie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass sie sie vermisst hatte. Der einzige Vorteil von Jeremys verflixten Geschäftsverhandlungen war, dass sie ihr die Gelegenheit gegeben hatten, sie alle einzuladen. Sie hatte befürchtet, sie würden ablehnen, und war überglücklich gewesen, als die drei ihre Unterstützung zugesagt hatten.
„Möchtet ihr Kaffee, bevor ich euch eure Zimmer zeige?“
„Das wäre schön. Ich kann die Brühe, die sie im Zug servieren, nicht trinken“, sagte Frederick.
„Ich auch nicht. Schmeckt wie Spülwasser oder Schlamm“, pflichtete Edna ihm bei. „Geh du voraus, Marge.“
„Du kennst den Weg“, sagte Marjorie und bemerkte zum ersten Mal Ednas neue Perücke, als diese ihr Kopftuch abnahm.
„Starr mich nicht so an. Ich dachte, ich probiere mal den Sechzigerjahre-Look aus.“ Edna tätschelte ihre Hochfrisur. „Alopezie zu haben hat auch seine Vorteile, weißt du.“
„Ähm, also den Sechzigerjahre-Stil hast du auf jeden Fall getroffen.“ Ednas schwarze Bienenkorbfrisur ragte hoch und erinnerte Marjorie an einen Turm. „Auch ohne dass du einen Wolkenkratzer trägst, bin ich kleiner als du“, erwiderte sie lachend. „Bitte hängt eure Mäntel an die Haken. Wenn ihr wollt, könnt ihr sie später mit aufs Zimmer nehmen.“
Marjorie beobachtete Edna aufmerksam, während diese ihren Mantel auszog, und atmete erleichtert auf, ohne sich bewusst gewesen zu sein, dass sie die Luft angehalten hatte. Sie war froh, dass ihre Schwägerin nicht auch noch einen Minirock aus den Sechzigern zu ihrem neuen Look hinzugefügt hatte. Horace wirkte in seinem beigen Anzug elegant, während Frederick einen karierten Anzug mit seiner üblichen bunten, wenn auch farblich unpassenden, gestreiften Krawatte trug.
„Du siehst bezaubernd aus“, flüsterte Horace Edna zu, gerade laut genug, dass die anderen es hören konnten. „Du übrigens auch, Marjorie.“
„Danke. Bevor wir in das kleine Wohnzimmer gehen …“, sagte Marjorie und ignorierte Ednas sprudelnden Einwurf, es sei vielleicht Zeit für Marjorie, sich räumlich zu verkleinern, „… muss ich euch darauf hinweisen, dass mein Sohn Jeremy mit einem Marcus Singleton hier ist. Er ist etwas unhöflich.“ „Dein Sohn oder Singleton?“, fragte Horace.
Na ja, eigentlich beide, dachte Marjorie, sagte jedoch laut: „Mr Singleton. Aber keine Sorge, anscheinend kommt er nur tagsüber her, um über Jeremys Deal zu verhandeln, was auch immer das ist.“
„Ich dachte vorhin schon, dass du etwas blass aussiehst“, sagte Edna. „Wir kümmern uns um ihn, nicht wahr, Jungs?“
„Bitte tut das nicht. Ich möchte die Sache nur hinter mich bringen. Eigentlich hatte ich gehofft, dass Jeremy seine Gäste den ganzen Tag mit Besprechungen beschäftigen würde, aber er hat durchblicken lassen, dass sie womöglich Ausflüge erwarten.“
„Überlass das mir, Marjorie. Faith steht schon bereit“, sagte Horace.
„Faith Weathers?“ Edna zog eine Augenbraue hoch.
„Ja. Wir sind in Kontakt geblieben.“
„Ach, wirklich?“, schmollte Edna.
„Nicht so, wie du denkst. Sie hat schon ein paar private Aufträge für die Firma erledigt, als meine Söhne internationale Gäste hatten. Als Marjorie den Rummel, der hier stattfinden wird, erwähnte, habe ich Faith nach ihren Plänen für Weihnachten gefragt, da ich weiß, wie anstrengend es sein kann, Gäste in London zu haben. Wie sich herausgestellt hat, wird sie nicht weit von hier bei ihrer Mutter wohnen. Ich glaube, sie wird froh sein, mal rauszukommen. Ihre Mutter besteht nämlich auf Traditionen. Und sie engt Faith ziemlich ein.“
Marjories Miene hellte sich auf. „Jetzt, wo du es sagst, wäre Faith die perfekte Lösung, wenn die Gäste eher an offiziellen Führungen interessiert sind, anstatt auf eigene Faust loszuziehen. Ich werde Jeremy fragen, was er mit Ausflügen meint.“
„Ich will zwar nicht unhöflich sein, Marge, und so nett es auch ist – aber wollen wir den ganzen Tag hier im Flur stehen? Ich bin am Verdursten.“
„Natürlich nicht, Edna. Folgt mir. Wie ich sehe, bringt Elsa gerade Tee und Kaffee herein.“
Frederick hob fragend eine Augenbraue, was Edna nicht entging. „Elsa ist das Dienstmädchen, Mrs Ratton die Haushälterin und Gloria die Köchin; und was für eine hervorragende Köchin. Und falls du einen Mann siehst, der einen Rolls-Royce oder einen Bentley wäscht: Das ist Johnson, der Chauffeur.“
Ausnahmsweise klang Edna eher sarkastisch als verbittert, was schon ein Fortschritt war. Ednas Groll darüber, dass ihr verstorbener Vater von seiner Familie enterbt worden war, sorgte gelegentlich für Reibung zwischen den beiden Frauen.
Als sie vor dem Wohnzimmer angekommen waren, kam Elsa gerade wieder heraus, und bei Ednas Anblick strahlte sie.
„Guten Tag, Mrs Parkinton.“
„Nennen Sie mich Edna, Elsa. Das sind unsere Freunde: Horace und Fred.“
Frederick! Zähneknirschend hoffte Marjorie, dass Edna ihr nach dem vielversprechenden Start nicht schon wieder auf die Nerven gehen würde.
„Sehr erfreut“, sagte Elsa und nickte den beiden Männern zu.
„Ebenso, Elsa“, sagte Horace und streckte ihr die Hand hin.
Nachdem sie die Hände geschüttelt hatte, sah Elsa Marjorie an. „Jeremy ist dort drin.“ Sie nickte in Richtung Wohnzimmer. „Ich habe ein Tablett bereitgestellt. Es gibt Tee, Kaffee und heißes Wasser, falls jemand Früchtetee oder etwas anderes möchte. Und für Sie, Mrs Snellthorpe, habe ich eine kleine Kanne Earl Grey gekocht. Wenn es Ihnen recht ist, werde ich jetzt für ein frühes Mittagessen in die Bibliothek gehen.“ Im Gegensatz zu Marcus Singleton liebte Elsa Bücher und verbrachte im Winter die meisten Pausen in der Bibliothek, entweder mit einem eigenen Buch oder einem aus der Sammlung des Hauses.
„Kein Problem, danke, Elsa. Ist in der Küche alles in Ordnung?“
„Ich glaube schon. Auf dem Weg hierher bin ich einem Fremden begegnet. Es ist vielleicht der Mann, den Sie erwähnt hatten, denn Jeremy ist allein im Wohnzimmer. Ich habe ihn gefragt, ob er sich verlaufen hat, aber er sagte, er sei gerade auf dem Weg zu der neuen Köchin und der Haushälterin, um mit ihnen zu sprechen.“
„Bitte geht doch schon mal rein“, sagte Marjorie zu ihren Freunden. „Ich muss noch etwas erledigen.“ Sie spürte die Blicke im Rücken, während sie ihre alten Beine zwang, in Richtung Küche zu eilen.
3
Die Anstrengung ließ Marjorie kurz stehen bleiben und nach Luft schnappen, bevor sie um die Ecke zur Küche ging. Als sie ein tiefes Knurren, unterbrochen von Keuchen und gutturalen Lauten, vernahm, blieb sie wie angewurzelt stehen.
Ihr stockte der Atem und sie brauchte einen Augenblick, um sich zu fangen, als sie sah, was los war. Marcus Singleton stand mit dem Rücken zur Wand. Vor ihm baute sich ein riesiger Hund auf, als würde er Wache halten, fletschte die langen Zähne und knurrte ihn bedrohlich an. Das braun-schwarze Tier trug ein dunkelbraunes Lederhalsband. Seine Augen wanderten von Marcus Singletons Gesicht zu dessen Hände, als wollte es ihn herausfordern, eine Bewegung zu machen.
Als Marjorie merkte, dass sie selbst nicht in Gefahr war, unterdrückte sie den Drang zu lachen. Stattdessen schmunzelte sie innerlich über den komischen Anblick.
„Stehen Sie nicht einfach nur rum. Rufen Sie Ihren verdammten Hund zurück.“
Durch Mr Singletons erhobene Stimme knurrte das Tier noch lauter und tiefer. Mit aufgestellten Nackenhaaren und zuckenden Ohren rückte es näher an ihn heran.
Marcus Singleton wimmerte und seine Augen sahen Marjorie flehend an.
„Leider gehört der Hund weder mir noch irgendjemandem im Haushalt. Ich weiß nicht, woher er kommt.“
Die Spannung war greifbar. Mr Singleton wurde blass, doch er biss die Zähne zusammen. Er sprach zaghaft und leise, um den Hund nicht zu einem Angriff zu provozieren.
„Mir ist egal, wo er herkommt. Bitte rufen Sie ihn zurück.“
„Komm her, Hund“, sagte Marjorie ruhig, woraufhin das Tier sich von seiner Beute abwandte. Der Hund streckte die Zunge heraus und stellte sich vor sie hin. Seine großen braunen Augen sahen sie an, als könnte er kein Wässerchen trüben.
„So ist es gut. Kannst du Sitz machen?“ Sie tätschelte seinen Kopf, woraufhin er sofort gehorchte. Sein Fell war seidig weich. „Ich glaube, das erklärt den Geruch.“
„Welchen Geruch?“, fragte Mr Singleton barsch mit erhobener Stimme. Jetzt, wo der Hund von ihm abgelassen hatte, fiel es ihm leicht, mutig zu sein, doch das Tier gab ein leises warnendes Knurren von sich.
„Ich dachte, ich hätte vorhin einen merkwürdigen Geruch in der Küche wahrgenommen, das ist alles. Es war eindeutig ein Hund.“ Der Hund knurrte Marcus Singleton erneut an, als dieser seinen Mund auf und zu klappte. „Ich rate Ihnen, leiser zu sprechen, Mr Singleton. Sie machen ihn nervös. Was wollen Sie überhaupt hier?“
„Wie ich Ihnen schon gesagt habe, musste ich mit den Bediensteten reden und ich, ähm … wollte sichergehen, dass Ihrer tollpatschigen Haushälterin keine weiteren Missgeschicke passieren.“
Marjorie wünschte, sie hätte den Hund an der Stelle gelassen, wo er gestanden hatte. „Darf ich Sie daran erinnern, Mr Singleton, dass Sie Gast in meinem Haus sind und meine Bediensteten nicht Ihr Problem sind? Mrs Ratton ist eine hervorragende Haushälterin und eine gute Freundin von mir. Ich möchte Sie bitten, sie in keiner Weise zu verärgern oder zu beleidigen.“
„Na gut. Nun, ich habe mit ihr gesprochen. Ich erwarte, dass sie von nun an alles richtig machen wird.“
Marjorie hatte den Eindruck, dass er jetzt an ihr vorbeigestürmt wäre, wenn ihr neuer Beschützer nicht erneut warnend geknurrt hätte. Stattdessen schob er sich seitlich an der Wand vorbei, bevor er davonhuschte.
Marjorie hätte beinahe laut gelacht, doch sie konnte es unterdrücken und starrte Marcus Singleton nach. „Und tschüss“, murmelte sie und schaute noch einmal in die rehbraunen Augen des riesigen Hundes. „Ich sehe, du hast einen guten Instinkt. Wie heißt du eigentlich?“ Sie beugte sich hinunter, um das Namensschild an seinem Halsband lesen zu können. „Hmm, der passt ja zu dir. Komm jetzt, lass uns herausfinden, wem du gehörst und welches Chaos dieser unangenehme Mensch hinterlassen hat.“
Marjorie ging in Richtung Küche, hatte jedoch das Gefühl, beobachtet zu werden. Als sie sich umdrehte, erblickte sie eine große, muskulöse Frau in Jeans und einem Batik-Top, die aus dem Nichts aufgetaucht war. Die Fremde hatte sich offensichtlich versteckt und den Vorfall zwischen Marcus Singleton und dem Hund beobachtet.
„Wie ich sehe, haben Sie Hercules bereits kennengelernt“, sagte sie mit einem breiten Grinsen.
„Ja, aber ich hatte noch nicht das Vergnügen, seine Besitzerin kennenzulernen, die wohl Sie sind.“ Marjorie sah zu, wie Hercules die Frau liebevoll abschleckte, als sie sich zu ihm hinunterbeugte. Ihr schwarzes Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, war ebenso seidig glatt wie das ihres Hundes.
„Braver Junge, Hercules“, sagte sie, bevor sie Marjorie die Hand reichte. „Ich bin Sally Sutherland – Ihre Köchin, solange Sie mich hier brauchen.“
Marjorie schüttelte ihre Hand, die warm und etwas rau war. Sallys Finger waren lang und schlank, die Nägel waren sorgfältig gefeilt und auf dem Speichengrübchen zwischen Daumen und Zeigefinger war eine kleine Rose eintätowiert.
„Marjorie Snellthorpe. Wie geht es Ihnen? Wir freuen uns sehr, dass Sie so kurzfristig kommen konnten, Ms Sutherland. Ich glaube, Sie hatten bisher hauptsächlich mit meinem Sohn Jeremy Kontakt. Einen Hund hat er allerdings nicht erwähnt.“
„Nennen Sie mich doch bitte Sally, sonst habe ich das Gefühl, in Ungnade gefallen zu sein. Es tut mir leid, dass ich Hercules mitbringen musste. Meine Eltern wollten sich um ihn kümmern, aber mein Vater hält sich für den Alpharüden und deswegen haben sie sich nicht vertragen.“
Marjorie gluckste amüsiert; sie mochte die neue Köchin auf Anhieb. Sally war ungefähr im selben Alter wie Elsa, vielleicht etwas jünger, und hatte einen Birminghamer Dialekt. „Er ist gerade einem anderen Alpharüden begegnet, wie Sie es ausdrücken, aber das haben Sie ja sicher mitbekommen.“
Sally runzelte die Stirn. „Ich bekenne mich schuldig. Ich hätte eingegriffen, wenn der Mann wirklich in Gefahr gewesen wäre. Er hat versucht, Hercules beiseitezuschubsen, und meiner Meinung nach bekommen, was er verdient hat.“
„Nehmen Sie nie ein Blatt vor den Mund?“ Die offene Bemerkung der Köchin überraschte Marjorie. „Oder kennen Sie Mr Singleton schon?“ Die Sache wird immer mysteriöser, dachte sie.
„Doch, manchmal. Ich bin ihm kurz begegnet und so, wie er sich aufgeführt hat, dachte ich, er hätte hier das Sagen, aber Gloria hat gesagt, sie hätte ihn noch nie zuvor gesehen. Ach, übrigens lässt Gloria Ihnen ausrichten, dass sie schon gegangen ist. Sie wollte Sie nicht stören, während Sie sich mit Ihren Freunden unterhalten haben.“
Marjorie betrachtete Sally Sutherland näher. Intelligente dunkelgrüne Augen. Sie kam ihr seltsam bekannt vor, aber sie waren sich noch nie begegnet. Marjorie würde sich sonst daran erinnern.
„Danke. Hat Gloria Ihnen gezeigt, wo alles ist?“
„Ja. Sie und Gina haben mir auch mein Zimmer im zweiten Stock gezeigt. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn Hercules bei mir schläft.“
„Habe ich denn eine Wahl?“, fragte Marjorie.
Sally zuckte mit den Schultern. „Nicht, wenn Sie wollen, dass Ihre Gäste satt werden.“
Die beiden Frauen lachten. „Ich sehe schon, wir werden uns gut verstehen, Sally. Schön, dass Sie Gina schon kennengelernt haben. Sind Sie Elsa auch schon begegnet?“
„Ja, das sind wir, nicht wahr, Hercules? Eine nette Frau, aber ich glaube, sie mag keine Hunde.“
Der Hund hechelte sie voller Anbetung an, wobei seine riesige rosa Zunge heraushing. Fast lächelte er.
„Ich bin sicher, er wird sich bei ihr einschmeicheln können. Was für eine Rasse ist das denn?“
„Ein Rottweiler, aber lassen Sie sich davon nicht abschrecken. Er ist ein sanfter Riese.“
„Es sei denn, er begegnet einem Alpharüden.“ Marjorie gluckste. „Ich nehme an, Gloria hat Ihnen gesagt, dass wir zu zehnt zu Abend essen, aber Mr Singleton wird die Mahlzeiten auch mit uns einnehmen. Hoffentlich ist das kein Problem?“
„Ganz und gar nicht, solange er sich von Hercules fernhält. Und was ist mit dem Personal?“
„Gina bleibt zum Mittagessen, fährt aber jeden Abend nach Hause. Elsa bringt ihr eigenes Essen mit – sie ist wählerisch. Sie können sich natürlich an allem bedienen. Wir haben aber kein Hundefutter, daher hoffe ich, dass Sie welches mitgebracht haben.“
„Hercules isst nur Steak.“
Marjorie machte große Augen.
„Das war nur ein Scherz, Lady Marjorie. Ja, ich habe Hundefutter mitgebracht, und zwar reichlich; er frisst für sein Leben gern. Wir werden schon zurechtkommen. Gloria hat Sandwiches für das heutige Mittagessen vorbereitet und eine Unmenge an Kuchen gebacken, für den Fall, dass Ihre Besucher vor dem Abendessen Hunger bekommen. Wie viele Gäste kommen denn zum Mittagessen?“
„Sechs, falls niemand früher als erwartet eintrifft. Jeremy hat ein paar Aushilfskräfte organisiert, die das Abendessen und Frühstück servieren und die Zimmer sauber halten werden. Sie können sie für die Mahlzeiten einteilen, und dazwischen wird Gina ihnen Anweisungen geben. Ich hoffe sehr, dass die Gäste auswärts zu Mittag essen werden, aber vielleicht brauchen sie Lunchpakete, falls das nicht zu viele Umstände macht. Mein Sohn hat Ausflüge erwähnt. Falls sie nicht essen gehen, werden sie sich sicher mit Fingerfood zufrieden geben.“
„Das klingt alles fantastisch. Elsa hat gesagt, dass sie mir beim Servieren des Mittagessens hilft.“
„Das ist gut. Ach, ich habe ganz vergessen zu erwähnen, dass einer unserer Hausgäste Vegetarierin ist.“
„Gloria hat mir die Liste schon gegeben. Ich wollte Sie gerade danach fragen. Ist Mrs Beider Veganerin oder Vegetarierin?“ „Gibt es da einen Unterschied?“
„Ja, aber überlassen Sie das mir. Ich werde sie später fragen und dafür sorgen, dass sie eine große Auswahl an Speisen bekommt. Ihr Kühlschrank und der Gefrierschrank sind gut gefüllt, und Gloria hat mir reichlich Wintergemüse dagelassen, das ich verwenden kann.“
„Dann wäre das geklärt. Wissen Sie zufällig, wo Gina ist?“ „Als ich sie das letzte Mal sah, sagte sie, sie würde einen Spaziergang machen.“
„Verstehe. Vielen Dank, Sally. Ich hoffe, Sie – und Hercules – werden Ihren Aufenthalt bei uns genießen. Würden Sie bitte in etwa einer halben Stunde das Mittagessen im kleinen Speisesaal servieren? Elsa wird Ihnen zeigen, wo er ist.“
„Wird erledigt, Lady Marjorie.“
„Wenn ich Sie Sally nennen soll, müssen Sie mich Marjorie nennen. Das tun alle meine Angestellten.“ Marjorie fragte sich, ob Sally Sutherland vor Arbeitsbeginn ihre verwaschenen Jeans und das Batikhemd gegen andere Kleidung eintauschen würde, doch irgendwie glaubte sie nicht daran. Sally wirkte wie ein Freigeist, der die Dinge auf seine Weise tat. Und solange das keine Irritationen im Haushalt verursachte, würde Marjorie Zugeständnisse machen. „Halten Sie Hercules aber bitte von den Gästen fern? Manche Leute mögen keine Hunde.“
„Ich habe ihm in der Spülküche ein Bett hingelegt. Keine Sorge. Er kennt die Regeln und kommt nicht in die Küche, während ich koche.“
Gut zu wissen, dachte Marjorie und sagte: „Dann lasse ich Sie jetzt allein. Sagen Sie mir oder Jeremy Bescheid, falls Sie noch etwas brauchen.“
„Danke, mache ich. Also, Hercules … ab ins Bett!“
Marjorie war beeindruckt, als der Hund schnurstracks durch die offene Tür in den Flur des Anbaus lief und links in die Spülküche abbog. Sie selbst schlug die entgegengesetzte Richtung ein, um ins Wohnzimmer zurückzugehen.
„Jetzt brauche ich eine Tasse Earl Grey“, sagte sie laut und fragte sich, was nur in Gina gefahren war. Vielleicht könnte sie Jeremy bitten, seine Meetings woanders abzuhalten, aber sie wusste schon, wie seine Antwort lauten würde.
4
„Da bist du ja, Marge. Ich weiß, es ist ein großes Haus, aber du kennst dich doch sicher gut genug darin aus, um dich nicht zu verlaufen.“
Marjorie ignorierte Ednas Stichelei und sagte: „Es tut mir leid, dass ich euch warten ließ, aber ich habe die Aushilfsköchin getroffen und musste noch mit ihr sprechen. Meine Köchin hatte schon lange vor, zusammen mit ihrem Mann ihre Verwandten zu besuchen, und ich kann sie doch nicht davon abhalten. Jeremy hat eine Vertretung organisiert und außerdem externes Servicepersonal, das die Mahlzeiten servieren und sich um die Gästezimmer kümmern wird.“
Edna machte den Mund auf und wieder zu, was Marjorie Hoffnung gab, dass sie wenigstens versuchen würde, sich zusammenzureißen.
„Darf ich dir Tee einschenken, Marjorie?“, fragte Horace und warf Edna gleichzeitig einen warnenden Blick zu.
„Ich hätte gern eine Tasse Earl Grey. Er müsste in der kleinen Teekanne sein.“
Horace verzog amüsiert das Gesicht und warf Edna einen vergnügten Blick zu, bevor er sich wieder Marjorie zuwandte. „Ja, Edna hat ihn aus Versehen schon entdeckt. Es ist aber noch genug für dich übrig.“
Marjorie fragte sich, ob Edna jemals wirklich zuhörte. Elsa hatte ihnen klar und deutlich gesagt, dass dies ihr Tee war, bevor sie ins Wohnzimmer gingen.
„Ich verstehe nicht, wie du das Zeug trinken kannst, Marge; es schmeckt nach billigem Parfüm.“
„Sein Geschmack und Duft kommen vom Bergamottöl, und genau das mag ich daran.“ Marjorie senkte die Stimme. „Ich nehme an, ihr habt Jeremy und Marcus Singleton schon kennengelernt.“ Sie konnte nicht umhin, bei der Erwähnung des zweiten Namens das Gesicht zu verziehen. „Wo sind sie jetzt?“
„Wir haben Mr Singleton zwar nur kurz kennengelernt, aber Jeremy war freundlich. Die beiden sind zu einem Gespräch unter vier Augen rausgegangen“, antwortete Frederick.
„In dein Arbeitszimmer“, sagte Edna missbilligend.
Marjorie runzelte die Stirn. Na ja, wenigstens hatte Jeremy diesen unangenehmen Menschen aus ihrem Wohnzimmer entfernt. „Und du hattest recht, was ihn betrifft, Marjorie“, sagte Horace. „Singleton, meine ich. Ein äußerst unsympathischer Kerl. Kaum war er im Wohnzimmer, holte er Jeremy auch schon wieder heraus, noch bevor Jeremy sich und ihn in Ruhe vorstellen konnte.“
„Ich nehme an, er ist neu in der Firma, denn ich habe noch nie etwas von ihm gehört“, erklärte Marjorie.
„Ich weiß, dass Jeremy manchmal etwas schroff sein kann, aber sein neuer Mitarbeiter ist regelrecht unhöflich. Und außerdem hat er bei dem Duo das Sagen, ob Mitarbeiter oder nicht“, bemerkte Edna.
„Oh je“, erwiderte Marjorie. „Ich weiß nicht so ganz, was da vor sich geht. Marcus Singleton wirkt nicht gerade wie jemand, den man mit Kaufverhandlungen betrauen möchte, nicht wahr?“
„Du irrst dich“, warf Horace ein. „Manchmal sind es gerade die skrupellosen Typen, die die besten Ergebnisse erzielen. Mach dir keine Sorgen, Marjorie, ich bin sicher, dein Sohn hat seine Gründe, Singleton hierherzuholen. Zu uns war Jeremy nicht schroff, egal was Edna behauptet. Er scheint ein netter Kerl zu sein und er muss ein kluger Kopf sein, um das Geschäft deines verstorbenen Mannes zu leiten.“
Am liebsten hätte Marjorie gesagt, dass Jeremy die Firma nicht wegen seiner Fähigkeiten, sondern vielmehr wegen seiner Abstammung leitete. Und was noch wichtiger war: Dies war der Grund, warum sie die Mehrheitsbeteiligung behalten hatte. Aber das zu erwähnen hielt sie für unangemessen.
Stattdessen sagte sie: „Bald sollte das Mittagessen serviert werden. Ich schlage vor, wir essen, solange wir es können. Ich weiß nicht, wie die ankommenden Gäste sein werden, aber ich glaube, wir werden unsere Kräfte brauchen.“
„Jeremy hat uns gesagt, dass er morgen nicht da sein wird. Er und seine Frau sind bei einem Lord und einer Lady eingeladen. Er sagte, Singleton würde den ganzen Tag hier sein und alles regeln“, fügte Horace hinzu.
„Es würde mich überraschen, wenn morgen Abend überhaupt noch Gäste da sind, Marge“, sagte Edna kichernd. „Das ist eine Möglichkeit, sich vor der Rolle der Gastgeberin zu drücken.“
Marjorie spürte, wie sich ihre Kiefermuskeln anspannten. Sie war wütend genug auf ihren Sohn, weil er eine ganze Schar von fremden Leuten eingeladen hatte, in der Woche vor Weihnachten bei ihr zu übernachten, und jetzt ließ er sie auch noch im Stich. Er schien es sogar für in Ordnung zu halten, Marcus Singleton die Leitung zu überlassen.
„Dies ist immer noch mein Haus und ich entscheide, was hier vor sich geht. Es ist eindeutig, dass wir die Sache selbst in die Hand nehmen müssen. Horace, könntest du Faith fragen, ob sie Zeit und Lust hat, für morgen etwas zu organisieren? Ich werde sie natürlich dafür bezahlen.“
„Kein Problem. Das mache ich jetzt gleich.“
„Das ist der richtige Kampfgeist, Marge.“ Edna hakte sich bei ihr ein. „Aber könnten wir den Plan vielleicht beim Mittagessen ausarbeiten? Ich bin am Verhungern.“
Marjorie riss ihren Arm weg und sah zu ihrer üppigen Schwägerin auf. „Ich weiß wirklich nicht, wo du das alles lässt, Edna Parkinton. Du hast doch sicher heute früh vor der Abreise ein englisches Frühstück gegessen.“
„Das ist aber schon Stunden her“, gab Edna zurück. „Du hast doch selbst gesagt, dass wir unsere Kräfte brauchen.“
„Ganz richtig. Auch wenn es leider nur Sandwiches zum Mittagessen gibt, werden sie reichen, um deinen …“ – enormen blieb ungesagt – „… Appetit zu stillen.“ Marjorie grinste Edna anerkennend an. Sie war dankbar, ihre Freunde an ihrer Seite zu haben, und spürte, dass sie sie jetzt, nachdem sie Marcus Singleton kennengelernt hatte, noch mehr brauchen würde.
„Wenn nicht, kann ich Elsa immer noch bitten, sich in die Küche zu schleichen und etwas für mich zu organisieren, während die Aushilfsköchin nicht hinsieht.“
„Das wirst du nicht tun“, entgegnete Marjorie.
Edna senkte den Kopf mit der schwarzen Hochfrisur und schlug Marjorie auf den Rücken. „Hab ich dich gefoppt, was?“ Edna und Horace schnaubten beide amüsiert und Marjorie trank ihren Tee aus. Sie war zuversichtlich, dass alles gut laufen würde, besonders wenn Faith sich bereit erklärte, einzuspringen und auszuhelfen. Sie ließ Horace zurück, sodass er Faith anrufen konnte, und führte die anderen ins Speisezimmer.
***
Sally Sutherland hatte nicht zu viel versprochen und bereits Tabletts mit Sandwiches auf dem Beistelltisch bereitgestellt, von denen sie sich selbst bedienen konnten. Elsa war gerade dabei, den Tisch zu decken.
„Wie läuft es unten, Elsa?“, erkundigte sich Marjorie. „Abgesehen von Hercules ist alles bestens. Sally scheint ganz vernünftig zu sein. Sie hat mir erzählt, wie Hercules diesen …“
„Richtig“, unterbrach Marjorie sie. Normalerweise würde sie Elsas Offenheit begrüßen, doch jetzt hatte sie andere Sorgen. Sie ging mit dem Hausmädchen an die Seite, während Edna sich einen Teller nahm und anfing, ihn zu füllen. Schon bald gesellte sich Horace zu ihr. „Wie geht es Gina?“
„Sie wirkt verstört. So habe ich sie noch nie erlebt. Sally meint, es hat was mit diesem Mr Singleton zu tun.“
„Inwiefern?“
„Das hat sie nicht gesagt und Gina wird es uns auch nicht verraten. Aber ich schätze, sie wird sich unsichtbar machen, solange der Typ im Haus ist.“
Marjorie würde sich die Zeit nehmen müssen, mit ihrer Haushälterin zu sprechen und herauszufinden, ob an Elsas Theorie etwas dran war. Es war eine beunruhigende Wendung, mit der sie nicht gerechnet hatte. Als wäre es nicht schon störend genug, fremde Gäste zu haben, ohne dass einer von ihnen ihre treueste Angestellte offensichtlich durcheinanderbrachte.
„Vielleicht irrt Sally sich ja“, sagte sie.
„Kann sein“, erwiderte Elsa und zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe es. Wenn Hercules ihn davon abhält, sich der Küche zu nähern, kann er gerne bleiben.“
Marjorie grinste. „Ich glaube, keiner von uns hat, was Hercules betrifft, eine Wahl.“
„Das denke ich auch, aber ich hätte den Kerl nicht durchgelassen, wenn ich gewusst hätte, dass er Gina aufregen würde. Darf ich Ihnen noch etwas bringen?“
Marjorie wandte sich um und sah, dass Horace und Edna die Sandwichtabletts fast leer geräumt hatten. Frederick hielt einen leeren Teller in der Hand und wartete auf sie. „Vielleicht noch ein paar Sandwiches, falls noch welche übrig sind. Könnten Sie bitte auch Jeremy und Mr Singleton ein Tablett bringen?“
„Das habe ich schon. Als ich es ihnen gebracht habe, waren sie in ein Gespräch vertieft, also werden sie Sie wohl erst mal nicht stören.“
Sehr gut, dachte Marjorie. „Danke, Elsa.“ Sie warf noch einen Blick auf Edna, die gerade ihre Sandwiches verschlang. „Würden Sie vielleicht auch einen der Kuchen holen, die Sally erwähnt hat?“
Elsa lachte. „Bin schon dabei“, sagte sie augenzwinkernd. Als Marjorie sich neben Frederick stellte, lächelte sie immer noch über die naive Aufrichtigkeit ihres Hausmädchens.
„Es sind noch mehr Sandwiches unterwegs, wenn du Hunger hast“, sagte sie.
„Mach dir um mich keine Sorgen. So viel esse ich nicht.“
Marjorie betrachtete seine schmale Taille und glaubte ihm. Er war der Typ Mann, den man mästen musste. Nachdem sie sich an den Essensresten bedient hatten, gesellten sie sich zu Edna und Horace, die sich immer noch angeregt unterhielten.
„Worüber hat Elsa denn geredet? Und wer zum Teufel ist Hercules?“, fragte Edna, als Marjorie sich setzte.
„Du hast die erstaunliche Fähigkeit, in manchen Situationen selektiv taub zu sein und in anderen zwei Gespräche gleichzeitig mitzuhören.“
„Denk daran, wenn du dich das nächste Mal hinter meinem Rücken über mich beschwerst“, gab Edna zurück.
„Ich würde mich nur bei dir selber beschweren“, entgegnete Marjorie.
„Na, dann lass hören. Wer ist dieser Typ – Hercules – und wann kann ich ihn kennenlernen?“, bohrte Edna.
„Hercules ist der Hund der Köchin.“
„Ein Hund? In deinem Haus? Das muss ich sehen. Marge mag nämlich keine Hunde“, erklärte Edna Horace und Frederick.
„Ihr sollt wissen, dass ich nichts gegen Hunde habe. Erinnerst du dich noch daran, dass meine gute Freundin Rachel und ihr Mann einen Hund haben? Und Hercules und ich haben uns sogar sehr gut verstanden“, sagte Marjorie und bemerkte Fredericks verträumten Blick, der auf ihr ruhte.
„Das ist ein komischer Name für einen Hund“, meinte Horace. „Wahrscheinlich ist der Hund ein Chihuahua und die Besitzerin will das überkompensieren.“
„Tatsächlich ist es ein Rottweiler“, erwiderte Marjorie.
„Du meine Güte“, sagte Edna. „Das sind Riesenviecher! Hast du gewusst, dass sie einen so großen Hund mitbringt?“
„Nein, das wusste ich nicht. Ich war dabei, als Hercules Marcus Singleton in die Enge getrieben hat, während sich sein Frauchen versteckt und das Spektakel amüsiert beobachtet hat. Ich fürchte, Marcus hat die Bediensteten jetzt schon verärgert.“ „Leg dich nie mit denjenigen an, die die Arbeit machen“, sagte Edna.
„Eine interessante Betrachtungsweise“, sagte Marjorie. „Aber ich muss dir zustimmen.“
„Es wird nie langweilig mit dir, Marjorie“, sagte Horace und gluckste leise.
Edna machte große Augen. „Es klingt, als wüsste deine neue Köchin sich zu wehren, wenn sie ihren Hund auf ihn hetzt.“
„Ich glaube kaum, dass sie den Hund absichtlich auf ihn gehetzt hat.“
Edna hob eine Augenbraue. „Wenn du meinst, Marge. Trotzdem hoffe ich, dass er keinen deiner anderen Gäste in die Enge treibt, und schon gar nicht mich. Ich habe zwar nichts gegen Hunde, aber manche dieser großen Exemplare können unberechenbar sein.“
„So wie manche Menschen“, bemerkte Frederick. „Wenigstens ist es nicht das Ungeheuer von Loch Ness“, fügte er grinsend hinzu.
Edna hatte während ihres letzten gemeinsamen Urlaubs panische Angst gehabt, dass Nessie aus dem Loch Ness auftauchen würde, in dessen Nähe sie übernachtet hatten. Es hatte alle überrascht, dass sie eine irrationale Angst vor dem legendären Ungeheuer hatte.
„Pass bloß auf, dass der Hund deinen glänzenden Kopf nicht mit einem Knochen verwechselt“, gab Edna zurück.
Frederick war nicht empfindlich, was seine Glatze betraf, und das war vielleicht auch gut so, denn sie war ein Thema, mit dem Edna ihn gern neckte. Glücklicherweise war er zu höflich, um darauf hinzuweisen, dass er nicht derjenige war, der eine Perücke oder – wie Horace – ein Toupet trug.
„Ich werde es mir merken“, erwiderte er.
„Kommt schon, Leute. Wenn wir Marjorie hierbei aushelfen wollen, müssen wir fokussiert bleiben“, sagte Horace. „Es wird euch sicher freuen, zu hören, dass Faith zugesagt hat, heute Abend vorbeizukommen und während des Aufenthalts deiner Gäste ein paar Führungen anzubieten. Kannst du mir eine Liste mit ihren Namen und Berufen für ihre Recherche geben?“
„Das ist wunderbar. Es wird schön sein, sie wiederzusehen. Und es freut mich, zu hören, dass sie so effizient ist wie immer. Ich habe die Liste in meinem Arbeitszimmer. Sobald ich es wieder betreten kann, gebe ich sie dir.“ Marjorie hatte die Reiseleiterin, die normalerweise für Queen River and Land Tours arbeitete, ins Herz geschlossen.
„Wie viele Leute übernachten denn hier, Marge?“
„Fünf Hausgäste plus Marcus Singleton, der Tagesgast sein wird.“
„Donnerwetter! Da du Verstärkung geholt hast, dachte ich schon, wir müssten die Fünftausend verköstigen.“
Marjorie schürzte die Lippen. „Es mag dir trivial erscheinen, Edna, aber ich bin es nicht mehr gewohnt, fremde Leute zu unterhalten.“ Marjorie hatte gewusst, dass Edna denken würde, sie übertreibe, und aus diesem Grund die Anzahl der Gäste bisher nicht erwähnt. Als Jeremy ihr die Rolle der Gastgeberin aufgedrückt hatte, hatte sie sich überfordert gefühlt.
„Ich verstehe, Marjorie. Als jemand, der das alles früher schon gemacht hat, möchte ich mir so etwas heutzutage auch nicht mehr aufbürden lassen“, sagte Horace.
„Ich dachte, du hast Faith gebeten, dich bei den Besuchern zu unterstützen“, fuhr Edna ihn an.
„Nur im Namen meiner Söhne. Ich bin in der glücklichen Lage, tun und lassen zu können, was ich will.“
„Ganz richtig“, sagte Marjorie. „Bitte lade Faith zum Abendessen ein, wenn sie Zeit hat. Noch ein Gast schadet nicht und wird ihr die Gelegenheit geben, die anderen auf Augenhöhe kennenzulernen. Ich möchte nicht, dass einer sie von oben herab behandelt, wenn sie mir schon einen Gefallen tut.“
Elsa brachte ein weiteres Tablett mit Sandwiches herein. „Bitte sehr“, sagte sie und sah dabei Edna an. „Guten Appetit. Ich hole gleich noch etwas Kuchen.“
Marjorie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und fühlte sich entspannter. Jetzt musste sie nur noch Jeremy davon überzeugen, dass er Faith einfach machen ließ, was sie am besten konnte.