Leseprobe Eine tödliche Affäre | Ein britischer Cosy Crime

1

„Ich dachte schon, dieser Winter endet nie.“ Alexi Ellis lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und lächelte, als die Frühlingssonne durch die dichte Wolkendecke brach und ihr Gesicht wärmte.

„Bald ist Ostern. Du solltest dir nicht zu viele Hoffnungen machen“, mahnte ihre beste Freundin Cheryl Hopgood. „Das englische Wetter hat die Angewohnheit, uns sämtliche Feiertage mit Regen zu vermiesen.“

Alexi quittierte Cheryls Feststellung mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Nicht in diesem Jahr“, erklärte sie mit Überzeugung in der Stimme. „Das würde das Wetter nicht wagen. Nach diesem Fiasko an Halloween hatten wir ruhige sechs Monate. Der gute Ruf des Hotels wurde nicht geschädigt. Eine Atempause von diesen ganzen Dramen ist einfach überfällig, und das schließt das Wetter mit ein.“

Sie bezog sich auf Hopgood Hall, das Boutiquehotel in Lambourn, in das sie eine beträchtliche Summe investiert hatte. Das Haus war seit Jahrzehnten im Besitz von Cheryls Schwiegerfamilie, hatte aber kurz vor dem Bankrott gestanden, als Alexi ihre Arbeitsstelle als Investigativjournalistin beim Sunday Sentinel verloren hatte. Gemeinsam mit ihrer Wildkatze Cosmo war sie nach Lambourn geflohen, um bei Cheryl und Drew ihre Wunden zu lecken. Da hatte sie noch nicht damit gerechnet, dass sie sich auf dem Land niederlassen würde. Sie war durch und durch ein Stadtmädchen, mit einem Riecher für eine gute Story. Überraschenderweise hatte sie jedoch im Tal der Rennpferde ihren inneren Frieden gefunden. Zuvor war ihr nicht einmal klar gewesen, dass sie genau das gesucht hatte.

Leider hatte sich seit ihrer Ankunft in dieser verschlafenen Gegend, wo es mehr Pferde als Menschen gab, nicht nur ein Mord ereignet, sondern gleich vier. Manche der Einheimischen betrachteten sie mittlerweile als Unheilsbringerin. Ein paar davon waren sogar so weit gegangen, dass sie Alexi aus dem Dorf vertreiben wollten. Als Alexi an ihrem Tiefpunkt angelangt war, hätte sie beinahe ihre Sachen gepackt, aus Angst, dass der Aberglaube der Einheimischen dem Geschäft ihrer Freunde schaden könnte. Allerdings gab sie nicht so leicht auf. Sie konnte nichts für diese Verbrechen, weshalb sie Cheryls Drängen, hierzubleiben, nachgegeben hatte. Dazu hatte sie mithilfe von Jack Maddox alle vier Morde aufgeklärt. Jack war ein ehemaliger Polizist, der jetzt als Privatdetektiv arbeitete. Mittlerweile waren sie und Jack auch privat ein Paar. Das Landleben hatte definitiv seine Vorteile, wie Alexi nur zu gut wusste. Jedenfalls hatte es nichts mit der eintönigen Existenz zu tun, die sie befürchtet hatte.

„Drew hat dir ja immer gesagt, dass das Hotel von der Aufmerksamkeit profitiert, die es wegen dieser vier Morde erhalten hat“, betonte Cheryl. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und nahm ihre eineinhalbjährige Tochter Verity auf den Arm, als das Mädchen auf dem Gras hinfiel. Die Kleine hatte versucht, Cosmo nachzujagen. Alexis Kater war alles andere als gesellig, wusste es aber besser, als diesem kostbaren Geschöpf auch nur ein einziges Haar zu krümmen. Stattdessen sah er Verity mit seinen stechend haselnussbraunen Augen an, als ob er sicherstellen wollte, dass ihr nichts geschehen war. Dann schwang er seinen Schwanz hin und her und stolzierte davon. Wie immer folgte Cheryls Terrier Toby ihm auf dem Fuß. Der Hund war nur halb so groß wie der Kater, aber seinem ungeselligen Freund sehr zugetan. „Und du weißt ja, dass mein Mann immer recht hat. Zumindest, was diese Dinge betrifft.“

„Natürlich. Er ist schließlich ein Mann, nicht wahr?“

Beide lachten. „Ohne deine finanzielle Beteiligung und deine innovativen Ideen, wie wir den Ruf unseres Hotels verbessern können, hätten wir längst zumachen müssen“, stellte Cheryl fest. „Ohne deine Hilfe wären Drew und ich nicht halb so mutig gewesen.“

„Meine innovativen Ideen, wie du es nennst, haben euch beinahe den Rest gegeben“, erwiderte Alexi schaudernd. „Aber lassen wir das.“

Die beiden Frauen verfielen in Schweigen. Sie beobachteten Cosmo, der seinen schwarzen Schwanz hin- und herschwang, während er durch das Gestrüpp schlich. Wahrscheinlich war er auf der Jagd nach Nagetieren. Allerdings vermasselte Toby ihm die Tour, indem er ihm begeistert und ohne jeden Sinn für Tarnung nachlief.

„Jedenfalls sind wir über Ostern ausgebucht, Wetter hin oder her. Auch für den Sommer haben wir schon eine ermutigende Zahl von Buchungen hereinbekommen. Natürlich kommt die Hälfte der Gäste nur her, um Seine Hoheit zu treffen“, sagte Cheryl mit einem Nicken in Cosmos Richtung. „Das ganze Aufsehen um die Mordfälle hat ihn zu einer richtigen Berühmtheit gemacht.“

„Sag ihm das bloß nicht! Er ist auch so schon unleidlich genug.“

Cheryl lachte. „Das einzig Gute, was dieses Rattengesicht Patrick für dich getan hat, war der Artikel über Cosmo in seiner Sonntagszeitung. Das hat seinen Bekanntheitsgrad enorm gesteigert, wovon auch das Hotel profitiert. Vor allem, seit Cosmo seinen eigenen Instagram-Account hat. Er hat mehr Follower als wir alle.“

„Das hat Patrick nur getan, um sich wieder einzuschmeicheln.“

Verstimmt verschränkte Alexi die Arme. Die Erwähnung von Patrick Vaughan, dem Redakteur beim Sunday Sentinel, der zur Zeit des Stellenabbaus bei der Zeitung auch ihr Liebhaber gewesen war, wurmte sie immer noch. Patrick war völlig klar gewesen, dass Alexis Stelle gestrichen werden sollte, hatte sie jedoch nicht vorgewarnt. Noch hatte er sich für sie eingesetzt. Sie wusste, dass er das inzwischen bereute. Er hatte angenommen, dass sie sich eine Weile in Lambourn verkriechen würde, dort aber schnell gelangweilt wäre. Danach, so dachte er, musste Alexi einfach zur Zeitung zurückkehren, um die niedrigere Position anzunehmen, die man ihr angeboten hatte.

Wie wenig er sie doch kannte!

Seitdem war er ein immerwährender Stachel in ihrem Fleisch, doch mittlerweile war der Kontakt zwischen ihnen völlig zum Erliegen gekommen. Dass er mit Jacks Geschäftspartnerin Cassie gemeinsame Sache gemacht hatte, um Alexi in Lambourn unmöglich zu machen, nahm sie ihm schwer übel. Patrick hatte jedoch darauf spekuliert, dass ihre Unbeliebtheit sie zu einer Rückkehr in vertraute Gefilde zwingen würde. Beinahe war der Plan aufgegangen, was zum allergrößten Teil auf Polly Pearsons Konto ging. Sie war die Eigentümerin einer Pension im Dorf und bekannt dafür, die Urheberin übler Gerüchte zu sein. Sie war auch die treibende Kraft hinter dem Versuch gewesen, Alexi aus Lambourn zu vertreiben. Alexi wusste nicht, was diese Frau gegen sie hatte.

Doch all dies spielte nun keine Rolle mehr. Der Sentinel kam nicht länger in den Genuss ihrer Arbeiten. Die Konkurrenz hingegen sog sämtliche Artikel, die Alexi einreichte, auf wie ein Schwamm, was Patrick hoffentlich in Verlegenheit brachte und ihm zeigte, wie falsch sein Verhalten gewesen war.

„Na ja“, sagte Alexi. Sie lächelte und zog sanft an einem von Veritys Pferdeschwänzen, als das kleine Mädchen zu ihr hinübertrottete und ihr eine Blume schenkte. Dabei hatte sie nicht daran gedacht, auch den Stiel zu pflücken. „Danke, Süße. Ist die für mich?“

„Sie ist eine echte Naturliebhaberin“, sagte Cheryl voller Stolz.

„Wenn das so ist, sollten wir ihr wahrscheinlich beibringen, auch den Stiel zu pflücken.“

Cheryl setzte einen gespielt beleidigten Gesichtsausdruck auf. „Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.“

„Da hast du recht. Aber was ich eigentlich sagen wollte – nachdem jetzt endlich wieder Ruhe eingekehrt ist und niemand die Frechheit besitzt, sich auf unserem Grund und Boden umbringen zu lassen, können wir uns hoffentlich auf einen ruhigen und gewinnbringenden Sommer freuen.“

„Darauf trinke ich, oder würde es zumindest tun …“ Als Cheryls Worte verklungen waren, grinste sie über das ganze Gesicht und legte beschützend eine Hand auf ihren Bauch.

„Cheryl?“ Alexi betrachtete ihre Freundin, als ihr eine wichtige Erkenntnis dämmerte. „Verschweigst du mir etwas?“

„Na ja …“ Cheryls Lächeln wurde noch breiter. „Wir wollten es noch für uns behalten, bis wir uns ganz sicher sind, dass alles in Ordnung ist, aber …“

Alexi stieß ein Kreischen aus, sprang auf und umarmte Cheryl stürmisch. „Verity bekommt ein Geschwisterchen. Wow! Herzlichen Glückwunsch! Wann ist es denn so weit?“

„An Weihnachten.“

„Das ist ja großartig.“ Alexi setzte sich wieder hin. „Kein Wunder, dass Drew seit Wochen wie ein Honigkuchenpferd grinst. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Schließlich war ich mit meinem Buch beschäftigt“, fügte sie hinzu und bezog sich damit auf ihren Vorschuss für eine Sammlung von Enthüllungsstorys. Darin berichtete sie über Fälle von Missbrauch, Korruption und Gewaltverbrechen, bei denen die Täter ungeschoren davongekommen waren. Diese Geschichten hatte sie damals für den Sentinel geschrieben. Sie waren jedoch nie veröffentlicht worden, weil die Rechtsabteilung der Zeitung keine Klage riskieren wollte. Nun tat sich eine neue Gelegenheit auf, die Fakten darzulegen und auf die Schlupflöcher im Rechtssystem hinzuweisen, die für einen versierten Verteidiger zu gut waren, um sie nicht zu nutzen. Alexi hatte schnell bemerkt, dass eine freiberufliche Tätigkeit ihre Vorteile hatte.

„Der erste Entwurf ist fertig, aber das spielt jetzt keine Rolle. Deine Neuigkeiten sind viel wichtiger. Ich will alles wissen.“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen, außer dass mir jeden Morgen speiübel ist. Also komm schon, erzähl mir mehr über dein Buch. Das interessiert mich.“

„Na ja, ich bin damit zufrieden. Jetzt ist der Redakteur an der Reihe. Die Zeit wird es zeigen, ob der Verlag den Mut hat, zu seinem Urteil zu stehen. Das sollte kein Wortspiel sein. Ich habe ihnen geliefert, was sie wollten. Hoffentlich sind sie nicht so feige wie mein früherer Arbeitgeber. Außerdem glaube ich nicht, dass ich irgendetwas Verleumderisches geschrieben habe.“ Sie grinste. „Provokativ vielleicht, aber das ist etwas anderes. Provokation erhöht die Verkaufszahlen. Jedenfalls werde ich für euch da sein. Ich möchte die beste Tante der Welt sein, wenn es bei dir so weit ist. Hofft Drew diesmal auf einen Jungen?“

„Er sagt, es sei ihm egal, aber ich glaube, dass er insgeheim lieber einen Sohn hätte.“

Alexi nickte. „Das wäre wohl das Beste. Er ist so angetan von Verity. Deshalb glaub ich nicht, dass er in seinem Herzen noch Platz für eine weitere Tochter hat.“

„Hey, ich bin schon ein großer Junge.“ Riesige Arme schlangen sich um Alexis und Cheryls Nacken. Für einen Mann seiner Größe bewegte sich Drew bemerkenswert lautlos fort. Offenbar hatte er ihr Gespräch mitangehört. „Und ich habe mehr als genug Platz in meinem Herzen für all die Frauen in meinem Leben.“

Alexi sprang auf und umarmte ihn. „Herzlichen Glückwunsch!“

„Dann hat Cheryl es dir also erzählt. Ich wollte eigentlich, dass wir es noch eine Weile für uns behalten, nur bis wir sicher sind, dass mit dem Baby alles in Ordnung ist. Aber es war ja klar, dass Cheryl es dir einfach sagen musste.“

„Und warum sollte sie das nicht tun?“, fragte Alexi, die beobachtete, wie Verity zu Drew lief und er in die Hocke ging, um sie aufzufangen. Er wirbelte sie in der Luft herum und brachte sie zum Lachen. „Du hast deinen Teil beigetragen. Jetzt ist es an Cheryl, das Leben zu genießen.“

Drew verzog missbilligend das Gesicht. „Ich hoffe, du willst damit nicht andeuten, dass sie die Sache nicht genossen hat.“ Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. „Dazu gehören zwei, weißt du.“

„Das habe ich schon gehört. Ich hatte noch nie das Bedürfnis, selbst Mutter zu werden. Der bloße Gedanke an die ganze Verantwortung macht mir Angst.“

„Du hattest auch nie den richtigen Mann dafür. Mit Jack ist das anders“, erwiderte Drew. Er setzte sich neben seine Frau und sah Verity dabei zu, wie sie hinter Cosmo und Toby hertrottete.

„Wir haben gerade darüber spekuliert, ob das ein gewinnbringender Sommer für Hopgood Hall wird“, merkte Alexi an.

„Dank dir wird er das bestimmt. Wir haben haufenweise Buchungen für Konferenzen. Das Nebengebäude ist fast durchgehend belegt.“ Drew hielt inne und rieb sich das Kinn. „Und geführte Touren zu den Pferdehöfen, was auch dein Vorschlag war.“

„Na ja, die Pferdeausbilder scheinen immer knapp bei Kasse zu sein, und das trotz der horrenden Preise, die sie verlangen. Deshalb dachte ich, es ist sinnvoll, ein paar von ihnen ins Boot zu holen.“

„Vor ein paar Jahren haben wir das schon einmal versucht. Das war noch vor der Pandemie. Damals haben sie uns alle abgewiesen.“ Drew zuckte mit den Schultern. „Aber jetzt nagen sie anscheinend genauso am Hungertuch wie jeder andere auch und sind nicht mehr so hochnäsig.“

Alexi lächelte. „Das hat sie wohl auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht.“

„Wann kommt eigentlich Jack zurück?“, fragte Drew. „Er ist schon seit Ewigkeiten weg. Ich habe fast vergessen, wie er aussieht.“

„Er hat seinen Fall aufgeklärt. Heute berichtet er seinem Klienten darüber, kümmert sich um den Papierkram und dann kommt er her.“

„Und kann für Nachwuchs sorgen“, regte Drew an und wackelte erneut mit den Augenbrauen.

Alexi lachte. „Wir sind nicht alle auf Fortpflanzung aus“, betonte sie. „Die Welt ist schon überbevölkert genug.“

„Mir scheint es, als ob Jack zu beschäftigt wäre, um für Nachwuchs zu sorgen, selbst wenn du welchen wolltest“, sagte Cheryl. „Wir bekommen ihn kaum noch zu Gesicht.“

„Oh, er muss einfach Prioritäten setzen“, versicherte Alexi ihren Freunden.

Drew grinste. „Darauf würde ich wetten!“

„Jedenfalls haben er und Cassie beschlossen, weiterhin zusammenzuarbeiten.“

„Und das, nachdem sie dich auf so miese Art aus Jacks Leben drängen wollte?“ Cheryl verzog beleidigt das Gesicht. „Wie soll das funktionieren? Das Vertrauen muss völlig zerstört sein. Und, was noch wichtiger ist – wie geht es dir denn damit? Als wir das letzte Mal über diese Sache gesprochen haben, sagtest du, dass sie über die Zukunft der Firma nachdenken. Ich habe angenommen, dass er entweder seine eigene Detektei eröffnet oder jemanden einstellt, der Cassies Aufgaben übernimmt.“

„Das ist nicht so einfach.“ Alexi wedelte mit der Hand herum. „Heutzutage werden viele Ermittlungen online durchgeführt. Jack hasst das. Er ist lieber draußen, steckt seine Nase in fremde Angelegenheiten und folgt seinem Instinkt. Cassie hingegen kann Computern so ziemlich jedes Geheimnis entlocken.“

„Ich verstehe.“

„Außerdem sind sie zu gleichen Anteilen an der Detektei beteiligt. Falls sie die Firma aufteilen, müssten sie eine Wertfeststellung vornehmen, auf welche Weise auch immer, und einer müsste den anderen auszahlen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich das einer von den beiden leisten kann. Jedenfalls war ich diejenige, die Jack überzeugt hat, eingehend darüber nachzudenken und sich nicht vom Ärger leiten zu lassen. Cassie ist wirklich nicht mein Lieblingsmensch, aber sie wurde von Meisterhand manipuliert, als sie diese Intrige gesponnen hat.“

„Von Patrick“, sagte Cheryl und verzog das Gesicht.

„Ganz genau“, stimmte Alexi zu. „Er hat Cassies Schwäche für Jack und ihre Vorbehalte mir gegenüber ausgenutzt. Wahrscheinlich war sie Wachs in Patricks Händen. Aber jetzt hatte Jack eine eingehende Unterhaltung mit ihr. Er ist sich sicher, dass Cassie nicht mehr über die Stränge schlägt. Patrick hatte ihr eingeredet, dass es mir auf dem Land schnell langweilig werden und ich nach London zurückkehren würde. Cassie hat ihm geglaubt, weil sie ihm glauben wollte.“

„Sie dachte, sie bewahrt Jack vor einem gebrochenen Herzen“, sagte Drew. „Ich kann verstehen, warum sie das geglaubt hat. Patrick kann ziemlich überzeugend sein.“

„Allerdings läuft das Geschäft hervorragend. Sie stellen noch einen Ermittler ein, der Jack etwas Arbeit abnimmt.“

„Das sind ja gute Neuigkeiten“, sagte Drew. Er sprang auf und hielt Verity fest, die kurz davorstand, erneut hinzufallen.

Als ob er gespürt hätte, dass über ihn gesprochen wurde, kam Jack gerade in diesem Augenblick in den Garten.

„Wie ich sehe, seid ihr schwer beschäftigt.“

Alexis Herz machte einen Satz, als sie seine Stimme hörte. Langsam drehte sie sich zu ihm um. Sie genoss seinen Anblick in Jeans und seiner Lieblingslederjacke, die eindeutig schon bessere Tage gesehen hatte. Seine Haare waren etwas zu lang und fielen über seine Augen, die er hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt hatte. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sexy er aussah, und das ohne jede Anstrengung. Nicht zum ersten Mal fragte sich Alexi, womit sie so einen gut aussehenden Mann verdient hatte.

„Immer doch“, erwiderte sie und wandte sich ihm zu, um ihn zu küssen.

Jack holte sich einen Stuhl und stellte ihn neben Alexi.

„Überall im Dorf sind Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs“, sagte er. „Ich bin froh, dass sie diesmal nicht in unsere Richtung fahren.“ Er verzog das Gesicht. „Kurz habe ich mir Sorgen gemacht.“

„Mach bloß keine Witze darüber“, tadelte ihn Cheryl. „Alexi und ich haben uns gerade darüber gefreut, dass uns ein Sommer ohne Morde bevorsteht.“

„Das wäre zu schön“, stimmte Jack zu. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und überkreuzte die Beine.

„Die Polizei ist wahrscheinlich mal wieder Pferdedieben auf der Spur“, erklärte Drew. „Ich habe gehört, dass ein paar Pferde von einem Hof verschwunden sind.“

„Ich dachte, die würden besser bewacht als der Goldschatz des Landes“, warf Alexi verwundert ein. „Alarmanlagen, Überwachungskameras, elektrische Tore …“

„Wo ein Wille ist“, sagte Drew und zuckte mit den Schultern.

„Haben die Pferde keinen Chip, so wie das bei Hunden der Fall ist?“, fragte Cheryl. „Ich meine, wie kann man sie dann verkaufen?“

„Hengste könnten zur Besamung einer Stute mit gutem Stammbaum herangezogen werden, vermute ich“, erwiderte Jack. „Keine Ahnung. Ich bin jetzt außer Dienst.“ Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Und ich nehme mir nächste Woche frei, um mich meiner Freundin zu widmen. Das ist schon lange überfällig.“

„So viel zur Besamung“, sagte Drew grinsend.

„Drew, ich bin nicht so der mütterliche Typ. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Nicht alle von uns wollen kleine Menschen um uns herumlaufen haben, die Chaos verursachen“, sagte Alexi. Trotz ihrer Worte musste sie lächeln.

„Rede dir das ruhig ein“, sagte Cheryl.

„Cheryl und Drew vergrößern ihre Familie“, erzählte Alexi Jack. „Verity bekommt an Weihnachten ein Geschwisterchen.“

„Glückwunsch!“ Jack richtete sich auf, stand auf und schüttelte Drew die Hand. Dann umarmte er Cheryl und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Cosmo stolzierte zu Jack hinüber und schob seinen Kopf unter seine Hand, weil auch er etwas Zuwendung brauchte. Jack lachte, als er den Kater kraulte.

„Möchtest du für ein paar Tage wegfahren?“, fragte Jack Alexi, nachdem das Thema des Neuzugangs erschöpft war. „Ich habe dabei an den Lake District gedacht. Da gibt es bestimmt ein paar katzenfreundliche Hotels.“

„Es gibt katzenfreundlich, und es gibt Cosmo“, betonte Drew. „Er ist nichts für schwache Nerven. Du weißt ja, wie er sich benimmt, wenn er jemanden nicht mag.“

„Allmählich wird er altersmilde“, sagte Alexi abwehrend, was allen ein Lächeln entlockte. „Und ja, ein paar Tage Urlaub wären wunderbar. Gerade haben wir beide relativ wenig auf unseren Schreibtischen, also ist der Zeitpunkt genau richtig.“

„Allerdings, und wir haben ja den neuen Ermittler. Alles, was in der nächsten Woche an Arbeit hereinkommt, ist sein Problem.“

„Wen habt ihr denn eingestellt?“, fragte Alexi, die wusste, dass es eine Menge Bewerber für die Stelle gegeben hatte.

„Danny Fisher.“

Alexi nickte. „Das habe ich mir schon gedacht. Lieber nimmst du jemanden, den du kennst.“

„Genau. Wir haben bei der Met zusammengearbeitet“, erklärte Jack Cheryl und Drew. „Er hat mir zur Seite gestanden, als die Presse mich fertigmachen wollte und die Bosse mich fallen gelassen haben. Er ist ziemlich ernüchtert vom Polizeidienst und wollte eigentlich vorzeitig in den Ruhestand gehen. Aber mit fünfundvierzig ist er noch zu jung zum Däumchendrehen. Wie viele Polizisten ist er geschieden, weil seine Ehe die unerfreulichen Arbeitszeiten nicht überstanden hat. Seine Kinder sind inzwischen erwachsen. Jetzt hat er keine anderweitigen Verpflichtungen mehr und ist bereit, nach Newbury umzuziehen.“

„Versteht er sich denn mit Cassie?“, fragte Alexi.

„Anscheinend. Jedenfalls sind wir übereingekommen, dass er den Anforderungen genügt. Er fängt am Montag bei uns an.“

„Braucht er vielleicht eine Unterkunft, bis er eine Wohnung gefunden hat?“, fragte Cheryl. „Er könnte hier im Hotel wohnen.“

„Danke, Cheryl.“ Jack nickte ihr zu. „Ich schlage es ihm vor. Keine Ahnung, ob er sich schon um eine Bleibe gekümmert hat.“

„Wahrscheinlich hat er noch nicht einmal darüber nachgedacht“, sagte Alexi und verdrehte die Augen.

„Es wird die angespannte Stimmung zwischen Cassie und dir auflockern, wenn noch jemand im Team ist“, sagte Drew.

„Hoffentlich“, erwiderte Jack nachdrücklich.

Ein Tumult ließ sie alle zur Hintertür des Hotels blicken. Alexi erkannte die Frau, die dort stand. Sie hätte jedoch nie erwartet, dass sie auch nur einen Fuß auf das Grundstück von Hopgood Hall setzen würde. Dennoch flog sie nun geradezu durch die Tür und ruderte mit den Armen. Tränen strömten ihr über das Gesicht.

„Sie müssen mir helfen!“, schrie Polly Pearson, Alexis ärgste Feindin im Dorf. „Ich werde des Mordes bezichtigt.“

2

Jack erholte sich als Erster von dem Schock, den Pollys Ankunft im Hotel ausgelöst hatte. Von ihrer dramatischen Eröffnung, eine Mordverdächtige zu sein, ganz zu schweigen. Das erklärte zumindest die Anwesenheit der Polizei, die ihm bei seiner Fahrt durch das Dorf aufgefallen war. Jack, Alexi und die Hopgoods hielten sich im privaten Teil des Gartens auf, der nur für die Familie zugänglich war, doch im öffentlichen Teil, der sich auf der anderen Seite der Hecke erstreckte, gingen ein paar Hotelgäste spazieren. Pollys Ankunft hatte sie neugierig gemacht. Instinktiv kamen sie näher, weil sie spürten, dass ein Drama seinen Lauf nahm.

„Darüber unterhalten wir uns besser in der Küche“, sagte Jack. Er legte eine Hand auf Pollys Rücken und führte sie in die richtige Richtung.

Er sah Alexi an und nickte in Richtung der neugierigen Gäste. Sie hatte ihn eindeutig verstanden. Ihr Unmut über Pollys Eindringen war spürbar. Das war wenig überraschend, wenn man bedachte, wie böswillig Polly Alexi verleumdet hatte. Jack hatte keine Ahnung, ob seine Freundin bereit war, Polly zu helfen. Er wollte sich zuerst anhören, was sie dazu zu sagen hatte, und dann eine Entscheidung treffen.

Polly war eine große, schlanke Frau. Jack schätzte sie auf Mitte vierzig. Mit ihrem tränenüberströmten, aufgedunsenen Gesicht sah sie gerade eher wie sechzig aus. Ihr schulterlanges blondes Haar zeigte bereits erste graue Stellen am Haaransatz. In den Falten auf ihren Wangen hatte sich Mascara abgesetzt.

Als sie in der Küche angekommen waren, führte Jack Polly zu dem polierten Tisch aus Kiefernholz. Cosmo, der immer wachsam war und jede sich anbahnende Krise spürte, war ihnen gemeinsam mit Toby vorausgelaufen. Der Kater stolzierte zu Polly hinüber und ließ seinen Blick auf ihr ruhen. Sein hoch aufgerichteter Schwanz zuckte missbilligend, und er stieß ein warnendes Fauchen aus. Dann zog er sich in Tobys Körbchen zurück, wo er den meisten Platz einnahm. Toby wedelte mit seinem Stummelschwanz und machte es sich in der Ecke bequem, die Cosmo ihm gnädigerweise überließ.

„Setzen Sie sich, sonst kippen Sie noch um“, sagte Jack zu Polly.

Polly tat wie geheißen, schnäuzte in ein Taschentuch und wischte sich über die Augen. Drew schenkte reichlich von dem Brandy, den er normalerweise zum Kochen benutzte, in ein Glas und reichte es Polly.

„Trinken Sie das. Es beruhigt die Nerven“, sagte er in neutralem Tonfall. Genau wie Jack war er sich darüber im Klaren, dass diese boshafte Frau mit ihren Gerüchten Alexi schreckliche Unannehmlichkeiten bereitet hatte. Auch er betrachtete sie mit Skepsis, weil sie die Nerven hatte, sie in ihrer Stunde der Not um Hilfe zu bitten. Den teuren Brandy, den Drew hinter der Hotelbar aufbewahrte, hatte sie eindeutig nicht verdient. Das sah Jack genauso.

Jack warf Alexi einen Blick zu. Sie stand an der Tür, die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt. Ihr Gesichtsausdruck war wie versteinert. Jack sah sie fragend an. Er würde Polly ohne Zögern zum Teufel jagen, falls Alexi ihm ein Zeichen gab. Sie hatte ihn eindeutig verstanden und schüttelte den Kopf, was Jack nicht überraschte. Alexi hatte ein großes Herz und viel Mitgefühl mit anderen. Zweifellos war sie auch neugierig zu erfahren, wer ermordet worden war und warum Polly die Hauptverdächtige war.

„Warum kommen Sie damit zu uns?“, fragte Alexi in einem neutralen Tonfall, der nichts über ihr Innenleben preisgab.

Polly schüttete den Brandy so schnell hinunter, dass sie husten musste. Alexi schwieg, bis sie sich wieder erholt hatte. Jack war sich darüber im Klaren, dass Alexi die Frau nicht mit ihrer Ausweichtaktik durchkommen lassen würde. Immerhin musste sie mit der Frage gerechnet haben. Pollys Antwort würde großen Einfluss darauf haben, ob sie und Jack Alexis Erzfeindin helfen würden oder nicht.

„Ich … Ich wusste nicht, wohin ich sonst gehen soll“, erwiderte sie schließlich. Dabei klang sie gleichzeitig jämmerlich und verzweifelt.

„Und Sie glauben, dass wir Ihnen helfen, weil …?“

Polly hatte die ganze Zeit Jack angesehen, wandte sich nun aber Alexi zu. „Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich war Ihnen gegenüber ein richtiges Miststück.“

„Sie und noch ein paar andere Leute“, erwiderte Alexi. „Bis jetzt weiß ich nicht, was ich getan habe, um Ihre Feindseligkeit zu verdienen.“

Anstatt die Frage zu beantworten, wandte Polly ihre Aufmerksamkeit wieder Jack zu. „Sie haben keine Ahnung, oder?“

„Nein“, erwiderte Jack ohne Zögern. „Sollte ich?“

„Ich führe die Pension in Lambourn seit fünf Jahren.“ Sie hielt inne, trank noch einen Schluck Brandy und schluckte diesmal vorsichtiger. „Davor habe ich bei Holby gearbeitet.“

„Das ist der Hauptsitz einer Speditionsgesellschaft, die landesweit tätig ist“, erklärte Cheryl. „Ihre Lastwagen sieht man überall.“

Jack konnte sehen, dass Alexi verstanden hatte. Genau wie er. „Sie haben mit Grace, meiner Exfrau, zusammengearbeitet, nehme ich an?“, fragte er bissig.

„Und Sie haben geglaubt, dass ich ihr Jack ausgespannt habe“, fügte Alexi hinzu. Sie schüttelte verächtlich den Kopf, als der Groschen gefallen war. „Warum zum Teufel denken Sie so etwas? Sie wissen nichts über mich oder meine Beziehung zu Jack.“ Aufgeregt gestikulierte sie in der Luft herum.

„Das ist es nicht.“ Polly rang die Hände in dem Versuch, das Unerklärliche zu erklären. „Grace und ich waren eng befreundet. Sie hat doch sicher mal meinen Namen erwähnt?“ Wieder sah sie Jack an.

„Ich erinnere mich vage daran, dass sie über eine Polly gesprochen hat, hatte aber keine Ahnung, dass Sie das sind. Ich bin mir sicher, dass wir uns noch nie getroffen haben.“

„Damals waren Sie noch bei der Polizei. Sie mussten immer arbeiten, wenn es eine Firmenveranstaltung gab.“ Ihr Tonfall war anklagend, was Jack in Anbetracht der Tatsache, dass sie seine Hilfe benötigte, verblüffend fand. Sein Privatleben war schließlich seine Sache.

„Es geht Sie ja nichts an“, sagte er in säuerlichem Tonfall, „aber Grace und ich waren schon lange geschieden, als ich Alexi kennengelernt habe.“

„Sie sind mit Ihrer Freundin in Kontakt geblieben“, warf Alexi ein. „Dann haben Sie ihr von Jack und mir erzählt und beschlossen, mich aus falsch verstandener Loyalität zu verleumden. Oder hat sie Sie etwa darum gebeten? Außerdem, warum sollte gerade ich Ihnen helfen, jetzt, wo Sie mitten in einem Mordfall stecken?“

„Es tut mir leid.“ Polly senkte ihren Kopf. Ihre Tränen tropften auf die Tischplatte. „Wirklich.“

„Darauf würde ich wetten“, murmelte Alexi.

Jack hatte Alexi noch nie so wütend erlebt. Sie war immer gerne bereit, Menschen in Not zu helfen. Die Dreistigkeit dieser Frau raubte ihm jedoch den Atem. Und da hatte er geglaubt, schon alles gesehen zu haben.

„Grace bereut die Trennung sehr. Sie hat gehofft, dass Sie beide wieder zusammenfinden, nachdem Sie die Polizei verlassen haben“, sagte Polly in die anhaltende Stille.

„Das ist mir klar. Sie weiß aber, dass das nicht passieren wird.“ Jack legte seinen Kopf in den Nacken und schloss die Augen.

„Okay.“ Alexi zog den Stuhl gegenüber von Polly heraus. „Es bringt nichts, diese Dinge wieder aufzuwärmen. Erzählen Sie uns doch, warum Sie hergekommen sind. Zuerst müssen wir die Fakten klären. Wir müssen wissen, wer ermordet wurde und warum Sie verdächtig sind.“

„Mein Lebensgefährte, Gerry Dawlish. Heute ist er nicht zum Frühstück gekommen, aber das ist nicht ungewöhnlich. Er arbeitet als Fernfahrer bei Holby. Wir haben uns kennengelernt, als ich noch dort gearbeitet habe. Danach sind wir in Kontakt geblieben und jedes Mal, wenn sein Fahrplan ihn in diese Gegend geführt hat, hat er bei mir übernachtet. Unsere Beziehung wurde immer enger.“

„Das war dann wohl keine richtige Partnerschaft“, sagte Drew. „Eher eine Freundschaft mit gewissen Vorzügen.“

Polly zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Jedenfalls ist er gestern Abend erst spät angekommen. Wahrscheinlich war er länger unterwegs als erlaubt, um seinen Zeitplan einzuhalten, also habe ich ihn ausschlafen lassen. Als er beim Mittagessen immer noch nicht aufgetaucht war, wollte ich ihn aufwecken. Ich wusste, dass er nachher wieder losmusste, und dann …“ Sie stieß einen erstickten Schluchzer aus. „Dann habe ich ihn in unserem Bett gefunden, mit einem Messer in der Brust.“

„Mein Gott!“, murmelte Cheryl.

„Das ganze Blut. Es war überall, und dieser Geruch.“ Wieder fing sie an zu weinen. „Diesen Geruch werde ich nie mehr vergessen.“

„Haben Sie überprüft, ob er noch am Leben war?“, wollte Jack wissen.

„Natürlich, obwohl seine Augen ganz starr waren. Dann habe ich die Polizei gerufen. Mehr weiß ich nicht.“

„Wer ist dann gekommen?“

„Zuerst ein Streifenwagen, und danach ein ganzes Aufgebot. Die Spurensicherung, Detectives …“

„Erinnern Sie sich an den Namen des verantwortlichen Ermittlers?“, fragte Alexi und warf Jack einen Blick zu. Beide wollten wissen, ob es DI Vickery war. Er war ein Freund von Jack und hatte schon in den letzten drei Mordfällen in Lambourn ermittelt. Vickery war nicht nur gerecht, sondern auch gründlich. Jack konnte nicht sagen, ob er sich wünschte, dass er den Fall leitete. Falls nicht, wäre es leichter für ihn, sich aus der Sache herauszuhalten und Polly ihrem Schicksal zu überlassen.

„Vickery“, sagte Polly. „Ich habe ihn hier gesehen, als dieser Mann ermordet wurde. Kennen Sie ihn?“

„Können Sie uns sagen, welche vorläufigen Schlüsse er gezogen hat?“, fragte Jack, der damit Pollys Frage gekonnt auswich.

„Er hat gefragt, wer alles Zugang zu unserem Schlafzimmer hatte. Ich habe ihm gesagt, dass ich im Moment drei Zimmer vermiete. Unsere Eingangstür ist nie verschlossen, und die Tür zu meinen privaten Räumen auch nicht. Jeder hätte hineingehen können. DI Vickery hat auf mich nicht den Eindruck gemacht, als würde er mir glauben. Er hat mir eine Menge Fragen gestellt, ob einer meiner derzeitigen Gäste Gerry kennt oder Probleme mit ihm hatte. Außerdem wollte er wissen, ob Gerry und ich Streit hatten, was leider der Fall war. Gestern Abend sind wir heftig aneinandergeraten. Er war betrunken und ist laut geworden, weshalb ich vermute, dass ihn zumindest ein paar der Gäste gehört haben müssen. Das sieht nicht gut aus für mich.“

„Hat er betrunken hinter dem Steuer gesessen?“, fragte Alexi. Die Missbilligung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Nein. Er hat seinen Lastwagen abgestellt und ist ins Pub gegangen, denke ich.“

„Hat die Polizei gesagt, wie lange er schon tot war?“, fragte Jack.

„Na ja, ich habe ihnen gesagt, dass er gesund und munter war, als ich um sieben Uhr aufstand. Falls sie aber mich für die Mörderin halten, glauben sie mir bestimmt nicht.“ Sie wischte sich die Tränen mit dem Handrücken ab. „Jedenfalls war er am Leben, als ich das Zimmer verlassen habe. Er hat so laut geschnarcht, dass er Tote hätte aufwecken können. Das schwöre ich auf die Bibel. Vielleicht hat einer meiner Gäste sein Schnarchen durch die Wände gehört“, fügte sie hinzu. Es klang, als ob sie verzweifelt nach Strohhalmen griff.

„Ich könnte mir vorstellen, dass die Polizei noch mal mit Ihnen sprechen will“, sagte Alexi.

„Ich muss morgen um elf Uhr zur Dienststelle. Dort werde ich als Verdächtige verhört. Ich habe solche Angst!“

„Haben Sie sich einen Anwalt genommen?“, fragte Jack.

Sie blinzelte ihn an. „Brauche ich denn einen?“

Jack schüttelte den Kopf. Er war überrascht von ihrer Einfältigkeit, die er allerdings dem Schock zuschrieb. „Es wäre ein großer Fehler, wenn Sie niemanden damit beauftragen würden, Ihre Interessen zu vertreten.“

„Aber ich bin doch unschuldig!“, heulte sie. „Trotz all seiner Fehler habe ich Gerry geliebt. Ich wollte für immer mit ihm zusammenbleiben und war mir ganz sicher, dass er um meine Hand anhalten wird. Dann hätten wir die Pension gemeinsam geführt. Ich hätte meine Teilzeitkräfte entlassen und einen richtigen Gewinn machen können. Wir haben schon darüber gesprochen.“

„Ich muss einen Anruf machen. Ein Freund von mir kann Ihnen vielleicht helfen“, sagte Jack. Er zog sein Telefon aus der Tasche und rief Ben Averys Nummer auf. Der schlaksige Anwalt mit dem dichten roten Haar wurde häufig unterschätzt, weil er so gammelig aussah. So unprofessionell. Jack war sich jedoch darüber im Klaren, dass er einen scharfen Verstand besaß. Was noch wichtiger war, er hatte bereits in der Vergangenheit dazu beigetragen, Verdächtige zu entlasten, und das, obwohl in den letzten beiden Mordfällen in Lambourn alle Indizien gegen seine Klienten gesprochen hatten.

„Allmählich wird das zur Gewohnheit“, sagte Ben, nachdem er Jacks Anruf angenommen hatte.

Er hörte ohne Unterbrechung zu, als Jack ihm die Situation erklärte, und stimmte zu, Polly am nächsten Vormittag um elf Uhr auf der Dienststelle zu treffen.

„Sagen Sie ihr, dass sie nichts aussagen darf, bis ich dort bin. Sie soll mit niemandem über diese Sache sprechen“, riet Ben abschließend und legte auf.

„Ben Avery wird sich morgen bei der Polizei mit Ihnen treffen“, sagte Jack zu Polly. „Sprechen Sie mit niemandem über den Fall, vor allem nicht mit der Polizei, bevor er da ist.“

Polly war wie benommen, nickte jedoch schwach. „Mit wem sollte ich auch darüber sprechen?“

„Alle Ihre Freunde in Lambourn werden wissen wollen, was passiert ist“, betonte Alexi.

„Aber sie sind meine Freunde!“, jammerte Polly.

„Sie haben uns um Rat und Hilfe gebeten. Wenn Sie unsere Unterstützung nicht annehmen wollen, können wir nichts für Sie tun.“ Jacks Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen.

Falls wir Ihnen helfen“, fügte Alexi hinzu.

Polly warf ihr einen ungläubigen Blick zu. Sie wirkte schockiert und bereit, sich zu verteidigen. Vermutlich fiel ihr in diesem Augenblick wieder ein, auf welche gehässige Weise sie Alexis guten Ruf beschmutzt hatte, als die in einer ähnlichen Lage war wie Polly jetzt. Sie schloss ihren Mund, ohne etwas zu sagen. Nur Cosmos gelegentliches Grollen durchbrach die angespannte Stille.

„Alexi, es tut mir leid“, sagte Polly. Sie hielt Alexis Blick stand.

Alexi stieß den angehaltenen Atem aus. „Entschuldigung angenommen“, sagte sie. „Ich verstehe jetzt, dass Sie Ihre Freundin beschützen wollten, aber Sie sollten daran denken, dass es immer zwei Seiten einer Geschichte gibt.“

Polly senkte den Kopf. „Ich verstehe.“

Jack und Alexi sahen sich an. Alexi nickte. Da verstand Jack, dass sie bereit war, Polly zu helfen, nachdem sie die Wogen mehr oder weniger geglättet hatten. Genau das hatte er vermutet. Welche bösartigen Lügen seine Ex-Frau verbreitet hatte, um Polly dermaßen gegen Alexi aufzuhetzen, war allerdings eine ganz andere Sache. Es beschäftigte Jack mehr, als er zugab.

„Was passiert jetzt?“, fragte Polly.

„Wir könnten den Fall der Polizei überlassen“, sagte Drew, der eindeutig nicht annähernd so geneigt war, zu vergeben und zu vergessen. Nicht, nachdem Polly Alexis Ruf solchen Schaden zugefügt hatte.

Polly schüttelte den Kopf. „Die Polizei glaubt, dass ich es war. Sie suchen nicht ernsthaft nach weiteren Verdächtigen. Der Gesichtsausdruck des weiblichen Detectives hat alles gesagt.“

„DC Hogan?“, fragte Alexi.

„Das ist ihr Name.“ Polly rümpfte die Nase. „Sie hat mich angesehen wie etwas, das sie von ihrer Schuhsohle abgekratzt hat.“

Jack nickte, wohl wissend, dass Vickery gerechter war als manch anderer Polizist. Dennoch erschien dieser Fall bei oberflächlicher Betrachtung eindeutig.

„Wenn Sie unsere Hilfe wollen, müssen Sie vollkommen ehrlich zu uns sein. Ist das klar?“ Jack durchbohrte sie geradezu mit seinem Blick. „Falls Sie uns anlügen oder etwas vor uns verheimlichen, müssen Sie selbst sehen, wie Sie zurechtkommen.“

Polly nickte.

Drew, der Verity in seinen Armen hielt, nickte Cheryl zu. „Dann überlassen wir euch das Feld“, sagte er.

„Was wollen Sie wissen?“, fragte Polly, als Drew die Tür hinter sich geschlossen hatte. Sie hielt Jacks Blick stand.

„Alles. Fangen wir mit dem Opfer an. Wie lange kennen Sie und Gerry sich schon?“

„Sieben oder acht Jahre. Wie ich schon gesagt habe, haben wir uns bei Holby kennengelernt. Er war überall beliebt, immer der strahlende Mittelpunkt. Ein gut aussehender Mann, den die Frauen vergötterten, aber er war auch bei den Männern beliebt, falls das irgendeinen Sinn ergibt. Er hatte nie Schwierigkeiten mit jemandem. Seiner Meinung nach kostete es zu viel Mühe, einen Groll gegen jemanden zu hegen.“

Jack nickte. „Sprechen Sie weiter.“

„Vor sechs Jahren ist meine Mutter gestorben und mir wurde ihre Lebensversicherung ausgezahlt. Ich wollte schon immer im Gastgewerbe arbeiten. Außerdem liebe ich Pferde. Dass die Pension in Lambourn genau zu dieser Zeit zum Verkauf angeboten wurde, erschien mir wie eine Fügung. Mein Angebot wurde akzeptiert, aber dann habe ich kalte Füße bekommen. Ich meine, das wollte ich zwar tun, hatte aber keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet und musste alles Vertraute zurücklassen. Deshalb war ich mir unsicher, ob ich das schaffe, aber Gerry hat mich in meinem Entschluss bestärkt. Er meinte, dass er Frauen mag, die wissen, was sie wollen. Außerdem versprach er, auf dem Weg in den Norden regelmäßige Zwischenstopps bei mir einzulegen. Das hat mich überzeugt.“

„Sie waren in ihn verliebt“, vermutete Alexi. Ihre Stimme war nun sanfter.

Polly rang die Hände. „So lächerlich es vielleicht klingt, ja, das war ich. Warum also sollte ich ihn umbringen?“

„War er oft bei Ihnen? Und wie lange?“, fragte Jack. „Ich erinnere mich nicht, Sie jemals mit ihm im Dorf gesehen zu haben.“

„Er ist ein- oder zweimal im Monat vorbeigekommen, aber nie länger als ein oder zwei Nächte geblieben. Ich fing an, zu glauben, dass ich nicht seine einzige Freundin war. Für ihn war ich nützlich, weil er während seiner Fahrten umsonst bei mir übernachten konnte, wenn Sie so wollen. Deshalb haben wir uns gestritten. Ich hatte genug und stellte ihm ein Ultimatum. Er sollte die Herumfahrerei durch das Land und das Herumhängen mit weiß Gott wem aufgeben und sich zu mir bekennen. Ich wollte, dass er mir hilft, die Pension zu führen. Entweder das, oder es wäre aus und vorbei.“

„Was hat er gesagt?“

„Er hat zugestimmt und gesagt, es sei an der Zeit, sich niederzulassen.“ Wieder strömten Tränen über ihr Gesicht. „Warum sollte ich den Mann töten, den ich liebe? Einen Mann, der für mich alles aufgeben wollte?“

Falls er das vorhatte“, betonte Alexi. Sie hob eine Hand, um Pollys Protest im Keim zu ersticken. „Tut mir leid, aber wir haben nur Ihr Wort, dass er das wollte. Die Polizei könnte die Sache ganz anders sehen.“

„Er hat Sie jahrelang ausgenommen, doch als Sie ein Bekenntnis zu Ihrer Beziehung verlangt haben, hat er Ihnen ins Gesicht gelacht“, fügte Jack hinzu.

„Nein!“ Polly war drauf und dran, aufzustehen. „So war es nicht! Ich dachte, Sie wären auf meiner Seite.“

„Sie müssen alles, was Sie uns gerade gesagt haben, Ben Avery mitteilen, und zwar vor Ihrer morgigen Befragung.“

„Ich kann der Polizei nicht die Wahrheit über unseren Streit erzählen!“, protestierte Polly.

„Ich würde Ihnen dringend davon abraten, wichtige Informationen zurückzuhalten“, gab Jack zurück. „Die Polizei macht das nicht zum ersten Mal.“ Er hielt inne. „Außerdem hat Sie womöglich jemand schreien gehört. Wo in der Pension liegen Ihre privaten Räume?“

„Hinten im Erdgeschoss. Ich habe ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und ein Bad.“

„Und da hatten Sie den Streit mit Gerry?“

Polly nickte.

„Wo liegen die Zimmer Ihrer zahlenden Gäste?“

Polly schluckte. „Direkt über meinen“, gab sie zu.

„Falls Sie sich also gegenseitig angeschrien haben, hätten Ihre Gäste Sie bestimmt gehört.“

Polly blickte mürrisch drein. Plötzlich heiterte sich ihre Miene auf. „Wir hatten Streit“, gestand sie. „Ich habe geschimpft wie ein Rohrspatz. Wissen Sie, ich hatte einfach genug. Er hatte sein Telefon liegen lassen, als er aufs Klo ging. Es hat geklingelt, und der Name einer Frau erschien auf dem Display. Und … na ja, da bin ich wütend geworden, weshalb ich ihm das Ultimatum gestellt habe. Darüber hatte ich schon lange nachgedacht. Grace hat mich ermutigt, ihn zu einer Entscheidung zu zwingen.“

Jack verzog das Gesicht. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, dass seine Exfrau genau das getan hatte.

„Sprechen Sie weiter“, forderte er Polly auf.

„Ich wollte wissen, wer diese Melanie war, aber er wich mir aus. Wie ich schon gesagt habe, schrie er herum, weil er ordentlich Whisky getankt hatte. Als er zu mir kam, trank er weiter. Er sagte, dass er eine schwierige Woche hinter sich habe, aber im Rückblick könnte ich schwören, dass ihn etwas beschäftigt hat. Er war irgendwie kleinlaut und nicht er selbst. Sonst war er immer fröhlich und positiv gestimmt, solange er auch gearbeitet hatte. Und glauben Sie mir, die Arbeitszeiten bei Holby sind lang.“

„Es gibt Vorschriften, die besagen, wie lange Lkw-Fahrer hinter dem Steuer sitzen dürfen“, sagte Alexi.

Polly stieß die Luft aus. „Wirklich?“

„Sprechen Sie weiter“, sagte Jack. „Sie wollten uns von Ihrem Streit mit Gerry erzählen.“

„Na ja, als ich ihn nach dieser Melanie fragte, sagte er mir mehr oder weniger, ich solle mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern. Er sprach mit erhobener Stimme, aber ich war diejenige, die herumkreischte. Weil er mir nichts erzählen wollte, verlor ich die Beherrschung und trommelte mit den Fäusten auf seiner Brust. Ich habe so oft für ihn gekocht, er hat so viele Nächte umsonst unter meinem Dach verbracht, alle sonstigen Vorzüge genossen, ich habe so viele Socken für ihn gewaschen, aber er hat immer Ausreden gefunden, um nicht mit mir ausgehen zu müssen … Ich habe einfach rotgesehen.“

Für Jack klang Gerry wie ein schlimmer Finger, der Polly genau dort hatte, wo er sie haben wollte.

„Allmählich glaubte ich, dass er sich für mich geschämt und ein Doppelleben geführt hat, das er nicht gefährden wollte. Meine Fantasie ging mit mir durch, und dieser Name auf seinem Telefon änderte alles. Also sagte ich ihm, er müsse sich entscheiden: Sie oder ich. Falls er das Leben als Lkw-Fahrer nicht aufgeben und bei mir einziehen würde, um mir mit der Pension zu helfen, wäre alles aus und vorbei. Das habe ich genau so gemeint. Ich glaube, dass er das begriffen hat. Sonst hätte er wohl kaum zugestimmt.“ Sie sah erst Jack und dann Alexi an. „Und das ist die Wahrheit, ich schwöre bei Gott.“

„Na gut“, sagte Jack und hob beschwichtigend die Hand. „Atmen Sie tief durch. Wir gehen jetzt die Einzelheiten durch. Eins nach dem anderen. War Gerry schon einmal verheiratet?“

„Ja, aber die Ehe wurde vor zehn Jahren geschieden. Pauline, seine Ex-Frau, hat wieder geheiratet. Er sieht sie gelegentlich, weil sie zwei gemeinsame Kinder haben. Die beiden sind jetzt im Teenageralter. Die Familie lebt in Southampton. Gerry hat immer den vollen Unterhalt bezahlt, sogar mehr, als er musste. Es gab nie Probleme mit seiner Familie, jedenfalls nichts, was er mir anvertraut hätte.“

„Was ist mit engen Freunden?“, fragte Alexi.

Polly zog die Schultern hoch. „Er kommt mit allen gut aus. Allerdings verbringt er fünf Tage pro Woche auf der Straße. Da bleibt nicht viel Zeit für enge Freundschaften.“

Mit anderen Worten bedeutete das, dass sie keine Ahnung hatte, mit wem er unterwegs verkehrte, schlussfolgerte Jack.

„Was können Sie uns über Ihre Gäste sagen?“, fragte Jack. „Übernachten sie regelmäßig bei Ihnen?“

„Ein Paar ist häufiger bei mir zu Gast. Jane und Derek Grant besitzen einen halben Anteil an einem Pferd hier im Tal. Am Sonntag hat der Hof ihres Pferdeausbilders Tag der offenen Tür. Deshalb sind sie ein paar Tage früher hergekommen. Sie sind gerne bei den Pferden und schauen ihnen beim Training zu. Die beiden haben Gerry ein paarmal getroffen. Ab und zu haben wir alle zusammen etwas getrunken. Mittlerweile sind sie für mich eher Freunde als zahlende Gäste.“

„Und die anderen?“, fragte Alexi.

„Paul und Michelle Sears sind zum ersten Mal hier. Auch sie haben über das Wochenende gebucht. Ich weiß nicht, warum sie schon so früh angekommen sind oder welchen Zweck ihr Besuch hier hat. Das haben sie mir nicht erzählt. Und dann ist da noch ein allein reisender Herr. James Alton. Auch er war vorher noch nie hier. Er hat wohl früher als Jockey gearbeitet und irgendwelche Geschäfte mit einem Buchmacher am Laufen. Hierher kommen oft Scouts, die die Pferde beim Training beobachten.“

Jack nickte. „Bestimmt hat die Polizei schon mit Ihren Gästen gesprochen.“

„Und sie haben ausgesagt, dass sie unseren Streit gehört haben, nehme ich an.“ Polly zuckte mit den Schultern. „Na ja, was hätten sie auch sonst sagen sollen?“

„Was ist mit den Leuten aus dem Dorf?“, fragte Alexi. „Sie sind hier bekannt und haben viele Freunde. Haben Sie sich mit einem davon gestritten?“

Polly schüttelte den Kopf. „Nein, aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, glaube ich nicht, dass einer von ihnen so weit gehen würde, um mir eins auszuwischen.“

Jack sah ein, dass das übertrieben schien, doch es waren schon seltsamere Dinge passiert. Falls Gerry nur halb so attraktiv und flirtfreudig war, wie Polly angedeutet hatte, hatte er sich vielleicht an eine von ihren Freundinnen herangemacht. Und falls er sich nicht zu ihr bekennen wollte … Na ja, wenn man Polly Glauben schenken durfte, löste Gerry die heftigsten Gefühle in anderen Menschen aus, sei es Leidenschaft oder Eifersucht. Es war also alles möglich.

„Haben Sie und Gerry Ihre Freunde auch privat getroffen?“, fragte er.

„Ja, manchmal. Wir haben uns aber immer bei mir zu Hause oder bei ihnen getroffen. Wie ich schon sagte, ist Gerry nicht gerne ausgegangen. Dafür hatte ich Verständnis. Oder ich habe es zumindest geglaubt.“

„Ich habe Sie oft mit Linda Beauchamp gesehen. Sie führt den Lebensmittelladen“, sagte Alexi. „Einmal hat sie sich geweigert, mich zu bedienen, vermutlich, weil sie Sie unterstützen wollte.“

„Das tut mir leid. Davon wusste ich nichts.“

„Sie ist alleinstehend, glaube ich.“

„Stimmt, sie und ihr Mann haben sich vor einigen Jahren getrennt. Seitdem hat sie den Männern abgeschworen. Sie meint, das wäre den ganzen Ärger nicht wert.“

„Und Maggie Ambrose ist die Dritte im Bunde.“

Polly blinzelte, doch Alexis Gesichtsausdruck blieb unbewegt.

„Ja, Maggie leitet das Yoga-Studio. Sie ist sehr spirituell.“

Was sie nicht davon abgehalten hat, sich an Pollys Hexenjagd auf Alexi zu beteiligen, dachte Jack.

„Ich würde Ihnen gerne einen weiteren plausiblen Verdächtigen nennen“, sagte Polly und rang die Hände, „aber mir fällt absolut niemand ein, der einen solchen Groll gegen Gerry gehegt hat, dass er ihn deshalb umbringen wollte. Wirklich, ich wünschte mir, es gäbe da jemanden. Allerdings erscheint es mir, als wüsste ich nicht annähernd so viel über ihn, wie ich dachte.“

„Die Polizei untersucht bestimmt sein Telefon“, sagte Jack. Er rieb sich über das Kinn, während er über den nächsten Schritt nachdachte. „Seine Kontakte könnten uns einen Anhaltspunkt liefern.“

Polly fing wieder an zu weinen. „Es ist hoffnungslos, nicht wahr?“, jammerte sie. „Ich trauere um den Mann, den ich geliebt habe, und versuche zu beweisen, dass ich ihn nicht ermordet habe, obwohl alles gegen mich spricht.“

„Die Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang“, sagte Jack, der sogleich realisierte, wie unangebracht das klang. „Haben Ihre zahlenden Gäste die Pension verlassen?“

„Nein. Die Polizei hat gesagt, dass sie bleiben dürfen. Ich dachte eigentlich, dass sie abreisen. Entweder wollen sie mir zur Seite stehen, oder sie genießen es, im Mittelpunkt einer Mordermittlung zu stehen. Oder sie haben dringende persönliche Angelegenheiten zu erledigen. Schwer zu sagen. Ich darf die Pension betreten, aber nicht meine privaten Räume, weil die ein Tatort sind. Falls ich hineingehe, werde ich verhaftet. Nicht dass ich das wollte, aber dennoch ist es schwer.“

„Na ja, zumindest sind Sie nicht allein. Es sind Zeiten wie diese, in denen wir bemerken, wer unsere wahren Freunde sind“, sagte Alexi spitz.

„Überlassen Sie das uns und gehen Sie nach Hause. Halten Sie Ihren morgigen Termin mit der Polizei unbedingt ein“, sagte Jack. „Rufen Sie mich an, wenn die Befragung vorbei ist. Vielleicht habe ich bis dahin schon etwas herausgefunden.“

„Danke.“ Polly stand auf. „Ich weiß, dass ich Ihre Hilfe nicht verdient habe. Glauben Sie mir, ich bin Ihnen dankbarer, als Sie sich vorstellen können.“

Cosmo warf ihr einen gebieterischen Blick zu und fauchte.