Leseprobe Eine mörderische Story | Ein britischer Cosy Crime

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„Ich freue mich sehr, Sie zu unserem allerersten Kurs für journalistische Arbeiten in Hopgood Hall begrüßen zu dürfen. Für diejenigen von Ihnen, die mich noch nicht kennen: Mein Name ist Alexi Ellis. Bis vor einem Jahr war ich Investigativjournalistin beim Sentinel.“

Alexi war es noch nie schwergefallen, vor Publikum zu sprechen. In ihrem Beruf war Selbstsicherheit eine Grundvoraussetzung. Sie steckte ihre Nase auch gerne in fremde Angelegenheiten. Außerdem brauchte man ein dickes Fell und die notwendige Entschlossenheit, eine Story gegen alle Widerstände zu verfolgen, unabhängig davon, welche Steine einem in den Weg gelegt wurden. Gerade befand sie sich in einer Lage, die sie eigentlich im Schlaf hätte meistern müssen. Dennoch fühlte sie sich unbeschreiblich nervös.

Aus gutem Grund. Sie setzte ihren guten Ruf aufs Spiel, um diesen Kurs zu einem durchschlagenden Erfolg zu machen. Dafür hatte sie Gefallen von ehemaligen Kollegen eingefordert, insbesondere von ihrem früheren Chef und Ex-Liebhaber, Patrick Vaughan. Wenn alles gutging, würde dieser Kurs den guten Ruf des Boutique Hotels in Lambourn, an dem Alexi eine Beteiligung hielt, für lange Zeit festigen. Nach den fragwürdigen Schlagzeilen, die das Hotel im Zuge mehrerer bedauerlicher Vorfälle erhalten hatte, mussten sich die Dinge dringend ändern.

Ihre sechs Kursteilnehmer, die an einem ovalen Tisch im Nebengebäude von Hopgood Hall saßen, sahen Alexi mit freundlicher Neugier an. Der Tisch war mit einem sauberen weißen Tuch bedeckt. Darauf standen Erfrischungen, die noch niemand angerührt hatte. Die wenigen Teilnehmer hatten sich einen der begehrten Plätze im Kurs gesichert, für den Alexi locker zehnmal so viele Bewerber hätte annehmen können. Frauen und Männer aus allen Altersstufen waren schließlich in die Endauswahl gelangt, von Mitte zwanzig bis Mitte siebzig. Auch hatten sie ganz unterschiedliche Biografien. Das war genau Alexis Absicht gewesen. Alle blickten ihre Kursleiterin gespannt an. Sie hingen geradezu an ihren Lippen, was Alexi an einen Haufen Studenten am ersten Tag des Semesters erinnerte. Die Teilnehmer waren offensichtlich nervös und wollten sie beeindrucken. Soweit Alexi wusste, kannten sie sich untereinander noch nicht.

Alle hatten etwas zum Schreiben mitgebracht. Eine der älteren Teilnehmerinnen tippte mit flinken Fingern auf ihrem Tablet, während die jüngste einen altmodischen Füller und Papier vor sich liegen hatte. So viel zu Vorurteilen in Bezug auf Technik, dachte Alexi mit einem ironischen Kräuseln ihrer Lippen.

„Wir wären schlechte Amateurjournalisten, wenn wir Sie nicht erkennen würden“, sagte eine Stimme. Alexi warf einen Blick auf ihre Notizen. Der Mann hieß Peter Foreman, ein Regierungsbeamter mit zerfurchtem Gesicht, stechend blauen Augen und dichtem grau meliertem Haar. Er strahlte Zuversicht aus und betrachtete sich eindeutig als Führungsfigur. Alexi war sich darüber im Klaren, dass er ein Auge auf sie geworfen hatte. Obwohl sie sich gerade erst kennengelernt hatten, versuchte er bei jeder Gelegenheit, bei ihr zu landen. Er schien sogar zu glauben, sie müsse für seine Aufmerksamkeit dankbar sein.

So ein Wichtigtuer!

„Danke.“ Alexi neigte den Kopf zum Dank für das Kompliment. „Wie Sie wissen, werden Sie die nächsten fünf Tage hier verbringen. Peter hat ja gerade noch einmal betont, dass Sie alle ein Interesse an journalistischer Arbeit haben. In diesem Kurs befassen wir uns damit, wie der Beruf sich an die veränderten Umstände anpassen musste, um in Zeiten von Social Media zu überleben. Außerdem sprechen wir über Instant-Nachrichten und öffentliche Vorverurteilung, was wiederum durch Social Media ermöglicht wird.“

„Sie müssen wirklich alles wissen, was es zu wissen gibt“, sagte eine Frau und nickte dabei, als wären Alexis Worte das Evangelium.

„Wenn ich das geglaubt hätte, hätte ich keine fünf Minuten in diesem Job durchgehalten“, erwiderte Alexi und beobachtete, wie die Gesichtszüge der Frau entgleisten. Sie hieß Emily Bairstow und war in ihren Vierzigern, wie Alexi sich erinnerte, als sie ihre Notizen durchlas. Geschieden mit zwei Kindern, wünschte sie sich einen Neuanfang, weil sie jetzt die Chance dazu hatte. Die Frau mit den intelligenten, ausdrucksvollen Augen und dem unaufdringlichen Äußeren war Alexi, die ein ganzes Buch über Neuanfänge hätte schreiben können, instinktiv sympathisch. „Ich habe ja versprochen, dass ich nichts beschönigen werde“, fügte Alexi hinzu und lächelte Emily an, „denn falls hier jemand glaubt, dass Journalismus irgendetwas mit Glamour zu tun hat, fürchte ich, dass es ein böses Erwachen gibt.“

„Es ist rein gar nichts glamourös daran, bei Wind und Wetter draußen zu stehen und darauf zu warten, dass irgendein unbekannter C-Promi aus einem Nachtclub kommt. Lassen Sie sich das von jemandem gesagt sein, der es wissen muss.“

Ein untersetzter junger Mann hatte diese Worte ausgesprochen. Gleich darauf verschränkte er seine muskulösen Arme vor der Brust, als ob er jedem die Stirn bieten wollte, der ihm vielleicht widersprach. Seine Bewerbung hatte Alexi neugierig gemacht. Ein Türsteher aus dem Londoner East End wäre der Letzte gewesen, dem sie ein Interesse an ihrem Kurs zugetraut hätte. Das war einer der Gründe gewesen, warum er es in die engere Auswahl geschafft hatte.

„Danke, Archie“, sagte Alexi. „Ihre Anmerkung bringt mich zu Regel Nummer eins in diesem Kurs. Was ist die goldene Regel in der Welt des Journalismus?“, fragte sie. „Weiß das jemand?“

Eine junge Frau aus Indien hob die Hand. „Schneller sein als die Konkurrenz“, sagte sie.

„Auch das ist wichtig, Ranya, aber ich wollte auf etwas anderes hinaus. Noch jemand?“

Weitere Wortmeldungen folgten. Alexi rief sich wieder ins Gedächtnis, dass keiner dieser Leute ernsthaft als Journalist arbeiten wollte – soweit sie wusste. Sie waren Laien, die sich aus den verschiedensten Gründen für den Beruf interessierten. Manche wollten Kurzgeschichten schreiben, andere Artikel für Lokalzeitungen und Magazine. Einer wollte einen Detektivroman über ein ungelöstes Verbrechen veröffentlichen. Mehrere hatten einfach Interesse am Schreiben, so wie Emily.

Nachdem das Eis gebrochen war, unterhielten die Teilnehmer sich über mehr oder weniger wahrscheinliche Vorschläge. Alexi ermutigte sie, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Doch als sie ihre Hand hob, kam das Gespräch augenblicklich zum Erliegen.

„Die Story“, sagte sie nur. „Nichts ist wichtiger als die Story. Und die Fakten zu überprüfen. Was die Hausfrau aus Nummer sieben über den Mann sagt, der seine Frau bis zu ihrem Tod regelmäßig geschlagen hat, reicht nicht aus. Falls jedoch ein Zeuge gesehen hat, wie der Mann gegenüber seiner Familie gewalttätig wurde, ist das eine ganz andere Sache. Der Zeuge muss in der Lage sein, seine Behauptung zu beweisen. Anderenfalls werden Sie Formulierungen wie angeblich und eines Verbrechens beschuldigt und so weiter verwenden und damit keine wirklichen Neuigkeiten liefern. Auf diese Weise schreiben Sie einfach nur, was bereits in der Öffentlichkeit bekannt ist. Damit langweilen Sie Ihre Leser zu Tode.“

„Das machen die Fernsehreporter immer so“, merkte eine Frau namens Grace Western an. „Sie wiederholen einfach, was der Nachrichtensprecher gesagt hat.“

„Ganz genau“, erwiderte Alexi nickend. Grace, die das Tablet vor sich liegen hatte, war die älteste Kursteilnehmerin. Sie war in ihren frühen Siebzigern, sah aber locker zehn Jahre jünger aus. In ihrem schulterlangen Haar war keine einzige graue Strähne zu sehen, die ihr Alter hätte verraten können. Ihr Gesicht war erstaunlich faltenfrei. Sie war groß und hatte eine Figur, um die sie vermutlich von Frauen beneidet wurde, die halb so alt waren wie sie. Sie hatte eine natürliche Eleganz an sich, die Alexi bewunderte. „Das ist einer der Gründe, warum ich Investigativjournalistin geworden bin und nicht Nachrichtenreporterin. Wie Archie gerade festgestellt hat, ist es ziemlich … na ja, ermüdend, stundenlang herumzustehen und auf die Vorgaben des Senders zu warten.“

„Bei einer gründlichen Recherche können Sie Ihre Fakten allerdings dreifach überprüfen. Das ist doch eine dankbare Aufgabe“, warf Peter ein. Dabei klang er, als ob er wüsste, wovon er sprach. Alexi war der vorlaute Regierungsbeamte weder sympathisch noch gefiel ihr die Art, wie er sie mit seinen Augen auszog. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Der Kurs hatte gerade erst begonnen. Alle waren nervös. Sie würde sich kein Urteil erlauben.

Noch nicht.

„Der Sinn dieses Kurses besteht darin, dass Sie zeigen, was Sie in Sachen Recherche draufhaben“, fuhr Alexi fort. „In den nächsten fünf Tagen dürfen Sie in Lambourn auf die Suche nach einer interessanten Story gehen, aus der Sie einen Artikel für die Newbury Post machen können. Der Redakteur, Bill Naylor, kommt zum Abendessen her, um Sie alle kennenzulernen. Er hat versprochen, die vielversprechendsten Beiträge zumindest auszugsweise zu veröffentlichen.“

Aufgeregtes Murmeln machte sich im Raum breit. Die Teilnehmer hörten zum ersten Mal, dass ihre prosaischen Bemühungen veröffentlicht würden; hauptsächlich, weil Alexi den Redakteur gerade erst dazu hatte überreden können.

„Sie müssen um die Ecke denken“, fügte sie hinzu, „und Regel Nummer zwei im Qualitätsjournalismus beachten. Ich habe sie gerade genannt.“ Sie hielt inne, wohl wissend, dass sie die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer hatte. „Du sollst deine Leser nicht langweilen. Dass beispielsweise Mrs Potts mit ihren Feuerbohnen drei Jahre in Folge gewonnen hat, kann man wohl kaum als bahnbrechende Innovation im Journalismus bezeichnen. Was also ist ihr Geheimnis? Wie stellt sie ihre Konkurrenz in den Schatten, um jedes Jahr aufs Neue den begehrten Preis abzuräumen? Liest sie ihrem Gemüse Gutenachtgeschichten vor? Die Leser lieben solche schrulligen Dinge.“

Peter schniefte. „Damit würde sie wohl kaum den Booker Prize gewinnen“, sagte er.

„Wir veröffentlichen unsere Artikel in einem Lokalblatt, das nicht gerade für seine große Reichweite bekannt ist. Unter welcher Rubrik würde man einen solchen Artikel vermuten?“, fragte Alexi. „Welche Leser gehören zur Zielgruppe?“

„Die Gartenrubrik“, antwortete Grace. Sie und Alexi lächelten sich verschwörerisch an. „Gartenliebhaber lesen so etwas gerne. Die Zielgruppe sind eindeutig Leser aus der Gegend.“

Alexi nickte anerkennend. „Denken Sie groß, aber fangen Sie klein an. Machen Sie sich einen Namen.“

Niemand sprach, als Diana Horton, eine altbacken gekleidete Reiseverkehrskauffrau mittleren Alters, die Kanne nahm und allen Kaffee einschenkte. Sie verfolgte die Unterhaltung mit Interesse, hatte bisher aber noch nichts zum Kurs beigetragen. Alexi fiel auf, dass Diana als Erste nach den Keksen griff, nachdem die Tassen verteilt waren. Ihr Blick ruhte längere Zeit nachdenklich auf Peters Gesicht. Es schien, als ob sie einen inneren Kampf mit sich ausfocht. Alexi wollte gerade fragen, ob die beiden sich kannten, doch sie wurde von Archie abgelenkt.

„Wir müssen aber nicht über Gemüse schreiben, oder?“, fragte er und tauchte einen Keks in seinen Kaffee.

„Keineswegs. Nutzen Sie Ihre Vorstellungskraft. Laufen Sie durchs Dorf, besuchen Sie die Geschäfte im Ort und warten Sie darauf, dass die Inspiration Sie findet.“

Bitte unterstützen Sie die Geschäfte im Ort, flehte Alexi innerlich. Vor dem Kurs hatte sie mehrere Pubs und Läden besucht und den Inhabern versprochen, dass ihre angehenden Journalisten ihnen positive Aufmerksamkeit verschaffen würden. Sie versuchte, damit den Schaden zu begrenzen, der dem Dorf im Allgemeinen und Hopgood Hall im Besonderen entstanden war. Schließlich hatten sich im vergangenen Jahr gleich drei Morde ereignet, die alle mit Alexi und dem Hotel in Verbindung standen.

„Na ja, wofür die Leser sich wirklich interessieren, ist offensichtlich“, sagte Peter. „Die Morde.“

„Schon erledigt.“ Alexi, die mit dieser Frage gerechnet hatte, sah ihn herausfordernd an. Es war wenig überraschend, dass sie ausgerechnet von Peter kam. Am besten sprach sie den rosa Elefanten offen an – den Köder, der vermutlich zumindest ein paar ihrer Teilnehmer angelockt haben dürfte. „Von mir. Wenn Sie allerdings glauben, dass Sie zu neuen Erkenntnissen kommen, können Sie natürlich gerne Ihr Glück versuchen.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass man im Dorf die Morde herunterspielen will. Die Lokalzeitung wird wohl kaum darüber berichten.“

Alexi lächelte Grace dankbar an. Sie war beeindruckt von ihrer schnellen Auffassungsgabe.

„Dann Cosmo“, sagte Peter und verschränkte abwehrend die Arme.

Damit meinte er Alexis Wildkatze. Sie war dem Kater bei ihrer Arbeit über den Weg gelaufen. Damals hatte sie die Obdachlosen unter der Waterloo-Brücke besucht, um einen Artikel über sie zu schreiben. Aus Gründen, die Alexi bis heute nicht verstand, war Cosmo ihr danach nicht mehr von der Seite gewichen. In sich gekehrt und manchmal regelrecht aggressiv, wenn er jemanden nicht mochte, hatte der Kater sich als hervorragender Menschenkenner erwiesen. Außerdem stahl er allen die Show. Auch während der vergangenen Mordermittlungen war das der Fall gewesen, als er regelmäßig für Alexis frühere Kollegen posiert und es dadurch zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hatte.

Alexi lachte. Jetzt bewegte sie sich wieder auf sicherem Terrain. „Sie werden später noch das zweifelhafte Vergnügen haben, Cosmo kennenzulernen, Peter. Treffen wir doch eine Abmachung. Sofern er Sie in seine Nähe lässt, können Sie über ihn schreiben, was Sie wollen. Falls Ihnen etwas einfällt, das nicht schon totgeschlagen wurde. Mein Kater scheut die Öffentlichkeit keineswegs.“

Alexi hätte ihr gesamtes Bankguthaben darauf verwettet, dass Cosmo Peter nicht ausstehen konnte.

„Abgemacht“, erwiderte Peter. Er rieb sich die Hände und zwinkerte ihr zu.

„Falls jemand von Ihnen über Kriminalfälle berichten möchte, würde ich vorschlagen, dass Sie sich die Fälle ansehen, die vor dem örtlichen Gericht verhandelt wurden. Die Urteile sind bereits gefällt, aber vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit, mit den Verurteilten zu sprechen. Finden Sie heraus, warum sie diese Taten begangen haben, insbesondere, wenn die betreffende Person eigentlich einen guten Charakter hat.“

Mehrere Teilnehmer nickten und kritzelten Notizen auf Papier.

„Außerdem sind wir hier im Pferdeland. Den Erfolgen der örtlichen Pferdeausbilder wird im Ort viel Beachtung geschenkt. Aber was ist mit den Pferdepflegern, die diese verhätschelten Tiere versorgen, jedoch selten am Ruhm teilhaben? Wie ist ihre Geschichte? Was hat sie überhaupt dazu gebracht, einen solchen Beruf zu ergreifen?“ Alexi rang die Hände. „Denken Sie daran, was die Leute hier interessiert.“

Ranya legte sich ihren langen Zopf über die Schulter. „Pferde machen mir Angst“, sagte sie. „Deshalb würde ich mich lieber von ihnen fernhalten.“

„Dann könnten Sie, Ranya, sich mit der aktuellen Jahreszeit beschäftigen. Bald ist Halloween. Mittlerweile ist das in diesem Land zu einem wichtigen Fest geworden, sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder. Früher war das allerdings nicht der Fall. Was hat sich verändert? Ist es einfach ein Trend aus den USA, der über den Atlantik geschwappt ist? Oder gibt es vielleicht doch eine Grundlage im spirituellen Mythos von Samhain?“

„Das betrifft aber nicht diese Gegend“, warf Peter ein.

„Was, die Leute in Lambourn feiern kein Halloween?“, fragte Archie, bevor Alexi etwas sagen konnte.

„Das wäre ein schneller Weg zu landesweitem Ruhm, falls jemand es schafft, diesen Mythos zu enträtseln“, betonte Grace. Sie strahlte eine ruhige Würde aus.

„Hab ich was verpasst?“

Alle drehten sich um, als die Tür aufging und Jack Maddox in den Raum trat. Er sah aus, als wäre er gerade der Titelseite eines Herrenmagazins entsprungen. Obwohl Alexi und er ein Paar waren und sogar zusammenlebten, machte ihr Herz immer noch einen Satz, wenn sie ihn unerwartet sah. Aber selbst dann, wenn sie mit ihm gerechnet hatte. Alle Frauen im Raum schienen ihn anzustarren. Zweifellos fanden sie sein Äußeres genauso attraktiv wie Alexi. Wie sie vorausgesehen hatte, warf Peter ihm giftige Blicke zu. Der Beamte schien eine völlig überzogene Meinung von seiner eigenen Anziehungskraft zu haben. Konkurrenz von einem gut aussehenden Mann konnte er da nicht gebrauchen.

„Das ist Jack Maddox“, sagte Alexi. „Er war früher bei der Met Police und arbeitet jetzt als Privatdetektiv hier in der Gegend.“

„Hallo“, begrüßte Jack die Kursteilnehmer und winkte ihnen kurz zu. Dann setzte er sich neben Alexi. „Und herzlich willkommen.“

„Jack wird Sie unterstützen und Ihre Fragen zu polizeilichen Ermittlungsmethoden beantworten, falls Sie welche haben. Sie können einen oder mehrere Artikel schreiben. Dafür haben Sie fünf Tage Zeit. Auch ich werde Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn Sie das möchten. Falls Sie aber Ihre Arbeit bis zur Fertigstellung lieber geheim halten wollen, ist das natürlich auch in Ordnung.“

„Damit geben Sie uns viel Spielraum und einige Denkanstöße“, merkte Diana an und schnappte sich den letzten Keks.

„Sie haben vergessen zu erwähnen, dass auch Patrick Vaughan an dieser Sache beteiligt ist“, warf Peter ein. „Wegen ihm bin ich hier. Die Lokalzeitung ist ja schön und gut, aber ich bin zuversichtlich, dass Patrick meine Art zu schreiben gefällt. Man darf sich nicht mit dem Minimum zufriedengeben, sage ich immer.“

Alexi warf Jack einen unsicheren Blick zu. Patricks Beteiligung an diesem Kurs hatte für Streit zwischen ihnen gesorgt. Patrick würde an der Abschlussfeier teilnehmen und die Arbeiten der Kursteilnehmer in Augenschein nehmen, ganz nach dem Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche. Alexi war sich ziemlich sicher, dass er von ihren Möchtegern-Journalisten nicht allzu angetan sein würde, aber sein Name hatte dennoch eine gewisse Strahlkraft. Jack hatte behauptet, dass Patrick seine Dienste nur angeboten habe, um in Alexis Nähe zu sein. Obwohl das tatsächlich der Fall sein konnte, wollte Jack nicht einsehen, dass er nichts zu befürchten hatte. Alexi fand die Unsicherheit ihres sonst so selbstsicheren Freundes in Bezug auf Alexis Bekenntnis zu ihm liebenswert, aber gelegentlich frustrierte es sie auch.

Sie brauchte keinen Beschützer.

„Genau.“ Alexi lächelte. „Ich bin schon sehr gespannt auf Ihre Artikel. Aber jetzt leben Sie sich erst einmal im Hotel ein. Diese Woche haben Sie das Nebengebäude ganz für sich, können aber natürlich jederzeit auch die öffentlichen Bereiche des Hauptgebäudes nutzen. Lernen Sie sich ein wenig kennen. Sie dürfen gerne zusammenarbeiten, falls Sie ähnliche Ideen haben. Es gibt keine Regeln. Das Mittagessen wird in einer Stunde serviert.“

„Von Ihrem gut aussehenden Koch?“, fragte Emily mit einem verschmitzten Lächeln. „Vielleicht ist er ja das Tagesgericht.“

Alle lachten.

„Ermutigen Sie Marcel bloß nicht“, riet Alexi ihr und stimmte in das Lachen ein, als sie gemeinsam mit Jack aufstand. Marcel, der temperamentvolle Chefkoch des Hotels, war durch und durch ein Frauenschwarm, wenngleich seine einzige große Liebe seine kreativen Gerichte waren. „Wenn Sie ihn interviewen wollen, würde ich davon abraten. Als eine Teilnehmerin seiner Kochshow ermordet worden war, stand er kurz unter Verdacht. Das hat ihm mehr Aufmerksamkeit beschert, als ihm lieb war“, fügte sie hinzu. Sie hielt es für besser, auch diese Sache offen anzusprechen. „Jetzt spricht er nur noch über sein Essen, wenn er interviewt wird.“

„Schade.“ Grace lächelte. „Sie machen es uns wirklich nicht leicht, nicht wahr?“

Alexi erwiderte ihr Lächeln und ging zur Tür. „Wo bliebe denn da der Spaß?“, fragte sie.

„Gut gemacht“, ermutigte Jack sie. Er nahm ihre Hand, als sie über den Innenhof zum Hauptgebäude des Hotels schlenderten. Ein stürmischer Wind blies ihnen entgegen. Schon wieder sah es nach Regen aus. Davon hatten sie zuletzt mehr als genug gehabt.

„Ich habe doch noch gar nichts getan“, erwiderte sie, „außer dem Druck nachzugeben, diesen Kurs zu halten. Offen gesagt weiß ich immer noch nicht, warum ich mich überhaupt darauf eingelassen habe.“

„Du weißt ganz genau, warum“, erwiderte Jack und drückte ihre Hand.

Alexi nickte. Es stimmte. Jack hatte vorgeschlagen, die explodierende Mordrate in Lambourn für ihre Zwecke zu nutzen, indem sie Murder-Mystery-Wochenenden veranstalteten. Alexi hatte jedoch gegen diese Idee Einspruch erhoben. Wenngleich sie es nicht offen aussprach, hielt sie ein solches Vorgehen für billig. Außerdem mussten sie sich etwas Besseres einfallen lassen, um den guten Ruf des Hotels wiederherzustellen und die Zimmer zu füllen. Alle waren sich darüber einig, dass dieser Kurs dafür die richtige Vorgehensweise war. Jack hatte darauf beharrt, dass Alexis hervorragender Ruf als Journalistin dem Kurs enormen Zulauf bescheren würde, was auch der Fall gewesen war. Sie fühlte sich geschmeichelt; die Anerkennung tat ihrem Ego gut. Doch sie hatte darauf bestanden, im ersten Durchgang nur wenige Teilnehmer zuzulassen: Für den Anfang sollten es sechs Personen sein. Wenn alles gutging, konnte man darüber nachdenken, in künftigen Kursen mehr Plätze anzubieten.

„Hallo, du“, sagte sie und beugte sich zu Cosmo hinunter, um seine Ohren zu kraulen. Der Kater war zusammen mit dem Terrier Toby wie aus dem Nichts aufgetaucht. Toby war nur halb so groß wie Cosmo und trottete treuherzig hinter dem Kater her. „Ich hoffe doch, dass du nicht vorhast, meine Gäste zu terrorisieren. Allerdings würde es mir nichts ausmachen, wenn du Peter ein wenig in seine Schranken weist. Fauch ihn ruhig ordentlich an.“

„Der, der für die Regierung arbeitet?“, fragte Jack.

„Genau der. Er wird garantiert Ärger machen. Ich weiß nicht, warum er überhaupt hier ist, wenn er doch glaubt, schon alles zu wissen.“

Jack lachte. „Du wirst ihm bestimmt zeigen, wo es langgeht.“

Jack öffnete die Tür zur privaten Küche des Hotels, in der sich für gewöhnlich die Eigentümer von Hopgood Hall aufhielten. Mit Drew und Cheryl Hopgood war Alexi eng befreundet. Nach ihrer Entlassung beim Sentinel war sie zusammen mit Cosmo nach Lambourn geflohen. Damals war sie völlig niedergeschlagen gewesen. Der Politikredakteur des Sentinel, Patrick Vaughan, der zu diesem Zeitpunkt auch ihr Liebhaber gewesen war, hatte von dem bevorstehenden Stellenabbau bei der Zeitung gewusst, Alexi jedoch nicht vorgewarnt. Stattdessen wollte er sie davon überzeugen, eine niedrigere Position anzunehmen, doch Alexi kannte ihren Wert und ließ sich nicht darauf ein. In der Folge hatte sie der Zeitung eine großzügige Abfindung abgerungen.

Patrick war davon ausgegangen, dass Alexi schnell vom Landleben gelangweilt wäre und nach London zurückkehren würde – und zu ihm. In beiden Fällen hatte er jedoch falschgelegen. Trotz der Mordfälle hatte Alexi hier sowohl ihre innere Zufriedenheit als auch den Mann ihrer Träume gefunden. Außerdem hatte sie eine beträchtliche Summe in Hopgood Hall investiert und im Zuge dessen ihre Freunde dazu ermutigt, das Hotel zu erweitern. Leider waren ihre Bemühungen mit nicht nur einem, sondern gleich zwei Morden im Hotel vergolten worden.

In beiden Fällen hatten Alexi und Jack es geschafft, die Identität des Mörders zu enthüllen. Keiner der Täter stand mit Hopgood Hall in Verbindung. Dennoch hatte der anfängliche Ansturm von Gästen, die den Tatort mit eigenen Augen sehen wollten, mittlerweile nachgelassen. Alexi war überrascht, dass die Buchungen nicht gleich eingebrochen waren.

Marcel hatte selbstverständlich behauptet, dass nur sein Essen die Gäste anzog. Nachdem das Restaurant schon immer Wochen im Voraus ausgebucht war, konnte er damit sogar recht haben. Dennoch reichten die Einnahmen aus dem Restaurant nicht annähernd aus, um das alte Haus instand und das Geschäft über Wasser zu halten. Sie mussten dringend etwas tun, um die Zimmer das ganze Jahr über zu füllen. Die Menschen sollten Hopgood Hall aus anderen Gründen in Erinnerung behalten als aufgrund brutaler Mordfälle.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte Cheryl und sah auf. Sie saß auf einem kleinen Teppich und spielte mit ihrer Tochter Verity, die gerade ein Jahr alt geworden war.

„Geht schon“, erwiderte Alexi und verzog das Gesicht.

„Entspann dich!“ Drew betrat den Raum. „Diesmal dürfte die englische Sprache das einzige Opfer sein. Ich würde behaupten, dass das eine oder andere falsch platzierte Semikolon der Sache keinen Abbruch tut.“

„Das ist leicht gesagt“, entgegnete Alexi. Lächelnd nahm sie Verity ihrer Mutter ab. Dass sich klebrige kleine Finger in ihr Haar wühlten, bemerkte sie kaum.

„Danke, dass du das für uns tust“, sagte Cheryl, die Verity wieder auf den Arm nahm, als das Kind den Kopf auf Alexis Schulter legte. „Ich weiß ja, dass du sehr beschäftigt bist. Du sollst wissen, dass ich dir dieses Opfer, das du für uns bringst, hoch anrechne.“

Nun hatte Alexi ein schlechtes Gewissen, weil sie sich beschwert hatte. Sie fühlte sich immer noch schuldig, weil der Ruf Lambourns seit ihrer Ankunft im Dorf so sehr gelitten hatte. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie keine Schuld traf, doch ihr Gewissen wollte das nicht einsehen. Schon mehrmals war sie Zeugin geworden, wie sie hinter vorgehaltener Hand als Unheilsbringerin bezeichnet wurde. Dass Stadtmenschen wie sie, die keine Ahnung von den örtlichen Sitten und Traditionen hatten, auf dem Land nichts zu suchen hatten. Polly Pearson, eine alteingesessene Frau mittleren Alters, die ein gut laufendes B&B führte, war Alexis schärfste Kritikerin. Jack war sich vollkommen sicher, dass sie auch die Urheberin der Gerüchte war. Alexi kannte diese Frau kaum und konnte sich nicht erinnern, irgendetwas getan zu haben, womit sie ihren Unmut auf sich gezogen haben könnte. Schließlich bestand keine Gefahr, dass Hopgood Hall ihr Kunden abspenstig machen könnte. Die beiden Unternehmen waren an ganz unterschiedlichen Enden der Preisskala angesiedelt.

„Keine Angst.“ Alexi lächelte ermutigend. „Ich bin eine Frau. Multitasking gehört für mich dazu.“

„Na ja, selbst wenn dieser Kurs ein so großer Erfolg wird, wie wir glauben“, sagte Drew, „sollst du dich nicht verpflichtet fühlen, die Sache zu wiederholen, wenn die Teilnehmer dich in den Wahnsinn treiben.“

„Ich kann den ganzen Haufen jederzeit übertreffen“, scherzte Alexi.

„Wie kommst du eigentlich mit dem Entwurf für dein Buch voran?“, fragte Drew.

„Das ist eine gute Frage.“ Es war eine Frage, die Alexi nicht so genau beantworten konnte.

Nach dem ersten Mord, den sie und Jack gleich nach Alexis Ankunft in Lambourn aufgeklärt hatten, hatte sie einen hohen Vorschuss von einem Verlag angenommen. Im Gegenzug hatte sie sich verpflichtet, ein Buch über den Fall zu schreiben, das in der Folge an die Spitze der Sachbuch-Bestsellerliste geschossen war. Es schien, als ob Mord ein Thema war, das alle interessierte, insbesondere, wenn eine Person des öffentlichen Lebens der Täter war. Der Erlös aus den Verkäufen hatte zusammen mit ihrer Abfindung vom Sentinel, dem Verkauf ihrer Londoner Wohnung und einem Erbe von ihrer verstorbenen Mutter dafür gesorgt, dass sie regelrecht in Geld schwamm. Dieses großzügige finanzielle Polster hatte Alexi genutzt, um ihre Freunde bei der Erweiterung des Hotels zu unterstützen, woraufhin noch zwei Morde verübt worden waren.

Vielleicht hatte Polly Pearson ja recht damit, dass Alexi eine Unglücksbringerin war.

Die Gelegenheit, ein Buch über die letzte Katastrophe zu verfassen, hatte sie ausgeschlagen. Sie wollte nicht noch mehr Spekulationen auf Hopgood Hall lenken. Stattdessen hatte sie einen Vorschuss angenommen, um eine Sammlung von Enthüllungsstorys über Fälle von Missbrauch, Korruption und Gewaltverbrechen zu schreiben, bei denen die Täter ungeschoren davongekommen waren. Dabei handelte es sich um Geschichten, die sie für den Sentinel geschrieben hatte. Allerdings waren sie nie veröffentlicht worden, weil die Anwälte der Zeitung dagegen waren. Sie wollten nicht riskieren, verklagt zu werden. Nun bot sich eine Gelegenheit, die Fakten darzulegen und auf die Schlupflöcher im Rechtssystem hinzuweisen, die zu gut waren, als dass ein versierter Verteidiger ihnen widerstehen konnte.

„Ich stehe noch ganz am Anfang“, erwiderte sie auf Drews Frage. „Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich schon sehr auf das Projekt freue.“

„Worte sind mächtiger als Waffen“, merkte Jack an.

„Das ist ein Drahtseilakt. Social Media ist in der Tat zu einer mächtigen Waffe geworden, kann aber für die falschen Zwecke eingesetzt werden. Es gefällt mir überhaupt nicht, wie Reputationen und manchmal sogar Leben aufgrund von Gerüchten und Unterstellungen zerstört werden. Allerdings weiß ich, dass die Leute, über die ich schreiben möchte, mit ihren Verbrechen ungeschoren davongekommen sind. In einigen Fällen sogar mit Mord. Das ist nur den Tücken unseres Rechtssystems zu verdanken. Die Polizei weiß das auch. Es ist mehr als frustrierend, dass sie so viele Hindernisse überwinden müssen, um die Schuld dieser Kriminellen zu beweisen.“ Alexi zuckte mit den Schultern. „Wir sprechen hier über skrupellose Individuen, die glauben, über dem Gesetz zu stehen. Ich möchte die Dinge einfach richtigstellen.“

„Ein paar Erwähnungen habe ich online schon gesehen. Dein Verlag fährt die Marketingmaschinerie voll hoch“, sagte Drew. „Die Hälfte aller Kriminellen macht sich wahrscheinlich vor Angst in die Hosen.“

Alexi lachte und schüttelte den Kopf. „Das macht mir keine Angst. Nichts, was ich schreibe, kann diesen Leuten etwas anhaben. Zumindest können sie für ihre Taten nicht mehr ins Gefängnis gehen, weil sie bereits angeklagt und freigesprochen wurden. Dem Ruf dieser Personen könnte mein Buch allerdings einen gewissen Schaden zufügen. Offenzulegen, was für Drecksäcke sie sind, wird mir keine schlaflosen Nächte bereiten.“

„Richtig so“, stimmte Jack zu. „Die Menschen hassen Ungerechtigkeit. Alexis Name gilt etwas. Sie ist als seriöse Journalistin bekannt, die ihre Fakten gründlich überprüft und nicht auf der Suche nach einer billigen Sensation ist. Vielleicht werden die Behörden dadurch aufmerksam. Es ist höchste Zeit, dass zumindest ein paar dieser Stinktiere, die sich für unberührbar halten, beim Namen genannt werden.“

„Das ist wahr.“ Drew nickte. „Wir warten noch kurz, bis Cheryl Verity schlafen gelegt hat, dann essen wir zu Mittag. Ich nehme an, dass du bald zurück zu deinen Kursteilnehmern musst, Alexi.“

„Ganz genau. Nach dem Mittagessen lasse ich sie von der Leine.“ Sie grinste. „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

Drew lachte. „Wie viel Schaden kann ein Haufen Möchtegern-Journalisten in einem kleinen Dorf schon anrichten?“, fragte er.

2

In den nächsten beiden Tagen nahmen die Teilnehmer ihre Aufgabe mit Begeisterung in Angriff. Jack war erleichtert, dass Alexi sich trotz Peter Foremans Annäherungsversuchen langsam entspannte. Dieser Mann war ein nervtötender Besserwisser, der sich für einen Frauenschwarm hielt und ein Auge auf Alexi geworfen hatte. Erst letzte Nacht hatten sie darüber gesprochen. Dabei hatte Alexi ihm erzählt, dass sie im Laufe ihrer Karriere als Journalistin mehr als genug unerwünschte Avancen hatte abwehren müssen.

Jack spürte, dass Alexis immer noch Zweifel an ihrer Entscheidung hatte, den Kurs zu veranstalten, wenngleich sie nicht offen aussprach, dass irgendetwas schiefgehen musste. Allmählich fing sie an, die Gerüchte zu glauben, die im Ort umgingen ‒ vor allem das Gift, das Polly Pearson mit ihren Behauptungen versprühte. War sie für gewöhnlich sehr besonnen, hielt sie sich jetzt für eine Unheilsbringerin, doch ihre Schuldgefühle waren unberechtigt. Nichts von all dem, was seit ihrer Ankunft in Lambourn geschehen war, war Alexis Schuld. Allerdings konnte Jack nicht abstreiten, dass es Gerede gab und manche Leute mit dem Finger auf Alexi zeigten.

Jack würde so ziemlich alles tun, um sie von einer Rückkehr nach London abzuhalten. Und zu diesem kriecherischen Mistkerl Patrick Vaughan. Obwohl Alexi sich inzwischen in Lambourn zu Hause fühlte, wäre das der offensichtlichste Ausweg, falls noch etwas Schlimmes geschah. In größeren Städten lebte es sich viel anonymer. Niemand konnte Alexi dort etwas anlasten, wenn sie sich in einem der Vororte versteckte.

Alle Kursteilnehmer waren in Hochform, wenn man über Peters Dominanzgehabe hinwegsah. Jack tat sein Bestes, um ihnen Honig ums Maul zu schmieren. Er lockerte die Stimmung auf, indem er Anekdoten aus seiner Zeit bei der Met zum Besten gab. Bill Naylor, der Redakteur der Lokalzeitung, trug auch seinen Teil bei. Jack spürte, dass die Liebe seines Lebens langsam wieder Vertrauen in ihre Fähigkeiten fasste.

„Bislang läuft es doch ganz gut“, sagte Jack ermutigend, als sie am vorletzten Kurstag von zu Hause aufbrachen.

„Wenn man Peters Verhalten außer Acht lässt. Warum er sich für ein Gottesgeschenk hält, ist mir unverständlich.“ Sie verdrehte die Augen. „Offenbar hat er ein völlig anderes Bild von sich als wir alle.“

„Weißt du, für welche Themen deine Teilnehmer sich entschieden haben? Nur aus Interesse.“

„Schauen wir mal. Emily schreibt über eine alleinerziehende Mutter, der die Zwangsräumung droht, weil der Vater ihrer Kinder keinen Unterhalt mehr bezahlt und sie sich die Miete nicht leisten kann. Archie Walton berichtet über die Pferdepfleger im Ort, die überhaupt kein Nachtleben genießen können. Angesichts seiner Erfahrung als Türsteher ist seine Themenwahl nicht so abwegig. Er schreibt sogar ganz gut. Für seinen Artikel hat er ein paar der Pferdepfleger interviewt. Er berichtet über sie, ohne allzu blumig oder ausschweifend zu werden, was ein typischer Anfängerfehler wäre. Ranya und Diana haben sich zusammengeschlossen, um über die Integration in einem kleinen Dorf zu schreiben.“

„Gibt es darüber etwas zu berichten?“

„Du wärst überrascht. Grace hat sich für Halloween entschieden.“

„Und Peter? Ich vermute mal, dass er bei Cosmo nicht viel ausrichten konnte.“

Cosmo, der verstand, dass über ihn gesprochen wurde, blickte mit großen Augen zu Jack auf und miaute. Damit brachte er Alexi und Jack zum Lachen.

„Keine Chance! Ich wünschte mir fast, Peter wäre bei Cosmo erfolgreicher gewesen, weil er sich jetzt entschlossen hat, der angeblichen Sichtung des gesuchten Verbrechers im Franklin-Fall nachzugehen.“

„Paul Franklin? Ha, viel Glück damit.“

„Er sagte, dass er über etwas Wichtiges mit mir sprechen will, das in London vorgefallen ist.“

„Hat das etwas mit Franklin zu tun?“ Jack war seine Überraschung anzusehen. „Warum?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung.“

„Glaubst du, dass er deshalb an deinem Kurs teilnehmen wollte? Wegen der angeblichen Sichtung in unserer Gegend, meine ich.“

„Das kann ich nicht so genau sagen. Bei Peter habe ich einfach ein schlechtes Gefühl.“ Alexi nahm ihre Tasche und suchte darin nach ihren Autoschlüsseln. „Warum er mir unbedingt davon erzählen will, wundert mich. Anscheinend geht es dabei um einen gemeinsamen Bekannten, aber er will mir nicht sagen, wer das ist.“

„Er will mit dir allein sein, damit er dich mit seinem Charme einwickeln kann, Liebling.“ Jack runzelte die Stirn. „Muss ich mir Sorgen machen?“

„Nächste Woche brennen wir zusammen durch.“ Sie grinste, als die Falte auf Jacks Stirn tiefer wurde. „Wenn ich irgendeinen Zweifel an meiner Einschätzung von Peter gehabt hätte, hätte mich Cosmos Reaktion auf seine Annäherungsversuche eines Besseren belehrt. Der Mann ist ein Knallkopf, der nur auf Ärger aus ist. Keine Ahnung, warum ich so eine schlechte Meinung von ihm habe. Ich meine, was kann er hier schon anstellen, außer zu versuchen, meine Aufmerksamkeit in Beschlag zu nehmen, was ich nicht zulassen werde?“ Alexis Gesichtsausdruck blieb resolut. „Dieser Kurs muss einfach ein Erfolg werden. Das lasse ich mir von ihm nicht kaputtmachen.“

„Wenn er dir Ärger macht, bitte ich Cassie, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen. Heutzutage verfolgt doch jeder seine eigene Agenda. Es ist besser, auf Nummer sicher zu gehen, vor allem in Anbetracht eures gemeinsamen Freundes in London.“

„Danke. Hoffen wir, dass das nicht nötig ist.“

Jack verschwieg, dass er bereits sämtliche Teilnehmer des Kurses durchleuchtet hatte. Oder besser gesagt, hatte seine Geschäftspartnerin das für ihn erledigt. Jack wollte unbedingt vermeiden, dass für Alexi noch irgendetwas schiefging. Dann würde die Feindseligkeit der Einheimischen sie wirklich aus Lambourn vertreiben.

Und es gab nur einen Ort und einen Menschen, zu dem sie gehen würde.

Das musste er verhindern!

Nachdem sie ihre Autoschlüssel gefunden hatte, küsste Alexi Jack und verließ das Haus. Cosmo war ihr dicht auf den Fersen. Sie befand sich auf dem Weg zum Hotel und ihrer morgendlichen Besprechung. Jack musste in sein Büro in Newbury, das er sich mit Cassie Fenton teilte.

Cassie, eine Freundin von Jacks Ex-Frau, hatte versucht, nach der Scheidung ihren Platz in Jacks Leben einzunehmen, doch Jack hatte ihre Gefühle nicht erwidert. Bei ihren Ermittlungen arbeiteten sie dennoch gut zusammen, weil Cassie über fast magische Fähigkeiten im Umgang mit Computern verfügte. Auf Dauer blieb ihr nichts verborgen, was im Internet zu finden war.

Cassie hatte eine Szene gemacht, als Jack mit Alexi zusammenkam. Damals war er davon ausgegangen, dass sich ihre beruflichen Wege trennen mussten. Doch ihre Partnerschaft hatte die Sache überstanden, weil sie schließlich über ihre Eifersucht hinwegkam. Dennoch würden Jack und Alexi in naher Zukunft darauf verzichten, Cassie privat zu treffen. Jack war das nur recht.

Als er im Büro ankam, war er überrascht, dass Cassie nicht wie üblich mit gesenktem Kopf am Computer saß, konzentriert auf das, was über ihre drei Bildschirme flimmerte. Er zuckte mit den Schultern. Es war höchste Zeit, dass auch sie ihrem Privatleben Vorrang einräumte, doch das ging ihn nichts an. Deshalb widmete er sich dem aufgelaufenen Papierkram. Die Telefone standen still, weshalb er eine Menge aufarbeiten konnte.

Als sein Telefon klingelte, sah er auf die Uhr. Er war überrascht, dass es schon fast Mittag war. Cassies Name erschien auf seinem Bildschirm.

„Hey, Cas, was ist los?“, fragte er. Er widerstand dem Drang, sie zu fragen, warum sie nicht im Büro war.

„In unserem Fall gibt es eine neue Spur. Ich nehme an, du bist gerade in Lambourn.“

„Nein, ich bin im Büro. Warum?“

„Treffen wir uns im Swan in Shefford. Es geht um Amy.“

„In Ordnung. Bin schon unterwegs.“

Ohne weitere Fragen zu stellen, legte er auf, schloss das Büro ab und ging zu seinem Auto. Cassie verbrachte die meiste Zeit im Büro, wo sie sich um ihre wertvollen Computer kümmerte. Es war jedoch nicht ungewöhnlich, dass sie draußen ermittelte. Gerade versuchten sie, Amy Dawson zu finden, die Ehefrau eines guten Freundes von Cassie. Amy war verschwunden, weshalb das für Cassie eine persönliche Sache war.

Der Swan war keine zehn Kilometer von Lambourn entfernt. Dabei handelte es sich um ein beliebtes Pub und Hotel mit einer zum Fluss hin gelegenen Terrasse. Jack hatte keine Kontaktpersonen von Amy in dieser Gegend ausfindig machen können, denn sie stammte aus Winchester. Vermutlich war Cassie bei ihren Ermittlungen im Netz auf etwas gestoßen, das ihr wichtig genug erschien, das Büro zu verlassen.

Aufgrund eines Unfalls auf der engen Landstraße verzögerte sich Jacks Ankunft. Erst nach fünfzehn Minuten konnte er den Unfallort hinter sich lassen. Schließlich erreichte er sein Ziel und fuhr auf den Parkplatz, der zur Hälfte mit hochpreisigen Fahrzeugen belegt war. Mehrere Fahrräder waren an einem Ständer neben der Tür angekettet. Ein gelbes Mountainbike stach Jack dabei besonders ins Auge. Cassie, die an der Motorhaube ihres Autos lehnte, winkte ihm zu und kam herüber.

„Warum hat das so lange gedauert?“, fragte sie.

„Auf der Landstraße gab es einen Unfall. Habe ich was Wichtiges verpasst?“

„Nur deine Freundin“, sagte sie gereizt.

„Alexi?“

„Hast du etwa mehrere?“

Jack zuckte mit den Schultern. Er rief sich wieder ins Gedächtnis, dass Alexi sich hier mit Peter treffen wollte. Bill Naylor hatte erwähnt, dass seine Zeitung vor Kurzem über einen Fall von falscher Identifizierung in Shefford berichtet hatte: Das war der Fall, mit dem Peter sich näher befassen wollte. Die fragliche Person war fälschlicherweise für Paul Franklin gehalten worden, einen flüchtigen Verbrecher, der wegen eines Goldraubes gesucht wurde. Bei dem Überfall im Hafen von Southampton war ein Mann lebensgefährlich verletzt worden. Das war genau die Art von Fall, die ein abenteuerlustiger Möchtegern von Peters Schlag näher beleuchten würde, um journalistischen Ruhm zu erlangen. Wahrscheinlich war genau das Bills Absicht gewesen, als er die Sache erwähnt hatte.

„Was führt dich eigentlich hierher?“, fragte Jack.

„Vor weniger als einer Woche wurde Amy hier gesehen. Na ja, nicht wirklich, aber sie war eindeutig hier.“

„Woher weißt du das?“

„Sie hat mit ihrer Kreditkarte bezahlt.“

„Das ist interessant. Sie ist seit einer Woche verschwunden und hat sie kein einziges Mal benutzt, weshalb wir geglaubt haben, dass sie bei jemandem Unterschlupf gefunden hat. Entweder das oder sie zahlt mit Bargeld. Wovor versteckt sie sich, Cas?“ Jacks Gedanken wirbelten angesichts der zahlreichen Möglichkeiten durcheinander. Er musterte seine Geschäftspartnerin mit einem prüfenden Blick. „Du bist mit ihrem Mann befreundet. Irgendeine Vermutung musst du doch haben.“

„Neil ist hier nicht das Problem, falls du das glaubst.“ Cassie klang nachdrücklich, beinahe so, als ob sie sich selbst überzeugen wollte.

„Du weißt doch, dass wir keine voreiligen Schlüsse ziehen dürfen“, ermahnte Jack sie mit erhobenem Zeigefinger.

„Ich kenne Neil seit zwanzig Jahren“, protestierte sie. „Er war schon Veganer, als es noch nicht in Mode war. Alles Leben ist heilig für ihn. Er kann keiner Fliege etwas zuleide tun.“

„Wir wissen nicht, wozu wir fähig sind, wenn wir in die Enge getrieben werden. Außerdem gibt es noch andere Möglichkeiten als körperliche Gewalt, um andere einzuschüchtern. Amy wäre wohl kaum ohne ein Wort verschwunden, wenn sie keine Angst vor ihm hätte.“

Cassie verschränkte die Arme vor der Brust. Ein starker Windstoß wirbelte das heruntergefallene Laub auf und ließ die Blätter herumwirbeln. Der Wetterbericht hatte noch mehr Regen vorhergesagt. Ihre Geste interpretierte Jack eher als Abwehr denn als Versuch, sich warmzuhalten. Das zeigte ihm, dass sie seine Vermutungen über Ehestreitigkeiten nicht gerade positiv aufnahm. „Wir gehen davon aus, dass Amy entführt wurde.“

„Aber du hast keinen Beweis, der diese Theorie untermauern würde. Die beiden sind nicht besonders wohlhabend. Falls Amy aus anderen Gründen als Geld entführt wurde, hätten die Täter Neil längst kontaktiert.“

„Er hat Zugang zu Staatsgeheimnissen.“

Jack nickte. „Das sagst du, aber falls er glaubt, dass sie entführt wurde, um Informationen von ihm zu erpressen, warum hat er dann uns eingeschaltet? Und warum ist er zur Polizei gegangen?“

Cassie stieß einen langen Seufzer aus. „Du hast ja recht. Also glaubst du immer noch, dass sie eine Affäre hat und sich von Neil trennen wollte. Aber wenn das der Fall ist, warum hat sie ihm dann nicht einfach gesagt, dass sie ihn verlässt?“

„Vielleicht habe ich ja recht. Er könnte kontrollsüchtig oder manipulativ sein. Solche Männer können ihre Neigungen gut verbergen. Aber jetzt sprechen wir erst einmal mit den Leuten im Pub und sehen, ob wir irgendeinen Hinweis darauf erhalten, wer Amys Kreditkarte benutzt haben könnte.“ Jack machte sich auf den Weg zum Eingang. „Wir können nur hoffen, dass Amy es selbst war.“

Jack ging über den Parkplatz voraus. Auf dem Boden lagen bunte Blätter verstreut. Das fallende Laub wurde von einem starken Nordwind umhergeweht. Er betrat eine schöne Eingangshalle, die in Orange und Schwarz gehalten und mit mehreren Spinnennetzen dekoriert war, weil Halloween nahte. Eine lächelnde Empfangsdame begrüßte sie.

„Ein Tisch für zwei?“, fragte sie.

Jack schenkte ihr ein Lächeln, das ihn für gewöhnlich ans Ziel brachte, zumindest, wenn er es mit Frauen zu tun hatte. Er hörte, wie Cassie neben ihm scharf einatmete.

„Wir sind Privatdetektive“, sagte er und hielt ihr seinen Ausweis unter die Nase. „Und wir hoffen, dass Sie uns helfen können.“

„Geht es etwa schon wieder um den Franklin-Fall?“, erwiderte die Frau mit theatralischem Seufzen. „Wie oft muss ich das noch erklären?“

„Meinen Sie damit den Goldraub?“

„Als ob Sie das nicht schon wüssten.“ Ihr professionelles Lächeln war verschwunden. Jetzt konnte Jack erkennen, dass sie älter war, als er vermutet hatte. Sie wirkte hartgesotten und nicht leicht zu manipulieren. „Diese Art von Aufmerksamkeit ist sehr geschäftsschädigend.“

Bill Naylor war noch ziemlich jung und wollte sich als Journalist einen Namen machen. Jack fragte sich, warum er Alexis Kursteilnehmer auf diesen besonderen Fall aufmerksam gemacht hatte. War er der Ansicht, dass an dieser falschen Identifizierung etwas seltsam war? Amateure, die unschuldige Fragen stellten, waren oft erfolgreicher als Journalisten, wie Jack wusste. Das war zwar etwas weit hergeholt, aber diese Story zu veröffentlichen und die Lorbeeren für die Ergreifung eines bösartigen Verbrechers zu ernten, wäre Bills Ausweg aus der Lokalpresse.

„Eigentlich suchen wir nach einer vermissten Person, deren Kreditkarte letzte Woche hier benutzt wurde. Wissen Sie etwas darüber?“

Die Frau, deren Namensschild sie als Sally auswies, sah ihn zweifelnd an. „Da bin ich mir nicht sicher. Sind solche Dinge nicht vertraulich?“

„Haben Sie hier Überwachungskameras?“, fragte Cassie, die nun zum ersten Mal sprach.

Die Frau schüttelte den Kopf. „Über welchen Tag sprechen wir denn?“

Cassie sagte es ihr. Sie und Jack warteten gespannt, während die Frau im Computer nachsah.

„Bei uns hat niemand ein Zimmer unter diesem Namen gebucht. Falls ihre Karte in der Bar benutzt wurde, kann ich Ihnen nichts darüber sagen.“

Jack warf Cassie einen warnenden Blick zu, als sie den Mund öffnete, und schüttelte den Kopf. „Hatten Sie am dreizehnten Dienst?“, fragte er und zeigte Sally ein Foto von Amy. „Erkennen Sie diese Frau?“

„Vielleicht. Ich bin mir nicht sicher. Nach einer Weile sehen alle Gesichter gleich aus. Ich achte auch nicht darauf. Dafür habe ich zu viel zu tun.“

„Gibt es hier jemanden, der das wissen könnte?“, fragte Cassie mit ungeduldigem Unterton.

„Selbst wenn es so ist, bezweifle ich, dass derjenige Ihnen irgendwas erzählt.“ Sally nahm eindeutig Anstoß an Cassies unhöflichem Verhalten. Jack wünschte sich, sie hätte sich zurückgehalten und ihm die Sache überlassen. Cassies Entscheidung, die meiste Zeit im Büro zu bleiben, war nicht nur ihren Computerkenntnissen geschuldet. Wie sie selbst zugab, konnte sie nicht besonders gut mit Menschen umgehen, was noch freundlich ausgedrückt war. Das machte sich vor allem dann bemerkbar, wenn sie angelogen wurde ‒ was sie in ihrem Beruf häufig erlebten. „Vertraulichkeit wird hier großgeschrieben. Nachdem dieser Räuber angeblich hier gesehen wurde, hat man uns gewarnt, uns unbedingt professionell zu verhalten. Dem Kerl, der heute Morgen hier war, habe ich dasselbe gesagt.“

„Jemand hat nach dieser Frau gefragt?“, fragte Cassie.

„Nein, nach dem Verbrecher. Ich habe ihn ordentlich zusammengestaucht.“ Sie schnaubte erbost. „Manche Leute sind wirklich eine Plage.“

„Gut“, sagte Jack, „danke für Ihre Hilfe.“

„Was zum Teufel!“, fuhr Cassie ihn an, als sie zum Ausgang gingen. „Sie weiß mehr, als sie zugibt.“

„Selbst wenn das stimmt, können wir sie schlecht zwingen, mit uns zu reden.“

„Ich weiß nicht.“ Cassie rang die Hände. „Vielleicht ja doch?“

„Wenn Amy wirklich hier war, ist sie längst über alle Berge. Sie hat bestimmt keine Adresse hinterlassen.“

„Trotzdem.“

„Du musst wissen, wann es genug ist, Cassie. Wenn du dir so sicher bist, dass da etwas ist, dann geh zur Polizei. Sie können Antworten verlangen.“

„Na gut.“ Sie wirkte immer noch aufgeregt und zögerte, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Amy war die Frau ihres Freundes, weshalb ihre Gefühle wahrscheinlich ihr professionelles Urteilsvermögen trübten. „Trotzdem“, fügte sie hinzu und blickte zu zwei Angestellten hinüber, die sich auf der hinteren Terrasse zu einer Raucherpause trafen. Mit hochgezogenen Kragen standen sie im eisigen Wind. „Wenn wir schon hier sind, könnten wir genauso gut …“

Sie brach mitten im Satz ab, weil ein durchdringender Schrei aus dem Obergeschoss des Pubs ertönte. Cassie schnappte nach Luft. Jacks Ausbildung zum Detective gewann die Oberhand, als er instinktiv in die Richtung lief, aus der der Schrei gekommen war. Er nahm drei Stufen auf einmal und stand plötzlich vor einem Staubsauger, der im Gang vor den Toiletten abgestellt worden war. Eine Frau, vermutlich die, die geschrien hatte, saß mit kalkweißem Gesicht auf dem Boden.

Mehrere Menschen hatten sich versammelt, um zu sehen, was dieser Aufruhr zu bedeuten hatte. Bei einem davon handelte es sich eindeutig um den Manager, doch ein einziges Wort von Jack genügte, damit er auf Abstand ging. Jack betrat die Herrentoilette. Er verspürte ein dumpfes Gefühl von Endgültigkeit, als er Peter Foreman entdeckte, Alexis problematischen Regierungsbeamten. Er war neben dem Urinal zusammengesunken.

Jack tastete nach einem Puls, wenngleich ihm klar war, dass er keinen finden würde.