Leseprobe Eine Hochzeit mit der falschen Lady | Eine prickelnde Regency Romance

Kapitel 1

Danby Manor, Mai 1855

„Gibt es noch Fragen?“ Guinevere Bodgett strahlte die besten Freundinnen an, die sie auf der Welt besaß. Und die alles stehen und liegen gelassen hatten, um ihrem Ruf nach Danby Manor zu folgen. Aber dafür waren Freunde ja schließlich da, nicht wahr?

Mrs. Ophelia Higginbotham und Mrs. Persephone Fitzhew-Wellmore – Effie und Poppy für jene, die ihnen nahestanden – wechselten einen Blick.

„Eigentlich mehr Erklärungsbedarf als Fragen“, antwortete Effie. „Du hast also nach uns geschickt, damit wir dir bei den Vorbereitungen für eine Hochzeit helfen, die in einer Woche stattfinden soll. Und die eigentlich nichts mit dir zu tun hat, da es sich um die Hochzeit zwischen der Halbschwester deiner Nichte und dem Bruder eines Earls handelt.“

„Und man hat dich praktisch genötigt, dabei zu helfen“, setzte Poppy hinzu.

„Genau“, antwortete Gwen seufzend. „Ich habe es mir nicht ausgesucht, das könnt ihr mir glauben.“ Sie war vor zwei Tagen in Danby Manor eingetroffen und hatte sofort erkannt, dass hier jemand die Sache in die Hand nehmen musste. Und als der Vater der Braut – und später auch noch der Bruder des Bräutigams – sie darum gebeten hatten, hatte sie nicht ablehnen können. Dafür stand einfach zu viel auf dem Spiel. „Ihr wisst ja beide, dass seit dem Tod meiner Schwester mein Verhältnis zu Celia nicht mehr so eng ist, wie ich es gerne hätte.“

„Wegen ihres abscheulichen Vaters“, schnaubte Effie. „Und dieser Frau.“

„So gerne ich ihnen die alleinige Schuld geben würde, liegt es doch zum großen Teil auch an mir.“ Gwen verschränkte die Finger und wanderte gedankenverloren auf und ab. „Ich hätte dafür sorgen sollen, dass Celia und ich uns öfter sehen, aber sie haben immer auf dem Land gelebt und ich in London. Außerdem war Celia meistens im Internat. Aber wir haben uns regelmäßig geschrieben.“ Gwen merkte selbst, wie schwach ihre Rechtfertigung klang, und es war ihr peinlich.

Gwens Schwester Viviane hatte Alfred, Viscount Bromley, geheiratet, einen Witwer mit zwei jungen Töchtern – Katherine und Louise. Kurz darauf bekamen sie die gemeinsame Tochter Celia, doch leider starb Viviane zwölf Jahre später an der Grippe. Von da an lag der Haushalt in den Händen der Schwester von Alfreds erster Frau, einer gewissen Miss Frances Quince – allgemein nur diese Frau genannt. Sie hatte sich unverzüglich im Haus ihres Schwagers eingenistet, die Rolle der Hausherrin übernommen und alle drei Mädchen auf ein Internat geschickt. Offensichtlich war sie bestrebt, sich schon einmal in Stellung zu bringen, sollte es eines Tages nicht mehr gesetzlich verboten sein, dass ein Mann die Schwester seiner verstorbenen Frau ehelichte.

Wie Gwen im Laufe der Jahre festgestellt hatte, war Miss Quince außerordentlich ehrgeizig und darauf erpicht, die nächste Viscountess zu werden. Katherine und Louise, die älteren Mädchen, machten ihre Halbschwester dafür verantwortlich, dass man sie aus dem Haus verbannt hatte. Sie betrachteten Celia nie als ihre richtige Schwester, eine Einstellung, die zweifellos von Miss Quince gefördert wurde.

„Du bist ungerecht zu dir selbst“, erwiderte Poppy entschieden. „Wir haben miterlebt, wie du immer wieder versuchtest, Celia zu sehen, aber jedes Mal von ihrem Vater und dieser Frau abgewiesen wurdest. Aber als die Familie vor ein paar Monaten in London war, ist es dir doch gelungen, sie zu besuchen.“

„Nur zweimal. Auf jeden Fall hätte ich hartnäckiger sein müssen.“ Seufzend straffte Gwen die Schultern. „Wie dem auch sei, jedenfalls hat Alfred mich gebeten, nach Danby zu kommen und bei Katherines Hochzeit zu helfen. Offenbar ist Miss Quince nicht in der Lage, ein gesellschaftliches Ereignis dieser Größenordnung zu organisieren, und macht Alfred und seine Töchter wahnsinnig.“

„Nicht, dass es ihnen nicht recht geschehen würde“, murmelte Effie.

„Da möchte ich dir durchaus zustimmen“, erwiderte Gwen. „Aber wenn die Hochzeit ein Reinfall wird, fällt es auf die gesamte Familie zurück. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass Celia einen guten Mann findet, und ich glaube, es wird höchste Zeit, dass wir drei uns darum kümmern. Sobald wir Katherines Hochzeit hinter uns haben, fangen wir damit an.“

„Wie schön.“ Poppy grinste. „Ich habe immer schon gerne Leute verkuppelt.“

„Aber Celia wäre nicht damit gedient, wenn die Hochzeit ihrer Halbschwester schiefginge. Denn dann würde das Gerede ihre eigenen Chancen auf eine gute Partie zunichtemachen. Ein guter Ruf ist alles, das wisst ihr ja.“

„Darf ich daran erinnern, dass Alfred den Ruf der Familie schon irreparabel beschädigt hat, als er durch sein haltloses Glücksspiel das gesamte Familienvermögen verlor und sich nicht einmal mehr ein Debüt für seine Töchter leisten konnte?“, bemerkte Effie mit trügerisch sanfter Stimme.

Gwen winkte ab. „Nun komm schon, solchen Lastern frönt doch der halbe niedere Adel in England, und alle leben sie auf Pump. Der Trick dabei ist, es nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Die feine Gesellschaft beruht auf Illusionen. Und da Katherine den Zwillingsbruder des Earl of Danby heiraten wird, ist die Gästeliste lang und illuster.“

„Das ist keine Überraschung“, murmelte Effie.

„Ich möchte mir gar nicht ausmalen, welche Auswirkungen es auf Celias Zukunft hätte, sollte diese Hochzeit kein Erfolg werden“, erklärte Gwen schaudernd. „Die Mutter des Bräutigams starb vor einigen Jahren, und so bin ich wohl für beide Seiten die nächste Verwandte. Abgesehen natürlich von Miss Quince, die aber offensichtlich die Sache nicht im Griff hat.“

Gleich nach ihrer Ankunft hatte Gwen erkannt, welch hochtrabende Pläne Miss Quince und Katherine für die Hochzeitsfeierlichkeiten und die Trauzeremonie selbst hatten. Schließlich übernahm der Bruder des Bräutigams sämtliche Kosten. Während Miss Quince verkündet hatte, dass sie keine Kosten und Mühen scheuen würden, schien es Gwen, als sei der Earl nicht ganz so begeistert über die Ausgaben, die auf ihn zukamen. Allerdings hatte er, vermutlich aus Rücksicht auf seinen Bruder, nicht dagegen protestiert. Noch nicht.

„Na, jetzt sind wir jedenfalls hier“, bemerkte Effie mit schwachem Lächeln. „Und eigentlich haben wir ja auch nichts Besseres zu tun.“

Das traf durchaus zu, da die Ehemänner aller drei Frauen sich zurzeit im Ausland aufhielten. Charles Blodgett und Malcolm Fitzhew-Wellmore befanden sich auf Forschungsreise, und Effies Mann William war zurzeit als Offizier auf der Krim stationiert. Gwen und Poppy gaben sich alle Mühe, ihre Freundin Effie so gut es ging vom Krimkrieg abzulenken – keine leichte Aufgabe angesichts der täglichen Zeitungsmeldungen über Schlachten und gefallene oder verwundete Soldaten.

Die Neigung ihrer Ehegatten, im Namen der Wissenschaft oder im Dienst Ihrer Majestät die Welt zu durchstreifen, war vor rund zehn Jahren der Grund dafür gewesen, dass die drei Frauen sich kennengelernt hatten. Sie waren ungefähr gleichaltrig – etwa Mitte vierzig – und da sie allesamt keine Kinder und kaum Verwandte hatten, standen sie sich mittlerweile so nahe wie Schwestern und betrachteten sich auch als solche.

„Ich bin jedenfalls gerne behilflich. Ich liebe Hochzeiten“, erklärte Poppy und nickte begeistert. „Was genau sollen wir denn tun?“

„Ich fürchte, da ist noch einiges zu erledigen. Aber ich bin sicher, wir drei werden gemeinsam alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, auch wenn das vielleicht nicht so einfach sein wird.“ Gwen schenkte ihren Freundinnen ein aufmunterndes Lächeln. „Vor der Hochzeitsfeier selbst – die auf Wunsch des Bräutigams jetzt etwas kleiner ausfallen soll als geplant – soll es noch einen ziemlich aufwändigen Ball geben.“

So entgeistert, wie ihre Freundinnen dreinschauten, hätte man meinen können, Gwen habe ihnen einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Also redete sie rasch weiter, bevor Effie oder Poppy oder alle beide eine Droschke riefen, die sie zum nächsten Bahnhof bringen sollte.

„Aber –“

„Oh, gut, es gibt also ein Aber“, spöttelte Effie. „Ich hatte schon Angst.“

„Bis auf uns und die Familienmitglieder werden keine weiteren Gäste hier im Herrenhaus übernachten. Das macht die Sache wesentlich einfacher“, erklärte Gwen.

„Ach ja?“, unterbrach Poppy sie mit schwacher Stimme.

Ohne auf sie zu achten, fuhr Gwen fort: „Die Dienerschaft wirkt gut geschult. Allerdings scheinen sie eine ausgeprägte Abneigung gegen Miss Quince zu haben.“

Effie schnaubte.

„Hier im Haus wohnen lediglich der Earl und sein Bruder Henry und auch nur, wenn sie sich nicht, wie meistens, in London aufhalten“, sagte Gwen. „Das hier ist also ein Junggesellenhaushalt, meine Damen. Das erklärt auch, warum unsere Hilfe so dringend benötigt wird.“

„Sehr verständlich“, antwortete Poppy. „Männer sind hilflos, wenn es um die praktischeren Dinge des Lebens geht.“

„Es ist kaum zu glauben, dass sie eine Expedition in den hintersten Winkel eines unerforschten Dschungels planen können, es aber nicht fertigbringen, sich bei der Köchin einen Toast zum Frühstück zu bestellen“, fügte Effie hinzu.

Gwen nickte. „Seit die Mutter des Earls vor ein paar Jahren gestorben ist, gibt es keine Herrin mehr auf Danby, und so ist das Personal vielleicht ein wenig nachlässig geworden.“

„Dann legen wir am besten gleich los“, sagte Effie und atmete tief durch. „Was sollen wir als Erstes tun?“

„Ihr seid bestimmt noch müde von der Reise, und daher möchte ich, dass ihr euch erst einmal ausruht“, antwortete Gwen bestimmt.

„Wohl um unsere Kräfte zu sammeln“, erwiderte Effie mit gerunzelter Stirn. „Wir werden sie sicher noch brauchen.“

„Ich habe eine Liste mit allen erforderlichen Arbeiten aufgestellt und dazu Vermerke gemacht, wer welche Aufgaben an welchem Tag übernehmen soll. Ich werde sie euch nach dem Tee geben, damit wir die Einzelheiten besprechen können.“

„Wird Miss Quince uns zur Hand gehen?“, fragte Poppy.

„Die liegt mit Kopfschmerzen im Bett“, antwortete Gwen mit Mitleidsmiene. „Die Ärmste.“

„Ja, wirklich.“ Effie brachte nicht viel Mitgefühl auf, da sie, ebenso wie Poppy, davon überzeugt war, dass außer Celias Vater auch Miss Quince Gwen von ihrer Nichte fernhielt.

„Da ist noch etwas“, sagte Gwen zögernd. Sie war sich nicht sicher, glaubte aber, am ersten Abend beim Dinner und auch am vergangenen Abend etwas Seltsames bemerkt zu haben. Es war nicht sehr augenfällig gewesen, und sie konnte sich geirrt haben. „Ihr seid beide intelligente Frauen und ziemlich gute Beobachterinnen. Lasst es mich wissen, wenn euch etwas … Unerwartetes auffällt.“

Ihre Freundinnen wechselten einen Blick.

„Was meinst du mit unerwartet?“, fragte Effie zaghaft.

„Meine Güte, Effie“, gab Gwen zurück. „Wenn ich es dir sagen würde, wäre es ja nicht mehr unerwartet, nicht wahr?“

Effies Augen wurden schmal.

„Und außerdem möchte ich eure Meinung auf keinen Fall beeinflussen.“ Gwen nagte versonnen an ihrer Unterlippe. „Ich sage nur, dass vielleicht nicht alles so ist, wie es scheint. Oder wie es sein sollte. Aber ich könnte mich auch irren. Aber wenn ich recht habe …“

Effie grinste. „Ich liebe deine Aber.“

Gwen heftete ihren Blick auf Poppy und ließ ihn dann zu Effie wandern. „Wenn ich recht habe, sollten wir unbedingt etwas unternehmen.“