Kapitel eins
Lachen und Musik klangen gedämpft durch die massive Eichenholztür der Bibliothek. Es war ein krasser Gegensatz zu dem Aufruhr, der in Miss Honoria Sheltons Kopf herrschte. Ihr Puls hämmerte, als sie zurückwich, und ihr stockte der Atem. Unfassbar, dass sie sich in einer solchen Situation befand. In ihren zweiundzwanzig Lebensjahren hatte ihr noch kein Gentleman seine Aufmerksamkeit geschenkt, nicht einmal solche mit schlechtem Ruf. Viele nannten sie „Mauerblümchen“. Sie war immer vorsichtig gewesen und hatte darauf geachtet, nie mit einem Libertin ertappt zu werden, denn das hätte ihren Ruf ruinieren können.
Dennoch hatte diese Begegnung sie vollkommen überrumpelt.
„Na, na, kein Grund, so ein entsetztes Gesicht zu machen! Verstehen Sie nicht …“
„Mylord, ich habe Nein gesagt“, erwiderte sie. Ihre Stimme klang fest, doch ihre Hände zitterten. „Ich möchte nicht hier mit Euch tanzen. Warum besteht Ihr darauf? Bitte entschuldigt mich.“
Sie wollte an ihm vorbei, doch er breitete die Arme aus und kam noch näher.
Wenn Sie vor jemandem Angst haben, halten Sie mindestens eine Armlänge Abstand von ihm.
Monsieur Lamberts Worte hallten in Honors Kopf wider. Er war der Lehrer für Fechten und Selbstverteidigung am Berkeley Square 48, dem geheimen Damenklub, dem sie seit ein paar Monaten mit Begeisterung angehörte. Sie dachte an all seine Predigten und wich noch ein paar Schritte zurück, denn sie war keineswegs sicher, dass sie die Bewegungen, die sie so eifrig geübt hatte, auch wirklich ausführen konnte.
Zeigen Sie niemals Angst. Das nutzen Taugenichtse aus.
Honor reckte das Kinn und versuchte, völlig ungerührt zu wirken, obwohl ihr Herz raste.
Der Earl lächelte herablassend. „Ich habe Sie beobachtet, Miss Shelton. Ich …“
„Ich weiß nicht, warum“, unterbrach sie ihn schroff. „Ich habe Eure Aufmerksamkeit nicht bewusst geweckt, Mylord, und sie ist mir nicht willkommen. Lasst mich bitte vorbei und aus dem Zimmer.“
Ärger funkelte in seinem Blick, dann setzte er wieder die charmante Maske auf. Er war es offensichtlich gewohnt, dass Damen Taschentücher fallen ließen und hofften, er würde sie zum Tanzen auffordern. Aber die Art, auf die er sich Honor näherte, hatte nichts Honoriges.
Sie hatte den Ballsaal verlassen, um etwas frische Luft zu schnappen, und nun stand sie hier in einer Ecke der Bibliothek ihrer Gastgeberin, in die Enge getrieben von dem lüsternen Earl of Whitby.
„Kommen Sie schon, Miss Shelton, stellen Sie sich nicht so an“, säuselte Lord Whitby und machte noch einen Schritt auf sie zu. Seine Lippen verzogen sich zu einem schmierigen Grinsen. „Ich mache doch nur Spaß. Ihre Füße haben im Takt der Musik gewippt. Ein oder zwei Tänze würden Ihnen doch sicher gefallen.“
„Wenn Ihr mich im Ballsaal auffordern würdet, würde ich vielleicht Ja sagen, Mylord. Aber ich tanze nicht unter vier Augen mit Euch.“
Er seufzte, als wäre ihre Ablehnung lästig. „Ich dachte, Sie würden dankbar sein, dass ich Sie frage! Haben Sie in dieser Saison überhaupt schon getanzt?“
„Ihr seid unmöglich“, fauchte sie und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Lasst mich gehen, Lord Whitby, oder ich schreie!“
Diese Drohung konnte sie nicht wahrmachen, und er wusste es. Sein Lachen klang verächtlich und kalt.
„Ein Kuss“, murmelte er.
Honor erstarrte. „Wie bitte?“
„Sie wollen mir keinen Tanz gewähren. Aber ein Kuss tut es auch – dann lasse ich Sie gehen.“
„Lieber küsse ich einen Frosch“, sagte sie ruhig. Wie konnte irgendwer ihn mögen?
Lord Whitbys Miene verfinsterte sich, alles charmante Getue war wie weggeblasen. „Ich habe gewettet“, höhnte er, „dass ich der ruhigen Miss Shelton einen Kuss oder noch mehr Vergnügungen rauben könnte – dem Mauerblümchen, das nie einem Gentleman ins Auge sticht.“
Honor drehte sich der Magen um. Sollte ihr erster Kuss von diesem Schurken sein? Niemals! „Ihr werdet nichts dergleichen tun.“
Er streckte die Hand nach ihr aus, und seine Finger streiften ihren Ellbogen, der vom Handschuh verhüllt war. „Ich will Ihre Lippen schmecken. Ich gestehe, sie sind voller, als ich dachte, und …“
Honor ließ die Faust nach vorn schnellen, bevor sie sich beherrschen konnte, und das mit einer Wucht, die sie selbst erschreckte. Der Kinnhaken hätte einem Profiboxer Ehre gemacht und hallte in der Bibliothek wider. Der Earl taumelte nach hinten und schaffte es irgendwie, das Gleichgewicht zu halten.
Er hielt sich das Kinn und riss die Augen auf. „Sie haben mich geschlagen!“ Wut vertrieb das Entsetzen, und er machte einen Satz nach vorn. Sie hüpfte zur Seite und stellte ihm ein Bein. Er ging zu Boden und landete hilflos zappelnd wie ein Käfer auf dem Rücken.
Befriedigung stieg in ihr auf, doch das Gefühl war von kurzer Dauer. Sie hörte ein Quietschen, langsam und schrecklich wie in einem Albtraum – die Tür ging auf!
„Großer Gott“, erklang eine schockierte Stimme. Ein paar andere Personen schnappten entgeistert nach Luft.
Honor fuhr herum, und ihr sank das Herz bis in die Schuhe. Im Türrahmen hatten sich Zuschauerinnen eingefunden – eine ältere Witwe, den Fächer halb erhoben und zur Salzsäule erstarrt, zwei junge Damen mit aufgerissenen Augen und – das Ärgste – Lady Channing, eine der schlimmsten Klatschbasen weit und breit. Bei dem Funkeln in ihren Augen überlief es Honor kalt.
„Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut, Miss Shelton“, sagte Lady Channing mit einem hinterhältigen Lächeln. „Ich habe gesehen, wie Lord Whitby sich davonstahl, aber ich ahnte nicht, dass er ein Treffen mit Ihnen geplant hatte.“
„Ich war nicht mit dem Earl verabredet“, erwiderte Honor patzig, aber ihre Stimme zitterte. Sie reckte das Kinn und bemühte sich um Haltung angesichts der missbilligenden Blicke. „Ich habe den Ballsaal verlassen, um frische Luft zu schnappen. Eigentlich wollte ich in den Garten gehen, doch dann beschloss ich, ein Buch zu lesen. Als ich die Bibliothek betrat, stellte ich zu meiner Bestürzung fest, dass der Earl mir gefolgt war. Lord Whitby liegt am Boden, weil ich ihn mit einem Kinnhaken niedergestreckt habe.“
„Lieber Himmel, eine junge Lady verpasst einem Gentleman einen Kinnhaken?“, sagte die Witwe vorwurfsvoll. „Wie absurd!“
„Ganz unglaublich“, murmelte Lady Channing und betrat das Zimmer.
Honors Herz zog sich zusammen. Alle Zeuginnen dieser anrüchigen Szene musterten sie mit einer Mischung aus Belustigung und Mitleid. Es spielte keine Rolle, dass sie in Notwehr gehandelt hatte, denn der Augenschein sprach eine ganz andere Sprache. Für die Zeuginnen sah es aus, als hätten sie sie und Lord Whitby bei einem Rendezvous ertappt. Niemand würde ihren Erklärungen Glauben schenken.
„Mylord“, fuhr Lady Channing mit gespielter Überraschung fort, und ihre Stimme triefte vor geheuchelter Besorgnis. „Ich hatte keine Ahnung, dass Miss Shelton so … abenteuerliche Neigungen hat.“
Lord Whitby stöhnte und setzte sich mühsam auf. Er starrte Honor mit vor Zorn funkelnden Augen an, doch dann verzogen sich seine Lippen. „Ich … muss gestehen“, sagte er und labte sich an jedem Wort, „Miss Shelton hat viel mehr Charme und Stärke, als die Gesellschaft es sich vorstellen kann.“
Honors Kehle war wie zugeschnürt, sie konnte kaum noch atmen. Sie hatte doch nichts Unrechtes getan! Aber die Leute würden sich trotzdem die Mäuler darüber zerreißen, dass Miss Honor Shelton sich einem berüchtigten Wüstling, dem Earl of Whitby, an den Hals geworfen hatte.
O Gott, was soll ich nur tun?
***
Honor erwachte nach einer unruhigen Nacht. Am Abend zuvor war sie aus der Bibliothek geflohen und zu ihrer Mutter und ihrer Schwester geeilt, dann hatte sie ihnen erzählt, was passiert war. Ihre Mutter war so blass geworden, wie Honor sie noch nie gesehen hatte, und hatte sie beide in die Kutsche gescheucht. Sie waren sofort abgefahren. Honor bezweifelte, dass ihre Mutter mehr geschlafen hatte als sie.
Ihre Augen waren müde und ihr Herz schwer. Die ganze Situation lastete schwer auf ihren Schultern. Beim Frühstück brachte sie kaum einen Bissen hinunter. Schließlich schob sie den Teller von sich. Das Stadthaus schien den Atem anzuhalten, die Stille war erdrückend. Sie wusste, dass sie mit ihren Eltern reden musste – darüber, was als Nächstes zu tun war. Sie konnte sich nicht einfach in ihrem Zimmer verstecken und hoffen, dass die Zeuginnen des gestrigen Debakels den Mund halten würden. Es war Wunschdenken, und Honor neigte nicht zu Fantastereien.
Als sie durch den Korridor ging, öffnete sich die Tür des Musikzimmers, und Moriah erschien auf der Schwelle. Ihre hellblauen Augen waren rot gerändert, doch selbst in diesem Zustand war sie noch wunderschön. Sie war achtzehn Jahre alt, und es war ihre erste Saison, sorgfältig geplant und sehnsüchtig erwartet. Ihre Mutter hatte sie letztes Jahr noch nicht in die Gesellschaft eingeführt, weil Honor noch nicht verheiratet war. Doch jetzt hatte Moriah ihr Debüt gehabt, es war erst wenige Wochen her.
Die Gesellschaft hatte sie ganz anders aufgenommen als Honor. Moriah war von Anfang an der Schmetterling gewesen; ihre blonde Schönheit erregte überall Bewunderung. Nach jedem Ball kamen Blumensträuße, deren Duft nach Rosen, Lilien und Lavendel das ganze Haus erfüllte. Honor hatte sich über den Erfolg ihrer Schwester gefreut, doch der Schmerz in ihrer Brust war nicht zu leugnen gewesen. Sie hatte in drei Saisons keinen einzigen Verehrer gehabt, und die einzigen Blumen, die sie bekommen hatte, waren von ihrem Vater gewesen, damit es ihr nicht ganz so wehtat, ihre jüngere Schwester glänzen zu sehen, während sie versagt hatte.
„Moriah, ich …“
„Du hast alles verdorben“, unterbrach Moriah sie in scharfem Ton.
Honor stockte der Atem. „Ich habe dir doch erzählt, was passiert ist. Ich hatte keine Ahnung, dass der Earl …“
„Viscount Creswick wollte mich heute besuchen“, fauchte ihre Schwester. Ihre Stimme bebte vor Aufregung. „Wir wollten durch den Park fahren, und er wollte mir seinen neuen Phaeton zeigen. Heute Morgen hat er mir eine Nachricht geschickt und abgesagt – und sich nicht einmal entschuldigt! Kannst du dir denken, warum?“
Moriahs Augen füllten sich mit Tränen, und sie knallte die Tür zu, ohne eine Antwort abzuwarten. Honor starrte die geschlossene Tür an, und ihr tat das Herz weh. Sie hatte nicht vorgehabt, die Aussichten ihrer Schwester zu ruinieren, doch jetzt wurde es ihr schmerzlich klar – der Skandal befleckte nicht nur ihren Ruf, sondern gefährdete auch Moriahs Zukunft.
Ihre Gebete der letzten Nacht hatten nicht das Wunder bewirkt, das sie sich erhofft hatte. Honor atmete tief durch und ging weiter. Ihre Füße waren schwer wie Blei, als sie sich dem Salon näherte. Schon von Weitem hörte sie Stimmen, und die ließen sie innehalten.
„Ich kann nicht glauben, dass über unsere Tochter solcher Schmutz geschrieben wird.“ Papier raschelte, dann klang es, als würde es weggeworfen. „Das kann ich nicht zulassen!“
„Wir können doch nicht sicher sein, dass der Unsinn unserer Tochter gilt, mein Lieber. Es gibt noch mehr Miss S. in der Gesellschaft.“
„Du machst dir selbst etwas vor, meine Liebe, weil du der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen willst“, sagte ihr Vater leise und angespannt. „Honor muss sofort heiraten. Nur so wird sie wieder als anständig gelten.“
„Was meinst du mit ,sofort heiraten‘? Wie soll das gehen, William? Verstehst du nicht, dass das nach einem solchen Skandal unmöglich ist?“ Die Stimme ihrer Mutter klang düster. „Wer nimmt Honoria jetzt noch? Und was ist mit Moriah? Wer wird sie noch in Erwägung ziehen, wenn ein solcher Schatten über unserer Familie hängt? Wir sind alle ruiniert.“
Honor stand wie angewurzelt vor der Tür, und ihr Herz hämmerte. Sie wusste, dass Lauschen falsch war, doch ihre Füße blieben, wo sie waren. Jedes Wort traf sie wie ein Dolchstoß ins Herz, das ohnehin schon blutete.
„Was sollen wir tun, William?“, fragte ihre Mutter mit brechender Stimme.
„Ich weiß nicht, meine Liebe“, erwiderte ihr Vater. So ratlos und erschöpft hatte Honor ihn noch nie gehört.
Es tat ihr weh, ihn so zu hören. Ihr Vater war immer ein Fels in der Brandung für sie gewesen – überlebensgroß. Sie war immer stolz gewesen, wenn man ihr gesagt hatte, sie sehe ihm ähnlich, weil sie sein dunkelbraunes Haar und die hellgrauen Augen geerbt hatte – auch wenn andere sie unscheinbar fanden.
Honor schaute ins Zimmer und sah ihn am Fenster stehen. Er blickte in den Garten hinaus und hielt sich den Nacken, als habe er Schmerzen. Er sah niedergeschlagen aus, und der Anblick brach ihr das Herz. Alles nur wegen eines Skandals, den sie nicht verursacht hatte – aber das spielte keine Rolle.
„Mein Lieber“, sagte ihre Mutter. „Glaubst du, wir könnten den Earl überreden, um sie anzuhalten? Wenn er sich nicht so benommen hätte, säßen wir jetzt nicht so in der Tinte. Es wäre sicher eine Lösung …“
„Nein!“ Honors Protest war nur ein Flüstern, doch ihre Eltern hörten es beide.
Ihr Vater drehte sich um, brachte aber nicht sein übliches warmes Lächeln zustande. Stattdessen war sein Blick gequält, und das brachte sie aus der Fassung. Sie schluckte die Tränen hinunter, wappnete sich und schloss leise die Tür hinter sich.
„Papa … Mama“, begann sie mit zitternder Stimme. „Ich weiß, was die Klatschmäuler und die Revolverblätter behaupten – dass ich mit Lord Whitby in einer kompromittierenden Situation ertappt wurde. Aber das stimmt nicht. Ich war allein in der Bibliothek, als der Earl hereinkam. Er … er wurde zudringlich …“
Ihr Vater knurrte zornig: „Er wurde was?“
Sie atmete tief durch und rang um Fassung. „Er wollte mich unbedingt küssen, obwohl ich abgelehnt habe. Ich weiß auch, warum er sich so abscheulich benommen hat – es ging ihm darum, eine Wette zu gewinnen. Ich hatte keine Wahl, als mich zu verteidigen. Ich habe ihn geschlagen und … nun, aus dem Gleichgewicht gebracht. Aber als die Leute dazukamen, war es schon zu spät. Sie haben nur gesehen, dass er am Boden lag und ich über ihm stand. Ich habe erklärt, was passiert war, aber es hat niemanden interessiert.“
„Dieser Mistkerl“, sagte ihr Vater grimmig. „Ich sollte ihn fordern!“
„Mein Lieber“, rief ihre Mutter und sprang auf. „Ich will nichts von einem Duell hören! Der Skandal wäre noch schlimmer als der jetzige. Die Lösung ist, dass Lord Whitby unsere Tochter heiratet.“
„Ich werde diesen Mann nicht heiraten“, platzte Honor heraus.
Die Lippen ihrer Mutter wurden schmal und ihr Gesicht blass. „Du willst den Earl nicht heiraten, obwohl er … deinen Ruf befleckt hat?“
„Mama, ich will ihn gerade deshalb nicht heiraten. Ein Mann mit so einem schlechten Charakter kommt für mich nicht infrage“, sagte Honor. „Schlagt das bitte nicht einmal aus Spaß vor! Wie sollte ich mit so einem Menschen glücklich werden? Ich glaube nicht einmal, dass er mich heiraten würde. Er wollte mich überrumpeln, und als er die Möglichkeit hatte, ehrenwert zu handeln, behauptete er, wir wären verabredet gewesen!“
Ihr Vater machte einen Schritt auf sie zu. „Deine Mutter hat recht.“
„Papa, bitte!“, rief sie. „Du und Mama habt aus Liebe geheiratet. Zwingt mich nicht in eine Ehe, die ein Jammertal wäre!“
„Vielleicht denken wir noch einmal darüber nach, mein Lieber“, sagte ihre Mutter leise, ging zu ihrem Mann und nahm seine Hand. „Vielleicht ist es nicht so schlimm, wie wir denken.“
Honor nickte ernst und zustimmend.
„Die Skandalzeitung macht nur vage Andeutungen, die sich nicht unbedingt auf unsere Familie beziehen müssen. Ich habe schon mit Lady Channing und Lady Trenton gesprochen und sie dringend gebeten, diskret zu sein. Moriah ist traurig, weil der Viscount ihren Ausflug abgesagt hat, aber es kann sein, dass er andere Gründe hatte – und aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“
Der Ton ihrer Mutter wurde entschlossener.
„Heute Abend findet Lady Peabodys Ball statt. Die klügste Taktik wäre, dass wir alle hingehen und der Gesellschaft zeigen, dass wir uns nicht verstecken. Wem der Ruin droht, der flieht aufs Land oder zieht sich ganz aus der Saison zurück. Wir werden keins von beidem tun. Wenn wir den Kopf hochhalten, finden wir vielleicht mehr Verbündete, als wir glauben. Über diesen Skandal könnte schnell Gras wachsen.“
In Honors Herzen keimte Hoffnung auf.
„Ich wollte mich heute Abend mit Lord Branson bei White’s treffen, um über ein paar Investitionen zu sprechen“, sagte ihr Vater stirnrunzelnd.
Ihre Mutter warf ihm einen durchdringenden Blick zu, ihr Ton duldete keinen Widerspruch. „Wir brauchen dich auf dem Ball, William. Wir müssen als Familie geschlossen auftreten. Anders geht es nicht.“
Er seufzte, nickte aber. „Nun gut, wir gehen alle hin.“
Die Last auf Honors Schultern wurde etwas leichter. Vielleicht war es wirklich nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatten.
Kapitel zwei
Der große Ballsaal von Lady Peabodys Herrenhaus war überfüllt. Die Damen in prächtigem Satin und Seide wirbelten anmutig über den polierten Marmorboden, ihre Kleider schimmerten smaragdgrün, saphirblau und fliederfarben. Spitze zierte die Ärmel und Ausschnitte, Diamanten an Hälsen und Handgelenken blitzten im Licht der Kronleuchter. Lachen hallte durch den Raum und mischte sich mit den Klängen des Orchesters, während die Paare mit anmutiger Leichtigkeit tanzten.
Am Rand der Tanzfläche standen Frauen und tuschelten und kicherten hinter ihren Fächern.
„Keine Angst“, murmelte ihr Vater. „Ich bin ja bei dir.“
„Danke, Papa.“
Honor hatte Stunden vor dem Spiegel verbracht, denn sie war fest entschlossen, ein Bild der Anmut und des Selbstvertrauens abzugeben. Sie wollte die Gesellschaft daran erinnern, dass sie die Tochter eines Viscounts war, trotz aller Gerüchte. Sie trug ihr schönstes Ballkleid, ein zartlila Gewand, das im Kerzenlicht matt schimmerte und dessen Ausschnitt mit winzigen Perlen bestickt war. Ihr Haar war zu einem Knoten aufgesteckt und mit Perlen geschmückt, nur ein paar Strähnen ringelten sich um ihr Gesicht. Auch um den Hals trug sie Perlen, die auf ihrer Haut glänzten wie Tropfen im Mondlicht.
Honor zwang sich, tief Luft zu holen. Sie betrat den Saal am Arm ihres Vaters, dicht gefolgt von ihrer Mutter und ihrer Schwester. Normalerweise klopfte ihr beim Betreten eines Ballsaals das Herz vor nervöser Vorfreude und Hoffnung, aber heute Abend … war alles anders.
Sie spürte es sofort.
Ein Raunen ging durch die Menge, als sie hereinkamen. Die Leute reckten die Hälse, tauschten Blicke und spannten Fächer auf – es sah aus, als würden sie Waffen zücken. Das Getuschel begann fast sofort und war gerade laut genug, dass Honor Bruchstücke aufschnappen konnte, als sie vorbeiging.
„Das ist sie – die, die …“
„… Lord Whitby eine Falle gestellt hat.“
„Ich habe gehört, sie hätte ihn absichtlich in die Enge getrieben.“
Die Worte trafen sie wie körperliche Schläge, doch sie verzog keine Miene, denn sie wollte sich keine Blöße geben. Sie klammerte sich an den Arm ihres Vaters und verließ sich auf die Kraft, die er ihr normalerweise gab, doch heute Abend wirkte sogar er angespannt. Er biss die Zähne zusammen und runzelte die Stirn.
Sie hielten inne und ließen Honors Mutter, Viscountess Shelton, vorangehen. Sie reckte das Kinn und war die Würde in Person, doch selbst ihr Auftreten brachte das leise und doch unüberhörbare Raunen nicht zum Schweigen. Früher hatte man ihnen zugenickt und sie höflich begrüßt, jetzt empfing man sie mit Geflüster und durchdringenden Blicken.
Honor schluckte schwer und kämpfte gegen das Brennen in ihren Augen. Sie wäre am liebsten verschwunden, aber das ging nicht – nicht hier und nicht jetzt. Moriah, die bisher die Königin der Saison gewesen war, stand neben ihr und war so schön wie eh und je mit ihrem lavendelfarbenen Kleid und den blonden Locken, die ihr hübsches Gesicht einrahmten. Trotzdem kam kein einziger Gentleman auf sie zu. Wo früher die jungen Männer Schlange gestanden hatten, herrschte nun gähnende Leere, als wäre eine unsichtbare Linie gezogen worden, die die Leute von ihr fernhielt.
Der Viscount, der Moriah den Hof gemacht und ihr erst vor ein paar Tagen eine Fahrt in seinem Phaeton versprochen hatte, warf ihnen einen raschen Blick zu, dann kehrte er ihnen den Rücken und ging zu einer anderen Gruppe. Die Zurückweisung war sonnenklar.
In Moriahs Augen schimmerten unvergossene Tränen, doch sie hielt sich kerzengerade. Sie sagte kein Wort, doch ihr Gesicht sprach Bände – sie empfand die Demütigung schmerzhaft. Auch Honor tat bei dem Anblick das Herz weh. Sie konnte den Skandal ertragen, das Gerede, die hässlichen Gerüchte, aber ihre Schwester, das strahlende, fröhliche Mädchen, so zu sehen – wie versteinert, ignoriert und gemieden –, war unerträglich.
Auch ihre Mutter rang um Fassung. Die Viscountess wahrte die Contenance, doch Honor sah, wie sehr ihre Mutter litt. Der Fächer, den sie fest umklammert hielt, zitterte leicht.
„Mama“, sagte Honor leise, „ich glaube, wir sollten gehen.“
„Nein“, erwiderte ihre Mutter. „Ich werde meine Freundinnen begrüßen. Moriah, du begleitest mich.“
Honor versuchte, sich nicht zurückgesetzt zu fühlen, denn sie verstand die Entscheidung ihrer Mutter. Ihre Schwester hatte immer noch Aussichten auf eine gute Partie. Honor stand wie üblich am Rand und tat so, als sehe sie den Tanzpaaren zu, aber sie hörte nur die gemeinen Tratschgeschichten.
„Sie ist eine echte Intrigantin.“
„Armer Lord Whitby, er ist in ihre Falle getappt.“
„Natürlich ist sie jetzt ruiniert, und ihre Schwester auch.“
Ihre Sicht verschwamm, und sie spürte die Scham beinahe körperlich. Sie atmete tief durch und reckte das Kinn, entschlossen, keine Tränen zu vergießen. Sie würde diesen Leuten nicht das Vergnügen gönnen, sie zusammenbrechen zu sehen.
Sie bemerkte ihre gute Freundin Lady Grace, die versuchte, sich einen Weg zu ihr zu bahnen. Honor war erleichtert. Doch bevor Grace bei ihr war, packte deren Mutter, die energische Duchess of Windermere, ihre Tochter am Arm und flüsterte ihr etwas zu. Grace warf Honor einen verzweifelten Blick zu, ließ sich jedoch widerwillig von ihrer Mutter wegziehen.
Honor biss sich auf die Lippe, um nicht zu weinen. Sogar Lady Grace, ihre beste Freundin, konnte dem langen Arm der gesellschaftlichen Regeln nicht entkommen.
Es war noch keine Stunde vergangen, als ihr Vater auf sie zukam. Sein Gesicht war blass, der Mund verkniffen.
„Wir gehen“, stieß er hervor. „Für heute Abend wurden wir genug gedemütigt.“
Honor nickte und folgte ihrem Vater, ihre Mutter und Moriah kamen hinterher. Draußen atmete sie die kühle Abendluft ein – eine Wohltat nach der Schwüle im Ballsaal. Ihre Angehörigen sprachen auf der Heimfahrt kein Wort, und das Schweigen zwischen ihnen war erdrückend. Moriah wischte sich Tränen von den Wangen und rang um Fassung. Der Ruf ihrer Familie, das Debüt ihrer Schwester – alles hing am seidenen Faden, und Honor wusste nicht, was sie tun sollte.
***
Honor verbrachte wieder eine nahezu schlaflose Nacht und war am nächsten Morgen völlig erschöpft. Sie strich ihr Kleid glatt und ging zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Die Tür war nur angelehnt, doch sie klopfte leise an, bevor sie eintrat. Ihr Vater saß an seinem großen Schreibtisch aus Eichenholz und sah aus, als wäre er über Nacht gealtert. Sein Haar war zerzaust, das Gesicht eingefallen vor Müdigkeit. Ihre Mutter saß in einem der Ohrensessel und hielt eine Tasse Tee in der Hand. Ihre Augen waren rot gerändert, also hatte sie geweint.
Honors Vater brach die angespannte Stille mit einem Räuspern und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. „Ich war heute Morgen bei Lord Whitby“, sagte er ohne Einleitung.
Honor erstarrte. Ihr stockte der Atem, und sie stand da, reglos, außer dass ihre Brust sich leicht hob und senkte.
„Lord Whitby wird heute Nachmittag zu dir kommen“, sagte ihre Mutter sanft und mit mitfühlender Miene. „Ich weiß, das ist nicht das, worauf du gehofft hast. Aber so, wie wir gestern Abend empfangen wurden, ist das der einzige Ausweg. Man wird deine Heirat mit dem Earl als passende Verbindung betrachten.“
„Wer ist ,man‘?“, fragte Honor heiser. „Warum zählt die Meinung aller, nur meine eigene nicht – obwohl ich gezwungen werden soll, diesen Libertin zu heiraten?“
Ihre Mutter sah bestürzt aus, doch ihr Vater antwortete schnell und energisch. „Eine Heirat mit dem Earl ist die einzige Chance, deinen Ruf zu retten“, sagte er knapp. „Dann kannst du dich wieder in der Gesellschaft sehen lassen. Eine lange Verlobungszeit ist nicht nötig. Der Earl wird eine Sondergenehmigung erwirken, um die Heirat zu beschleunigen.“
„Ich kann nicht …“, begann Honor, verstummte jedoch, als ihr Vater auf den Tisch schlug.
„Wenn du ihn nicht heiratest“, sagte er scharf, „bleibt dir nur, dich aufs Land zurückzuziehen und dich dort jahrelang zu verstecken. Dann gibt es keine Saison mehr, keine Aussichten, nichts!“
Die Worte trafen sie wie Pfeile, die stecken blieben. Aber trotzdem – die Vorstellung, Whitby zu heiraten und für den Rest ihres Lebens an einen solchen Mann gebunden zu sein, war noch schlimmer. „Dann tue ich das eben, Papa“, sagte sie. „Ich gehe lieber aufs Land, als ihn zu heiraten.“
„Es geht nicht nur um dich, Honor“, sagte er scharf. „Du magst bereit sein, deine Zukunft zu opfern, aber was ist mit deiner Schwester? Glaubst du, Moriah hat noch Aussichten, wenn du dich weigerst? Ihre Einführung in die Gesellschaft wird befleckt sein, bevor sie richtig begonnen hat. Du darfst nicht nur an dich denken. Wenn du einen anderen Bewerber weißt, sag es, dann mache ich ihm das gleiche Angebot wie Whitby!“
Für einen langen, qualvollen Moment brachte Honor keinen Ton heraus. Sie sah verschwommen, und ihr Herz wurde schwer wie Blei. Ihr Vater hatte dem Earl ein Angebot gemacht, damit er sie heiratete. Trotz seines eigenen abscheulichen Verhaltens musste er immer noch mit einer zweifellos schwindelerregenden Summe überzeugt werden.
Wie konnten sie von ihr verlangen, dass sie einen Mann wie Whitby heiratete? Dass sie ihr Leben ruinierte? Aber durfte sie Moriahs Glück opfern? Und die gesellschaftliche Position ihrer Familie ignorieren?
Honors Brust hob und senkte sich heftig, während sie um Fassung rang.
„Ich brauche frische Luft“, flüsterte sie kaum hörbar, drehte sich auf dem Absatz um und flüchtete.
Ihre Mutter rief ihr etwas nach, doch Honor blieb nicht stehen. Ihre Füße liefen wie von selbst, um zu entkommen. Draußen hatte es angefangen zu regnen, und sie trat hinaus in den Schauer. Sie hielt sich nicht damit auf, einen Hut oder einen Umhang zu holen, obwohl der kalte Regen ihr Kleid im Nu durchnässte. Es war nicht wichtig. Wichtig war nur, an den einen Ort zu gelangen, an dem sie immer neue Kraft schöpfte – Berkeley Square 48.
Der Regen wurde heftiger, der Wind peitschte ihr die Tropfen ins Gesicht, und ihr Kleid schlotterte ihr um die Knöchel. Zu Fuß brauchte sie mindestens dreißig Minuten bis zum Berkeley Square, doch das störte Honor nicht. Sie brauchte ihre Freundinnen, die Frauen, die für sie zu einer zweiten Familie geworden waren. Die Ladys vom Berkeley Square waren rebellisch, gütig und absolut loyal und schafften es, das Unmögliche möglich zu machen. Irgendwie würden sie ihr helfen, einen Ausweg aus diesem Albtraum zu finden.
Sie musste nur durchhalten, bis sie bei ihnen war.
Doch dann goss es wirklich in Strömen, und es war um ihre Fassung geschehen. Zu ihrem Entsetzen brachen die Tränen, die sie so tapfer zurückgehalten hatte, hervor und mischten sich mit dem Regen. Sie schluchzte, und ihr war das Herz schwer vor Angst und Unsicherheit.