Kapitel eins
5 Jahre zuvor …
Lady Marianne Ayles faltete die Hände, holte tief Luft und ging langsam die Treppe hinauf, die zu dem großen Ballsaal führte. Es war der dritte gesellschaftliche Anlass, bei dem sie sich zeigte, seit sie vor ein paar Wochen ihren ersten Auftritt auf dem Heiratsmarkt gehabt hatte. Die Dekadenz und Frivolität des ton faszinierten sie immer noch sehr.
Sie hatte vor Aufregung Schmetterlinge im Bauch. Marianne hatte sich nicht vorgestellt, dass der heutige Abend so wunderbar sein und gleichzeitig ihre Nerven so sehr strapazieren würde. Sie hatte erst gestern ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert, und ihre Mutter hatte ihr liebevoll eine Ehe gewünscht, die im Himmel geschlossen würde.
Das war etwas überschwänglich, doch Marianne gefiel der Gedanke. Kurz vor dem Einschlafen hatte sie gebetet, dass sie ebensolches Glück in der Liebe haben würde wie ihre Cousine Heather, die vor Kurzem Baron Coleman geheiratet hatte. Auch Mariannes Eltern hatten aus Liebe geheiratet, und ihre Mutter, die schon seit fast zehn Jahren Witwe war, hatte nie daran gedacht, wieder zu heiraten.
Eine solche Ehe wünschte Marianne sich auch. Etwas Aufregendes und Herrliches. Sie spürte viele neugierige Blicke auf sich und war sicher, dass sie bezaubernd aussah, auch wenn sie nicht die schönste der anwesenden Ladys war. Sie trug ein weißes Ballkleid mit winzigen durchsichtigen Puffärmeln aus Gaze, verziert mit silbernen Schleifen. Der züchtige Ausschnitt war mit passender silberner Spitze gesäumt, und silberne Schleifen schmückten das Kleid. Ihre silbernen Satinschuhe glänzten im Licht von tausend Kerzen, und auch ihr elegant hochgestecktes Haar schimmerte.
„Wie wunderbar du aussiehst, Liebling“, erklang eine liebevolle Stimme neben ihr.
Ihr Herz machte einen Freudensprung bei dem Lob, und sie drehte sich um. „Mama!“ Marianne entfuhr ein nervöses Kichern. „Ich habe mich schon gefragt, wo du bleibst.“
„Mir war wichtig, dass du allein in den Ballsaal gehst“, murmelte ihre Mutter, die Dowager Countess of Wakefield. Ihre hellbraunen Augen funkelten. „Du strahlst vor Selbstbewusstsein, und ich wollte dir nicht die Schau stehlen.“
Marianne zog die Nase kraus und gestand sich stillschweigend ein, dass sie sich sehr über das Kompliment freute. Die Saison war manchmal anstrengend, weil man fast jeden Abend ausgehen musste, doch sie liebte die Energie und die Leidenschaft, die die Luft zum Vibrieren brachten. Die Sache hatte nur einen kleinen Haken. Trotz ihres erfolgreichen ersten Auftritts bei Almack’s hatte niemand sie zum Tanzen aufgefordert – weder bei Almack’s selbst noch auf Lady Chesterfields Ball gestern Abend.
Laut ihrer Mutter bot Almack’s die beste Gelegenheit für junge Ladys, sich mit ihrem ganzen Charme dem ton zu präsentieren – und für Gentlemen, auf Brautschau zu gehen. Es war beunruhigend, dass sie zu den wenigen Ladys gehörte, für die sich seit ihrem Debüt noch keiner interessiert hatte, aber Marianne versuchte, ihrer Mutter gegenüber zuversichtlich zu wirken.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, sagte ihre Mutter sanft, denn sie durchschaute die Fassade. „Meine liebe Tochter, du bist wunderschön. Jemand wird dich zum Tanzen auffordern, und ehe du dichs versiehst, kannst du dich vor Verehrern nicht retten!“
Marianne lachte etwas unsicher. „Du kennst mich gut, Mama.“
Ihre Mutter lächelte. „Natürlich tue ich das. Ich werde dich mit ein paar bezaubernden Ladys bekannt machen, die ich schon seit Jahren kenne, und du wirst jede Gelegenheit nutzen, die sich dir bietet.“
Marianne nickte und ließ sich von ihrer Mutter durch den Ballsaal führen. Dabei begegneten sie vielen gesetzten älteren Damen. Marianne kämpfte gegen ihre Nervosität an, konnte jedoch nicht verhindern, dass sich ihr der Magen zusammenzog. Sie waren fast zwei Stunden auf dem Ball, mehrere Tänze wurden angekündigt, doch Marianne fand keinen Partner. Sie spürte den besorgten Blick ihrer Mutter, lächelte jedoch tapfer und tat so, als wäre sie bester Laune. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter, die sich so viel für sie erhoffte, unglücklich war.
Doch als der Abend fortschritt, schwand Mariannes Zuversicht mit jedem Augenblick. Jeder Tanz erinnerte sie an die tief verwurzelte Angst, dass sie vielleicht nicht begehrenswert war. Sie hatte nicht so gute Beziehungen wie die anderen Debütantinnen, besaß keine Mitgift und galt auch nur als sehr hübsch, nicht etwa als hinreißende Schönheit.
Womit sollte sie die jungen Gentlemen auf dem Heiratsmarkt anlocken?
Leider schienen auch andere zu bemerken, dass sie ein Mauerblümchendasein fristete. Jedes Flüstern, jeder verstohlene Blick, jedes plötzlich verstummende Gespräch bestätigte ihre Befürchtungen. Marianne sah neidisch zu, wie die anderen Debütantinnen über die Tanzfläche wirbelten und ihre Röcke im Takt der Musik rauschen ließen. Um sie herum hallte Gelächter wider, Augen funkelten vergnügt, und Tanzpartner hielten einander fest an den Händen.
Ein brennender Schmerz stieg Marianne in die Kehle. Sie trat auf den Balkon, um der Hitze und dem Lärm eine Weile zu entkommen und frische Luft zu schnappen. Der Nachthimmel war erstaunlich klar, und sie sah die Sterne funkeln. Sie atmete tief durch, und die kühle Luft beruhigte sie. Vom Balkon aus blickte Marianne in den Garten hinunter. Das milde Licht der Laternen fiel auf die Pfade, und sie erspähte einige Pärchen, die spazieren gingen. Ihre Augen weiteten sich, als sie einen Gentleman und eine Lady sah, die sich umarmten. Der Mann nahm das Gesicht der Dame in die Hände, senkte den Kopf und küsste sie. Was für eine Kühnheit!
Die beiden lösten sich voneinander, und ein helles Lachen klang an ihr Ohr. Es kam ihr bekannt vor. Marianne war verwirrt. Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging wieder in den Ballsaal.
Sie durfte sich nichts anmerken lassen. Jedes Anzeichen von Aufregung würde sofort unerwünschten Klatsch befeuern. Trotzdem flatterte ihr Herz wie ein gefangener Vogel. Sie wich geschickt den tanzenden Paaren aus und wollte sich unauffällig in den Garten schleichen. Aber ihre Schritte gerieten ins Stocken, als sie sah, wie ihre Mutter hereinkam – mit merklich geröteten Wangen!
Die geküsste Lady war doch wohl nicht Mama gewesen!
Marianne blieb wie versteinert stehen. Ein umwerfender Gentleman folgte ihrer Mutter auf dem Fuß. Er war groß, tadellos gekleidet und hatte dunkles Haar mit einem Hauch Silber an den Schläfen. Dieser Fremde schaute auf ihre Mutter herunter. Der rasche, aber zärtliche Blick, den die beiden tauschten, sagte unmissverständlich, dass er das Stelldichein mit ihrer Mutter im Garten gehabt hatte.
Marianne wandte den Blick ab und umklammerte ihren Fächer. Was hatte das zu bedeuten? Seit Papas viel zu frühem Tod waren die einst so strahlenden Augen ihrer Mutter erloschen, verschleiert von endlosem Kummer. Sie nach so langer Zeit wieder funkeln zu sehen, hätte Marianne das Herz wärmen sollen, doch stattdessen war sie bis ins Mark erschüttert davon, wie schamlos ihre Mutter sich mit diesem Fremden benommen hatte.
Wer war das?
Marianne warf noch einen Blick in die Richtung der beiden und nahm stirnrunzelnd zur Kenntnis, dass ihre Mutter nicht mehr zu sehen war. Gütiger Himmel, was war hier los? Ihre Mutter sollte Mariannes Einführung in die Gesellschaft beaufsichtigen, statt sich heimlich mit rätselhaften Gentlemen zu treffen! Bei dem bloßen Gedanken an den Skandal, der daraus erwachsen konnte, begann Mariannes Herz zu rasen. Wie sollte sie dieses heikle Thema taktvoll zur Sprache bringen? Wie konnte ihre Mutter sich über die strengen Anstandsregeln hinwegsetzen, die in der Öffentlichkeit galten und die sie ihrer Tochter unermüdlich eingebläut hatte? Mariannes Blick schweifte durch den überfüllen Saal, und sie versuchte, an den größeren Gästen vorbei zu schauen.Sie wollte gerade eine Runde durch den Ballsaal drehen, um gründlicher zu suchen, als sie plötzlich erstarrte. Sie spürte, dass jemand hinter ihr stand.
„Hört auf zu suchen“, erklang ein Murmeln, beängstigend nah.
Marianne blieb fast das Herz stehen. „Wie bitte?“, brachte sie mit bebender Stimme hervor.
Der Fremde antwortete mit einem Hauch Belustigung: „Ihr habt mich schon verstanden.“
Marianne hörte den amüsierten Unterton heraus und wurde wütend. „Ich weiß nicht, was Ihr meint.“
„Ihr sucht Lady Wakefield. Hört damit auf.“
Wie konnte er es wagen! Sie umklammerte ihren Fächer so fest, dass er beinahe durchbrach, und wirbelte zu dem unverschämten Fremden herum. Sie sah in zwei Augen, die so blau waren, dass sie an das offene Meer an einem klaren Tag denken musste. Sein makellos weißes Hemd und die prächtige goldene Weste bildeten einen starken Kontrast zu seinem schwarzen Anzug, dazu trug er ein perfekt gebundenes Halstuch. Marianne musterte seine schlanke Gestalt und sein faszinierendes Gesicht, und in ihr stieg ein warmes Gefühl auf, das sie noch nie empfunden hatte. Ihr Herz schlug noch schneller. Er sah gut aus, aber nicht auf klassische Art. Wer war dieser Gentleman?
Mit seinen dunkelblauen Augen musterte er Marianne, und der Ballsaal kam ihr sofort kleiner und wärmer vor.
„Würdet Ihr mir die Ehre eines Tanzes erweisen?“
Mariannes Augen weiteten sich, denn die Frage kam unerwartet, und sie starrte den Gentleman an. Er sah wirklich … furchtbar gut aus.
„Wo seid Ihr hergekommen?”, fragte sie und kam sich gleich danach dumm vor. Sie errötete vor Verlegenheit.
Um seine Mundwinkel zuckte es. „Ich hatte mich hinter der Kübelpalme bei der Terrassentür versteckt – vor Müttern, die ihre Töchter unter die Haube bringen wollen.“
„Wie bitte?“
„Das sagt Ihr immer, wenn Ihr verwirrt seid. Interessant.“
Wieder konnte sie ihn nur anstarren. „Ich …“
„Wollt Ihr nicht meine Hand nehmen?“
In ihrem Bauch kribbelte es vor Nervosität. „Wie bitte?“
„Ich habe Euch demütig um einen Tanz gebeten.“
Beinahe hätte sie verächtlich geschnaubt. Er hatte ganz und gar nichts Demütiges an sich. „Wir wurden einander noch nicht vorgestellt, Sir.“
„Sehr unaufmerksam von mir“, sagte er und verbeugte sich. „Viscount Hardwick. Zu Euren Diensten.“
Viscount Hardwick?
Marianne war zwar noch neu in der Gesellschaft, aber sie hatte schon Getuschel über einen Mann gehört, der sehr stolz und unnahbar war, ein unberührbares Herz aus Eis hatte und den sich trotzdem viele Ladys angeln wollten. Das war doch nicht Viscount Hardwick gewesen?
„Das war keine richtige Vorstellung“, sagte sie leise und schaute sich unauffällig nach ihrer Mutter um. Die beobachtete sie doch sicher und würde bald eingreifen.
„Lady Wakefield ist … beschäftigt, fürchte ich.“
Sie schnappte nach Luft und verriet damit, wie überrascht sie war. Sein Ton klang vertraulich und zeugte davon, dass er genau wusste, was ihre Mutter heimlich trieb. Ihre Wangen röteten sich vor Verlegenheit. Da ertönten die ersten Klänge eines Walzers.
Er sah sie an und reichte ihr die Hand. „Gleich fängt ein Walzer an. Würdet Ihr mir die Ehre dieses Tanzes erweisen?“
„Ja – wenn Ihr ehrlich zu mir seid, Mylord.“ Die Worte entfuhren Marianne, bevor sie sich besinnen konnte. Sie klangen fremd in ihren Ohren, so als kämen sie nicht von ihr selbst, sondern von einer anderen Person, die mutiger war als sie. Ihr war, als würde sie nicht mehr klar denken.
Er hob fragend die Augenbrauen.
Sie zögerte. „Heute Abend haben sich alle verschworen, mich zu übersehen. Und so, wie Ihr Euch mir genähert habt, Lord Hardwick, habe ich Zweifel an Euren Motiven. Ich habe das Gerede über Eure Arroganz gehört und darüber, dass nur wenige Menschen Gnade vor Euren Augen finden.“
Sein Blick wurde unergründlich. „Ich habe Eure Melancholie gespürt und mich gefragt, ob sie daher rührt, dass Ihr keinen Tanzpartner habt.“
Sie erbebte vor Entsetzen, dann wäre sie vor Verlegenheit am liebsten im Boden versunken. „Ihr versteht mich falsch. Ich will kein Mitleid von Euch und brauche es auch nicht.“
„Euch aufzufordern, geschah nicht aus Mitleid“, sagte er. Seine Stimme klang etwas rau, und er sah sie durchdringend an. „Ich dachte nur, dass zwei ziellos umherirrende Seelen Trost beieinander finden könnten.“
Diese Antwort verblüffte Marianne so, dass sie ihn wortlos anstarrte. Warum irrt Ihr ziellos umher?, fragte sie in Gedanken, doch die Worte kamen ihr nicht über die Lippen.
Sein Mund verzog sich zu einem bezaubernden Lächeln. „Wollen wir tanzen? In diesem riesigen Ballsaal weiß doch niemand, dass wir einander nicht richtig vorgestellt wurden.“
Seine Worte klangen ein wenig herausfordernd, und zu ihrem Entsetzen fand sie es gefährlich aufregend. Die Regeln der Gesellschaft verlangten, dass man einander offiziell vorgestellt wurde, doch der Nervenkitzel, sich den Konventionen zu widersetzen, war berauschend. Sie schob ihre Bedenken beiseite, legte ihm die Hand auf den Arm und ließ sich in das Meer der Tanzenden führen. Sie nahmen ihren Platz auf der Tanzfläche ein. Freudige Aufregung durchströmte sie, und sie lächelte. Ihr erster Tanz der Saison – und noch dazu mit einem so gut aussehenden, begehrten Partner!
„Ah, ein Erfolg, der mich keine große Mühe gekostet hat. Aber ich akzeptiere diesen Sieg.“
„Wie bitte?“ Ihre Blicke trafen sich für einen kurzen, atemlosen Moment. Warum war ihr so warm? Und warum war sie so durcheinander?
„Als ich Euch zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mir vorgenommen, Euch heute Abend irgendwie zum Lächeln zu bringen.“
„Ihr … Ihr habt mich beobachtet, Mylord?“
Er zog eine Augenbraue hoch. „Habe ich das nicht schon vorhin angedeutet?“
„Wie unheimlich.“
„Das ist ein Teil meines besonderen Charmes, fürchte ich.“
Marianne gab einen erstickten Laut von sich. „Daran ist nichts charmant. Ihr seid unmöglich.”
„Das sind die besten unter den Gentlemen“, murmelte er. Es klang gelangweilt.
Sie schnappte nach Luft. „Und auch noch eitel!“
Ein Funkeln trat in seine Augen. „Das gehört sich für jemanden, der so gut aussieht wie ich. Arroganz, Eitelkeit und Charme. Es gibt noch mehr, aber ich erspare Euch die Details, denn die sind wirklich … unanständig.“
Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass es ihm Spaß machte, sie aufzuziehen und zu schockieren. Marianne verkniff sich ein Lächeln und wirbelte mit dem Viscount über das blank polierte Parkett. All seine Bewegungen waren wohlüberlegt und doch geschmeidig und mühelos. Jeder Schritt und jede Drehung war aufregend und verstörend.
Erst jetzt begriff sie, warum es einst als skandalös gegolten hatte, wenn Debütantinnen Walzer tanzten. Der Blick des Viscounts ließ ihren nicht los, und obwohl ihr tausend Fragen durch den Kopf gingen, sprach Marianne kein Wort, weil sie fürchtete, den Zauber dieses Momentes zu brechen. Fühlte es sich so an, wenn man beim Tanzen ein Band mit jemandem knüpfte … beim leidenschaftlichen Klang der Geigen? In diesem Moment verstand sie auch, warum Bälle und Tänze so wichtig für das Ritual der Brautwerbung waren.
„Ihr tanzt … wunderbar“, sagte er, als die letzten Töne des Walzers verklangen.
Ihr war, als wäre etwas in ihrem Inneren durcheinander, als wäre sie gestürzt und könnte nicht mehr aufstehen. „Ihr auch, Mylord“, sagte sie und wünschte, ihr würde eine Antwort einfallen, mit der man einen Flirt beginnen konnte.
Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, und er führte sie von der Tanzfläche. Seine Nähe war ihr geradezu schmerzlich bewusst. Ihre Augen weiteten sich, als sie ihre Mutter sah, die am Rand der Tanzfläche wartete – mit dem Gentleman, den sie geküsst hatte. Ihre Mutter starrte sie beide an, die Wangen gerötet und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.
Mama strahlt ja richtig!
Ihre Mutter war eine vornehme Lady, und heute trug sie ein dunkelrosa Kleid, das ihre schlanke Figur zur Geltung brachte. Ihre braunen Augen funkelten vor Glück und waren ein bisschen feucht, und Mama sah plötzlich viel jünger aus als achtunddreißig. Marianne spürte, wie aufgeregt ihre Mutter war, und fragte sich, was los war.
„Liebling, du sahst bezaubernd aus, als du getanzt hast“, sagte ihre Mutter und nahm Mariannes Hand in ihre. „Wie ich sehe, hast du Julian schon kennengelernt.“
Julian?
Ihre Mutter wirkte nervös. „Lord Sandover, bitte gestattet mir, Euch meine Tochter vorzustellen, Lady Marianne. Liebling, das sind der Marquess of Sandover und sein Sohn, Viscount Hardwick.“
Marianne machte einen Knicks. „Es ist mir ein Vergnügen, Euch kennenzulernen, Lord Sandover und Lord Hardwick.“
Ihre Mutter drückte ihr die Hand, und Marianne spürte, dass ihre Finger zitterten.
„Mama, ist alles in Ordnung?“
Ihre Mutter räusperte sich. „Lord Sandover hat mir heute Abend einen Heiratsantrag gemacht … und ich habe ihn angenommen.“
Oh! Deshalb hatten sie sich geküsst. Schrecken und Erleichterung durchströmten Marianne. „Mama, ich freue mich so für dich!“ Warum hatte sie nicht gewusst, dass ihre Mutter einen Verehrer hatte?
Um die Augen des gut aussehenden Marquess bildeten sich Fältchen, als er lächelte. „Ich wollte dich schon lange kennenlernen, Marianne. Ich habe so viel Gutes über dich gehört.“
Marianne nickte. Sie hatte gemischte Gefühle, weil ihre Mutter den Marquess nie erwähnt hatte … ebenso wenig wie seinen Sohn. Marianne schaute den Viscount an und merkte, dass er sie durchdringend ansah.
Ihre Mutter lachte unbekümmert. „Marianne hat sich immer beklagt, weil sie keine Geschwister hat. Nun, Liebling, jetzt bekommst du einen älteren Bruder.“
Marianne stockte der Atem. Bruder?
Ein Lächeln umspielte den Mund des Viscounts, reichte jedoch nicht bis zu seinen Augen. „Ich habe mir immer eine Schwester gewünscht“, murmelte er.
Ein sonderbares Gefühl stieg in Marianne auf, und sie sah beiseite. Warum kam es ihr vor, als hätte sie etwas verloren, das ihr nie gehört hatte?
Kapitel zwei
Gegenwart, London, Mayfair
„Ich weiß nicht, was diese Mutprobe soll“, sagte der Fluch ihres Daseins – Julian, Viscount Hardwick, ihr Stiefbruder – und half ihr aus der Kutsche. „Und warum muss ich dabei sein, wenn du sie ausführst?“
Marianne lächelte und zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, damit er ihre Miene nicht sehen konnte.
„Du weißt genau, dass Mutproben zu den Ritualen unseres Klubs gehören! Seit ich Mitglied am Berkeley Square 48 bin, habe ich noch keine einzige bestanden! Ich muss meine Charakterstärke beweisen wie meine Freundinnen. Sogar meine wunderbare Namensvetterin hat eine Mutprobe bestanden und eine Wette gewonnen.“
„Deine Namensvetterin?“
„Hörst du jemals zu, wenn ich etwas sage?“
„Manchmal“, antwortete er belustigt.
„Miss Jocelyn Marianne Evans“, sagte sie schmollend.
„Ah … du sprichst von Cinderella.“
Marianne seufzte. Sie hatte ihre Freundin einmal „Cinderella“ genannt, weil Jocelyn eine Stiefmutter und Stiefschwestern hatte, die sie schäbig behandelten. Sie war ein liebenswerter Mensch und hatte es nicht verdient. Marianne und Jocelyn verstanden sich gut, und Marianne wünschte sich oft insgeheim, sie wären Schwestern, obwohl sie außer dem einen Vornamen wenig gemeinsam hatten. Aber Gegensätze zogen sich eben an. „Ja.“
„Ich dachte, Miss Evans wäre schon seit zwei Jahren Klubmitglied?“
„Ja.“
„Dann ist es doch ganz normal, dass sie mehr Erfahrung mit diesen albernen Mutproben hat als du. Du bist erst seit ein paar Monaten Mitglied. Ich begreife nicht, warum ich es erlaube.“
Marianne warf ihm einen wütenden Blick zu. „Erlauben? Außerdem bin ich jetzt schon seit vierzehn Monaten Mitglied des Berkeley Square 48.“
Über ihnen grollte der Donner, Blitze zuckten am Himmel, und die Pferde scheuten. Der Kutscher bekreuzigte sich und warf einen skeptischen Blick auf das Haus vor ihnen. Der Mann zog eine Flasche aus der Tasche, öffnete sie und stärkte sich mit ein paar Schlucken. Marianne tadelte ihn nicht dafür, dass er im Dienst trank, denn wahrscheinlich musste er sich Mut antrinken.
„Dieses Haus hat wirklich eine eigene Atmosphäre“, sagte Julian. „Wie dumm von mir, dass ich diese Mutprobe mitmache. Ich könnte jetzt ganz woanders sein, mit einer wunderbaren …“
Er ließ die Worte in der Luft hängen, und sie sah ihn finster an. Einer wunderbaren – was?
Sein sinnlicher Mund verzog sich zu einem arroganten Grinsen. Wie gut er heute Abend wieder aussah – und dann dieser finstere Charme … Er trug dunkle Hosen, ein weißes Hemd, eine Weste aus hellblauer Seide, ein tadellos gebundenes seidenes Halstuch und einen tiefschwarzen Frack.
Sein Haar war viel zu lang, doch statt es abzuschneiden, hatte er es mit einem schwarzen Samtband im Nacken zusammengebunden. Julian wirkte verführerisch und gefährlich.
Ein sehnsüchtiger Seufzer entschlüpfte Marianne, und sie sah hastig beiseite. Mit seinem rabenschwarzen Haar, den tiefblauen Augen und dem zynischen Lächeln hatte Julian einen unbestreitbaren Charme, doch er galt auch als gefährlich und gerissen.
„Könnte es sein, dass du Angst hast, das Haus zu betreten?“, murmelte Marianne und warf ihm wieder einen Seitenblick zu.
Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Du beleidigst meine Männlichkeit, Püppchen. Fürchtest du nicht meine Reaktion und Vergeltung?“
Sie unterdrückte ein Kichern und rollte die Augen. „Es ist doch ganz normal, vor einem Spukhaus Angst zu haben. Was ist beleidigend daran, es zur Sprache zu bringen?“
„Nicht für mich“, behauptete er mit liebenswerter Arroganz. „Ich frage mich nur, was es über unseren Geisteszustand aussagt, dass wir mitten in der Nacht vor einem leeren Haus am Rand von London stehen! Und ich frage mich auch, warum ich dich bei diesem Leichtsinn unterstütze.“
Sie reckte das Kinn und blickte zu ihm auf. „Ich bin einfach so bezaubernd, dass du mir nicht widerstehen kannst. Sieh es endlich ein, dann musst du deine Entscheidungen nicht mehr infrage stellen.“
Von ihm kam ein verächtliches Schnauben, doch der Blick, der auf sie fiel, war zärtlich. Marianne schaute beiseite und ärgerte sich über das warme Gefühl in ihrem Bauch. Je mehr sie zu verdrängen versuchte, dass ihr Stiefbruder ein Mann war, desto schwerer wurde sie den Gedanken an ihn los.
„Es gibt schlimmere Mutproben“, murmelte sie.
„Was kann schlimmer sein, als vor einem verlassenen Stadthaus zu stehen, das aussieht, als würde es jeden Moment einstürzen und noch dazu Gespenster beherbergen? Vergiss nicht, dass es auch noch regnet!“
„Jemand hat die Mutprobe vorgeschlagen, nachts einen Friedhof zu besuchen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass meine Freundinnen sich langweilen.“
„Ist das der einzige Schluss, den du daraus ziehst?“, fragte er ungeduldig.
Marianne ging wortlos voran. Es machte sie wütend, dass ihr Herz so klopfte. Dieses Haus war wirklich sehr gruselig. Wer aus dem Geheimklub am Berkeley Square 48 hatte sich diese alberne Mutprobe ausgedacht? Marianne hatte sich nur darauf eingelassen, weil sie das einzige Mitglied war, das noch keine Mutprobe bestanden hatte, und diese bot eine gute Gelegenheit, ihre Tapferkeit zu beweisen und zu zeigen, dass ihre Kühnheit der ihrer Schwestern in nichts nachstand. Jetzt kam sie sich dumm vor, aber es gab kein Zurück mehr. Julian durfte keine Sekunde glauben, sie wäre nicht mutig.
„Hat die Angst dir die Sprache verschlagen?“ Sein Atem streifte ihren Nacken, und sie fuhr zusammen und schlug sich die Hand auf den Mund, um nicht laut aufzuschreien.
Er lachte herzlich.
„Du elender Dummkopf!“
„Elender, wunderbarer Dummkopf. Der Unterschied ist wichtig.“
Sie warf einen Blick über die Schulter und machte ein finsteres Gesicht. „Für mich wäre es eine echte Mutprobe, Cock Lane Nr. 33 in West Smithfield zu besuchen.“
Er zog eine Augenbraue hoch, war aber klug genug, nicht zu antworten.
Wer kannte nicht die Schauergeschichte von dem kleinen Haus in der Cock Lane, in dem es spukte – mit Lärm und Todesfällen? Doch sie glaubte nicht, dass es ihm Angst machen würde, diesen berüchtigten Ort zu besuchen.
„Komm, gehen wir hinein“, murmelte Julian.
„Hast du die Laterne?“
Er eilte zur Kutsche und kam mit einer angezündeten Laterne zurück. Marianne bedauerte, dass sie nicht zwei mitgenommen hatten. Sie gingen zur Tür und stellten fest, dass sie abgeschlossen war. Julian hob eine Augenbraue, als Marianne in ihre Tasche fasste und einen Dietrich herausholte.
„Wie soll ich Vater erklären, was du am Berkeley Square 48 lernst, falls er es je herausfindet?“
Marianne lachte unbekümmert. „Ich zeige dir, wie es geht“, flüsterte sie.
Ein paar Sekunden später ging die Tür auf, und sie betraten das Haus. Es war dunkel und unheimlich still. Mariannes Herz hämmerte, als die finsteren Schatten sie umgaben. Das Haus kam ihr vor wie eine antike Ruine, seine Fenster wie dunkle Augen, die bis auf den Grund ihrer Seele sahen. Dazu noch das stete Trommeln des Regens … Ich bin viel zu dramatisch, stöhnte sie innerlich.
„Kennst du die Geschichte dieses Hauses, Marianne?“
„Nein. Ich finde es nur sehr kalt hier.“
„Das war doch zu erwarten“, sagte er trocken.
„Es heißt, dass es in einem Spukhaus immer sehr zugig sei.“
Er gab einen leisen Laut von sich, den sie nicht deuten konnte. „Das ist es auch in einem Haus, in dem seit zehn Jahren kein Feuer mehr gebrannt hat!“
„Das stimmt“, sagte sie grinsend.
Etwas knackte, und sie fuhr zusammen. Ich bin doch zu albern!
„Ich verstehe immer noch nicht, was der Reiz dieses Abenteuers sein soll“, bemerkte Julian mit einer Mischung aus Ungeduld und Belustigung.
Marianne reckte sich. „Man braucht den Nervenkitzel nicht zu verstehen, man muss ihn nur erleben“, widersprach sie. Ihre Stimme verriet nicht, wie nervös sie war. „Angeblich gibt es auch bei White’s eine Mutprobe für Gentlemen, dieses Haus zu betreten“, sagte sie hochnäsig. „Niemand hat es gewagt – außer mir.“
Julians Blick schweifte wieder zu ihr. Die streng zusammengepressten Lippen liefen Gefahr, sich zu einem Lächeln zu verziehen. „Und wenn wir Gespenstern begegnen?“, zog er sie auf. „Bist du bereit, ihnen entgegenzutreten?“
Sie nickte entschlossen, obwohl ihr Herz einen wilden Tanz aufführte. „Ich trete ihnen entgegen, wie es sich für eine mutige Lady gehört – ohne mit der Wimper zu zucken!“
„Ach ja?“
„Natürlich!“, sagte sie leichthin und warf den Kopf in den Nacken.
Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich denke darüber nach, wegzurennen und dich für ein paar Minuten allein hier zurückzulassen. Dann werden wir ja sehen, wie mutig du bist.“
Marianne schnappte nach Luft, packte ihn am Ärmel und klammerte sich an ihn. „Meine Rache wird fürchterlich sein, Julian“, knurrte sie, verschnupft wegen seines teuflischen Lächelns und der Belustigung in seinen Augen.
Er strich ihr mit dem Daumen so zärtlich über die Wange, dass sich ihr die Kehle zuschnürte. „Ich würde es nicht wagen“, sagte er sanft.
Sie machte „Hmpf“ und sah ihm ins Gesicht, das im Schatten lag, als er das verfallene Innere des Hauses musterte. Sie gingen durch den Flur und kamen zu einer gewaltigen, verwitterten Tür.
„Die könnte zu einer Bibliothek führen“, flüsterte sie.
„Warum flüsterst du, Marianne? Wir sind doch allein.“
Sie schniefte. Julian stieß die Tür auf. Sie ächzte, als würde das Haus über die Dreistigkeit der Eindringlinge aufstöhnen. Drinnen war es stockdunkel. Ein Vorhang aus Samt schien das fahle Mondlicht zu verschlucken. Julian hob die kleine Laterne hoch, und das matte Licht warf unheimliche Schatten an die Wände. Staubteilchen glitzerten in dem Strahl, als sie durch die abgestandene Luft schwebten. Es roch nach Schimmel, Verfall und Vernachlässigung.
Marianne sah sich um und rechnete halbwegs damit, dass ein Geist erscheinen würde. Sie klammerte sich an Julians Arm, wie um sich zu vergewissern, dass er wirklich da war.
„Denk daran, es ist nur ein leer stehendes Haus.“
Marianne nickte und atmete tief durch. „Geh voran, mein tapferer Viscount“, sagte sie und versuchte, unbefangen zu klingen. Während sie das Haus weiter erkundeten, murmelte sie: „Die Spannung ist unerträglich.“
„Findest du?“, erwiderte er ebenso leise und klang sehr amüsiert.
Etwas streifte ihren Nacken, und sie starrte Julian wütend an und hätte ihm am liebsten auf den Fuß getreten, als er versuchte, unschuldig zu lächeln. Dieser Blick würde ihm diesmal nichts nützen!
Marianne wurde das Gefühl nicht los, dass unzählige Augen sie aus der Finsternis anstarrten. Sie trat näher an Julian heran und klammerte sich noch fester an ihn. Ob es an der eisigen Atmosphäre im Haus lag oder an ihrer eigenen Einbildung – sie fand seine Anwesenheit beruhigend.
„Also, sollten wir so dicht nebeneinander hergehen? Denk daran, auch wenn wir … verwandt sind, sollten ein Mann und eine Frau einander nicht so nahe kommen, oder?“
„Es ist vollkommen zulässig, wenn ich es bin, die die Grenze überschreitet.“
Er warf ihr einen belustigten Blick zu, sagte aber nichts.
„Es wäre beinahe schade, wenn wir kein Gespenst treffen würden“, sinnierte Julian mit einem schelmischen Lächeln.
Sie erreichten das Herz des Hauses – den einst prächtigen, jetzt jedoch verlassenen Ballsaal.
Marianne schmunzelte. „Ich komme ganz gut ohne Gespenster aus, danke!“
Sie drangen weiter in das Herrenhaus vor und stiegen die Treppe hinauf. Ihre Schritte waren kaum zu hören, so dick lagen die Staubschichten auf dem Boden. Ihre Umrisse huschten im matten Licht der Laterne als Zerrbilder über die Wände. Jedes Zimmer schien den Atem anzuhalten, als sie hindurchgingen, und der hölzerne Boden knarrte bei jedem Schritt.
Marianne nahm die Laterne und ging voran. Sie durchquerten noch ein paar Räume und gelangten schließlich in ein Zimmer, das leer war – bis auf einen Spiegel. Es gab noch eine weitere Tür, und Julian ging hin, öffnete sie und trat hindurch.
„Julian?“, rief Marianne nervös. „Wo bist du?“
„Hier. Dieses Zimmer ist auch leer – bis auf einen Spiegel.“
Dank Julians unerschütterlicher Ruhe ließ ihre Anspannung nach. Der Spiegel in ihrem Zimmer war teilweise verhangen, und als sie das Tuch wegzog, kam ein dunkler Schemen in Form einer Schlange aus dem Schatten hervor.
Sie kreischte „Julian!“ und schoss aus dem Zimmer, die Laterne mit eisernem Griff umklammert. Marianne rannte so schnell durch den Flur und die Treppe hinunter, dass sie Seitenstechen bekam. Dass sie immer noch schrie, merkte sie erst, als sie ins Stolpern geriet.
Zwei Hände packten sie an der Hüfte. Julian hob sie hoch und stürmte in einer Geschwindigkeit hinaus, als würde ihr Gewicht gar keine Rolle spielen. Draußen an der frischen Luft sahen sie den Kutscher, der im leichten Nieselregen neben der geparkten Kutsche auf und ab ging. Er zerknautschte seine Mütze in den Händen und starrte unsicher zum Haus hinüber. Erleichterung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, und er eilte ihnen entgegen.
„Ihr habt geschrien, Mylady! Es klang schrecklich! Ich dachte, da wird jemand umgebracht!“
Und er war ihnen nicht zu Hilfe gekommen? Sie sah ihn finster an, und er senkte beschämt den Kopf.
Julian hielt inne. Seine Brust hob und senkte sich heftig, sein Blick war unheilverkündend. „Was war los? Warum hast du so geschrien? Hast du dich verletzt? Ich bin noch nie im Leben so gerannt!“
Sie sah ihn erst erschrocken an, dann fing sie an zu lachen und hielt sich den Mund zu.
„Warum lachst du? Ich sollte dir den Hals umdrehen. Ich bin vor Schreck um zehn Jahre gealtert. Ich hatte dich doch nur eine Sekunde lang allein gelassen.“
„In der Ecke war der Schatten einer Schlange“, sagte sie unbeholfen. „Ich hasse Schlangen.“
„Eine schemenhafte Schlange? Keine Ratte oder so?“
„Nein.“
Julian lachte so sehr, dass seine Schultern zuckten, und sie schmiegte sich an ihn. Ihr war bewusst, dass er sie nicht losgelassen hatte. Ihr ganzes Sein pulsierte, so sehr war ihr seine Nähe bewusst, und eine schockierende Hitze stieg in ihr auf.
Sie stiegen in die Kutsche, und sie setzte sich ihm gegenüber und hielt sich die Brust. „Mein Herz rast immer noch“, stieß sie hervor, als der Kutscher die Pferde antrieb.
„Es gibt keine Gespenster.“
„Meinst du?“
Er lächelte zynisch. „Du bildest dir zu viel ein.“
Marianne seufzte. „Ich träume so oft von meinem Vater. Er erscheint mir auf eine Art, in der ich ihn nie gesehen habe, und wir führen Gespräche, wie wir sie zu seinen Lebzeiten nie geführt haben. Wie kann es anders sein, als dass er aus dem Jenseits zu mir spricht?“
Julian erstarrte. Schmerz flackerte in seinen Augen auf. „Ich träume nicht“, brachte er hervor. „Ich kann nichts zu deinen Erfahrungen sagen.“
Ein beinahe unerträglicher Schmerz durchfuhr ihr Herz. Sie wusste, was er meinte – dass er nicht von Anna träumte, der Verlobten, die er verloren hatte. Als sie Julian zum ersten Mal begegnet war, war ihr Tod erst zwei Jahre her gewesen.
„Du träumst nicht von ihr?“, fragte sie leise, „auch wenn diese Träume Erinnerungen wären?“
Er sah sie forschend an, doch seine Miene verriet nichts. „Nein.“ Er klang schuldbewusst. „Ich träume gar nicht.“
Marianne umklammerte die Kanten des Sitzpolsters. „Nie? Wie seltsam!“
Er erstarrte. Sein Blick traf sie unerwartet wie ein Hammerschlag, und die Intensität, mit der er sie musterte, weckte zwei Gefühle in ihr – Argwohn und Sehnsucht. Was ist das?, wollte sie fragen, doch sie behielt die Worte für sich.
„Ich bringe dich nach Hause“, sagte er knapp.
„Mein Ballkleid ist am Berkeley Square 48“, murmelte sie. „Ich wollte mich dort umziehen und dann erst zurückkehren …“
„Ich bringe dich nach Hause. Du holst das Kleid ein anderes Mal.“
Sein Ton duldete keinen Widerspruch. Marianne starrte ihn an und verstand nicht, warum er plötzlich so unterkühlt auftrat. Sie erinnerte ihn nicht daran, dass sie sich von einem Ball davongestohlen hatte, zum Berkeley Square 48 gegangen war und sich Männerkleidung angezogen hatte, bevor sie in sein Stadthaus am Russell Square geplatzt war, weil sie für diese Mutprobe seine Hilfe brauchte.
Marianne faltete die Hände im Schoß, lehnte den Kopf an das Polster und schloss die Augen. Der Schlaf drohte sie zu überkommen, aber sie schlug die Augen nicht auf. Sie erwachte wieder, als sie merkte, dass er den Arm um sie gelegt hatte. Er fühlte sich warm und sicher an. Tränen brannten in ihren Augen, und sie ließ sich nicht anmerken, dass sie wach war.
„Julian?“, fragte der Marquess. Seine Stimme klang scharf und besorgt. „Was ist los?“
O Gott. Sie erstarrte, und ihr Herz fing an zu pochen. Marianne hätte es nie gewagt, das Haus ihres Stiefvaters so unbefangen zu betreten. Nach ihren Streichen schlich sie immer auf leisen Sohlen hinein. Jetzt würde es Ärger geben!
„Ist das Marianne, die du da trägst?“ Der Marquess klang erschrocken. „Ist sie verletzt?“
„Ja, Vater, es ist Marianne. Sie ist nicht verletzt, sie schläft nur.“
„Warum in Gottes Namen hat sie Hosen an? War sie nicht mit ihrer Cousine als Anstandsdame auf Lady Beechmans Ball? Wo ist Miss Bentley?
Julian schwieg einen Moment, und sein Vater seufzte.
„Ich werde sie morgen früh zur Rede stellen“, sagte der Marquess. „Das kann ich nicht durchgehen lassen.“
„Lass sie, Vater. Ich möchte nicht, dass Marianne sich aufregt.“
„Julian“, sagte der Marquess warnend. „Ich darf nicht erlauben, dass deine Schwester …“
„Ich war doch bei ihr, alles andere ist unwichtig“, unterbrach Julian seinen Vater. „Ich würde nie zulassen, dass ihr etwas zustößt. Ich schaue bei Miss Bentley vorbei und sage ihr, dass ihr Schützling heil nach Hause gekommen ist.“
Stille trat ein, und sie spürte, dass Vater und Sohn einander anstarrten. Fast hätte sie die Nerven verloren, doch Marianne atmete gleichmäßig weiter und hielt die Augen geschlossen.
Schließlich räusperte sich der Marquess. „Marianne kann sich glücklich schätzen, dass sie einen älteren Bruder wie dich hat, der auf sie aufpasst. Ihre Streiche werden immer wilder.“
Sie verspürte einen stechenden Schmerz in der Brust, und Tränen flossen unter ihren geschlossenen Lidern hervor. Julian sagte seinem Vater Gute Nacht und stieg mit ihr auf den Armen die Treppe hinauf. Er trug sie in ihr Schlafzimmer und legte sie mitten aufs Bett. Sie hielt die Augen geschlossen und tat, als würde sie noch schlafen. Marianne wollte nicht die Augen öffnen und Julian ansehen. Bestimmt würde er die unverhohlene Sehnsucht in ihrem Blick erkennen. Er zog ihr Schuhe und Strümpfe aus, nahm ihr den Hut ab und zog ihr die Nadeln aus dem Haar. Ihr Herz schlug wie wild, als seine Finger sich an ihrer Hose zu schaffen machten.
O Gott, will er mir die Hose ausziehen?
Er erstarrte, und Marianne merkte, dass sie den Atem angehalten hatte.
„Ich weiß genau, dass du wach bist“, murmelte er. „Atme, bevor du an Sauerstoffmangel stirbst.“
Sie riss die Augen auf und sog gierig die Luft ein. Dunkelblaue Augen sahen sie an, seine Miene war unergründlich. Julian ließ die Hose los und deckte Marianne zu. Dann ging er zum Kamin und fachte das Feuer an, bevor er das Zimmer verließ.
Auf der Schwelle sagte er: „Schlaf gut, Püppchen.“ Er wartete keine Antwort ab, sondern schloss leise die Tür hinter sich. Marianne rollte sich auf die Seite und schlang die Arme um ihr Kissen.
Wenn doch nur …