Leseprobe Ein Tod unter Nachbarn | Ein witziger Cosy Crime mit Gerüchten, Geheimnissen und einer ungewöhnlichen Ermittlerin

Kapitel 1

„Charlie!“ Mildred, eine meiner Stammkundinnen, riss die Haustür auf und winkte mich hinein, direkt in eine Wolke aus blumigem Parfüm – so durchdringend, dass mir sofort die Augen tränten. Ihr himmelblauer Hosenanzug war faltenfrei, und das silbergraue Dauerwellen-Haar saß perfekt, als käme sie geradewegs vom Friseur. „Ach, das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen, dass du extra vorbeischaust. Aber wo du nun schon mal da bist – los, komm rein!“

„Kein Problem“, sagte ich, während ich versuchte, mir unauffällig die tränenden Augen zu trocknen. Hoffentlich würden sie sich schnell an die Duftwolke gewöhnen. „Ich war sowieso für Besorgungen unterwegs, dein Haus lag praktisch auf dem Weg.“

„Na, dann kannst du bestimmt eine kleine Pause gebrauchen. Ich mache uns eine schöne Tasse Tee. Setz dich ruhig und entspann dich ein bisschen.“

Ehe ich etwas erwidern konnte, war sie schon in Richtung Küche verschwunden. Ich wischte mir erneut über die Augen, hängte meine Frühlingsjacke auf und strich mir mein heute besonders widerspenstiges Haar hinter die Ohren, bevor ich ihr folgte.

Ehrlich gesagt, hatte ich das schon erwartet. Mildred war eine liebenswürdige, wenn auch leicht aufdringliche ältere Dame – eine pensionierte Lehrerin, nie verheiratet, kinderlos. Aber mit einem wachsamen Auge auf alles, was in der Nachbarschaft vor sich ging. Und wehe dem, der sich nicht regelmäßig ihre Geschichten anhörte – dem entging so einiges.

Ich wusste mehr über die Ehe der Thompsons, als mir eigentlich lieb war („Er trinkt zu viel, aber wer kann es ihm verübeln? Sie kommt ja ständig sehr spät von der Arbeit zurück … Ich kann mich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal etwas Anständiges für ihn gekocht hat“), kannte sämtliche Schul-Aktivitäten der Swann-Kinder („Jamie kandidiert für den Schülerrat, und der kleine Teddy ist jetzt im Basketball-Nachwuchsteam – ist das zu glauben?“), auch über Mrs. Millers Schwangerschaft war sie bestens informiert („Sie ist so kugelrund – ich schwöre dir, das werden Zwillinge!“).

Ja, Mildred war neugierig, vielleicht ein bisschen zu sehr, aber völlig harmlos. Und auch ein bisschen einsam. Deshalb machte es mir nichts aus, bei der Lieferung ihrer Bestellung etwas länger zu bleiben.

Ich hatte ein kleines Geschäft für Teemischungen und Kräutertinkturen in meinem Haus und war ein paar Mal pro Woche auf Achse, um meine Kundschaft zu beliefern. Manche baten mich regelmäßig, noch ein Weilchen zu bleiben, also plante ich meine Lieferungen entsprechend, damit genug Zeit für ein kleines Schwätzchen blieb. Heute war Mildreds Liefertag.

„Ach du meine Güte, ich habe dir so viel zu erzählen!“, rief sie aufgeregt, während sie eine Kanne Tee und einen Teller mit Buttergebäck auf dem Tisch platzierte. Das filigrane weiße Porzellanservice war mit rosafarbenen Rosenknospen und Goldrändern verziert – wirklich entzückend.

„Du glaubst nicht, was bei den Thompsons los war!“

Ich hörte ihrem Geplauder zu, während ich an meinem Tee nippte – einer von mir entworfenen Mischung aus Kamille und Rosenblüten, die sie immer für meine Besuche aufhob – und genüsslich an einem Keks knabberte. Wie immer war ihre Küche einladend. Es war hell, das Sonnenlicht fiel durch die blitzblanken Fenster. Der allgegenwärtige Parfümgeruch enthielt eine Nuance von Zitrone und Bleichmittel. Sogar ihr orangefarbener Kater, der zusammengerollt in seinem Körbchen schlief, passte farblich perfekt zum gelb-weißen Dekor.

„Aber das ist noch gar nichts gegen diese wirklich aufregende Neuigkeit!“, fuhr Mildred fort, nachdem sie die dramatische Geschichte von Terris falschem Alarm – sie dachte, die Wehen hätten eingesetzt – zum Besten gegeben hatte. Mildred hatte sie natürlich höchstpersönlich ins Krankenhaus gefahren. Doch wie sich herausstellte, waren es nur Übungswehen gewesen.

Sie atmete tief durch, trank einen Schluck Tee und verzog das Gesicht, da der inzwischen kalt geworden war.

„Jonas hat wohl einen Haussitter engagiert.“

„Wirklich?“ Jonas, der direkt neben Mildred wohnte, war ein alleinstehender Mann mittleren Alters, der im Postamt von Redemption arbeitete. Viel hatte ich bisher nicht über ihn gehört … offenbar bestand sein Alltag aus Arbeiten, Nach-Hause-Kommen, dem Aufwärmen eines Fertiggerichts und das aß er vor dem Fernseher, mit ein, zwei Bier, bevor er ins Bett ging. Und das Ganze am nächsten Tag wieder von vorn. Da war es kein Wunder, dass Mildred ihm weitaus weniger Aufmerksamkeit schenkte als dem Rest ihrer wesentlich interessanteren Nachbarn.

Mildred nickte eifrig, während sie nach der Teekanne griff, um ihre Tasse aufzufüllen. „Ich weiß. Ich kann’s ja selbst kaum glauben. Ich war mir sicher, er hätte davon erzählt, wenn er verreisen wollte – aber kein Sterbenswörtchen! Ich kann mich nicht mal erinnern, wann er das letzte Mal Urlaub genommen hat.“

„Vielleicht hat er seine Urlaubstage gesammelt“, mutmaßte ich.

Mildred runzelte die Stirn. „Mag sein, aber das erklärt trotzdem nicht, warum er niemandem etwas gesagt hat. Ich weiß weder, wann er losgefahren ist, noch wann er zurückkommt! Das ist sehr beunruhigend.“

„Wenn du ihn nicht wegfahren sehen hast, woher weißt du dann, dass er wirklich weg ist?“, fragte ich.

„Sein Auto ist nicht da“, erklärte Mildred.

„Er parkt sein Auto draußen?“

„Nein, in der Garage. Aber da steht es nicht mehr.“

Ich bemühte mich, mein Gesicht ausdruckslos zu halten. „Du … hast in seine Garage geschaut?“

„Natürlich! Ich hatte ihn ein paar Tage lang weder zur Arbeit fahren noch nach Hause kommen sehen, und da dachte ich, dass er vielleicht krank ist. Oder verletzt und Hilfe braucht. Also bin ich rübergegangen, um nach dem Rechten zu sehen, aber niemand hat aufgemacht. Da war ich völlig aufgelöst. Was, wenn er einen Herzinfarkt erlitten hatte? Oder einen Schlaganfall? Oder vielleicht im Badezimmer ausgerutscht ist und nun schon seit Tagen in der Badewanne liegt – nass, durchgefroren und halb verhungert! Ich meine, wie hätte ich einfach nichts tun können, wenn er womöglich entsetzliche Qualen durchlitt? Ich habe ernsthaft überlegt, die Polizei zu rufen, aber ich wollte sie nicht mit so etwas belästigen. Sie haben doch bestimmt wichtigere Dinge zu tun. Und ich wollte ja auch keine Steuergelder verschwenden, wenn es doch eine einfachere Lösung gab.“

„Natürlich“, murmelte ich und versteckte ein Lächeln hinter meiner Teetasse.

„Bevor ich also irgendwen anrief, dachte ich mir, ich prüfe erst mal die Türen – vielleicht war ja eine zufällig nicht abgeschlossen. Ich habe mit der Garage angefangen. War natürlich verschlossen. Aber als ich durch das Fenster schaute, sah ich, dass sein Auto weg war und stattdessen ein anderes drinstand.“

„Vielleicht hat er sich ein neues gekauft?“

Mildred schürzte die Lippen. „Der Gedanke kam mir auch, aber das Auto ist alt. Viel älter als sein Wagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er seines gegen so eine alte Karre eingetauscht hat. Du erinnerst dich doch, Jonas hat seinen Wagen erst vor ein paar Jahren gekauft – der ist praktisch noch neu. Und dann hat das Auto noch ein Nummernschild aus Illinois! Das passt doch vorne und hinten nicht.“

„Du konntest das Nummernschild von draußen erkennen?“

„Ach, um Himmels willen, nein. Dafür war es viel zu dunkel.“

Ich blinzelte. „Ich dachte, du hast gesagt, das Garagentor war abgeschlossen.“

„Ich meinte die Tür zum Haus“, sagte Mildred. „Die war abgeschlossen.“

Sie sah mich an, nippte an ihrem Tee und setzte eine so unschuldige Miene auf, die mich unwillkürlich stutzen ließ. Kurz fragte ich mich, ob vielleicht die Seitentür zur Garage offen war – so wie sie es andeutete – oder ob Mildred sich im Zuge ihrer neugierigen Schnüffeleien inzwischen auch das Knacken von Schlössern angeeignet hatte.

Ich entschied, dass ich das lieber nicht so genau wissen wollte.

„Also warst du dir dann sicher, dass Jonas weg ist?“

„Das dachte ich jedenfalls. Aber ich wollte auf Nummer sicher gehen, deshalb habe ich bei seinem Arbeitgeber angerufen.“

„Sehr klug“, sagte ich.

„Die meinten, Jonas sei im Urlaub. Für einen Monat. Einen ganzen Monat! Kannst du dir das vorstellen?“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Jahrelang war er nie im Urlaub, und jetzt haut er einfach für vier Wochen ab? Und sagt niemandem ein Wort?“

„Na ja, es wurde offensichtlich mal Zeit“, erwiderte ich.

„Schon möglich. Aber er hätte der Nachbarschaft wenigstens Bescheid sagen sollen. Ich hätte doch auf sein Haus aufgepasst. Stattdessen engagiert er irgendeinen merkwürdigen Haussitter!“

„Du hast seinen Haussitter getroffen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich war schon zweimal drüben, um mich vorzustellen, aber niemand hat aufgemacht. Und ich weiß, dass er da war – denn sein Auto stand in der Garage. Wirklich nicht besonders nachbarschaftlich, wenn du mich fragst.“

„Nein, das klingt nicht besonders nachbarschaftlich“, stimmte ich zu. Natürlich hätte es auch daran liegen können, dass jemand sich heimlich in seiner Garage herumtrieb, dachte ich, doch das behielt ich lieber für mich.

„Aber ich habe ihn gesehen“, fuhr Mildred fort. „Einmal. Er ist mitten in der Nacht draußen im Garten herumgelaufen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was er da gemacht hat. Man konnte doch kaum etwas sehen!“

„Vielleicht hat er ein Geräusch aus dem Garten gehört … ein Tier oder so?“

„Ich habe nichts gehört“, entgegnete Mildred. „Ich bin mir sicher, da war nichts. Aber das ist noch nicht mal das Merkwürdigste an ihm. Komm mal rüber.“

Sie erhob sich ächzend und winkte mir mit einer energischen Geste zu, damit ich ihr zum Fenster folgte.

„Siehst du das?“ Sie zeigte auf das unscheinbare Ranchhaus direkt nebenan. Soweit ich das beurteilen konnte, sah es aus wie immer.

„Was genau soll ich sehen?“

Sie seufzte theatralisch. „Die Fenster! Siehst du nicht, dass alle Rollos runtergelassen sind?“

Tatsächlich – jedes einzelne Fenster war blickdicht verschlossen.

„Warum lässt jemand an so einem schönen Tag alle Rollos runter?“, fragte sie.

Vielleicht, dachte ich, um sich vor neugierigen Nachbarn zu schützen, die keinerlei Hemmungen haben, sich in fremden Garagen umzusehen. Laut sagte ich jedoch: „Vielleicht arbeitet er nachts und schläft tagsüber?“

„Aber ich sehe ihn ja nie wegfahren“, konterte sie. „Ich sehe ihn überhaupt nie – außer wenn er mitten in der Nacht im Garten herumgeistert.“

Ich musste zugeben, ein bisschen seltsam war das schon. „Vielleicht ist er Künstler oder Schriftsteller und hat einfach ungewöhnliche Arbeitszeiten.“

„Möglich. Aber trotzdem … das ist doch nicht normal.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf. „Ich frage mich wirklich, was aus dieser Nachbarschaft wird.“

„Da bin ich genauso ratlos wie du, Mildred.“

Kapitel 2

„Hast du schon Redemptions neue Wahrsagerin gesehen?“, fragte Pat und nahm sich einen Brownie. Wir saßen in meiner warmen, sonnendurchfluteten Küche, tranken Tee und gönnten uns einen kleinen Nachmittagssnack. Nachtschatten, mein schwarzer Kater, hatte sich dazugesellt und auf einem der Stühle zusammengerollt – natürlich dem, der dem Fenster am nächsten war, mit Blick auf meinen Garten, der zu dieser Jahreszeit noch sehr braun und kahl wirkte. Der Frühling hatte sich bisher kaum blicken lassen. Nachts war es immer noch bitterkalt, also war es definitiv zu früh, um die Blumen und Kräuter zu pflanzen, die ich üblicherweise für meine Teemischungen anbaute. Aber das würde sich bald ändern.

„Du meinst, das ist kein Scherz?“, fragte ich. Ich hatte von der angeblichen Wahrsagerin gehört, die sich pünktlich zur kommenden Touristensaison auf der Main Street niedergelassen hatte, aber ich hielt das für typischen Dorfklatsch.

„Wenn’s ein Scherz ist, dann einer, für den sie Miete zahlt“, erwiderte Pat trocken. Sie war mindestens zehn Jahre älter als ich, und die treffendste Beschreibung für sie war wohl einfach: rund. Sie hatte ein rundes Gesicht, trug eine runde Brille mit schwarzem Rand, und ihre kurzen braunen Haare waren mittlerweile von einigen grauen Strähnen durchzogen. Sie war eine meiner ersten Teekundinnen gewesen und mittlerweile eine gute Freundin.

„‚Madame Rowena, Wahrsagerin‘ – das steht jedenfalls auf dem Schild.“

Ich hob eine Braue. „Rowena? Echt jetzt?“

„Mit vollem Namen heißt sie Rowena Tanveer.“

„Klingt komplett erfunden.“

Pat schüttelte den Kopf. „Man spottet besser nicht zu früh.“

„Ich riskiere es.“ Angesichts der Tatsache, dass ich in einem „Spukhaus“ lebte und mindestens die Hälfte der Stadt mich für eine Hexe hielt, die heimlich Zaubertränke verkaufte – getarnt als „Kräutertees und Tinkturen“ –, glaubte ich, mir ein gewisses Urteilsvermögen in Sachen Magie und Wahrsagerei anmaßen zu dürfen. „Hat sie denn schon geöffnet?“

„Noch nicht. Nächste Woche soll die große Eröffnung sein.“

„Eine große Eröffnung für eine Wahrsagerin. Das könnte unterhaltsam werden.“

„Wir sollten hingehen“, befand Pat und hob ihre Tasse an. „Vielleicht kannst du mit ihr über den Verkauf deiner Tees in ihrem Laden sprechen.“

„Klingt nach einer großartigen Idee“, sagte ich trocken. „Bei meinem Glück nennt sie meinen Lavendel-Rosen-Tee dann Amors Pfeil – Rowenas Mischung oder so einen Unsinn, und ich habe noch mehr Leute an der Backe, die Liebestränke wollen.“

Amors Pfeil … Das ist eigentlich gar nicht schlecht“, sagte Pat mit einem Grinsen. „Aber Wahrsagerinnen und Liebestränke beiseite – gibt’s sonst neuen Klatsch? Oder einen neuen Fall, an dem du gerade arbeitest?“ Sie wackelte vielsagend mit den Brauen.

Sosehr ich mich auch dagegen sträubte, mein Ruf als Hobby-Detektivin schlich sich immer weiter ein. Dabei hatte ich das nie angestrebt. Eigentlich war ich ganz zufrieden damit, ein ruhiges Leben zu führen – mit Backen, Teemischen und Gartenarbeit. Aber in den letzten Monaten hatte ich zwei Dinge herausgefunden. Erstens: Ich besaß offenbar ein Talent für das Lösen von Kriminalfällen. Zweitens: Meine Kundinnen und Kunden neigten dazu, in genau solche Fälle hineinzustolpern, bei denen dieses Talent gefragt war.

„Im Moment nicht“, sagte ich, woraufhin Pat ein enttäuschtes Gesicht machte. Im Gegensatz zu mir hatte sie keinerlei Bedenken, was das Hobby-Ermitteln anging. „Außer“, fügte ich hinzu, „man zählt den Fall des verschwundenen Nachbarn.“

Wie erwartet, leuchteten ihre Augen sofort auf.

„Verschwundener Nachbar? Das klingt vielversprechend. Los, erzähl!“

„So viel gibt’s da gar nicht zu erzählen, der Fall war eigentlich schon gelöst, als ich darauf aufmerksam gemacht wurde“, sagte ich. „Es geht um einen von Mildreds Nachbarn.“

„Ach so. Klar, Mildred weiß natürlich sofort, wenn jemand in der Nachbarschaft verschwindet. Aber ich versteh’s nicht ganz – ist der Nachbar denn nun verschwunden? Oder doch nicht?“

„Also … irgendwie schon. Es geht um Jonas – du weißt schon, der von der Post. Anscheinend ist er für einen Monat im Urlaub, und Mildred ist ganz außer sich, weil er ihr nicht vorher Bescheid gesagt hat. Noch schlimmer findet sie aber den Haussitter, den er anscheinend engagiert hat.“

Pat musterte mich überrascht. „Ein Haussitter? Jonas scheint mir nicht der Typ zu sein, der so jemanden braucht, selbst wenn er einen Monat lang weg ist. Vor allem nicht mit Mildred direkt nebenan. Die hätte das Haus mit Freuden gehütet, da bin ich mir sicher.“

„Mildred hätte sich der Aufgabe garantiert mit Feuereifer gewidmet“, stimmte ich zu. „Aber vielleicht wollte er einfach nicht, dass die Klatschkönigin der Nachbarschaft in seiner Hausapotheke und seiner Unterwäscheschublade herumschnüffelt. Jedenfalls hat sie weder gesehen, wie Jonas abgereist ist, noch, wie der neue Haussitter eingezogen ist, und das wurmt sie gewaltig.“

Pat schürzte die Lippen. „Also, das fände ich auch merkwürdig. Und ehrlich gesagt ein bisschen gruselig. Du weißt ja, mit welchen Adleraugen Mildred alles in der Nachbarschaft beobachtet. Damit ihr nichts auffällt, müssten sie das Ganze regelrecht inszeniert haben, und zwar zu einer Zeit, von der sie wussten, dass sie nichts mitbekommen würde. Warum sollte man sich so viel Mühe geben? Was wollen sie verbergen?“

„Da ist was dran“, sagte ich. „Aber ich nehme an, Jonas wollte einfach nur seine Ruhe. Und der Haussitter vielleicht auch.“

„Aber warum sollte Jonas ausgerechnet beim Verreisen auf seine Privatsphäre pochen?“

„Vielleicht dachte er, wenn er sich rausschleicht, merkt Mildred es gar nicht.“

Pat schnaubte. „Na klar. Und ich bin die Zahnfee. Falls er wirklich gehofft hat, seine Ruhe zu haben, wird er bei seiner Rückkehr ein böses Erwachen erleben.“

„Ich möchte jedenfalls nicht in seiner Haut stecken.“

Pat vertilgte den Rest ihres Brownies und wischte sich die Hände an einer Serviette ab. „Also, was diesen Haussitter angeht … Ich kann verstehen, dass der seine Ruhe will. Ich nehme an, es ist ein er?“

„Ja, Mildred hat ihn gesehen. Und ich gebe dir recht, er scheint großen Wert auf Privatsphäre zu legen.“ Ich erzählte ihr von den zugezogenen Rollos und dem nächtlichen Herumschleichen.

„Das ist tatsächlich seltsam“, sagte Pat.

„Schon. Aber wie ich Mildred auch gesagt habe: Vielleicht arbeitet er nachts.“

„Trotzdem – die meisten Leute mit Nachtschicht lassen sich tagsüber irgendwann blicken“, entgegnete Pat.

„Vielleicht ist er eine Art Künstler, der nur bei Dunkelheit kreativ sein kann.“

Pats Augen weiteten sich theatralisch. „Oder er ist ein Vampir.“

Ich verdrehte die Augen. „Klar. Das wird’s sein.“

Pat schlug mit der Hand auf den Tisch. „Ich meine es ernst! Das würde alles erklären. Dauerhaft geschlossene Rollos, nur nachts draußen …“

„Mit Taschenlampe“, warf ich ein. „Ein Vampir, der Licht braucht? Der müsste doch im Dunkeln sehen können.“

Pat machte eine abwehrende Handbewegung. „Es gab bestimmt einen guten Grund für die Taschenlampe.“

„Ja, nämlich den, dass er kein Vampir ist und eben nicht im Dunkeln sehen kann.“

„Oder er wollte ein Tier verscheuchen, ohne dabei Aufmerksamkeit zu erregen“, sagte Pat. „Aber vergiss die Taschenlampe – wenn er ein Vampir wäre, würde das auch erklären, warum er nicht auffallen will. Das Letzte, was er gebrauchen kann, ist eine Mildred, die ständig bei ihm auf der Matte steht. Also versucht er, unauffällig zu sein … und erreicht damit genau das Gegenteil. Er zieht Mildred magisch an, wie Honig die Bienen.“

„So, wie du das sagst, ergibt das natürlich total Sinn“, erwiderte ich trocken. „Jonas’ Haussitter ist ein Vampir. Warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen? Fall gelöst.“

Pat sprühte vor Stolz. „Tja, nicht jeder ist mit so viel Scharfsinn und gutem Aussehen gesegnet wie ich.“

„Dem kann ich nicht widersprechen“, sagte ich. „Und natürlich würde ausgerechnet Jonas – der langweiligste, zuverlässigste Mensch weit und breit, dessen aufregendste Aktivität das Rasenmähen am Samstag ist – nicht nur einen Vampir als Haussitter wählen, sondern auch genau wissen, wo er einen findet.“

„Vielleicht hat der Vampir ihn gefunden“, sagte Pat und wackelte erneut mit den Brauen. „Vielleicht hat er ihn verhext und ihm befohlen, in den Urlaub zu fahren, damit er in seinem Haus untertauchen kann.“

„Weil Jonas’ Haus der ideale Unterschlupf für einen Vampir ist?“

„Wer weiß? Vielleicht. Woher willst du wissen, was einem Vampir gefällt … oder eben nicht?“

„Touché. Ich habe noch nie einen getroffen.“

„Soweit du weißt“, erwiderte Pat mit einem schelmischen Grinsen. „Aber wir reden hier immerhin von Redemption. Wäre es wirklich so abwegig, wenn in diesem Städtchen der ein oder andere Vampir herumspuken würde?“

Redemption, Wisconsin, hatte eine bewegte Vergangenheit. Im Jahr achtzehnhundertachtundachtzig verschwanden während eines schlimmen Schneesturms plötzlich alle Erwachsenen spurlos. Nur die Kinder blieben zurück. Sie schworen, keine Ahnung zu haben, was mit ihren Eltern passiert war. Und bis heute blieb dieses Rätsel ungelöst.

Doch das war nur die Spitze des Eisbergs an merkwürdigen Dingen, die in Redemption vor sich gingen. Neben spurlos Verschwundenen gab es Schauergeschichten über Morde, Wahnsinn – und nicht zu vergessen: Geister und Spuk. Man nahm nur mein eigenes Haus. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hatte Martha Blackwell, die damalige Besitzerin, erst ihre Dienstmagd Nellie umgebracht, und dann sich selbst. Die Leute hier waren fest davon überzeugt, Martha spukte bis heute durch mein Haus. Ich hatte da so meine Zweifel. Allerdings konnte ich auch nicht behaupten, dass ich noch nie etwas … nun ja, Seltsames erlebt hätte.

„Ein paar herumspukende Geister sind noch lange nicht dasselbe wie Vampire“, sagte ich.

„Stimmt“, gab Pat zu. „Aber wenn es irgendwo welche gäbe, dann doch wohl hier.“

„Da hast du recht“, räumte ich ein. „Falls Vampire existieren, dann ist Redemption ihr Hotspot.“

„Wir sollten der Sache wirklich mal nachgehen“, meinte Pat. „Vielleicht besuchen wir Mildred …“

Ich schüttelte entschieden den Kopf. „Wir erzählen Mildred auf gar keinen Fall irgendwas davon. Die braucht nicht noch mehr Flausen im Kopf über ihren mysteriösen Nachbarn.“

Pat schmollte. „Spielverderberin.“ Dann lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und dachte kurz nach. „Vielleicht sollten wir einfach Madame Rowena fragen, ob sie was über den Vampir weiß. Vielleicht hat sie ja etwas gesehen … in ihrer Kristallkugel oder so.“

„Klar, super Idee. Wir fragen die Pseudo-Wahrsagerin nach dem Pseudo-Vampir.“

„Du weißt nicht, ob sie echt sind oder nicht. Das müssen wir erst noch herausfinden.“

Ich verdrehte die Augen. „Na schön. Dann befragen wir Madame Rowena zu ihrer Einschätzung der Lage. Leider müssen wir bis zur großen Eröffnung nächste Woche warten.“

„Eigentlich könnten wir auch schon morgen gehen“, sagte Pat. „Sie hat ja geöffnet, nur eben noch nicht offiziell.“

„WIR müssen morgen auf eine Party, schon vergessen?“

Pat schlug sich gegen die Stirn. „Stimmt ja! Wie konnte ich das vergessen?“

Claire, meine erste Freundin hier in Redemption, feierte den zweiten Geburtstag ihrer kleinen Tochter Daphne. Die Party sollte im Hinterzimmer von Aunt May’s Diner stattfinden – dort, wo ich Claire auch kennengelernt hatte. Sie war damals Kellnerin gewesen, und ich war hereingeschneit, um eine Kleinigkeit zu essen, während ich herauszufinden versuchte, wie ich mich so gründlich verfahren konnte. Ich war schon immer ein hoffnungsloser Fall in Sachen Orientierung. Das eine führte zum anderen, und irgendwie blieb ich in Redemption hängen.

„Tja, dann muss Madame Rowena wohl noch ein bisschen warten“, sagte ich.

„Scheint so“, seufzte Pat. „Hoffentlich bekommt der Vampir bis dahin nicht Hunger auf einen kleinen Snack. Oder schlimmer noch … eine ganze Mahlzeit.“

Kapitel 3

„Gott sei Dank bist du da“, sagte Claire und begrüßte mich mit einer herzlichen Umarmung. Sie wirkte noch zerzauster als sonst. Ihre erdbeerblonden Haare waren zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden, und aus ihren haselnussbraunen Augen sprachen deutlich die Erschöpfung und der Stress. „Ich glaube, die Idee mit der Party war ein Fehler“, flüsterte sie mir ins Ohr.

Als ich das Chaos aus schreienden, heulenden Kleinkindern und Müttern betrachtete, die genauso gestresst aussahen wie Claire, dachte ich: Das ist noch milde ausgedrückt.

„Sieh es als soziales Training“, sagte ich. „Du weißt doch, wie wichtig das ist, damit Kinder später halbwegs vernünftige Erwachsene werden.“

Claire schenkte mir ein mattes Lächeln, nachdem sie einen Schritt zurückgetreten war. „Ich versuch’s ja.“

Wir waren zwar im selben Alter, aber die Strapazen des Mutterseins hatten bei Claire Spuren hinterlassen – sie wirkte deutlich älter. Oder vielleicht steckte auch etwas anderes dahinter. Nach der Schwangerschaft war sie gesundheitlich nie wieder ganz auf die Beine gekommen.

„Du bist eine gute Mutter“, sagte Pat und legte einen Arm um sie, während sie unter dem anderen ein bunt verpacktes Geschenk hielt. Wir hatten gemeinsam eine Cabbage-Patch-Puppe besorgt. Eigentlich wollte ich Daphne eine American-Girl-Puppe schenken, aber Pat hatte mich davon überzeugt, dass das zu viel für ein Kleinkind sei. Also einigten wir uns auf eine Cabbage Patch.

„Ich weiß nicht …“, seufzte Claire und warf einen Blick hinter sich, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Daphne einem anderen Mädchen einen Stoff-Snoopy aus der Hand riss. Die Kleine begann sofort laut zu weinen.

„Da muss ich wohl einschreiten“, sagte Claire und eilte davon, um die Lage zu entschärfen. Während Pat zum Geschenketisch schlenderte, ließ ich den Blick durch den Raum schweifen.

Aunt May’s Diner war im Stil eines altmodischen amerikanischen Diners gehalten, und auch der Hinterraum bildete da keine Ausnahme: schwarz-weiß karierte Vinylböden, gemütliche rote Kunstlederbänke und stabile Holztische. Der Geruch von Cheeseburgern und frittierten Zwiebeln lag in der Luft und erfüllte mich mit Wehmut.

Kellnern bei Aunt May’s war mein erster Job gewesen, nachdem ich nach Redemption gezogen war. Und auch wenn ich diesen Job längst hinter mir gelassen hatte, vermisste ich manchmal die Leute und das tägliche Treiben dort.

„Charlie?“ Ich sah auf und schnappte hörbar nach Luft, als ich die blonde, blauäugige Eiskönigin erkannte, die mich angesprochen hatte. „Was machst du hier?“, fauchte sie.

„Vermutlich dasselbe wie du. Claire hat mich eingeladen“, erwiderte ich.

Louise stiefelte mit zusammengekniffenen Augen auf mich zu. Claire, die gerade versuchte, zwischen Daphne und dem weinenden Kind zu vermitteln, murmelte eine rasche Entschuldigung an die andere Mutter und eilte zu uns. „Fang nicht damit an, Louise“, bat sie erschöpft.

Früher waren wir drei – Louise, Claire und ich – mal Freundinnen gewesen, als ich gerade neu in die Stadt gekommen war. Doch alles änderte sich, als Louises Bruder Jesse verschwand. Seitdem war Louise überzeugt, ich hätte etwas damit zu tun gehabt. Nichts, was ich oder andere sagten, konnte sie vom Gegenteil überzeugen. Und seitdem gehörte es offenbar zu ihrem Lebensziel, mich aus Redemption zu vertreiben. Zu ihrem Pech würde das nicht passieren.

Louise wandte sich wütend an Claire. „Aber sie hat doch gar kein Kind! Warum ist sie dann eingeladen?“

Tatsächlich hatte Louise auch Claire beschuldigt, etwas mit Jesses Verschwinden zu tun zu haben. Da ihre Kinder allerdings zur selben Zeit geboren wurden, hatten sie einen oberflächlichen Waffenstillstand geschlossen. Doch sobald man etwas tiefer grub, kam der ganze Groll wieder hervor.

„Sie ist Daphnes Patentante“, sagte Claire leise. „Natürlich ist sie eingeladen.“

Louise presste die Lippen zu einem schmalen, festen Strich zusammen. Sie war immer noch eine attraktive Frau, doch Kummer und Wut hatten Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Ihr Bruder Jesse war einst umwerfend gut aussehend gewesen, und auch ihrer Tochter Jessica war anzusehen, dass sie einmal eine Schönheit werden würde.

„Niemand will sie hierhaben“, zischte Louise.

„Louise, jetzt sei nicht so“, sagte Claire müde.

„Ich sage nur die Wahrheit“, erwiderte Louise mit erhobener Stimme. „Niemand will sie hier, weder auf dieser Party noch in Redemption! Je eher sie nach New York zurückgeht, desto besser.“

„Meine Güte“, murmelte Pat, die neben Louise aufgetaucht war und die Hände in die Hüften stemmte. „Was würde deine Mutter wohl dazu sagen, dass du so unhöflich bist?“

Vor Wut lief Louise knallrot an. „Ich sage nur, was alle anderen denken“, verteidigte sie sich. „Wenn dir das nicht passt, ist das nicht mein Problem.“

„Das ist keineswegs die Wahrheit, und das weißt du auch“, erwiderte Pat, mich in Schutz nehmend.

„Schon gut“, sagte ich schnell, packte Pat am Arm und zog sie fort, bevor sie in einen mütterlichen Vortrag verfallen konnte. „Wir sehen uns später, Claire.“

Claire biss sich auf die Lippe. „Du musst nicht gehen.“

„Doch, ich glaube, es ist besser so“, erwiderte ich.

Louise grinste triumphierend. „Na klar, mach, was du am besten kannst – davonlaufen.“

„Echt jetzt, Louise“, sagte ich erschöpft. Ich wünschte, ich müsste mich nicht ständig mit ihr streiten. Warum konnte sie sich nicht einfach über ihren Sieg freuen? Warum musste sie immer noch einen draufsetzen? „Du willst, dass ich gehe, doch selbst wenn du deinen Willen durchsetzt, musst du mich noch beleidigen. Wär’s dir lieber, ich bliebe?“

„Mir wär’s lieber, du wärst nie gekommen“, erwiderte sie.

„Das stand leider nicht zur Wahl“, sagte ich ruhig. „Genau wie es keine Option für mich ist, Redemption zu verlassen. Aber im Gegensatz zu dir will ich keinen Aufstand machen und die Party eines unschuldigen Kindes ruinieren. Also gehe ich lieber.“ Ich warf ihr noch einen schiefen Blick zu, drehte mich auf dem Absatz um und marschierte hinaus.

„Du hättest nicht klein beigeben müssen“, sagte Pat, während sie mir nach draußen folgte.

„Warum noch mehr Ärger für Claire machen?“, fragte ich. „Sie hat schon genug um die Ohren. Da muss ich nicht noch Öl ins Feuer gießen.“

Pat stieß einen Seufzer aus. „Louise sollte sich nicht so aufspielen“, sagte sie. „Sie hat nicht zu entscheiden, wer in dieser Stadt bleiben darf und wer nicht.“

„Stimmt, das ist die Aufgabe von Redemption“, sagte ich mit einem Lächeln und stupste sie an. Die Leute in der Stadt waren fest überzeugt, dass Redemption selbst entschied, wer bleiben durfte und wer nicht – als ob es hier nicht schon genug seltsame Ereignisse gab. „Aber im Ernst … auch Louise hat einiges durchgemacht. Sie wollte Jessica nie wirklich, immerhin hatte sie mit ihrer Ältesten schon genug zu tun. Und dann verschwindet auch noch ihr Bruder nach diesem furchtbaren Streit … Kein Wunder, dass sie das bis heute nicht verarbeitet hat.“

„Trotzdem“, sagte Pat entschieden. „Jeder von uns hat seine Bürden zu tragen. Das gibt uns noch lange nicht das Recht, anderen Vorschriften zu machen. Sie benimmt sich wie ein Kind – und es wird Zeit, dass sie erwachsen wird und sich zusammenreißt.“

„Dem kann ich nur zustimmen“, sagte ich.

Pat seufzte noch einmal irritiert, dann schüttelte sie sich kurz. „Na gut. Unsere Pläne haben sich wohl geändert, und wir haben jetzt etwas Zeit – willst du dir Madame Rowena anschauen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Im Ernst, Pat?“

„Todernst. Komm schon, das wird lustig! Und das Beste: Es ist gleich um die Ecke.“ Sie hakte sich bei mir unter und zog mich die Straße entlang.

Die letzte Person, die ich gerade sehen wollte, war diese sogenannte Wahrsagerin, aber Pat würde wohl keine Ruhe geben, ehe sie mich durch deren Tür gezerrt hatte – also warum nicht jetzt?

Es war ein perfekter Frühlingstag für einen Spaziergang. Die Sonne schien, die Luft war frisch und klar, die Tulpen und Narzissen reckten zaghaft die Köpfe aus der dunklen Erde. Ich atmete tief durch, dankbar, einen weiteren Wisconsin-Winter überlebt zu haben.

Madame Rowena befand sich im ehemaligen Eisenwarengeschäft von Redemption. Ted, der Besitzer, war im letzten Sommer in ein größeres Gebäude ein paar Blocks weiter gezogen. Bis auf ein neues Schild hatte Madame Rowena nichts verändert. Die Fenster waren noch immer staubig, und der Laden wirkte von außen geschlossen.

„Bist du sicher, dass sie geöffnet hat?“, fragte ich Pat, als wir vor der Metalltür standen. Der Rollladen war heruntergelassen, und das wenige, was man durch die Lamellen erkennen konnte, wirkte düster und wenig einladend.

„Das hat Nancy zumindest behauptet“, erwiderte sie und drückte die Tür auf. „Aber schauen wir mal.“

Ein Glöckchen bimmelte fröhlich beim Eintreten und bildete einen starken Kontrast zur trüben Stimmung im Inneren. Die Regalreihen waren natürlich entfernt worden, und die eingebauten Verkaufstheken waren mit Kerzen und Räucherstäbchen übersät, welche den feinen Geruch nach Sägemehl und Maschinenöl allerdings nur bedingt überdeckten. Offenbar wollte Madame Rowena mithilfe des Kerzenscheins eine geheimnisvolle Atmosphäre schaffen, was ihr leider nicht so recht gelang. Das flackernde Licht betonte eher die Schatten und ließ den Laden verlassen wirken.

„Ich weiß ja nicht …“, begann ich, als sich plötzlich der Vorhang im hinteren Teil des Ladens bewegte. Eine schemenhafte Gestalt trat hervor.

„Willkommen“, sagte sie, während sie die Arme ausbreitete und ins Licht trat. „Bitte entschuldigen Sie den Staub … wir sind noch beim Einrichten.“

Alles an Madame Rowena war so grell und funkelnd, dass ich mir fast die Hand vor die Augen halten musste. Sie war über und über mit Schmuck behängt: von ihrem goldenen Turban über unzählige Ketten und Armreife bis hin zu den weichen Lederschuhen. Zudem war sie stark geschminkt, und bei dem schummrigen Licht war es schwer zu erkennen, wie alt sie eigentlich war.

„Ich bin Madame Rowena, zu Ihren Diensten. Wie können die Geister Ihnen heute helfen?“ Ihre tiefe, warme Bariton-Stimme erinnerte mich an heiße, buttrige Karamellsauce.

„Äh“, stammelte ich und warf Pat, die ebenso verdattert wirkte wie ich, einen Blick zu. „Wir dachten, Sie hätten vielleicht schon geöffnet, aber es sieht so aus, als wären Sie noch mitten beim Einrichten. Wir können auch ein andermal wiederkommen …“

Madame Rowena winkte ab. „Unsinn. Die Botschaften der Geister dulden keinen Aufschub. Ein bisschen Staub und Sägemehl hat noch niemandem geschadet. Also – wie kann ich helfen? Haben Sie eine bestimmte Frage an die Geister? Oder wünschen Sie eine allgemeinere Lesung, vielleicht mit Tarotkarten? Oder möchten Sie Kontakt zu jemandem aufnehmen, der ins Jenseits übergegangen ist?“

Ich hatte keine Ahnung, was wir hier eigentlich wollten. Das war ganz und gar nicht das, was ich erwartet hatte. Am liebsten hätte ich Pat einen Stups gegeben – das Ganze war schließlich ihre Idee gewesen –, aber das wäre wohl zu auffällig.

Zum Glück fand Pat ihre Stimme wieder. „Eigentlich“, sagte sie, „hatten wir gehofft, dass Sie uns vielleicht eine Frage beantworten könnten.“

„Natürlich“, erwiderte Madame Rowena. Ihre Augen waren dick mit Kajal umrandet, die Lippen tiefrot geschminkt. „Dafür sind die Geister schließlich da. Worum genau geht es? Liebe? Geld? Karriere … oder vielleicht Gesundheit?“

Pat zögerte. „Eigentlich passt keine dieser Kategorien so richtig“, sagte sie langsam. „Vielleicht … Gesundheit.“

„Sehr gut. Wessen Gesundheit? Ihre eigene oder die eines geliebten Menschen?“

„Weder noch“, sagte Pat. „Es geht eher um … das Wohl der Allgemeinheit.“

Ich musste mich wirklich beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen.

Madame Rowena runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht ganz.“

„Uns ist zu Ohren gekommen, dass … nun ja …“ Pat senkte die Stimme. „Dass es in Redemption womöglich eine Art Gefahr gibt.“

Jetzt sah Madame Rowena noch verwirrter aus. „Gefahr? Was für eine Gefahr?“

„Ich … wir können es nicht genau sagen“, erklärte Pat. „Wir wissen selbst zu wenig.“

„Ich bin mir nicht sicher, wie ich Ihnen da weiterhelfen kann.“

Pat warf mir einen fragenden Blick zu. Ich zuckte nur mit den Schultern. Du hast damit angefangen, also bring du es auch zu Ende.

„Also, wir haben eine Freundin, die überzeugt ist, dass … sagen wir mal, eine nicht gerade nette Person nach Redemption gezogen ist. Sie wissen schon, was ich meine.“

Madame Rowena hob eine perfekt gezupfte Augenbraue. „Haben Sie die Polizei verständigt?“

„Eben nicht. Die Person hat ja nichts getan. Es ist bloß so ein Gefühl, das unsere Freundin hat. Wir wollten nur wissen, ob da vielleicht doch was dran ist oder ob sie sich unnötig Sorgen macht.“

Vermutlich war das die lahmste Frage, die jemals jemand einer Wahrsagerin gestellt hatte. Ich rechnete fest damit, dass Madame Rowena uns gleich rauswerfen würde, überzeugt, wir machten uns über sie lustig.

Was ziemlich ironisch gewesen wäre, denn es war tatsächlich eine ernst gemeinte Frage … na ja, abgesehen von dem Teil mit den Vampiren.

Doch Madame Rowena tat nichts dergleichen. Stattdessen betrachtete sie uns schweigend, den Kopf leicht zur Seite geneigt. „Zwanzig Dollar“, sagte sie schließlich.

Ich riss die Augen auf. Pat schnappte hörbar nach Luft.

Madame Rowena lächelte zuckersüß. „Normalerweise kostet eine dreißigminütige Sitzung fünfunddreißig Dollar, aber ich denke nicht, dass wir heute so lange brauchen, oder?“

Pat schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ganz sicher nicht.“ Sie wühlte in ihrer Handtasche. „Ich hab nur einen Zehner“, zischte sie mir zu.

Super. Nicht nur verschwendete ich gerade meine Zeit, die ich nie zurückbekommen würde – jetzt zahlte ich auch noch zehn Dollar dafür. Seufzend holte ich einen weiteren Zehner aus der Tasche und reichte ihn Pat.

Madame Rowena strahlte, als sie das Geld entgegennahm. „Hier entlang, bitte.“ Sie führte uns in eine düstere Ecke des Ladens, die durch einen Vorhang abgetrennt war. Dort stand ein runder Tisch mit zwei Stühlen. Sie schob einen der Stühle neben den anderen und bedeutete uns, Platz zu nehmen. Dann verschwand sie kurz und kam mit einem dritten Stuhl, einer brennenden weißen Kerze und einem abgenutzten Tarotkartendeck zurück.

„Sie haben Glück“, sagte sie, während sie die Karten mischte. „Die Verbindung zur Geisterwelt ist heute besonders stark. Und da bisher kaum jemand im Laden war, ist die Energie nicht getrübt – wir sollten also problemlos eine Antwort bekommen.“

Ich musste mich sehr beherrschen, um nicht das Gesicht zu verziehen. Eines musste man Madame Rowena allerdings lassen … Sie verstand es, eine mystische Stimmung zu erzeugen, auch wenn rundherum noch immer der Charme eines alten Eisenwarenladens herrschte.

Sie hielt uns die Karten hin, damit wir zwei Stapel bilden konnten. Ich lehnte dankend ab, also übernahm Pat.

Sie drehte einige Karten um und legte sie vor sich hin. Das Licht war so schlecht, dass ich beim besten Willen keine der Abbildungen erkennen konnte.

„Hmmm“, machte Madame Rowena und betrachtete die Karten, während sie mit einem perfekt manikürten Fingernagel auf die Glasplatte des Tisches tippte. „Ihre Freundin hat allen Grund zur Sorge. Sehen Sie das hier? Das bedeutet, eine große Dunkelheit ist eingekehrt – und sie bringt jede Menge Gefahr mit sich.“

Dann erklärte sie uns die einzelnen Karten und ihre Bedeutungen, aber unterm Strich lief alles auf das Gleiche hinaus: Mildred hatte jeden Grund dazu, sich über ihren seltsamen Nachbarn Gedanken zu machen, auch wenn von Vampiren keine Rede war.

„Haben Sie noch weitere Fragen?“, erkundigte sich Madame Rowena, als sie fertig war.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das war sehr hilfreich, danke.“ Ich stand rasch auf, bevor Pat noch auf die Idee kam, eine weitere Frage zu stellen – vor allem, weil ich vermutlich wieder zahlen müsste.

„Ja, vielen Dank“, sagte Pat und erhob sich ebenfalls.

Madame Rowena tat es ihr gleich. „Ich freue mich, dass ich helfen konnte“, sagte sie. Mit ernster Miene fügte sie hinzu: „Sagen Sie Ihrer Freundin auf jeden Fall, sie soll vorsichtig sein.“

Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken, und ich drehte mich abrupt um, sicher, dass mich jemand beobachtete. Doch hinter mir waren nur Schatten und eine leere Theke.

„Das werden wir“, hörte ich Pat sagen, als ich mich wieder zu ihr umdrehte. Madame Rowena schenkte Pat jedoch keinerlei Beachtung. Stattdessen starrte sie mich an.

„Sie kommen mir bekannt vor“, sagte sie. „Haben wir uns schon mal getroffen?“

„Ich glaube nicht“, erwiderte ich, plötzlich mehr denn je überkommen von dem Wunsch, diesen Laden zu verlassen. Mein Unbehagen wuchs mit jeder Sekunde.

„Das ist Charlie, unsere Teespezialistin“, sagte Pat. „Vielleicht haben Sie schon von ihr gehört. Sie stellt Tees und Tinkturen her.“

Etwas blitzte in Madame Rowenas Blick auf. „Ah, natürlich“, erwiderte sie. „Sie sind die, die in dem Spukhaus wohnt?“

„Genau die“, sagte Pat fröhlich.

„Da muss es eine Menge dunkler Energie geben“, murmelte die Wahrsagerin.

„Ach, so schlimm ist es nicht“, sagte ich. „Die Geister benehmen sich meistens ganz anständig.“ Madame Rowena starrte mich weiter unverwandt an. „Das war ein Scherz“, fügte ich schnell hinzu.

„Stimmt, die Geister sind eigentlich total ungezogen“, meinte Pat sarkastisch.

Ich warf ihr einen Blick zu. Das war nicht sehr hilfreich. Madame Rowena sah alles andere als amüsiert aus.

„Ihr solltet wirklich mal miteinander reden“, plapperte Pat weiter. „Vielleicht besteht ja die Möglichkeit einer Zusammenarbeit.“

Ich hätte Pat am liebsten einen Tritt gegeben, nur damit sie aufhörte.

„Sollten wir“, sagte Madame Rowena. „Ich habe zwar bereits einen Teelieferanten, aber ich bin immer offen für neue Optionen.“

„Klingt gut, nur leider müssen wir jetzt wirklich los“, sagte ich und schob Pat unsanft in Richtung Tür. „Und Sie haben sicher alle Hände voll zu tun vor der großen Eröffnung.“

„Ja, ich bin tatsächlich sehr eingespannt“, stimmte sie zu. „Aber vielleicht sprechen wir danach noch mal.“

„Vielleicht“, sagte ich und trieb Pat vor mir her, während Madame Rowena uns zur Tür begleitete.

„Danke für die Lesung!“, rief Pat, als wir den Laden verließen – begleitet vom fröhlichen Bimmeln des Türglöckchens.

„Ich kann nicht glauben, dass wir ihr gerade zwanzig Dollar gezahlt haben“, sagte ich, kaum dass wir wieder draußen auf dem Gehweg standen. „Wessen glorreiche Idee war das noch mal?“

„Hey, ich kann nichts dafür“, verteidigte sich Pat. „Woher sollte ich wissen, dass das so laufen würde? Ich dachte, das wäre ein ganz normaler Laden, in dem man rumschlendern und sich Kerzen und Kristallkugeln anschauen kann oder so. Ich hatte erwartet, Madame Rowena säße hinter der Kasse, und wir könnten einfach ein bisschen quatschen und nebenbei die Frage einwerfen, ob sie bezüglich des neuen Nachbarn vielleicht etwas spürt.“

„Aha, du wolltest sie also reinlegen, damit sie uns kostenlos was voraussagt“, fasste ich zusammen.

„Woher hätte ich wissen sollen, dass sie gleich die Karten auspackt?“, erwiderte Pat. „Mir hätte auch eine spontane Einschätzung gereicht, ob es da Grund zur Sorge gibt oder nicht.“

„Das klingt natürlich viel besser.“

„Hey, wenigstens haben wir was gelernt“, verteidigte sich Pat.

Ich hob eine Braue. „Und war diese Information zwanzig Dollar wert?“

„Man kann ein Leben nicht mit Geld aufwiegen“, sagte Pat.

„Wessen Leben steht denn auf dem Spiel?“

„Mildreds natürlich. Jetzt kannst du ihr sagen, dass sie recht hatte – mit ihrem gruseligen Nachbarn stimmt definitiv etwas nicht, und sie sollte sich besser von ihm fernhalten.“

„Ich lasse sie wissen, dass die neue Wahrsagerin der Stadt dieser Ansicht ist“, erwiderte ich trocken. „Obwohl du keine Namen genannt hast, was bedeutet, dass du buchstäblich jeden gemeint haben könntest.“

„Ach, die Geister wissen schon, um wen es geht“, meinte Pat leichthin.

Ich verzog das Gesicht. Da hatte sie wohl recht. „Basierend auf dieser Logik können wir wohl ausschließen, dass es sich bei Mildreds neuem Nachbarn um einen Vampir handelt. Andernfalls hätten die Geister das doch sicher erwähnt.“

Pat seufzte. „Ja, das ist ein wenig enttäuschend. Es wäre so aufregend gewesen, einen Vampir in der Stadt zu haben.“