Kapitel 1
„Hast du den Verstand verloren?“ Pat, die gerade einen Schoko-Cookie in den Mund nehmen wollte, hielt in der Bewegung inne und starrte mich mit großen Augen an.
Wenn Pat einen Keks vergaß, war die Sache wirklich ernst.
„Sie hat gefragt“, erwiderte ich sachlich. „Ich bin nur eine gute Freundin.“
„Du bist verrückt“, murmelte Pat, deren Hand ihre Reise endlich abschloss. „Ist dir klar, worauf du dich da eingelassen hast?“
„Natürlich“, sagte ich. „Ich habe mich bereiterklärt, Claire zur Verlesung des Testaments ihrer Großmutter zu begleiten.“
„In einem Spukhaus“, fügte Pat hinzu.
Ich warf ihr einen Blick zu. „Zunächst einmal wohne ich in einem Spukhaus, wie du weißt. Warum also sollte es mir etwas ausmachen, das Wochenende in einem anderen zu verbringen?“
„Und das bringt mich zum zweiten Problem“, sagte Pat und wedelte mit dem Cookie in der Hand durch die Luft. Dabei flogen so viele Krümel durch die Gegend, dass ich mir kurz wünschte, ich hätte einen Hund statt einer Katze. Ein Hund würde die Krümel in Windeseile beseitigen, während sich Nachtschatten, mein schwarzer Kater, keinen Deut darum kümmerte. „Warum soll eine Testamentsverlesung überhaupt ein ganzes Wochenende dauern?“
„Okay, da hast du recht, das ist schon etwas merkwürdig“, gab ich zu.
„Hat Claire dir irgendeinen Grund dafür genannt?“
„Nein, nicht wirklich.“
Pat hob erwartungsvoll die Brauen.
Ich seufzte. „Es gibt wohl einige … Probleme in der Familie.“
„Probleme?“, japste Pat. „Du verbringst freiwillig ein ganzes Wochenende in einem Spukhaus mit einer Familie, die ihre Probleme aufarbeitet?“
Ich zuckte zusammen. Wenn sie es so zusammenfasste, klang das definitiv verrückt. „Tatsächlich habe ich erst jetzt erfahren, dass es dort spukt“, erwiderte ich. „Das hat Claire vorher nicht erwähnt.“
„Aber die Probleme schon“, konterte Pat. „Und das hat dich nicht davon abgehalten, diesem Wahnsinn zuzustimmen?“
„Es ist ja nicht so, dass ihre Familie da die Ausnahme ist“, sagte ich und dachte an meine angespannte Beziehung zu meinen Schwestern. „Alle Familien haben Probleme. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, sie zu begleiten. Es ist ja nicht meine Familie, also wird das bei mir nichts auslösen. Es könnte ein bisschen unangenehm werden, aber was soll’s. Ich weiß, dass ich es überleben werde. Und Claire ist es wert. Wenn sie eine neutrale Person an ihrer Seite braucht, die ihr hilft, das durchzustehen, mache ich das gerne.“
Pat warf mir einen Blick zu, sagte aber nichts weiter. Ich war mir sicher, dass ihr die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen wie mir.
Seit sie vor zweieinhalb Jahren mit Daphne schwanger geworden war, hatte Claire nicht mehr glücklich ausgesehen. Ich wusste zwar, dass das zum Teil auf Trauer zurückzuführen war – einige ihrer Kindheitsfreunde waren während ihrer Schwangerschaft spurlos verschwunden –, aber ich hatte das Gefühl, dass mehr dahintersteckte.
Da ging noch etwas anderes vor sich. Ich war mir nicht ganz sicher, was, hoffte jedoch, dass sich Claire mir anvertrauen würde, wenn ich sie zu diesem seltsamen Familientreffen begleitete.
„Ich weiß nicht, Charlie“, sagte Pat. „Irgendetwas an der Sache fühlt sich nicht richtig an.“
Claire war die erste Person, die ich in Redemption, Wisconsin kennengelernt hatte, als ich ganz zufällig hier gelandet bin, weil ich auf der Flucht vor meinem gewalttätigen Verlobten war und nur deshalb in Redemption Halt gemacht hatte. Denn ich hatte mich verfahren. Und nie hier bleiben wollen, mittlerweile jedoch erkannt, dass Redemption seine eigenen Vorstellungen davon hatte, wer blieb und wer ging. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte ich ein Haus gekauft (und zwar nicht irgendein Haus, sondern das für die Einwohner „gruseligste“ Haus in einer Stadt, in der es ohnehin schon spukte). Und darin ein Teegeschäft eröffnet.
Pat war eine meiner ersten Kundinnen gewesen und wurde schließlich zu einer meiner besten Freundinnen, obwohl sie mehr als ein Jahrzehnt älter war als ich. Sie wurde gewissermaßen meine „Partnerin in Crime“, als ich ungewollt in die Aufklärung von Verbrechen im Zusammenhang mit meinen Kundinnen und Kunden gezogen worden war. Wie alles andere in Redemption war auch das nichts, was ich geplant hatte. Am liebsten hätte ich meine Tage damit verbracht, in Ruhe in meinem Garten zu werkeln sowie Teemischungen und Tinkturen herzustellen. Ich war gar kein Fan davon, in den Fokus anderer zu geraten und Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, genau das war bei der Aufklärung von Verbrechen aber unglücklicherweise nicht zu vermeiden.
Doch leider hatte das, was ich wollte, wenig mit dem zu tun, was ich bekam. Wenigstens würde mich dieser Wochenendausflug, so unangenehm er auch werden mochte, für eine kurze Zeit aus der Verbrechensaufklärung heraushalten.
„Ich finde auch, dass sich etwas daran nicht richtig anfühlt“, sagte ich. „Dass ich anstelle von Doug mitfahre, ist nicht gerade hilfreich.“ Doug war Claires Ehemann und der Vater ihrer Tochter.
„Warum kommt Doug eigentlich nicht mit?“, fragte Pat und nahm sich einen weiteren Keks, obwohl sie sich hinterher zweifellos darüber beschweren würde, dass die zusätzlichen Kalorien ihrer derzeitigen Diät in die Quere kamen. Pat ließ sich am besten als „rund“ beschreiben – rundes Gesicht, runder Körper, runde schwarze Brille und kurzes braunes Haar, das langsam grau wurde.
„Claire meinte, das wäre wegen Daphne. Sie haben niemanden, der so kurzfristig über drei Tage auf sie aufpassen kann, und sie denken, dass sie noch zu jung ist, um sie mitzunehmen. Ganz zu schweigen davon, dass das Haus nicht gerade babysicher ist.“
Pat verdrehte die Augen. „Das ist eine Untertreibung.“
„Das ist logisch, sie hat es mir erklärt“, sagte ich. „Das Haus ist alt und wurde wohl nicht oft genutzt. Allerdings ist Claire nicht näher darauf eingegangen, warum.“
„Das kann ich dir sagen“, entgegnete Pat. „Weil es dort spukt, darum.“
Ich seufzte. „Also gut, ich will Details. Erzähl mir mehr.“
„Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten“, sagte Pat, und ich schüttelte entnervt den Kopf. „Hey, das hier ist Redemption“, fügte sie abwehrend hinzu. „Ich kann mich nicht mit allem Seltsamen beschäftigen, was in dieser Stadt vor sich geht. Dann hätte ich für nichts anderes mehr Zeit.“
„Du kennst also nicht alle Einzelheiten, aber doch zumindest ein paar, nehme ich an?“
Pat warf mir einen unbeeindruckten Blick zu. „Du bist echt nie um einen Spruch verlegen. Okay, Folgendes weiß ich: Vor etwa zwanzig oder dreißig Jahren …“ Sie runzelte die Stirn. „Vielleicht ist es auch länger her, ich kann mich nicht genau erinnern. Jedenfalls beschloss Florence, Claires Großmutter, ein paar Arbeiten am Haus durchführen zu lassen. Die Küche wurde renoviert … oder vielleicht war es auch der Keller. Jedenfalls ist etwas passiert, und der Bauunternehmer kam ums Leben.“
Meine Augen weiteten sich. „Er ist gestorben?“
Pat nickte. „Ja, es war ein tragischer Unfall. Er ist von einer Leiter gestürzt oder so. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass alle möglichen seltsamen Dinge passiert waren. Immer wieder wurden Dinge auf der Baustelle verschoben, obwohl alle Bauarbeiter schworen, nichts angefasst zu haben. Werkzeuge funktionierten nicht mehr und Batterien gingen leer, selbst wenn sie ganz neu waren. Sein Assistent weigerte sich, nach dem Tod seines Chefs ins Haus zurückzukehren. Er sagte, es sei zu unheimlich und er wolle nichts damit zu tun haben.“
„Wow“, sagte ich. „Wurden die Renovierungen überhaupt abgeschlossen?“
Pat runzelte die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nur, dass das nicht einfach war. Die meisten Bauunternehmer wollten das nicht machen. Und die wenigen, die sich darauf einließen, sprangen nach kurzer Zeit doch wieder ab.“
„Was hat Florence dazu gesagt? Sie hat doch dort gewohnt, als das alles passiert ist, oder?“
Pat schüttelte den Kopf. „Nein, es war immer ein Ferienhaus. Ich bin mir nicht sicher, wie sie in dessen Besitz gekommen ist. Wenn ich mich recht erinnere, hat es die Familie ihres Mannes gekauft, und irgendwie wurde es dann auf sie überschrieben. Aber sie hat immer in der Stadt gelebt. Allerdings verbrachte sie gerne lange Wochenenden dort, sogar im Winter. Sie liebte Skilanglauf und Schlittschuhlaufen. Es war ihr nur zu abgelegen, um dauerhaft so weit draußen zu wohnen.“
„Ist sie immer noch zum Haus gefahren, nachdem das alles passiert war?“
„Eine Zeit lang schon“, sagte Pat. „Flo hat immer darüber gelacht. Über die Geistergeschichten, meine ich. Sie sagte, das sei nichts im Vergleich zu Helens … äh, also jetzt deinem, Haus.“
„Sie hat also nicht daran geglaubt?“
Pat zögerte. „Nein. Jedenfalls nicht damals. Obwohl ich vermute, dass das zu einem Zerwürfnis in der Familie geführt hat, da Claires Mutter, Daisy, sehr wohl an Geister glaubte. So genau weiß ich das alles nicht mehr. Geändert hat es sich erst, als Billy verschwand.“
„Wer ist Billy?“
„Flos einziger Sohn, Claires Onkel. Ich glaube, das war … Es muss inzwischen zwanzig Jahre oder so her sein, deshalb denke ich, dass die Renovierungsarbeiten früher angegangen wurden. Jedenfalls ist er verschwunden, und Flo war dermaßen erschüttert, dass sie sich fast völlig zurückzog. Sie ging nicht mehr in die Kirche, traf sich nicht mehr mit Freunden, fuhr nicht mehr zu ihrem Cottage, wie sie es nannte, obwohl es offenbar ein riesiges Anwesen ist – zumindest größer als die meisten Häuser. Verstehst du jetzt, warum ich es so merkwürdig finde, dass ihr Testament in einem Haus verlesen werden soll, in dem sie seit gut zwanzig Jahren nicht mehr gewesen ist?“
Jetzt, nachdem mir Pat die ganze Geschichte erzählt hatte, konnte ich ihre Reaktion durchaus verstehen. „Kanntest du Flo?“
Pat nickte mit trauriger Miene. „Aus der Kirche. Sie war eine der Lehrerinnen, die mich am Sonntag unterrichteten, und später waren wir gemeinsam in ehrenamtlichen Ausschüssen. Es ist nicht so, dass wir beste Freundinnen waren, aber ich mochte sie. Wenn sie dabei war, hat alles viel mehr Spaß gemacht.“ Pat nahm eine Serviette und betupfte sich die Augen. „Es ist schade, dass sie verstorben ist. Vor allem, da sie nie über Billys Verschwinden hinweggekommen ist.“
„Was ist mit Billy passiert?“
Pat runzelte die Stirn. „Das ist jetzt schon so lange her. Ich meine, mich zu erinnern, dass es Streitigkeiten innerhalb der Familie gab. Billy war wütend auf jemanden … womöglich Daisy?“
Ich musterte sie überrascht. „Claires Mom?“
„Ja, es gab Ärger zwischen Daisy und dem Rest der Familie. Auch mit Claire. Worum es ging, weiß ich allerdings nicht genau.“
„Auch mit Claire, was meinst du damit?“
Pat seufzte. „Darüber hat Flo auch nie viel gesagt. Aus dem, was sie mir erzählte, konnte man schließen, dass sowohl Daisy als auch Claire, na ja, vom Rest der Familie ‚entfremdet‘ sind. Obwohl das nicht ganz das richtige Wort ist, denn ich glaube, sie waren gelegentlich bei den größeren Familientreffen dabei.“
„Claire versteht sich nicht mit dem Rest ihrer Familie?“ Das war mir neu.
Pat warf mir einen „Hast du es jetzt kapiert?“-Blick zu. „Es fing mit Daisy an. Flo hat nie wirklich darüber gesprochen, aber es war klar, dass Daisy das schwarze Schaf in der Familie war. Als dann Claire und Amelia dazukamen, schlüpfte Claire ebenfalls die Rolle des schwarzen Schafs, wie ihre Mutter.“
„Amelia?“
„Claires Schwester.“
„Claire hat eine Schwester?“ Auch das war mir neu.
Pat lehnte sich mit einem „Ich hab’s dir ja gesagt“-Lächeln in ihrem Stuhl zurück und schüttelte den Kopf. „Hältst du es immer noch für eine gute Idee, Claire zu begleiten?“
„Ich denke, es ist ein bisschen zu spät, um doch abzusagen.“
Als ich zum ersten Mal nach Redemption kam, verloren und verwirrt, beschloss ich, in Aunt May’s Diner eine Pause einzulegen, einen Kaffee zu trinken und einen Happen zu essen. Ich hatte darauf gehofft, dass mir das helfen würde, einen klaren Kopf zu bekommen und herauszufinden, wie ich wieder auf die Hauptstraße kam. Claire war meine Bedienung. Eines führte zum anderen, und schließlich wurde sie eine meiner besten Freundinnen.
Deshalb fand ich es seltsam, dass sie mir nichts von ihrer Schwester erzählt hatte. Ich war zwar nie davon ausgegangen, dass sie mir jedes ihrer Geheimnisse anvertraute, aber dass sie eine Schwester hatte, konnte kaum einfach so untergehen.
Pat zuckte mit den Schultern. „Schaufel dir schon mal dein Grab.“
Ich verdrehte die Augen. „Ich muss sagen, das wirft ein ganz neues Licht auf ihre Familienprobleme. Eine Schwester, über die sie nicht spricht, und die Tatsache, dass sie und ihre Mutter die schwarzen Schafe der Familie sind … Warum hat sie mich gefragt, anstatt einfach mit ihrer Mutter hinzugehen?“
Pat rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, bevor sie nach ihrem Tee griff. „Du weißt wohl auch nicht, dass Daisy an Demenz erkrankt ist.“
Ich schlug mir eine Hand vor den Mund. „O nein!“
Pat nickte traurig. „Ja, die ganze Situation ist tragisch. Sie lebt in einem Pflegeheim.“
Wieder drängte sich mir die Frage auf, wie gut ich meine Freundin überhaupt kannte. „Wann ist das passiert?“
„Oh, das ist lange her“, sagte Pat. „Mindestens ein Jahrzehnt, vielleicht länger. Lange, bevor du hierhergekommen bist. Sie ist früh daran erkrankt, sehr früh. Ich erinnere mich noch an die Zeit. Flo war außer sich vor Kummer. Erst verschwand Billy, dann wurde Daisy krank … Flo dachte, dass die Familie verflucht sein müsste. Jedenfalls hat Claire nie gern darüber geredet, deshalb wundert es mich nicht, dass sie es dir nie erzählt hat.“
„Wow“, sagte ich und versuchte, alles, was ich von Pat erfahren hatte, zu verarbeiten. So viele Tragödien in einer Familie. Ein Spukhaus, und obendrein noch eine Testamentsverlesung darin. Kein Wunder, dass Pat mich für verrückt hielt.
Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, einen Rückzieher zu machen, verwarf ihn aber gleich wieder. Claire brauchte mich, das hatte auch der verzweifelte Tonfall, in dem sie mich gebeten hatte, sie zu begleiten, deutlich gemacht. Damals verstand ich den Unterton in ihrer Stimme nicht, dachte, ich hätte ihre Trauer womöglich als Verzweiflung falsch verstanden, aber jetzt wusste ich, dass das nicht der Fall war.
Sie brauchte mich als Beistand. Nicht ihren Mann Doug, sondern mich.
Und ich konnte sie nicht hängen lassen.
„Willst du sie immer noch begleiten?“, fragte Pat und zog eine Augenbraue hoch.
„Ich glaube, es wäre richtig mies von mir, jetzt noch abzusagen“, erwiderte ich. „Außerdem ist es nur ein Wochenende. Das werde ich wohl überleben.“
Pat lachte laut auf.
„Du passt doch trotzdem auf Nachtschatten auf, oder?“
Als er seinen Namen hörte, öffnete mein Kater ein grünes Auge und sah mich an. Er hatte sich auf einem der Küchenstühle zusammengerollt, der natürlich dicht ans Fenster geschoben werden musste, damit er im Sonnenlicht baden konnte.
Pat sah ebenfalls zu ihm hinüber. „Ja, natürlich. Ein armes, unschuldiges Tier sollte nicht für die Fehltritte seines Menschen büßen müssen.“
Nachtschatten schloss sein Auge und schien sofort wieder einzuschlafen.
„Offensichtlich weiß er dein Mitgefühl zu schätzen“, merkte ich an.
Kapitel 2
„Also, willst du mir nicht ein bisschen mehr über diese Testamentsverlesung erzählen?“
Claire warf mir einen flüchtigen Blick zu, während sie den Wagen durch die überraschend belebten Straßen der Stadt lenkte. Es schneite, zwar nicht stark genug, um die Sicht zu beeinträchtigen, aber der Boden wurde ein wenig rutschig. „Was willst du wissen?“ Im Gegensatz zu ihrer knallroten Strickmütze war ihr Gesicht blass, und feine Fältchen der Anspannung hatten sich um ihre haselnussbraunen Augen gelegt.
„Na ja, das ist schon etwas seltsam, oder nicht? Eine Testamentsverlesung, die an einem Wochenende in einem abgelegenen Landhaus stattfindet? Das klingt eher nach einem Familienurlaub als nach etwas, das man normalerweise innerhalb einer Stunde in einer Anwaltskanzlei erledigt.“
Ein schwaches Lächeln umspielte Claires Lippen. „Das ist typisch für Grandma Flo. Sie musste immer aus der Reihe tanzen, ihr eigenes Ding machen.“ Das Lächeln verblasste, und sie stieß einen Seufzer aus. „Ich weiß, dass ich dir gewisse Dinge schon früher hätte sagen sollen. Es ist ja nicht so, dass du sie nicht wissen sollst, es fällt mir nur schwer, darüber zu reden. Aber ist das mit Familienangelegenheiten nicht immer so?“ Erneut warf sie mir einen flüchtigen Blick zu. „Was hat Pat dir erzählt?“
„Woher weißt du, dass Pat etwas gesagt hat?“
Sie hob die Brauen. „Ach, komm schon. Glaubst du wirklich, ich weiß nicht, dass du mit ihr darüber gesprochen hast?“
„Na ja, ich habe sie gebeten, auf Nachtschatten aufzupassen. Ich wollte nicht hinter deinem Rücken tratschen oder so“, begann ich, aber sie winkte ab.
„Ich weiß, das wollte ich damit auch nicht andeuten. Natürlich würdest du mich nie absichtlich hintergehen, das ist mir schon klar. Was glaubst du, warum ich dich gebeten habe, mitzukommen? Aber abgesehen davon kenne ich auch Pat.“
„Auch sie wollte dich nicht verletzen“, erwiderte ich in dem Bedürfnis, meine Freundin zu verteidigen.
Claire sah mich nachdenklich an. „Nein, bestimmt nicht. Ich weiß nur, wie gerne sie Geschichten über die Leute in ihrem Freundeskreis und ihrer Nachbarschaft … teilt.“
„Hm.“ Ich wusste nicht, was ich darauf entgegnen sollte. Claire hatte recht, Pat tratschte wirklich für ihr Leben gern. „Sie hat mich gewarnt … Angeblich soll es in dem Haus spuken.“
Beinahe rechnete ich damit, dass Claire lachte, stattdessen rümpfte sie konzentriert die Nase. „Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es spukt, nicht wie bei dir. Aber irgendetwas geht in diesem Haus vor sich.“ Sie erschauderte und bog dann vorsichtig auf eine der Hauptstraßen ab, die aus der Stadt führten.
Ich warf ihr einen fragenden Blick zu. „Was meinst du damit?“
„Das ist schwer zu erklären. Anfangs schien alles in Ordnung zu sein. Während ich aufwuchs, besuchte ich das Haus regelmäßig, und die meisten Erinnerungen an meine Kindheit sind wirklich glücklich.“ Sie zögerte und kniff die Augen zusammen, umklammerte das Lenkrad fester.
„Die meisten?“
Sie schürzte die Lippen. „Kennst du diese Tage, die sonnig und klar beginnen, und dann zieht wie aus dem Nichts ein Unwetter auf? Plötzlich ist es dunkel, bewölkt und kühl, vielleicht donnert und blitzt es sogar. Und dann ist das Gewitter ebenso schnell wieder vorbei, die Wolken verziehen sich und die Sonne scheint wie zuvor. So ist es auch in dem Haus. Es gibt Augenblicke in denen alles einfach … dunkel erscheint. Als würde ein Schatten über das Anwesen fallen. Es wird düster und bedrückend, man kann sich kaum bewegen … sogar kaum atmen. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal mit einer Freundin hingefahren bin. Sie hatte Asthma, und als dieser Schatten auf das Haus fiel, bekam sie einen heftigen Anfall. Es war so schlimm, dass wir sie schließlich ins Krankenhaus bringen mussten. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass unsere Freundschaft danach beendet war. Wie dem auch sei … Diese Schattenmomente, wenn man sie so nennen will, kommen und gehen ebenso schnell wieder wie ein Sommersturm. Plötzlich verschwinden sie und alles ist so, wie es war. Da fragt man sich, ob man sich die Dunkelheit nur eingebildet hat. Aber im Herzen weiß man, dass dem nicht so war.“
Während ich ihr zuhörte, wurde mir immer mulmiger zumute. Vielleicht hatte Pat recht und es war ein Fehler, Claire zu begleiten. „Ist der Bauunternehmer vielleicht während einer dieser Schattenmomente verunglückt und gestorben?“
Claire presste die Lippen zusammen. „Wahrscheinlich. Ich war natürlich nicht dabei, deshalb kann ich es nicht mit Sicherheit sagen. Aber wenn ich raten müsste, dann ja.“
„Was hat es mit diesem Unfall auf sich?“
Der Schnee fiel immer stärker. Claire sah angestrengt auf die Straße und nahm den Fuß vom Gaspedal. „Im Laufe der Jahre beauftragte Grandma regelmäßig Handwerker mit kleineren Renovierungsarbeiten. Sie plante immer so, dass sie vor Ort war, wenn diese stattfanden, damit sie alles im Auge behalten konnte. Zumindest behauptete sie das. Aber ich glaube, dass es wegen der Schattenmomente war. Sie wollte dabei sein, um die Dinge wieder ins Lot bringen zu können, falls es zu einem dieser Momente kam.“
„Deine Familie wusste also von diesem schwarzen Zauber?“
Claire lächelte schief. „Das ist eine heikle Frage.“
„Inwiefern?“
„Natürlich wussten sie davon. Wie könnten sie auch nicht? Aber inwieweit sie sich darauf einlassen wollen, ist eine ganz andere Frage.“
„Das verstehe ich nicht.“
Sie warf mir einen gequälten Blick zu. „Das wirst du noch. Aber um deine Frage über Grandma zu beantworten: Ja, sie wusste von den Schattenmomenten. Doch wenn du sie danach gefragt hättest, hätte sie gesagt, das sei alles Unsinn – auch, dass es in dem Haus spukte. Sie glaubte nicht an Geister und meinte, mit dem Landhaus sei alles in Ordnung.
Wie dem auch sei, sie sorgte immer dafür, dass sie bei Renovierungsarbeiten dabei war, und sie plante nur kleinere Modernisierungen, damit sie diese zeitlich unterbringen konnte. Aber eines Tages beschloss sie, den Keller komplett umbauen zu lassen und ihn in einen riesigen Hobbyraum mit einer Bar zu verwandeln. Das sollte uns Kindern mehr Möglichkeiten bieten, uns drinnen zu beschäftigen, wenn das Wetter schlecht war. Besonders im Winter gab es Tage, an denen es zu kalt war, um lange draußen zu sein.
Allerdings war das Projekt zu groß, als dass sie die ganze Zeit über hätte dabei sein können. Und als der Bauunternehmer starb, war sie natürlich gerade nicht da.“
„Weißt du, wie er gestorben ist?“
Sie schüttelte den Kopf. „Es war ein tragischer Unfall, aber genau erinnere ich mich nicht daran. Ich weiß nur noch, dass der andere Bauunternehmer, der an dem Projekt beteiligt war, völlig ausgeflippt ist. Er war überzeugt, dass es in dem Haus spukte, und was auch immer es war, müsse gefährlich sein. Es hat mich nicht überrascht, dass er sich weigerte, die Arbeiten zu beenden. Ebenso wenig überraschte es mich, dass andere Bauunternehmer, die davon erfuhren, nichts damit zu tun haben wollten. Die wenigen, die mutig oder verzweifelt genug waren, sich der Aufgabe zu stellen, hielten nicht lange durch. Nicht unbedingt, weil ihnen etwas zugestoßen ist, sondern weil einfach ein Schatten über dem Haus lag, über den alle spekulierten. Deshalb wurde der Kellerumbau nie abgeschlossen.“
„Was ist mit dir? Hast du nach dem Tod des Bauunternehmers dort noch Zeit verbracht?“
„Anfangs ja. Meine Großmutter wollte nicht zugeben, dass etwas nicht in Ordnung war, und uns beweisen, dass sie recht hatte. Also ließ sie uns alle dort antanzen, als sei nichts geschehen. Aber …“ Sie hielt inne und biss sich auf die Lippe. „Irgendetwas stimmte nicht. Nach dem Tod des Bauunternehmers hat sich etwas verändert. Es ist schwer zu erklären, alles fühlte sich einfach … anders an. Vielleicht lag es daran, dass uns allen unbehaglich zumute war, weil wir wussten, dass kürzlich jemand in dem Haus gestorben war. Oder vielleicht spukte es auch wirklich. Auf jeden Fall schien dort niemand mehr so richtig Spaß haben zu können. Selbst Grandma fühlte sich unwohl. Also wurden unsere Besuche mit der Zeit immer seltener.
Vor allem meine Mutter wollte nie hinfahren, weil sie dort immer nervös wurde. Allerdings schien sie vor dem Tod des Bauunternehmers eher bereit gewesen zu sein, die Strapazen auf sich zu nehmen. Ich glaube, sie wollte den Frieden wahren, also hat sie den Mund gehalten und das getan, was von ihr erwartet wurde. Aber nach dem Unfall war es ihr wohl zu viel. Sie konnte es einfach nicht mehr ertragen, in dem Cottage zu sein. Ich war froh, dass wir nicht mehr hinfuhren, denn mir gefiel es dort auch nicht mehr. Als ich jünger war, bekam ich das nicht so mit, aber je älter ich wurde, desto unwohler fühlte ich mich in dem Haus. Trotzdem wollte meine Großmutter nichts davon hören. Sie behauptete immer, dass wir nur schlechte Stimmung machen wollten.“ Obwohl ihre Miene gleichblieb, ging eine Anspannung von ihrem Körper aus, die vorher nicht dagewesen war.
„Warum hat deine Großmutter so reagiert?“
Claire schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher. Als meine Mutter noch jünger war, muss etwas vorgefallen sein, aber sie hat nie darüber gesprochen. Sie sagte, das sei nichts, worüber sich ein Kind den Kopf zerbrechen solle. Und als ich alt genug war, um darüber zu reden, wurde sie dement. Damit hatte sich die Sache dann erledigt.“
„Das mit deiner Mutter tut mir leid“, sagte ich.
Claire nickte knapp. „Ich hätte es dir schon früher sagen sollen. Auch das mit meiner Schwester. Hat Pat dir von ihr erzählt?“
„Ja, aber ich weiß nur, dass du eine Schwester hast, sonst nichts.“
„Habt ihr auch über meine Mutter gesprochen?“
„Ja, allerdings erwähnte Pat keine Einzelheiten, nur, dass sie in einem Pflegeheim ist.“
„Das ist so ziemlich die ganze Geschichte“, sagte Claire. „Mit ihr ging es recht schnell bergab. Körperlich ist sie in guter Verfassung, aber mental ist sie eigentlich komplett weg. Gelegentlich hat sie noch Momente, in denen sie klar denken kann, doch die nehmen im Laufe der Jahre immer mehr ab.“
Ich legte eine Hand auf ihr Knie. „Das tut mir wirklich leid.“
Sie lächelte mich unter Tränen an. „Danke. Also, was hat Pat noch erzählt?“
Ich nahm meine Hand von ihrem Knie und lehnte mich zurück. „Dass es zwischen dir und deiner Mutter, und dem Rest der Familie, ein Zerwürfnis gab. Aber auch hier wusste sie nicht, warum.“
Claire konzentrierte sich wieder auf die Straße. „Das ist nett ausgedrückt.“
„Hast du mir deshalb nichts von deiner Schwester erzählt? Oder über den Rest deiner Familie?“
Nachdenklich runzelte sie die Stirn. „Die einfache Antwort wäre wohl ja, aber es ist komplizierter als das“, sagte sie schließlich. „Es liegt eher daran, dass ich nicht darüber nachdenken will. Ich spreche nicht gern darüber, denn dann muss ich mich damit beschäftigen, und das möchte ich nicht. Jetzt kann ich ohnehin nichts mehr daran ändern.“ Wieder warf sie mir einen flüchtigen Blick zu. „Was ich jetzt sage, darfst du nicht falsch verstehen, denn wir wären so oder so Freundinnen geworden, aber ich fand es einfach angenehm, dass du nichts über meine Vergangenheit gewusst hast. Jeder hier weiß darüber Bescheid, deshalb konnte ich ihr nie entkommen. Mit dir Zeit zu verbringen, war eine willkommene Abwechslung, weil ich nicht darüber reden musste.“
„Das verstehe ich“, sagte ich, während ich an die Vergangenheit dachte, vor der ich davongelaufen war. Mein Umzug nach Redemption bedeutete, dass ich nicht über das reden musste, was ich in New York zurückgelassen hatte. „Ich spreche auch nicht gern über meine Vergangenheit.“
Sie lächelte leicht. „Das stimmt. Was das angeht, bist du noch schlimmer als ich.“ Ihr Lächeln verblasste. „Aber im Ernst, es war eine schmerzhafte Zeit für mich. Meine Mutter war meine beste Freundin und größte Fürsprecherin. Als bei ihr Demenz diagnostiziert wurde, brach eine Welt für mich zusammen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ohne Familie dazustehen.“
„Das kann ich gut nachvollziehen“, sagte ich, und das stimmte auch. Niemand in meiner Familie verstand, warum ich New York Hals über Kopf verlassen hatte und in eine Kleinstadt in Wisconsin gezogen war. Keiner von ihnen hatte mir geglaubt, dass mein Verlobter gewalttätig gewesen war – sie dachten, ich würde übertreiben. Schlimmer noch, sie hatten mir deswegen immer noch nicht ganz verziehen.
„Ich weiß.“ Ihre Augen spiegelten den Schmerz wider, der mir wahrscheinlich ebenfalls ins Gesicht geschrieben stand.
„Also, was ist passiert? Wie kam es zu dem Zerwürfnis in der Familie?“
Sie atmete scharf aus. „Du hast doch mitbekommen, dass ich manchmal Dinge einfach weiß, oder?“ Sie warf mir einen nervösen Blick zu, als hätte sie Angst, dass ich plötzlich aus dem Wagen springen würde, anstatt mir anzuhören, was sie zu sagen hatte. „Oder dass ich manchmal ein Gespür für Dinge habe, die noch gar nicht passiert sind?“
Ich nickte.
„Bei meiner Mutter war es genauso, allerdings noch wesentlich stärker ausgeprägt. Jedenfalls sind wir die einzigen in der Familie. Der Rest behauptet, dass sie so etwas nicht haben.“
Ich wartete, während sie abbremste, um in eine noch schmalere Landstraße einzubiegen. Mittlerweile bildeten sich kleine Schneehügel am Straßenrand. „Und …?“, hakte ich nach, als sie nicht fortfuhr.
„Und, was?“
„Was noch? Es muss doch noch mehr geben.“
Claire seufzte. „Wahrscheinlich schon, aber mehr weiß ich nicht. Meiner Großmutter gefiel es nicht, wenn wir über diese Vorahnungen oder unser Gespür sprachen. Das ist einer der Gründe, warum sie nie etwas davon hören wollte, dass mit dem Haus etwas nicht stimmte. Ich habe keine Ahnung, was passiert ist, als meine Mutter noch ein Kind war. Was auch immer dort geschehen sein mag, weder meine Großmutter noch meine Tante Iris wollten ein Wort über das hören, was meine Mutter oder ich ahnten oder spürten. Bei mir fing das erst an, als ich etwas älter war, und es trieb einen Keil zwischen mich und den Rest der Familie. Vor allem zwischen mich und Amelia.“
„Deine Schwester?“
Sie nickte. „Wir standen uns als Kinder sehr nahe, aber als wir älter wurden und ich dasselbe erlebte wie meine Mutter, wollte Amelia nichts mehr mit mir zu tun haben. Sie verbrachte lieber Zeit mit Tante Iris und unseren Cousins und Cousinen als mit mir.“ Kurz ließ sie das Lenkrad los, um sich über die Augen zu wischen, aber nicht, bevor ich den Schmerz darin gesehen hatte.
„Das ist wirklich hart“, sagte ich.
„Ja, das war es. Genau zu der Zeit verschwand auch mein Onkel Billy, was die Sache noch schwieriger machte.“ Sie warf mir einen Blick zu. „Bestimmt hat Pat dir auch von ihm erzählt?“
„Ja, sie hat erwähnt, dass du einen Onkel hattest, der verschwunden ist.“
Claire nickte. „Das brachte das Fass zum Überlaufen. Anschließend besuchte niemand mehr das Landhaus, nicht einmal Grandma. Sie fuhr nur noch ein paar Mal im Jahr hin, um nach dem Rechten zu sehen. Einer der Nachbarn schaute regelmäßig vorbei. Wenn ich mich recht erinnere, hat er auch kleine Reparaturen und andere handwerkliche Arbeiten erledigt, aber das war’s.“
„Wenn niemand mehr das Haus benutzte, warum hat sie es dann nicht verkauft?“
Claire schnaubte. „Glaubst du, es ist einfach, ein Haus loszuwerden, in dem es spukt? Versuch’s mal mit deinem Haus und warte ab, was passiert.“
Damit hatte sie recht. „Sie hätte es doch an jemanden verkaufen können, der nicht von hier ist und die Schauergeschichten nicht gehört hat.“
„Ja, aber wenn diese Person den halb renovierten Keller gesehen und gefragt hätte, was vorgefallen ist, hätte der Makler denjenigen über den Tod des Bauunternehmers informieren müssen und dass sich niemand finden ließ, der die Arbeiten beendete. Damit hat sich die Sache ziemlich schnell erledigt, wie du dir vorstellen kannst.“
„Also hat deine Großmutter all die Jahre daran festgehalten?“
„Ja.“
„Wow.“ Das kam mir so merkwürdig vor. „Es überrascht mich, dass sie nichts dagegen unternommen hat. Kam ihr nie in den Sinn, den handwerklich begabten Nachbarn zu fragen, den Kellerumbau abzuschließen?“
„Ich bin mir nicht sicher. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob sie es überhaupt verkauft hätte.“
„Warum nicht?“
Claire runzelte die Stirn. „Sie hatte eine … Verbindung zu dem Haus. So lässt es sich wohl am einfachsten erklären. Sie liebte es einfach so sehr, und selbst nach allem, was passiert war, konnte sie sich nicht davon trennen. Um fair zu sein, gab es auch viele schöne Erinnerungen, die mit dem Anwesen verbunden waren. Vielleicht klammerte sie sich an die Hoffnung, dass wir alle irgendwann wieder dorthin zurückkehren könnten, vor allem, falls Onkel Billy jemals wieder auftauchen sollte.“
„Das ergibt Sinn.“ Ich beobachtete, wie Claire erneut auf eine Straße abbog, die tiefer in den Wald führte. „Meine Güte, jetzt schneit es aber wirklich.“ In der Tat häufte sich der Schnee auf den Ästen der Bäume.
„Ja, um diese Jahreszeit war es immer am besten im Landhaus.“ Claire lächelte knapp. „Allerdings werden wir dieses Mal wohl kaum Schneeburgen bauen und Schneeballschlachten führen.“
„Was machen wir denn dann? Ich meine, ist es nicht ein bisschen verrückt, das Wochenende hier oben zu verbringen, wenn man das bedenkt, von dem du mir gerade erzählt hast?“
„Doch, schon. Aber irgendwie auch nicht. Wie ich bereits sagte, liebte Grandma das Haus einfach so sehr. Vielleicht wollte sie uns dazu bringen, ein letztes Mal so viel Spaß wie früher dort zu haben, bevor es verkauft wird.“
„Du glaubst also, dass es jetzt verkauft wird?“
„Es gibt niemanden in der Familie, der daran hängt.“
„Aber warum sollte es jetzt möglich sein, das Spukhaus loszuwerden, wenn das vor Jahren nicht ging?“
„Ich denke, wer auch immer es erbt, wird es verkaufen wollen“, erwiderte Claire. „Und tun, was immer dafür nötig ist. Wenn wir den Keller fertigstellen müssen, wird das auch irgendwie klappen. Wenn wir mit dem Preis heruntergehen müssen, dann werden wir das tun. In der aktuellen Situation kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand aus der Familie um der alten Zeiten willen daran festhält.“
Ich studierte Claires entschlossene Miene. „Glaubst du, dass du es erben wirst?“
„Ich habe keine Ahnung, aber deshalb gehe ich ja hin“, erwiderte sie.
Ich musterte sie überrascht. Ich hätte sie nie für geldgierig gehalten.
Sie musste meinen Blick bemerkt haben. „Nicht wegen mir“, sagte sie. „Wegen Daphne.“
„Du glaubst, deine Tochter könnte es erben?“
„Daphne ist Grandmas einzige Urenkelin“, erklärte sie. „Weder meine Schwester noch meine Cousinen oder Cousins haben schon Kinder. Also ja, möglich wäre es. Und meiner Tochter zuliebe werde ich mit allem fertig, was auf mich zukommt. Allerdings …“ Sie hielt inne, und ihre Miene wurde nachdenklich. „Ich möchte mich auch verabschieden. Grandma war überglücklich, als Daphne geboren wurde. Sie hat sich so darauf gefreut, Urgroßmutter zu werden. Durch Daphne hatte ich die Chance, meine Beziehung zu Grandma wieder zu kitten, was einfach, na ja, wundervoll war.“ Sie schenkte mir ein schwaches Lächeln. „Mir wurde klar, wie sehr ich den Kontakt zu meiner Familie vermisste. Nachdem meine Mutter ins Pflegeheim kam, verdrängte ich diese Gefühle, weil sie zu schmerzhaft waren. Aber diese letzten paar Jahre mit Grandma … Die waren einfach nur schön.“
„Ich bin froh, dass du diese Zeit mit ihr hattest“, sagte ich.
Sie nickte. „Danke, das bin ich auch. Oh, schau, wir sind da!“ Abermals bog sie auf eine sehr schmale Straße ein. Eigentlich war es mehr ein Pfad als eine Straße. Die Reifenspuren darauf machten deutlich, dass wir nicht die Ersten waren, die eintrafen. Der festgefahrene Schnee knirschte unter den Reifen und Zweige scharrten über die Windschutzscheibe, während wir uns dem Anwesen langsam näherten.
„Hinter dem Haus gibt es einen größeren Parkplatz“, sagte Claire. „Hoffentlich ist er noch befahrbar. Grandma hat ihn anlegen lassen, damit wir bei unseren Treffen genug Platz für alle Autos haben. Vermutlich werden wir den heute auch brauchen.“
„Was denkst du denn, wie viele Leute kommen werden?“
Claire runzelte die Stirn. „Schwer zu sagen. Vielleicht zehn bis zwölf?“
„Zehn bis zwölf?“ Langsam wurde mir erst so richtig klar, worauf ich mich da eingelassen hatte. Die Vorstellung, ein Wochenende in einem kleinen, abgelegenen Landhaus mit lauter Unbekannten zu verbringen, erfüllte mich mit Unbehagen. „Wie groß ist das Haus denn? Wo sollen wir alle schlafen?“ Der Schnee fiel mittlerweile so stark, dass man kaum noch die kahlen Bäume sehen konnte. Pat hatte mich gewarnt, dass das Anwesen weit ab vom Schuss war, aber wie sehr, war mir bis zu diesem Augenblick nicht bewusst gewesen. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, wann ich das letzte Mal ein anderes Haus gesehen hatte.
Claire grinste mich an. Es war das erste aufrichtige Lächeln, seit wir aufgebrochen waren. „Das wird kein Problem sein, glaub mir. Das Haus ist riesig. Es gibt fünf Schlafzimmer plus ein Wohnzimmer und einen Hobbyraum mit einer ausziehbaren Couch. Wir werden uns ein Zimmer teilen.“
„Weiß der Rest deiner Familie, dass ich dich begleite?“
„Sie wissen, dass ich einen Gast mitbringe, aber ich habe ihnen nicht gesagt, wen.“
Ich warf Claire einen Blick zu. Na toll. Was für ein perfekter Start in ein völlig verrücktes Wochenende. Ich wurde nicht einmal erwartet.
„Da ist die Hütte“, sagte sie und deutete aus dem Fahrerfenster. Außer der Holzverkleidung und dem schrägen Dach, das von Schneemassen bedeckt war, konnte ich nicht viel erkennen, als wir langsam daran vorbeifuhren.
„Der Parkplatz scheint befahrbar zu sein. Ich kann Autos sehen.“
Ich warf einen Blick durch die Windschutzscheibe und entdeckte einen schwarzen Pick-up, einen blauen Geländewagen sowie ein paar Mittelklassewagen, die bereits zu eingeschneit waren, als dass man ihre Farbe erkennen könnte. Vorsichtig fuhr Claire auf einen freien Parkplatz und stellte den Motor ab.
„Da wären wir.“
Kapitel 3
Claire hatte recht. Die Hütte bot problemlos Platz für ein Dutzend Erwachsene.
Wir kämpften uns mit unseren beiden Koffern sowie zwei Einkaufstüten durch die immer größer werdenden Schneewehen zur Veranda. Ich war erstaunt, dass Claire Essen mitgebracht hatte und sagte ihr, ich hätte nicht gewusst, dass ich mehr als meinen Tee hätte einpacken sollen. Sie bestand darauf, dass das vollkommen ausreichte – man würde es ihr ewig vorhalten, wenn sie nicht zur Verpflegung für das Wochenende beigetragen hätte.
Als wir das riesige Haus betraten, sah ich, dass es im Blockhüttenstil gehalten war, mit Hartholzböden, Kaminen und einem eher bedauerlichen Siebzigerjahre-Design. Das Wohnzimmer (oder besser gesagt, der enorme Hauptraum) hatte einen massiven Steinkamin, auf dessen hölzernem Sims Kerzen und gerahmte Fotos standen. Direkt gegenüber von uns befand sich eine offene Treppe, die im Zickzack in das obere Stockwerk führte. Ein orangefarbener Zottelteppich erstreckte sich über den Boden, die Sofas und Sessel waren olivgrün und mit senfgelben Kissen ausgestattet. Neben dem Kamin lag ein kastanienbrauner Sitzsack.
„Ich kann mich nicht mal daran erinnern, wann ich zuletzt einen Sitzsack gesehen habe“, sagte ich zu Claire.
„Das ist noch gar nichts“, erwiderte sie und nickte in Richtung einer der Zimmerecken. „Sieh dir nur mal unsere Lavalampe an.“
Ich folgte ihrem Blick, und tatsächlich, auf einem der Beistelltische stand eine Lavalampe.
„Glaubst du, die funktioniert noch?“, fragte ich.
„Bestimmt wird jemand sie einschalten, um das herauszufinden“, sagte sie.
Das Haus roch ein wenig merkwürdig. Oberflächlich lag der stechende Geruch von Desinfektionsmittel, Reinigungsprodukten und Zitronenpolitur in der Luft. Allerdings ließ sich der Hauch von Staub und Vernachlässigung, der allem anhaftete, dadurch nicht überdecken.
„Amelia hat wohl wieder geputzt“, merkte Claire resigniert an.
Bevor ich fragen konnte, was sie damit meinte, kam eine Frau um die Ecke. „Ich wusste doch, dass ich Stimmen gehört habe“, sagte sie in vorwurfsvollem Tonfall. „Schön, dass du endlich da bist.“
„Hallo, Amelia“, sagte Claire. „Ich freue mich auch, dich zu sehen.“
Selbst wenn Claire ihren Namen nicht erwähnt hätte, wäre mir sofort klar gewesen, dass sie miteinander verwandt waren. Amelias kastanienbraunes Haar war etwas dunkler als Claires rotblondes, aber ihre Augen hatten denselben Braunton wie die ihrer Schwester, nicht ganz haselnussbraun. Sie trug ihr Haar in einem kurzen Pixie-Schnitt, und ihr Make-up war makellos. Obwohl ihr Outfit leger war – ein hellbrauner Rollkragenpullover, Jeans und Goldschmuck –, sah sie elegant und zurechtgemacht aus.
Amelia schnaubte. „Wenigstens habt ihr es noch geschafft, bevor der Sturm ausartet. Wie schlimm war die Fahrt?“
„Nicht sehr angenehm“, erwiderte Claire und legte ihren Schal sowie ihre Mütze ab. Durch die statische Aufladung flogen ihr die langen Haare um das Gesicht. Im Gegensatz zu ihrer Schwester trug sie kein Make-up, und ihr roter Pullover hatte einen Fleck auf der Vorderseite. „Aber auch nicht allzu schlimm. Auf jeden Fall wird es immer rutschiger und dadurch schwieriger zu lenken.“
Amelia trat zur Seite und schaute aus dem Fenster. „Sieht so aus, als hätte der Wetterfrosch recht gehabt … Uns steht ein heftiger Sturm bevor. Deshalb wollte ich, dass alle rechtzeitig losfahren, um dem Schlimmsten zu entgehen. Natürlich hätten wir auch Hilfe gebrauchen können, um das Haus für die Besucher vorzubereiten.“
Claire verzog das Gesicht. „Ich wollte Daphne nicht länger als nötig allein lassen.“
Ruckartig wandte Amelia ihr das Gesicht zu. „Du hättest sie mitbringen können. Und Doug auch. Mir ist schleierhaft, warum du das nicht getan hast.“
„Ein Kleinkind hat in diesem Haus nichts verloren“, erwiderte Claire. „Außerdem hätte sie uns nur abgelenkt. Das hier ist übrigens meine Freundin Charlie.“
Amelia musterte mich mit kühlem, abschätzendem Blick. Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht schoss, und musste mir selbst versichern, dass an meinem übergroßen, dunkelgrünen Pullover und meiner Jeans nichts auszusetzen war. Da meine blond-brünetten Locken einen ihrer widerspenstigen Tage hatten, hatte ich sie einfach offen gelassen, was eventuell ein Fehler gewesen war. Wie Claire trug ich nur wenig Make-up – lediglich etwas Wimperntusche, um das Grün meiner haselnussbraunen Augen zu betonen, und Lipgloss.
„Das ist keine Party, Claire“, merkte Amelia missbilligend an. „Sondern ein Familientreffen.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Allerdings könnte es schlimmer sein … Du hättest ein Date anschleppen können, wie eine gewisse andere Person.“
Claires Augen weiteten sich. „Jeremy hat ein Date mitgebracht?“
Amelia verdrehte die Augen. „Jeremy ist noch nicht einmal hier, aber wie ich ihn kenne, wird er garantiert ein Date im Schlepptau haben, vielleicht sogar noch ein paar andere Leute. Nein, ich spreche von Lucy.“
„Lucy? Ich wusste gar nicht, dass sie mit jemandem zusammen ist“, sagte Claire.
„Deshalb sollte man sich hin und wieder auf Familientreffen blicken lassen“, erwiderte Amelia, und Claire errötete. „In diesem Fall hätte das aber auch nichts gebracht“, fügte ihre Schwester mit einem Naserümpfen hinzu. „Niemand von uns wusste, dass sie jemanden datet.“
„Sprecht ihr über mich?“, trällerte eine helle, muntere Stimme, deren Besitzerin wenige Sekunden später erschien. Sie war klein und kurvig, was ihr enger, rosafarbener Pullover noch betonte, und hatte eine blonde Mähne, die gefärbt sein musste, da die Farbe nicht ganz zu ihren braunen Augen und ihrem Hautton passte. Sie hielt inne, als sie mich sah, und ihr rosa geschminkter Mund formte ein überraschtes O. „Siehst du, Amelia? Ich bin nicht die Einzige, die einen Gast mitgebracht hat“, sagte sie.
„Das heißt nicht, dass es richtig war“, erwiderte Amelia. „Wir sind hier, um Großmutter zu gedenken, nicht um zu feiern.“
Lucy schüttelte den Kopf und warf ihre Lockenmähne über ihre Schulter. „Natürlich sind wir hier, um zu feiern. Wenn Grandma eine traditionelle Bestattung gewollt hätte, hätte sie das Testament in der Kanzlei ihres Anwalts verlesen lassen, wie jeder andere auch. Dass wir das Wochenende auf ihren Wunsch hin zusammen hier verbringen sollen, bedeutet, sie wollte, dass wir ihrer gedenken, indem wir etwas tun, was ihr immer Freude bereitet hat: Zeit in diesem zugigen, alten Haus zu verbringen. Und wie du dich sicher erinnerst, war es nicht unüblich, dass wir Freunde dabeihatten.“ Mit einem Lächeln wandte sie sich mir zu. „Ich bin übrigens Lucy.“
Ich wollte gerade etwas erwidern, als eine weitere Stimme ertönte.
„Charlie?“
Sie war tief, und ich erkannte sie sofort. Bei ihrem Klang krampfte sich mein Magen zusammen.
„Wyle?“
Lucys Date – ein großer, schlanker Mann mit dunklen Haaren und dunklen Augen – betrat das Wohnzimmer. Officer Brandon Wyle. Mist.
Er trug einen marineblauen Pullover, der sich an seine breite Brust schmiegte, dazu Jeans und Timberland-Stiefel. Ich hatte ihn noch nie ohne seine Uniform gesehen und musste zweimal hinschauen, weil ich ihn fast nicht erkannt hätte. Unglücklicherweise sah er in Straßenkleidung sogar noch besser aus. Doppelmist.
Zumindest wirkte er bei meinem Anblick ebenso geschockt wie ich.
„Oh, ihr beide kennt euch?“, fragte Lucy.
„Wir hatten … miteinander zu tun“, erwiderte Wyle, der mich immer noch anstarrte.
So konnte man das natürlich auch ausdrücken. Wir waren des Öfteren aneinandergeraten, als ich ein paar meiner Kundinnen und Kunden dabei geholfen hatte, eine Mordanklage abzuwenden. Wyle war nicht gerade begeistert gewesen, dass ich mich einmischte.
Lucy stieß ein trällerndes Lachen aus. „Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass wir jemand Kriminelles unter uns haben.“
„Soweit ich weiß, nicht“, erwiderte Wyle und musterte mich. Ich schenkte ihm ein unschuldiges Lächeln.
„Moment mal“, sagte Amelia und starrte mich an. „Bist du die verrückte Teeverkäuferin, die in Helens altem Haus wohnt?“
„Die bin ich“, bestätigte ich und warf einen Blick aus dem Fenster, um abzuschätzen, wie schlimm der Schneesturm war. Ob es zu spät war, die Flucht zu ergreifen? Ich könnte ja in ein paar Tagen zurückkommen und Claire abholen – vorausgesetzt, ich verfuhr mich nicht. Allerdings bestand dank meines grottigen Orientierungssinns wenig Hoffnung.
Außerdem schneite es mittlerweile noch heftiger. So viel zum Thema Flucht.
„Sie ist nicht verrückt“, sagte Claire. Wyle räusperte sich und hielt sich eine Hand vor den Mund, als versuchte er, ein Grinsen zu verbergen.
„Sie wohnt in einem Spukhaus“, erwiderte Amelia. „Wer, der bei klarem Verstand ist, macht das freiwillig?“
„Angebliches Spukhaus“, korrigierte ich sie.
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts soll Martha Blackstone, die Ehefrau des Mannes, der das Haus gebaut hatte, verrückt geworden sein, erst ihr Dienstmädchen Nellie und dann sich selbst umgebracht haben. Den Geschichten zufolge suchte die meschugge Martha, wie die Einheimischen sie nannten, das Haus bis heute heim.
Ich hatte es ihrer Tochter Helen abgekauft, und obwohl in meinem neuen Heim einige, nun ja, merkwürdige Dinge vor sich gingen, war ich Marthas Geist bisher noch nicht begegnet.
„Stimmt es, dass du Tränke und Zaubersprüche verkaufst?“, fragte Lucy.
„Definitiv nicht“, erwiderte ich. „Ich verkaufe Tees und Tinkturen, die gesundheitsfördernd sein können, aber ohne Garantie.“
„Oh, ich verstehe“, sagte Lucy und zwinkerte mir zu.
„Nein, wirklich“, begann ich zu protestieren, als Amelia mich unterbrach.
„Genau das habe ich auch gehört. Und dass du eine Hexe bist.“
Meine Augen weiteten sich. „Eine Hexe? Im Ernst jetzt?“
Wyle hustete erneut und presste die Hand fester über seinen Mund.
„Amelia, was redest du da?“, fragte Claire. „Charlie ist keine Hexe. Sie stellt Kräutertees her, die sehr lecker sind. Außerdem helfen sie mir, endlich wieder durchzuschlafen, was ich nach Daphnes Geburt und der Hormon-Achterbahn dringend nötig hatte.“
„Ich habe welche mitgebracht, falls ihr sie probieren wollt“, sagte ich.
„Auf jeden Fall“, erwiderte Lucy, während Amelia ihrer Schwester einen entsetzten Blick zuwarf.
„Claire, ich kann nicht glauben, dass du diese … diese Frau mitgebracht hast. Das hier ist ein seriöses Familientreffen …“
„Was ist hier los?“ Eine ältere Frau betrat den Wohnbereich. Sie sah um die sechzig aus, hatte braune Augen und ihre Haare waren von demselben Kastanienbraun wie Amelias, allerdings wirkten sie schlecht gefärbt, vermutlich, um das Grau zu überdecken. Sie trug Perlenschmuck und eine rote Schürze über ihrem himmelblauen Pullover. „Oh, Claire. Wie schön, dass du gekommen bist.“ Allerdings klang sie nicht unbedingt begeistert, sondern eher enttäuscht darüber. „Hat jemand etwas von Jeremy gehört?“
„Noch nicht“, erwiderte Amelia.
„Das Wetter wird immer schlimmer. Ich wünschte, er würde endlich eintreffen“, sagte die ältere Dame besorgt und rückte ihre goldumrandete Brille zurecht.
„Tante Iris, ich möchte dir meine Freundin Charlie vorstellen“, meldete sich Claire zu Wort.
„Du hast also auch einen Gast mitgebracht“, sagte Iris und musterte mich kurz, bevor sie wieder aus dem Fenster blickte.
„Charlie ist diejenige, die Helens Haus gekauft hat“, erklärte Amelia.
„Ach ja?“ Diesmal wandte sich Iris mir mit wesentlich mehr Interesse zu. „Bist du die Frau, die Teemischungen herstellt?“
„Die bin ich.“
„Oh, ich wollte mich schon lange mal bei dir melden! Eine meiner Freundinnen, Ellen, schwärmt immer davon, wie sehr deine Tees ihr beim Einschlafen helfen.“
Amelia verdrehte die Augen. „Nicht du auch noch, Tante Iris“, stöhnte sie.
„Was? Gegen einen wohltuenden Kräutertee ist doch wohl nichts einzuwenden“, erwiderte Iris.
„Amelia hält Charlie für eine Hexe“, sagte Lucy.
„Wer ist eine Hexe?“, fragte ein älterer Mann, der sich in dem Moment zu uns gesellte. Er hatte den Ansatz einer Glatze und ein paar lange Strähnen über die kahle Stelle gekämmt. Außerdem trug er eine dicke Hornbrille, und die graue Weste über seinem karierten Pullover spannte über seinem beträchtlichen Wanst. Seine Wangen waren gerötet, und auf seinem Kinn sprossen ein paar spärliche Barthaare.
„Charlie, Claires Freundin“, sagte Lucy und zeigte auf mich.
„Hi, Onkel Martin“, begrüßte Claire ihn.
Martin rückte seine Brille zurecht und starrte mich an. „Bist du denn eine Hexe?“
„Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte ich.
„Dann wäre das ja geklärt“, sagte er prompt.
„Nur, um das klarzustellen: Ich habe nie gesagt, dass ich sie für eine Hexe halte“, ereiferte sich Amelia. „Ich habe lediglich gehört, dass sie eine sein soll.“
„Warum denken die Leute das?“, fragte Iris.
„Wegen der Tränke und Zaubersprüche“, erklärte Amelia händeringend.
„Was für Tränke und Zaubersprüche?“, wollte ich wissen. „Damit habe ich nichts am Hut. Wie ich schon sagte, ich baue Kräuter und Blumen an und mache Tees und Tinkturen daraus. Das ist alles.“
„Und sie sind wunderbar“, sagte Claire mit einem strengen Blick zu ihrer Schwester. „Du solltest sie probieren.“
„Hmpf“, machte Amelia.
„War es das?“, fragte Wyle, der offensichtlich das Thema wechseln wollte. „Warten wir noch auf jemanden? Das Wetter wird immer schlechter.“
„Ich weiß“, sagte Iris und legte sich eine Hand auf die Brust. „Ich wünschte, Jeremy würde sich beeilen.“
„Es geht ihm gut, Mom“, sagte Lucy. „Du weißt doch, wie gerne er einen dramatischen Auftritt hinlegt.“
„Also fehlt nur noch eine Person?“, hakte Wyle nach und sah Lucy an. „Dein Bruder Jeremy?“
„Und George“, fügte Amelia hinzu.
„Wer ist George?“, fragte Wyle.
„Der Anwalt.“
Der Anwalt? Ich warf Claire einen Blick zu, die genauso verwirrt aussah wie ich.
„Warum kommt der Anwalt heute?“, wollte Claire wissen.
„Warum wohl? Jemand muss das Testament verlesen.“
„Ja, aber warum heute?“, fragte Claire. „Ich meine, die Verlesung findet doch nicht heute Abend statt, oder? Warum kommt er nicht erst kurz vorher?“
„Wie du sicherlich weißt, ist George ein langjähriger Freund der Familie“, erwiderte Amelia steif. „Er und Grandma kannten sich seit Ewigkeiten. Ich dachte, es wäre schön, wenn er sich auch von ihr verabschieden könnte.“
Claire starrte sie verblüfft an. „Du hast mir gerade eine Standpauke gehalten, weil ich Charlie mitgebracht habe, dabei hast du selbst jemanden eingeladen, der nicht zur Familie gehört?“
„Mit dem Unterschied, dass George Großmutter kannte“, sagte Amelia. „Er ist nicht irgendein Date und auch keine verrückte Teeverkäuferin, die Grandma nie begegnet ist.“
„Brandon hat Grandma getroffen“, mischte Lucy sich ein.
Amelia verdrehte die Augen. „Sein Date einmal zu einem Familientreffen mitzubringen, zählt wohl kaum.“
„Nein, so war es nicht. Brandon hat ihr mal einen Strafzettel verpasst“, erklärte Lucy und wandte sich an Wyle. „Stimmt’s nicht?“
Wyle blickte äußerst unbehaglich drein.
„Um Himmels willen“, brummte Amelia. „Der Sinn dieses Wochenendes ist es, Grandmas Leben an einem Ort zu feiern, den sie immer geliebt hat. Deshalb sollten nur Leute hier sein, die sie kannten und liebten. Ende der Geschichte.“
„Wo ist Elliot?“, fragte Claire plötzlich und sah sich um. „Ihn hast du doch eingeladen, oder?“
„Natürlich ist er hier“, erwiderte Amelia. „Er ist mein Mann. Elliot?“, rief sie mit schriller Stimme.
„Ich bin ja hier“, sagte Elliot, der zwischen Iris und Martin hervortrat. „Du musst nicht so schreien.“
Elliot war einer dieser Männer, die so durchschnittlich aussahen, dass sie sich nahtlos jeder Gruppe anpassten: durchschnittliche Größe, durchschnittlicher Körperbau, hellbraunes Haar, das etwas lichter wurde, Brille. Ein freundliches Gesicht, aber nichts, was herausstach, obwohl seine Wangen gerötet waren. Er schniefte laut und fischte ein Taschentuch aus der Tasche seiner braunen Hose.
„Wo warst du?“, wollte Amelia wissen.
„Draußen“, erwiderte er. „Ich habe den Holzhaufen gesucht, wie du es mir aufgetragen hast.“
„Hast du ihn gefunden?“
Er schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“
„Welchen Holzhaufen?“, fragte Martin.
„Ich habe Hal gebeten, etwas Holz für uns dazulassen“, erklärte Amelia. „Ich dachte, wir könnten ein Feuer machen.“ Sie wandte sich wieder ihrem Mann zu. „Hast du im Holzschuppen nachgesehen?“
Elliot starrte sie ausdruckslos an. „Holzschuppen?“
Amelia öffnete den Mund, um zu antworten, aber in dem Moment ertönte draußen ein lauter Knall, dann sprang die Eingangstür auf und ein Schauer aus Schnee und kalter Luft wehte herein.
Eine in einen dicken Wintermantel gehüllte Gestalt, die einen Seesack trug, erschien, als hätte der Wind sie hereingetragen. Kurz rangelte sie mit der Tür, bevor es ihr gelang, sie zu schließen.
„Jeremy? Bist du das?“, fragte Iris.
„Höchstpersönlich“, ertönte die gedämpfte Antwort.
Jeremy drehte sich um, schüttelte den Schnee aus seinem Haar und wischte seine Schuhe stampfend auf dem Fußabtreter ab. „Mann, ist das ein Schneegestöber. Ich hatte schon Angst, dass ich es nicht herschaffe.“
Iris trat auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. „Deshalb wollten wir ja, dass du früher aufbrichst“, sagte sie mit leicht vorwurfsvoller Stimme, während sie ihm die Wange für einen Kuss entgegen reckte.
Er küsste sie, bevor er seinen Mantel auszog und sich im Wohnbereich umsah. Selbst mit den feuchten Haaren, die ihm auf der Stirn klebten, war unschwer zu erkennen, wie attraktiv er war. Zwar konnte ich seine Haarfarbe wegen der Nässe nicht genau bestimmen, aber es musste in etwa von demselben Rotblond sein wie Claires. Seine Augen waren dunkelgrün, und sein Gesicht hatte etwas Elegantes, beinahe Fürstliches an sich.
Er hob eine Braue. „Was ist denn hier los? Warum steht ihr alle in Reih und Glied da, als wärt ihr auf einem Hochzeitsempfang?“ Seine Stimme war geschmeidig wie geschmolzenes Karamell, allerdings schwang eine Schärfe in seinem Tonfall mit, die ich nicht ganz deuten konnte.
„Claire ist auch erst vor ein paar Minuten angekommen. Wir haben sie gerade begrüßt“, erklärte Amelia.
Jeremys Blick wanderte über die Menge, bis er Claire entdeckte und ihr zunickte. Dann bemerkte er mich. „Wer ist das?“
„Meine Freundin Charlie“, sagte Claire.
Diesmal hob er beide Brauen. „Eine Freundin?“ Er drehte sich zu Iris um. „Du hast mir nicht gesagt, dass wir … Freunde mitbringen dürfen.“
„Sie ist nicht die Einzige“, erwiderte Iris und hängte seinen Mantel in den Schrank. „Deine Schwester hat ein Date mitgebracht.“
„Ein Date? Warum hat mir niemand Bescheid gesagt?“
„Weil niemand jemanden mitbringen sollte“, erwiderte Amelia. „Ich weiß nicht, warum Claire und Lucy nicht selbst darauf gekommen sind.“
„Wahrscheinlich, weil das hier ein freudiger Anlass sein soll“, sagte Lucy. „Wir wollen Grandmas Leben feiern.“
Jeremy klatschte in die Hände. „Das klingt nach einer Party! Wo sind die Drinks? Lasst uns loslegen.“
Amelia wandte sich in Richtung Küche. „Eigentlich sollten wir uns auf das Abendessen konzentrieren, vor allem wegen der zusätzlichen Gäste.“
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Claire.
„Jeremy und du solltet zuerst eure Zimmer beziehen“, erwiderte sie. „Das haben wir anderen schon hinter uns. Ich sehe derweil in der Küche nach, was es gibt.“
Claire hob die Einkaufstüten auf. „Ich habe Essen mitgebracht“, sagte sie.
Amelia presste die Lippen aufeinander, antwortete jedoch nicht, sondern stapfte in Richtung Küche davon. Einen Moment lang blieb Claire mit beiden Einkaufstüten im Arm unschlüssig stehen und nagte an ihrer Unterlippe. Ich wollte ihr gerade eine abnehmen, als Elliot zu uns kam. „Ich übernehme die hier, Claire“, sagte er lächelnd. „Warum bringst du dein Gepäck nicht nach oben und zeigst deiner Freundin das Haus?“
Claire reagierte nicht, sondern verharrte reglos, die Tüten umklammernd.
„Sie wird sich schon wieder einkriegen“, sagte Elliot. „Du kennst doch deine Schwester, sie kann Überraschungen nicht ausstehen. Gib ihr ein paar Minuten Zeit, sich daran zu gewöhnen.“
„Ich glaube, es ist mehr als das“, erwiderte Claire.
„Sie kommt schon klar“, beteuerte Elliot. „Es war sehr umsichtig von dir, Essen mitzubringen. Jetzt geh und richte dich ein. Du wirst dieses Wochenende noch genug Zeit haben, mit Amelia zu reden.“
Claire zögerte noch einen Augenblick, dann übergab sie Elliot die beiden Tüten, als hätte sie eingesehen, dass seine Worte Sinn ergaben.
„Weißt du, welches Zimmer meins ist?“
„Die beiden am Ende des Flurs sind noch übrig.“
„Oh, die mit den Einzelbetten“, sagte Jeremy, der hinter uns auftauchte. „Na toll.“
Elliot schnitt eine Grimasse. „Würdest du lieber mit George in einem Bett schlafen?“
Jeremy starrte ihn an. „George? Der Anwalt? Ich soll mir ein Zimmer mit ihm teilen?“
„Wenn er überhaupt auftaucht.“ Elliot warf einen Blick aus dem Fenster. „So wie es schneit, wird er wohl erst später an diesem Wochenende eintreffen.“
„Ich kann nicht glauben, dass ihr mir den Anwalt aufhalst.“
„Komm, Charlie, ich zeige dir das Haus“, sagte Claire und nahm ihren Koffer.
Ich schnappte mir meinen eigenen und folgte ihr durch das Wohnzimmer und die Treppe hinauf. Auch der Rest der Familie zerstreute sich in andere Bereiche des Hauses – alle bis auf Jeremy, der weiterhin mit Elliot diskutierte. „Wer hat überhaupt den Anwalt eingeladen, das Wochenende mit uns zu verbringen?“, hallte uns seine Stimme hinterher.
Claire seufzte und schüttelte den Kopf.
Während ich ihr folgte, hielt ich den Griff meines Koffers fest umklammert und fragte mich zum hundertsten Mal, worauf ich mich da nur eingelassen hatte.