Böses Erwachen
Vor drei Monaten
Wie spät mag es wohl sein? Genüsslich strecke ich mich den letzten Sonnenstrahlen des Tages entgegen. So ein Tag im Bett ist zur Abwechslung auch nicht schlecht. Besonders wenn man ihn mit einem tollen Mann wie Marco verbringen kann. Was hab ich für ein Glück, so einen romantischen Mann gefunden zu haben! Erst heute hat er mir wieder einen Strauß Blumen mitgebracht. Es vergeht kein Tag, an dem er mich nicht mit Komplimenten überhäuft. Ein wohliger Schauer durchfährt mich, wenn ich an die letzten Stunden denke. Doch jetzt bin ich alleine. Marco ist unter die Dusche gesprungen, er muss noch mal los. Einer seiner Kumpel hat Geburtstag. Es soll ein Männerabend werden. Mir soll es recht sein. Ich darf nicht zu spät zu Bett gehen, morgen früh muss ich auf den Markt und Kräuter für die Bar einkaufen.
Glücklich rolle ich mich zum Nachttisch, um auf mein Handy zu schauen, doch es ist nicht da. Wo hab ich es bloß wieder hingelegt? Ich schaue mich um, kann es aber nicht finden. Doch da, neben meiner Hose, liegt Marcos. Normalerweise würde ich es nicht einfach so benutzen, doch ich will ja nur wissen, wie spät es ist. Ich fische danach und drücke auf den Knopf, damit es mir die Uhrzeit anzeigt. Es ist halb sieben. Wir haben echt den ganzen Tag im Bett verbracht.
Gerade als ich es wieder weglegen will, geht eine Nachricht ein.
Ciao, Bello! Ich freue mich schon auf dich.
Kurz bleibt mein Herz stehen. Wer schreibt meinem Marco auf diese Weise? Ich habe mich sicher getäuscht.
Das Display verdunkelt sich wieder. Das war wahrscheinlich einer seiner Kumpels, der sich einen Scherz erlaubt hat. Doch da geht schon wieder eine Nachricht ein.
Hoffentlich wird diese Nacht so heiß wie die letzte.
Mein Herz pocht wie verrückt. Würde ein Kumpel so etwas schreiben? Da die Nachricht nur kurz aufgeploppt ist und ich das Handy nicht entsperren kann, habe ich den Namen des Absenders überlesen.
Wie versteinert hocke ich auf dem Bett und starre auf sein Handy. Einerseits hoffe ich, dass keine weitere mehr eingeht, andererseits will ich unbedingt wissen, wer sie verfasst hat. Wie eine Wahnsinnige umklammere ich das Telefon. Meine Knöchel sind schon ganz weiß. Mir fällt nicht einmal auf, dass aus dem Bad keine Duschgeräusche mehr kommen.
Da erhellt sich erneut das Display. Dieses Mal konzentriere ich mich nur auf den Absender, da die Mitteilung nur kurz aufleuchten wird.
Sara.
Die Nachricht darunter verschwimmt augenblicklich, und mir wird übel.
»Was machst du da?«
Vor lauter Schreck lasse ich Marcos Handy fallen. Er funkelt mich mit nassen Haaren, nur mit einem Handtuch bekleidet, an.
»Nichts. Ich wollte nur nachsehen, wie spät es ist.«
Warum verteidige ich mich überhaupt?
»Du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du an mein Handy gehst, Bellissima. Da ist mein ganzer Arbeitskram drauf.«
Ja, genau deshalb.
Was soll ich jetzt tun? Mir ist klar, wenn ich diese Nachrichten jetzt anspreche, ist alles vorbei. Dann gibt es kein Zurück mehr. Aber ich kann nicht anders.
»Wer ist Sara?«
»Wer soll das sein?«
»Du hast gerade eine Nachricht von ihr bekommen.«
»Spionierst du mir nach?«
»Nein. Wie gesagt, ich wollte nur nachsehen, wie spät es ist.«
»Sara ist eine Arbeitskollegin.«
»Interessant. Triffst du dich ab und zu mit ihr?«
»Warum sollte ich? Ich habe ja dich. Die schönste Frau in ganz Lazise. Was sage ich … ganz Italiens.« Er setzt sein charmantes Lächeln auf und will mich in seine Arme ziehen. Instinktiv halte ich ihn davon ab.
»Warum schreibt sie dir dann, dass die letzte Nacht so heiß war?«
Marcos’ Gesichtsfarbe verändert sich Richtung weiß und schließlich auf dunkelrot. Er schaltet auf Angriff.
»Was willst du mir damit unterstellen? Liebst du mich nicht genug, um mir zu vertrauen?«
Jetzt wird es mir zu bunt! Wütend springe ich aus dem Bett und kralle mir meine Sachen. In Windeseile ziehe ich mich an.
»Was meinst du? Dass ich total verblödet bin? Schlimm genug, dass ich es nicht früher bemerkt habe. Wie lange geht das schon?«
Schon wieder dreht sich sein Verhalten um hundertachtzig Grad. Die Wut scheint verpufft, und er sieht mich voller Liebe an.
»Giulia, mach doch kein Drama daraus. Das war eine einmalige Sache. Sie bedeutet mir nichts. Ich liebe nur dich!«
»Schöne Art, das zu zeigen. Wo wolltest du heute Abend hin? Und sag nicht, zu deinem Kumpel. Das glaube ich dir sowieso nicht mehr.«
»Ja, vielleicht wollte ich sie treffen, aber nur, weil ich ihr sagen wollte, dass es aus ist.«
Ich schaue ihm in die Augen, und plötzlich sehe ich es … ganz weit hinten, versteckt unter dem schönsten Blau und einem Hundeblick, der selbst Eis zum Schmelzen bringt: Er lügt. Ich bin vielleicht naiv, aber ich spüre, dass er bestimmt nicht vorhatte, seine Affäre zu beenden.
»Ich will dich nie wiedersehen!«
»Amore, das kannst du doch nicht ernst meinen. Du bist doch meine große Liebe. Diese Frau könnte dir nie das Wasser reichen. Komm schon …« Wieder versucht Marco, mich zu umarmen. Seine Dreistigkeit raubt mir fast den Atem.
»Du hältst mich wirklich für ein Dummchen! Doch das bin ich nicht. Auf einen verlogenen Kerl wie dich kann ich getrost verzichten!«
»Das will ich nicht glauben. Wir sind doch schon ein halbes Jahr zusammen. Das willst du doch nicht einfach so wegwerfen.«
»Ich trauere um die Zeit, bestimmt nicht um dich!« Mit diesen Worten stürme ich aus seiner Wohnung.
So schnell mich die Füße tragen, flüchte ich zu meinem Auto. Zitternd starte ich den Motor und fahre davon. Ohne Ziel, einfach weg von ihm.
Nach zehn Minuten halte ich an einer Ausweichstelle und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Wie konnte ich nur so blind sein? Während die Sonne hinter dem Gardasee untergeht, weine ich um etwas, das hätte sein können und nun nicht mehr ist.