Prolog
Lizzie
Zehn Jahre zuvor
Als ich nach oben schaue, sehe ich nur ein, zwei winzige Sterne, die wie Diamanten funkeln und mir von einem grauen Himmel zublinzeln. Wolken ziehen dahin und verdecken immer wieder den Mond, was dem Himmel eine gewisse Schaurigkeit verleiht.
Ich merke, dass aus dem großen Saal von Kirkwood Manor immer noch vereinzelt Musik zu hören ist, und erkenne bei genauem Hinsehen, dass die Doppeltür des Herrenhauses weit geöffnet ist, um frische Luft in die großen, stickigen Räume zu lassen.
Ich beobachte, wie der Sänger zur Tür geht und den Kopf raussteckt, um abzuschätzen, wie viele Leute noch zuhören. Dann dreht er sich zu den beiden anderen Musikern um, einem Keyboarder und einem Gitarristen, und beginnt anscheinend, mit ihnen zu diskutieren. Sicher darüber, ob sie weiterspielen oder ihre Instrumente zusammenpacken und Feierabend machen sollen. Nach ein paar geflüsterten Worten, einem gelegentlichen Nicken und einem Lächeln spielen sie weiter, obwohl sich das Haus voller über Hundert betrunkener Gäste inzwischen geleert hat. Die meisten von ihnen haben gerade ihren Abschluss gemacht und sind in einem letzten Rausch in den Garten geströmt oder in der Nacht verschwunden – nur die zurückgelassenen Abfälle, die leeren Wein- und Champagnerflaschen, die überall auf dem Gelände verstreut sind, zeugen noch davon, dass sie überhaupt dort waren. Meine wenigen zurückgebliebenen Freunde haben eine Reihe von ausschweifenden, hedonistischen Partys gestartet. Keine davon wirkt, als würde sie allzu bald enden.
Lächelnd schwimme ich zielstrebig durch das faulig riechende Wasser, bis ich in der Mitte des Sees bin. Die Kälte ist tief in meinen nackten Körper eingedrungen, und ich versuche, meine benommenen, berauschten Augen auf die Feuerkörbe zu konzentrieren, die im ganzen Garten verteilt sind. Ich beobachte die Funken, die in leuchtendem Orange und Rot wild nach oben schießen, und starre durch das Inferno hindurch auf die Musiker, während ich mir vorstelle, wie ihre Musik als riesige animierte Figuren über das Wasser zu mir herüberspringt – in meiner Vorstellung nimmt sie die Form von Achtel- und Viertelnoten an. Aufgeblasen wie riesige Heliumballons. Alle in unterschiedlichen Größen. Und während ich darüber lache, wie lächerlich das alles scheint, bewundere ich mit großen Augen die gespenstischen Reflexionen einer Trauerweide, die sich über den See reckt. Mit ihren langen, dürren, herabhängenden Ästen, die ins Wasser eintauchen und an einer Stelle, an der die Blätter immer wieder herunterfallen, einen gefährlichen, sumpfigen Uferbereich bilden.
„Thomas … Wo bist du?“, rufe ich, so laut ich kann. Ich weiß nicht, wohin er verschwunden ist, wieso er nicht antwortet oder wieso ich allein bin. Aber diese Gedanken verdränge ich schnell wieder, werfe meinen Kopf euphorisch nach hinten und fühle sofort die Kälte des Wassers auf meiner Kopfhaut – und wie etwas an mir vorbeizischt. Nervös zucke ich zusammen und überlege fieberhaft, was das gewesen sein könnte. Ich versuche, mich daran zu erinnern, welche Fische ich bisher gesehen habe, und die gefährlicheren auszublenden, über die die Jungs ständig Witze machen.
„Nimm dich vor dem Hinternschnapp-Hecht in Acht“, hatte Henry einmal gescherzt. „Du willst doch nicht, dass er dir in den Arsch beißt, oder?“
Diese Gedanken laufen in Dauerschleife in meinem Kopf, als die hellen, perfekt arrangierten Lichterketten in den Bäumen rund um den Garten plötzlich dunkel werden. Als würden sie in einer strengen Reihenfolge nacheinander ausgeschaltet werden. Bei diesem Anblick überkommt mich eine tiefe Traurigkeit. Die Lichter waren schön, und obwohl es mitten im Sommer ist, ist es jetzt schon nach Mitternacht, und seit es dunkel geworden ist, haben sie fröhlich vor sich hin geblinkt, was dem ganzen Garten eine weihnachtliche Atmosphäre verlieh. Jetzt kann ich nichts anderes tun, als mich mit Armen und Beinen im Wasser zu drehen und verzweifelt zuzusehen, wie eine Lichterkette nach der anderen gedimmt wird und dann erlischt.
Seufzend beschließe ich, dass es Zeit ist, aus dem Wasser zu gehen. Also streife ich das Laichkraut ab, das sich um meinen Knöchel zu wickeln versucht, und bewege mich vorsichtig auf das Ufer zu. Dabei verwende ich das Haus als Orientierungspunkt und lasse meine Füße über den dicken Schlick gleiten, der den Grund des Sees bedeckt. Dieses Gefühl hasse ich, und ich mache mir Sorgen, worauf ich treten werde. Was liegt tief unter der Oberfläche verborgen? Ich denke zurück an all die Dinge, die wir im Laufe des Sommers achtlos ins Wasser geworfen haben. An all die Dinge, die wir loswerden wollten.
Mit vorsichtig ausgestreckten Fingern greife ich nach dem alten hölzernen Sprungbrett, wende mich aber schnell wieder ab, als ich halbnackte Körper im Schilf sehe. Von den Feuerkörben beleuchtet, liegen sie umschlungen auf dem Boden in einem Gewirr aus Armen und Beinen, sodass ich nicht ausmachen kann, wer wer ist. Bestimmte Teile des Sees sind dunkler als andere, und die meisten Pärchen haben sich in die wohlbekannten Schattenfleckchen verkrochen. Sie sind hinter den üppigen Pflanzen und dem Unkraut verborgen, und die einzige andere Bewegung, die ich erkennen kann, ist die eines anderen Pärchens, das auf Händen und Knien rumkrabbelt – vermutlich auf der Suche nach ihren Kleidern, die sie irgendwo in der Hitze des Gefechts weggeworfen haben.
„Thomas, wo zum Teufel bist du?“ Ich rufe seinen Namen und lausche wieder einmal auf eine Antwort, die nicht kommt. „Thomas, das ist nicht mehr lustig. Du machst mir Angst.“ Meine Stimme klingt fremd, und das überwältigende innere Leuchten, das mich erfüllt hat, beginnt zu verblassen. Und genauso wie Thomas ist auch das Gefühl der Freiheit und Hemmungslosigkeit verschwunden.
Ich greife nach den Binsen und Seggen, die um den See herum wachsen, und ziehe mich daran zu den tiefen Furchen, die wir ins Ufer gegraben haben – ein jugendlicher Versuch, eine Art Treppe anzulegen. Vorübergehende Trittflächen. Die nicht lange halten würden, das war uns klar, aber in der Zwischenzeit bieten sie eine einfache Möglichkeit, während einer oder mehrerer unserer vielen Dummheiten ins Wasser rein- und wieder rauszukommen.
Dicht am Ufer drehe ich mich im Kreis und versuche, mit zusammengekniffenen Augen etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Als ich vertraute Stimmen höre, beginne ich langsam, eine Seite des Sees nach der anderen abzusuchen. Ich bin überzeugt, dass Thomas jederzeit hinter einem der überwucherten Büsche hervorspringt oder vom Haus herangeschlendert kommt, die Arme voller Champagner und mit einem Korb voller warmem, mehligem Brot oder Buffetresten.
Beim Lauschen und Umsehen entdecke ich die vertraute Silhouette von Lucy. Eine junge, nackte Frau, die auf Zehenspitzen und mit dem Arm schützend vor ihren Brüsten am Ufer entlangschleicht. Bis sie meinen Blick bemerkt. Dann fährt sie sich mit einer Hand verschmitzt durch das Haar, wirft es verführerisch über die Schulter, richtet sich auf und stemmt die Hände in die Hüften.
„Lucy“, rufe ich, „hast du Thomas gesehen? Ich … Na ja, ich hab ihn irgendwie verloren.“ Ich versuche, ihre Nacktheit zu ignorieren, und schiebe meine Unterlippe wie ein trotziges Kind vor. Dann lasse ich mich ganz in dieser Rolle nach vorne ins Wasser fallen und treibe Füße strampelnd auf sie zu. Währenddessen sucht Lucy den See hinter mir ab, und ich sehe die Verwirrung auf ihrem Gesicht.
„Ist er nicht bei dir, Darling?“ Ihr vornehmer Akzent hallt über das Wasser, und sie zuckt nonchalant mit den Schultern. „Er ist doch immer bei dir. Oder nicht?“ Sie hält inne, lacht. „Außerdem, Darling, bei dem Lärm, den ihr beide vorhin gemacht habt, dachte ich, er würde für die nächsten zwei Wochen permanent an dir kleben.“ Lucys Stimme zittert beim Rufen. Ihr ist offensichtlich kalt. Fröstelt. Was auch nicht verwunderlich ist, nachdem eine ganze Gruppe von uns kurz nach Mitternacht spontan für eine weitere wilde und hemmungslose Runde Sex ins Wasser gesprungen ist. Das, zusammen mit dem Einfluss von Alkohol und Drogen, hatte bei uns allen ein Gefühl von Zügellosigkeit und wilder Ausgelassenheit ausgelöst, das stundenlang anhielt.
„Meine Kleidung ist fort … futsch … verschwunden.“ Lucy krabbelt auf Händen und Knien zum Rand des Sees, wo ihr etwas den Weg versperrt, das wie eine riesige Rhabarberpflanze aussieht. Sie steckt die Hand hinein und zieht ein altes, feuchtes Hemd darunter hervor, an dem sie misstrauisch schnüffelt. Dann zeigt sie genervt mit dem Finger auf den Boden. „Mein Kleid, das rote. Ich habe es genau hier liegen lassen, es sollte noch hier sein.“ Sie zieht sich das feuchte Hemd über die Schultern und wendet sich wieder dem See zu.
„Wo ist Jessica?“, rufe ich. Ich sehe mich nach ihrer Partnerin um und frage mich, ob sie wie Thomas verschwunden ist und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie zusammen sind.
„Ach, ich weiß nicht.“ Ihr ausgestreckter Finger richtet sich auf das Haus. „Ich glaube, sie wollte etwas zu essen holen, oh … und Champagner. Uns ist der Champagner ausgegangen. All dieser Sex macht einen furchtbar hungrig, Darling, nicht wahr?“ Sie dreht sich auf der Stelle, hebt ihr Gesicht zum Mond, und für einen Moment bewundere ich die Form ihres perfekten Körpers und die Art, wie das Hemd sich an ihre kecken, nackten Brüste schmiegt. „Und wenn du Thomas findest, frag ihn, was er mit unseren Kleidern gemacht hat. Das wäre typisch für ihn, so herumzualbern und sie zu verstecken.“ Sie lacht und leckt sich verführerisch über die Lippen: „Wahrscheinlich denkt er, wir laufen am Ende nackt zurück zum Haus. Damit der alte Kirkwood etwas zum Schauen hat. Aber ich persönlich bezweifle, dass sein Herz das verkraften würde.“ Ihre Worte enden in einem Keuchen, als plötzlich Scheinwerfer ihre blasse, elfenbeinfarbene Haut vor der Dunkelheit der Böschung erleuchten. Es ist, als wäre das Haus wieder zum Leben erwacht. Schnell knöpft sie das nasse Hemd zu und setzt ihre Suche nach dem verlorenen Kleid fort.
Ich lege mich zurück und paddle mit den Armen. Enttäuschung erfüllt mich, und ich frage mich, ob Thomas zurück ins Haus gegangen ist, ob er mich überraschen will, indem er die fertig gepackten Taschen für unsere Flucht holt. Dieser Gedanke bringt meinen Geist zum Tanzen. Im Takt der Musik wiege ich mich verträumt in der Vorstellung von uns beiden zusammen und dass es morgen um diese Zeit nur noch uns beide geben wird.
Mit einem entzückten Quietschen schaue ich zum Himmel, halte den Atem an und blinzle in die Sterne, die plötzlich viel heller erscheinen. Sie haben sich durch die Wolken gekämpft und strahlen nun so intensiv, dass ich sie kaum ansehen kann. Dann stürzt unerwartet ein Farbstrom auf mich zu. Ich beobachte, wie er sowohl Farbe als auch Form ändert und die Auren dramatisch vor meinen Augen explodieren. Mein ganz persönliches Feuerwerk, das mich unaufhörlich kichern lässt. Es ist eine Halluzination zu viel, und obwohl ich mich blendend amüsiere, weiß ich, dass es Zeit ist, aus dem Wasser zu gehen. Seufzend bewege ich mich langsam seitwärts, beschließe aufgeregt, dass ich tanzen will, und stelle mir für einen Moment vor, wie ich rund um den ganzen See Pirouetten drehe wie die Ballerina, die ich hätte sein können.
Ich schließe die Augen und lasse die Hände lustvoll über meinen Körper gleiten, über den Bauch, wo sie hoffnungsvoll innehalten. Ich spüre noch immer Thomas’ Berührung. Seine Leidenschaft. Und ich lehne meinen Kopf gegen den Hang des Ufers, hebe die Füße und lasse mich viel zu lange richtungslos in die Dunkelheit treiben.
Mit einem Mal wird mir die Stille zu viel, und Panik ergreift mich, als ein seltsames Heulen die Luft durchschneidet. Es kommt von der anderen Seite des Sees. Schnell drehe ich mich im Wasser, bis ich auf dem Ufer sitze, von wo aus ich abwartend auf die tief herabhängende Weide starre. Ich bin mir sicher, dass ich darunter Schatten erkennen kann. Und mit schwirrendem Kopf versuche ich, mir klar zu werden, ob das Geräusch, das ich gehört habe, ein Fuchs war, der in die Nacht hinein schreit. Aber irgendetwas sagt mir, dass es das nicht war, und ich versuche herauszufinden, was sonst so ein lautes, kehliges und unbekanntes Geräusch machen könnte. Ich halte den Atem an, mein Herz pocht wie wild. Eine Million Möglichkeiten schießen mir durch den Kopf, und ich sehe zu, wie jede einzelne davon wie ein flackernder Kinofilm davonfliegt und am Ufer entlangzurasen beginnt, bis ich mich fühle, als säße ich mitten in einem Karussell, während ich zusehe, wie sich die Bilder um mich herum drehen.
Mit einem Blick über die Schulter suche ich nach Lucy. Ich hoffe, dass sie mir gefolgt ist. Dass Jessica zurückgekommen ist oder dass einer der anderen das Geräusch auch gehört hat. Aber niemand scheint sich zu bewegen, also gleite ich mit den Füßen zurück durch den Schlamm und schiebe mich Stück für Stück näher an die Weide heran. Mein Herz setzt einen Schlag aus, und ich zucke zurück, als mir eine Bewegung ins Auge springt. Ich höre einen Knall. Halte den Atem an und beobachte eine Funkenfontäne, die dramatisch aus einem nahegelegenen Feuerkorb emporschießt.
„Wer ist da?“ Nervös neige ich den Kopf zur Seite und wünsche mir, dass die Gartenbeleuchtung wieder angeht, dass Lucy zurückkommt. Dass Thomas bei mir ist.
Während die Funken mir noch immer vor den Augen schwimmen, überkommt mich ein heftiges Zittern. Ich schlage die Hände vors Gesicht und reibe mir die Augen in der Hoffnung, dass sich mein Blick klärt. Und fast schon unbewusst beginne ich, langsam auf das Geräusch zuzuschwimmen.
„Lucy … hast du das gesehen?“ Wieder suche ich die Böschung ab, während ich auf eine Antwort warte. Bald wird mir klar, dass Lucy weg ist. Und obwohl die einen oder anderen noch umschlungen am Seeufer liegen, ist kein Mucks von ihnen zu hören. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie drogenbedingt eingeschlafen sind, und die Stille um mich herum ist nun ohrenbetäubend. Erst jetzt merke ich, dass die Band zu spielen aufgehört hat und dass das einzige Geräusch, das jetzt in meinen Geist dringt, das Wasser ist, das unaufhörlich um mich herum plätschert.
„Thomas, bist du das?“ Ich weiß, ich sollte aus dem Wasser klettern, zurück zum Haus gehen. Stattdessen bewege ich mich wie ein Roboter auf die Weide zu. Sie neigt sich mir entgegen, wie ein riesiger, umgestürzter Regenschirm, durch den ich kaum sehen kann. Ich strecke die Hand nach oben. Greife nach den Ästen. Ziehe mich daran hoch, den Kopf hoch über das Wasser, und in diesem Moment glaube ich, Schritte zu hören. Wieder einmal werfe ich einen Blick über die Schulter in der Hoffnung, dass wenigstens einer meiner Freunde ein Auge auf mich hat. Aber wie üblich bin ich allein.
„Thomas. Hör auf damit. Du machst mir Angst.“ Ich lege eine Hand auf meine nackte Brust. Spüre, wie heftig mein Herz pocht, und atme bewusst tief ein, um es vielleicht zu beruhigen. „Thomas …“ Ich strecke mich nach vorne und versuche, aus dem Wasser zu klettern, fühle jedoch nichts als Schleim und Fadenalgen, die mir durch die Finger gleiten, sodass ich rückwärts falle und unter die Oberfläche sinke, wo ich orientierungslos in einem hypnotischen Zustand schweben bleibe. Erst als ich das Bedürfnis verspüre, zu atmen, stoße ich mich nach oben ab und schnappe verzweifelt nach Luft. Dabei schlucke ich jedoch Wasser. Der Geschmack von Algen erfüllt meinen Mund und lässt mich würgen und spucken, während ich mit meinen Armen das Wasser von mir wegschaufle, um das Laichkraut von meinem Gesicht fernzuhalten. Mit neu gefundener Kraft greife ich nach den Weidenzweigen und ziehe mich aufs Neue daran aus dem Wasser … und starre in ein Paar kalter, glasiger, lebloser Augen.
„Thomas …?“ Ungläubig stürze ich auf ihn zu. Ergreife seine Schultern. Schüttle ihn heftig und schreie, als sein zerschlagenes, blutüberströmtes Gesicht unter dem Sumpf aus Blättern verschwindet, bis ich ihn schließlich nicht mehr sehen kann.
Kapitel 1
Elizabeth
Gegenwart – Freitagnachmittag
Mit zusammengekniffenen Augen warf Elizabeth Dewhurst einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett und fuhr sich nervös durch die langen blonden Haare, während sie abzuschätzen versuchte, wie lange die restliche Fahrt noch dauern würde und was sie am Ende erwarten würde. Es lagen noch mindestens acht Kilometer vor ihr, also würde sie höchstwahrscheinlich zu spät kommen. Was sie wirklich hatte vermeiden wollen, vor allem da Kirkwood Manor der allerletzte Ort auf der Welt war, an den sie je gedacht hätte zurückzukehren. Dieses Versprechen hatte sie sich selbst gegeben, als sie das letzte Mal dort gewesen war. Doch als Ada Kirkwoods Einladung in ihren Briefkasten geflattert war, war ihr die goldverzierte Karte regelrecht als formelle Vorladung erschienen, die sie nicht so ohne Weiteres ablehnen konnte.
Ada Kirkwood bittet hiermit um die Anwesenheit von
Elizabeth Dewhurst
zum 10. Todestag ihres Sohnes
Thomas Kirkwood
Da sie es nicht über sich gebracht hatte, sie in den Papierkorb zu werfen, hatte sie sie einfach beiseitegeschoben, auf der Kommode liegen lassen und so gut wie möglich ignoriert. Doch wie ein Leuchtfeuer hatte sie sie angezogen. Sie dazu verleitet, sie in die Hand zu nehmen, sie immer wieder hin und her zu drehen. In der Hoffnung auf Antworten. Und schließlich hatte sie sie einmal zu oft in die Hand genommen. Konnte sie nicht länger ignorieren. Wusste, dass es nur einen einzigen Weg gab, jemals aufzuhören, um das Leben zu trauern, das sie sich gewünscht hatte, um das, was sie hätte haben können: Sie musste zurückkehren. Ihren Frieden mit dem Manor und den Menschen schließen, die noch immer darin lebten.
Zumal es auch das erste Mal war, dass sie offiziell eingeladen worden war. Selbst bei Thomas’ Beerdigung war sie einfach dort aufgekreuzt, hatte sich eingereiht und die tausendundeine Art über sich ergehen lassen, in der jemand seine Trauer ausdrücken konnte. Und deshalb saß sie nun, zehn Jahre nach seinem Tod, in ihrem Auto und fuhr zum Anwesen.
Elizabeth zog die Sonnenblende so weit wie möglich herunter und setzte sich aufrechter hin. Die Sonne stand ungewöhnlich tief für diese Jahreszeit, und obwohl sie zum Schutz ihrer Augen eine Sonnenbrille trug, musste sie dennoch die Augen zusammenkneifen angesichts der weinroten, mit orangefarbenen und goldenen Streifen durchzogenen Wolken, was es fast unmöglich machte, die lange, gewundene Straße auszumachen, die vor ihr lag.
Ironischerweise hatte sie diese Straßen früher quasi auswendig gekannt, war sie Hunderte Male entlanggefahren. Andererseits hatte sie auch nie gedacht, dass sie das jemals wieder tun würde. Wie von allein schaltete ihr Geist auf Autopilot und sie glitt in einem hypnotischen Zustand dahin, der nur durch das Piepsen ihres Handys unterbrochen wurde.
Ich hoffe, es geht dir gut. Das Haus ist still ohne dich. xx
Lächelnd bremste sie ab und hielt an, da sie nicht widerstehen konnte, ihrem Vater zu antworten, der zum ersten Mal seit Jahren das Haus vier ganze Tage für sich allein hatte.
Bin fast da. Keine Sorge. xx PS: Tante Peggy wird nach dir sehen. Ruf an, wenn du mich brauchst. Am Dienstag bin ich wieder zu Hause x
Sofort blinkten die drei Punkte auf dem Bildschirm, und sie wusste, dass seine Antwort direkt kommen würde. Und während sie zärtlich lächelnd den Bildschirm beobachtete, ließ sie den Fuß auf der Bremse, rollte das Fenster herunter und atmete tief die frische Landluft ein.
Ich finde es ehrlich gesagt nicht gut, dass du hinfährst. Hab das Gefühl, dieses Haus ist verflucht. Aber pass auf dich auf. Wir sehen uns am Dienstag x
Sie warf dem Handy einen Kuss zu und wünschte sich, sie wäre zu Hause geblieben und wie jeden Freitagabend mit ihm für Fish and Chips in die Kneipe gegangen, gefolgt von einem Pubquiz, umgeben von Freunden. Schnell tippte sie ihre Antwort.
Bitte mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut xx hab dich ganz doll lieb xx
Normalerweise war er nicht so überfürsorglich, normalerweise störte es ihn nicht, was sie unternahm. Aber sie wusste, wie unglücklich er bei dem Gedanken gewesen war, dass sie ins Manor zurückkehrte, insbesondere angesichts dessen, was zuvor passiert war.
„Ich weiß, du liebst ihn, meine Kleine“, hatte er einmal zu ihr gesagt, „aber ich mag ihn wirklich nicht, und merk dir meine Worte: Es wird nichts Gutes dabei herauskommen, wenn du dich mit seinesgleichen einlässt.“
Ihr Vater war immer ein Mann der klaren Worte gewesen, hatte immer nur ihr Bestes gewollt, besonders nachdem ihre Mutter gestorben war, und viele Jahre lang hatte er dafür gesorgt, dass sie pünktlich zur Schule kam, dass ihre Hausaufgaben erledigt wurden und dass er genug Geld verdiente, um Essen auf den Tisch zu bringen. Und jetzt, zehn Jahre später, wünschte sie sich, sie hätte auf seinen guten Rat gehört. Vor allem, nachdem sie erkannt hatte, wie grausam Thomas Kirkwood wirklich hatte sein können.
Seufzend blickte sie aus dem Fenster und genoss es, wie anders es sich auf dem Land immer anfühlte, wie die Felder sich kilometerweit erstreckten. Eine deutliche Erinnerung an ihre Zeit im Manor, das sie anfangs als friedlichen Zufluchtsort empfunden hatte – bevor der Frieden durch die Ankunft ihrer Freunde jäh zerstört worden war.
Dann, als hätte jemand sie hochgehoben und in die Vergangenheit zurückgeworfen, sah sie vor ihrem inneren Auge lebhaft die Polizei, die Beerdigung, gefolgt von zahlreichen Bildern, wie Thomas unter Wasser verschwand, begleitet von einer düsteren, bedrückenden Beklemmung, die sich immer in Momenten, in denen sie nicht damit rechnete, in ihren Geist schlich.
Keuchend wurde ihr bewusst, wie lange es her war, seit sie unter Flashbacks gelitten hatte, wie schlimm diese in den Tagen nach Thomas’ Tod gewesen waren. In diesen Tagen hatte sie sich geschworen, niemals nach Kirkwood Manor zurückzukehren. Ein Versprechen, das sie sowohl sich selbst als auch ihrem Vater gegeben hatte. Ein Versprechen, das sie immer einzuhalten beabsichtigt hatte. Zumindest bis die Einladung durch den Briefschlitz geflattert war und sie von dem plötzlichen Wunsch, zurückzukehren, mehr als überwältigt worden war.
Während sie das Auto die Straße entlanglenkte, überkamen sie sporadische Wellen der Übelkeit, begleitet von einem krampfartigen Nervositätsanfall, der wie ein Blitz einschlug. Ohne Vorwarnung spürte sie, wie beißende Säure ihr den Rachen verätzte, als sie in die letzte Straße einbog, die zwischen ihr und dem Manor lag.
Sie atmete tief ein und aus und versuchte alles, um sich zu beruhigen. Etwas zu enthusiastisch trat sie auf die Bremse, sodass sich der Sicherheitsgurt schmerzhaft zusammenzog. Er schnitt ihr in die Schulter, schnürte ihr die Luft ab, und plötzlich war es, als wäre sie wieder im See, nur diesmal war sie diejenige, die unter die Oberfläche sank und ertrank. Nach Luft schnappte.
Als sie nach unten blickte, bemerkte sie, wie fest sie die Finger um das lederüberzogene Lenkrad verkrampft hatte, bis sie vor Anspannung ganz weiß geworden waren. Sie zählte bis zehn und löste mit aller Kraft die Finger vom Lenkrad. Dann rieb sie sie genervt an ihrer blassblauen, zerrissenen Jeans, während sie durch die Windschutzscheibe starrte und sich zwang, zu atmen.
Sie nahm sich einen Moment Zeit, bevor sie den Blick hob, auf den Asphalt starrte und die Augen den Rand der Auffahrt entlanggleiten ließ, die sich in die Ferne schlängelte. Vielleicht konzentrierte sie sich ein bisschen zu sehr, denn Elizabeth wurde klar, dass sie buchstäblich jeden einzelnen Kieselstein hätte zählen können. Jedes Steinchen sah aus, als wäre es für den dramatischen Effekt gezielt platziert worden, ganz anders als früher, als alles heruntergekommen wirkte. Sie atmete noch mal tief durch und hob dann langsam den Blick zum Kirkwood Manor, das wie durch Zauberei vor ihr auftauchte.
„Du hast dich verändert“, flüsterte sie. Es war ein schwacher Versuch, Frieden mit dem Herrenhaus zu schließen. Ein Weg, die Kluft zwischen damals und heute zu überbrücken. „Ich weiß, ich bin weggegangen. Aber ich musste einfach. Ich … Ich konnte nicht bleiben.“ Sie hielt inne, hinterfragte ihre Gedanken, hatte fast zu viel Angst, die Worte laut auszusprechen. „Und wenn ich ganz ehrlich bin“, sagte sie mit einem Blick auf ihr Handy, auf dem sie immer noch die Worte ihres Vaters sehen, seine Sorge spüren konnte, „ich habe ihm ein Versprechen gegeben, von dem ich dachte, ich würde es halten. Ich sollte nicht hier sein.“ Sie sackte im Fahrersitz zusammen, starrte zum Haus hinauf, und mit einer entschlossenen Anstrengung legte sie den Gang ein und rollte mit angehaltenem Atem langsam auf das gusseiserne Tor zu, neben dem das neue Hotelschild stand. Dieses Schild gehörte nicht hierher. Nicht ihrer Meinung nach. Nicht vor dieses Haus. Niemals.
„Kirkwood Manor. Luxus-Landhotel“, las sie flüsternd. Schloss einen Moment die Augen, versuchte, sich vorzustellen, wie das Haus früher gewesen war. Wie alt und halb verfallen es ausgesehen hatte. Und vor allem, wie heimelig es sich angefühlt hatte. Während sie mit einem leichten Lächeln dem Weg folgte, konnte sie durch die rosarote Brille noch immer die mit Schlaglöchern übersäte Auffahrt sehen, die Cottages der Verwalter, die zerbrochenen Buntglasfenster und wie Thomas’ Vater, Dominic Kirkwood, sie widerwillig mit Brettern vernagelt hatte, nachdem jeder einzelne Golfball weit vom Kurs abgekommen war. Elizabeth lächelte bei der Erinnerung an all die Schimpfwörter, die aus seinem Mund gekommen waren, alles original englische Kraftausdrücke aus vollem Halse, während er wie eine übergroße Napfschnecke an einer Leiter festgeklebt war. Verzweifelt versucht hatte, nicht zu fallen.
Unruhig rutschte sie auf ihrem Sitz hin und her, bremste leicht ab, verspürte ein gewisses Unbehagen. So wie es jetzt aussah, war alles anders. Es war, als wäre seine Geschichte permanent ausgelöscht, getilgt und vernichtet worden. Sogar die steinernen Koppelfenster waren neu verfugt, der Stein sauber geschrubbt worden. Perfekte Buntglasscheiben funkelten in den großen mehrteiligen Fensterrahmen – kein einziges Brett weit und breit. Dieser Anblick stimmte sie gleichermaßen glücklich und traurig, und nun sehnte sie sich nach dem, wie es früher gewesen war. In Gedanken schritt sie durch unheimliche, dunkle Korridore, die zu den Zimmern führten, deren Wände von alten viktorianischen Möbeln gesäumt wurden, sowie zum Dachboden, auf den sie sich oft zurückgezogen hatte, um der Menschenmenge zu entkommen. Auf dem in jeder Ecke Schatten gelauert und dem ganzen Haus eine gespenstische und verspukte Atmosphäre verliehen hatten.
Sie sprang aus dem Auto und schlug die Tür fest hinter sich zu. Dann sah sie nach unten, starrte auf den frisch aufgeschütteten Kies unter ihren Füßen in dem Bedürfnis, Zeit zu schinden. Einmal tief durchzuatmen, bevor sie aufsah und den See erblickte, an dem – wie man ihr gesagt hatte – nun ein Denkmal stand. Ein Denkmal, das sie eigentlich nicht sehen wollte; sie konnte den Gedanken nicht ertragen, die Worte darauf zu lesen. Während sie mit einer Hand die Augen vor dem stürmisch aussehenden Himmel abschirmte, zuckte sie zusammen und drehte sich mit schmerzerfüllten, zusammengekniffenen Augen zum Manor um.
So viele Erinnerungen hatten hier ihren Anfang und ihr Ende gefunden. Krampfhaft versuchte sie, sich die guten ins Gedächtnis zu rufen. Aber anscheinend waren nur die schlechten übrig geblieben. Und für einen Moment sah sie nur die Bilder vor sich, die sie aus ihrem Kopf löschen und für immer vernichten wollte.
Verzweifelt versuchte sie, die Vergangenheit zu vergessen, zwang sich, die Augen weit aufzureißen, und warf bewusst einen Blick über die Schulter zum See. Atemlos legte sie eine Hand an die Stirn, um ihre Augen vor dem Licht abzuschirmen, und beobachtete, wie die hellen, spiegelnden Wellen über die Wasseroberfläche hüpften, bis sie die andere Seite erreichten, wo nun ein neu errichtetes Denkmal für Thomas Kirkwood stand.