Leseprobe Ein Mord mit heißer Schokolade | Ein charmanter Cosy Crime

Kapitel 1

„Es sieht so aus, als wäre Weihnachten in deinem Café explodiert.“

Meg schaute sich um und runzelte leicht die Stirn bei Amandas schonungsloser Kritik. Sie hatte ganz offenkundig den größten Teil des Vormittags damit verbracht, das Cuppa mit riesigen silbernen Girlanden und roten Glaskugeln zu schmücken – ganz zu schweigen von etwa einem Dutzend bunter Lichterketten, die sie sorgfältig an der Decke und den Wänden befestigt hatte. Sie schob eine blonde Locke wieder hinter ihr Ohr und begutachtete kritisch ihr Werk.

„Hey, ich liebe Weihnachten und wir müssen hier schon was tun, um mit Ivys Café mitzuhalten. Wusstest du, dass die nach dem Frühstück jetzt Brettspiele und kostenlose Zeitungen auf die Tische legen?“ Sie rieb sich die Hände, endlich fertig mit dem Dekorieren, und klappte den Metalltritt zusammen. „Niemand kann uns nachsagen, dass wir hier keine Weihnachtsstimmung versprühen. Wenn uns das mehr Gäste bringt, ist es das bisschen Zusatzarbeit doch echt wert.“

Amanda nahm langsam einen Schluck von ihrem inzwischen lauwarmen Caffè mocha. Sie ließ sich zufrieden in den kuscheligen Sessel zurücksinken. Meg hatte eine dezente Prise Zimt auf den Milchschaum gestreut und das passte perfekt zur festlichen Stimmung. Der einzige andere Gast, ein eingemummelter Tourist mit einem Metalldetektor, war völlig in sein Smartphone vertieft.

Amanda war nicht überrascht, als ihre quirlige Freundin den Tritt an den Tresen lehnte und sich mit einem breiten Grinsen neben sie setzte. Keine Gäste bedienen zu müssen, bedeutete für sie mehr Zeit zum Plaudern – und dafür war Meg immer zu haben.

„Du kommst nie darauf, was meine Großmutter mir erzählt hat.“ Megs Gesicht war erwartungsvoll.

„Ich traue mich kaum zu fragen.“

Amanda wusste, dass sie keine voreiligen Vermutungen anstellen sollte. Megs neunzigjährige Großmutter, Mrs. Granger, sah zwar aus wie eine gewöhnliche alte Dame mit Rollator, aber sie wusste mehr über alles und jeden in Ravenwood Cove als jeder Detective, Blutspürhund oder Wahrsager. Sie saß oft im Petrie’s. Dort machte sie es sich auf einer gepolsterten Bank am warmen Holzofen gemütlich, strickte und hörte unauffällig jedem in diesem Laden zu. Dabei sprach sie auch mit allen Kunden, erfuhr mehr über die Einwohner und verteilte im Gegenzug freizügig Lebensweisheiten.

Meg beugte sich vor, ihre Augen funkelten. „Du kennst doch den großen leeren Laden neben Trumans Fahrrad- und Drachensportgeschäft? Der, der seit Ewigkeiten leer steht?“

Amanda nickte. Es kursierte das Gerücht, der Besitzer sei ein Investor aus Eugene, der ihn nur als Abschreibungs-Investment gekauft und nie die Sperrholzplatten vor den Schaufenstern entfernt hatte. Der Laden grenzte an Trumans Ride the Wind und auf der anderen Seite an den Blumenladen, nur durch einen schmalen Durchgang getrennt. Früher war dort ein Laden für Autozubehör gewesen. Aber seit Jahren stand das Geschäft leer und die Stadtbewohner störten sich an dem tristen Anblick.

„Truman hat ihn gekauft.“ Meg strahlte, und Amanda schaute sie erstaunt an. „Er hat ihn gekauft? Wow! Ich hätte nicht gedacht, dass Truman so viel Geld hat.“

Meg zuckte mit den Schultern und fuhr fort.

„Anscheinend schon. Gram meint, dass sein Drachensport- und Fahrradgeschäft im Winter, wegen des Wetters, nicht so gut läuft. Er möchte sein Angebot also vergrößern und einen Buchladen eröffnen.“

Meg hüpfte fast vor Freude, und Amanda grinste. Sie wusste, wie sehr Meg Bücher liebte.

„Es soll neue und gebrauchte Bücher geben, auch gemütliche Sessel zum Schmökern kommen in den Laden. Er möchte ihn wohl Bennys Bücher nennen.“

Das passte perfekt. Truman benannte den Laden nach seinem kleinen braunen Hund Benny, einem Mix aus Dackel und Chihuahua, der überall dabei war. Viele hatten immer Hundekekse für ihn dabei. Obwohl Truman erst vor einigen Monaten hergezogen war, hatte er sich schnell einen guten Ruf erarbeitet. Seine Tattoos und wechselnden Frisuren hatten anfangs irritiert, doch mit seinem breiten Grinsen und seiner Hilfsbereitschaft hatte er schnell Freunde gefunden, wie Amanda. Sie erinnerte sich noch an drei Damen aus der Kirchengemeinde, die beim Kochwettbewerb mit Truman Auflauf-Rezepte diskutierten. Da wusste sie sofort: Der gehörte hierher, ganz gleich, wie bunt seine Haarspitzen waren. In diesem eher verschlafenen Ort war sein Äußeres ungewöhnlich, aber Truman brachte mehr ein, als nur den willkommenen frischen Wind.

„Das ist ja toll! Wann soll der Laden eröffnen?“

„Der Papierkram ist durch und die ersten Bücher sind unterwegs. Gram sagt, er will noch vor Weihnachten eröffnen. Also vielleicht sogar diese Woche! Die Regale hat er schon zusammengebaut.“

Amanda stellte ihre Tasse ab und seufzte.

„Ich kann kaum glauben, dass ich davon nichts mitbekommen habe. Ich war so mit dem Inn beschäftigt, dass ich kaum zum Plaudern gekommen bin. Bei keiner Gelegenheit.“

„Na ja, der Bauernmarkt hat jetzt Winterpause, also siehst du ohnehin schon viel weniger Händler. Und du hattest viel zu tun. Viele Gäste, oder?“

Amanda nickte zufrieden, und Meg fuhr fort: „Außer den Ferienhäusern bei der Konservenfabrik ist das Ravenwood Inn auch die einzige richtige Unterkunft hier im Ort. Wenn Touristen Geschichte und Stil wollen, sind sie bei dir hervorragend aufgehoben.“ Meg griff in eine Papiertüte neben sich und zog zwei dicke grüne Lamettastreifen heraus. „Du und Jennifer wart bestimmt so mit den Gästen beschäftigt, dass ihr kaum Zeit für euch hattet.“

„Wir renovieren ja auch noch. Aber nur die Zimmer, die nicht belegt sind“, warf Amanda ein.

„Okay. Keine Böden schleifen oder Wände streichen, wenn Gäste da sind. Verstanden, das ergibt Sinn. Aber du brauchst trotzdem mal eine Pause. Ich weiß, wie viel du für die Spendenaktion für die Tafel getan hast. Du machst nie einfach Pause. Jennifer übrigens auch nicht.“

„Jemand musste das doch organisieren“, sagte Amanda entschieden. „Ein Inn zu führen ist harte Arbeit, ja, aber mir macht das nichts aus.“

Und das stimmte, Amanda hätte keinen anderen Job gewollt. Sie liebte das historische Gästehaus, auch wenn sie immer noch mit den Renovierungen zu tun hatte. Sie dachte kurz daran, noch den Dachrinnenreiniger anrufen zu müssen, noch Räucherlachs zu besorgen, im Vorgarten das Laub aus den Beeten zu harken, einen neuen Wäscheservice zu finden und …

Meg unterbrach Amanda beim Durchgehen ihrer inneren Aufgabenliste. „Vergiss nicht, dass du auch mal Spaß haben musst. Roy ist doch über Weihnachten im Urlaub, vielleicht könnte Solomon dir helfen?“

Amanda schüttelte den Kopf. „Du weißt, wie schwer es ist, einen verlässlichen Handwerker zu finden. Roy kennt sich aus. Solomon ist eher gut für Kleinkram, habe ich gehört.“ Sie sah Solomon Culpepper mit seinem kleinen, runtergekommenen Pickup-Truck manchmal im Ort und hatte noch nie etwas Schlechtes über ihn gehört, aber sie arbeitete lieber mit Leuten zusammen, die sie kannte.

Meg wickelte das Lametta um ihre Hände, sie war bereit für die nächste Dekorations-Aktion. „Diese Woche läuft im Liberty Ist das Leben nicht schön. Also, Doppeldate mit James?“

„Und wen bringst du mit?“, fragte Amanda, obwohl sie die Antwort bereits kannte.

„Ach, du kennst mich“, grinste Meg. „Ich finde schon jemanden, notfalls unter einem Stein.“

Amanda unterdrückte ein Lächeln. „Wie läuft’s mit dem Online-Dating?“ Sie versuchte, nicht zu zynisch zu klingen, aber manchmal machte sie sich Sorgen um ihre quirlige Freundin auf ihrer ständigen Suche nach Mr. Right. Meg hatte eher Pech in der Liebe, das stimmte, aber Amanda war nicht sicher, dass das Internet der richtige Weg war, um dauerhaft glücklich zu werden.

Meg verzog das Gesicht. „Wie immer: viele Frösche, wenige Prinzen.“

„Pass auf, dass du keine Warzen bekommst.“ Amanda zwinkerte.

Meg lachte und warf Lametta auf sie.

„He, ich passe schon auf mich auf. Nicht jeder hat das Glück, einem attraktiven Detective in die Arme zu fallen. Manche müssen eben härter für diesen Zufall arbeiten.“

„Er ist mir nicht einfach so zugefallen. Und von Liebe kann auch noch keine Rede sein, wir daten erst seit Kurzem.“ Amanda wickelte das Lametta ordentlich auf. „Ich frage ihn mal, wie sein Zeitplan aussieht. Du weißt ja, wie oft sich da kurzfristig etwas ändert.“

Sie trank den letzten Schluck ihres Kaffees und zog den Regenmantel an. „Ich schaue mal bei Truman vorbei. Soll ich Benny deine Hundekekse mitbringen?“

Meg nickte, ging hinter den Tresen und zog ein kleines Papiertütchen hervor. „Ich hoffe, die kommen so gut an, dass wir die für Hundebesitzer in unser Angebot aufnehmen können. Oder einfach als Begrüßungssnack für Vierbeiner.“

Amanda staunte. „Du lässt Hunde ins Cuppa?“ Das war ihr neu.

Meg deutete auf das Fenster, an dem der Regen laut prasselte.

„Bei dem Wetter? Klar. Wir haben draußen keinen Unterstand. Und ich habe nichts gegen gut erzogene Hunde.“ Sie reichte Amanda das Tütchen. „Manchmal mag ich Hunde sogar lieber als Menschen. Vergiss deinen Schirm nicht.“

„Bestimmt nicht.“ Amanda blickte nach draußen. Der Regen ließ Ravenwood Cove hinter einem grauen Schleier verschwinden. Der Himmel war bleigrau und schien flach über der Stadt zu hängen. Seit ihrem Umzug aus Südkalifornien hatte sie nie so viel Regen gesehen, und dieser Winter war besonders nass. Mehrere Einwohner von Ravenwood Cove hatten ihr gesagt, dass der Winter dieses Jahr selbst für Oregon ungewöhnlich nass sei. Sie trat hinaus in den stürmischen Regen, spannte den Schirm auf und machte sich auf den Weg zu Trumans Fahrradladen.

Kapitel 2

Amandas Scheibenwischer kamen kaum gegen den Regenguss an. Es ist fast so, als würde der Regen schräg vom Himmel fallen, dachte sie zerknirscht, während sie die Bremslichter des Autos vor ihr im Blick behielt. Sie bereute es schon fast, dass sie angeboten hatte, das Holzschild, das Roy Greeley für Trumans neuen Buchladen gemacht hatte, abzuholen. Er hatte eigentlich darauf beharrt, den Dezember mit seiner Familie genießen zu wollen und etwas Urlaub zu nehmen, doch als Truman ihn angebettelt hatte, ihm ein neues Schild für den Buchladen herzustellen, war er eingeknickt und hatte zugesagt.

Zu schade, dass Roy nicht in Ravenwood wohnt, dachte Amanda, den Blick auf die Straße gerichtet. Es gab nur eine Spur in jede Richtung und bei diesem Wetter war die Strecke schwer befahrbar. Die einzige Straße in den kleinen Ort Likely war voller Schlaglöcher und enger Kurven, und in der nachmittäglichen Dämmerung kam dank des Regens kaum Licht von ihren Scheinwerfern auf dem rissigen Asphalt an. Nicht einmal die fröhliche Weihnachtsmusik im Radio machte die Fahrt angenehmer.

Es war wirklich schön gewesen, Truman wiederzusehen und mehr über seine großen Pläne für den neuen Buchladen zu erfahren. Wie immer waren seine Begeisterung und verrückten Ideen ansteckend. Er zeigte ihr vorfreudig, wo die gebrauchten Sessel hin sollten, auf denen sich wählerische Leserinnen und Leser setzen konnten und ein Buch oder auch zwei durchblättern konnten, bevor sie sich entschieden, und wo zwei dick gepolsterte Sessel stehen würden. Benny blieb die ganze Zeit an der Seite seines Besitzers, offensichtlich zufrieden mit dem Geruch von Holz und Sägemehl im Labyrinth aus Bücherregalen. Eine breite Tür verband Trumans Fahrrad- und Drachensportgeschäft mit dem neuen Laden, die, wie er erklärte, offen stehen würde, wenn er beide Geschäfte gleichzeitig aufmachte, und die geschlossen sein würde, wenn er nur eins von beiden öffnete. Als er erwähnte, möglicherweise jemanden einzustellen, behielt Amanda das im Hinterkopf und machte sich schon erste Gedanken über potentielle Angestellte. Der Winter war für einige Bewohner von Ravenwood Cove eine finanzielle Herausforderung, weil dann die Holzwirtschaft zum Erliegen kam und die Touristen weniger wurden. Mrs. Granger hatte erwähnt, dass manche Familien nur gerade so durchkamen, und eine neue Anstellung könnte für viele Leute ein Segen sein. Vielleicht würde sie die eine oder andere Person vorschlagen können.

Roy Greeleys Haus lag nur wenige Meilen außerhalb des Ortes, nur eine Straße trennte ihn vom Sandford Lake. Sie war einige Male hier gewesen, wenn ihr Bauunternehmer besondere Teile für das Ravenwood Inn hergestellt hatte, aber als sie ihn das letzte Mal aufgesucht hatte, um eine neue Hollywoodschaukel abzuholen, wäre es fast zu einem Desaster gekommen. Roy war gerade dabei gewesen, die Schaukel in Amandas SUV zu laden, als sie eine Polizeisirene aufheulen hörten. Die Polizei war gerade auf der Jagd nach einem bewaffneten Tatverdächtigen, deshalb hatten sich die beiden schnell in Roys Keller versteckt. Dort waren sie sicher gewesen, hatten abgewartet und durch das kleine Kellerfenster zugesehen, aber Amanda hatte die Straße nach Likely seitdem vermieden. Zu viele verstörende Erinnerungen.

Sie war keine fünfhundert Meter von Roys Haus entfernt, als sie etwas höchst Eigenartiges sah. Ihr Blick war auf die Straße gerichtet, wo sie vorsichtig die Schlaglöcher umfuhr und dem Auto vor ihr folgte, als ihr plötzlich eine Bewegung auf dem steilen Berg rechts der Straße ins Auge fiel.

Es war surreal. Die Bäume auf dem Berg wanderten den Abhang hinunter und auf ihr Auto zu.

Wanderten.

Sie konnte sehen, wie sie sich bewegten, wie die fast kahlen Äste winkten, etwas wankten und sich weiter der Straße vor ihr näherten.

Nur wanderten sie nicht wirklich. Sie rutschten.

Der gesamte Hang rutschte, immer schneller, je mehr der durchweichte Untergrund nachgab. Unmengen von Regenwasser hatten den Boden so weit abgeschwemmt, dass Felsbrocken und Bäume mit der unerlässlich näherkommenden Masse mitgeschoben wurden.

Amanda drückte mit hämmerndem Herzen verzweifelt die Hupe, um den Fahrer vor ihr zu warnen. Der Erdrutsch bewegte sich den Abhang herunter und nahm plötzlich noch mehr Tempo auf. Das vor ihr fahrende Auto musste den Erdrutsch endlich bemerkt haben, doch das Aufflammen der Bremsleuchten der Limousine kam zu spät. Die aufgewühlte Erde traf die Seite des Autos und schob es von der Straße. Mit furchterregender Gewalt wurde das Auto über die Böschung geschoben. Die Bremsleuchten glühten in der Dämmerung, während der Fahrer verzweifelt zu verhindern versuchte, dass das Auto den Abhang hinunterstürzte.

Amanda keuchte und knallte den Rückwärtsgang rein. Sie trat mit aller Kraft auf das Gaspedal, dankbar, dass niemand hinter ihr war, als sie nach hinten schoss, um nicht von den Tonnen von Erde, die den Abhang herunterkamen, verschüttet zu werden. Als sie weit genug weg war, um auf die Bremse zu treten und das Auto anzuhalten, war der Erdrutsch größtenteils zum Stillstand gekommen. Kleinere Steine polterten noch den Hang herunter, aber die Massen an Erde und Matsch hatten sich gelegt und eine lastende Stille war eingetreten. Beim Anblick des tödlichen, riesigen Bergs aus Erde und Geröll bekam Amanda vor Entsetzen kaum Luft.

Sie riss die Fahrertür auf und rannte so schnell sie konnte zu der Stelle, wo sie die Limousine zuletzt gesehen hatte. Im Laufen wischte sie sich den auf sie niederprasselnden Regen aus dem Gesicht und sah dann die Beifahrerseite des Autos, der Rest davon war komplett im Matsch begraben. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, hangelte sich vorsichtig die Schräge zum Auto hinunter und hielt sich dabei an kleinen Sträuchern und hohem Gras fest, um nicht den Hang hinunterzufallen. Gleichzeitig nach Bewegung oder herabfallenden Steinen Ausschau haltend, schaute sie durch das Beifahrerfenster, doch der prasselnde Regen und das schwindende Tageslicht machten es ihr nicht leicht, etwas Genaues zu erkennen.

Der Fahrer hatte das Gesicht von ihr abgewendet und stöhnte laut vor Schmerzen. Sie konnte sehen, dass ein Teil des Dachs neben dem Kopf des Mannes eingedrückt war. Angst durchfuhr sie, als ihr klar wurde, dass ihnen vermutlich nur Sekunden blieben, bis der Erdrutsch sich weiterbewegen und das ganze Auto begraben würde.

Verzweifelt riss sie am Türgriff und versuchte fieberhaft, die Tür aufzuzerren und gleichzeitig nicht im schlickigen Gras auszurutschen.

„Hey! Schlagen Sie die Scheibe ein! Können Sie die Tür von innen aufmachen?“, schrie sie hektisch und renkte sich fast das Handgelenk aus, so sehr zerrte sie an der Tür.

Der Fahrer musste ihr Schreien gehört haben, denn er ließ den Kopf in ihre Richtung fallen. Amanda keuchte. Das war James‘ Bruder Ethan Landon. Er blinzelte, als hätte er Schwierigkeiten, seine Umgebung deutlich zu erkennen, und von einer Wunde an seinem Kopf rann ihm hellrotes Blut das Gesicht hinunter.

„Ethan! Machen Sie die Tür auf!“

Er blinzelte, fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, als wollte er sich das Blut aus dem rechten Auge wischen. Amanda sah, dass er vom Aufprall noch benommen war.

„Ethan! Entriegeln Sie die Tür!“, befahl sie. Ihre Worte schienen zu ihm durchzudringen, denn er schnallte sich ab. Amanda konnte das Metall des Autos ächzen hören, wie das Gewicht der aufgeweichten Erde und die Steine es weiter zusammenpressten. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Wenn sie ihn nicht herausbekam, würde Ethan zu Tode gequetscht werden. Und auch sie selbst war in Gefahr. Der Berg aus Matsch würde den Hang weiter hinunterrutschen und sie beide mit sich reißen. Kurz fragte sie sich, wie es wohl wäre, von einem Erdrutsch verschlungen und zerquetscht zu werden.

„Ethan! Bewegung jetzt!“, schrie sie wie ein Feldwebel und ruckelte immer noch vergeblich an der Tür. Panisch schaute sie sich nach einem Stein um, mit dem sie die Scheibe einschlagen konnte. Doch da krachte es mit einem Mal. Durch den extremen Druck auf das Dach bogen sich die Fenster auf der Beifahrerseite und zerbarsten wie eine explodierende Bombe. Funkelnde Splitter Sicherheitsglas flogen in alle Richtungen. Der Knall schien Ethan anzuspornen, denn er hievte sich zum Fenster, steckte Kopf und Schultern raus, lehnte sich vor und versuchte sich mit den Armen rauszuschieben. Amanda griff ihn unter den Achseln und hoffte verzweifelt, dass sie den groß gewachsenen Mann rechtzeitig befreien konnte. Ethan drückte sich mit den Füßen ab und rutschte endlich ganz durch das Fenster. Amanda hielt ihn noch fest, als er auf dem Boden aufkam.

„Hier lang!“, rief sie und schob ihn zur Straße. Der benommene Mann kraxelte neben ihr her, wobei sie versuchte, ihn von der matschigen Erde wegzuziehen und die durchweichte Böschung hoch zu lotsen, immer wieder in der Eile ausrutschend. Sie konnten das Metall ächzen hören, während Ethans Auto langsam weitergeschoben und vom Erdrutsch verschlungen wurde. Die Erde bewegte sich unaufhörlich durch die von oben drückenden Tonnen an Geröll weiter bergab. Mit einem letzten großen Satz zogen Amanda und Ethan sich über die Kante noch auf die Straße, wo sie dankbar für den festen Boden unter den Füßen war.

Der Aufstieg war anstrengend gewesen und Amanda schnappte nach Luft, als sie sich aufrichtete. Sie sah, dass Ethans Kopfwunde noch immer heftig blutete, das scharlachrote Blut wurde vom Regen seinen Körper hinunter gespült. Sie hielt ihn am Oberarm fest und zog ihn zu ihrem Auto. Die Scheinwerfer waren noch an, das Radio spielte noch fröhliche Weihnachtsmusik und die Fahrertür stand noch offen, so wie sie das Auto verlassen hatte, als sie zu der Limousine gerannt war. Sie machte die Beifahrertür auf und half Ethan vorsichtig hinein. Dann wühlte sie hinter seinem Sitz und zog ein sauberes Sweatshirt von der Rückbank, das sie gegen seine Kopfwunde drückte. Als sie sicher war, dass er den behelfsmäßigen Verband selbst gegen die Wunde drücken konnte, machte sie die Tür zu und rannte zur Fahrerseite rüber und ließ sich auf den nassen Sitz fallen. Sie wühlte in ihrer Tasche herum, und mit rasendem Herzen zog sie ihr Handy raus, dann machte sie das Radio aus.

„Wen rufen Sie an?“ Ethan saß zurückgelehnt da und sah sie mit einem Auge an, das andere war vom blutdurchtränkten Stoff, den er gegen seinen Kopf presste, verdeckt.

„Den Notruf. Den wähle ich irgendwie ständig. Bald duzen wir uns. Man sollte meinen, die kennen meine Stimme inzwischen“, plapperte sie weiter und hoffte, dass sie hier Empfang hatte.

Zwei Striche. Das sollte reichen.

Als sie die erste Zahl tippte, sah sie durch die beschlagene Windschutzscheibe. Die Scheinwerfer beleuchteten etwas vor dem Erdrutsch.

Es war gestreift. Eindeutig kein Felsbrocken oder ein Baum. Sie kniff die Augen zusammen und lehnte sich vor, wischte mit der Hand über die Scheibe, um zu erkennen, was dort lag.

Das war unmöglich.

Ihre Augen mussten sie täuschen.

Sie hörte ihren Puls in den Ohren wummern.

„Warten Sie hier.“

Amanda stieg aus dem Auto – und ohne den kalten Regen zu bemerken, der auf sie niederprasselte, ging sie langsam die Straße runter auf einen weißen Gegenstand zu.

Es war nicht nur einer, es waren zwei.

Zwei Füße, einer, der noch einen dunklen Turnschuh anhatte, und der andere, der nur in einer gelb-grün gestreiften Socke steckte.

Jemand lag auf dem Rücken auf dem Asphalt, so weit unter Geröll und Erde begraben, dass nur die Füße aus dem Berg herausragten.

Amanda holte tief Luft und kniete sich gerade dicht genug davor, dass sie einen Fuß berühren konnte. Ihre Hände zitterten vor Adrenalin und Erschöpfung. Den Würgereiz unterdrückend, zog sie eine Socke etwas herunter. Sie hatte kaum an der Socke gezogen, da wurde ihr sofort klar, dass sie nach dem Puls nicht zu tasten brauchte. Die dunklen Linien eines Vogel-Tattoos über dem Knöchel waren fleckig und verschmiert, ein ganz klares Anzeichen von Verwesung.

Wer immer dieser Mensch war, er war schon lange nicht mehr am Leben. Niemand Lebendiges sah so aus.

Obwohl sie nur die Socke berührt hatte, wischte sie die Fingerspitzen an ihrer klatschnassen Jeans ab und versuchte, ein Schaudern zu unterdrücken. Leicht wankend eilte sie zum Auto zurück und blinzelte gegen das grelle Licht der Scheinwerfer an. Der Leiche unter dem Erdrutsch war nicht mehr zu helfen, aber Ethan brauchte einen Krankenwagen, und zwar schnell. Froh, im Trockenen zu sitzen, zog sie ihr Handy raus.

„Notrufzentrale. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Eine Leiche, die keinen Krankenwagen mehr braucht, und ein verletzter Mann, der dringend einen braucht. Beeilen Sie sich bitte!“