Kapitel eins
„Liebling, Jocelyn wäre die perfekte Anstandsdame für unsere Mädchen! Ihre Gefälligkeit kommt zu einem höchst günstigen Zeitpunkt, meinst du nicht?“
Ihre Gefälligkeit? Miss Jocelyn Evans verschluckte sich beinahe an ihrer heißen Schokolade. Langsam senkte sie die Tasse und stellte sie auf dem Tisch ab. „Dürfte ich wohl erfahren, was Sie mir für meine Gefälligkeit zu zahlen beabsichtigen, Mutter?“
Lord Timothy Evans, Viscount Chesterfield, senkte die Zeitung, in die er bis eben vertieft gewesen war, um seinen überraschten Blick zwischen seiner Ehefrau und Jocelyn hin und her wandern zu lassen. Mit Sicherheit sah er die Anspannung, die sich zwischen ihnen ausbreitete, und wusste aus Erfahrung, dass ein ausgewachsener Streit folgen würde. Er beschwerte sich recht häufig darüber, dass er immer der Schiedsrichter in ihren Streitigkeiten zu sein hatte. Zwischen den Seiten zu vermitteln, gefiel ihm gar nicht.
Nur dass du dich nie auf meine Seite stellst, flüsterte Jocelyn innerlich und wappnete ihr Herz gegen die unvermeidbare Enttäuschung, die ihr bevorstand.
„Anstandsdame?“, fragte ihr Vater dann und ein unschlüssiger Ausdruck trat in seine Augen. „Gefälligkeiten? Wovon sprecht ihr, Jo?“
Jocelyn hob das Kinn, ungeachtet der Tatsache, dass er dies als Akt des Trotzes ansehen würde. „Stiefmutter wünscht, mich für die Saison einzustellen, Papa.“
„Was für ein Unsinn“, fuhr die Viscountess dazwischen und warf Jocelyn einen bösen Blick zu. Wohl um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen, warf sie ihre Serviette auf den Tisch. „Ich hege keinerlei Absicht, dich dafür zu bezahlen, die Anstandsdame deiner Schwester zu sein, junge Dame. Es gehört sich nicht, derart geschmacklos zu scherzen.“
„Ich habe nicht gescherzt.“
Ihre Stiefmutter presste die Lippen zusammen, ehe sie sagte: „Du solltest dankbar sein, denn als Anstandsdame deiner Schwester hast du zumindest die Gelegenheit, in dieser Saison auf Bälle zu gehen und dich zu amüsieren.“
Jocelyn ignorierte sie und schaute stattdessen ihren Vater an. Auf seinem Gesicht war mittlerweile das gesamte Ausmaß seines Missfallens zu erkennen. Er sah ein paarmal zwischen seiner Frau und Jocelyn hin und her, ehe er schwer seufzte. Jocelyn wartete schweigend, ob er dieses Mal sie und nicht seine Liebste unterstützen würde, welche er vor achtzehn Jahren geheiratet hatte.
Vielleicht läuft es heute anders ab. Auch wenn Jocelyn sich häufig in Erinnerung rief, dass sie sich diesbezüglich nicht allzu viel Hoffnung machen sollte, erblühte diese in ihrem Inneren wie eine Blume, die sich nach der Sonne sehnte.
„Du willst, dass Jocelyn in dieser Saison ihre Schwester als Anstandsdame begleitet?“, fragte ihr Vater. „Habe ich die Situation richtig verstanden?“
„In der Tat“, sagte die Viscountess fröhlich und tupfte sich die Mundwinkel mit der Serviette ab.
Ihr Vater seufzte erneut. „Jocelyn kann nicht Myrtles Anstandsdame sein, Liebling. Es ist haarsträubend, das überhaupt vorzuschlagen …“
„Warum das?“, fuhr ihre Stiefmutter in recht dramatischem Tonfall dazwischen und legte sich eine Hand auf die Brust, die sich hektisch hob und senkte. „Es ist absolut statthaft, da sie die Schwester der beiden ist.“
„Der beiden?“ Die Zeitung, die ihr Vater offenbar völlig vergessen hatte, segelte zu Boden und ein Bediensteter eilte herbei, um sie aufzuheben, ehe er sich wieder diskret in die Ecke stellte. Ihr Vater starrte erst seine Ehefrau, dann Jocelyn und schließlich seine anderen beiden Töchter an. „Schlägst du etwa vor, dass sowohl Myrtle als auch Cassandra in dieser Saison bereits Bälle besuchen?“
Als seine Ehefrau lächelte, sog Jocelyns Vater scharf die Luft ein. Er war schon immer hingerissen von der Schönheit der Viscountess gewesen, welche in all den Jahren seit ihrer Hochzeit nicht im Geringsten verblasst war. Sie war noch immer gertenschlank, nicht eine Strähne ihres blonden Haars war ergraut, und nur ein paar feine Linien um ihren Mund und ihre Augenwinkel ließen überhaupt darauf schließen, dass sie alterte. Mit einundvierzig besaß die Viscountess noch immer den Ruf, eine der schönsten Frauen der Gesellschaft zu sein.
„Aber natürlich. Es kann überaus deprimierend für ein Mädchen sein, ihren älteren Schwestern dabei zuzusehen, wie sie sich amüsieren. Cassie ist seit einiger Zeit so niedergeschlagen, dass ich sie aufheitern will.“
„Cassandra ist erst siebzehn und hat noch nicht debütiert“, entgegnete ihr Vater mit fester Stimme. „Das wäre absolut inakzeptabel. Jocelyn und Myrtle dürfen gern an Veranstaltungen teilnehmen, jedoch …“
„Jocelyn ist dreiundzwanzig, Mylord“, unterbrach die Viscountess ihren Ehemann erneut mit fröhlicher Stimme, auch wenn ein gereizter und sturer Ausdruck in ihre Augen trat. „Sie wird an dieser Saison nicht als … Anwärterin auf einen heiratswürdigen Mann, sondern als Zuschauerin teilnehmen.“
„Wieso das denn?“
„Es ist eindeutig, dass sie keinen Mann mehr für sich gewinnen wird. Ihre Jugend verblasst rasant und einige bezeichnen sie sogar als Mauerblümchen. Es ist höchst taktlos von mir, das zu wiederholen, aber du verschließt die Augen vor der Wahrheit, mein Liebster.“
Jocelyn stach mit der Gabel in ein Stück Schinken, schob es sich in den Mund und kaute langsam, als würde es sie überhaupt nicht interessieren, worüber ihre Stiefmutter und ihr Vater sprachen. Ihre Stiefschwester Myrtle und ihre Halbschwester Cassandra erwarteten seine Antwort mit leuchtenden Augen und angehaltenem Atem. Jocelyn hingegen hatte einen Knoten im Magen und ihr Herz schmerzte, während sie stumm betete, dass ihr Vater sich auf ihre Seite schlagen würde.
Bitte, Papa, wähle nur dieses eine Mal mich.
Vor langer Zeit einmal hatte Jocelyn versucht, sich davon zu überzeugen, dass es völlig natürlich für einen Mann war, seine Ehefrau seiner Tochter vorzuziehen. Zwischen Ehepartnern bestand ein Band, das alle anderen Beziehungen und Verbindungen übertraf. Diese selbstgefälligen Worte stammten von der Viscountess. Das hatte sie gesagt, nachdem sie einen Schal von Jocelyn genommen und dann Myrtle gegeben hatte, obwohl Jocelyn ihn von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Das hatte einen großen Streit ausgelöst, der Jocelyn lediglich ermattet hatte, denn ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie nicht selbstsüchtig sein und den Schal ihrer Stiefschwester schenken sollte.
„Ich habe ihn von dir zum Geburtstag bekommen, Papa. Wie kannst du verlangen, dass ich ihn weiterverschenke?“
„Das ist schon ein paar Wochen her und du hast ihn noch nicht getragen.“
„Aber obliegt es nicht mir, zu entscheiden, zu welchem Anlass ich ihn tragen möchte?“
„Sei doch nicht so selbstsüchtig, Jo, deine Schwester braucht ihn jetzt.“
Über die Jahre hatten seine Worte und Entscheidungen sie so tief verletzt, dass sie sich kaum noch daran erinnern konnte, wie man etwas fühlte. Daher war sie fast schon schockiert über dieses schmerzhafte Ziehen ihres Herzens.
„Das kann ich nicht hinnehmen“, sagte ihr Vater dann mit einem Hauch Verzweiflung.
Überrascht sah Jocelyn zu ihm auf.
„Haben wir Jo nicht mit neuen Kleidern ausgestattet“, fuhr ihr Vater fort, „genauso wie Myrtle?“ Wie erstaunt er klang.
Die Viscountess lachte unbekümmert und winkte ab. „Es gibt keine neuen Kleider für sie. Jocelyn hat es für das Beste gehalten …“
„Ich wollte neue Kleider, Papa, weil ich schon seit zwei Jahren keine mehr bekommen habe.“ Jocelyn hob das Kinn. „Dennoch hat Mutter behauptet, dass niemand daran interessiert sei, mir den Hof zu machen, und ich deine Zuwendung seit vier Jahren verschwende. Daher bräuchte ich keine neuen Kleider.“
Ihre Stiefmutter sog scharf die Luft ein und Myrtle und Cassandra starrten Jocelyn an, als wäre ihr ein Paar Hörner gewachsen. Zweifellos fragten sie sich, wie sie es wagen konnte, ihre Stiefmutter zu unterbrechen – und ihr sogar zu widersprechen.
Jocelyn ignorierte den bösen Blick ihrer Stiefmutter und lächelte ihren Vater an. „Mutter hat mir außerdem erklärt, dass wir uns einschränken müssen, Papa. Wenn unsere finanzielle Lage tatsächlich derart prekär ist, halte ich die Kosten für neue Kleider für einen unverantwortlichen Wunsch meinerseits.“
Ihr Vater hatte ihr und ihren Schwestern gegenüber keinerlei Schwierigkeiten erwähnt, und Jocelyn fragte sich, ob das Argument finanzieller Sorge lediglich der Versuch einer Manipulation durch ihre Stiefmutter gewesen war. Jocelyn sah ihn an und wartete geduldig auf seine Antwort.
Zum dritten Mal seufzte er schwer, dann schenkte er ihr ein warmes Lächeln, das die Krähenfüßchen an seinen Augenwinkeln zum Vorschein brachte. „Ich kann mich immer darauf verlassen, dass du vernünftig bist, Jo. Wir müssen uns tatsächlich etwas einschränken, da einige meiner Investitionen nicht den erwarteten Gewinn eingebracht haben.“
„Ich verstehe“, sagte sie dann mit einem Kloß im Hals.
Sie legte die Gabel ab, verbarg die Hände unter der Tischplatte auf ihrem Schoß und ballte sie zu Fäusten. Sie hatte wirklich geglaubt, ihre Stiefmutter hätte die Wahrheit verdreht, als sie ihr von ernsthaften finanziellen Sorgen erzählt hatte. Es wäre unumgänglich, dass all seine Kinder nennenswerte Partien machten, um die Türen zu öffnen, die ihren Vater aus dieser Misere hinausführen würden.
„Nun“, sagte die Viscountess mit einem entschlossenen Lächeln auf den Lippen. „Ich habe meine Cousine zurück nach Berkshire geschickt, Liebling, weil ich glaube, dass Jocelyn in dieser Saison eine hervorragende Anstandsdame für Myrtle und Cassie wäre.“
„Mylady“, setzte ihr Vater in warnendem Tonfall an.
„Wir müssen uns einschränken“, sagte sie sanft und in ihren Augen glitzerten bereits die Tränen. „Es ist furchtbar für mich und ich sorge mich jeden Tag, dass meine Freundinnen es herausfinden. Ich kann kaum ertragen, darüber nachzudenken. Und tue ich es doch, dann überwältigt es mich schrecklich. Willst du, dass ich weiter so leide?“
„Aber natürlich nicht, Liebste“, beruhigte ihr Vater seine Frau umgehend. „Ich verstehe.“
Die Viscountess atmete zittrig ein und Jocelyn fand diese Vorstellung beinahe bühnenreif.
„Wenn Myrtle eine hervorragende Partie macht, wird das viele unserer Probleme lösen. Es gibt keine Hoffnung mehr für Jocelyn, Liebster, nicht nach vier verlorenen Saisons. Das musst du doch einsehen.“
Diese Worte hatten unglücklicherweise noch immer die Macht, Jocelyn ins Herz zu treffen. Dennoch hielt sie ihren Gesichtsausdruck neutral und war fest entschlossen, sich weder ihre Scham noch dieses schreckliche Verlustgefühl anmerken zu lassen, welches sie schon seit Monaten plagte. Es war schwer, ihre Träume und Hoffnungen hinter sich zu lassen und die Tatsache zu akzeptieren, dass sie wahrscheinlich den Rest ihres Lebens unter dem Dach ihres Vaters verbringen musste – während sie innerlich einen langsamen Tod starb, weil die Dornen der Missbilligung der Viscountess sich immer tiefer in ihr Fleisch gruben.
Der Gesichtsausdruck ihres Vaters wurde unergründlich, während er seine Ehefrau anstarrte und gelegentlich zu Jocelyn herüberschaute. Jocelyn hatte diese Mimik schon Tausende Male in ihrem Leben gesehen, wann immer er damit haderte, zwischen seiner Ehefrau und seiner Tochter zu wählen. Jocelyns liebste Freundinnen am Berkeley Square 48 hatten oft gescherzt, dass Jocelyns Leben sie an jenes von Aschenputtel erinnerte, die ein mitleiderregendes Dasein im Schatten ihrer grausamen Stiefmutter und Stiefschwestern zu fristen gehabt hatte.
„Liebling, erlaube doch Jocelyn, ihrer Familie zu helfen, nachdem sie uns über die Jahre so viel Geld gekostet hat. Wer könnte unsere Mädchen besser beaufsichtigen, während sie die Saison erleben? Niemand, möchte ich behaupten.“
„Ich verstehe“, sagte ihr Vater leise und in seinem Blick lag tiefer Kummer, als er Jocelyn anschaute. „Wir bitten dich inständig, Jo, in dieser Saison die Anstandsdame deiner Schwestern zu sein.“
Myrtle und Cassie kreischten erfreut, während die Viscountess strahlte. Eine verworrene Mischung an Gefühlen, die Jocelyn nicht zu deuten wusste, trübte den Blick ihres Vaters.
„Wenn das dein Wunsch ist, Papa, dann werde ich meine Schwestern sorgsam beaufsichtigen.“
Das zustimmende Nicken ihres Vaters schnürte Jocelyn den Hals zu. Sie lächelte und entschuldigte sich, spürte aber noch seinen Blick auf ihrem Rücken, während sie sich zurückzog.
Jocelyn warf sich ihren abgetragenen Mantel über, setzte ihre Haube auf und nahm ihren besonderen Schirm. Als Mitglied des geheimen Damenklubs am Berkeley Square 48 hatte sie die Kunst der Selbstverteidigung lernen dürfen und besaß nun einen einzig für sie angefertigten Schirm, in dessen Griff eine Klinge verborgen war.
Jocelyn bat nicht darum, dass man für sie die Kutsche vorfuhr. Ihre Stiefmutter hatte festgelegt, dass Jocelyn sie um Erlaubnis bitten musste, ehe sie Anweisungen an die Bediensteten richtete, da sie nicht die Herrin des Hauses war. Man hatte ihren Bitten, die Kutsche zu nutzen, noch nie zugestimmt, es sei denn, Myrtle wollte ebenfalls ausfahren. Also war Jocelyn mittlerweile daran gewöhnt, zu Fuß zu gehen, wann immer sie den Klub besuchen wollte.
Sie brauchte fast dreißig Minuten, bis sie den Berkeley Square 48 erreichte, doch tatsächlich genoss sie die tägliche Bewegung. Während ihre Freundinnen sich geschickte Ausreden einfallen lassen mussten, um den geheimen Damenklub zu besuchen, musste Jocelyn schlicht ihr Elternhaus verlassen. Wenn sie nicht gebraucht wurde, um die Arbeit eines Bediensteten zu verrichten – mit der absurden Begründung, sie könne es ja besser –, bemerkte kaum jemand ihre Abwesenheit. Sollte sie wider Erwarten doch einmal vermisst werden, sagte Jocelyn einfach, dass sie auf einem langen Spaziergang gewesen sei, und niemand fragte näher nach. Sie war nicht sicher, ob sie verwirrt oder amüsiert darüber sein sollte, dass niemand ernsthaft annahm, sie könnte irgendetwas Unanständiges tun, wie sich mit einem Wüstling zu treffen. Allerdings war das wohl weniger das Vertrauen in ihren Charakter als vielmehr der feste Glaube daran, dass sie nicht der geringsten Aufmerksamkeit würdig war.
Jocelyn schnaubte wenig damenhaft und öffnete ihren Schirm, um sich vor der Sonne zu schützen. Wenn ihre Freundinnen sie als Aschenputtel bezeichneten, meinten sie es nicht böse, sondern wollten ihr wohl einen Hoffnungsschimmer damit geben. Immerhin triumphierte die unterdrückte junge Frau, der man den Beinamen Aschenputtel gegeben hatte, in jeder Version des Märchens über die Geringschätzung und die Misshandlung ihrer Peiniger. Nur glaubte Jocelyn nicht, dass sie selbst ebenfalls triumphieren würde.
Sie brauchte einen realistischen Plan, der sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten bewegte, um ihre derzeitige Situation zu ändern. Unzählige Nächte hatte sie schon wach gelegen, an ihre Zimmerdecke gestarrt und verzweifelt nach einer Lösung für ihre Misere gesucht. So oft hatte sie sich im komplizierten Tanz der Saison verloren gefühlt, während Debütantinnen und Erben umeinander herumgeschlichen waren, unablässig auf der Suche nach möglichst vorteilhaften Partien.
Im ton glitzerte so mancher Diamant, doch Jocelyn selbst war eher ein Schatten als wirklich ein Teil des strahlenden Lichts, das andere umgab. Zwischen unzähligen jungen Damen, von denen eine heller strahlte und hübscher war als die andere, war Jocelyn nur ein Mauerblümchen, das im Hintergrund verschwand. Nicht, dass es ihr an Schönheit oder Charme mangelte: Von Letzterem besaß sie einiges, wenn er auch ruhiger und weniger auffällig war. Aber in einer Welt, die Wohlstand und Verbindungen über alles andere stellte, verblasste Jocelyn mit ihrer nicht vorhandenen Mitgift neben Myrtles umwerfender Schönheit und ihrer Angewohnheit, schamlos mit jedem zu tändeln, der auch nur in Jocelyns Richtung blickte.
Was blieb ihr denn, womit sie ihr Ansehen in den Augen der heiratswürdigsten Junggesellen des ton steigern könnte? Ihr Witz und ihre Intelligenz waren Tugenden, die in den großen Ballsälen und pompösen Salons von Londons Oberschicht vollkommen vernachlässigt wurden. Jene in ihren goldenen Käfigen waren selten an Unterhaltungen interessiert, die mehr taten, als an der Oberfläche zu kratzen. Niemand schien geneigt, hinter Jocelyns sorgsam gehegte Fassade zu schauen und die Tiefe ihres Charakters dahinter zu ergründen.
Dieser Umstand war die Quelle all ihrer Frustration und, in der Einsamkeit ihres Schlafzimmers, bitterer Tränen. Jede Nacht weinte Jocelyn ihren Hoffnungen und Träumen nach, die immer weiter in die Ferne zu rücken schienen, und betrauerte, dass sie keine Pläne für die Zukunft mehr hatte. Dennoch erhob sie sich jeden Morgen mit einer Entschlossenheit aus dem Bett, die fast schon an Trotz grenzte. Sie lächelte fröhlich, hob das Kinn und hüllte sich in eine Rüstung unerschütterlicher Gefasstheit.
Jocelyn hoffte, ihrer Stiefmutter, ihrer Stiefschwester und ihrer Schwester ein Bild eiserner Unnachgiebigkeit zu präsentieren. Denn sie weigerte sich, ihnen die Genugtuung zu geben, zu sehen, dass ihr Geist gebrochen war. Die drei würden mit ihrer Oberflächlichkeit und den erbärmlichen Eifersüchteleien niemals die Tiefe von Jocelyns Sehnsucht verstehen – der Sehnsucht, ihren Platz in einer Welt zu finden, die wenig für eigenständig denkende Frauen übrig hatte.
Sie kam am Berkeley Square 48 an und lächelte, als ihr Blick auf die robuste Eichentür fiel, hinter der für Jocelyn und so viele andere Frauen, die im Wohlwollen und der Akzeptanz der Gesellschaft wankten, ein sicherer Zufluchtsort lag. Jocelyn schloss ihren Schirm und huschte die Treppe hinauf. Die Tür schwang auf, noch ehe sie klopfen konnte, und Gibbs, der Butler des Hauses, begrüßte sie mit einem warmen Lächeln.
„Gibbs“, rief sie freudig aus, dann gluckste sie. „Sie haben den Duft aufgelegt, den ich für Sie angefertigt habe … und wirken recht adrett heute.“ Sie blinzelte, als der betagte Butler leicht errötete, während er zur Seite trat, um sie einzulassen und ihren Mantel entgegenzunehmen. Sie löste die Bänder ihrer Haube und beobachtete ihn amüsiert. „Darf ich den Namen der Glücklichen erfahren?“
Er warf ihr einen tadelnden Blick zu, dann jedoch verzog sich sein gut aussehendes Gesicht zu einem faltigen Lächeln. „Die Witwe Johnson.“
„Die Witwe des Metzgers?“
Überraschung blitzte in seinen Augen auf. „Sie erinnern sich?“
Jocelyn hob eine Braue. „Dass Sie mich gebeten haben, einen Duft zu mischen und ihr ein Duftbeutelchen anzufertigen … lassen Sie mich nachdenken … für ihren Geburtstag im letzten Jahr?“
Er räusperte sich. „Wir haben … etwas Zeit miteinander verbracht.“
Sie grinste, als die Röte seiner Wangen etwas dunkler wurde. Ihr loyaler und zuverlässiger Butler ging bereits auf die siebzig zu. Die furchtlose Anführerin des Damenklubs, Theodosia, Duchess of Hartford, hatte schon mehr als einmal versucht, ihn dazu zu bewegen, sich endlich zur Ruhe zu setzen, doch er weigerte sich strikt. Auch die Mitglieder des Klubs hatten ihrer Anführerin widersprochen, denn sie liebten Gibbs, der ohne den Klub ganz allein wäre, weil er seine Frau vor über zwanzig Jahren verloren hatte.
„Die Röte auf Ihren Wangen lässt mich vermuten, dass Sie mehr zusammen unternommen haben als einen Spaziergang im Park“, raunte Jocelyn ihm verschwörerisch zu.
Gibbs gab einen erstickten Laut von sich, doch seine Augen funkelten erfreut. „Unerhört!“
„Aber natürlich bin ich das. Ich hoffe, sie macht einen ehrbaren Mann aus Ihnen.“ Sie lachte laut, und während sie den Flur hinabging, ebbte auch das Ziehen ihres Herzens ab.
Sobald sie die Türschwelle des Berkeley Square 48 überquerte, verspürte Jocelyn ein Gefühl der Zugehörigkeit sowie eine ungemeine Freude, sich mit ihren Freundinnen zu treffen, die wie Schwestern für sie waren. Sie betrat den großen Salon mit der Wetttafel darin, in dem schon einige Damen kichernd auf ebenjener Tafel herumkritzelten. Angelockt von dem fröhlichen Geräusch schlenderte Jocelyn zu ihnen hinüber und warf einen Blick auf das Geschriebene.
Wer wagt es, auf Lady Gladstones Maskenball zu gehen?
Jocelyn spitzte die Lippen, während sie über die Herausforderung nachdachte. „Was ist so skandalös daran, auf einen Maskenball zu gehen? Ich meine, dass das recht üblich ist für Damen mit unserem rebellischen Wesen.“
Einige ihrer Freundinnen lachten und Lady Meredith kam zu Jocelyn herüber. In ihren grünen Augen glitzerte der Schalk, als sie Jocelyn sanft gegen die Schulter stieß. „Es ist das, was um Mitternacht passiert, was diese Maskenbälle für Ladys von Stand so verboten wie verlockend macht.“
Das weckte Jocelyns Neugier. „Was passiert denn um Mitternacht?“
„Du musst die Maske abnehmen, wenn du auf dem Ball bist. Genau das ist das Aufregende daran, was alle in Aufruhr versetzt. Der Ball wurde in einem Skandalblatt erwähnt, wo der Autor sich auch fragte, wer es wohl wagen würde, unter diesen Bedingungen teilzunehmen.“
Jocelyns Herz machte einen Satz. „Du meinst, die Maske wird dort abgenommen, wo alle es sehen können?“
„Genau! Oder vielmehr dort, wo dein Partner für den Abend es sehen kann. Wenn du das nicht riskieren willst, musst du vor Mitternacht gehen.“
„Du liebe Güte!“ Jocelyn keuchte. „Diese Herausforderung ist viel zu … riskant und skandalös!“
„Keine Lady mit gutem Ruf würde so einen Ball besuchen“, sagte Marianne. „Auch wenn es amüsant klingt. Was, wenn man sich völlig in den Feierlichkeiten verliert und vergisst, dass sich um Mitternacht alles ändert? Wie schrecklich das wäre!“
„Deshalb auch die Herausforderung“, sagte Sarah und warf sich das Haar über die Schulter. „Unsere Herausforderungen waren in letzter Zeit bemerkenswert zahm, und das hier ist genau das, was wir jetzt brauchen. Wer nimmt die Herausforderung an?“
„Vielleicht sollten wir etwas darauf setzen?“, schlug Meredith vor und tippte sich ans Kinn. Auch wenn sie versuchte, ungezwungen zu wirken, sah Jocelyn das eifrige Funkeln in ihren Augen und musste ihre eigene Belustigung verbergen.
„Genau, machen wir eine Wette daraus“, sagte Meredith dann. „Wir legen zusammen und stellen einhundert Pfund für diejenige bereit, die bis nach Mitternacht bleibt.“
Einige Damen sogen schockiert die Luft ein, auch wenn der ganze Raum mit einem Mal vor unverhohlener Vorfreude vibrierte.
„Das ist viel zu waghalsig, selbst für uns“, sagte Jocelyn lachend, auch wenn sie in Wahrheit daran zweifelte, dass es das tatsächlich war.
Viele ihrer Mitglieder hatten schon sehr skandalöse Dinge getan. Dies hier hatte das Potenzial, einen Ruf nachhaltig zu ruinieren, doch aus irgendeinem Grund löste genau das Sehnsucht in Jocelyns Herzen aus. Ein Abend voller Vergnügen ohne Stiefmutter, die hinter ihr lauerte und mit spitzen Bemerkungen potenzielle Verehrer verscheuchte. Ein Abend ohne Myrtle, die entschlossen war, jegliche Aufmerksamkeit zu stehlen, die Jocelyn zuteilwurde, obwohl sie selbst sehr viel hübscher war. Auch wäre es ein Abend, an dem sie vergessen könnte, dass sie noch keinen Weg gefunden hatte, dem Leben mit ihrer grausamen, launischen Stiefmutter und der Gleichgültigkeit ihres Vaters zu entkommen.
„Was denkt sich Lady Gladstone nur?“, fragte Sarah und stemmte die Hände in die Hüfte. Auch in ihrem Blick stand die blanke, aufgeregte Sehnsucht. „Wer würde an so einem Ball teilnehmen?“
Meredith lächelte. „Bei einem guten Maskenball geht es um verwegene Freuden. Alle Ladys, die an solchen Feierlichkeiten teilnehmen, verhalten sich hinter ihren Masken höchst verrucht, während ihre Partner keine Ahnung haben, wer sie wirklich sind. Wer weiß, ob die Lady, mit der sie beim nächsten Ball tanzen, dieselbe ist, mit der sie während dieser Maskerade so herrlich unanständige Dinge getan haben? Die Verlockung ist unwiderstehlich.“
„Und sehr ruinös“, murmelte Sarah wehmütig. „Wie kann auch nur eine Lady bis nach Mitternacht auf diesem Ball bleiben und erlauben, dass man ihr die Maske abnimmt? Ich finde, Jo hat recht. Diese Herausforderung ist viel zu skandalös.“
„Es sei denn, man verhält sich den ganzen Abend lang überhaupt nicht unanständig“, warf Harriet, die Countess of Warwick, ein, die in diesem Moment zu ihnen herüberkam. „Doch wir wissen alle, wie schrecklich langweilig es ist, sich anständig zu benehmen.“
„Was wäre denn der Reiz daran, einen Maskenball zu besuchen, bei dem man nichts Unanständiges tut?“, fragte Jocelyn leise.
Ein rebellischer Geist begehrte in ihrer Brust auf. Einer, der sich nach einem Moment und einer Zukunft sehnte, die sie selbst mit ihren eigenen Entscheidungen formen konnte und die nicht von den verstockten Vorgaben der Gesellschaft oder sonst irgendwem bestimmt würde. War das nicht genau das, was sie während ihrer Zeit hier am Berkeley Square 48 gelernt hatte? Dass junge Damen an einem bestimmten Punkt ihres Lebens entscheiden konnten, anders zu sein, und vielleicht durch diese Entscheidung den Himmel stürmen und unvergleichliches Glück finden konnten?
Selbst wenn dieses Glück nur einen Abend anhält. Einen verzauberten Abend lang …
Noch bevor sie es sich ausreden konnte, griff sie impulsiv nach dem Stück Kreide und schrieb: Ich nehme die Herausforderung an! Jocelyn
Kapitel zwei
„Hast du darüber nachgedacht?“
Adam Winters, der Earl of Aston, hob den Blick von seinem Glas Brandy, das er eine ganze Weile angestarrt hatte, während er sich gefragt hatte, warum das Getränk wohl bernsteinfarben war. Die Schlichtheit dieses Gedankens sagte einiges darüber aus, wie gelangweilt er von dem Treffen mit seinem Großvater, dem mächtigen Duke of Strafford, war. Adam begegnete dessen kühlem, berechnendem Blick. „Worüber nachgedacht?“
„Eine Erbin zu heiraten.“
Ah, genau, die Heirat. Die Lösung aller Probleme, wie es schien. Diese Unterhaltungen wurden für seinen Geschmack immer langatmiger und fanden viel zu häufig statt. „Ich habe geschworen, einen anderen Weg einzuschlagen als mein Vater, Euer Gnaden.“
Sein Großvater hob fragend eine Braue.
Ein Lächeln zupfte an Adams Mundwinkeln und er nahm einen großen Schluck Brandy, ehe er sagte: „Eure Tochter hatte das Unglück, einen Mann zu heiraten, der nur ihrer Mitgift und Verbindungen wegen an ihr interessiert war. Ich habe miterleben müssen, wie bitterlich sie ihre Wahl viele lange und tränenreiche Jahre lang bereut hat. Daher werde ich keiner Frau das gleiche Leid antun, sich mit Zweifeln zu quälen, ob ihr Ehemann auch nur die geringste Zuneigung für sie empfindet.“
„Du würdest keine Lady einer solchen Schande aussetzen, wie dein Vater es mit deiner Mutter getan hat“, sagte der Duke kurz angebunden. Auch er betonte immer wieder seine Reue, der Verbindung von Adams Eltern zugestimmt zu haben.
„Würde ich nicht“, sagte Adam leise. „Ich verstehe allerdings auch, dass keine Frau wegen Reichtums und Verbindungen gewählt werden will, denn das allein ist schon eine Schande, wenn auch eine andere Art. Ich spreche davon, dass die Ehe ein Leben lang gilt und daher auf einem anderen Fundament stehen sollte – statt einem, das nichts als Verbitterung und Unglück hervorbringt.“
Ein zustimmendes Funkeln trat in die hellblauen Augen seines Großvaters, ehe ihr Ausdruck unergründlich wurde. „Wenige Frauen würden sich grämen, müssten sie einen so charmanten und anständigen Mann wie dich heiraten, Adam.“ Der Blick seines Großvaters huschte zu dem Skandalblatt, das auf dem großen Eichenholzschreibtisch ausgebreitet lag. „Darin heißt es, du seist einer der bestaussehenden Junggesellen der Gesellschaft und die Debütantinnen würden um deine Hand buhlen.“
„Dann muss es wohl wahr sein“, erwiderte Adam trocken. „Aber sobald sie die Wahrheit über meine Finanzen herausfinden, werde ich wohl zu einem der heiratsunwürdigsten Junggesellen.“
„Du kannst jedem dieser Mädchen einen Antrag machen und es wird ihn mit Kusshand akzeptieren. Such dir eine aus, die ein großes Erbe mitbringt.“
Kälte breitete sich in Adams Brust aus. Was für ein Mann wäre er, wenn er das täte? „Ich werde niemals eine Frau ihres Erbes wegen heiraten. Da arbeite ich mich lieber selbst in Grund und Boden, um meine Ländereien zu erhalten.“
Seine Antwort, die fast schon an Unhöflichkeit grenzte, hing zwischen ihnen und war gleichermaßen Absichtserklärung wie Herausforderung. Sein Großvater, dessen Leben aus einer Reihe von berechnenden Entscheidungen und strategischen Verbindungen bestanden hatte, blinzelte jedoch nicht einmal. Stattdessen lehnte er sich in seinem Ohrensessel zurück, dessen Leder unter dem Gewicht des Mannes leicht knarzte. Langsam verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln.
Adam hob eine Braue, hatte jedoch keine Eile, das Gespräch fortzusetzen. Das tat er schon, seit er ein kleiner Junge gewesen war: abwarten, beobachten und den nächsten Schritt präzise berechnen – ein Vorgehen, das genau dieser Mann ihm gegenüber ihm beigebracht hatte. Der Duke war sein Großvater mütterlicherseits und war Adams größter Verbündeter in seiner Kindheit gewesen. Viele Lektionen hatte Adam gelernt, während er auf den Knien oder den Schultern seines Großvaters gesessen und eifrig alles in sich aufgenommen hatte, was dieser über Verwaltung, Investitionen, Pferde und Ehre erzählt hatte.
Adams Vater war zu beschäftigt gewesen, sich als Wüstling durch die Stadt zu schlafen, Duelle um verheiratete Mätressen zu führen und das Erbe seiner Ehefrau zu verspielen. Schließlich war er bei einem Kutschenunfall gestorben, als Adam erst siebzehn gewesen war, und hatte ihm damit Titel, Besitz und Schulden vererbt. Die letzten zehn Jahre hatte Adam damit verbracht, durch harte Arbeit die hoch belasteten Ländereien vom Rande des Bankrotts zurückzuholen. Dabei war er vorsichtig, gerissen sowie berechnend vorgegangen. Er hatte klug investiert und war nur dann Risiken eingegangen, wenn es für große Gewinne absolut unerlässlich gewesen war. Der Familienbesitz befand sich noch immer gefährlich nahe am Rande des Ruins. Doch trotz des Drängens seiner Mutter und seines Großvaters würde Adam sich keine Erbin suchen, nur um das zu retten, was sein Vater zerstört hatte.
„Dein Vater“, begann der Duke schließlich mit tiefer, fester Stimme, „war ein dummer, verschwenderischer Tunichtgut. Du bist anders. Deine Abneigung, in seine Fußstapfen zu treten, ist verständlich, jedoch fehlgeleitet. Die Ehe, besonders in unseren Kreisen der Gesellschaft, hat selten etwas mit Liebe, Respekt oder irgendeiner anderen Art von Zuneigung zu tun, Adam. Es geht darum, politische Allianzen zu sichern sowie respektable Familien miteinander zu verbinden. Und wenn du weise wählst, wird auch deine Frau mächtige Verbündete in die Ehe einbringen, die die Zukunft deiner Erben sichern werden.“
Adam starrte seinen Großvater einige Momente lang nur an. Diesen Vortrag hatte er schon häufiger zu hören bekommen, als er zählen wollte. „Warum versucht Ihr, mich zu überzeugen?“, fragte er mit eisiger Höflichkeit. „Habt Ihr nicht immer wieder über mein stures Wesen geklagt? Was lässt Euch glauben, dass ich mich jetzt beugen werde, Großvater? Gereicht es Euch irgendwie zum Vorteil, wenn ich eine reiche Erbin heirate? Ist dies der Grund, warum Ihr es bei jedem unserer Treffen wieder erwähnt?“
Der Duke nahm sein Glas in die Hand. In der Flüssigkeit darin brach sich das Licht des Kaminfeuers und warf goldene Streifen auf das betagte Gesicht seines Großvaters. „Mitnichten“, räumte der ein. „Allerdings denke ich, dass ein Abweichen von einigen deiner Ansichten mich überzeugen würde, dass mein Titel und Besitz bei dir in absolut fähigen Händen wären.“
Adams Herz machte einen Satz. „In meinen Händen?“
„In deinen Händen“, wiederholte sein Großvater leise und schaute Adam fest in die Augen. „Du wirst mein Herzogtum und all mein Vermögen erben. Mit meinem Tod soll nicht alles an die Krone zurückgehen.“
Mit pochendem Herzen starrte Adam seinen listig grinsenden Großvater an. Dem Duke war es nicht vergönnt gewesen, Söhne zu bekommen, er hatte lediglich vier Töchter. Auch wenn sein Bruder einen Sohn bekommen hatte, waren beide in den letzten Jahren verstorben. Adam rieb sich mit der Hand über das Gesicht und stieß zischend den Atem aus. Auch wenn er wusste, dass sein Großvater keinen direkten Erben besaß, hatte er angenommen, dass man wohl einen entfernten Cousin finden würde. Schließlich waren Titel eine erbliche Würde, die entlang der männlichen Linie vererbt wurde. Natürlich gab es Ausnahmen, besondere Umstände, dennoch hatte Adam hiermit nicht gerechnet. Über die Jahre hätte sein Großvater Adam Geld leihen können, um seine Ländereien zu retten und Mitgiften für seine Schwestern bereitzustellen, doch das hatte der Duke nie angeboten. Und Adams Stolz und Entschlossenheit hatten es ihm nicht gestattet, darum zu bitten. Je härter er gearbeitet hatte, um seinen Besitz wieder liquide zu machen, desto stolzer hatte sein Großvater gewirkt.
Mit noch immer rasendem Herzen fragte er: „Wenn ich der Duke of Strafford werden soll, warum muss ich dann eine Erbin heiraten? Sind Eure Ländereien verschuldet, Großvater?“
Liebe Güte, ein ganzes Herzogtum zu retten, würde Adam wahrscheinlich ins Grab bringen, doch er würde niemals vor einer solchen Herausforderung zurückweichen.
„Nein“, erwiderte der Duke mit fast schon hochmütigem Gesichtsausdruck. „Aber ich kann die Wahl der nächsten Duchess of Strafford nicht in deinen Händen lassen.“
„Nehmt Ihr an, meine Hände wären diesbezüglich unfähig?“
Sein Großvater seufzte. „Es ist Familientradition, dass Ehen mit angesehenen Familien sorgsam arrangiert werden. Das einzige Mal, dass ich von dieser Tradition abgewichen bin, die unserer Familie schon seit zweihundert Jahren gute Dienste erwiesen hat, war, als ich deinem Vater erlaubt habe, deine Mutter zu heiraten. Diese Entscheidung habe ich seither bitter bereut und sie hat dem Vermächtnis unserer Familie nachhaltigen Schaden zugefügt.“
Adams leises Lachen klang düster und freudlos. „Ihr wollt eine Frau für mich aussuchen, weil Ihr mir nicht zutraut, eine sinnvolle Entscheidung zu treffen“, sagte er eisig. „Das geht zu weit, Großvater.“
„Ich wusste, dass dir das widerstreben würde, Junge, daher bitte ich dich lediglich, eine Lady von dieser Liste hier auszuwählen.“ Sein Großvater schob ein Blatt Papier über den Schreibtisch zu ihm herüber. Adam beugte sich vor, ergriff es und entfaltete es. Er las die Liste der Namen, die allesamt zu Ladys mit makellosen Stammbäumen und beträchtlichen Mitgiften gehörten.
Lady Clara Beckford
Lady Myrtle Somerton
Lady Evangeline Darlington
Lady Cynthia Thompson
Lady Agnes Humphery
Die Liste war nur ein weiterer Beweis der unerschütterlichen Traditionstreue seines Großvaters sowie dessen Entschlossenheit, die Zukunft ihres Stammbaums vorzugeben. Adam hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass diese Ladys und ihre Familien sorgsam überprüft worden waren.
„Sie alle sind entweder Töchter eines Earls oder eines Marquess“, sagte der Duke mit Stolz in der Stimme. „Die Namen der Familien werden weder von Skandalen noch von ruiniertem Ruf überschattet. Alle Ladys sind Diamanten dieser Saison. Die Kirschen auf der Sahne. Und jede von ihnen wäre eine hervorragende Duchess of Strafford.“
Adam sah vom Papier auf und begegnete dem Blick seines Großvaters. „Und was ist mit ihrem Charakter, mit ihrem Temperament? Teilt irgendeine von ihnen meine Interessen oder meine Werte? Teile ich die ihren? Oder messt Ihr sie lediglich an ihren Mitgiften und den Titeln ihrer Väter?“
Die Miene des Dukes verhärtete sich. „Du weißt genauso gut wie ich, dass es bei diesen Verbindungen um mehr geht als darum, ob die beiden Parteien auf persönlicher Ebene zusammenpassen. Es geht darum, den Stand unserer Familie für die nächsten Generationen zu sichern!“
Adams Lachen, das bar jeglicher Wärme war, hallte von den Wänden des Raums wider. „Ihr wollt, dass ich eine Braut wähle, wie man sich ein Pferd bei einer Auktion aussuchen würde.“
„So wird es in unserer Familie seit jeher getan“, entgegnete der Duke streng. „Denk an den Besitz, den Titel, unser Vermächtnis. Denk an deine Schwestern. Wie willst du respektable Mitgiften für sie bereitstellen, sodass Grace und Temperance die Partie machen können, die du für sinnvoll erachtest?“
Adam griff das Papier etwas fester. Die Namen darauf standen für einen Weg, der von Generationen der Tradition vorherbestimmt war, und versprachen Sicherheit sowie Ansehen. Während er seine eigenen Werte vertrat, konnte er auch nicht einfach die Hoffnungen seines Großvaters oder die Leben derer, die von seinem Erfolg abhängig waren, außer Acht lassen. Er faltete das Blatt wieder zusammen und legte es auf dem Schreibtisch ab.
„Ich verstehe Eure Sorge, Großvater, und ich nehme sie nicht auf die leichte Schulter. Erlaubt mir, diese Ladys zunächst zu treffen, sie jenseits ihrer Titel kennenzulernen, ohne mich unter Druck zu setzen.“
Einen Moment lang wirkte sein Großvater schockiert, ehe Triumph in seinen Augen aufleuchtete. Der Duke betrachtete Adam eine ganze Weile lang, ehe er sagte: „Einverstanden. Triff diese Ladys, sprich mit ihnen, aber vergiss nicht deine Pflicht gegenüber deiner Familie, deinen Pächtern und deinem Besitz. Vor einigen Jahren meintest du, du wolltest dir eine Countess suchen, sobald du dein Erbe wiederhergestellt hast. Dessen Niedergang begann nicht mit den Taten deines Vaters, sondern jenen seines Vaters. Es werden noch einige Jahre ins Land ziehen, ehe es dir gelingt, die Schulden gänzlich zu tilgen. Ich will nicht so lange darauf warten, dass du dich niederlässt und ich Urenkel bekomme.“
„Ihr habt schon Urenkel“, erwiderte Adam ruhig, auch wenn sein Herz noch immer raste. „Seid Ihr erkrankt?“
„Ich bin ein Mann von dreiundsiebzig Jahren, Junge. Ich stehe bereits mit einem Bein im Grab.“
Adam betrachtete den Gesichtsausdruck seines Großvaters und verspürte Erleichterung, als er die Wahrheit darin erblickte. Der Duke hatte ein erfülltes Leben geführt, dennoch war der Gedanke, dass er bald nicht mehr da sein könnte, für Adam unerträglich. Dieser Mann war sein Vater und Großvater in einem.
„Ich will, dass du eine der Ladys von meiner Liste auswählst und sie innerhalb von drei Monaten heiratest.“
Verdammter Mist. Drei Monate?
„Du bekommst einen Vorschuss von fünfhunderttausend Pfund aus meinem Vermögen. Das wird eines Tages vollständig dir gehören, doch wie deine Mutter immer sagt: In meinen Knochen steckt mindestens noch ein Jahrzehnt, ehe ich über den Jordan gehe. Die Ländereien und deine Angehörigen, die von deinem Erfolg abhängig sind, Adam, haben nicht mal mehr ein Jahr.“
Er konnte der Logik seines Großvaters nicht widersprechen. Das Gewicht seines Titels sowie seine Verantwortung gegenüber seiner Familie lasteten ohne Unterlass auf seinen Schultern, während er sich an den Geschäftsbüchern und Anlageberichten abarbeitete.
Auf Adams Schweigen hin fuhr der Duke fort: „Sobald du eine dieser Ladys innerhalb der nächsten drei Monate geheiratet hast, werde ich das Geld sofort auf dein Konto überweisen. Die Saison ist in vollem Gange. Triff die Ladys und mach ihnen den Hof, wie du es willst. So ist die Ehe nicht vollständig arrangiert.“
Sein Großvater holte tief Luft, als würde das, was er als Nächstes zu sagen hatte, noch unangenehmer.
„Was noch?“, fragte Adam leise.
Sein Großvater betrachtete ihn mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck. „Wenn du nicht in der Lage bist, eine Frau von dieser Liste zu heiraten, Adam, werden mein Herzogtum und dessen Besitz an die Krone gehen. Auch wirst du die fünfhunderttausend Pfund nicht bekommen.“
Die Bedingungen seines Großvaters waren unerbittlich und Adam wusste, dass der Duke nicht verhandeln würde. Dessen Würde, blaues Blut und Ehre waren ihm immer das Wichtigste gewesen. Adam verstand das und seltsamerweise ließ es ihn erleichtert aufatmen. Da war ein verdammter Silberstreif … nein, ein Goldstreif am Horizont, der bisher so düster ausgesehen hatte. Er senkte erneut den Blick auf die Liste. Es würde nicht so schwierig werden, wie sein Großvater es darstellte.
Adam würde den Heiratsmarkt mit einer klaren Strategie betreten. Ihm war der heikle Tanz der Brautwerbung innerhalb der gehobenen Gesellschaft wohlbekannt – ein einziger Fehltritt konnte zu Missverständnissen und kompromittierenden Skandalen führen. Er hegte keine Absicht, irgendeiner Lady unter unehrlichen Vorwänden falsche Hoffnungen zu machen. Sein Vorgehen würde methodisch, aber aufrichtig sein. Adam würde auf jede der Ladys von der Liste zugehen, sich ausreichend mit ihr unterhalten, um feststellen zu können, ob sie sich verstanden, jedoch nicht zu viel, um nur keine Gerüchte über Zuneigungen innerhalb des ton anzufachen.
„Es wird keinerlei Mitsprache Eurerseits in meinem Brautwerben geben, Großvater“, sagte er. „Ich werde eine dieser Ladys auswählen, aber das wird allein meine Entscheidung sein. Haltet also Euren Hang zur Einmischung zurück.“
„Einverstanden“, sagte sein Großvater heiter und seine Augen glänzten.
Jetzt, wo er sich Adams Zustimmung gesichert hatte, ging der Duke zu seinem liebsten Gesprächsthema über: der Politik. Sie unterhielten sich ein paar Stunden lang, dann spielten sie einige Runden Schach, ehe Adam sich von seinem Großvater verabschiedete.
Als er das Haus verlassen hatte, wandte Adam sein Gesicht gen Himmel und atmete tief ein. Dann lachte er leise und ging zu den Stallungen hinüber, wo sein Hengst bereits wartete. Er stieg auf und ritt zu seinem Stadthaus am Hanover Square. Die Straßen waren ruhig um diese Zeit und die Gaslaternen warfen ein sanftes Licht auf das Kopfsteinpflaster der Straße. Die Atmosphäre hatte etwas von gedämpfter Eleganz und das stetige Klappern der Pferdehufe untermalten Adams wild umherwirbelnde Gedanken.
Für ihn verkörperte die ideale Ehefrau vornehme Sittsamkeit und besaß ein süßes, freundliches, gutmütiges Wesen. Adam wollte eine Partnerin, deren Anwesenheit ihm Ruhe und Stabilität brachte – ein harter Kontrast zum feurigen Temperament seiner Mutter. Er hatte die stürmische Beziehung seiner Eltern aus erster Reihe mitbekommen. Deren Liebe war häufig von lauten Streitigkeiten, körperlichen Auseinandersetzungen sowie leidenschaftlichen Versöhnungen geprägt gewesen. Für Adam war es unerlässlich, dass Uneinigkeiten in seiner zukünftigen Ehe mit respektvollen, ruhigen Gesprächen statt mit hitzigen, gewaltsamen Konfrontationen gelöst werden würden. Adam war außerdem entschlossen, eine andere Art Ehemann zu sein als sein Vater.
Er lächelte. Die Zukunft, die noch vor wenigen Tagen so unsicher und vage gewirkt hatte, schien sich jetzt mit einer gewissen Klarheit vor ihm auszubreiten, deren Struktur es Adam ermöglichte, sein weiteres Vorgehen zu planen. Methodisch umriss er die nötigen Schritte, die er nun einzuleiten hatte. Zunächst war es wichtig anzuerkennen, dass er sich wohl mehr am Wirbel der Saison beteiligen musste. Das bedeutete, dass er zunehmend Bälle, Soiréen und andere Veranstaltungen zu besuchen hatte, wo er sich mit den Ladys unterhalten konnte, die sein Großvater aufgelistet hatte.
Jede Veranstaltung wäre eine Möglichkeit, sie zu beobachten, sich mit ihnen zu beschäftigen und hinter die oberflächliche, charmante Fassade zu blicken, von der er wusste, dass junge Ladys sie auf dem Heiratsmarkt präsentierten. Der nächste Schritt sollte ein etwas intimeres Zusammentreffen mit der Lady beinhalten. Es war essenziell, sie nicht nur im künstlichen Licht öffentlicher Veranstaltungen kennenzulernen – man hatte ihnen beigebracht, wie sie sich dort zu verhalten hatten. Er hatte genügend der lächerlichen Lehrstunden mit angesehen, die seine Mutter seinen Schwestern gegeben hatte, um zu wissen, dass private Momente mit einer Lady entscheidend waren. Unterhaltungen in etwas ruhigerer Umgebung würden die Tiefe des Charakters der Lady sowie deren Intellekt offenbaren und vielleicht sogar zeigen, ob ihr Wesen mit dem von Adam kompatibel wäre.
Adam wollte in den ersten Wochen entscheiden, welcher Lady er seine volle Aufmerksamkeit zukommen lassen würde. Sobald er herausgefunden hatte, welche der Ladys am besten zu ihm passte, würde er ernsthaft mit der Brautwerbung beginnen: Tänze auf den namhaftesten Bällen. Blumensträuße, die er ihr am nächsten Tag schicken würde, um sie an die Freuden des Vorabends zu erinnern. Unternehmungen, die sowohl Privatsphäre als auch öffentliche Sichtbarkeit boten, wie beispielsweise Spaziergänge oder Ausritte im Hyde Park. Vielleicht sogar der Besuch des Theaters oder ein Abend in den Vauxhall Gardens.
Adam hatte das Gefühl, dass seine Strategie geradlinig und dennoch flexibel wäre und sich bestens eignete, damit er durch die Komplexität der Brautwerbung navigieren konnte – und zwar mit derselben Präzision und Vernunft, die er auch für die Verwaltung seiner Ländereien und seine Geschäftsanlagen aufwendete. Er hatte viel kompliziertere, anspruchsvollere Herausforderungen gemeistert als die Wahl einer Ehefrau. Wie schwierig konnte es schon sein, eine Braut zu finden, wenn offenbar jede Lady des ton einen Ehemann mit Titel haben wollte?
Adam entschied, dass ihn nichts davon abbringen oder dabei behindern würde, seinen Plan durchzuführen.