Romy – Schlechte Nachricht
Die Luft im Raum war warm und stickig und der Stuhl, auf dem Romy sass, fühlte sich ungewohnt hart an. Sie befand sich seit einer geschlagenen Stunde im Büro des Schulleiters, das sich direkt unter dem Dachstuhl des alten Schulgebäudes befand und hörte sich Erklärungen zur Pensenplanung, dem Schweizer Schulsystem und Vertragsbedingungen an.
»Ja, natürlich verstehe ich das alles. Aber gibt es denn überhaupt keine andere Möglichkeit?«, unterbrach sie ihn.
»Es tut mir leid, Romy. Wir haben alles Erdenkliche versucht, doch die Schülerzahlen lassen sich nicht ändern. Deshalb schließen wir im nächsten Schuljahr zwei Klassen«, fasste Nico die Situation zusammen und hob dabei entschuldigend die Hände. Er hatte sich im Laufe des Gesprächs mehrmals mit den Händen durchs dunkle Haar gestrichen und nun standen sie ihm wirr vom Kopf.
Romy war ausgebildete Primarlehrerin und vor zwei Jahren als letzte aus dem kleinen Team angestellt worden. Bei einem Stellenabbau traf es sie natürlich als erste. Ihr Jahresvertrag war im vergangenen Sommer um ein Jahr verlängert worden und sie hatte die Hoffnung gehegt, dass sich daraus ein unbefristeter Vertrag ergeben würde. Dem war jedoch nicht so.
Sie hatte sich an der kleinen Quartierschule von Anfang an wohl und aufgenommen gefühlt. Mit ihren Arbeitskolleginnen und Kollegen kam sie bestens aus und es hatten sich Freundschaften entwickelt, die über das bloße Arbeitsverhältnis hinausgingen. Die Schule lag in der Nähe des Freiburger Stadtzentrums und somit auch vom Arbeitsweg her ideal.
»Tja … Bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich erneut nach einer Stelle umzusehen«, sagte Romy resigniert und stand auf. Sie griff nach ihrer Tasche und strich seufzend eine lose Haarsträhne zurück. Dem Schulleiter waren die Hände gebunden, das war ihr durchaus bewusst und auch, dass es ihm leidtat, sie gehen zu lassen. Nach einem letzten Blick auf die Tabellen mit den Schülerzahlen, die vor ihr auf dem Schreibtisch lagen, nickte sie ihrem Vorgesetzten zu und rückte den Stuhl zurück an seine Stelle.
Sie musste schlucken, wenn sie an die Folgen dachte, die die Kündigung mit sich zog. Ihr graute davor, sich zum dritten Mal innerhalb von fünf Jahren nach einer neuen Stelle umsehen zu müssen.
Nun wollte sie aber nur eins: raus aus diesem Raum. Sie verabschiedete sich und zog eilig die Tür hinter sich zu. Im Gang war es im Vergleich zum Büro kühl und still. Die Türen zu den Unterrichtsräumen waren alle geschlossen und sogar das Ticken der großen Uhr am Ende des Flurs war zu hören. Sie war, abgesehen von Nico die Letzte, die sich nach Unterrichtsschluss noch in der Schule aufhielt. Die anderen Lehrer aus dem kleinen Team genossen inzwischen bestimmt schon das erste Feierabendbier im Café um die Ecke und warteten auf sie. Mit einem leisen Seufzer ging sie zu ihrem Klassenzimmer, brachte ihren Schreibtisch in Ordnung, streifte ihre Jacke über und schloss hinter sich ab. Als sie ihr Handy in die Jackentasche schob, schweiften ihre Gedanken unweigerlich zur Mittagspause und Michael zurück. Seine anhaltenden Anrufe und Nachrichten zermürbten sie seit der Trennung und raubten ihr den Schlaf. Der schwierigen Situation mit ihrem Ex-Freund schloss sich nun auch die Kündigung an. - Es war der Zusammenhalt und der unbeschwerte Umgang im Lehrerteam, der ihr nach der Trennung vor einem halben Jahr einen sicheren Halt gegeben hatten.
Ja, es würde nicht einfach werden, sich anderswo neu einzuarbeiten.
Als sie aus dem Schulhaus trat, atmete sie einmal tief ein. Die Luft roch nach Frühling und die Temperaturen waren angenehm mild, obwohl es erst auf Ende April zuging. Rasch überquerte sie den Fußgängerstreifen und bog in eine kleinere Seitenstraße ab. Bereits von Weitem sah sie ihre Lehrerkolleginnen, die vor dem Café mehrere Tische und Stühle zusammengerückt hatten und angeregt miteinander diskutierten. Unter den Anwesenden befand sich auch Amina, mit der sie sich von allen am besten verstand.
Da sowohl Romy als auch Amina zweisprachig aufgewachsen waren, hatten sich die beiden bereit erklärt, zusammen den Französischunterricht an der Schule zu übernehmen. Durch die enge Zusammenarbeit entwickelte sich auch eine solide Freundschaft.
Romy lächelte, als sie sah, wie Aminas dunkle Locken auf und ab wippten, während sie wie gewohnt das Gesagte mit großen Gesten unterstrich.
»Salut. Komm und setz dich neben mich«, unterbrach Amina ihren Redeschwall und rutschte zur Seite. Ihre Freundin liebte grelle Farben und unkonventionelle Frisuren. Nie hatte Romy sie ungeschminkt oder gar schlecht frisiert gesehen.
Nicht umsonst zog sie die Blicke auf sich, sie war wunderschön. Neben ihr fühlte sich Romy wie ein Mauerblümchen in ihrer Jeans und dem schnell übergeworfenen Kapuzenpulli.
Wenigstens die Haare hatte sie am Vorabend gewaschen und heute Morgen zu einem ordentlichen Pferdeschwanz gebunden.
Romy begrüßte auch den Rest des Teams mit einem Nicken und setzte sich auf den angebotenen Stuhl.
Als der Kellner kam, bestellte sie ein großes Glas hausgemachten Eistee ohne Zucker, dafür mit einem ordentlichen Schuss Holundersirup. Währenddessen hatte Amina ihr Gespräch mit ihrer Tischnachbarin Nina wieder aufgenommen. Anscheinend ging es dabei um die beste Feriendestination, wobei Amina für Strandferien und Nina für Aktivurlaub in den Bergen plädierte. Wer die beiden kannte, wusste bereits im Vorfeld, dass sie sich sowieso nie einig würden.
Da sich immer mehr Anwesende am Gespräch beteiligten, wurde rege diskutiert. Romy hielt sich wie gewohnt zurück und hörte lieber zu. Erst als der Kellner mit den bestellten Getränken kam und die Gespräche kurz unterbrach, beruhigten sich alle wieder.
»Und? Was wollte Nico von dir? Ging’s wieder um die Turnhallenbelegung im nächsten Schuljahr?«, fragte Amina neugierig, nachdem der Kellner sich entfernt hatte.
»Na ja, es ging um nächstes Jahr, aber nicht um die Turnhallenbelegung …« Eigentlich hätte sie das Thema lieber nicht angeschnitten. »… sondern um meine Stelle. Um es kurz zu machen: Die Schülerzahlen sind einfach zu niedrig und mein Vertrag wird nicht verlängert.«
Nun war es raus und um sie herum herrschte plötzlich betretenes Schweigen.
»Das darf doch nicht wahr sein! Hast du gefragt, ob …« Weiter kam Amina nicht, denn Romy unterbrach sie mit einer Handbewegung.
»Nein, da ist nichts mehr zu machen. Du weißt ja, dass alles von den Zahlen abhängt«, winkte Romy ab und ließ seufzend die Schultern sinken.
»Och, Mist. Wo du dich endlich richtig eingelebt hattest«, schnaubte Amina empört und zog eine Schnute.
»Hast du dir überlegt, was du machen willst?«, fragte Lynn, die Unterstufenlehrerin.
»Nicht wirklich. Wahrscheinlich werde ich nach kurzen Stellvertretungen Ausschau halten und mich erst wieder bewerben, wenn eine unbefristete Stelle frei wird. Ich mag mich nicht erneut einarbeiten, nur um zwei oder drei Jahre später erneut die Stelle wechseln zu müssen. Vielleicht nehme ich mir auch einfach ein paar Monate Auszeit …«, gab Romy vage zur Antwort. Sie hatte bisher erfolgreich vermieden, darüber nachzudenken, in der Hoffnung, dass ihre Befürchtungen sich nicht bewahrheiteten. Nun war sie aber gezwungen, den Tatsachen ins Auge zu blicken.
Gerade als sie darauf hinweisen wollte, dass sie ja noch einige Wochen Zeit hatte, wurden neben ihr Stühle gerückt. Anscheinend war sie nicht als Letzte eingetroffen. Sie wandte den Blick und erkannte Yannick Bachmann, der stellvertretende Mittelstufenlehrer. Sie war so mit ihrer Antwort beschäftigt gewesen, dass sie sein Eintreffen nicht bemerkt hatte.
Yannick gehörte eigentlich nicht zum Team. Er war nur vorübergehend als Stellvertretung an der Schule tätig.
Soviel Romy wusste, war er kompetent und die Kinder himmelten ihn regelrecht an. Kein Wunder, war er doch abgesehen von Nico der einzige Mann im Team.
Da Yannick bisher nie auf einen Feierabenddrink mitgekommen war, überraschte es sie ein wenig, ihn hier zu sehen. Er bestellte sich ein Bier und sah aufmerksam in die Runde.
»Na? Worüber habt ihr euch gerade unterhalten?«
»Romy hat eben erfahren, dass ihr Vertrag nicht verlängert wird und dass sie sich nach einer neuen Stelle umsehen muss«, klärte Lynn ihn auf.
»Oh, das tut mir leid für dich. Wie die Lage im Moment aussieht, sollte es nicht allzu schwierig sein, etwas Neues zu finden. Und im schlimmsten Fall übernimmst du Stellvertretungen, die sind immer gefragt«, sagte er und sah sie direkt an.
»Ja vielleicht … Mal schauen, was sich ergibt.« Ihr war die Situation unangenehm, denn sie mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Amina wusste dies. Deshalb lenkte sie das Gespräch geschickt auf ein anderes Thema, indem sie Yannick fragte, wie es um seine bevorstehende Weltreise stand. Vage glaubte Romy sich zu erinnern, dass er kurz nach seiner Einstellung etwas von einer Weltumrundung erwähnt hatte.
Sobald er zu erzählen begann, hörten ihm alle aufmerksam zu und vergaßen Romys Situation für einen Moment. Amina zwinkerte unauffällig in ihre Richtung und strich ihr aufmunternd über den Arm.
Yannicks grün-braune Augen blitzten vor Abenteuerlust. Er schien wie ausgewechselt, als er von den Orten erzählte, die er bereisen wollte.
Während er sprach, musterte Romy ihn etwas genauer. Er besaß eine athletische Figur und sie schätzte ihn auf Anfang 30. Unter seiner sportlich schwarzen Daunenjacke trug er ein militärgrünes T-Shirt mit aufgedrucktem Surfbrett. Dazu ein paar Bluejeans und weiße Turnschuhe, die allem Anschein nach schon bessere Tage erlebt hatten. Immer wieder fiel ihm eine dunkelblonde Locke in die Stirn, die er instinktiv zurückstrich.
Ein ordentlicher Haarschnitt würde ihm auch nicht schaden, dachte Romy und lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf die Unterhaltung.
Es dauerte jedoch nicht lange und ihre Gedanken glitten erneut ab. Diesmal dachte sie an ihre Zukunft und grübelte darüber nach, was alles auf sie zukam. Erst als ihr auffiel, dass Yannick aufgehört hatte zu erzählen und alle Blicke auf sie gerichtet waren, tauchte sie aus ihren Gedanken auf.
»Äh … Sorry, ich war gerade abgelenkt«, entschuldigte sie sich und spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.
»Ich sagte, vielleicht solltest du dir auch überlegen zu reisen. Jetzt, da du an keinen Job mehr gebunden bist, wäre das doch die passende Gelegenheit«, wiederholte Yannick geduldig seine Worte.
»Ach ja … Ich meine, nein … Ich glaub nicht, dass das etwas für mich wäre«, gab sie stockend zur Antwort. »Ich fühle mich hier eigentlich wohl und verspürte bisher keinen großen Drang zum Verreisen«, schob sie erklärend nach.
»Wie du meinst, aber ich versichere dir, wenn du mit dem Reisen anfängst, kannst du nicht mehr damit aufhören«, sagte er überzeugt.
»Da bin ich ganz deiner Meinung«, pflichtete Amina ihm mit Augenaufschlag bei.
»Ich an deiner Stelle würde nicht lange überlegen und die freie Zeit genießen«, schloss sich nun auch Lynn an.
Romy trank einen großen Schluck Eistee, um nicht antworten zu müssen. Als sie nicht weiter darauf einging, diskutierte Amina mit Lynn und Yannick weiter und Romy hütete sich davor, sich einzumischen.
Nach einer Weile brachen nach und nach die meisten Kollegen auf und verabschiedeten sich ins wohlverdiente Wochenende.
Als Yannick sich erhob, beobachtete sie, wie er Amina beim Abschied zuzwinkerte. Die beiden schienen sich blendend zu verstehen.
Wie sie hatte auch Amina ihr Rad bei der Schule stehengelassen und sie liefen gemeinsam den kurzen Weg zurück.
»Wie findest du ihn? Schade, dass er bald weg ist, sonst würde ich ihn mir schnappen …«
Romy wusste gleich, wen Amina meinte, und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Er scheint ganz nett …«, sagte sie und sperrte ihr Rad auf.
»Nett? Komm schon, du musst doch zugeben, dass er auch verdammt gut aussieht«, sagte ihre Freundin kopfschüttelnd.
»Wenn du meinst …« Romy lachte und stieg auf ihr Rad.
»Ich würde ihn auf jeden Fall nicht von der Bettkante stoßen«, kicherte Amina und umarmte sie zum Abschied. »Jetzt muss ich aber los, ich habe heute Abend ein Date. Würde dir übrigens auch wieder mal guttun …« Sie zwinkerte Romy verschwörerisch zu, bevor sie in Richtung Stadtzentrum davonfuhr.
Bestimmt hatte Amina nicht nur den Abend, sondern gleich das ganze Wochenende verplant. Sie hingegen würde zwei weitere Tage in ihrem kleinen Appartement verbringen und finster über ihr Schicksal brüten. Auch wenn sie in den letzten Jahren etwas auf die hohe Kante legen konnte, würde das höchstens für ein paar Monate reichen. Schließlich wollten die Rechnungen bezahlt werden, egal ob sie nun Geld verdiente oder nicht. Sie konnte es sich auf keinen Fall leisten, ohne Job dazustehen. Dies würde nämlich bedeuten, dass sie mit ihren 29 Jahren zurück zu ihren Eltern ziehen müsste, was ihr äußerst unangenehm wäre.
Yannick – Reisefreude
Yannick saß im Zug und hatte ein Viererabteil für sich allein. Die saftig grünen Wiesen und braunen Felder glitten an ihm vorbei, ohne dass er ihnen Beachtung schenkte. In der Luft lag noch der Duft vom Kaffee, den er sich am Bahnhof vor der Abfahrt besorgt und nicht ausgetrunken hatte. Er war mit seinen Gedanken ganz bei den eindrücklichen Reiseberichten, die er sich in den vergangenen Stunden angehört hatte. Am frühen Morgen war er mit dem Zug von Freiburg nach Bern gereist, um sich von den Referaten verschiedener Weltenbummler inspirieren zu lassen. Nun schwirrte ihm der Kopf vor lauter Ideen.
Die Lautsprecherdurchsage, die das baldige Eintreffen des Zuges im Freiburger Bahnhof ankündigte, überhörte er. Einzig die Musik, die aus den Kopfhörern an seine Ohren drang, erreichte ihn.
Am meisten beeindruckt hatte ihn der Bericht von zwei jungen Frauen, die drei Jahre zusammen um die Welt gereist waren, ohne ein einziges Mal in ein Flugzeug zu steigen.
Seither grübelte er darüber nach, inwiefern es ihm möglich wäre, die Idee auf seine eigene Reise zu übertragen. Erst als der Zug deutlich an Geschwindigkeit verlor, merkte er auf und nahm seine Umgebung wieder genauer wahr. Das ältere Ehepaar, das sich ihm gegenüber niedergelassen hatte, war aufgestanden und wartete darauf, aussteigen zu können. Als der Zug quietschend zum Stehen kam, warf Yannick sich den Rucksack mit seinem Laptop über die Schulter, reihte sich in die Schlange ein und stieg aus. Er war mit seiner Schwester verabredet und machte sich gut gelaunt auf den Weg. Nach wenigen Gehminuten erreichte er die von Restaurants und Cafés gesäumte Fußgängerzone, wo Erika ihn erwartete. Sie hatte es sich an einem Tisch vor einem Tearoom gemütlich gemacht und blätterte in einer Zeitschrift.
»Hi. Na, wie war’s? Du siehst ganz beschwingt aus«, begrüßte sie ihn lachend und stand auf, um ihn auf beide Wangen zu küssen.
»Richtig. Es ist unglaublich, wie viele unterschiedliche Reisearten es gibt. Da war wirklich für jeden etwas dabei, dir hätte es bestimmt auch gefallen.« Er setzte sich ihr gegenüber auf den Stuhl, zog sein schwarzes Baseballcap und die Sonnenbrille ab und strich sich durchs Haar.
»Wenn du willst, habe ich dieses Wochenende Zeit und könnte dir einen neuen Schnitt verpassen«, grinste Erika und wies auf seine unordentlichen Haare.
»Auf keinen Fall! So wie ich letztes Mal ausgesehen habe, verzichte ich lieber und leiste mir einen richtigen Friseurtermin«, schlug er ihr Angebot aus.
»Wie du meinst. Aber so findest du bestimmt keine Frau, die dich auf deine Reise begleitet. Dafür wirst du dich wohl etwas mehr anstrengen müssen.«
Obwohl er wusste, dass sie ihn nur necken wollte, versetzte ihm Erikas Bemerkung einen kurzen Stich. Rasch schüttelte er die unerwünschten Gedanken ab und sah sich nach der Bedienung um.
Als der Kellner kam, bestellten sie Kaffee und plauderten eine Weile über belanglose Dinge weiter, bis Yannick auf die Wohnung seiner Großeltern zu sprechen kam.
»Ich werde versuchen, die Wohnung vor meiner Abreise leer zu räumen, damit die Arbeiten möglichst vor Ende September starten können. Die Küche steht schon bereit, vielleicht schaffe ich den Einbau sogar vor meiner Abreise. Möchtest du die Pläne sehen? Ich habe den Laptop dabei …«
»Gerne. Für mich ist es noch etwas seltsam, mir vorzustellen, dass Oma und Opa nicht mehr in der Wohnung leben.«
»Ich war vor einigen Tagen bei ihnen auf Besuch. Sie waren ganz begeistert und freuten sich, dass dort bald ein frischer Wind weht.« Yannick bückte sich nach seiner Tasche, griff nach dem Laptop und legte ihn vor sich auf den Tisch. Interessiert hörte seine Schwester ihm zu und fragte hie und da nach oder äußerte ihre Meinung zu den Plänen.
Als sie sich zum Schluss auch die 3-D-Präsentation ansah, lehnte sich Yannick in seinem Stuhl zurück und beobachtete die Passanten. »Hat Stefan Beni mit auf die Alp genommen?«, fragte er, als Erika den Bildschirm zuklappte und das Gerät zurück in die Hülle schob. Stefan war Erikas Mann und Beni ihr gemeinsamer Sohn.
»Ja. Beni kann es kaum erwarten, wieder auf die Alp zu ziehen. Stefan meinte zwar, es könnte etwas Schnee auf der Straße liegen, aber im schlimmsten Fall gehen sie das letzte Stück zu Fuß. Wo du es schon ansprichst: Wir könnten Hilfe beim Frühlingsputz brauchen. Der findet, wie du weißt, am letzten Aprilwochenende statt.«
»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, grinste Yannick. »Du weißt ja, ich bin ein viel beschäftigter Mensch, da bleibt selten Zeit für solche Dinge.«
Lachend warf Erika eine Serviette nach ihm. »Alles nur Ausreden.«
»Ich tue mein Bestes. Wie weit bist du übrigens mit der Suche nach einer Aushilfe? Hat Stefans Nichte Interesse an dem Job?«, fragte er.
»Leider nein. Manuela konnte sich nicht wirklich mit der Idee anfreunden, den ganzen Sommer mit uns auf der Alp zu verbringen. Was ich völlig nachvollziehen kann. Mit 18 will sie ihre Freizeit lieber mit Freunden verbringen, als von morgens bis abends im Alp Café zu schuften oder eine zweieinhalbjährige Rotznase zu hüten … « Erika seufzte und nahm einen großen Schluck Milchkaffee. »Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Falls dir also jemand in den Sinn kommt, nur zu.«
»Soweit es nötig sein sollte, kann ich einspringen, sobald die Schulferien anfangen. Vorher kann ich leider nichts versprechen. Solch eine hundertprozentige Stellvertretung verlangt einiges an Vor- und Nachbereitungszeit. Aber mal abgesehen davon, dass ich bereits das ein oder andere Mal verschlafen habe, gefällt mir die Arbeit recht gut. Die Schule ist überschaubar und die Zusammenarbeit im Team funktioniert gut. Gestern war ich sogar beim Feierabendbier dabei und es war ganz nett.«
»Bist du eigentlich immer noch überzeugt, deine Reise allein antreten zu müssen? Gibt es an der Schule keine freundliche, reiselustige Kollegin? Oder vielleicht ein Kollege, der gern unterwegs ist?«
Ohne es zu wollen musste er plötzlich an Romy denken.
Yannick wollte seine Schwester unterbrechen, sie ließ ihn aber nicht zu Wort kommen.
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du alles, was du erlebst, nicht mit jemandem teilen möchtest. Was ist, wenn du in Schwierigkeiten gerätst? Wie wirst du klarkommen, ohne dich ab und zu auf einen anderen Menschen verlassen zu können …?«
Erika war nicht die Erste, die seine Entscheidung nicht nachvollziehen konnte. Erst vor wenigen Wochen hatte auch seine Mutter ihn darauf angesprochen. Obwohl er ihre Sichtweise nachvollziehen konnte, hatte er seine Gründe, warum er beschlossen hatte, allein zu reisen. Und sein Entschluss stand fest: Er würde sich von nichts und niemandem mehr umstimmen lassen.
»Darüber haben wir oft genug gesprochen, findest du nicht? Ich wiederhole mich nur ungern, aber ich bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung! Es bringt auch nichts, das Thema ständig auf den Tisch zu bringen. Ich hab’s versucht, es hat nicht geklappt und damit hat sich’s«, konterte Yannick leicht genervt.
»Alles klar. Ich lass dich ab jetzt in Ruhe damit, versprochen. Erzähl mir lieber, was du heute Morgen alles erfahren hast. Hast du jetzt genauere Vorstellungen, auf welche Art du Reisen möchtest?«, lenkte Erika das Gespräch auf ein unverfänglicheres Thema.
Erleichtert erzählte Yannick von den Vorträgen, wegen der er am Morgen mit dem Zug nach Bern gefahren war. Er hatte über einen Freund davon erfahren und sich gleich angemeldet. Dabei handelte es sich um eine Veranstaltung, die Menschen die Gelegenheit bot, einem interessierten Publikum in Form von Filmen oder Bildpräsentationen von ihren Reisen zu berichten.
Seine Schwester hörte aufmerksam zu und trank ihren Kaffee.
Aus den Augenwinkeln nahm Yannick plötzlich eine Bewegung wahr und wandte den Blick von Erika ab, um besser zu erkennen, was am Boden auf ihn zugerollt kam.
Romy – Zufallstreffen
Am Samstagmorgen erwachte Romy wider Erwarten erstaunlich frisch und erholt. Die Sonne drang durch die Vorhänge in ihr Zimmer und tauchte alles in gelbwarmes Licht.
Draußen waren Kinder am Spielen und die Vögel zwitscherten. Der Blick auf die Parkanlage vor ihrem Fenster munterte Romy auf und sie genoss die Ruhe.
Da klingelte ihr Handy und sie zuckte erschrocken zusammen. Sie zwang sich, einmal tief durchzuatmen, und griff nach dem Smartphone, das neben ihr auf dem Nachttisch lag.
»Mama« blinkte ihr auf dem Display entgegen. Mit zitternder Hand nahm sie den Anruf an und hielt sich das Gerät ans Ohr.
»Hi«, sagte sie. »Ja danke, ich bin gerade aufgestanden. Warum rufst du so früh an?«, fragte Romy und spürte, wie sich ihr Herzschlag allmählich wieder beruhigte.
Sie kam immer schwerer gegen die Furcht an, die aufkam, sobald ihr Handy klingelte. Jedes Mal musste sie an ihn denken. Nie konnte sie sicher sein, wann er sich das nächste Mal meldete. Auf keinen Fall durfte sie unaufmerksam sein und Anrufe entgegennehmen, ohne sicher zu sein, wer anrief.
»Heute Abend? Ja, ich denke, ich könnte um 19 Uhr bei euch sein. Wenn du möchtest, bringe ich einen Kuchen mit, dann musst du dich nicht um den Nachtisch kümmern«, schlug Romy vor. Ihre Eltern wohnten unweit des Stadtzentrums in einem Haus mit Garten, das sie sich mit Romys Schwester Alix und deren Sohn teilten. Mindestes einmal in der Woche luden sie ihre Töchter zum Essen oder auf einen Kaffee ein.
»Nein! Mama, ich kann ganz gut mit dem Rad zu euch kommen. Alix hat bei Weitem genug um die Ohren. Sie soll nicht auch noch einen Umweg fahren, um mich abzuholen«, versicherte sie ihrer Mutter und verabschiedete sich.
Da sie bis zum Abendessen bei ihren Eltern nichts geplant hatte, nahm sie sich vor, das bezaubernde Wetter zu nutzen und endlich etwas Ordnung in ihre Sachen zu bringen. Am Mittag würde sie in die Stadt fahren und sich etwas Leckeres zu Essen gönnen. Danach wollte sie ein bisschen durch die Läden stöbern. Vielleicht fand sie ja das ein oder andere, um ihren Balkon etwas wohnlicher zu gestalten. Und die Zutaten für den Kuchen musste sie sowieso besorgen.
Voller Tatendrang machte sie sich nach dem Frühstück an die Arbeit und begann damit, die leeren Umzugskartons zu entsorgen, die sich seit ihrem überstürzten Umzug vor sechs Monaten auf dem kleinen Balkon stapelten. Danach waren die zwei Klappstühle und der Gartentisch an der Reihe. Bis Romy endlich zufrieden war, hatte sie auch den Boden gewischt und die Scheiben geputzt. Nun war sie dabei, eine Rolle aus Bambusrohr am Geländer zu befestigen. Sie hatte die Rolle im vergangenen Herbst gekauft und nie angebracht. Für einen Liegestuhl reichte es zwar nicht mehr, doch für den ein oder anderen Blumentopf gab es genügend Platz.
Jetzt wirkte der Balkon um einiges wohnlicher. Zufrieden saß Romy auf einem der Stühle und sah den Kindern im Park eine Weile beim Spielen zu.
Kurz vor 12 Uhr machte sie sich mit dem Rad auf in die Stadt. Dabei ließ sie sich den herrlichen Frühlingswind um die Nase wehen und genoss die warmen Temperaturen.
Nach einer zehnminütigen Fahrt ließ sie ihr Rad auf einem Fahrradparkplatz stehen und schloss es sorgfältig ab. Danach ging sie zu Fuß weiter, bis sie in eine Fußgängerzone abbog und in einer kleinen Pizzeria einen Tisch direkt an der Fensterfront ergatterte.
Sie bestellte einen großen Salat mit Tomaten und Rohschinken, dazu ein Glas Mineralwasser ohne Kohlensäure.
Danach machte sie sich eine Freude daraus, die vorbeiziehenden Menschen zu beobachten. Da war zum Beispiel eine Mutter mit ihren zwei Kindern, die sich angeregt mit einer Freundin unterhielt. Dem Jungen wurde dabei langweilig und es gelang ihm, die Bremse des Kinderwagens zu lösen und seine kleine Schwester damit quer über den Platz zu stoßen. Oder die alte Dame, die mit ihrem Mann auf einer Bank saß und die Spatzen heimlich mit dem Brötchen fütterte, das er zuvor beim Bäcker gekauft hatte.
Nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken und alles bezahlt hatte, schlenderte sie den Schaufenstern entlang. Sie kaufte in einem Blumengeschäft zwei Töpfe mit Schmetterlingslavendel und in einem kleinen Laden mit Deko-Artikeln fand sie ein schönes Windspiel und zwei Solarlampen. Nun fehlten nur die Zutaten für den Kuchen.
Bepackt mit ihren Lavendeltöpfen in der einen und dem Windspiel und den Solarlampen in der anderen Tasche ging Romy zu ihrem Fahrrad. Gerade als sie die Taschen abstellte, um kurz ihre Arme zu entlasten, kippte einer der Töpfe um und rollte davon. Rasch griff sie zu, um zu verhindern, dass auch der zweite Topf aus der Tasche fiel.
Kaum hatte sie die Hand nach dem ersten Topf ausgestreckt, um ihn zurück in die Tasche zu packen, wurde in der Nähe ein Stuhl gerückt und eine fremde Hand langte danach.
»Romy?«, fragte eine Männerstimme und jemand hob den duftenden Lavendelbusch auf.
Erschrocken sah sie hoch und fand sich zwei freundlich grün-braunen Augen gegenüber. »Yannick«, sagte sie und nahm den Lavendel entgegen. »Danke …«
»Keine Ursache, ich hoffe, sie haben keinen Schaden genommen?«
Romy sah ihn verständnislos an. Er zeigte auf die violette Blumenpracht in ihren Händen.
»Nein, ich denke, sie sind in Ordnung.« Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und bückte sich, um den Topf wieder in der Tasche zu verstauen.
Als sie sich erhob, sah sie, dass Yannick an den Tisch zurückgekehrt war, der zum Tearoom gehörte, an dem sie gerade vorbeigelaufen war und sich wieder hingesetzt hatte. Eine Frau, die ihm gegenüber saß, beobachtete sie neugierig.
»Darf ich vorstellen? Das ist meine Schwester Erika«, erklärte Yannick.
Nun fielen ihr die Ähnlichkeiten zwischen den beiden auf. »Hallo, ich bin Romy. Ich unterrichte an derselben Schule wie Yannick«, stellte sie sich ihrerseits vor und streckte Erika die Hand hin.
Yannicks Schwester erwiderte den Händedruck und lächelte ihr freundlich zu: »Schön dich kennenzulernen, Romy. Yannick hat mir schon Einiges über die Schule erzählt. Seiner Meinung nach habt ihr da ein großartiges Team.«
»Ja, das stimmt. Das Team wird mir nächstes Jahr fehlen …«, pflichtete sie ihr bei.
»Nimmst du dir auch eine Auszeit?«, fragte Erika verwundert und sah zu ihrem Bruder.
»Nein, leider habe ich einen befristeten Vertrag und dieser wird wegen schwindender Schülerzahlen nicht verlängert«, stellte sie richtig. »Jetzt muss ich mir bis zum Sommer überlegen, was ich machen will. Wahrscheinlich werde ich im Herbst Stellvertretungen übernehmen …«, schob sie schnell nach, damit Yannick nicht wieder aufs Reisen zu sprechen kam.
»Ach ja …?«, hob Erika eine Augenbraue und sah erfreut zu ihrem Bruder.
Dieser verdrehte übertrieben die Augen und meinte lachend: »Ja, ja. Ich weiß genau, woran du jetzt denkst.«
Verständnislos sah Romy vom einen zum anderen: »Habe ich etwas verpasst?«
»Nein, keine Sorge. Es ist so: Meine Schwester sucht seit einer Weile jemanden, der oder die bereit wäre, den Sommer über bei ihr auf der Alp zu arbeiten. Jetzt hat sie in dir anscheinend ein neues Opfer gefunden.«
Neugierig sah Romy zu Erika: »Um was für eine Arbeit handelt es sich denn?«
»Ich suche jemanden, der mir im Service und in der Küche zur Hand geht. Ich betreibe mit meinem Mann von Mai bis Ende September in den Voralpen ein Café. Da unser Sohn Beni inzwischen zweieinhalb Jahre alt ist, muss sich immer einer von uns um ihn kümmern und etwas Hilfe wäre willkommen«, erklärte Erika. »Wir bieten das Ganze natürlich mit Kost und Logis an. Aber bezahlen können wir nur einen bescheidenen Lohn, wenn du weißt, was ich meine. Lass es dir durch den Kopf gehen, du könntest danach auch noch Stellvertretungen annehmen.«
»So, wie du die Leute bedrängst, findest du bestimmt niemanden«, meinte Yannick sarkastisch und warf seiner Schwester einen neckenden Blick zu.
»Nein, lass nur. Ich finde, es ist eine Überlegung wert«, sagte Romy selbst überrascht von ihrer Antwort.
»Ach ja?«, meinte Yannick erstaunt und fragte gleich: »Hast du denn Erfahrung als Bedienung?«
»Nein, aber mir scheint, als wärst du über jede Hilfe erfreut«, sagte Romy an Erika gewandt.
»Genau. Lass dich nicht von meinem Bruder einschüchtern. Weißt du was? Komm doch einfach Anfang Mai einmal vorbei und schau es dir an. Dann kannst du dir ein Bild machen …«, schlug Erika vor und zwinkerte ihrem Bruder siegessicher zu. »Wie sieht es aus? Möchtest du dich kurz zu uns setzen?«, , fragte sie.
Erstaunt sah Romy Erika an, warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und nickte. »Ja, etwas Zeit habe ich. Aber ich will euch auf keinen Fall stören. Wir können uns auch gern ein anderes Mal darüber unterhalten«, schlug sie mit einem unsicheren Blick zu Yannick vor.
Heute trug er ein graues T-Shirt und kurze Hosen, dazu ein schwarzes Baseball Cap und neben ihm auf dem Tisch lag eine verspiegelte Sonnenbrille. Er hielt wohl nicht viel von eleganter Kleidung?
»Keine Sorge. Komm und setz dich zu uns.« Er grinste und zog, ohne sich zu erheben, einen Stuhl vom Nachbartisch herüber. »Ich wollte mir sowieso einen zweiten bestellen«, sagte er und zeigte dabei auf die leere Kaffeetasse vor sich.
Sobald Romy saß, begann Erika begeistert von ihrem Alp Café zu erzählen.
Seit drei Jahren lebte sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Sommer auf der Alp und im Winter in der Stadt. Inzwischen hatte sich das Alp Café herumgesprochen und wurde vor allem von Wanderern gerne besucht. Abends bestand die Kundschaft eher aus Gruppen, die im Voraus reservierten, erklärte Erika. Ihre Begeisterung war derart ansteckend, dass Romy ernsthaft begann zu erwägen, über den Sommer bei ihr zu arbeiten. Erst als Yannick, der sich die Zeit auf dem Handy vertrieben hatte, sich bemerkbar machte, sah Romy, wie spät es war.
»Ach nein. Jetzt werde ich wohl eher einen Erdbeersalat als eine Erdbeertorte zubereiten müssen«, sagte sie mehr zu sich selbst.
»Das wird ja immer besser. Ich lasse euch mal allein«, stöhnte Yannick und erhob sich.
»Du kannst backen?«, rief Erika erfreut. »Perfekt.« Bevor sie sich versah, schloss Yannicks Schwester sie in die Arme und drückte sie. »Du musst unbedingt vorbeikommen, sobald das Café offen ist«, raunte Erika ihr zu.
Yannick verdrehte übertrieben die Augen und zog seine Schwester von Romy weg. »Jetzt übertreibst du es aber. Lass sie doch erst einmal in Ruhe darüber nachdenken«, sagte er und warf Romy einen entschuldigenden Blick zu.
»Ich melde mich, versprochen. Deine Nummer habe ich ja inzwischen«, lächelte Romy und winkte zum Abschied.
»Wir sehen uns«, verabschiedete sich auch Yannick und zählte das Geld für ihre Getränke ab.
»Ach ja …?«, fragte Erika mit leicht angehobener Braue und blickte erfreut zu ihrem Bruder. Dieser verzog übertrieben die Augen und meinte lachend: »Ja, ja. Ich weiß genau, woran du jetzt denkst.«»Ach ja …?«, fragte Erika mit leicht angehobener Braue und blickte erfreut zu ihrem Bruder. Dieser verzog übertrieben die Augen und meinte lachend: »Ja, ja. Ich weiß genau, woran du jetzt denkst.«