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„Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren? Alles lief großartig, und endlich einmal ohne jedes Drama.“
Alexi warf einen Blick auf ihre Freundin Cheryl Hopgood, die hinter der halb offenen Küchentür stand. Sie befanden sich im Hopgood Hall Boutique Hotel, das Cheryl und ihrem Mann gehörte. Auch Alexi hielt einen kleinen Anteil an dem Hotel in Lambourn. Cheryl hatte die ganze Zeit über ein tapferes Gesicht aufgesetzt, aber jetzt, wo sie sich unbeobachtet fühlte, war ihre Verzweiflung unverkennbar.
„Das ist so ungerecht“, klagte Alexi. „Ausgerechnet jetzt! Ich würde Cheryl und Drew so gerne unterstützen, aber ich weiß nicht, wie.“ Aus verweinten Augen blickte sie zu ihrem Freund Jack Maddox auf. „Du kannst doch so gut mit Menschen umgehen. Sag mir, was soll ich tun?“
„Das ist eine schwierige Situation.“ Jack legte tröstend den Arm um Alexi. „Es klingt vielleicht abgedroschen, aber die Zeit heilt alle Wunden. Sei einfach für Cheryl da, so wie ich für Drew da bin. Die Beerdigung ist vorüber, die trauernde Witwe hat sich zurückgezogen, und wir kümmern uns jetzt um unsere Freunde.“
Alexi warf Jack einen zweifelnden Blick zu. „Wenn du meinst.“
Schnell bewegte sie sich von der Küchentür weg, damit Cheryl sie nicht im Flur stehen sah. Es wäre ihr bestimmt peinlich gewesen, wenn Alexi und Jack sie hätten weinen sehen. Wahrscheinlich würde sie ihren labilen Gemütszustand auf ihre Schwangerschaft schieben – immerhin war sie schon im sechsten Monat. Das spielte vermutlich eine Rolle, doch Alexi war sich vollkommen sicher, dass dies nicht der wahre Grund für Cheryls Tränen war.
„Dabei haben Drew und sein Bruder sich gar nicht besonders nahegestanden“, fügte Alexi hinzu und lehnte sich an die Wand neben der Küchentür. „Trotzdem war Frank erst in seinen Vierzigern. Sein Tod ist so unnötig.“
„Unfälle passieren, Liebling.“
„Ich weiß, aber …“
Alexi wischte eine vereinzelte Träne weg. Sie hatte Frank nur ein paarmal getroffen und kannte ihn nicht besonders gut. Nach seinem Tod erschien es ihr falsch, zuzugeben, dass sie ihn nicht besonders gemocht hatte. Charakterlich war Frank seinem Bruder Drew alles andere als ähnlich. Frank hatte sich wie ein ruheloser Geist verhalten, der ständig auf der Jagd nach dem Unerreichbaren war. Nach dem Tod seiner Eltern wollte Frank nichts von einer Renovierung von Hopgood Hall wissen. Stattdessen zwang er seinen Bruder dazu, ein Darlehen aufzunehmen, das der sich eigentlich gar nicht leisten konnte. Damit zahlte Drew Frank schließlich seine Hälfte des gemeinsamen Erbes aus.
„Am besten leistet du Cheryl Gesellschaft. Obwohl die Beerdigung schon letzte Woche stattgefunden hat, frisst sie immer noch alles in sich hinein. Irgendetwas treibt sie um. Schau mal, ob du sie zum Reden bringen kannst. Das hilft immer, vor allem, wenn die Zuhörerin so mitfühlend ist wie du.“
„Damit könntest du recht haben.“
„Ich mache mich mal auf die Suche nach Drew und versuche dasselbe bei ihm.“
Alexi schluckte, nickte kurz und setzte ein Lächeln auf. Sie atmete tief durch. Mit ihrer Wildkatze Cosmo und seinem treuen Freund Silgo im Schlepptau trat sie in die Küche ein. Silgo war ein Hund mit fragwürdigem Stammbaum, den Alexi erst vor Kurzem bei sich aufgenommen hatte. Cheryl hingegen hatte Alexi unter ihre Fittiche genommen, als Letztere ihre Stelle beim Sunday Sentinel verloren hatte. Hier in Lambourn konnte Alexi in Ruhe ihre Wunden lecken, bis sie den Schock überwunden hatte. Es war allerhöchste Zeit, dass sie sich bei Cheryl revanchierte.
Mit einem „Hallo“ stellte sie sicher, dass Cheryl ihr Eintreten nicht erschreckte. Doch das war gar nicht nötig, denn Cheryls kleiner Terrier Toby bemerkte Cosmo sofort. Er verfiel in ein aufgeregtes Kläffen und tanzte regelrecht um den Kater herum, der viel größer war als er selbst. Es sah aus, als ob er einen Freudentanz aufführte. „Man könnte meinen, dass die beiden monatelang voneinander getrennt waren“, merkte Alexi mit gestellt heiterer Stimme an.
„Toby leidet unter Verlassensängsten“, erwiderte Cheryl. Sie lächelte unter Tränen.
Alexi umarmte ihre Freundin, was durch Cheryls Babybauch erschwert wurde. „Fühlst du dich mal wieder niedergeschlagen?“, fragte sie.
„Das sind wohl die Hormone. Alles in meinem Körper gerät gerade durcheinander“, erwiderte sie. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und seufzte.
Alexi ging zum Kühlschrank und schenkte Cheryl ein Glas Orangensaft ein. Danach holte sie sich eine Tasse Kaffee aus der Kanne, die immer angeschaltet war. Sie setzte sich ihrer Freundin gegenüber und wartete darauf, dass Cheryl das Schweigen brach. Alexi spürte, dass ihre Freundin sich etwas von der Seele reden wollte, leistete ihr aber gerne auch schweigend Gesellschaft.
„Manchmal ist das Leben echt beschissen“, sagte Cheryl schließlich und fuhr sich mit der Hand über die feuchten Wangen. „Ich weiß gar nicht, warum ich mich so aufrege. Frank ist tot. Natürlich war er noch ziemlich jung, aber wie ich immer sage, gibt es im Leben keine Garantien. Außerdem haben wir ihn in den letzten drei Jahren kaum noch gesehen. Seit Drew ihm seinen Erbteil ausgezahlt hat, hatten wir praktisch nichts mehr mit ihm zu tun.“
„Ich erinnere mich an Frank. Zu Uni-Zeiten war er ein richtiger Partylöwe. Damals hatte er ein sehr enges Verhältnis zu Drew. Ich habe mich oft gefragt, was zwischen den beiden vorgefallen ist. Da ich selbst keine Geschwister habe, weiß ich nicht, welche Veränderungen im Verhältnis zueinander eintreten, wenn man erwachsen wird und Verantwortung übernehmen muss.“
„Frank ist nie wirklich erwachsen geworden.“ Cheryl verdrehte die Augen. „Das war Teil des Problems.“
„Drew hätte sich bestimmt gewünscht, dass Frank in das Hotel investiert. Stattdessen hat er euch beinahe in den Ruin getrieben, damit er seine Hälfte einstreichen und abhauen konnte.“
Cheryl hob ruckartig den Kopf. „Davon habe ich dir nie erzählt.“
„Das war auch nicht nötig. Ich kann zwischen den Zeilen lesen. Das ist schließlich mein Beruf.“
„Na ja, es stimmt schon.“ Cheryl rang die Hände. „Frank war ziemlich sprunghaft. Ohne dieses hohe Darlehen wäre es uns viel besser ergangen. Alles wäre leichter gewesen, aber er hat nun mal die Hälfte von Hopgood Hall geerbt. Er konnte es kaum erwarten, alle möglichen Geschäftsideen auszuprobieren. Letztlich kam Drew zu dem Schluss, dass es besser wäre, in den sauren Apfel zu beißen und Frank das Geld zu geben. Dadurch konnten wir das Hotel so führen, wie wir es für richtig hielten, ohne dass Frank ständig unausgegorene, unrealistische Ideen beisteuert.“
„Ich meine mich zu erinnern, dass du mir erzählt hast, wie sehr Frank gegen die Umwandlung von Hopgood Hall in ein Hotel war.“
„Stimmt. Er wollte, dass es das Zuhause der Familie bleibt. Allerdings hat er die Tatsache ignoriert, dass das Haus praktisch vor unseren Augen zusammengebrochen ist.“ Cheryl stützte den Ellbogen auf dem Tisch ab und legte die Wange in die Hand. „Frank war ein Träumer. Ein charmanter Kerl, der leider jeden Bezug zur Realität vermissen ließ. Mit seinen unrealistischen Vorstellungen hat er Drew fast in den Wahnsinn getrieben. Als wir ihn ausbezahlt hatten, ist er nach Australien abgehauen. Er hat geschworen, dass er als Millionär zurückkommt, aber das ist natürlich nie passiert. Wir hatten keine Ahnung, was er in Down Under gemacht hat, aber dann …“
„Dann ist er als verheirateter Mann zurückgekommen, zusammen mit Stella der Stilikone. Aber das sollte uns wahrscheinlich nicht überraschen. Die Frauen fühlten sich schon immer von ihm angezogen.“
„Allerdings. Ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag noch erlebe, an dem Frank vor den Traualtar tritt. Stella ist halb so alt wie er und extrem anspruchsvoll. Sie arbeitet im Marketing und ist so ehrgeizig, wie man es sich nur vorstellen kann. Er stand komplett unter ihrer Fuchtel, das steht außer Frage.“ Cheryl lächelte ironisch. „Wie du vielleicht schon bemerkt hast, bin ich nicht gerade ihr größter Fan.“
„Na ja. Ich habe gesehen, wie sie Franks Beerdigung als Bühne für sich genutzt hat“, erwiderte Alexi und rümpfte die Nase. „Diese ganze vorgespielte Trauer war einfach nur abstoßend. Zumindest nehme ich an, dass sie vorgespielt war. Vielleicht war ihre Trauer ja aufrichtig und ich bin einfach nur gemein, aber aus irgendeinem Grund glaube ich nicht, dass ich mich irre. An diesem Tag habe ich sie nämlich telefonieren hören. Sie hat sich mit jemandem über eine Geschäftsidee unterhalten, und damit hat sie mich so richtig gegen sich aufgebracht. Ich meine, wer macht so etwas auf der Beerdigung seines eigenen Mannes?“ Alexi stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie zog es vor, nicht zu erwähnen, dass Stella an diesem Tag wie eine Wahnsinnige mit jedem Mann geflirtet hatte, der sie ansprach. Damit wollte sie Cheryl nicht belasten. „Warum sind die beiden eigentlich nach Großbritannien zurückgekommen?“
„Das konnten wir nicht herausfinden, hauptsächlich, weil Stella Frank von Drew ferngehalten hat. Jedenfalls sind sie vor wenigen Monaten zurückgekehrt. Drew sagte, dass er seinen lebenslustigen Bruder nicht wiedererkannt hat. Es war, als hätte man ihm die ganze Energie ausgesaugt. Frank hatte sich praktisch in Stellas Schoßhündchen verwandelt. Drew hat damals Scherze darüber gemacht, dass Frank wahrscheinlich nicht mal aufs Klo gehen durfte, ohne Stella um Erlaubnis zu bitten.“
„Na gut, aber das erklärt noch nicht, warum sie zurückgekommen sind.“
Cheryl zog die Schulter hoch. „Da bin ich mir nicht sicher. Wie ich schon sagte, traf anscheinend Stella alle wichtigen Entscheidungen. Also wollte sie vermutlich nach Großbritannien. Was Stella sich in den Kopf gesetzt hatte, bekam sie auch. Hier gibt es wohl mehr Möglichkeiten für Leute mit großen Ambitionen. Dank ihrer Ehe mit Frank konnte sie ins Land kommen und sich für längere Zeit hier aufhalten.“
„Ich verstehe. Und wo lebt Stella jetzt?“
„Das weiß ich nicht. Seit ihrer Ankunft haben sie und Frank uns nur einmal kurz besucht. Mir hat das gereicht, denn Stella war mir auf Anhieb unsympathisch. Die Art und Weise, wie sie Hopgood Hall betrachtet hat, hat mir nicht gefallen. Es war, als ob sie den Wert des Hotels einschätzen wollte. Dazu hat sie andauernd getönt, dass unser Hotel Franks Elternhaus war, und er es schrecklich vermisste.“ Cheryl schauderte. „Mir ist es eiskalt den Rücken heruntergelaufen.“
„Jetzt musst du dich nicht mehr mit Stella herumschlagen“, erwiderte Alexi und griff nach Cheryls Hand. „Sie schnappt sich wahrscheinlich ihr nächstes Opfer, noch bevor die Tinte auf Franks Totenschein getrocknet ist. Tut mir leid“, fügte sie hastig hinzu und hob eine Hand, um ihrem Bedauern Nachdruck zu verleihen. „Das war pietätlos von mir.“
„Aber es ist mit Sicherheit wahr.“ Cheryl seufzte. „Was Stella macht, ist mir egal, solange ich sie nicht sehen muss. Nein, mich beunruhigen nur die Umstände von Franks Tod. Ich kann es einfach nicht glauben, dass er ausgerechnet beim Klettern verunglückt sein soll. Er hat für sein Leben gern geklettert und die Sicherheitsvorkehrungen sehr ernst genommen. Außerdem wäre er niemals alleine losgezogen. Er wusste genau, welche Gefahren bei einem Solo-Trip lauern.“
„Hat die Polizei seinen Tod untersucht?“
„Natürlich, aber nur pro forma. Stella hat ausgesagt, dass Frank frühmorgens aufgestanden ist, um mit einem alten Freund in den Harrison’s Rocks in East Sussex klettern zu gehen.“
„Davon habe ich noch nie gehört.“
„Bis zu dem Unfall hatte ich das auch nicht. Anscheinend handelt es sich dabei um Sandstein-Formationen, die Kletterer aus dem ganzen Land anlocken. Es gibt mehr als 380 Routen in den unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden. Das Anbringen von Sicherungshaken ist streng verboten, wie ich seitdem herausgefunden habe, weil der Fels so weich ist.“
„Also ist dort wohl Freiklettern angesagt.“ Alexi schürzte die Lippen. „Wenn Stella Frank wirklich so unterdrückt hat wie du sagst, dann vermute ich, dass das Klettern seine Flucht aus dem Alltag war. Die weltgewandte Stella hat ihn wohl kaum dabei begleitet.“
„Höchstwahrscheinlich nicht, aber wie ich schon sagte, wäre er niemals alleine losgegangen.“
„Der Frank, den du von früher kanntest, hätte das vielleicht nicht getan, aber für mich klingt es ganz danach, als ob er sich in vielerlei Hinsicht verändert hatte.“
„Na ja, den Rest kennst du ja.“ Cheryl trank einen Schluck von ihrem Saft. „Andere Kletterer haben ihn frühmorgens in einem übel zugerichteten Haufen am Fuß der Felsen gefunden. Frank war wohl alleine unterwegs, denn keiner seiner Kletterfreunde war bei ihm. Man hat angenommen, dass er seine Fähigkeiten überschätzt hat – vielleicht aus den Gründen, die du gerade genannt hast.“
„Das werden wir wahrscheinlich nie erfahren.“
„Ich wünschte mir nur, ich könnte daran glauben, dass es ein Unfall war.“ Cheryl tippte unruhig ein Muster auf die Tischfläche. „Dann könnte ich wenigstens mit der Sache abschließen. Ich weiß ja, dass der Tod seines großen Bruders Drew schwer mitgenommen hat. Er versucht es vor mir zu verbergen, und das macht mich wütend. Ich bin schwanger, nicht geistig beschränkt. Über so etwas sollte er mit mir sprechen.“
„Gibt es jemanden, der Frank schaden wollte?“, fragte Alexi. Sie war sich sicher, dass sie die Antwort auf diese Frage bereits kannte. „Ich verstehe, dass du Stella verdächtigst, aber Frank war nicht superreich. Falls die Ehe wirklich am Ende war, wäre eine Scheidung die bessere Wahl gewesen.“
„Da hast du vollkommen recht.“ Cheryl runzelte die Stirn. Sie hatte Mühe, ihre Gedanken in Worte zu fassen. „Drews aufgestaute Emotionen und seine offensichtlichen Zweifel machen mich fertig. Wie gesagt war Frank ein viel zu erfahrener Kletterer, um alleine loszugehen, aber aus irgendeinem Grund hat er es getan. Wir müssen die Sache wohl auf sich beruhen lassen.“ Cheryl legte sich schützend die Hand auf den hervorstehenden Bauch. „Jetzt müssen wir uns um unsere Familie kümmern. Frank ist tot und Stella wird niemals zu unserer Familie gehören. Sie hat es mehr als deutlich gemacht, dass sie nichts mit uns zu tun haben will. Wie gesagt haben wir sie vor Franks Tod nur ein einziges Mal getroffen. Ich habe versucht, sie in unsere Familie aufzunehmen, aber davon wollte sie nichts wissen. Dann war es das. Jetzt sind wir nur noch zu viert.“
Silgo, der ein feineres Gespür für menschliche Emotionen hatte als Cosmo, ging zu Cheryl hinüber und drückte ihr die nasse Schnauze an die Hand. Cheryl lächelte und zupfte sanft an seinen struppigen Ohren. Diese Geste schien sie zu trösten.
„Die große Promihochzeit im Herbst wird uns bestimmt ablenken“, sagte Alexi. Sie klang euphorisch, als sie über die Hochzeit eines Pferdeausbilders aus der Gegend mit einer seiner Tierpflegerinnen sprach. „Sie wollen ganz groß feiern und machen sich keinen Kopf wegen der Details. Das ist eine willkommene Abwechslung von den ganzen anderen Hochzeiten, die wir bislang hier ausgerichtet haben.“
„Da hast du recht.“ Alexi lächelte. Sie beugte sich nach vorn und drückte Cheryls Hand. „Die Feier findet erst in ein paar Wochen statt. Hoffentlich verschafft uns das bunte Herbstlaub die perfekte Fotokulisse. Das wird die erste Hochzeit, die wir im Inneren des Hotels veranstalten.“ Cheryl klang lustlos, ohne jede Spur ihrer üblichen Begeisterung. Ihr Perfektionismus und ihr brennender Wunsch, die Interessen von Hopgood Hall zu vertreten, waren verschwunden. Normalerweise sorgte sie dafür, dass jedes noch so kleine Detail stimmig war, doch heute wirkte sie geradezu desinteressiert. Allmählich machte Alexi sich ernsthafte Sorgen um ihre Freundin. „Alle anderen Hochzeiten fanden im Sommer statt.“
„Stimmt, aber wenn wir drinnen feiern, müssen wir uns zumindest keine Gedanken über schlechtes Wetter machen.“
In diesem Augenblick betraten Drew und Jack den Raum. Ab da konzentrierte sich die Unterhaltung auf Hochzeiten. Drew scherzte, dass allmählich Alexi und Jack an der Reihe waren, die Ringe zu tauschen. Alexi merkte ihm jedoch an, dass er nicht mit dem Herzen bei der Sache war. Da ihr nichts mehr einfiel, wie sie Cheryl noch aufbauen konnte, stand Alexi auf.
„Dann lassen wir euch mal allein“, sagte sie. „Jack hat noch mit seinem neuen Fall zu tun“, fügte sie hinzu und bezog sich damit auf seine Arbeit als Privatdetektiv, „und ich muss meine Abgabefrist einhalten. Bis zum Ende der Woche steht die zweite Lektoratsrunde an.“
„Ist Polly zufrieden mit deiner Arbeit?“, fragte Cheryl, die nun etwas mehr Interesse zeigte.
Damit meinte sie das Buch, an dem Alexi arbeitete. Alexi war Investigativjournalistin und schrieb gerade über einen Mord, der sich vor Kurzem in Lambourn ereignet hatte. Es war einer von insgesamt vier Morden, wie sie sich schaudernd wieder ins Gedächtnis rief. Polly, die Besitzerin der örtlichen Pension, war früher eine von Alexis ärgsten Gegenspielerinnen in diesem kleinen Dorf gewesen – bis sie beschuldigt wurde, ihren Lebensgefährten umgebracht zu haben. Daraufhin war sie völlig verzweifelt zu Alexi und Jack gelaufen und hatte die beiden um Hilfe angefleht. Trotz aller Widrigkeiten hatten Alexi und Jack es geschafft, den wahren Mörder zu entlarven. Jetzt zählten Polly und ihre Freundin Maggie zu Alexis größten Fans.
„Es scheint so. Der Mann, für den sowohl Polly als auch Maggie Gefühle hatten, war wirklich hinterhältig. Ich glaube, dass diese Enthüllung den beiden hilft, über den Verlust hinwegzukommen. Zumindest hoffe ich das.“
„Ich auch“, sagte Cheryl mitfühlend. Vermutlich dachte sie gerade über Franks vorzeitiges Ableben nach – und über Drews Schwierigkeiten, damit zurechtzukommen.
Die weitere Unterhaltung rauschte an Alexi vorbei. Sie ließ ihre Gedanken ziellos umherschweifen und dachte über Franks Unfall nach. Vermutlich würden Cheryl und Drew erst dann zur Ruhe kommen, wenn die Sache gründlicher untersucht wurde. Alexi hatte gehofft, dass sie nach der Beerdigung mit der Sache abschließen konnten, aber das war eindeutig nicht der Fall. Stellas Verhalten hatte ihre Zweifel nur noch verstärkt. Dennoch war Alexi sich unsicher, wie man einen solchen Vorfall nach so langer Zeit noch untersuchen konnte. Die Umstände von Franks Tod waren auf den ersten Blick unverdächtig, wenn man darüber hinwegsah, dass ein erfahrener Kletterer alle Sicherheitsvorkehrungen missachtet und sich alleine auf den Weg gemacht hatte, weshalb es keine Zeugen gab. Wie auch immer, Cheryls Zweifel färbten auf Alexi ab. Sie vermutete, dass Drews Schilderungen Jack ähnlich misstrauisch gemacht hatten. Als ehemaliger Polizist war Jack darauf gepolt, Unstimmigkeiten sofort zu erkennen. Drew musste nur erwähnen, dass er einen Verdacht hegte.
Sie konnten genauso gut unauffällig Nachforschungen anstellen. Alexi wollte Jack diesen Vorschlag unterbreiten, sobald sie allein waren. Vielleicht konnten sie ja herausfinden, wie es um Franks Ehe bestellt war, und etwas über Stellas Vergangenheit in Erfahrung bringen. Unter gewöhnlichen Umständen hätte Alexi dies niemals in Erwägung gezogen, doch Stella verfolgte eindeutig ihre eigene Agenda. Sie hatte bekommen, was sie wollte. Ihre Ehe mit Frank hatte ihr das Recht auf die britische Staatsangehörigkeit verschafft ‒ falls das ihr Ziel war. Alexi wurde den Verdacht nicht los, dass hinter Stellas attraktivem Äußeren noch viel größere Ambitionen schlummerten.
Alexi und Jack verabschiedeten sich, sammelten Kater und Hund ein und waren gerade im Begriff, die Küche zu verlassen, als ein lautes Knurren aus Silgos Kehle kam. Der Hund hatte ein freundliches Wesen, weshalb ihn alle erstaunt anblickten. Alexi bemerkte, wie er sich versteifte. Einst ein misshandelter, ungeliebter Wachhund, war er viel mutiger geworden, seit Alexi ihn bei sich aufgenommen hatte. Allerdings verspürte er nur selten das Bedürfnis, jemanden anzuknurren.
„Was ist denn, mein Junge?“, fragte Jack und kraulte dem Hund die Ohren.
Jacks Frage wurde beantwortet, als die Tür aufging und Stellas athletische Gestalt in der Öffnung erschien.
„Hallo“, hauchte sie. „Tut mir leid, dass ich unangemeldet vorbeikomme, aber ich war gerade in der Gegend. Außerdem sind wir ja jetzt verwandt. Wir hatten bisher keine Gelegenheit, einander richtig kennenzulernen. Es ist allerhöchste Zeit, das zu ändern, findet ihr nicht?“
***
Jack und Alexi sahen sich an. Es war offensichtlich, dass Stellas plötzliches Auftauchen Alexi genauso misstrauisch gemacht hatte wie ihn. Drew hatte ihm gerade erzählt, dass die Beziehung seines Bruders mit Stella daran schuld war, dass der Kontakt zwischen den Brüdern abgebrochen war. Dabei war ihr Verhältnis nach Franks Abreise nach Australien ohnehin nicht besonders eng gewesen … Es hatte sich schnell gezeigt, dass Stella nicht bereit war, Frank mit jemandem zu teilen ‒ noch nicht einmal mit seiner eigenen Familie.
Drew hatte sich zunächst darüber gefreut, dass sein unsteter Bruder sich endlich niederlassen wollte. Er war gespannt darauf, die Frau kennenzulernen, die diesen Sinneswandel ausgelöst hatte. Allerdings hatte Stella ihnen nachdrücklich klargemacht, dass Frank jetzt tabu war. Drew hatte nicht verstanden, warum. Das tat er immer noch nicht, aber vielleicht wurden die Dinge klarer, wenn er sich ein bisschen mit der Frau unterhielt. Jack wusste noch nicht, ob Stellas Auftauchen im Hotel gut oder schlecht war. Er konnte nachvollziehen, warum Drew so misstrauisch dreinblickte, würde ihr aber eine Gelegenheit geben, sich zu erklären.
„Stella“, sagte Drew. „Das ist eine Überraschung.“
„Es ist alles so schrecklich“, erwiderte Stella und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. Sie stieß einen Schrei aus, als Cosmo sie anknurrte und Silgo mit gesträubtem Fell den Rücken krümmte. „Muss das wirklich sein …?“
Sie starrte die aufgeregten Vierbeiner an und verstummte. Stella warf sich das lange Haar über die Schulter und lächelte Drew an. Sie war eindeutig der Ansicht, dass dies ausreichte, damit Drew Cosmo und Silgo aus der Küche verbannte. Drew zuckte jedoch nur mit den Schultern. Sein Gesichtsausdruck war wie in Stein gemeißelt. Jack spürte eine Verletzlichkeit unter der selbstbewussten, attraktiven Fassade, die diese Frau der Außenwelt präsentierte. Allerdings war diese Gefühlsregung so tief verborgen, dass sie nur einem aufmerksamen Beobachter auffiel. Es hätte Stella vermutlich nicht gefallen, dass sie noch etwas anderes ausstrahlte als Selbstbewusstsein, Weltgewandtheit und Kompetenz. Jack fragte sich, ob sie Frank wirklich geliebt hatte – und ob sie um ihn trauerte. Einstweilen wollte er ihr einen Vertrauensvorschuss gewähren, obwohl Cosmo eindeutig Stellung gegen sie bezogen hatte. Für gewöhnlich traf Cosmo mit seinem Urteil den Nagel auf den Kopf.
„Haben Sie etwas gegen Haustiere?“, fragte Jack in neutralem Tonfall.
„Ganz und gar nicht … ich hatte nur gehofft, Drew und Cheryl alleine anzutreffen. Wir haben einiges zu besprechen und …“ Sie sah Alexi und Jack an und nickte. „Würden Sie uns bitte entschuldigen?“
Bis dahin hatte Stella nur mit Drew gesprochen. Sie hatte Jack einer prüfenden Betrachtung unterzogen, Cheryl und Alexi jedoch keines Blickes gewürdigt. Jack beobachtete, wie die beiden Frauen Blicke austauschten. Er war froh darüber, dass Alexi es geschafft hatte, nicht die Augen zu verdrehen. Stella schien Frauen nicht besonders zu mögen und darüber hinaus zu glauben, dass Drew nach ihrer Pfeife tanzen würde. Jack bemerkte, wie Drews Gesichtsausdruck sich verdüsterte. Er wartete gespannt darauf, wie sich dieses Gespräch entwickeln würde.
„Das sind Jack Maddox und Alexi Ellis“, erklärte Drew. „Du hast sie ja schon auf der Beerdigung getroffen.“ Er legte den Arm um Cheryl. „Alexi hat eine größere Summe in dieses Hotel investiert. Außerdem ist sie eine respektierte Journalistin.“
„Natürlich.“ Stella senkte den Blick, griff in die Tasche ihrer hautengen Jeans und holte ein Taschentuch heraus, mit dem sie sich über die Augen fuhr. „Es tut mir leid, wenn ich wie ein Dummkopf wirke, Cheryl. Meine Welt wurde völlig auf den Kopf gestellt.“ Sie stieß einen Schluchzer aus. „Du siehst Frank so ähnlich, Drew, dass es schon fast unheimlich ist.“
„Angesichts der Tatsache, dass wir Brüder sind, ist es nicht so unheimlich“, erwiderte Drew trocken. Er war völlig ungerührt von Stellas Vorstellung und bot ihr keinerlei Erfrischungen an. „Also, was können wir für dich tun?“
Stella fuhr bei seinem scharfen Tonfall ruckartig hoch. Ärger verzerrte ihr Gesicht. „Warum glaubst du, dass ich etwas von euch will?“
„Wie lange wirst du in unserer Gegend bleiben?“, fragte Cheryl. „Wo wohnst du überhaupt, wenn wir schon davon sprechen?“
„Na ja, das ist es ja. Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht eine Weile hierbleiben kann.“
„Hier?“, fragten Drew und Cheryl gleichzeitig.
„Im Hotel“, fügte Drew hinzu und kratzte sich am Kinn. „Was um alles in der Welt hast du in Lambourn vor?“
„Ich möchte meine Optionen evaluieren“, sagte Stella. „Frank und ich hatten große Pläne, aber bevor wir etwas davon umsetzen konnten, ist er verunglückt.“
„Welche Pläne?“, fragte Drew. „Mein Bruder hatte immer viele Ideen, ist aber nie lange an einer Sache drangeblieben.“
Jack hatte das Gefühl, dass er und Alexi gerade ein privates Familientreffen störten. Wenn es nach den Blicken ging, die Stella ihnen zuwarf, war sie derselben Meinung. Cheryl beantwortete Alexis Sollen-wir-euch-allein-lassen-Blicke jedoch mit vehementem Kopfschütteln. Jack war froh darüber. Diese Frau wollte etwas von Drew. Obwohl Drew seine eigenen Schlachten schlagen konnte, konnte es nicht schaden, wenn er ihm ein wenig moralische Unterstützung anbot.
„Na ja, genau das ist das Problem.“ Stella hielt inne, um ihre glänzenden Lippen mit der Zunge zu befeuchten. „Frank hat darüber nachgedacht, wieder eine größere Rolle in diesem Hotel einzunehmen.“
2
Alexi beobachtete, wie Drews Unterkiefer geradezu hinunterklappte. Es kostete sie einiges an Willenskraft, es ihm nicht nachzutun. Was für ein Spiel diese Frau auch spielte, war es Alexi dennoch nicht in den Sinn gekommen, dass sie versuchen würde, sich in das Hotelgeschäft einzumischen. Sie sah Cheryl an, deren Gesichtsausdruck eine Mischung aus Schock und Zorn widerspiegelte.
„Frank hat uns seinen Anteil am Hotel verkauft“, sagte Drew. Seine Stimme bebte vor unterdrücktem Ärger. „Aber das weißt du bestimmt schon.“
„Du wirkst überrascht“, erwiderte Stella. „Netter Versuch, aber das kannst du nicht wirklich sein. Frank sagte, dass er mit dir in Verhandlungen stand.“
Drew warf ihr einen abschätzenden Blick zu. „Das wäre mir neu.“
„Mach es dir nicht schwerer, als es ist.“ Stella schaltete ihren Charme an, wobei sie alle anderen im Raum ignorierte. Silgo spürte die Anspannung und knurrte. Cosmo stolzierte zu Stella hinüber und fauchte sie an. Alexi rief ihre Haustiere nicht zurück, doch Stella verhielt sich, als ob sie nicht da wären. Das war entweder tapfer oder ausgesprochen töricht. Für Silgo waren solche Situationen ungewohnt, doch Cosmo war dafür bekannt, nicht gerade zimperlich vorzugehen, wenn er jemanden nicht ausstehen konnte. „Trotz eurer Differenzen war Frank dein Bruder. Du warst ihm wichtig. Er wusste, dass ihr das Hotel gemeinsam auf ein noch höheres Niveau heben könntet. Mit anderen Worten strebte er nach Exklusivität. Er wollte Hopgood Hall auf der ganzen Welt bekannt machen. So ist das heutzutage mit Hotels. Die Städte sind zu teuer, aber Landhotels der gehobenen Kategorie mit Sterneköchen stehen bei den Besuchern hoch im Kurs. Zusammen mit meiner Fähigkeit, für Aufmerksamkeit zu sorgen, hätten wir unmöglich scheitern können. All das hat Frank dir erzählt, woraufhin du ihn ermutigt hast, nach Hause zu kommen und verschiedene Optionen auszuloten.“
Als niemand auf ihre absurden Behauptungen reagierte, schien Stella endlich zu begreifen, dass sie keinem geneigten Publikum gegenüberstand. Sie verfiel in Schweigen. Nur Cosmos Fauchen und Silgos drohendes Knurren durchbrachen die angespannte Stille.
„Seit Frank damals England verlassen hat, habe ich kein einziges Mal allein mit ihm gesprochen. Du warst immer dabei“, sagte Drew schließlich in beißendem Tonfall. „Aber falls er mir einen so lächerlichen Vorschlag unterbreitet hätte, wie du gerade behauptet hast, hätte ich ihm klipp und klar gesagt, dass er sich verziehen soll.“
„Frank hat keinen Anspruch auf dieses Hotel, Stella“, fügte Cheryl hinzu, „und er hätte auch niemals etwas anderes behauptet. Ich finde es ganz abscheulich von dir, dass du auch nur versuchst, einen Toten zu benutzen, um dich zu bereichern.“
„Oh, ich sehe, was ihr vorhabt.“ Stella stützte den Kopf in die Hände und seufzte. „Frank hat mir schon gesagt, dass ihr ihn nicht fair behandelt habt.“
Drew lief knallrot an. Er schluckte, stieß die Luft aus und ballte die Fäuste. Cheryls Mann war der unkomplizierteste Mensch, den Alexi jemals getroffen hatte. Normalerweise haute ihn nichts um. Er sah immer das Gute in den Menschen, doch diese Frau hatte ihn mit ihren lächerlichen Forderungen in den Grundfesten erschüttert. Er stand kurz davor, durchzudrehen, was kein Wunder war. Alexi wusste, dass Drew über alle Maßen großzügig mit seinem Bruder verfahren war. Er hatte viel mehr bezahlt, als Frank verdiente oder erwarten konnte. Drew war großzügiger gewesen, als er es sich leisten konnte, einfach weil er so ein guter Mensch war. Und jetzt kam diese geldgierige Betrügerin und missbrauchte Franks Tod für ihre Zwecke. Vermutlich hatte sie das Erbe ihres Mannes bereits durchgebracht und versuchte, Drew emotional zu erpressen, um auf diese Weise abzukassieren.
Es war wirklich unglaublich.
„Frank hat die Hälfte des Immobilienwertes zum Zeitpunkt des Todes unserer Mutter ausbezahlt bekommen“, sagte Drew. „Er hatte schon eine Vorstellung, was er mit dem Geld anfangen wollte. Ich vermute, dass er mit deiner Hilfe alles durchgebracht hat, was womöglich auch der Grund für eure Rückkehr nach England war. Allerdings kann ich dir versichern, dass er nicht bettelnd zu mir gekommen ist.“
„Zeigen Sie uns doch einen Beweis für diese angeblichen Verhandlungen“, sagte Jack in die anhaltende Stille.
„Entschuldigen Sie, aber das geht Sie nichts an“, sagte Stella aufmüpfig. Ihr australischer Akzent war deutlich zu hören. „Das ist eine Familienangelegenheit.“
Cheryl funkelte Stella wütend an. „Du gehörst nicht zur Familie. Das wirst du auch nie.“
„Trotzdem …“ Stella wedelte mit der Hand in die Richtung, wo Alexi und Jack standen.
„Alexi ist Mitbesitzerin dieses Hotels“, erinnerte Drew sie. „Sie hat jedes Recht, deine schwachsinnigen Ergüsse zu hören, bevor ich dich hinauswerfe. Du regst meine Frau auf, und wenn Cheryl aufgeregt ist, bin ich es auch. Glaub mir, das willst du nicht erleben.“
„Tut mir leid.“ Stellas Entschuldigung klang banal und unaufrichtig. „Schau, Frank hat mir erzählt, dass ihr miteinander gesprochen habt. Du wolltest über seine Bitte nachdenken, und er sollte herkommen, damit ihr darüber reden könnt. Das Ganze sollte stattfinden nach … na ja, an dem Tag, als er abgestürzt ist.“
„Haben Sie ihn nicht bei seiner Tour begleitet?“, fragte Jack.
„Gütiger Gott, nein!“ Stella erschauderte. „Ich habe Höhenangst. Das Meer ist mir lieber. Ich surfe für mein Leben gern.“
Darauf würde ich wetten! Alexi hatte keine Schwierigkeiten, sich Stella in einem engen Neoprenanzug vorzustellen. Leider sah sie vermutlich sogar darin noch gut aus, aber das war nicht der Punkt.
„Mich würde interessieren, warum Frank geglaubt haben soll, dass er noch irgendwelche Ansprüche auf Hopgood Hall hätte“, sagte Alexi.
Stella ließ ihren Blick kurz auf Alexis Stirn ruhen und wich ihr dann aus. Stattdessen sah sie Jack an, doch falls sie geglaubt hatte, dass ihre Zurschaustellung von Zerbrechlichkeit und verletztem Stolz bei ihm Unterstützung fand, musste sie ihren Irrtum schnell einsehen. „Der damalige Marktpreis war die Grundlage für die Wertermittlung.“
„Und?“, fragten Drew und Jack gleichzeitig.
„Der Wert war zu niedrig angesetzt.“ Sie rang die Hände. „Schau, das weißt du wahrscheinlich nicht. Frank hatte so etwas wie einen Zusammenbruch, als eure Mutter gestorben ist, Drew. Sie standen sich wohl sehr nahe. Ihr Tod hat ihn schwer getroffen.“
Drew nickte. Sein Gesichtsausdruck war wie versteinert. „Es war für uns beide niederschmetternd, kam aber nicht unerwartet.“
„Frank ist regelrecht zusammengebrochen und brauchte einen Tapetenwechsel. Deshalb hat er sich so günstig abfinden lassen.“
„Nichts an dieser Abfindung war günstig!“, rief Cheryl wütend. „Frank wollte weg. Mein Schwager schien im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zu sein und konnte es kaum erwarten, das Land zu verlassen. Er war voller Zukunftspläne und sagte, dass er seine Flügel ausbreiten wollte. Lambourn hielte ihn nur zurück. Nach dem Tod seiner Mutter hielt ihn hier nichts mehr.“
„Frank hat sich doch mit Sicherheit professionelle Unterstützung für sein Leiden gesucht“, vermutete Jack.
„Äh, nein.“ Stella wirkte zutiefst unglücklich. „Ihr wisst ja, wie empfindlich Männer bei solchen Dingen sind. Sie finden es unmännlich, Schwächen zuzugeben, insbesondere, wenn es dabei um psychische Beschwerden geht.“
„Dann haben wir nur Ihr Wort, dass mit Frank etwas nicht stimmte“, schlussfolgerte Alexi. „Oder dass er nach Hause gekommen ist, um Drew und Cheryl Geld abzunehmen.“
„Sie glauben, dass ich …“ Stella zeigte auf sich. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte rechtschaffene Entrüstung wider. „Dass ich versuchen würde, die Familie meines Mannes zu betrügen.“
Ihr Ärger war beinahe überzeugend.
Aber nur beinahe.
„Ich spreche wohl für uns alle, wenn ich sage, dass uns dieser Gedanke in den Sinn gekommen ist“, erwiderte Drew.
Stellas Gesicht verzerrte sich vor Wut. „Falls du es vergessen hast, haben eure Eltern die Immobilie eindeutig euch beiden hinterlassen.“
„Erzähl mir etwas, das ich noch nicht weiß“, sagte Drew. Er lehnte an der Arbeitsfläche und tippte ruhelos darauf herum.
„Aber nur du bist im Grundbuch eingetragen, Drew.“
„Nachdem Frank mich beinahe in den Bankrott getrieben hat, weil er auf der Auszahlung seiner Hälfte bestand.“
„Und wo ist die Vereinbarung hinterlegt, mit der Frank im Gegenzug für die Auszahlung seine Hälfte der Immobilie an dich abtritt?“, fragte sie zuckersüß.
Drew atmete hörbar aus. „Frank hat mir seine Hälfte an Hopgood Hall übertragen, woraufhin unser Anwalt die Umschreibung des Grundbuchs auf mich allein veranlasst hat. Wir waren Brüder. Ein schriftlicher Vertrag war nicht nötig.“ Drew warf Stella einen Blick zu, der voller Verachtung war. „Das dachten wir zumindest.“
„Na ja, dann tut es mir leid, dass es so weit kommen musste“, sagte Stella und stand auf. „Ich dachte, wir könnten diese Angelegenheit gütlich regeln, aber anscheinend lag ich falsch. Frank war ein Narr, sich so billig abspeisen zu lassen. Als er wieder bei Sinnen war, hat er das auch begriffen. Er wollte das Gleichgewicht wiederherstellen. Als Franks Witwe habe ich keine Wahl, als seinen Wünschen Folge zu leisten, wenn auch posthum.“
„Eines sollten Sie wissen“, sagte Alexi, die nahe an die Frau herantrat und damit ihren Distanzbereich verletzte. „Drew und Cheryl waren finanziell am Ende, als ich hier ankam, und das nur, weil sie wegen Frank so ein hohes Darlehen aufnehmen mussten. Sie hätten kein weiteres Geschäftsdarlehen bekommen, weil das Hotel zu diesem Zeitpunkt noch nicht profitabel war.“
Alexi dachte kurz an die hohe Summe, die sie in Hopgood Hall investiert hatte. Dank ihrer Hilfe waren Drew und Cheryl in der Lage gewesen, das Ruder herumzureißen. Falls diese Frau einen rechtmäßigen Anspruch hatte, was bedeutete das dann für Alexis Investition? Sie schob diesen Gedanken beiseite. So weit würde es nicht kommen. Sie und Jack mussten einen Weg finden, Stella als Betrügerin zu entlarven und die Interessen von Hopgood Hall zu wahren.
„Was Alexi nicht erwähnt hat, ist die Tatsache, dass uns ihre Unterstützung gerettet hat. Ohne sie wären wir untergegangen. Dann hätten wir schon vor langer Zeit aufgeben müssen“, fügte Cheryl hinzu. Sie stand an Alexis Seite und sprach ihre Gedanken aus, während sie Stella weiterhin wütend anfunkelte. „Tu, was immer du für richtig hältst, um den Tod deines Mannes zu Geld zu machen, aber du wirst nicht unser Lebenswerk zerstören und unter unserem Dach leben. Jetzt verschwinde von hier. Falls du noch einmal mit uns sprechen willst, kann dein Anwalt sich bei uns melden.“
Alexi hatte Cheryl noch nie so aufgebracht erlebt. Am liebsten hätte sie ihr applaudiert. Drew stand hinter ihnen, den Arm beschützend um Cheryl gelegt, und zeigte auf die Tür.
„Stoß dir auf dem Weg nach draußen nicht den Hintern an“, sagte er.
Stella blickte in die feindseligen Gesichter von vier Menschen und zwei Haustieren. Sie nahm ihre Handtasche und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Sobald sie weg war, sahen die Freunde sich an. Niemand schien zu wissen, was er sagen sollte.
„Setz dich, Liebling“, sagte Drew und durchbrach damit das angespannte Schweigen, „bevor du noch zusammenbrichst.“ Er zog einen Stuhl für Cheryl heraus. „In meinem ganzen Leben wollte ich noch nie jemanden umbringen, aber ich schwöre bei Gott, dass ich kurz davorstand, diese verdammte Frau zu erwürgen.“
„Stell dich hinten an“, erwiderte Alexi. Sie setzte sich neben Cheryl und drückte ihr die Hand.
„Lasst euch nicht verrückt machen“, riet Jack und sah Drew an. „Stella versucht es einfach, aber damit lassen wir sie nicht durchkommen. Das war ein Akt der Verzweiflung. Jetzt wissen wir, was sie vorhat. Ihre Verzweiflung müssen wir für uns nutzen.“ Irgendwie, fügte er im Stillen hinzu.
„Langsam verstehe ich, warum Stella mich in solche Unruhe versetzt hat. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich nicht mit Franks Tod abschließen konnte“, überlegte Drew. „Stella war mir auf Anhieb unsympathisch, was bei mir selten vorkommt. Normalerweise komme ich mit allen gut aus, es sei denn, sie geben mir einen Grund, es nicht zu tun. Aber diese Frau hat etwas an sich, das mir die Haare zu Berge stehen lässt. Ich habe gespürt, dass sich da etwas zusammenbraut. Allerdings hätte ich mir nicht einmal in meinen wildesten Träumen vorstellen können, dass …“
„Wildeste Träume beschreibt es ganz gut“, erwiderte Alexi. „Diese Frau hat eine Chance gesehen, und die wollte sie nutzen. Sie weiß jetzt, dass sie mit ihren Ideen auf erbitterten Widerstand stößt. Hoffentlich bleibt sie uns ab sofort vom Leib.“
„Darauf würde ich mich nicht verlassen“, warf Jack ein. „Tut mir leid, dass ich euch in die Parade fahre, aber während meiner Zeit bei der Polizei hatte ich es mit mehr als genug Frauen von Stellas Kaliber zu tun. Sie ist daran gewöhnt, ihren Willen zu bekommen, und verzweifelt genug, um ihr Glück zu versuchen. Pech für sie, dass wir ihr nicht nachgeben werden.“
„Hast du Frank wirklich nichts unterschreiben lassen, dass er für das Geld auf seinen Erbteil verzichtet?“, fragte Alexi sanft.
Drew schüttelte den Kopf. „Unser Anwalt hat uns dazu geraten, aber das erschien mir so … na ja, so geschäftsmäßig. Wir waren eine Familie und haben um unsere Mutter getrauert. Also haben wir das untereinander ausgemacht. Das schien auszureichen.“
„Stand Frank eurer Mutter wirklich so nah, wie Stella behauptet?“, fragte Jack.
„Am Schluss ist sie in ein Pflegeheim gezogen, war aber immer noch bei klarem Verstand. Sie war ziemlich gebrechlich und musste rund um die Uhr gepflegt werden, also erschien uns das als die richtige Lösung. In dem Heim hat es ihr gut gefallen. Frank hat sie dort regelmäßig besucht.“
„Weil er im Gegensatz zu Drew nie einen Vollzeitjob hatte. Er musste nicht verhindern, dass dieses Haus vor unseren Augen zusammenbricht“, fügte Cheryl hitzig hinzu.
„Na ja, gut …“
„Außerdem hat Drew vergessen zu erwähnen, dass ein Teil ihres Schmucks verschwunden ist.“ Cheryl hatte ihrem Ärger eindeutig noch nicht ausreichend Luft gemacht, und Alexi war der Ansicht, dass es ihr guttat, ihre Gefühle in Worte zu fassen. „Drews Mutter hatte nicht viel Schmuck, aber die Stücke waren alt und wertvoll. Wir sind uns ziemlich sicher, dass Frank sich daran bedient hat, aber das konnten wir nicht beweisen. Also hat Drew die Sache auf sich beruhen lassen, um keinen Streit zu provozieren.“
Drew hob hilflos die Hände. Er sah aus, als würde er kurz davorstehen, nach dem Brandy zu greifen, den er zum Kochen verwendete. Im allerletzten Moment änderte er seine Meinung, was eine gute Entscheidung war. Jetzt musste er einen klaren Kopf behalten. Alexi wusste nur zu gut, dass Stella nicht einfach aufgeben würde. Ihr musste von Vornherein klar gewesen sein, dass sie auf beträchtlichen Widerstand stoßen würde. Zumindest auf den ersten Blick gab es keine Grundlage für ihre Forderungen. Was zum Teufel bezweckt sie mit ihrem Vorgehen? Das fragte Alexi sich zum hundertsten Mal.
„Ich bin keine Anwältin, bin mir aber ziemlich sicher, dass sie keinen Anspruch hat“, sagte Alexi. „Allerdings glaube ich, dass sie das nicht davon abhalten wird, uns weiterhin zu belästigen. Warum auch immer.“
„Was kann sie schon tun?“, fragte Cheryl. „Es wurde kein schriftlicher Vertrag über die Summe abgeschlossen, die Frank erhalten hat. Allerdings hat er Drew seinen Anteil am Haus überschrieben. Es gibt Schriftverkehr, der das beweist.“
Ein Quietschen kam durch das Babyphon. Allen im Raum war klar, dass Verity, die kleine Tochter von Cheryl und Drew, aus ihrem Nachmittagsschlaf erwacht war.
„Ich gehe schon“, sagte Drew und bedeutete Cheryl mit einer Handbewegung, sich wieder hinzusetzen. Tagsüber kümmerte sich normalerweise eine Babysitterin um die kleine Verity, aber heute hatte Susie frei.
„Verdammt!“ Cheryl vergrub das Gesicht in ihren Händen und seufzte. „Wie zum Teufel werden wir diese Frau wieder los?“ Sie hob ruckartig den Kopf. „Glaubt ihr, dass sie Geld will? Eine Auszahlung, damit sie uns in Ruhe lässt?“
„Das wäre eine Möglichkeit“, sagte Jack. Er und Alexi sahen sich an. „Hast du dich schon mal gefragt, ob die Umstände von Franks Tod verdächtig waren?“
„Na ja, wir haben natürlich darüber gesprochen. Mir kam die Sache gleich undurchsichtig vor, aber es sind schon seltsamere Dinge passiert.“ Cheryls Augen wurden groß. „Ihr glaubt doch nicht etwa …“
„Genau das tun sie“, sagte Drew, der gerade mit der schläfrigen Verity auf dem Arm in die Küche zurückkehrte. „Und jetzt glaube ich das auch.“
„Diese Frau ist mir zutiefst unsympathisch, aber so weit würde sie bestimmt nicht gehen“, sagte Cheryl. Sie klang jedoch alles andere als überzeugt.
Alexi streckte die Arme aus und nahm Drew Verity ab. Sie setzte sich das kleine Mädchen auf den Schoß und wiegte sie hin und her, was sie zum Kichern brachte. „Warum sollte eine Frau, die aussieht wie Stella und so eine hohe Meinung von sich hat, einen Mann heiraten, der doppelt so alt ist wie sie?“, fragte sie und sah Verity an, als sie die Worte aussprach. „Welche Gründe hatte sie dafür?“
Drew und Cheryl sahen sich lange an.
„Dank der Auszahlung muss Frank im Geld geschwommen sein, als er nach Australien kam. Vermutlich war sein Kopf voller unausgegorener Ideen, um sein Kapital zu vermehren“, sagte Drew. „Und mit diesem Geld hat er Stellas Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Außerdem sah er nicht schlecht aus und stand immer im Mittelpunkt. Die Frauen fühlten sich von ihm angezogen, weil er sich selbst nicht allzu wichtig nahm.“
„Er könnte seine finanzielle Lage auch beschönigt haben“, fügte Cheryl hinzu, „um bei Stella Eindruck zu schinden. Aus seinen E-Mails ging hervor, dass er endlich eine Frau getroffen hatte, für die er sich länger als fünf Minuten interessierte.“ Sie seufzte. „Man muss sich das mal vorstellen. Wir haben uns für ihn gefreut.“
„Damals haben wir uns keine Gedanken darüber gemacht, dass er uns kaum noch geschrieben hat“, fügte Drew hinzu. „Vermutlich hat sie ihn schon vor der Hochzeit von uns entfremdet.“
„Also“, sagte Alexi. „Dann denkt ihr, er hat Stella gegenüber angedeutet, dass er immer noch einen Anteil an Hopgood Hall halten würde, und auf diese Weise ihr Interesse geweckt?“
„Das glaube ich nicht. Ein kurzer Blick ins Grundbuch hätte gezeigt, dass Drew der alleinige Eigentümer ist“, betonte Jack.
„Wahrscheinlich hat er ihr irgendeine wilde Geschichte aufgetischt, dass es eine Vereinbarung unter Brüdern gäbe, die ich verletzt hätte“, sagte Drew und verdrehte die Augen. „Solche Dinge sagte er, um anzugeben. Er hätte bestimmt nie erwartet, dass sie sich gleich darauf stürzt.“
„Darauf, dass er angeblich die Hälfte eines großen Hauses in einem prestigeträchtigen Dorf besitzt, meinst du?“, fragte Alexi.
„Genau.“
Cheryl blickte immer noch grimmig drein. Tränen standen in ihren Augen und ließen ihre Sicht verschwimmen. Alexi war wütend, weil die Sache ihrer Freundin so zusetzte. Das bestärkte sie in ihrem Entschluss, den Hopgoods aus dieser misslichen Lage herauszuhelfen.
Irgendwie.
„Was wissen wir eigentlich über Stella?“, fragte Jack mit geschäftsmäßiger Nüchternheit.
„Nur sehr wenig“, erwiderte Drew. „Frank hat uns damals eine E-Mail geschickt, worin er schrieb, dass er ‚die Eine‘ gefunden habe und sie heiraten wollte. Wir fanden, dass das Ganze ein wenig zu schnell ging, freuten uns aber für ihn. Natürlich haben wir gehofft, dass eine feste Partnerin einen stabilisierenden Einfluss auf Frank haben würde. Es war an der Zeit, dass er sich endlich niederließ und nicht mehr so flatterhaft war. Ha! Was wussten wir schon.“
„Wir haben ein paar Fotos von der Hochzeit gesehen. Sie fand an irgendeinem Strand statt, aber es schienen keine Gäste dabei gewesen zu sein. Na ja, zumindest waren sie nicht auf den Bildern zu sehen“, erklärte Cheryl. „Frank sagte, dass Stella im Marketing arbeitet und mehrere wichtige Kunden hatte. Aber sie wollte nach England kommen, wo sich ihr mehr Chancen boten. Frank hat Stella nach Kräften beim Aufbau ihrer Firma unterstützt. Sie hatte wohl vor, sich als Hochzeitsplanerin im gehobenen Segment selbstständig zu machen, und Frank hat sie ermutigt, die Sache durchzuziehen. Weiß Gott, wo das ganze Geld dafür herkam.“
„Du denkst also, dass er damit seinen Erbteil durchgebracht hat“, vermutete Alexi.
„Darauf würde ich wetten. Das sollte kein Wortspiel sein“, erwiderte Drew mit ernstem Gesichtsausdruck. „Selbst für Franks Verhältnisse ging das erstaunlich schnell, aber zusammen mit Stella kann ich mir gut vorstellen, wie diese Situation zustande kam.“
„Dann glaubst du, dass sie ihn davon überzeugen wollte, dass er über den Tisch gezogen wurde und mehr Geld von dir fordern sollte?“, mutmaßte Jack.
Cheryl und Drew nickten einvernehmlich.
„Daran habe ich keinen Zweifel“, sagte Drew mit Nachdruck. „Frank war ein Glückritter. Allerdings hatte er so etwas wie ein Gewissen. Er hätte mich niemals betrogen. Deshalb habe ich es auch nicht für nötig gehalten, Geld dafür zu bezahlen, dass er mir im Gegenzug für die Auszahlung seinen Anteil am Haus offiziell überschreibt.“ Er seufzte und kratzte sich am Kinn. „Ich war wohl zu vertrauensselig. Das rächt sich jetzt.“
„Nicht, solange wir etwas mitzureden haben“, entgegnete Alexi resolut.
„Wir möchten ein paar Nachforschungen anstellen. Dabei sehen wir uns sowohl Stellas als auch Franks Hintergrund genauer an. Hierfür brauchen wir allerdings deine Hilfe, Drew. Weißt du von irgendwelchen Freunden deines Bruders in England, mit denen er nach seiner Rückkehr Kontakt aufgenommen haben könnte?“
„Na ja, da wäre Brian Hardy. Die beiden waren als Kinder unzertrennlich. Ich weiß, dass sie trotz Franks Umzug nach Australien in Kontakt geblieben sind. Brian arbeitet als Assistent eines Pferdeausbilders auf einem Hof die Straße hinunter. Er kommt manchmal in unsere Bar. Wenn Frank sich gemeldet hatte, hat er es mir immer erzählt. Über seine Heiratspläne war er genauso schockiert wie ich.“
„Dieser Name sagt mir etwas.“ Alexi schloss die Augen. Sie versuchte, sich zu erinnern, wo sie ihn kürzlich gehört hatte. „Die Hochzeit“, sagte sie, öffnete die Augen und schnippte mit den Fingern. „Sie findet in ein paar Wochen im Hotel statt. Hardys Name steht auf der Gästeliste. Er ist einer der Platzanweiser, glaube ich.“
„Ja, das stimmt“, bestätigte Cheryl.
„Na gut“, sagte Jack, „wir machen ihn ausfindig und sprechen mit ihm. Gibt es noch jemanden?“
Drew und Cheryl sahen sich an und schüttelten gleichzeitig den Kopf.
„Wir wissen nicht, wo Frank und Stella gelebt haben, oder mit wem sie seit ihrer Ankunft in England in Kontakt standen. Natürlich haben wir sie danach gefragt, aber Frank sagte, dass ihre Pläne flexibel seien.“
„Ich hatte den Eindruck, dass Stella nach London wollte, ‚näher ans Geschehen‘, wie sie es nannte, aber London ist teuer. Vermutlich hatten sie dafür nicht genug Geld“, fügte Cheryl hinzu.
Drew nickte. „Stella hat Frank von allen Leuten ferngehalten, die ihr nicht von Nutzen waren. Das schließt seine alten Freunde ein – genauso, wie sie ihn von uns isoliert hat.“
„Aber warum?“, fragte Alexi stirnrunzelnd. „Warum war sie so besitzergreifend? So entschlossen, Frank für sich zu behalten? Sie kommt mir nicht vor wie jemand, der jemals unter Selbstzweifeln gelitten hat. Wahrscheinlich zieht sie nicht einmal ansatzweise in Betracht, dass ihr jemand Franks Zuneigung streitig machen könnte. Du hast es selbst gesagt, Cheryl, dass er geradezu besessen von ihr war, und völlig blind für ihre Fehler.“
„Um diese Frage zu beantworten, müssen wir mehr über diese Frau herausfinden. Wurde sie in Australien geboren? Wissen wir etwas darüber?“
Drew schüttelte den Kopf. „Ich vermute, dass sie aus dieser Gegend stammt, aber keiner ihrer Angehörigen war auf Franks Beerdigung.“
„Oh, ich dachte, sie wäre Australierin“, sagte Alexi. Sie tadelte sich innerlich, weil sie voreilige Schlüsse gezogen hatte. Dabei wusste sie als Journalistin doch, dass sie die Fakten überprüfen musste. „Wenn ich genauer darüber nachdenke, spricht sie mit australischem Akzent, aber nicht durchgehend.“
„Sie kennt sich mit Pferden aus, so viel weiß ich“, ergänzte Drew. „Aber als ich Frank danach gefragt habe, wurde er wortkarg. Mir hat er nur erzählt, dass Stella nach einer hässlichen Trennung von ihrem Exfreund nach Australien gezogen ist. Das war ein Teil ihres Lebens, über den sie nicht gerne sprach.“
„Aber sie hat sich sofort an Frank herangeworfen, als sie von seiner Verbindung nach Lambourn erfahren hat. Und sie hat ihn ermutigt, zurückzukommen.“ Alexi stützte ihr Kinn in die Hand und dachte kurz nach. „Diese Frau hat definitiv ihre eigene Agenda verfolgt. Frank, ihr Schoßhündchen, spielte dabei die Hauptrolle, ohne es zu wissen.“
„Ihr glaubt nicht daran, dass Franks Tod ein Unfall war, nicht wahr?“, fragte Drew mit ruhiger Stimme.
„Der Gedanke ist mir in den Sinn gekommen“, erwiderte Jack, „und Alexi mit Sicherheit auch.“
„Richtig!“, stimmte Alexi eifrig zu. „Die Sache stinkt zum Himmel. Es tut mir leid, wenn wir dich damit aufregen, Drew, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Frank alleine klettern gegangen ist.“
„Ganz im Gegenteil. Ich bin froh, dass ihr diese Möglichkeit in Betracht zieht.“
„Wir wissen alle, dass Frank dich nicht um Geld gebeten hat, Drew“, sagte Alexi. „Vielleicht hat er so etwas wie ein Rückgrat entwickelt. Nein, streich das vielleicht. Wir wissen ja, dass Frank gewisse Prinzipien hatte, was auf Stella eindeutig nicht zutrifft. Allerdings glaubte sie wohl, dass er sich von ihr einspannen ließe. Als das scheiterte, war er für sie nicht mehr von Nutzen.“
„Seltsamerweise hatte ich den Eindruck, dass aus Franks Sicht der Lack bereits ab war“, sagte Drew nachdenklich. „Bei unserem Treffen habe ich es geschafft, kurz allein mit ihm zu sprechen. Dabei hat er ein paar wirre Kommentare abgegeben, dass er völlig desillusioniert sei. Bevor ich genauer nachfragen konnte, tauchte Stella auf. Ich habe ihm dann einen Kneipenabend unter Männern vorgeschlagen, aber dazu ist es nicht mehr gekommen, weil … weil er abgestürzt ist.“
„Stella hätte Frank das bestimmt nicht erlaubt“, sagte Cheryl und griff nach Drews Hand. „Nicht, wenn sie ihre eigenen Ziele verfolgt hat.“
Jack lächelte. Er stand auf und bedeutete Alexi, ihm zu folgen. „Wir lassen euch erstmal in Ruhe, fahren nach Hause und überlegen uns, wie wir diese Sache angehen. Aber keine Sorge, wir sind an dem Fall dran. Solange ich atme, wird Stella keinen Teil eures Eigentums in ihre schmutzigen Finger bekommen.“
„Danke, Jack.“ Cheryl stand auf, gab ihm einen Kuss auf die Wange und umarmte dann Alexi. „Es ist eine große Erleichterung, dass ihr auf unserer Seite steht.“
„Hey, das ist auch meine Seite“, protestierte Alexi. „Ich lasse nicht zu, dass diese miese Intrigantin auch nur einen einzigen Penny von unserem schwerverdienten Geld abgreift.“
3
„Wer auch immer behauptet hat, dass das Landleben eintönig wäre, war noch nie in Lambourn“, flötete Alexi, während sie mit Jack nach Hause fuhr. Wie immer hatten Cosmo und Silgo es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht.
„Na ja, zumindest wissen wir jetzt, was Stella will. So können wir zurückschlagen.“
Alexi betrachtete stirnrunzelnd die vorbeiziehende Landschaft. „Stella ist ganz schön durchtrieben. Das steht außer Frage, aber sie kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass Drew und Cheryl einfach so einknicken und ihr nachgeben, nur weil sie nett fragt. Sie verfolgt bestimmt ihre eigenen Ziele.“
„Allerdings.“ Jack trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. „Genau das macht mir Sorgen. Was wir heute gesehen haben, war nur der Anfang. Da bin ich mir ganz sicher. Stella gibt bestimmt nicht so schnell auf; es sei denn, wir können sie davon überzeugen, dass ein Rückzug in ihrem ureigensten Interesse ist.“
„Na ja, falls sie Streit sucht, ist sie hier genau richtig.“
Jack fuhr in die Einfahrt vor dem Haus, in dem sie gemeinsam lebten. Sobald die Autotüren geöffnet waren, verschwanden Kater und Hund schwanzwedelnd im Garten. Alexi griff nach ihren Schlüsseln und sperrte die Haustür auf. Ein Schwall warmer Luft schlug ihr entgegen und vermischte sich mit der kühlen Herbstbrise. Sie blickte in den Himmel und betrachtete die düsteren Wolken, die Regen ankündigten.
„Ich glaube, wir müssen uns vom Sommer verabschieden“, merkte sie geistesabwesend an.
„Ja, leider“, erwiderte Jack, schlüpfte aus seiner Lederjacke und warf sie über den Treppenpfosten. Dann ging er in die Küche und schaltete seinen Laptop ein. „Schauen wir mal, was wir über die gar nicht so liebenswürdige Stella North herausfinden können.“
„Zumindest hat sie ihren Mädchennamen behalten. Das erleichtert uns die Sache“, erwiderte Alexi. Sie nahm den Teekessel und füllte ihn mit Wasser, brühte Tee auf und stellte eine Tasse für Jack auf den Tisch. Dann setzte sie sich neben ihn.
„Du überprüfst die Geburtsurkunden, nehme ich an“, sagte sie.
„Genau.“ Er lehnte sich zurück und griff nach seiner Teetasse. „Da haben wir sie.“
„Ja, das muss sie sein“, bestätigte Alexi. Sie spähte auf den Bildschirm, während Jack eine Liste hinunterscrollte. „Die Daten stimmen überein. Dementsprechend wäre Stella jetzt vierundzwanzig. Sie wurde in Reading geboren.“
Jack machte einen Screenshot des Eintrags und tippte weiter. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie geheiratet hat. Jedenfalls nicht in diesem Land. Trotzdem kann sie natürlich eine längere Beziehung geführt haben.“
„Sie hat Frank erzählt, dass sie nach Australien gegangen ist, um ihren eifersüchtigen Exfreund loszuwerden“, erinnerte Alexi ihn.
„Das hat sie gesagt, aber nach ihrem heutigen Auftritt glaube ich ihr kein Wort mehr.“
„Die Namen ihrer Eltern stehen auch auf der Geburtsurkunde“, stellte Alexi fest. „Ich wüsste gerne, ob sie noch leben.“
Jack führte einen weiteren Suchlauf durch.
„Es sieht so aus, als ob ihre Mutter vor fünf Jahren gestorben ist. Sie hatte einen Herzinfarkt.“
„Dann muss sie noch ziemlich jung gewesen sein“, sagte Alexi. „Wie tragisch.“
„Ihr Vater, Ben North, lebt wohl noch. Ich werde Cassie darum bitten, ihn aufzuspüren“, sagte er. Cassie war Jacks Geschäftspartnerin in ihrer gemeinsamen Privatdetektei. Sie konnte hervorragend mit Computern umgehen. Nichts in der Online-Welt blieb lange vor ihr verborgen.
„Ich frage mich, wie Stella mit Pferden in Berührung gekommen ist. Immerhin wurde sie in der Stadt geboren“, merkte Alexi an. „Wir wissen ja, dass sie Pferde liebt. Diese eine Sache hat Frank uns über sie erzählt. Auch Stella selbst hat wohl nie versucht, das zu verheimlichen.“
„Aber mich interessiert noch mehr, was sie in Lambourn wollte. Vielleicht hat sie sich Frank deshalb geangelt. Aus Gründen, die wir noch nicht kennen, wollte sie hierher zurückkommen.“
„Und warum brauchte sie dafür einen großen, starken Mann?“
„Ich habe überhaupt keine Ahnung“, erwiderte Jack heiter. „Noch nicht.“
„Wir sollten lieber herausfinden, warum sie so darauf beharrt hat, einen Anspruch auf Hopgood Hall zu haben. Und das, obwohl ihr klar sein muss, dass es dafür keine rechtliche Grundlage gibt. Das würde ihr einen guten Grund verschaffen, in der Gegend zu bleiben, von einem Einkommen ganz zu schweigen. Unterdessen könnte sie in Ruhe ihre wahre Agenda verfolgen.“
„Wahrscheinlich hast du recht“, sagte Jack stirnrunzelnd, „aber wir können Drew und Cheryl nicht einfach in der Luft hängen lassen und hoffen, dass die Bedrohung vorübergeht.“
„Es steckt bestimmt noch mehr hinter dieser Sache.“
Jack lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Genau wie hinter Franks Tod.“
„Gibt es eine Möglichkeit, zu beweisen, dass er ermordet wurde? Er ist schon vor einem Monat verunglückt. Noch dazu wurde seine Leiche verbrannt.“
„Wir könnten ein paar Leute befragen. Du solltest dir aber keine allzu großen Hoffnungen machen. Falls etwas an Franks Tod verdächtig gewesen wäre, wüssten wir es bereits. Sein Freund Brian Hardy ist vermutlich eine gute Anlaufstelle für Informationen, genau wie seine Kletterfreunde.“
„Was Letztere betrifft, bin ich mir nicht so sicher. Selbst wenn bei Franks Absturz jemand in der Nähe war, schließen sie wahrscheinlich die Reihen, um ihr Geschäft zu schützen. Immerhin bestätigen alle Aussagen, dass bei Tagesanbruch weit und breit niemand zu sehen war.“
Jack gluckste. „Bisher mussten wir bei unseren Ermittlungen ja noch nie eine Mauer des Schweigens überwinden, nicht wahr?“
Alexi erwiderte sein Lächeln. „Auch wieder wahr.“ Sie hielt inne. „Diesmal haben wir wirklich nicht viele Anhaltspunkte, stimmt’s?“
„Oh, das kann man so nicht sagen. Stellas Vater, sofern wir ihn ausfindig machen können, Brian Hardy und die Kletterschule sind mehr als genug Anlaufstellen.“
„Ich frage mich, ob Brian und Stella sich von früher kannten.“
Jack wirkte von der Frage überrascht. „Warum glaubst du das?“
„Eigentlich glaube ich es nicht wirklich. Es ist nur … Ich weiß nicht.“ Alexi legte den Kopf in den Nacken. Sie fragte sich, warum sie das Gefühl nicht loswurde, dass hier eine Verbindung bestand. Griff sie nach Strohhalmen, weil sie ihren Freunden so verzweifelt aus der Patsche helfen wollte? „Stella will Hochzeitsplanerin werden, und Brian hat mit der Hochzeit zu tun, die wir auf Hopgood Hall ausrichten …“ Sie machte eine abwehrende Handbewegung, als Jack den Mund öffnete, damit er ihren Gedankenfluss nicht unterbrach. „Ich weiß, dass das etwas dünn ist. Aber Brian hat beruflich mit Pferden zu tun, und Stella scheint sich auf diesem Gebiet auszukennen. Brian muss auch gewusst haben, dass Frank zu Geld gekommen ist.“ Sie blinzelte. „Na ja, vermutlich wusste er es, wenn man bedenkt, dass sie eng befreundet waren. Aber dann sind Stella und Frank sich in Australien einfach so über den Weg gelaufen?“ Sie legte den Kopf schräg und sah Jack herausfordernd an. „Hältst du das für einen Zufall?“
„Wenn du es so sagst, klingt es wirklich unwahrscheinlich“, gab Jack zu.
„Jedenfalls ist Brian der einzige gemeinsame Nenner, auf den wir bislang gestoßen sind.“
Jack nickte. „Stimmt. Morgen müssen wir unbedingt als Erstes mit Brian sprechen.“
Die Katzenklappe ratterte, und Cosmo stolzierte hoheitsvoll in den Raum. Jack und Alexi lächelten sich an, während sie darauf warteten, dass Silgo sich bemerkbar machte. Nur Sekunden später hörten sie sein Bellen, was bedeutete, dass auch er ins Haus wollte. Immer noch lächelnd erhob sich Jack und ließ den Hund herein.
„Wir sollten uns auch eine Hundeklappe zulegen, Liebling“, sagte Alexi und kraulte Silgos Ohren, „aber die müsste so groß sein, dass sie wie eine Einladung für Einbrecher wäre.“
Silgo rieb sich den Kopf an Alexis Wade. Sie hätte schwören können, dass er innerlich strahlte, als er all die Aufmerksamkeit erhielt, nach der er sich so lange gesehnt hatte. Jack beobachtete sie eine Weile. Ein zärtliches Lächeln umspielte seine Lippen. Dann griff er nach seinem Telefon.
„Ich bitte Cassie, Ben North ausfindig zu machen“, sagte er und wählte Cassies Nummer.
Er führte ein kurzes Gespräch und legte auf.
„Soll ich uns Abendessen bestellen? Dann müssen wir nicht kochen“, schlug er vor.
„Ein Curry wäre jetzt genau richtig.“
„Betrachte die Sache als erledigt.“
Das Essen wurde zügig geliefert. Als sie damit fertig waren, rief Cassie zurück und nannte ihnen Ben Norths Adresse in Reading.
„Das liegt doch in der Nähe dieser schicken Privatschule, zu der wir gefahren sind, als wir im Fall von Juliette Hammond ermittelt haben, oder?“, fragte Alexi, während sie die Adresse auf ihrem Telefon überprüfte.
„Es liegt in derselben Richtung; nicht im Zentrum, sondern ländlicher. So könnte Stella mit Pferden in Berührung gekommen sein. Na ja, in Lambourn hätte sie sie wohl kaum vermisst. Cassie hat auch herausgefunden, dass Stella drei ältere Geschwister hat.“
„Wirklich?“ Alexi zog eine Augenbraue hoch. „Soweit ich weiß, hat sie das Cheryl und Drew gegenüber nie erwähnt. Aber sie hat kaum je etwas über sich erzählt.“
„Je mehr Leute mit Verbindungen zu Stella wir finden, desto eher können wir ihre Ambitionen nachvollziehen – und die Gründe, warum sie nach Australien gegangen ist. Morgen treffen wir uns mit ihrem Vater, gleich nachdem wir mit Brian gesprochen haben. Danach statten wir ihren Geschwistern einen Besuch ab.“
Alexi lehnte sich in der Sofaecke zurück und gähnte. Cosmo saß auf ihrem Schoß, während Silgo sich über ihre Beine gelegt hatte. „Das klingt nach einem guten Plan“, sagte sie.
„Komm.“ Jack stand auf und hielt Alexi die Hand hin. „Du siehst müde aus. Gehen wir schlafen. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“
Cosmo sprang von Alexis Schoß, ohne dass sie ihn dazu auffordern musste, und lief mit hoch erhobenem Schwanz zur Treppe. Das Bett war zu klein für Silgo. Außerdem hatte Cosmo ihm beim ersten Versuch klargemacht, dass er hier nicht willkommen war. Damit ist er zu weit gegangen, hatte Jack damals angemerkt. Er hatte auch darauf hingewiesen, dass kein Platz mehr für Alexi und ihn wäre, wenn Silgo im Bett schliefe. Damit hatte er vollkommen recht. Außerdem schien der unkomplizierte Silgo gerne auf dem Bettvorleger zu schlafen. Alexi wusste, dass das für ihn eine ganz andere Welt war als der kalte Außenzwinger, in dem er früher angekettet gewesen war. Bis vor Kurzem hatte er noch einem in Ungnade gefallenen Pferdeausbilder aus dem Ort gehört.
***
„Jetzt ist wohl ein guter Zeitpunkt, um mit Brian zu sprechen“, sagte Jack am nächsten Morgen beim Frühstück. Er sah auf seine Armbanduhr.
Alexi nickte. Sie lebten lange genug in Lambourn, um zu wissen, dass die Pferdeausbilder frühmorgens mehrere Gruppen von Pferden auf die Rennbahn brachten und ihnen beim Training zusahen. Erst danach gingen sie frühstücken.
„Na dann los“, erwiderte sie und stand auf, um die Teller in den Geschirrspüler einzuräumen.
Hund und Kater waren mit dem Frühstück fertig. Wie vorauszusehen war, ging Cosmo als Erster mit erhobenem Schwanz zur Tür.
„Er macht Silgo klar, wer hier das Sagen hat“, sagte Jack lachend. „Anscheinend hat er noch nicht begriffen, dass Silgo gerne die zweite Geige spielt.“
„Silgo weiß genau, wo sein Platz ist. Er ist einfach nur dankbar, Teil unserer Familie zu sein.“
„Na ja, so ist das eben.“
Jack folgte den Anweisungen des Navigationssystems und fuhr zu einem der vielen Pferdehöfe, die in der Umgebung von Lambourn verstreut lagen. Auch heute sah es nach Regen aus, aber noch war kein Niederschlag gefallen.
„Hier sieht es deutlich besser aus als bei Baxter“, sagte Alexi. Damit bezog sie sich auf den heruntergekommenen Pferdehof, auf dem Silgo so schlecht behandelt worden war.
„Überall sieht es besser aus als dort.“
Jack fuhr auf den Besucherparkplatz, hielt neben einer Schlammpfütze an und schaltete den Motor ab. Silgo und Cosmo blieben im Auto, während Jack und Alexi zum Hof gingen und eine der Pferdepflegerinnen fragten, ob Brian Hardy zugegen war.
„Er ist gerade mit dem Frühstück fertig“, erwiderte die junge Frau. „Da drüben steht er und sieht dem Tierarzt zu, wie er den Grauen herumführt.“
Jack und Alexi hielten sich im Hintergrund, während Brian mit dem Tierarzt sprach. Alexi nutzte diese Gelegenheit, um Brian einer genaueren Beobachtung zu unterziehen, bevor er sie bemerkte. Er war ein stämmiger Mann Ende vierzig, sah aber älter aus. Sein wettergegerbtes Gesicht zeigte, dass er draußen arbeitete. Auf dem Kopf trug er eine Baseballkappe.
Nachdem der Tierarzt gegangen war, wandte Brian sich Alexi und Jack zu. Sein Gesichtsausdruck war offen und freundlich. Alexi war der Mann auf Anhieb sympathisch.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er.
„Das hoffe ich. Ich bin Jack Maddox.“ Er reichte Brian die Hand. „Und das ist Alexi Ellis.“
Brian schüttelte ihnen die Hand. „Ich weiß, wer Sie sind. Auf Hopgood Hall habe ich Sie schon gesehen. Und bei Franks Beerdigung, aber wir hatten noch nicht die Gelegenheit, uns zu unterhalten.“ Er schüttelte den Kopf. „Dieser Unfall ist eine wahre Tragödie.“
„Haben Sie etwas Zeit für uns?“, fragte Jack. „Können wir uns vielleicht irgendwo unterhalten, wo es ruhiger ist? Ich hätte ein paar Fragen an Sie.“
„Das klingt ernst“, erwiderte Brian mit theatralischem Schaudern. „Ich lese die Lokalzeitung und weiß, dass Sie beide den Täter noch jedes Mal geschnappt haben. Muss ich mir Sorgen machen?“
„Überhaupt nicht“, erwiderte Alexi. Sie folgten Brian in die beheizte Sattelkammer, wo ein Geruch nach Leder in der Luft lag. „Wir sind hergekommen, um Sie ein wenig auszufragen.“
„Über Frank, nehme ich an.“ Brian lehnte sich an ein Fensterbrett und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann. Was möchten Sie wissen, oder besser gesagt, warum?“
„Ich nehme an, Sie und Frank waren eng befreundet“, sagte Alexi, die Brians Frage damit gekonnt auswich.
„Seit der Schule.“ Ein kurzes Lächeln huschte über Brians Gesicht. „Wir haben immer allen Streiche gespielt. Unsere Lehrer haben wir damit fast in den Wahnsinn getrieben. Frank war schon in seiner Kindheit ziemlich frech, und ich habe dabei mitgemacht.“ Sein Lächeln wurde zu einem verschlagenen Grinsen. „Ich behaupte nicht, dass ich völlig unschuldig war. Es ist nur so, dass immer einer der Anführer ist. Bei uns war das Frank.“
In seiner Ehe war es genau andersherum, dachte Alexi, sagte jedoch nichts.
„Was haben Sie gemacht, als Sie mit der Schule fertig waren?“, fragte Jack. „Zunächst sind Sie beide in der Gegend geblieben. Ich nehme an, Sie waren auch weiterhin befreundet?“
„Ich bin hiergeblieben. Es war immer klar, dass ich mit Pferden arbeite. Ich habe die Stelle meines Vaters auf diesem Hof übernommen. Allerdings hat er es nie selbst zum Ausbilder geschafft. Er war nie die Nummer eins. Genauso war es mit mir und Frank. Mir ist es auch lieber so. Der ganze Stress und die Verantwortung, die man in leitender Position hat, können mir gestohlen bleiben.“ Er stieß den Atem aus. „Aber Sie sind bestimmt nicht hergekommen, um über meine beruflichen Ambitionen zu sprechen, oder den Mangel derer. Also, was möchten Sie wissen?“ Er legte seinen Kopf schräg. „Oder besser gesagt, warum? Glauben Sie nicht, dass es mir nicht aufgefallen ist, wie Sie meiner Frage vorhin ausgewichen sind. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber Franks Tod war ein tragischer Unfall. Es gab eine Untersuchung. Und jetzt wurde er beerdigt, also …“ Er rang die Hände und ließ seine Worte verklingen.
„Ich bin die Geschäftspartnerin von Drew und Cheryl im Hotel, wie Sie vermutlich wissen“, erklärte Alexi. „Drew hat Franks Tod nur schwer verkraftet. Ich möchte ihm helfen, mit der Sache abzuschließen. Er und Frank haben sich früher sehr nahegestanden, aber dann haben sie sich in verschiedene Richtungen entwickelt.“
„Drew war schon immer der Beständigere der beiden, aber Frank … na ja, er hat sich schnell gelangweilt und immer der nächsten großen Chance hinterhergejagt, um schnelles Geld zu verdienen. Jedes Mal war er der Überzeugung, den Jackpot geknackt zu haben. Er glaubte auch, dass das Glück die Mutigen belohnt, um es mal so auszudrücken.“ Brian bedeutete dem Pferdepfleger, der den Grauen festhielt, das Pferd in den Stall zurückzubringen. „Natürlich konnte er nie einen durchschlagenden Erfolg für sich verbuchen, zumindest nicht, soweit ich weiß.“
„Waren Sie überrascht, als Frank nach Australien ging?“, fragte Alexi. „Oder wissen Sie, warum er so weit wegging und alles Vertraute hinter sich gelassen hat? Er hat Drew nie erzählt, warum er das getan hat. Natürlich interessiert ihn das.“
Brian wirkte misstrauisch. „Warum hat er dann nicht Franks Frau gefragt?“
Alexi hatte den Eindruck, dass Brian ihnen zum ersten Mal absichtlich auswich.
„Sie ist nicht besonders entgegenkommend“, erwiderte Jack.
„Schauen Sie, ich weiß nur, dass er großes Fernweh hatte. Schon als Kind träumte Frank davon, zu weit entfernten Orten zu reisen und wie ein Eingeborener zu leben. Geographie war das einzige Fach, das ihn interessiert hat. Sobald er die Taschen voller Geld hatte, das er für seinen Anteil an Hopgood Hall bekommen hat, hielt ihn hier nichts mehr. Wenn es nach Frank ging, war Australien das Land, in dem Milch und Honig fließen. Er wollte sein Stück vom Kuchen. Fragen Sie mich aber nicht, von welchem Kuchen, denn ich weiß es nicht. Allerdings hat er mir erzählt, dass er dort jemanden kannte. Jemanden mit guten Verbindungen.“
„Sie wissen vermutlich nicht, wer das ist, oder?“, fragte Jack, der sich keine allzu großen Hoffnungen machte.
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, aber selbst wenn er es mir erzählt hätte, wäre das zu einem Ohr hineingegangen und zum anderen wieder hinaus. Wissen Sie, ich habe das alles schon so oft gehört.“ Brian verdrehte die Augen. „Wie ich schon sagte, waren seine Vorstellungen nicht besonders realistisch.“
„Ich nehme an, dass Sie nach seiner Abreise mit Frank in Kontakt geblieben sind“, mutmaßte Alexi.
„Wir haben uns gelegentlich E-Mails geschickt. Frank war nicht allzu gesprächig, und ich … na ja, meine Arbeit hält mich ordentlich auf Trab. Wir sind keine Kinder mehr. Es war wohl unausweichlich, dass wir uns voneinander entfernt haben. Nachdem Frank auf die andere Seite der Welt gezogen ist, war das wirklich kein Wunder.“
„Er hat sich doch bestimmt bei Ihnen gemeldet, als er Stella kennengelernt hat und sie heiraten wollte“, sagte Alexi. „Sicher hat er seinen besten Freund wissen lassen, dass er ‚Die Eine‘ gefunden hat.“
„Ich muss zugeben, dass ich überrascht war. Frank wollte sich früher nie festlegen. Ich hätte nicht gedacht, dass er sich mal für eine Frau entscheidet.“
„Sie ist ein ganzes Stück jünger als er“, merkte Jack an.
„Über zwanzig Jahre. Ich glaube, dass er deshalb so angetan von ihr war. Er wollte wohl der Welt zeigen, dass er eine attraktive junge Frau an Land ziehen konnte, wenn ihm schon der geschäftliche Erfolg verwehrt blieb.“
„Dann war es reines Machogehabe“, vermutete Alexi.
„Wenn Sie so wollen. Das passt zu Frank.“
„Und was hatte sie von der ganzen Sache?“, fragte Jack.
Brian zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen?“
Wieder schien er ihnen auszuweichen. Alexi vermutete, dass er etwas wusste, was er ihnen aber verschwieg. „Was halten Sie von Stella?“, fragte sie.
„Sie schien nett zu sein. Mit Sicherheit hat sie es nicht verdient, Frank so kurz nach der Hochzeit zu verlieren. Sie tut mir leid.“
„Haben Sie Stella früher schon mal getroffen?“, fragte Jack beiläufig. „So wie ich es verstehe, stammt sie aus dieser Gegend. Sie scheint sich auch ganz gut mit Pferden auszukennen.“
Brians Blick wanderte nach links. „Das weiß ich nicht“, erwiderte er knapp. „Und glauben Sie mir, daran würde ich mich erinnern. Sie ist wirklich eine Augenweide. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe noch einiges an Arbeit zu erledigen.“
„Natürlich.“ Jack reichte ihm die Hand. „Danke für Ihre Zeit, und entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie aufgehalten haben. Ich hoffe, es war für Sie nicht allzu schmerzhaft. Dass wir die Vergangenheit wieder aufgewärmt haben, meine ich.“
„Keine Sorge. Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen konnte.“ Jetzt verhielt Brian sich wieder freundlich und zugänglich. „Ich hoffe, dass ich helfen konnte, damit Drew endlich zur Ruhe kommt.“ Zusammen gingen sie zu Jacks Auto. „Frank hat ein Leben auf der Überholspur geführt. Als er starb, hat er genau das getan, was er liebte. Das ist eine Tragödie, aber es steckt kein großes Geheimnis dahinter.“
„Das haben wir auch nicht angenommen“, versicherte Alexi ihm. „Es ist nur, weil er anscheinend alleine zum Klettern gegangen ist. Das nimmt Drew furchtbar mit. Er besteht darauf, dass sein Bruder niemals ein solches Risiko eingegangen wäre. Allerdings hatten sie schon länger keinen Kontakt mehr. Vielleicht war Franks Gefahrenbewusstsein ja nicht mehr so stark ausgeprägt wie früher.“
„Das wäre die einzige passende Erklärung. Frank kannte diese Route gut. Er ist sie oft geklettert, als er noch in England war.“ Brian zog die Schulter hoch. „Vielleicht hat sein Kletterpartner ihm in letzter Minute abgesagt, weshalb er beschlossen hat, alleine loszugehen. Ich glaube nicht, dass wir das jemals erfahren werden, jedenfalls nicht mit Gewissheit.“
„Wahrscheinlich haben Sie mit beidem recht“, sagte Jack leichthin.
Aber Alexi wusste genau, dass er ganz anderen Gedanken nachhing. Jack hatte Franks Anrufliste noch nicht eingesehen. Soweit er wusste, gab es keinen Grund, sie zu überprüfen. Vielleicht konnte Cassie sich in die Aufzeichnungen der Telefongesellschaft einhacken, um herauszufinden, mit wem Frank sich am Tag seines Todes verabredet hatte. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lag aber kein stichhaltiger Grund dafür vor.
„Legen Sie doch einen kleinen Zwischenstopp am Hotel ein, wenn Sie das nächste Mal vorbeikommen“, sagte Alexi. „Dann laden wir Sie als Dankschön auf einen Drink ein.“
„Dieses Angebot nehme ich gerne an.“
Brian blieb stehen und sah ihnen nach, als sie davonfuhren.
„Der Mann weiß mehr, als er zugibt“, merkte Alexi an.
„Da stimme ich dir zu. Er weiß eindeutig mehr über Stella, als er uns erzählt hat. Ich glaube, dass du recht hast – er und Stella kennen sich von früher. Die Frage ist, ob Brian Frank dazu ermutigt hat, nach Australien zu gehen – damit er Stella begegnet. Und ist Stella dafür verantwortlich, dass Frank sein Erbe durchgebracht hat? Das müssen wir herausfinden.“