Kapitel eins
Magisch untauglich
Ich war es gewohnt, ganz am Ende der Nahrungskette zu stehen. Nein, stopp: Nicht einmal Teil der Nahrungskette zu sein, trifft es noch besser. Aber jetzt hier vor meiner Tante zu stehen und ihr erklären zu müssen, warum ich nicht mehr zur Witchbane & Moonbeam Schule der Auserwählten gehörte, war ein ganz neues Level des Versagens.
„Was soll das heißen, ‚magisch untauglich‘?“
Ich schluckte. Ihre Augen verdunkelten sich zu einem beängstigenden Schwarz.
„Tante Judy, also es ist so …“ Stammelnd strich ich mein erdbeerblondes Haar hinter die Ohren.
„Schau mich bloß nicht so an, Melissa Sneedle! Seit Hunderten von Jahren geht unsere Familie auf dieses College. DAS College … und nach weniger als einer Woche kommst du nach Hause, um mir zu erzählen, dass du rausgeflogen bist? Und die Professoren nannten dich … dich …“, Tante Judy fasste sich an die Brust.
„Magisch untauglich“, vervollständigte ich ihren Satz.
Als der Ausdruck ein weiteres Mal fiel, richtete sich Tante Judy kerzengerade auf und warf mir einen mahnenden Blick zu.
„Ich will dir mal was sagen: Im gesamten Familienstammbaum ist niemand magisch untauglich. Du brauchst nur einen kleinen Stups. Ich sollte dieser Schule wohl mal einen Besuch abstatten und –“
„Ich gehe nicht zurück.“
Ich wollte entschlossen klingen, doch mehr als ein Flüstern brachte ich nicht zustande. Ich fühlte mich wieder wie das verängstigte kleine sommersprossige Mädchen aus meiner Vergangenheit, nicht wie die erwachsene Frau, die ich jetzt war.
„Wie bitte?“
„Ich gehe nicht zurück“, sagte ich, diesmal etwas deutlicher. „Es stimmt. Durch meine Adern fließt kaum bis gar keine Magie. Der Professor war nicht grausam oder so, nur ehrlich. Das ist doch lächerlich, warum soll ich die Familie noch weiter blamieren? Cousine Tally kann unser Erbe doch weiterführen.“
Tante Judy schnappte nach Luft.
„Cousine Talley? Du willst unser Erbe dieser … dieser Hexe überlassen?!“
„Eben“, sagte ich. „Immerhin ist sie eine Hexe, sogar eine ziemlich gute. Sie ist total verbissen und hat die Persönlichkeit einer Dampfwalze, aber sie wird unsere Familie stolz machen. Hör zu, ich habe viel darüber nachgedacht. Ich will ein normales Leben. Eins ohne Magie.“
Ich hatte meiner Rede Nachdruck verliehen und wäre sogar stolz drauf gewesen, wenn Tante Judy nicht gerade ohnmächtig auf dem Boden liegen würde.
Na, das ist ja super gelaufen.
***
„Was hast du mit ihr gemacht?“
Ich schaute zu meinem besten Freund, Joe Macks. Seine braunen Augen blitzten, als wüsste er genau, welchen Ärger ich ausgelöst hatte. Heute trug er ein saphirblaues Hemd, das hervorragend zu seiner dunkelbraunen Haut passte, dazu eine schwarze Anzughose, perfekt gebügelt und faltenfrei. Dann blickte ich an mir herunter – T-Shirt und zerrissene Jeans – und zuckte mit den Schultern. Er war schon immer der besser Gekleidete von uns gewesen, und der Freund, der auf alles eine Antwort hatte. Es hatte seinen Grund, warum ich mich mit meinen … ähm, Eskapaden ausschließlich an ihn wandte.
„Ich habe nichts gemacht, nur geredet. Vielen Dank auch!“
Ich ging in die Küche meiner Tante und füllte am Spülbecken ein Glas mit Wasser. Hoffentlich würde Joe sich um dieses Chaos kümmern. Vielleicht sollte ich mich einfach vom Acker machen und erst wieder mit ihr reden, wenn sie wach und entspannt war.
„Denk nicht mal dran.“
„Was?“ Ich versuchte, ein beschämtes Gesicht zu machen, aber verdammt, Joe konnte immer schon meine Gedanken lesen. „Dich mag sie sowieso viel lieber.“
„Das liegt daran, dass ich charmant und reich bin.“
Ich lachte. „Ja, auf den Reichtum fährt sie wirklich ab. Das ist bestimmt einer der Gründe, warum du als passender Partner gewertet wirst. Schade, dass wir ihre Träume nicht wahr werden lassen und zusammen durchbrennen.“
Joe zog eine Augenbraue in die Höhe und zuckte mit den Schultern. „Wer weiß? Vielleicht überraschen wir sie eines Tages.“
Ich verdrehte die Augen.
„Bringst du mir jetzt das Glas Wasser, oder muss ich meine Untersuchung deiner Tante abbrechen und es selbst holen?“
„Ist ja gut, ist ja gut, reg dich ab“, beschwichtigte ich, kehrte mit dem Glas ins Wohnzimmer zurück und stellte es auf den Couchtisch. Meine arme Tante. Ich seufzte. Ganz sicher gibt sie ihr Bestes mit mir, aber sie und ich sind einfach … verschieden.
„Benutz einen Untersetzer, du Tier.“
Ich gab Joe einen Klaps, befolgte aber seinen Rat und griff nach einem Untersetzer.
„Okay, jetzt erzähl.“
Ich hob eine Augenbraue.
„Ich meine es ernst. Raus damit. Und lass kein pikantes Detail aus. Wie hast du sie so ausgeknockt? Sie hat sich quasi selbst in den Ruhezustand versetzt, locker noch für die nächsten zehn Minuten.“
„Ich habe nichts Schlimmes gemacht.“
„Ich höre.“ Joes Lippen verzogen sich zu einem vertrauten Halblächeln.
Ich sank neben ihm auf den Boden. Zusammen waren wir wohl ein interessanter Anblick mit meiner dramatischen Tante, die zwischen uns lag. Irgendwie hatte sie es geschafft, vor dem Sturz noch schnell ein Kissen unter ihren Kopf zu zaubern. Ich schmunzelte kopfschüttelnd.
„Also gut, ich habe ihr offenbart, dass ich die Witchbane & Moonbeam abgebrochen habe.“
Joe brach sofort in schallendes Gelächter aus. „Das ist nicht dein Ernst.“
„Vielleicht habe ich auch Professor Glens Bemerkung über meine magische Untauglichkeit erwähnt. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, meinte ich, dass ich ein normales Leben ohne Magie will.“
Ich drückte meinen Rücken durch und streckte mich intensiv, danach angelte ich ein Kissen vom Sofa. Scheiß drauf, wenn Tante Judy hier auf dem Boden rumliegt und mich warten lässt, kann ich es mir genauso gut bequem machen.
Joe tat es mir gleich und stützte sein Kinn auf seiner Hand ab.
„Na ja, unter diesen Umständen sehe ich ihr die magisch herbeigeführte Ohnmacht nach. Das ist ein ziemlicher Kracher für jeden Schutzpatron.“
„Ich weiß“, seufzte ich. „Ist es so schlimm, dass ich einfach etwas machen will, worin ich gut bin? Normal sein zum Beispiel?“
„Schlimm wäre es nicht, aber ich glaube, du gehst zu hart mit dir ins Gericht.“
„Joe …“
„Das meine ich ernst! Okay, deine Zaubersprüche sind manchmal ein bisschen unzuverlässig, und hin und wieder gerätst du in komische Situationen.“
Er deutete auf meine Tante.
„Das war nicht meine Schuld!“
„Ich will nur sagen: Du hast eher Pech als fehlendes magisches Talent. In dir steckt definitiv Magie, aber irgendwie ist es, als …“ Joe neigte nachdenklich den Kopf.
„Als wäre ich einfach keine gute Hexe?“, schlug ich vor.
„Quatsch. Es ist eher so, als wärst du verflucht.“
„Jesus, da fühle ich mich ja sofort viel besser.“
Ich zog das Kissen unter meinem Kopf hervor und warf es nach ihm. Joe schlug es lachend weg.
„Einer Sache kannst du dir ganz sicher sein. In diesem Haus dulde ich keine Kindereien, Melissa.“ Tante Judy richtete sich ruckartig auf und funkelte mich wütend an.
Ich unterdrückte den Drang zu grinsen und blickte möglichst betroffen drein.
„Mrs Felt, ich bin sehr froh, dass es Ihnen besser geht.“
Joe rappelte sich auf, beugte sich vor und nahm die Hand meiner Tante in seine. Sanft zog er sie auf die Beine.
„Vielen Dank, Joe, mein Lieber. Du bist ein echter Gentleman. Ich muss mich für Melissas Verhalten entschuldigen, sie hat einen schlechten Tag.“
Ich verdrehte die Augen. In Sicherheit natürlich, hinter ihrem Rücken.
„Tante Judy, vielleicht sollten wir noch mal über die Sache von vorhin sprechen.“
Sie seufzte. „Joe, sei so lieb und bring uns etwas Tee, wenn es dir nichts ausmacht. Es ist mir ein bisschen peinlich, dich darum zu bitten, aber du kennst ja Melissas Teekünste. Sie sind bestenfalls bescheiden.“
„Das mache ich nur zu gern.“
Er vollführte eine kleine Verbeugung, und ich musste mich sehr zurückhalten, ihm kein Bein zu stellen, als er in Richtung Küche ging. Als hätte er schon wieder meine Gedanken gelesen, drehte er sich um und warf mir einen Kuss zu. Kleiner Scheißer.
„Tante Judy“, begann ich.
„Setz dich.“ Sie deutete auf den Stuhl, auf dem ich mich gehorsam niederließ. Dann wartete ich, dass sie es mir gleichtat.
Als sie sicher saß und nicht Gefahr lief, wieder in eine magische Ohnmacht zu fallen, ergriff ich das Wort.
„Ich denke, es ist Zeit, dass ich ausziehe. Und ich möchte keine andere Wohnung hier in der Stadt, sondern irgendwo, wo es normal ist. Ich bleibe in der Nähe und komme zu Besuch, aber das hier ist kein Leben für mich.“
In diesem Moment kam Joe mit dem Tee herein und knallte ihn auf den kleinen Couchtisch.
„Du gehst weg?“
Mein Blick rutschte von meiner Tante zu Joe. Da stand er, mit verschränkten Armen und finsterem Blick.
„Offenbar will sie weg von ihrer Familie und ihren Freunden, die sie lieben und unterstützen.“ Tante Judy drehte sich zu Joe.
„Das soll wohl ein Witz sein. Und wann hattest du vor, mir das mitzuteilen?“
Okay, damit hatte ich nicht gerechnet. Joe war wütend, so richtig, richtig wütend. So sauer hatte ich ihn seit dem Abschlussjahr nicht mehr erlebt, als jemand eine Nicht-Hexe (einen Normie) in unser Flying-Football-Spiel reingezogen hatte.
Ich hob die Hände. „Whoa, hey. Leute, bitte. Alle gegen eine? Joe, ich wollte direkt nach dem Gespräch mit meiner Tante mit dir reden. Sie gehört zur Familie, deswegen dachte ich, dass ich es zuerst mit ihr besprechen sollte.“
„Im Ernst jetzt? Du bist so egoistisch.“ Joe wirbelte herum und stürmte von dannen, die Haustür schlug mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloss.
„Das hätte besser laufen können“, murmelte ich.
Ein Klatschen riss mich aus meinen Gedanken. Als ich mich umdrehte, ragte meine Tante gebieterisch über mir auf.
„Toll gemacht, Melissa. Ich habe mitangesehen, wie du unseren Apfelbaum in eine Tomate verwandelt hast, mit einem Besen durch ein Schulfenster gerauscht bist und es geschafft hast, drei potenzielle Vertraute zu verscheuchen. Doch all das ist nichts im Vergleich dazu, wie du diesem armen Jungen das Herz gebrochen hast.“
Kapitel zwei
Drei Bedingungen
„Sein Herz brechen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Verschaukelst du mich gerade? Joe ist … na ja, Joe! Wir sind beste Freunde. Wenn man es genau nimmt, ist er sogar mein einziger Freund.“
„Und warum ist das wohl so?“, fragte Tante Judy, immer noch mit bohrendem Blick. „In den letzten Jahren hast du dich von einigen lieben Menschen abgeschottet. Joe stand dir immer zur Seite und hat sich geduldig dein Gejammer über deine kaputte Magie angehört.“
„Aber was hätte ich denn sonst tun sollen?“ Ich sprang auf, stand nun Nase an Nase meiner Tante gegenüber. „Du posaunst unseren Namen heraus, als wären wir ein Adelsgeschlecht, und erwartest von mir, mühelos jeden Zauber zu sprechen, als wäre ich mit irgendeiner außergewöhnlichen Begabung gesegnet statt dieser bescheuerten, nutzlosen Nicht-Magie!“
„Ich habe versucht, dich zu ermutigen.“ Tante Judy blickte nun sehr düster drein. „Du bist so von dir selbst eingenommen, dass du den Gedanken einfach nicht abschütteln kannst, dass deine Magie nicht wie die aller anderen ist. Statt dich auf einfache Zaubersprüche zu konzentrieren und zu lernen, deine Gaben zu verstehen, jammerst du. Du wärst eine viel bessere Hexe und ein deutlich besserer Mensch, wenn du einfach erwachsen werden würdest!“
Tante Judy warf die Hände in die Luft und brachte stampfend mehr Raum zwischen uns.
„Ich habe mein Bestes für dich gegeben, weißt du. Ich habe mir auch nicht gewünscht, dass deine Mutter stirbt und dein nichtsnutziger Vater dich im Stich lässt. Das hast du ganz sicher nicht verdient. Aber ich wollte, dass du es versuchst. Und verdammt noch mal, ich erwarte wenigstens einen Funken Empathie in deinem aufgeblasenen Kopf.“
Ich blinzelte die Tränen weg. Tante Judy hatte einen Nerv getroffen, das wusste sie.
Sie seufzte, ihr Gesichtsausdruck erweichte. Ich wollte mich abwenden, doch Tante Judy überbrückte die Distanz zwischen uns und legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Joe ist schon lange in dich verliebt, und nicht nur das, er ist dein bester Freund. Natürlich deprimiert es ihn, wenn du ihm sagst, dass du wegziehst.“
Wir setzten uns beide wieder hin, trotzdem lag eine unausgesprochene Unsicherheit in der Luft. Tante Judy schenkte Tee ein und reichte mir eine Tasse, bevor sie sich selbst nahm. Ich saß da und rekapitulierte noch einmal alles, was sie gesagt hatte. War ich wirklich egoistisch? Eine selbstverliebte, in Selbstmitleid badende Hexe? Ein Schauer lief mir über den Rücken.
„Du bist jetzt schon seit einer ganzen Weile volljährig.“ Tante Judy nippte an ihrer Tasse. „Ich kann dir nicht vorschreiben, was du zu tun hast, aber ich kann dich bitten, ein paar Punkte zu bedenken, bevor du gehst.“
Ich wartete.
„Ich möchte dich um drei Dinge bitten, um sicherzugehen, dass es wirklich das ist, was du willst.“
Ich nickte. Das war das Mindeste, was ich tun konnte.
„Welche drei Dinge?“
„In den nächsten sieben Tagen werde ich drei Tests vorbereiten, um deine magischen Fähigkeiten zu beurteilen. Ich möchte, dass du ganz sicher bist und die Entscheidung, deinem Erbe den Rücken zu kehren, nicht irgendwann bereuen wirst.“ Tante Judy stellte ihre Tasse ab und griff über den Tisch hinweg nach meinen Händen.
„Ich verstehe das, und falls es irgendwie hilft: Es tut mir leid.“
Sie hob eine Augenbraue.
„Ich weiß, dass ich es dir nicht leicht gemacht habe, aber ich habe nie an deiner Liebe gezweifelt. Du hast mich bei dir aufgenommen und großgezogen. Ich hatte einfach immer das Gefühl, eine Enttäuschung zu sein. Es ist schwer, in einer Stadt voll wunderschöner Magie zu leben und dazugehören zu wollen, nur um dann erkennen zu müssen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Und seien wir ehrlich, du bist nicht irgendeine Hexe. Du bist diejenige, dessen Art von Magie jeder haben möchte. Aber du hast recht, ich habe die Situation nicht gerade besser gemacht, und dafür tut es mir leid.“
Tante Judy zog mich in eine Umarmung und schob mich kurz darauf sanft von sich weg. Sie wischte sich über die Augen.
„Melissa?“
„Ja?“
„Geh nicht, ohne deine Freundschaft mit Joe zu retten.“
„Ich werde es versuchen.“
„Der erste Test beginnt morgen.“
Ich nickte und ging hoch in mein Schlafzimmer. Als ich die Tür aufstieß, hüllten mich die Vertrautheit des Raumes, seine Wärme und Geborgenheit wie eine alte Lieblingsdecke ein. All das würde sich verändern, wenn ich ginge. Wie ich mich wohl fühlen würde?