Leseprobe Dunkle Gier

1

Joe war in der Hölle. Oder nah genug dran. Die Vororte der Hölle. Und er saß dort fest mit einem Burschen, der ihm verdammt auf den Sack ging.

„Ich habe Hunger“, sagte Hamid, ausgestreckt mit dem Gesicht nach unten im Staub, mitten im nirgendwo, den Blick ins Nichts gerichtet.

„Iss einen Proteinriegel“, sagte Joe. Joe lag neben ihm und hielt das Gewehr.

„Die Scheiße schmeckt nach Sägemehl. Oder genau genommen schmecken sie nach Dreck. Der gleiche Dreck, in dem wir liegen, und den ich bereits in Mund, Nase, Augen und Arschritze habe. Ich brauche nicht noch mehr. Ich will ein Sandwich mit Hühnchen und Parmesan von Defonte’s. Und eine heiße Dusche. Und ein Bett mit sauberen Laken.“

„Klingt gut“, sagte Joe. „Du kannst mir auch eins kaufen, mit deinem Anteil des Geldes. In der Zwischenzeit sind Proteinriegel und Flaschenwasser umsonst. Tu so, als würdest du für Google arbeiten.“

Hamid schnaubte spöttisch, begann aber, auf einem Proteinriegel herumzukauen, was ihn wenigstens für eine Minute zum Schweigen brachte. Joe war auf dieser Art Mission kein Gequatsche gewohnt. Aber er konnte es Hamid nicht wirklich verübeln. Er selbst war auch nicht gerade begeistert. Dies war der letzte Ort, an dem er hätte sein wollen, obwohl er feststellte, dass er oft vorbeischaute, in seinen Albträumen. Es war ein Ort, den er aus seinem Gedächtnis streichen wollte, zuerst mit Alkohol und später mit Opium und Heroin. Es war ein Ort, der ihn beinahe getötet und der ihn verletzt hatte, körperlich und geistig. Wunden, die endlich begonnen hatten, zu heilen. Und jetzt war er zurück. Freiwillig. In der Hölle.

Joe lag in Tarnkleidung auf einem niedrigen Kamm, hielt ein Gewehr und starrte durch ein Scharfschützen-Zielfernrohr auf ein Stück Wüstenstraße. Um ihn herum erstreckten sich Mohnfelder, die hellen roten, pinken und violetten Blüten, geöffnet wie gierige Münder, lächelten in die orangefarbene Sonne, die, während sie unterging, auf die Hügel hinabbrannte und die Abenddämmerung sie umfing. Es war die Provinz Helmand in Afghanistan. Er wartete darauf, dass ein Heroin-Deal stattfand, und dass ein Dieb aus seinem Versteck kam und das Heroin stahl. Joe kannte niemanden, der diesen Dieb je getroffen oder auch nur gesehen hatte, aber sein Name war Zahir al Zilli, Zahir der Schatten, und Joe war hier, um ihn zu töten. Das war es, was ihn an diesen Ort zurückgebracht hatte, den er nie wieder sehen wollte. Das und eine halbe Million Dollar.

 

***

 

Es hatte eine Zeit gegeben, in der Joe so etwas zum Broterwerb machte, Vollzeit – als Special-Forces-Agent, der überall in der Welt bei streng geheimen Missionen eingesetzt wurde. Dann setzte er sich zur Ruhe, oder die Regierung setzte ihn zur Ruhe, löschte alle Aufzeichnungen über ihn und schickte ihn mit übler PTBS und ein paar Problemen mit Drogenmissbrauch nach Hause. Jetzt war es eher ein Hobby, Drogenbosse mit Verbindungen zum Terrorismus umzubringen, etwas, das er nebenberuflich machte, wenn er nicht mit seinem normalen Job beschäftigt war: Rausschmeißer in einem Stripclub in Queens, nicht allzu weit vom Flughafen entfernt. Allerdings gehörte dieser Stripclub (der technisch gesehen Eigentum einer Witwe in ihren Achtzigern war) Gio Caprisi, einem Mafiaboss und Kindheitsfreund von Joe. Als die Köpfe von New Yorks Unterwelt – unter anderem die russischen, dominikanischen, afro-amerikanischen und chinesischen Gangbosse – entschieden hatten, dass sie sich organisieren und jede terroristische Zelle in der Stadt bekämpfen mussten, um ihr Territorium zu beschützen und sich die Regierung vom Hals zu schaffen, hatte Gio Joe angehauen und die Bosse hatten ihn zum Sheriff gemacht, ermächtigt, seine Beute durch ihre Territorien zu verfolgen. Er war die 911 für Leute, die nicht die Cops riefen.

Bei seinem letzten Job für sie war es um eine Heroinlieferung gegangen, die dazu benutzt werden sollte, Terror in Übersee zu finanzieren. Joe hatte sie abgefangen und mithilfe seiner Crew ebenfalls die Schmuggler aufgehalten. Permanent.

Aber der Drahtzieher dahinter, eine geheimnisvolle Gestalt namens Zahir, war noch am Werk, kaperte Heroinlieferungen, die für etablierte US-amerikanische und europäische Dealer bestimmt waren, und versorgte Terrorzellen mit dem Erlös. Zahirs Pipeline nach New York war immer noch aktiv, aber niemand wusste, wie das Heroin in die Stadt kam. Und alle an diesem Flecken Erde, der Quelle des hoch begehrten „persischen“ Dope, hatten schreckliche Angst vor Zahir, obwohl niemand seinen Nachnamen kannte oder wusste, wie er aussah. Und die, die es wussten, waren tot.

Also hatte Little Maria, obwohl sie kleiner als eins fünfzig war eine Hauptakteurin im New Yorker Heroingeschäft, ein Kopfgeld auf Zahir ausgesetzt und Joe beschworen, diesen Kopf zu finden und abzuschneiden. Allgemein betrachtet, würde nicht mal eine halbe Million Dollar Joe in Versuchung führen, für ein Wochenende einen Abstecher nach Kandahar zu machen, um sonnen zu baden und Souvenirs zu shoppen, aber trotz ernster Bedenken verspürte er eine gewisse nagende Verpflichtung, dieser Sache ein für alle Mal ein Ende zu machen. Ganz abgesehen davon, dass man Freunden wie Gio Caprisi und Little Maria schwerlich einen Korb gibt, wenn sie einen um einen Gefallen bitten. Und Feinde wie Zahir und seine New Yorker Verbindung, wer auch immer sie waren, waren zu gefährliche Feinde, um sie am Leben zu lassen.

Bei Joes letzter Kapriole war einiges liegen geblieben. Zum einen hätte Maria das persische Heroin sehr gern in die Finger bekommen, das sprichwörtlich vom Winde verweht war: Heroin im Wert von vier Millionen Dollar, von Joes Kollegin Yelena aus dem Wagenfenster geworfen, weil sie Dope nicht guthieß. Apropos Yelena: Sie war eine klasse Diebin und tödliche Kämpferin, und sie und Joe waren zu Hause und im Einsatz ein gutes Team, aber ihre eigene Vergangenheit hatte sie eingeholt. Sie war ein Kind des russischen Gefängnissystems und eine geborene Kriminelle gewesen, bis der russische Geheimdienst SVR sie unter der Bedingung freigelassen hatte, dass sie die russische Mafia in New York ausspionierte. Jetzt, hauptsächlich dank der Tatsache, dass sie Joe geholfen hatte, war ihr Leben wegen Moskau und Brighton Beach in Gefahr und sie war verschwunden, höchstwahrscheinlich für immer, dachte Joe. Dann war da noch Donna Zamora. Donna war eine FBI-Agentin, deren Wege sich wiederholt mit Joes gekreuzt hatten, und während ihre Beziehung streng beruflich war – sie war das Gesetz, er war das Verbrechen –, hatte sie Heather Kaan, eine Terroristin, erschossen, um Joe zu retten, unter Umständen, die das FBI vielleicht nicht verstand. Joe hatte sich revanchiert, indem er die Leiche hatte verschwinden lassen. Und so weiter …

Sagen wir einfach, dass Joes Leben, das einfache Leben eines Stripclub-Rausschmeißers, der mit seiner Großmutter in Jackson Heights lebte, gern las und Jeopardy guckte, plötzlich sehr kompliziert geworden war, und die Vorstellung, das alles mit einem schnellen Trip nach Afghanistan und einer gut platzierten Kugel ins Gehirn zu beenden, hatte Sinn ergeben. Das Geld schadete auch nicht. Mit einer halben Million Dollar cash konnte er sein sehr einfaches Leben eine sehr lange Zeit finanzieren.

 

***

 

„Schau“, sagte Hamid und unterbrach Joes Gedanken. „Da kommen sie.“

Am Ende des letzten Jobs hatte Joe der Leiche eines Dope-Schmugglers, Felix Habibi, ein Handy abgenommen, und obwohl es nicht viele Daten enthalten hatte, hatte Juno vermocht, ein paar Anrufe und E-Mails zu einem unscheinbaren Bürogebäude in Kandahar zurückzuverfolgen. Allerdings war alles, das Joe entdeckte, ein nichtssagendes Import-Export-Büro, das der Wildwater Corporation gehörte, einer privaten, US-amerikanischen Militärfirma. Das bedeutete nicht viel. Vielleicht war jemand involviert, der dort arbeitete.

Vielleicht benutzte nur jemand ihr WLAN. Vielleicht war es gar nichts. Dann bekam Maria einen Tipp von ihren einheimischen Quellen. Es gäbe einen großen Austausch; eine riesige Ladung Heroin von diesen Opiumfeldern, würde an Drogenhändler verkauft werden, die es dann nach Albanien schmuggeln würden, dann nach Italien und in den Rest Europas. Es war genau die Art Angriffsziel, die Zahir wählte, also waren Joe und Hamid in ihrem Range Rover Defender rausgefahren und hatten sich hier positioniert, Hamid mit einem leistungsstarken Fernglas und Joe mit einem Gewehr. Joe war weiß und schlank, in seinen Dreißigern, trug abgenutzte Hose und Jacke in Wüstentarn, ein altes schwarzes T-Shirt und eine brandneue Sonnenbrille, da seine letzte bei einem Kampf im Club kaputtgegangen war. Sein Haar war etwas ungepflegt und er hatte ein paar Tage Bartwuchs am Kinn. Hamid, klein und kastenförmig mit einem mit Muskeln bepackten Oberkörper, trug Jeans, Nikes und einen schwarzen Hoodie, sein Haar und sein Kinnbart waren frisch getrimmt.

Hamid war sein Dolmetscher. Er sprach fließend Farsi, unter den Einheimischen bekannt als Dari, aber er war kein Einheimischer. Er war aus Brooklyn, und ein harter, etwas gestörter Bursche, allerdings nicht nach Kandahar-Maßstäben. Er hatte die Schule geschmissen, war ein wenig mit dem Gesetz in Konflikt geraten, hauptsächlich Schlägereien oder Dealen mit Gras oder MDMA, aber genug, dass er zum schwarzen Schaf seiner erfolgsorientierten Familie wurde. Dies war seine Chance, sie stolz zu machen, so stolz wie sie es auf seine ältere Schwester, die Ärztin, oder seinen Bruder, den Sozialarbeiter, waren. Die muslimische Gemeinde mochte Joe, da er dafür gesorgt hatte oder zumindest das Gerücht ging, dass er einen groß angelegten Terrorangriff vereitelt, New York Tausende Tote und New Yorks Muslimen die unvermeidlichen Repressalien erspart hatte, ungeachtet der Tatsache, dass viele von ihnen, wie Hamids persische Eltern, nach New York gekommen waren, um religiösem Extremismus und Gewalt zu entfliehen. Als Joe seine neue Mission annahm, hatte sein junger Freund Juno, ein Computergenie und Krimineller aus Bed-Stuy, der oft mit Joe zusammenarbeitete, Hamid rekrutiert, den er aus den Clubs kannte. Juno hatte ihm gesagt, er würde genug verdienen, um seinen eigenen Club aufzumachen, und hätte die Gelegenheit, mit einem Wahnsinnsgeheimdiensttypen abzuhängen. Stattdessen langweilte er sich zu Tode, lag im Dreck oder observierte Tag und Nacht Gebäude oder sah Joe dabei zu, wie er in dem Taschenbuch las, das jetzt in seiner Gesäßtasche steckte: Ausgewählte Gedichte stand auf dem Cover; ausgewählt, schätzte Hamid, von einem Kerl namens Rilke. Welcher Mensch las aus Spaß Gedichte?

Aber jetzt tatsächlich näherte sich über den Pfad, der durch die Hügel führte, eine kleine Karawane SUVs, einer offen, einer geschlossen. Im offenen waren Männer in khet – dem langen Tunika-artigen Oberteil – und partug, den locker sitzenden, faltigen Hosen, die an der Taille eingeschlagen waren. Einige trugen Westen und Militärjacken und alle trugen kufi oder Turbane auf den Köpfen. Im zweiten Fahrzeug war wohl das Dope, plastikeingepackte Kilos, die in Kisten verpackt oder in Säcke eingenäht waren.

Joe passte sein Zielfernrohr an, suchte die Landschaft ab und erspähte eine Staubspur, die sich aus der anderen Richtung erhob, aus dem nächsten kleinen Dorf. Da waren ein geschlossener Jeep und dahinter ein überschüssiger Militärtruck. Der Käufer. Das würde der Heroindealer sein, den Maria kannte, ein etablierter Lieferant, der die Ware wiederverpackte und durch Bestechung und List zu ihrem nächsten Ziel losschickte, wobei der Preis sich jedes Mal, dass sie den Besitzer wechselte, verdoppelte. Abhängig von der Qualität, könnten sich die Pakete in diesem Lastwagen für je drei- bis sechstausend Dollar verkaufen, weniger bei einem großen Einkauf, natürlich. Wenn sie New York erreichten, waren sie pro Stück fünfzig bis achtzigtausend wert. Die Opiumproduktion ließ alle anderen Bereiche der afghanischen Wirtschaft klein erscheinen und der Krieg war gut fürs Geschäft gewesen. Fehlende Kontrolle durch die Regierung hatte zu einer anschwellenden Ernte geführt, was zu einem überschwemmten Markt führte, was niedrigere Preise bedeutete, höhere Qualität und irgendwann tote Junkies.

Aber Joe war wegen nichts von dem hier. Man überlebte in dieser Welt, indem man sich um seine Angelegenheiten kümmerte und auf seinen eigenen Arsch aufpasste. Sein Job war, Zahir zu töten, falls er auftauchte. Was für einen Unterschied machte es, ob ein oder zwei Trucks voller Dope mehr durchkamen oder nicht?

Die Staubspuren liefen zusammen und die Abendröte kroch über die raue Landschaft, die Erde wechselte zwischen Schattierungen von Braun und Hellbraun, Rost und Rot. Unter ihm lag die Straße, dann ein weiterer, niedrigerer Hügel und dahinter die Mohnfelder, ein Meer aus Blumen, die Blüten wie weiche, verschlafene Köpfe, die oben von ihren Stängeln herunterhingen, wie eine Armee von Engeln, die auf die Erde gekommen war. Er hatte Männer in diesen Feldern sterben sehen. Er hatte gesehen, wie US-Soldaten zwischen den Blumen patrouillierten und Kinder sich um die Ernte kümmerten. Er hatte gesehen, wie Zivilisten versehentlich von amerikanischer Artillerie in die Luft gesprengt und wie seine Kameraden von Aufständischen gefoltert wurden. Er wusste, dass 42 Prozent des Opiums auf der Welt aus dieser einen Provinz kam, mehr als aus ganz Burma, nach Afghanistan Bezugsquelle Nummer zwei. Er wusste, dass Opium die weltweite Drogenepidemie fütterte und die Taliban finanzierte, die so vielen, die hier lebten, das Leben zur Hölle machten. Aber es war dennoch ein wunderschöner Anblick. Das war die Sache mit der Hölle; sie konnte dem Himmel ziemlich ähnlich sehen.

Dann, als die beiden Seiten sich trafen und anhielten, bemerkte Joe etwas anderes, einen kleinen dunklen Umriss, der sich am Horizont bewegte. Es war nur ein Flimmern, dahinter die Sonne, und dann war es weg, aber Joe wusste es; jemand anderes war hier.

„Keine Bewegung“, sagte er zu Hamid, der herumzappelte. „Es geht los.“

Der Austausch ging schnell. Zwei Männer stiegen aus den vorderen Fahrzeugen aus und Joe sah durch das Zielfernrohr zu, wie das Geld den Besitzer wechselte, eine Lederreisetasche, die der Verkäufer öffnete, checkte und wieder schloss. Er rief einen Befehl und seine Männer begannen schnell, die Pakete auszuladen und den Männern des Verkäufers auszuhändigen, die sie rasch auf den Truck luden. Andere Männer hielten Wache, standen in einem lockeren Umkreis, mit gezogenen Waffen. Nach ein paar Minuten war alles vorbei. Sie stiegen zurück in die Fahrzeuge, drehten in einer Staubwolke um und fuhren in die Richtungen weg, aus denen sie gekommen waren.

„Scheiße“, murmelte Hamid. „Das war’s, schätze ich.“

„Psst.“ Joe ließ ihn verstummen. „Warte einfach.“

Er blieb regungslos liegen, bewegte sich nur so viel, um das Zielfernrohr scharfzustellen, weil der schwarze Fleck, den er gesehen oder beinahe gesehen hatte, sich jetzt bewegte. Das war tatsächlich alles, was er sah, einen grauen Umriss, der sich am grauen Himmel bewegte, jetzt, da die Sonne hinterm Horizont verschwunden war. Aber etwas bewegte sich jetzt schnell, und er hörte außerdem ein schwaches Brummen wie ein Moskito. Das Moskito schoss am weit entferntesten Kamm entlang, dann einen sich windenden Pfad hinunter zu der Straße in die Richtung, in die der Verkäufer gefahren war. Joe stellte scharf: Es war eine Gestalt auf einem Motorrad, dunkle Kleidung und Schal bauschten sich, ein Gewehr auf dem Rücken.

„Gehen wir“, sagte Joe und rollte rückwärts und stand dann auf. Hamid folgte, rief ihm Fragen zu, aber Joe antwortete nicht, während er den steilen Hügel hinunterrannte, dorthin, wo der Defender außer Sicht geparkt war. Sie stiegen ein und Joe fuhr los, mühte sich mit dem Lenkrad ab, während sie den zerfurchten Pfad hinunterrasten, dann trat er aufs Gas, als sie die Straße erreichten. Er beschleunigte, bis er das Heulen des Motorrads hörte und ließ sich dann zurückfallen. Jetzt folgten sie dem Motorradfahrer, der wiederum, wie es schien, dem Geld folgte.

„Ist das Zahir?“, fragte Hamid, der zwischen Schlucken Wasser Luft holte.

„Vielleicht“, sagte Joe. Er öffnete ein Wasser und trank. Die Vorgehensweise war vollkommen falsch. Zahir stahl das Dope, nicht die Kohle. Da waren vielleicht hunderttausend oder hundertfünfzigtausend Dollar in der Tasche, in welcher Währung auch immer. Keine schlechte Beute, aber nichts im Vergleich zu dem, was das Produkt auf den Straßen New Yorks wert war. Und was nützte es, ein Netzwerk wie das von Zahir zu haben, wenn man es nicht benutzte? Außerdem war Zahirs Name gleichbedeutend mit Blut und Schrecken. Das Dope und das Geld nehmen und einen Haufen Leichen und brennende Trucks zurücklassen. So bekam man die Aufmerksamkeit der Leute in dieser Umgebung. Ein bewaffneter Mann auf einem Motorrad war nicht sonderlich beeindruckend. Obwohl das von dem Mann abhing, schätzte Joe.

Die Nacht brach herein, als sie das Dorf erreichten, nur ein paar Gebäude um einen Marktplatz herum, hier und da Wohnhäuser und kleine Geschäfte entlang der staubigen Straßen. Es war niemand in Sicht. Er fuhr langsam in Schrittgeschwindigkeit um den Platz herum. Dann kam ein Mann gerannt, sprintete ohne einen Blick am Fahrzeug vorbei. Joe bewegte die Schnauze des Wagens in die Straße, aus der er gekommen war. Zwei weitere junge Männer rannten vorüber.

„Zahir!“, rief einer. „Zahir darad meeyayad!

Jetzt sah Joe ein Café, das von innen beleuchtet war. Das Motorrad parkte davor, daneben der staubbedeckte Jeep, den der Verkäufer gefahren war. Männer eilten durch die Tür und verteilten sich.

„Zahir!“, schrie einer, als warne er die Stadt vor einem Feuer.

Al Zilli! Al Zilli!“, rief ein anderer, als er davonstürzte. Der Schatten. Joe parkte.

„Warte hier“, sagte er zu Hamid.

„Brauchst du mich nicht zum Dolmetschen?“

„Zahir!“, rief ein alter Mann, während er rasch auf einen Gehstock gestützt vorbeihinkte. Ein jüngerer, breiterer Mann rannte an ihm vorbei, stolperte und fiel hin, sprang auf und floh.

„Ich schätze, ich werde das Wesentliche erfassen“, sagte Joe. „Der Schlüssel steckt. Wenn ich in zehn Minuten nicht zurück bin, fahr zurück zum Hotel. Wenn ich morgen nicht dort bin, ab nach Hause.“

„Was, wenn du gar nicht zurückkommst?“, fragte Hamid, plötzlich leiser.

Joe lächelte und tätschelte beruhigend seinen Arm. „Dann hast du immerhin diese kostenlosen Proteinriegel.“ Er ließ sein Scharfschützengewehr zurück, nahm seine Beretta M9 und sprang vom Fahrzeug. „Bis bald, Kleiner.“

Dann überquerte er die Straße zum Café. Er entsicherte seine Pistole, hielt sie vor sich und ging vorsichtig vorwärts, obwohl die Männer, die an ihm vorbeirannten, alle in die andere Richtung liefen und ihn kaum eines Blickes würdigten. Er näherte sich der Tür, es hing nur ein Vorhang im Torbogen, und ging gebückt hinein, indem er den Vorhang zur Seite stieß. Das Café war menschenleer. Teegläser und Shishas standen verlassen da, Hocker waren umgefallen. Eine Katze lief unbekümmert herum. Ein plötzliches Pfeifen ließ ihn nach links schwingen, die Pistole erhoben. Es war nur ein kochender Teekessel. Noch mehr Tee. Joe sah rasch hinter dem Tresen nach, stellte die Flamme unter dem Teekessel aus und ging dann auf die Hintertür zu.

Er vermutete, dass da noch ein weiteres Zimmer war, in dem Opium geraucht wurde, ein Vorgang, mit dem er nur allzu vertraut war. Er öffnete die Tür vorsichtig mit seiner freien Hand, dann trat er ins Halbdunkel. Augenblicklich roch er ihn, diesen seltsamen, aber unverwechselbaren Duft, irgendwo zwischen klebrigen Brownies und verfaulendem Fisch. Das Parfum, das der Mohn nur durch den Rauch ausstieß. Der Duft der Träume und eines langsamen, glücklichen Todes. Ein paar Männer lagen auf ihren Rücken, ausgestreckt auf dünnen Matten, ihre Köpfe auf Kissen gestützt, die Augen geschlossen oder in der Dunkelheit nichts sehend. Sie waren nicht weggelaufen, als Zahir hier durchgekommen war. Sie kümmerte nichts. Dafür bezahlte man hier: für eine Stunde oder eine Nacht auf alles zu scheißen. Joe durchquerte den Raum, ließ die Tagträumer unbehelligt und kroch durch den Ausgang, der zu einer Gasse auf der Rückseite führte.

Dort war Zahir. Eine Gestalt ganz in Schwarz, schwarze Tunika, lockere schwarze Hose, ein schwarzer Turban und über seinem Gesicht eine Sturmhaube aus Baumwolle. Er trug Handschuhe und hielt das Gewehr auf den Verkäufer gerichtet, einen bärtigen Mann in seinen Vierzigern, der jetzt auf den Knien war, die Hände umklammert, als bete er ernsthaft und biete die Reißverschlusstasche, die auf der Erde vor ihm stand, als Geschenk an. Gerade, als Joe hinaustrat, reagierte Zahir, sprang wie eine Katze und machte einen Salto aus seiner Schusslinie heraus. Aber Joe schoss nicht. Hinter Zahir waren Fenster, und Joe befürchtete, dass seine Kugeln ins benachbarte Gebäude eindrangen. Stattdessen bewegte er sich ebenfalls, duckte sich nach rechts und versuchte, an der Wand Deckung zu finden, während er seine Pistole auf Zahir richtete, dessen Gewehr auf ihn zielte. Der kniende Mann zwischen ihnen zitterte, weil beide Waffen in Höhe seines Schädels waren. Sie befanden sich in einer Pattsituation. Falls einer sich bewegte, sogar um einen Schuss abzugeben, wäre er ungeschützt. Joe stand absolut still da.

Dann hob Zahir, der sein Gewehr weiterhin auf Joe richtete, langsam seine Hand, mit der Handfläche nach außen, so als regle er den Verkehr. „Erschieß mich nicht, Joe“, sagte die Gestalt mit einer vertrauten Stimme und zog Haube und Turban vom Kopf. Blondes Haar fiel heraus.

Lächelnd senkte Joe seine Pistole. „Hi, Yelena.“