Kapitel 1
1. Leugnen
2. Gefühlsausbrüche
3. Verhandeln
4. Eingeständnis
5. Akzeptanz
Wenn man Google Glauben schenken konnte, waren das die fünf Stadien, die man durchlebte, wenn man schrecklichen Liebeskummer hatte.
Ich hatte Liebeskummer.
Keinen besonders schrecklichen, schließlich war in der Regel ich diejenige, die eine Beziehung beendete, dennoch durchlebte ich jedes einzelne Stadium so intensiv, als wäre ich die Verlassene. Ich litt wie ein Hund, den man bei sengender Hitze im Auto zurückgelassen hatte (shame on you, wer das tat!).
Meine Lieblingssongwriterin Taylor Swift hatte eigens für diese Szenarien die passenden Playlists zusammengestellt, die im Moment in Dauerschleife aus meinem Bluetooth-Lautsprecher schallten.
Aktuell befand ich mich in Phase drei: Verhandeln.
Dabei verhandelte ich keineswegs mit B-e-n-e-d-i-k-t, meinem Ex. Vielmehr ging es darum, dass ich meine Entscheidung, mit ihm Schluss zu machen, bevor es ernst wurde, vor mir selbst zu rechtfertigen versuchte.
Pah, als müsste ich das …
Okay. Natürlich musste ich das. Ansonsten würde ich emotional zugrunde gehen und mich Zeit meines Lebens schlecht fühlen.
Aber es war richtig gewesen, ihn zu verlassen, bevor ich mich in etwas gestürzt hätte, das mich womöglich wieder in einen Abgrund gestoßen hätte. Als er mir die Angebote des Immobilienmaklers für diverse Eigentumswohnungen gezeigt hatte, waren bei mir sämtliche Sicherungen durchgebrannt. Auch wenn eine Eigentumswohnung etwas Gutes war, weil sie eine Wertanlage war. Aber sie bedeutete ebenso eine gemeinsame Verpflichtung. Und was, wenn unsere Beziehung irgendwann den Bach runterging? Benedikt aus irgendwelchen Gründen keinen Bock mehr auf ein Leben mit mir hätte? Dann hätten wir einen Scherbenhaufen, ich ein abermals gebrochenes Herz, aber eine Eigentumswohnung an der Backe?
Nein, danke. Darauf verzichtete ich liebend gern und hatte deswegen die Reißleine gezogen und mich getrennt.
Im Hintergrund lief gerade The Albatros von Taylor Swift und ich summte leise die Melodie der Bridge mit.
»Luna, hörst du mir überhaupt zu?«
Die Stimme meiner besten Freundin Sophie drang in meine Ohren, als wäre sie am anderen Ende der Welt und würde versuchen, über ein Dosentelefon mit mir zu kommunizieren.
»Ähm … Ja, natürlich.« Ich räusperte mich, um wieder im Hier und Jetzt bei Sophies und meinem Telefonat zu landen.
»Ach ja, und was habe ich gerade gesagt?«, fragte sie schnippisch. Zu Recht. Nächste Woche war ihr großer Tag. Sie und Finn heirateten. Endlich. Die beiden waren schon seit der achten Klasse ein Paar und seitdem unzertrennlich.
Für einen Moment zögerte ich, aus Angst, wieder einmal in eines der berühmt-berüchtigten Fettnäpfchen zu treten. Es kam selten vor, dass ich eines ausließ.
Geräuschvoll sog ich die Luft ein, bevor ich schließlich antwortete: »Dass du dich sehr auf die Hochzeit freust?« Während diese Worte meinen Mund verließen, wusste ich, dass ich kolossal danebenlag.
»Falsch. Düdüm. Ich hatte dich an den Termin für die Anprobe erinnert. Du schaffst es doch, rechtzeitig da zu sein, oder?«
Ihre Stimme klang wieder sanfter, das beruhigte mich.
»Natürlich. Du weißt, dass ich dich nie hängenlassen würde. Ich bin so gespannt, wie das Kleid an mir aussehen wird. Noch mehr freue ich mich aber darauf, dich in deinem Tülltraum zu sehen.«
Weil Sophie in Binz, ich hingegen in Dresden lebte, hatten wir gemeinsam im Onlineshop des Brautausstatters ein Kleid ausgesucht. Vor Ort würde ich es anprobieren und reiste deswegen schon eine Woche vor der Hochzeit an, damit noch Zeit für Änderungen blieb.
Ich hoffte inständig, es würde gut an mir aussehen. Es musste einfach perfekt sein. Für mich. Und für mein angeschlagenes Ego. Vor allem aber für Sophie, weil ich die Trauzeugin für sie sein wollte, die sie verdient hatte.
»Oh, du wirst umwerfend darin aussehen«, sagte meine beste Freundin. »Da bin ich mir ganz sicher.«
»Ja, vielleicht. Ich habe schon alles gepackt, sodass ich morgen direkt nach der Arbeit losfahren kann.«
»Supi. Hach, ich freue mich so auf dich!«, rief sie euphorisch ins Telefon.
»Ich mich auch. Ich kann noch gar nicht glauben, dass ihr endlich heiratet. Wahnsinn.«
»Es ist so aufregend. Die ganze Planung und alles. Wirklich irre, wie schnell die Zeit dabei vergeht.«
»Ihr hättet euch eine Hochzeitsplanerin nehmen können«, merkte ich an.
»Ja, ich weiß. Finn hielt nichts davon, als ich ihm das anfangs vorgeschlagen hatte. Zu teuer.« Ein leises Seufzen war nach dem letzten Wort zu hören.
Zu teuer. Na klar. Dabei hatte Finns Familie Geld wie Heu. Ihnen gehörte das größte und nobelste Hotel in Binz. Sie hätten sich zwanzig Hochzeitsplanerinnen leisten können.
»Ich hoffe, er ist mit allem zufrieden«, sagte sie schließlich leise.
»Ganz bestimmt. Du hast so viel Liebe und Herzblut in die Organisation gesteckt, er wird hin und weg sein. Alles wird toll, glaub mir.«
»Ja, bestimmt. Schade, dass du Benedikt nicht mitbringst. Wenn du erst nach der Hochzeit mit ihm Schluss gemacht hättest, wärst du nicht allein.«
Bäm! Damit war die Magie des Augenblicks dahin. Benedikt war die Red Flag, über die ich gerade am allerwenigsten sprechen wollte.
»Es macht mir gar nichts aus, allein zu kommen. Das ist voll okay.«
»Ich meine ja nur. Wenn du so weitermachst, schaffst du es nie vor den Altar.« Mir war klar, dass Sophie damit Besorgnis zum Ausdruck bringen wollte. Aber ihre Worte verletzten mich. Als ob eine Hochzeit ein allgemeines Lebensziel für jedermann war, zusätzlich zum Hausbau und dem Ziel, Kinder in die Welt zu setzen. Ich war schon froh, wenn ich, ohne zu stolpern, durch den Tag kam.
Um die Hochzeitseuphorie meiner besten Freundin nicht zu dämpfen, beschloss ich, unsere unterschiedlichen Einstellungen zum Leben zu einem anderen Zeitpunkt mit ihr zu klären.
»Hm«, brummte ich. »Das passt schon.«
»Jaja. Und warum läuft dann diese Musik im Hintergrund? Ich meine, du hörst wahrscheinlich wieder sämtliche Heartbreaking-Titel, die die Streamingplattformen bieten, oder? Huste zweimal, wenn ich falschliege.«
Ich hustete gar nicht.
»Wusste ich es doch. In welche Phase sind wir gerade?«
Ein bitteres Lachen verließ meine Kehle. »Also du bist in der Ich-heirate-bald-und-meine-Welt-ist-rosarot-Phase. Und ich? Phase drei würde ich sagen.«
»Ah, du versuchst also, dir die Trennung schön zu reden.«
»Genau. Er war einfach nicht der Richtige.«
»Ach ja? Und warum? Zwar habe ich euch nicht so oft zusammen erlebt, aber ich fand schon, dass ihr gut zusammengepasst habt.«
»Ähm, nein, das hat getäuscht. Glaub mir, es ist besser so.«
»Aber warum bist du dann traurig, dass du ihn in die Wüste geschickt hast? Das verstehe ich langsam nicht mehr.«
Ich holte tief Luft. Ich liebte meine beste Freundin wie eine Schwester. Aber ihre Fürsorge war mir manchmal etwas zu viel.
»Musst du auch nicht. Ich höre da auf mein Bauchgefühl, weißt du. Und bei Bened-… Bei ihm hat es einfach nicht gepasst.« Wie sehr ich es hasste, seinen Namen auszusprechen. Er kam mir einfach nicht über die Lippen.
»Vielleicht. Aber mal ehrlich, du kannst nicht ewig so weitermachen, Luna. Du kannst nicht jedes Mal, wenn ein Typ es ernst mit dir meint, die Reißleine ziehen. Damit bist du nicht besser als …«
Mir war klar, worauf sie hinauswollte. Und insgeheim wusste ich sogar, sie hatte recht mit dem, was sie sagte.
Trotzdem.
»Er war schon auf Wohnungssuche. Für uns. Verstehst du? Er hat mir ständig irgendwelche Angebote geschickt und hat Besichtigungstermine vereinbart. Wir waren gerade einmal ein halbes Jahr zusammen und noch dabei, uns kennenzulernen.«
Auch wenn wir nur telefonierten und ich Sophie nicht sah, wusste ich, dass sie gerade den Kopf schüttelte.
»Du tust das immer wieder, Luna. Seit der Sache mit du weißt schon wem. Hör auf damit. Du verpasst noch die Chance deines Lebens.«
Für einen Moment herrschte Schweigen in der Leitung. »Du meinst, ich bin so, weil Lord Ich-verpiss-mich-ohne-etwas-zu-sagen mich damals versaut hat? Hm, das würde ich sogar unterschreiben.«
»O Mann, Luna, echt. Es ist zehn Jahre her. Und bestimmt hatte er seine Gründe …«
»Über die er mit mir hätte sprechen können«, unterbrach ich sie. »Aber weißt du was? Mein Beziehungsstatus spielt gerade keine Rolle. Ich meine, du heiratest in ein paar Tagen und ich freue mich so sehr darauf, dich wiederzusehen. Und dass ich deine Trauzeugin sein darf, ist die größte Ehre, die mir auf diesem Planeten je zuteilwurde.«
»Na, nun übertreib mal nicht«, sagte sie und kicherte am anderen Ende der Leitung. »Ich freue mich auch riesig auf die Zeit mit dir und kann es kaum erwarten, dich vom Bahnhof abzuholen. Gibst du mir die Ankunftszeit noch mal durch?«
»Na klar, ich schicke dir nachher alles per WhatsApp.«
Wir plauderten noch eine Weile über Gott und die Welt, überflüssige Hochzeitstraditionen und verabschiedeten uns dann.
Den Rest des Abends verbrachte ich damit, zu leiden. Phase drei war längst noch nicht abgeschlossen und so redete ich mir weiter ein, das Richtige mit der Trennung getan zu haben.
Das tat ich jedes Mal, nachdem ich mich von einem Typen getrennt hatte. War es vielleicht ein Fluch, dass der eine oder andere nach ungefähr einem halben Jahr die Beziehung vertiefen wollte? Da war dann von Zusammenziehen die Rede, Familienfeiern, auf die ich mitgehen sollte, und dergleichen. Immer wieder war das der Zeitpunkt gewesen, an dem ich mich distanzierte und schließlich das Weite suchte.
War das den Typen gegenüber fair? Mmh, vermutlich nicht.
War es nötig, um mein Herz davor zu schützen, erneut gebrochen zu werden? Japp.
Seitdem mich Du-weißt-schon-wer vor zehn Jahren von einer Sekunde auf die andere hatte sitzen lassen, konnte ich das alles nicht mehr. Ich hatte viel zu viel Angst davor, wieder an den gleichen Punkt zu kommen wie damals. Wieder so verletzt zu werden, dass ich glaubte, für immer gebrochen zu sein.
Ich war nicht scharf darauf, eine gemeinsame Wohnung mit jemandem zu beziehen, den ich kaum kannte. Mit ihm hätte ich es mir damals vorstellen können, und da hatte es sich richtig angefühlt. Mit allen, die danach kamen, nicht. Eltern kennenlernen? Nein, danke. Das brauchte ich wirklich nicht. Seine Eltern hatte ich nur zu gut gekannt. Schließlich waren wir über vier Jahre lang ein Paar und unzertrennlich gewesen. Sein Elternhaus war quasi mein zweites Zuhause gewesen. Und umgekehrt.
Bis zu jener Nacht kurz nach unserer Abi-Abschlussfeier, in der ich ihm vorgeschlagen hatte, gemeinsam nach Dresden zu gehen, um dort zu studieren. Es war nur eine Idee gewesen. Nichts war in Stein gemeißelt.
Am nächsten Morgen lag ein Zettel auf meinem Kopfkissen.
Es tut mir leid.
Vier Worte, die meine Welt in einer Millisekunde in Scherben zerbrochen hatten.
Keine Erklärung.
Keine Rechtfertigung.
Nur diese verdammten vier Worte, und jedes einzelne hatte sich wie ein Dolch in mein Herz gebohrt.
Es war, als hätte jemand den Stecker gezogen. Meine Welt, die eben noch in den leuchtendsten Farben gestrahlt hatte, versank in einem Meer aus Grau. Wieder und wieder hatte ich auf den Zettel gestarrt, in der Hoffnung, die Botschaft würde sich ändern.
Aber sie blieb.
Es tut mir leid.
Vier Jahre voller liebevoller Blicke auf dem Schulhof, gestohlener Küsse hinter der Turnhalle, endloser Telefonate bis tief in die Nacht und Treffen am Strand. Vier Jahre, in denen wir uns eine gemeinsame Zukunft ausmalten – das Studium in derselben Stadt, die erste gemeinsame Wohnung, vielleicht sogar irgendwann eine Familie. Deswegen fand ich meine Idee, gemeinsam in Dresden zu studieren, nicht abwegig.
Aber mit diesen vier Worten hatte er all unsere Träume zerschmettert.
Es dauerte eine Weile, bis ich realisiert hatte, dass er fort war. Wieder und wieder wählte ich seine Nummer, schrieb ihm Nachrichten. Aber er rief nicht zurück, meine Nachrichten blieben unbeantwortet. Es war, als hätte ich einen Geist geliebt, der nicht existiert hatte. Die Tage und Wochen danach verschwammen zu einem einzigen dumpfen Schmerz. Ich bewegte mich wie in Trance durch mein Leben, funktionierte irgendwie, aber nichts fühlte sich real an. Sophie und Finn versuchten, mich aufzumuntern, meine Mutter bot mir Gespräche an, aber wie sollte ich erklären, was ich selbst nicht verstand?
Das Schlimmste waren die Gewohnheiten, die sich in mein Herz gebrannt hatten. Der reflexartige Griff zum Handy, wenn ich morgens aufwachte, weil ich wusste, dass er mir ein witziges GIF geschickt hatte. Meine Gedanken, die immer wieder zu ihm drifteten. Jede Entscheidung, die ich traf, ließ mich fragen, was er wohl täte.
Ich hasste mich dafür, dass ich trotz allem auf ein Wort von ihm wartete. Auf eine Erklärung, eine Entschuldigung, irgendetwas. Aber da kam nichts. Er war wie vom Erdboden verschluckt.
In manchen Nächten lag ich wach und fragte mich, was eigentlich schiefgelaufen war. Wie aus einem »Ich liebe dich« ein solcher Abgang werden konnte. Ob er gewusst hatte, dass er gehen würde, während er mir noch Versprechen für die Zukunft machte? Dieser Gedanke hatte fast noch mehr wehgetan als sein Verschwinden selbst.
Irgendwann begann der Schmerz, zu verblassen. Aber diese erste Erfahrung von Verlust und Verrat hatte sich tief in meine Seele eingegraben und sie kaputtgemacht. Wie ein feiner Riss in einem Spiegel – meist unsichtbar, aber in bestimmtem Licht deutlich zu erkennen.
Damals hatte ich mir geschworen, dass mich dieses Gefühl der Hilflosigkeit nie wieder lähmen würde. Nie wieder würde ich einem Mann diese Macht über mich geben, mich im Nullkommanichts zu zerstören.
Also ja, wenn ich mich davor schützen wollte, erneut so eine Bruchlandung hinzulegen, zog ich selbst die Reißleine, bevor es zu spät war.