Leseprobe Driven by You | Eine spicy enemies to lovers Sports Romance

1. Kapitel

Mittwoch, 5. April 2017

Kein anderer Mann auf dieser Welt wäre davon genervt, neben dem Topmodel Evangelina Eristof aufzuwachen. Frederick allerdings wünschte sich, er wäre sie gestern Abend noch losgeworden. Hastig schloss er die Augen wieder, als würde sie dann genauso verschwinden wie das unwillkommene Sonnenlicht, das durch die großen Fenster auf sein Gesicht fiel.

„Guten Morgen“, gurrte sie, während sie sich an ihn schmiegte. Ihre Kurven wurden von unzähligen männlichen Wesen angehimmelt, doch er konnte ihre Nähe gerade nicht schätzen.

„Morgen.“ Er rollte sich zur Seite und setzte sich auf. „Du kannst noch schnell duschen, aber dann musst du leider gehen. Meine Arbeit wartet.“

Sie kicherte. „Ich habe vor, dich unter der Dusche auch ein wenig arbeiten zu lassen.“

„Ein verlockendes Angebot, das ich aber ablehnen muss.“ Ungeduldig wich er ihrem Blick aus. Anhänglichkeit war etwas, womit er schlecht umgehen konnte. Hoffentlich verstand sie seine Hinweise bald, sonst musste er deutlicher werden. „Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um das Frühstück.“

Nur in Boxershorts flüchtete er aus seinem Schlafzimmer und schaltete in der Küche den Kaffeeautomaten ein. Er öffnete den Kühlschrank und besah sich grübelnd den Inhalt. Schließlich holte er Butter und Marmelade heraus und bestrich damit zwei Brotscheiben. Von der Maschine ließ er zwei Tassen mit Kaffee füllen und stellte alles auf der schmalen Erhöhung zurecht, die die Küche vom Wohnbereich trennte. Fehlte noch, dass sie gemeinsam am Esstisch frühstückten! Das würde Evangelina nur auf falsche Gedanken bringen.

Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, hörte er das Rauschen des Wassers aus dem Bad. Er ging in den angrenzenden Ankleideraum und schlüpfte in eine Trainingshose und ein Shirt, bevor er sich über das Essen hermachte.

Frederick hatte seinen Teil des Frühstücks bereits beendet, als Evangelina zu ihm in die Küche kam. Sie trug nur ihre Dessous und hielt Kleid und Schuhe in einer Hand. Bei seinem Anblick zog sie eine Schnute.

„Schon angezogen und gefrühstückt? Du hast es ja wirklich eilig.“

„Tut mir leid. Ich bin gestern Abend völlig fertig eingeschlafen. Eigentlich war nicht geplant, dass du …“ Er zuckte mit den Schultern.

„Verstehe. Aber jetzt können wir die Zeit doch nutzen, die uns bleibt.“ Ihr Kleid und die Schuhe ließ sie einfach auf den Boden fallen und kam auf ihn zu. Ihren verführerischen Körper schmiegte sie eng an ihn.

Seine Männlichkeit reagierte prompt auf ihre Nähe. Doch er würde dieser kurzen Ablenkung nicht nachgeben. Seine Regeln waren klar: Nicht mehr als drei Dates mit derselben Frau. Nach dem Sex trennten sich ihre Wege. Alles andere brachte nur Komplikationen mit sich.

Trotz dieser Einstellung würde er nicht behaupten, dass er abgebrüht war. Er verhielt sich nur vernünftig. Eine Nacht reichte ihm völlig aus. Vielleicht war von den Paparazzi noch ein Foto geschossen worden, das die Schönheit des Tages und ihn zeigte, bevor er sie in sein Haus einlud. Mit dem Morgengrauen und dem möglichen Erscheinen des Bildes in einem der Klatschblätter kühlte seine Begeisterung allerdings rasch ab.

Evangelina legte ihre Arme um seinen Hals, wiegte ihre Hüften, um sich dabei an ihm zu reiben, als hätte sie vergessen, dass sie sich an seine Regeln zu halten hatte. „Ich habe später noch ein Shooting, aber vorher könnten wir noch mal in dein Schlafzimmer gehen.“

„Nein, das könnten wir nicht.“

„Gleich hier in der Küche?“ Sie lachte. „Ganz nach meinem Geschmack.“

Rasch schüttelte er den Kopf und schob sie von sich. Das hier war für keinen von ihnen schmeichelhaft. Verstand sie nicht, wie unangenehm es ihm war, wenn sie so hartnäckig mehr von ihm verlangte? Er vermied schon den Anschein von Anhänglichkeit, schließlich hatte er bereits früh gelernt, dass das nur zu Enttäuschung und Schmerz führte. Evangelina sollte eigentlich ebenfalls genug Lebenserfahrung haben, um sich nicht so anzubiedern. Sie hatte genug Verehrer, um sich über einen kleinen Misserfolg hinwegzutrösten.

„Ich habe zu tun“, stellte er klar. „Also wenn du noch frühstücken magst, rufe ich in der Zwischenzeit ein Taxi.“

„Morgens esse ich nichts. Aber danke für das Angebot.“ Ihr Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass die Abfuhr sie vor den Kopf stieß. Tja, vermutlich würde es nicht so schmerzen, hätte sie sich ihm nicht übertrieben anhänglich an den Hals geworfen.

„Willst du einen Kaffee? Du kannst dir die Tasse gern mitnehmen.“ Hauptsache, er wurde die Dame schnell los.

„Ich trinke ihn einfach gleich aus.“

Noch mehr Zeit in ihrer unerwünschten Gesellschaft! Er unterdrückte ein Seufzen. „Gut, dann rufe ich dir das versprochene Taxi.“

Während er telefonierte, zog sie sich an und schaffte es tatsächlich, die Kaffeetasse in Rekordzeit zu leeren.

„Morgen bin ich auf einer Veranstaltung“, erzählte sie nebenbei. „Aber am Sonntag hätte ich noch Zeit.“

„Das freut mich für dich.“ Er ignorierte das wenig versteckte Angebot. Am Wochenende war er ohnehin in Bahrain. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf der Arbeitsplatte. Angeblich sollte das Taxi nicht mehr als fünf Minuten bis zu ihm brauchen. Vielleicht konnte er langsam damit beginnen, sie aus dem Haus zu komplimentieren.

„Ich könnte vorbeikommen.“ Evangelina blieb beharrlich.

Mit verkniffenem Gesichtsausdruck legte er ihr einen Arm um die Taille und machte sich auf den Weg zur Tür. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

„Sonntag ist ganz schlecht“, behauptete er. „Lass uns nach draußen gehen. Dein Taxi ist bestimmt schon da.“

„Das kann nicht sein. Du hast gerade erst angerufen. Jedenfalls danke ich dir für den schönen Abend. Den würde ich gern wiederholen.“ Sie lächelte zu ihm hoch.

„Hmm“, brummte er unhöflich und schob sie weiter Richtung Tür, aber das konnte ihren Wortschwall nicht bremsen.

„Es war toll mit dir“, gurrte sie und legte eine Hand auf seine Brust. „Du bist ein wunderbarer Mann. Wann sehen wir uns wieder, Fred?“

„Frederick“, korrigierte er genervt. Diesen altertümlichen Spitznamen ertrug er nicht und mit zudringlichen Frauen kam er noch schlechter zurecht. Bevor er sie mit nach Hause genommen hatte, war er deutlich geworden, dass er nur an einer einmaligen Sache interessiert war. Wieso glaubte sie, er würde seine Meinung ändern? „Nächstes Wochenende muss ich zum Rennen nach Bahrain. Und davor hab ich jede Menge zu tun.“

Ihre Augen begannen zu strahlen. „Dein Leben ist so aufregend. Ich komme ja auch viel um die Welt, aber ihr Rennfahrer werdet gefeiert wie Rockstars. Wirklich beneidenswert!“

Die Eingangstür kam endlich in Sichtweite. Gott, warum musste dieses Haus so groß sein? Er setzte ganz automatisch sein Traumschwiegersohn-Lächeln auf, falls ein Reporter der Klatschpresse vor seiner Einfahrt herumlungerte und durch eines der Fenster Fotos schoss. „Wir sind nur ganz normale Menschen, die versuchen, ihren Job gut zu erledigen.“

„Tu nicht so bescheiden. Das nimmt dir keiner ab. Nach deiner Leistung im Bett zu urteilen, ist es auch nicht angebracht.“ Einladend zwinkerte sie ihm zu und verlangsamte ihr Tempo.

Genervt über ihre Aufdringlichkeit legte er ihre Hand auf seinen Arm und zog sie so vorwärts. Ihr fiel der Abschied wirklich schwer. Inzwischen schien es, als wäre sie in Sekundenkleber getreten und käme überhaupt nicht mehr von der Stelle.

„Danke für die Blumen“, murmelte er. „Ich muss mich jetzt allerdings auf einen wichtigen Termin vorbereiten.“

Ihr Lächeln wirkte etwas angespannt. „Zu schade. Hoffentlich denkst du trotzdem ununterbrochen an mich.“

Sehr unwahrscheinlich. Er riss die Tür auf.

„Verrate mir noch eine Sache“, bat die Blondine.

„Was willst du wissen?“

Mit großen Augen sah sie zu ihm auf. Hoffnung flackerte in ihrem Blick. „Hast du dich meinetwegen mit Roberto geschlagen? Ich bin vor einiger Zeit auch mit ihm ausgegangen, aber das ist mit dem, was zwischen uns ist, nicht vergleichbar.“

Das bedeutete wohl, sie war nur auf der Jagd nach einem Rennfahrer gewesen. Irgendeinem. Bestimmt würde sie rasch Ersatz finden.

„Roberto und ich hatten lediglich eine Meinungsverschiedenheit, sein Überholmanöver in der letzten Kurve in Shanghai betreffend“, stellte er klar. „Mit dir hatte das nichts zu tun.“ Wie konnte sie glauben, er würde sich wegen einer Frau mit einem anderen Mann prügeln? Noch niemals war ihm eine wichtig genug gewesen, um ihre Ehre zu verteidigen. Eifersucht kannte er nicht, selbst wenn sie jetzt gleich ins Bett eines Konkurrenten springen sollte.

„Aber …“ Sie versuchte sich ihm in den Weg zu stellen. Ihre Miene zeigte ihre Enttäuschung.

„Tut mir leid. Ich muss jetzt wirklich los. Dein Taxi wartet auch schon. Danke für alles.“

Rasch schob er sie ins Freie. Ein kurzes Winken und er schloss die Tür hinter Evangelina. Das Drama hatte endlich ein Ende.

Erleichtert atmete er auf und ging durch das Wohnzimmer, um sich in der Küche etwas zu trinken zu holen. Eine Bewegung im Garten zog seine Aufmerksamkeit auf sich.

Mit einem kurzen Seitenblick Richtung Glasfront kontrollierte er, ob sich das Model auf dem Weg zur Straße befand. Ja, sie ging gerade die letzten Stufen an der Seite des Hauses nach unten. Wer oder was zur Hölle befand sich dann in seinem Garten? War wieder einmal ein Fotograf der Meinung, dass Gesetze für ihn nicht galten?

Frederick stellte sich vor die Glasfront und sah nach draußen. Das Gelände führte abschüssig vom Haus weg. Im ersten Moment konnte er nichts Auffälliges bemerken, doch dann ruckelte das Grünzeug eines Busches, als würde sich jemand daran zu schaffen machen. Ein Basecap erschien darüber. Auch wenn zu viel von der Person verdeckt war, um Einzelheiten zu erkennen, wusste er jetzt jedenfalls, dass sich kein Tier in seinen Garten verirrt hatte.

Die Gestalt bewegte sich. Eine grüne Latzhose über einem weißen Shirt kam in sein Sichtfeld. Er kniff die Augen zusammen. Durch die Blätter konnte er nicht viel erkennen. Aber die Person war zu zierlich für einen Mann. Die Fremde blickte Richtung Haus und verschwand dann wieder hinter dem Grünzeug.

War die Person tatsächlich eine Reporterin? Hinter Evangelina war die Fremde offensichtlich nicht her. Nachdem er bei den ersten beiden Rennen des Jahres im Mittelfeld gelandet war, interessierte sich die Presse eigentlich nicht genug für ihn, um ihm in seinem eigenen Garten aufzulauern. Zu seinem Leidwesen, wie er gestehen musste. Dennoch hatte sein Zusammenstoß mit einem seiner Kollegen letzte Woche für Aufsehen gesorgt. Ob man ihn deshalb bei einem weiteren Ausraster beobachten wollte?

Der Kopf der Person ragte neuerlich über das Gebüsch, bevor sich die Gestalt nach unten beugte. Ganz eindeutig beobachtete sie ihn, auch wenn Frederick bislang keine Kamera entdeckt hatte.

Wütend riss er die Schiebetür auf und stapfte auf den Eindringling zu. „Hey! Sie da! Verschwinden Sie von meinem Grundstück.“

Die Person richtete sich auf. Es war tatsächlich eine Frau. Frederick erkannte blondes Haar unter dem Basecap. Die Augen der Fremden waren erschrocken geweitet. Wie jung sie war! Vermutlich hatte sie nicht einmal einen Führerschein.

„Hallo, Herr Aigner, ich dachte, man hätte Ihnen Bescheid gesagt …“

„Ach, melden sich Einbrecher jetzt schon telefonisch an? Was hast du hier zu suchen?“

Das Gesicht des Mädchens überzog sich mit Röte, was das Grün ihrer Augen leuchten ließ. „Ich bin doch für Sie zuständig.“

Was sollte das? Hatte man ihm ein Kind vorgesetzt, das sich an ihn heranmachen sollte, um ihn in eine unangenehme Situation zu bringen? Wollte man ihn in eine Falle locken? Oder handelte es sich bloß um einen schlechten Scherz? Seinen Freunden traute er alles zu. Letzten Sommer hatte man ihn in einen Whirlpool zu einer Schönheit gelockt, die sich dann als Mann entpuppte. Die dabei entstandenen Fotos hatten empfindlich an seinem Image gekratzt. „Wer hat dich geschickt?“

„Ein Herr Juma.“

Fredericks Agent! Gerade Falk betete Frederick ständig vor, wie wichtig das Bild war, das man der Öffentlichkeit von sich zeigte. Na, der konnte was erleben!

„Da liegt ganz offensichtlich ein Missverständnis vor“, stellte Frederick klar. „Bist du zu Fuß da? Dann rufe ich dir ein Taxi.“

„Ich habe mein Auto dabei. Aber wenn ich gleich loslege, ist es rasch geschafft. Ich bin ziemlich geschickt. Soll ich wirklich jetzt schon gehen?“

Rasch nickte er. Wehe, sie warf sich ihm an den Hals! „Am besten verschwindest du sofort.“

„Aber man hat mich informiert, dass es bei Ihnen Probleme mit der Standfestigkeit gibt. Das wäre im Handumdrehen gelöst, auch wenn bei Ihnen anscheinend auf anderen Gebieten ebenfalls noch viel zu tun ist.“

Was sollte das denn? Ihm waren gerade erst außergewöhnliche Fähigkeiten bescheinigt worden. Das Model hatte förmlich um eine Wiederholung gebettelt, weil er so gut gewesen war. Bei ihm war alles perfekt!

„Bei der Größe wird es bestimmt eine Herausforderung, die Angelegenheit zufriedenstellend abzuschließen“, meinte sie weiter. „Aber einer Herausforderung kann ich nicht widerstehen. Warum sehen Sie sich nicht erst meine Arbeitsweise an, bevor Sie den Auftrag jemand anderem erteilen?“

„Auftrag?“ Wie konnte so ein junges Ding nur so geschäftsmäßig klingen, während es sich einem Mann anbot? Wo hatte Falk das Mädchen bloß aufgetrieben?

Mit einem selbstbewussten Lächeln nickte sie. Anziehender wirkte sie dabei allerdings nicht auf ihn. „Herr Juma meinte, Sie würden es nicht gern selbst machen. Es könnte in eine ordentliche Sauerei ausarten. Deshalb hat man mich hinzugezogen. Ich bin eine Expertin, wenn es schmutzig wird. Von daher …“

Wut benebelte seine Sicht. Wie konnte sie ihn so beiläufig beleidigen? „Sei still! Trägst du ein Mikrofon bei dir? Was soll das Ganze?“

Überrumpelt blinzelte sie und trat einen Schritt zurück. „Tut mir leid, wenn sich Herr Juma geirrt hat. Ich will natürlich nicht in Ihre Privatsphäre eingreifen. In fünf Sekunden bin ich weg.“ Ihre Stimme klang mit einem Mal hoch und dünn. Sie drehte sich um und griff nach etwas, das hinter ihr auf dem Boden lag.

Eine Heckenschere.

Die packte sie zu den anderen Gartengeräten in einer Metallbox, die halb verdeckt vom Busch neben ihren Füßen stand. Die Frau hob sie an, doch sie rutschte ihr sogleich wieder aus den Fingern und landete scheppernd im Gras. „Verdammt!“, schimpfte sie.

Perplex sah er zu, wie sie das herausgefallene Werkzeug aufhob. Wenige Augenblicke später richtete sie sich auf und nickte ihm zu. „Schönen Tag noch.“

„Du arbeitest für eine Gärtnerei?“, fragte er, immer noch skeptisch.

„Ähm … natürlich. Was dachten Sie denn?“ Ihr Blick wanderte mit einem vorwurfsvollen Ausdruck zu ihm.

Gott, wie dämlich! Sein Misstrauen seinen Mitmenschen gegenüber nahm immer absurdere Ausmaße an. „Keine Ahnung. Ich dachte, es wäre ein Scherz, um irgendwelche verfänglichen Fotos zu schießen.“

„Von ihren Pflanzen?“ Ihre Stirn runzelte sich.

„Von einer Prostituierten und mir.“

Sie riss die Augen auf und stolperte zurück. Plötzlich wirkte sie, als hätte sie Angst vor ihm. Vermutlich hielt sie ihn für verrückt.

„Ja, ich weiß“, gab er zu. „Hat auch alles irgendwie nicht zueinander gepasst.“

„Ich habe den Auftrag, mich um den Baum hier zu kümmern, damit er den Gartenzaun nicht zerstört“, berichtete sie und drückte den Rücken durch. Bemüht, selbstbewusster aufzutreten, als sie sich offensichtlich fühlte, räusperte sie sich. „Außerdem muss wohl auch alles andere wieder in Schuss gebracht werden. Soll ich mich um den Garten kümmern oder wollen Sie jemand anderen damit beauftragen?“

Nachdenklich sah er sich um. Der angesprochene Baum musste dringend gestützt werden. Zwischen den Hecken zeigte sich vereinzelt Unkraut. In dem kleinen Blumenbeet neben dem Pool welkten Blumen vom letzten Jahr vor sich hin und der Busch, an dem sie sich zu schaffen gemacht hatte, brauchte unbedingt einen Formschnitt. Falk hatte recht. Frederick machte Gartenarbeit nicht gern selbst. Genauso wie einiges andere.

Sein Blick wanderte wieder zu dem nervös von einem Bein auf das andere tretende Mädchen. Ihre grünen Augen faszinierten ihn.

„Der Garten hat es in der Tat mal wieder nötig“, sagte er, als er eine Entscheidung gefällt hatte. „Da mein Agent dich beauftragt hat, kannst du bleiben.“

„Okay.“ Sofort holte sie die Heckenschere wieder aus der Box. Kaum hatte sie sich damit aufgerichtet, glitt sie ihr aus der Hand und landete knapp neben ihren Füßen.

„Pass lieber auf. Mit der Schere kann man sich im Notfall bestimmt das Bein amputieren“, scherzte er.

Aufgebracht sah sie hoch. Die Flügel ihrer schmalen Nase bebten. „Ich habe mich bisher nie verletzt.“

Er ließ eine Augenbraue nach oben wandern. „Bist du noch in der Ausbildung?“

Einen Moment verschlug es ihr anscheinend die Sprache. Dann kniff sie die Augen zusammen. Dadurch schien deren Grün noch mehr zu funkeln. „Nein, natürlich nicht. Herr Aigner, glauben Sie mir, Herr Juma hätte mich nicht engagiert, wenn ich nicht in der Lage wäre, Ihren Garten auf Vordermann zu bringen.“

„Im Augenblick scheinst du aber nicht allzu sicher im Umgang mit Werkzeug. Wenn es dich überfordert, sag lieber Bescheid.“

„Normalerweise sind meine Arbeitsbedingungen nicht so … so seltsam.“ Sie schickte ihm einen wertenden Blick, als wäre er der eklige Auswurf einer noch abstoßenderen Pflanze. „Ich wurde noch nie für einen Einbrecher gehalten. Oder für etwas anderes Unpassendes.“

„Tja, daran musst du dir selbst die Schuld geben. Hättest du dich mir vorgestellt, bevor du …“ Abrupt brach er ab. Er dachte daran, womit er vor ein paar Minuten noch beschäftigt gewesen war. Hätte ihn die Gärtnerin angesprochen, während er versucht hatte, Evangelina loszuwerden, wäre er noch genervter gewesen. „… okay, das wäre dir gar nicht gelungen. Ich hätte dir nicht geöffnet.“

„Nicht gerade höflich.“ Trotz dieses Kommentars wurde ihre Miene ein wenig weicher. Gott, sie wirkte tatsächlich jung. Allerdings hatte er sich offensichtlich in ihrem Alter geirrt.

Ihrem Urteil konnte er nicht widersprechen. In ihrem Alter war er bereits die Distanziertheit seiner Mitmenschen gewohnt gewesen. Nach dem Tod seiner Eltern hatten ihn seine Großeltern aufgenommen. Doch als er aus einer Mischung aus Trauer und Wut ein paar seiner Spielsachen zerstört hatte, war er innerhalb der Familie weitergereicht worden. Bis jetzt war er gut damit gefahren, sich an niemanden zu binden. Das hatte ihn vor vielen Enttäuschungen bewahrt. Hoffentlich waren ihr solche Erfahrungen bislang erspart geblieben.

„Dank der Presse muss ich vorsichtig sein“, stellte er klar.

„Das klingt eher, als wären Sie übertrieben ängstlich. Andere Promis halten Gärtnerinnen bestimmt nicht für professionelle Verführerinnen.“

Was wusste sie schon von solchen Dingen? Ihr war bestimmt noch nie nach einem Unfall vor einem Krankenhaus aufgelauert worden, damit man von ihr in einem schrecklich unpassenden Winkel ein Foto schießen konnte. Die Sensationsgier der Menschen machte aus Personen von öffentlichem Interesse Zielscheiben für schlechten Geschmack.

„Vergiss es“, brummte er. „Kümmerst du dich bitte als Erstes um den Baum und dann um das hässliche Gestrüpp hier?“ Er deutete auf einen zerrupften Strauch mit Dornen. „Am besten buddelst du das Unkraut gleich ganz aus. Ich hab mich schon mehrmals daran gestochen.“

„Nein! Das können Sie dem wunderschönen Gelben Engel nicht antun.“

„Dem was?“ War sie übergeschnappt und sah Dinge? Die Sonne brannte eigentlich nicht heiß genug vom Himmel für einen Sonnenstich.

„So heißt die Rosensorte“, berichtete sie. Bewunderung schwang in ihrer Stimme mit, während sie über die Blätter strich. „Der Strauch ist nur nicht richtig gepflegt worden. Wenn ich ein wenig Mühe hineinstecke, blüht er bald wunderschön.“

„Ich brauche keine Rosen im Garten. Auf so kitschige Sachen stehe ich nicht. Halte es schlicht und geradlinig, dann bin ich glücklich.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu und stieß dabei den Werkzeugkasten um, was sie gar nicht zu bemerken schien. Ihr Gesicht strahlte vor Begeisterung. „Ein Farbtupfer an der richtigen Stelle ist wichtig für das Gesamtbild und erst dieser Duft …“

„Mach ihn weg!“, unterbrach er ungeduldig. „Ich muss jetzt zu einem Termin. Da ich annehme, du bist schon gegangen, wenn ich wiederkomme, wünsche ich dir noch viel Erfolg, Mädchen.“

„Mädchen?“, hörte er sie ungläubig murmeln, als er sich umwandte und zum Haus zurückkehrte.

Über diese Sache musste er sich später mit Falk unterhalten. Es ging gar nicht, dass sein Agent einfach jemanden anstellte, der sich auf seinem Grundstück aufhalten würde, ohne ihn davon zu unterrichten. Und wie war er auf dieses junge Ding gekommen? Musste ja eine lustige Suchanfrage gewesen sein. Aber Frederick war nun gezwungen, es auszubaden. Wenn er Pech hatte, dichtete man ihm noch Kinderarbeit an. Er selbst hatte sich früh um sein Leben kümmern müssen. Bestimmt war seine neue Gärtnerin ebenfalls nicht gern von anderen abhängig, sonst würde sie nicht dermaßen um diesen Auftrag kämpfen.

In seinem Keller befand sich ein Trainingsraum, in den er sich jetzt für die nächsten Stunden zurückzog. Er hatte eigentlich vorgehabt, in Gesellschaft im firmeneigenen Kraftraum zu trainieren. Doch für heute hatte er von Überraschungen und Gesellschaft genug.