Kapitel 1
Ella
Schwer atmend reiße ich die Eingangstür auf und stürme ins Haus. Ein breites Grinsen legt sich auf mein Gesicht.
Henry. Ohne Vorwarnung stürze ich mich auf ihn wie ein Groupie auf einen Star. Seit sechs Monaten habe ich ihn nicht mehr gesehen. Monate, die mir wie eine Ewigkeit vorgekommen sind.
Lachend taumelt er einen Schritt zurück, doch seine Arme schließen sich fest um mich.
„Ich habe dich vermisst“, sage ich und atme seinen vertrauten erdigen Duft ein. Endlich ist er wieder zu Hause.
„Ich dich auch, Sis.“ Einen Moment hält er mich, dann drückt er sich eine Armlänge von mir ab.
Seine leicht rötlichen Haare sind ein gutes Stück gewachsen und ein dunkler Bartschatten überzieht sein Kinn.
Ein leises, raues Räuspern dringt an mein Ohr. „Hast du mich auch vermisst?“
Mein Kopf schnellt herum und mir stockt der Atem.
Logan. Der beste Freund meines Bruders. Und verdammt attraktiv. Ein Mann, der vermutlich selbst in einem Kartoffelsack noch für eine Unterwäschekampagne gebucht würde. Sonnengebräunte Haut. Graublaue Augen, so tief wie das Meer, und eine Stimme, die mir eine Gänsehaut beschert. Eine von der guten Sorte. Eine, nach der ich süchtig werden könnte.
„Nö.“ Ich lasse Henry los und taxiere Logan mit meinem Blick. Gott. Wie kann ein Mann nur so gut aussehen? Kantiges Gesicht und Lippen, die verboten werden sollten, weil sie unweigerlich den Wunsch in mir wecken, meine darauf zupressen. „Du mich?“, frage ich betont lässig, obwohl mir warm wird.
Langsam hebt er eine Braue, seine Mundwinkel zucken amüsiert. „Jede Sekunde, Shortcake.“
Ich weiß, dass es nur ein dummer Spruch ist, trotzdem beiße ich mir auf die Unterlippe. Seit ich denken kann, nennt er mich Shortcake. Und, verdammt, es gefällt mir.
„Ja. Er hat die ganze Zeit geheult wie ein Baby.“ Henry schüttelt den Kopf, als fände er diesen Gedanken überhaupt nicht witzig. „Idiot“, murmelt er, dann deutet er auf Logan. „Er bleibt noch ein paar Tage hier, bevor er nach New York fliegt.“
Dass er nicht gleich abreist, gefällt mir. Mehr, als es sollte. Seinem Charme bin ich vor Jahren erlegen. Er reizt mich. Blöd nur, dass er sich kein bisschen für mich interessiert.
„Soll ich dir beim Auspacken helfen?“, frage ich meinen Bruder.
Er lacht. „Du willst doch nur wissen, ob ich dir etwas mitgebracht habe.“
„Jep. Ich bin nämlich nicht wirklich scharf darauf, mich durch deine schmutzigen Klamotten zu wühlen.“
„Mom bestimmt auch nicht.“ Er seufzt, dann kneift er die Augen zusammen. „Warum bist du schon zu Hause? Müsstest du nicht noch an der Lake Side U sein?“
Ich blase die Wangen auf. Natürlich müsste ich dort sein. In einer halben Stunde fangen die Nachmittagsvorlesungen an, aber ich wollte nicht bis heute Abend warten, um ihn zu sehen.
„Doch.“ Schnell hebe ich die Hand, bevor er mir einen Vortrag darüber halten kann, wie wichtig meine Ausbildung ist. „Aber meine Noten haben sich stark verbessert. Bree zwingt mich, zu lernen, und es ist gar nicht mal so übel.“
Henry und Logan rollen beinahe synchron mit den Augen.
Beeindruckend. Haben sie den Move einstudiert? Für den Fall, dass sie ihn je brauchen?
„Bree“, sagt Logan und sinkt auf das Sofa. „Das ist doch deine beste Freundin.“
Ich nicke. Sie ist weit mehr als das. Henry ist mein Bruder und Bree meine Schwester. Nicht meine biologische, aber die, die ich mir aussuchen würde, wenn ich könnte.
Henrys Augen werden noch schmaler. „Und seit wann lernt Bree? Ihr zwei seid eher dafür bekannt, keine Party auszulassen, anstatt eure Nase in Bücher zu stecken.“
„Du hast ja keine Ahnung. Es ist viel passiert, seit ihr nach Europa aufgebrochen seid. Ich weiß jetzt, was ich nach der Uni machen möchte, und Bree hat einen Freund. Auch wenn du es kaum glauben kannst: Ich lerne fleißig.“
Ein schelmisches Grinsen schleicht sich auf seine Lippen. „Wenn ich gewusst hätte, dass du endlich vernünftig wirst, sobald ich weg bin, wäre ich schon viel früher gegangen.“ Leicht stupst er mich mit der Schulter an. „Ich bin stolz auf dich.“
Logan lehnt sich im Sofa zurück. „Ich auch.“
Schlagartig wird mir bewusst, dass er eine Menge über mich weiß. Mehr, als ich ihm je gesagt habe. Unsere Gespräche waren immer kurz gewesen, flüchtig. Mein Bruder hat ihm offenbar viel über mich erzählt, mehr, als mir lieb ist.
„Hast du auch endlich einen Freund?“, fragt Henry.
„Nein.“ Wenn er wüsste, warum, würde er sich kaputtlachen. Darauf kann ich getrost verzichten. „Wo ist deine Reisetasche?“
„In meinem Zimmer.“
Ich hake mich bei ihm unter und ziehe ihn zur Treppe. Zum Glück lässt er es zu. Gemeinsam gehen wir nach oben.
„Du willst wissen, was ich dir mitgebracht habe“, sagt er und öffnet seine abgewetzte Reisetasche, die auf dem Bett liegt.
„Ja.“ Ich setze mich auf die Matratze. „Welcher Ort hat dir am besten gefallen?“
Henry hört auf, in der Tasche zu kramen, und sinkt neben mich. „Puh. Schwierig. Ich habe so viele schöne Städte gesehen. Du musst unbedingt selbst mal nach Europa. Paris war toll. Rom auch. Aber England hat sich nach Heimat angefühlt. Egal, welche Stadt. Ich habe meine Wurzeln gespürt, zumindest die von Dad.“
„Dann hast du unsere Familiengeschichte erforscht?“, flüstere ich fast ehrfürchtig und stelle mir vor, wie es wäre, durch England zu streifen. Dem Land, in dem Dad geboren wurde und einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Plötzlich werde ich ein wenig neidisch. Eines Tages will ich auch dorthin. Sehen, was Henry gesehen hat, und spüren, was er gespürt hat.
„Nicht direkt.“ Er lacht leise und unbeschwert. „Aber ich habe all die Orte besucht, von denen Dad immer spricht.“
Ich nicke beeindruckt, während ich versuche, sie mir vorzustellen.
„Hier“, sagt Henry und reißt mich aus meinen Gedanken. „Das habe ich in einer kleinen Buchhandlung in London gefunden.“ Er reicht mir ein ledergebundenes Notizbuch. „Das kannst du bestimmt gut fürs Studium gebrauchen.“
„Danke.“ Mit den Fingerspitzen streiche ich über das weiche, braune Leder.
„Du hast vorhin erwähnt, dass du endlich weißt, was du nach der Uni machen willst.“
„Ja. Aber das verrate ich dir noch nicht.“ Ich muss meine Kurse wechseln – mitten im Semester. Das wird schwierig, und ich will es ihm erst erzählen, wenn ich sicher bin, dass es klappt.
Henry reißt die Augen auf. „Du hast Geheimnisse vor mir? Vor deinem älteren Bruder, dem du alles erzählen solltest?“
Ich pruste los. „Seit wann muss ich das?“
„Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Ältere Brüder müssen immer über alles informiert werden. Sofort.“
„Träum weiter. Ältere Brüder sind doch nur für eines gut.“
Seine Brauen ziehen sich zusammen. „Und was wäre das?“
„Sie müssen ihre heißen Freunde mit nach Hause bringen.“
„Mann, El.“ Er stöhnt. „Ich kann mehr als das.“
„Ich weiß.“ Liebevoll knuffe ich ihn in die Seite. „Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann. Und das war bloß ein Scherz.“ Vielleicht doch nicht. Unweigerlich schweifen meine Gedanken zu Logan. Dem heißesten Mann, der mir bislang untergekommen ist.
Henry mustert mich mit zusammengekniffenen Augen. „Das war knapp, aber du konntest es gerade noch retten. Jetzt sagst du dreimal: Henry ist ein Geschenk Gottes.“
Lachend schüttle ich den Kopf. Meinen Bruder würde ich nie hergeben, und das weiß er genau. Vermutlich lässt er deswegen einen dummen Spruch nach dem anderen fallen.
„Dann eben nicht.“ Er zieht mich an sich. Ein warmes Gefühl breitet sich in mir aus. „Es ist schön, wieder zu Hause zu sein.“
„FaceTime ist okay, aber nicht dasselbe“, sage ich und lege den Kopf an seine Schulter.
„Absolut.“ Er räuspert sich. „Sag mal, warum hast du keinen Freund?“
Schon wieder dieses Thema. Früher hat es ihn nie interessiert, ob ich einen Freund habe oder nicht. Da war es ihm nur wichtig, dass ich auf mich aufpasse und zu ihm komme, wenn etwas ist.
„Hat bis jetzt nicht gepasst“, murmle ich. Irgendwie stimmt das auch. Aber ich habe auch keinem Mann die Chance gegeben, mehr daraus zu machen.
Behutsam drückt er mich von sich. Eine Falte bildet sich zwischen seinen Brauen. „Hat dich irgendein Idiot verarscht? Dir wehgetan?“
„Nein“, antworte ich mit Nachdruck. „Warum ist es dir eigentlich so wichtig, dass ich einen Freund habe? Das ist meine Entscheidung. Nicht deine.“
„Ich dachte immer, du seist ein Beziehungstyp, genauso wie ich. Aber vielleicht habe ich mich getäuscht.“
Mein Kinn hebt sich von selbst. „Machst du mir gerade einen Vorwurf?“
„Nein.“ Er massiert sich lange den Nacken, als würde ihn etwas beschäftigen und er nach den richtigen Worten suchen.
„Spuck es einfach aus.“
„Versteh mich jetzt bitte nicht falsch.“ Vorsichtig legt er mir eine Hand auf die Schulter. „Offenbar lässt du nichts anbrennen.“
Henry war wie ich an der Lake Side U und bekommt nach über vier Jahren wohl oder übel immer noch mit, was dort vor sich geht.
„Und?“, frage ich. Will er mich jetzt dafür verurteilen?
„Gar nichts. Das ist okay.“ Seine Miene spannt sich an. „Aber du weißt doch, wie das ist. Die Studenten lieben es, zu tratschen, und urteilen schnell. Ich will nicht, dass über dich gelästert wird, nur weil du dich auslebst.“
„Damit kann ich umgehen. Und wenn ich ein Typ wäre, würde es niemanden interessieren.“ Ich streife seine Hand von meiner Schulter, obwohl er es nur gut meint. Aber diese Ungerechtigkeit nervt mich.
„Ich wollte dich nicht verletzen.“ Henry verzieht das Gesicht. „Aber ich dachte, du solltest das wissen.“
„Schon gut“, murmle ich und stehe auf. „Wir sehen uns später.“
Nachdenklich verlasse ich sein Zimmer. Ich gehe keine Beziehung ein, weil ich nicht kann. Weil mein Herz bereits einem Mann gehört. Einem Mann, den ich vor fast einem Jahr getroffen habe und hoffentlich bald wiedersehe.
Kapitel 2
Logan
Ich sitze im Gästehaus am Esstisch und starre auf mein Handy. Zum fünften Mal lese ich die Nachricht von Kim, die sie mir kurz vor meinem Abflug geschickt hat.
Dad weiß nicht, dass wir nicht mehr zusammen sind. Ich musste ihn anlügen, sonst würde er dich nicht befördern. Stell dir vor: Er überlegt sogar, dich zum Partner zu machen.
Partner. Genau davon habe ich immer geträumt – Teilhaber einer erfolgreichen Investmentfirma zu sein.
Ich seufze tief. Eigentlich wäre ich von Chicago direkt weiter nach New York geflogen, aber ich konnte nicht. Diese Neuigkeit muss ich erst einmal sacken lassen. Noch dringender muss ich mit Kim telefonieren. Wie konnte sie mir das verheimlichen?
Es klopft an der Verandatür. Dann wird sie zur Seite geschoben, und Henry tritt ins Zimmer.
„Brauchst du noch etwas?“, fragt er und unterdrückt ein Gähnen.
„Nein. Alles gut. Danke. Geh schlafen, bevor du noch umfällst.“
„Scheiß Jetlag.“ Er reibt sich die Augen, setzt sich aber hin, anstatt zu gehen. „Warum bist du nicht weiter nach New York?“
„Überraschung: Kim und ich sind noch zusammen“, murmle ich trocken und muss daran denken, wie wir unsere Beziehung vor meiner Abreise beendet haben. Ohne Drama, ohne Vorwürfe. Wir hatten uns auseinandergelebt, und das wussten wir beide. Sie steckte all ihre Zeit in das Modelabel, das sie gegründet hatte, während ich von frühmorgens bis spätabends in der Firma ihres Dads arbeitete. Unsere Beziehung blieb dabei irgendwann auf der Strecke.
„Was?“, ruft Henry. Seine Gesichtszüge entgleiten ihm. „Das kommt dir aber früh in den Sinn.“
Ich massiere mir die Schläfen. Auf einmal pochen sie unangenehm. Nicht nur vor Müdigkeit.
„Du bist hiergeblieben, weil du dich schuldig fühlst.“ Abschätzig schüttelt er den Kopf. „Wegen des Spaßes, den du in Europa hattest.“
„Ich rufe sie an“, sage ich matt. Gerade fehlt mir die Energie, ihm alles zu erklären. Er hat meinen sarkastischen Spruch vorhin komplett missverstanden. Ich habe ihm doch erzählt, dass es aus ist zwischen Kim und mir. Die Müdigkeit hat ihm offenbar seinen Sinn für Ironie geraubt.
„Ich hoffe, du hast die Eier, ihr auch zu erzählen, was du so getrieben hast.“
Ich nicke. Ich fühle mich nicht schuldig. Schließlich kann ich tun und lassen, was ich will, weil ich ihr keine Rechenschaft schuldig bin. Genauso wenig wie sie mir.
Wortlos steht Henry auf und geht. Nachdem die Verandatür hinter ihm ins Schloss gefallen ist, wähle ich Kims Nummer.
„Bist du sauer, weil ich Dad nicht gesagt habe, dass wir uns getrennt haben?“, fragt sie leise.
„Nein“, antworte ich, obwohl Henry jetzt offenbar denkt, ich sei ein Betrüger. Nichts, was ich nicht richtigstellen kann. „Aber du solltest ihm die Wahrheit sagen.“
„Das geht nicht. Dann ist deine Beförderung Geschichte. Willst du das? Vielleicht kündigt er dir dann sogar.“
Mein Magen sackt ab. Fuck. Das wäre ein Desaster. „Wie lange weißt du schon, dass er mit dem Gedanken spielt, mich zum Partner zu machen?“
„Kurz nachdem du nach Europa bist, hat er es mir erzählt. Eigentlich wollte ich ihm schonend beibringen, dass es aus ist zwischen uns. Doch bevor ich dazu gekommen bin … sagte er mir das mit dem Partner. Und dann …“, ihre Stimme wird dünn, „fragte er, ob alles gut ist bei uns. Ich habe nur genickt. Woraufhin er gelächelt hat und meinte, sonst würde daraus nämlich nichts, auch wenn du erstklassige Arbeit ablieferst.“
Ich atme einmal tief durch, um nicht durchzudrehen. Sechs Monate lang hat sie es einfach für sich behalten. „Warum hast du so lange damit gewartet, es mir zu sagen?“
„Weil ich dir deinen Trip nicht verderben wollte. Du hattest diese Auszeit bitter nötig. Deine Augenringe waren schwarz wie die Nacht. Außerdem hätte es nichts daran geändert.“
„Mag sein. Aber …“
„Logan.“ Ihre Stimme zittert. „Ich fühle mich schrecklich deswegen. Das ist alles meine Schuld.“
„Ist es nicht.“ Nicht wirklich. Ihr Dad findet mich offenbar nur so lange gut, wie ich mit ihr zusammen bin. Dafür kann sie nichts. Er ist kein einfacher Charakter. Aber ich hätte schwören können, dass er Leistung honoriert und sie nicht davon abhängig macht, wie ich zu seiner Tochter stehe. Da habe ich mich wohl geirrt.
„Doch. Du hast die Stelle in Dads Firma nur meinetwegen angenommen. Für uns. Damit wir zusammenwohnen konnten. Du wärst viel lieber nach Boston.“
Ich knirsche mit den Zähnen, halte mich aber zurück. Genau deswegen wollte ich zuerst den Job in Boston annehmen. Und ich habe ihr genau erklärt, warum. Ich wollte keine Sonderbehandlung. Keine Abkürzung. Ich wollte an die Spitze, aber aus eigener Kraft. Doch ihr zuliebe habe ich schließlich nachgegeben. Ein Riesenfehler, der mir jetzt um die Ohren fliegt. „Wir können doch nicht so tun, als wären wir noch ein Paar.“ Dieses Spiel müssten wir viel zu lange spielen. Länger, als wir beide es wollen.
„Doch. Wenn du das willst, bin ich dabei“, sagt sie, nicht nur entschlossen, sondern auch verdammt überzeugend. „Wir sind zwar kein Paar mehr, aber Freunde. Und ich lasse dich nicht hängen.“
Kim und ich haben uns immer unterstützt. Selbst dann, als wir beide längst gespürt hatten, dass es bald vorbei sein würde.
Ich massiere mir den Nacken. Er fühlt sich an wie Beton. „Wie stellst du dir das vor?“
„Du ziehst nicht aus. Trotzdem kann jeder von uns sein eigenes Ding durchziehen. Und bei den Familientreffen geben wir einfach vor, noch zusammen zu sein.“
Ich sinke im Stuhl zurück. „Großartig. Das tun wir dann wohl für den Rest unseres Lebens.“
„Um Himmels willen.“ Sie lacht leise und klingt auf einmal entspannter. „Nein. Nur so lange, bis du neue Kunden an Land gezogen hast. Die wichtigen. Ich weiß, dass du das kannst. Danach wird Dad dich nicht feuern. Dann kann er es nicht mehr. Du musst dich nur unentbehrlich machen.“
Ich lasse mir ihre Worte durch den Kopf gehen. Klingt nach einem Plan. Nach einem sehr guten. Und das würde ich hinbekommen. Aber mein Gehirn schreit so laut, dass mir fast die Ohren wackeln: Will ich das wirklich? Für jemanden arbeiten, der mich nur schätzt, solange ich seine Tochter liebe?
Verdammt. Eigentlich nicht. Aber wenn ich jetzt aussteige, waren vier Jahre harte Arbeit umsonst.
„Denk darüber nach“, sagt sie, als könnte sie meine Gedanken lesen. „Ich sage Dad einfach, dass du noch etwas länger in Europa bleibst.“
„Ich bin aber nicht in Europa. Ich bin in Chicago.“
„Ist doch egal.“ Sie räuspert sich. „Bitte, Logan. Ich weiß, das ist nicht deine Art. Aber denk darüber nach. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich kümmere mich um den Rest.“
„Okay“, murmle ich, obwohl mir bewusst ist, dass ich mich nicht darauf einlassen sollte.
„Gut. Wir hören uns.“
„Bis bald“, sage ich und lege auf.
Kim stellt sich das viel zu einfach vor. Gefühle kann man nicht vortäuschen. Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. Früher oder später würde ihr Dad unser Spiel durchschauen.
Das Pochen in meinem Schädel verstärkt sich. Unablässig pulsiert es, bis es sich anfühlt, als würde mein Kopf zerspringen. Ich stehe auf, gehe zum kleinen Kühlschrank und öffne ihn. Leer. Auch das noch. Missmutig verlasse ich das Gästehaus, schlendere zum Haupthaus und betrete es.
Die Küche liegt im Dunkeln. Henry schläft vermutlich schon, und seine Eltern sind bestimmt noch im Krankenhaus. Seine Mom ist Ärztin, sein Dad Intensivpfleger.
Ich mache mir nicht die Mühe, das Licht anzuknipsen. Stattdessen öffne ich den Kühlschrank und nehme eine Cola heraus. Nachdenklich sinke ich auf einen der Stühle am Esstisch.
Leise Schritte hallen zu mir herüber. Dann betritt eine zierliche Gestalt die Küche. Ella. Das Mondlicht, das durch das Fenster fällt, verstärkt den rötlichen Schimmer in ihren braunen, schulterlangen Haaren. Summend öffnet sie den Kühlschrank und holt die Milch heraus.
Anstatt mich bemerkbar zu machen, beobachte ich sie gedankenverloren. Mir schwirrt der Kopf, und gerade fühlt es sich so an, als würde nie mehr Ruhe einkehren. Warum habe ich Kim nicht gleich gesagt, dass ihre Idee zwar gut ist, aber für mich nicht infrage kommt? Vermutlich, weil sich mein Gehirn wegen des Jetlags wie Matsch anfühlt.
Ella öffnet einen der Küchenschränke und streckt sich. Der Saum ihres deutlich zu großen Shirts rutscht ihren nackten Oberschenkel entlang nach oben. Noch ein Stück weiter, und sie präsentiert mir ihren Hintern.
„Hast du einen Slip an?“, frage ich.
Mitten in der Bewegung friert sie ein. Eine Sekunde herrscht gespenstische Stille.
„Warum willst du das wissen?“, antwortet sie, ohne sich nach mir umzudrehen.
Ich stehe auf und gehe zu ihr. Im obersten Regal stehen die Müsliflocken. Ich nehme sie heraus und stelle sie auf die Küchenabdeckung neben die Milch. „Weil du dich besser nicht zu weit streckst. Außer du möchtest, dass ich einen Blick auf deinen Allerwertesten werfe.“
„Deswegen“, murmelt sie und zieht den Saum ihres Shirts nach unten.
Tonlos lache ich auf. „Woran hast du denn gedacht?“
Eine zarte Röte legt sich auf ihre mit Sommersprossen gesprenkelten Wangen. Die sonst so toughe Ella ist meinetwegen rot geworden. Und es steht ihr.
Sie wendet sich ab und öffnet die Milch. „Du hast mich nur erschreckt. Warum schläfst du noch nicht? Bist du nicht müde?“
„Bin ich. Ich gehe auch gleich ins Bett.“ Eigentlich könnte ich jetzt zurück ins Gästehaus, aber ich tue es nicht. Irgendwie gefällt es mir, dass ich sie aus dem Konzept gebracht habe. „Außer du willst mir vielleicht doch noch verraten, ob du einen Slip trägst.“
„Das interessiert dich doch gar nicht.“ Sie verschränkt die Arme. „Uns könnte man nackt aneinanderbinden, und es würde nichts passieren.“
Meine Mundwinkel zucken. „Stimmt. Abgesehen davon würde das die Bewegungsfreiheit ziemlich einschränken.“
„Das wäre das kleinste Problem.“ Ihr Blick gleitet an mir herunter und wieder hinauf. „Ich glaube, damit könnte ich leben.“
Ich verenge die Augen. „Flirtest du mit mir, Shortcake?“
„Nein. Warum sollte ich?“
„Das habe ich mich, ehrlich gesagt, auch gerade gefragt.“
Sie mustert mich einen Moment. „Du siehst übrigens furchtbar aus.“
„Danke.“
„Ich meine es ernst.“ Sie lehnt sich gegen die Arbeitsplatte. „Ist etwas passiert?“
„Jetlag“, murmle ich, obwohl es nicht stimmt. Der Jetlag ist mein kleinstes Problem.
„Lügner. Sag doch einfach, dass du nicht darüber reden willst. Von mir aus auch, dass es mich nichts angeht. Immerhin bin ich nur die kleine Schwester deines besten Freundes. Mehr nicht.“
In ihrer Stimme schwingt etwas mit, das ich nicht richtig deuten kann. Ist sie sauer? Gefrustet? Oder einfach nur enttäuscht?
„Das ist es nicht. Es ist kompliziert“, sage ich, hole eine Schüssel hervor und stelle sie ihr hin.
Schweigend leert sie Müsli hinein und gießt Milch darüber. Dann dreht sie sich zu mir um. „Ist es das nicht immer? Ich bin eine gute Zuhörerin, wenn du reden willst. Das kann dir Henry bestätigen.“
Ich klopfe ihr auf die Schulter. „Vielleicht komme ich darauf zurück. Aber jetzt muss ich wirklich ins Bett.“
Ich kehre ins Gästehaus zurück und bin mir unsicher, ob Ella nun mit mir geflirtet hat oder nicht. Vielleicht war es Einbildung. Vielleicht bin ich einfach so hinüber, dass ich ihre Neckerei falsch eingeordnet habe. Genau das wird es sein.