Prolog
Piper
7 Jahre alt
Wir waren erst gestern eingezogen und Marcus hatte bereits einen Freund gefunden. Zusammen mit dem Nachbarsjungen Jax, der ein paar Häuser weiter wohnte, spielte er draußen Straßenhockey, während ich im Haus hockte. Ich fand Sport toll. Am liebsten spielte ich Fußball. Hockey war hingegen überhaupt nicht mein Ding.
Ziellos tigerte ich im Haus umher, umrundete die Kochinsel, stattete dem Wohnzimmer einen Besuch ab, wo meine Mom auf dem Boden saß und Umzugskartons auspackte, und trottete wieder den gleichen Weg zurück. Ständig behaupteten alle, dass ich Mom mit meinen blonden Haaren und den blauen Augen wie aus dem Gesicht geschnitten wäre, aber ich fand, dass ich mit dem nun kurzen Haarschnitt viel mehr Ähnlichkeit mit meinem Bruder hatte.
Bei meiner fünften Runde warf Mom mir einen Blick zu und stieß ein Schnauben aus. »Schau doch mal bei Dad in der Garage vorbei. Ich wette, er hat dein Fahrrad schon ausgepackt.«
»Wirklich?« Ich konnte meine Aufregung kaum verbergen. Seit dem Brand ließ meine Mom mich nicht mehr aus den Augen. Aber anscheinend reichte es aus, eine Million Mal um sie herumzulaufen und schon wollte sie mich loszuwerden.
Mein Dad packte Kartons in der Garage aus. Als ich eintrat, lächelte er mich an. »Hey, Sweetheart, was hast du vor?«
»Mama hat mir erlaubt, Fahrrad zu fahren.«
Seine buschigen dunklen Augenbrauen wanderten nach oben. Mit gerunzelter Stirn richtete er sich aus seiner geduckten Haltung auf. »Bist du dir sicher, dass ich deinen Bruder nicht nach Hause rufen soll?«
Bei dem Gedanken, dass mein Dad Marcus nur nach Hause rufen wollte, damit er mit mir abhing, drehte sich mir der Magen um. »Ich bin mir sicher.«
»Okay.« Er half mir mit dem Helm und hielt das Fahrrad fest, während ich aufstieg. Obwohl ich bereits seit ein paar Jahren Fahrrad fahren konnte, saß ich noch immer etwas unsicher darauf. Dad tätschelte den Helm über meinem Kopf. »Nur um den Block, okay?«
»Okay, Dad.« Ich schenkte ihm ein breites Grinsen, trat in die Pedale und sauste los. Unter mir schlenkerte das Fahrrad hin und her, und ich umklammerte den Lenker fester. Als ich schneller in die Pedale trat, verlief die Fahrt wieder etwas ruhiger.
Ich fuhr auf dem Bürgersteig die Straße hinunter und bog um die nächste Ecke. Saftiger Rasen und Blumenbeete in meinen Lieblingsfarben zierten die Vorgärten der Häuser. Ein Busch, der so groß war wie ich, begann zu rascheln und die Blätter regneten herab. Mein Magen zog sich zusammen, als ich mich ihm näherte.
Ein Junge in meinem Alter fiel mit einem breiten Grinsen aus dem Blätterdach heraus. Sein dunkles Haar war an den Seiten ultrakurz geschnitten, und ich konnte selbst aus einiger Entfernung erkennen, dass seine braune Haut mit Sommersprossen übersät war. Nie zuvor hatte ich einen Jungen als hübsch empfunden, aber für ihn fiel mir keine bessere Beschreibung ein.
Weil ich so abgelenkt war, entging mir das Schlagloch im Asphalt. Als mein Fahrrad abrupt zum Stehen kam und ich über den Lenker flog, schrie ich auf und streckte die Hände nach vorn, um mich abzustützen, doch alles ging zu schnell. Mein Gesicht brannte dort, wo es über den Asphalt geschrammt war, und Tränen rannen mir die Wangen hinunter, während heftige Schluchzer meinen Körper erschütterten.
»Geht’s dir gut?« Kleine Hände landeten auf meiner Schulter und richteten mich auf, bis ich mich an einen warmen Körper lehnen konnte. Vorsichtig, um meine Schürfwunde nicht zu berühren, legte der Junge von vorhin seine Hand auf meine Wange und erwiderte meinen Blick aus seinen großen Augen. Ich hickste und er lachte, während er mich weiterhin fixierte. »Es ist alles gut, du bist sicher.«
Ich konnte den Blick von seinen Augen nicht losreißen. Sie waren hellbraun mit einem Goldrand um die Iris herum. »Autsch, das tat weh.«
»Das glaube ich dir gern. Hey, mir war gar nicht klar, dass es in der Nachbarschaft eine Rebellin gibt. Mensch, du bist vielleicht durch die Luft geflogen, bevor du aufgeschlagen bist. Das war der Hammer.« Er lächelte dümmlich, während ich langsam wieder zu Atem kam.
»Ich bin Lucas. Wohnst du hier in der Gegend?«
»Ich bin gerade erst hergezogen.« Ich drehte den Kopf und zeigte auf das Haus hinter mir. »In das Haus da.«
Er lachte. »Das ist mein Haus.«
Hitze breitete sich auf meinen Wangen aus und ich wandte den Blick ab. »Nein, ich meinte das Haus auf der anderen Straßenseite.«
Er schaute zu seinem Haus hinüber und wandte sich mit einem breiten Lächeln wieder mir zu. »Wollen wir Freunde sein, Rebellin?«
»Gern.«
»Was ist denn mit dir passiert, Piepszwerg?« Marcus ließ sein Fahrrad fallen und rannte auf uns zu. Sein Freund Jax folgte gleich dahinter. »Geht’s dir gut?«
Ich nickte, stemmte mich vom Boden hoch und ignorierte dabei die schmerzenden Schürfwunden an meinen Knien und Armen. »Ja, ich bin hingefallen, aber es ist nichts passiert.«
»Mom sucht nach dir. Sie will, dass du heimgehst.« Marcus legte den Kopf schief, während er mich musterte. »Beeil dich lieber, sonst flippt sie noch aus.«
Lucas hielt das Fahrrad für mich fest. Als er es mir übergab, flatterten Schmetterlinge in meinem Bauch. Gerade hatte ich einen neuen Freund gefunden. »Willst du mitkommen?«
»Mom wird wollen, dass du im Haus bleibst, Piepszwerg. Darauf wird er keine Lust haben.«
Ich starrte Lucas an und hoffte, dass er mich begleiten würde. Wir hatten gerade beschlossen, Freunde zu werden, aber das Flattern in meinem Bauch hörte auf, als er zu meinem Bruder schaute, der ihm zu verstehen gab, ihm zu folgen.
»Ich bin Marcus. Willst du mit uns Hockey spielen?«
Lucas hatte seinen Blick bereits von mir abgewendet. »Ich weiß nicht, wie das geht.«
»Wir zeigen es dir«, mischte sich Jax ein.
Lucas zuckte mit den Schultern und lächelte mich sanft an. »Lass uns später zusammen spielen.«
Schluchzend fuhr ich nach Hause. Ich hatte meinen ersten Freund verloren.
Eins
Piper
Vor einem Jahr
Der Sommer vor dem College
»Ich nehme ein Coors Light und für sie ein Glas Pinot Noir«, bestellte Jayden beim Kellner.
Ich schenkte dem Mann ein dankbares Lächeln, bevor er sich umdrehte und davoneilte, um unsere Getränke zu holen. Seit einem Monat datete ich Jayden, und als er mich in dieses Restaurant einlud, das dafür bekannt war, ständig ausgebucht zu sein, war ich total aufgeregt gewesen. Italienische Landschaftsgemälde schmückten die Wände im Nero’s, und es duftete herrlich nach Knoblauch.
Jayden beugte sich über den Tisch zu mir herüber. »Du hast mir in den letzten Tagen gefehlt.«
Ein warmes Kribbeln lief mir den Rücken hinunter. Zwar war ich noch nicht sicher, was ich für ihn empfand, aber es fühlte sich verdammt gut an, begehrt zu werden. Ich biss mir auf die Unterlippe und spürte, wie mir Hitze in die Wangen stieg.
Am Tag nach unserer gemeinsamen Nacht war er zu einer Veranstaltung seines Arbeitgebers aufgebrochen, hatte mich aber seitdem jeden Tag angerufen. Jetzt sah er mich unter gesenkten Augenlidern an und mein Mund wurde trocken.
»Bitte sehr, Miss.« Der Kellner stellte das Glas vor mir ab und ersparte mir so eine Antwort.
»Vielen Dank.« Ich lächelte den Kellner kurz an und widerstand dem Drang, nach dem Glas zu greifen und einen ausgiebigen Schluck zu trinken, während Jayden für uns die Bestellung aufgab. Für mich bestellte er Pasta Alfredo, und ich griff vorsichtshalber nach den Lactase-Tabletten in meiner Tasche.
Sobald sich der Kellner entfernt hatte, lehnte sich Jayden zu mir herüber, fuhr mit seinen Fingern mein Handgelenk entlang und verschränkte dann unsere Finger miteinander. »Also, Schönheit, kommst du heute Abend mit zu mir?«
Ich zog meine Hand zurück, stieß dabei beinahe mein Glas um und setzte ein unbeholfenes Lächeln auf, während ich mich wieder an das Weinglas klammerte. Es war nicht so, dass ich es nicht gern wollte. Beim letzten Mal war es schon okay gewesen, aber irgendetwas störte mich daran, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, was es war. Jaydens Blick verweilte auf meinem Mund und ich schluckte schwer, weil ich mich unter Druck gesetzt fühlte, ihm zu antworten. »Ja, klar.«
»Du siehst hübsch aus, wenn du so errötest.« Er leckte sich über die obere Zahnreihe und grinste mich an.
Ich spürte, wie meine Wangen noch heißer wurden, und meine Gedanken schweiften zu unserem letzten Treffen ab …
»Jayden! Was machst du denn hier?«
Ich blickte von meinem Brotteller auf, als eine atemberaubende Brünette auf unseren Tisch zukam und mich mit ihren klaren grünen Augen anstarrte. Die beiden sahen aus, als wären sie füreinander bestimmt: die Frau trug ein weißes Spitzenkleid und schlichte Schuhe, die perfekt zu seinem Hemd mit dem hochgestellten Kragen passten.
Jaydens Blick huschte zu mir, dann wieder zu ihr. Röte kroch seinen Nacken hinauf. Mir wurde ganz flau im Magen, als sie ihren Arm über seine Schulter legte und mit ihren lackierten roten Fingernägeln durch sein sandblondes Haar fuhr.
»Ich dachte, du kommst erst am Sonntag zurück?«, fauchte sie ihn an.
Panik verzerrte seine attraktiven Gesichtszüge, während sich ein kalter Schauer über meinen Körper ausbreitete, mein Herz erfasste und meine Arme hinunter bis in die Fingerspitzen kroch. Ich umklammerte mein Weinglas fester. Es war doch ein Missverständnis, oder? So musste es sein. Jayden war mein … nun, vielleicht waren wir noch nicht bereit gewesen, dem Ganzen einen Namen zu geben, aber als unverbindliche Beziehung würde ich das, was zwischen uns gewesen ist, auch nicht bezeichnen.
Ich meine, wir hatten doch erst letzte Woche Sex.
Okay, zumindest im Ansatz so etwas wie Sex. Er war definitiv gekommen. Ich war nervös, in Gedanken versunken, abgelenkt und … verdammt, seine hübsche Freundin sah mich an, als wüsste ich auf alles eine Antwort.
Tut mir leid, Süße. Ich bin genauso ratlos wie du.
Neugierig warf ich Jayden einen Blick über unseren Tisch hinweg zu. Als ich den schuldbewussten Ausdruck in seinem Gesicht erblickte, schlug meine Verzweiflung in Wut um, und dann breitete sich Enttäuschung in mir aus. Und einfach so tat sich eine Kluft zwischen uns auf, die dafür sorgte, dass ich emotional auf Abstand ging. Eisköniginnen-Modus. Als sich seine blöden Lippen teilten, begriff ich, dass mich das, was er zu sagen hatte, null interessierte. Was auch immer uns verbunden hatte – es war vorbei. Jetzt wollte ich nur noch raus aus der Nummer.
Während er immer verzweifelter wirkte, wuchs eine kühle Gelassenheit in mir heran. Es war, als hätte ich meinen Körper verlassen, um die Szene von außen zu beobachten. Beinahe freute ich mich darauf, mitanzusehen, wie er sich aus der Situation herauswinden wollte. Aus rationaler Sicht hätte ich mit Wut, Enttäuschung oder vielleicht sogar mit Verzweiflung reagieren sollen, als ich herausfand, dass der Typ, den ich datete, offensichtlich eine andere hatte. Aber Jayden schwieg sich noch immer aus und die schiere Dreistigkeit, mit der er einfach nur dasaß, war fast schon komisch. Der Blick von Freundin Nummer zwei wanderte wie ein Pingpongball zwischen ihm und mir hin und her, bis er schließlich auf ihm haften blieb. Jayden saß einfach nur da und öffnete und schloss den Mund wie ein sterbender Fisch.
Ich ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder, knirschte mit den Zähnen und verdrehte die Augen, weil er unfähig war, einen zusammenhängenden Satz herauszubringen.
»Kaum zu glauben, dass ich dich für einen anständigen Kerl gehalten habe.« Ich schob meinen Stuhl so vehement zurück, dass die Beine über den Boden kratzten, womit ich die Aufmerksamkeit des gesamten Restaurants auf uns zog. Unter den Blicken der Gäste schoss Hitze in meine Wangen, und ich verspürte das Bedürfnis, zu fliehen. Die Augen von Freundin Nummer zwei waren gerötet und glitzerten verdächtig. Alles, was ich bis dahin als lustig empfunden hatte, verblasste im Schein ihrer Tränen. Plötzlich verspürte ich einen Stich der Schuld in meiner Brust.
»Ich habe es nicht gewusst«, sagte ich und hoffte, dass sie die Aufrichtigkeit in meinem Gesicht erkennen konnte.
Eine Träne kullerte ihre Wange hinunter. »Wie lange schon?«
Es bedurfte keiner weiteren Erklärung; dieses Arschloch hatte ihr falsche Hoffnungen gemacht. »Seit einem Monat«, sagte ich entschlossen, stand auf, stützte mich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und beugte mich über Jayden. Ohne meinen Blick von ihm abzuwenden, griff ich nach meinem Weinglas und schwenkte die dunkelrote Flüssigkeit darin. »Hast du uns beide gedatet, Jayden?«
Er grinste und sein Blick huschte zwischen mir und seiner anderen Freundin hin und her. »Ich schätze, ihr beide wart einfach nicht genug, um meine Bedürfnisse zu befriedigen.«
»Falsche Antwort.« Empörung rauschte durch meine Adern und eine köstliche Idee kam mir in den Sinn. Ich hob das Glas und schüttete den Inhalt über sein perfekt gestyltes Haar.
Jayden stammelte etwas entgeistert, aber statt mich anzusehen, schaute er die Frau zu meiner Rechten an. »Hey, du weißt doch, dass es mir leidtut, oder?«
Es hätte mir egal sein sollen. Ich wollte ohnehin nicht mehr mit ihm zusammen sein, aber dass er sich vor meinen Augen für sie entschied, ließ meine kühle Fassade bröckeln. Die Fremde kam ein Stück näher heran. Ich drehte mich auf dem Stuhl um und schnappte mir meine Tasche. Bevor ich auch nur eine Sekunde länger dem Blödsinn lauschte, der aus seinem Mund kam, würde ich gehen.
Hoffentlich käme die Frau schnell zur Vernunft, denn der Kerl würde sich niemals ändern. Ich holte tief Luft, straffte die Schultern und steuerte den Ausgang an. Mein Körper vibrierte von dem Drang, zu rennen, angetrieben von einem überwältigenden Gefühl der Scham, aber ich ging mit festen Schritten und hoch erhobenem Kopf weiter.
Jayden sollte sich ruhig wundern, wie gut ich es wegsteckte. Ich wollte ihn wissen lassen, dass es mir egal war. Aber zunächst sollte ich zusehen, dass ich schleunigst von hier verschwand.
Nach ein paar weiteren Metern trat ich aus dem Restaurant in die warme Sommerluft hinaus. Selbst nachts war die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass das Kleid an meiner Haut klebte und die mühsam ins Haar gedrehten Locken schlaff herunterhingen. Straßenlaternen beleuchteten den Asphalt und das stetige Summen vorbeifahrender Autos erfüllte die Luft.
Ich atmete tief ein und wieder aus und ignorierte das leichte Zittern meines Körpers. Ich musste nur vor Marcus und den anderen zu Hause sein, denn ich hatte ihnen erzählt, ich würde bei Shana bleiben, obwohl ich eigentlich bei Jayden übernachten wollte. Wenn mich die Leute erwischten, würden sie Fragen stellen.
Innerlich verfluchte ich mich dafür, nicht selbst gefahren zu sein, und machte mich auf den Weg zu meiner Wohnung, die nur wenige Kilometer entfernt lag. Zwei Blocks lagen noch vor mir, bevor ich rechts in einen gewundenen Weg aus Kopfsteinpflaster einbiegen konnte.
Gott sei Dank wussten die Jungs nichts von Jayden, sonst würden sie mir die Sache mit ihm ewig vorhalten. Ich hörte Marcus’ Stimme förmlich in den Ohren, mit der er mir sagte, mich gewarnt zu haben. Auch wenn er nur elf Monate älter war als ich, behandelte er mich so, als wäre mein »Schutz« sein gottgegebener Auftrag. Irgendwie war es meiner Mom gelungen, die Schulbehörden davon zu überzeugen, mich vor dem eigentlichen Schulalter einzuschulen, sodass wir sogar in derselben Klasse waren. Er hatte nicht das Recht, mich wie ein Kleinkind zu behandeln. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, mir immer wieder zu versichern, dass alle Männer Arschlöcher seien und ich vor ihnen beschützt werden müsse. Ich unterdrückte ein wütendes Aufstöhnen. Das Ausmaß seines »Ich hab’s dir doch gesagt« wollte ich mir gar nicht erst ausmalen.
Natürlich war mir klar, dass es auch Arschlöcher unter den Männern geben konnte. Es war einfach verdammt sexistisch, zu entscheiden, dass ich mit ihnen nicht umgehen konnte. Wisst ihr was? Auch Frauen konnten boshaft sein.
Rechts von mir bewegte sich ein Schatten, riss mich aus meinen Gedanken und ließ mich erschaudern. Ich fokussierte den Blick und blinzelte in die Dunkelheit zwischen den beiden Restaurants, doch die Straßenlaterne beleuchtete nur einen kleinen Bereich davor.
Ich gefror in der Bewegung und lauschte dem Echo meines eigenen Atems. Kurz darauf streckte ein Waschbär seinen Kopf aus dem Müll und die Anspannung fiel mir von den Schultern.
Rational gesehen war mir natürlich klar, dass ich mich in derselben Straße aufhielt, in der ich jeden Morgen joggte. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passierte, war damit sehr gering. Aber die Jahre, in denen mir immer wieder eingetrichtert worden war, nachts niemals allein draußen zu sein, sorgten für einen nervösen Schauder. Ich rief Shana an und hoffte, dass sie auf dem Heimweg mit mir sprechen könnte, doch es ging direkt die Mailbox ran. Das überraschte mich herzlich wenig. Ich konnte nur hoffen, dass ihr Abend besser verlief als meiner.
Meine Finger umklammerten das Handy und ich wägte meine Optionen ab. Ich konnte Marcus nicht anrufen. Wie dieses Gespräch verlaufen würde, wollte ich mir gar nicht vorstellen. Aber ich konnte das unheimliche Gefühl nicht abschütteln, das mir über die Haut kroch, weil ich allein unterwegs war. Dabei war es noch nicht einmal sehr spät, vermutlich kaum nach neun. Aber sobald ich das Viertel mit den Restaurants hinter mir gelassen hatte, nahm der Verkehr ab und die meisten Geschäfte waren geschlossen. Mein Unbehagen stieg. Ich stieß den Atem aus und klickte auf mein Handy.
Es gab noch eine weitere Option, aber es war schwer zu sagen, ob sie besser oder schlechter war als mein Bruder. Einerseits würde ich einer Standpauke nicht entgehen, andererseits war mir klar, dass es unter uns bleiben würde. Im Grunde genommen hatte ich also die Wahl: Entweder durchzudrehen oder den besten Freund meines Bruders anzurufen und eine Standpauke zu riskieren.
Ich holte tief Luft und wählte Lucas’ Nummer.
Zwei
Lucas
Als ich aus dem Fitnessstudio nach Hause zurückkehrte, stand meine Garagentür weit offen und aus den Lautsprechern dröhnte »Teenage Dirtbag« von Wheatus. Jax spielte für den Abend wohl den DJ, denn er bevorzugte die Songs aus den Neunzigern. Als ich die Garage betrat, hing er auf der Couch herum, hatte die Beine von sich gestreckt, als gehöre ihm der Laden, und scrollte auf dem Handy.
Marcus hob den Blick. Sein blondes Haar fiel ihm über die Augen, als er einen Puck ausrichtete und ihn mühelos in die rechte obere Ecke des Tores schoss.
»Hey, Kumpel, wo warst du denn? Ich habe Jax in den letzten Stunden ordentlich in den Arsch getreten und die Abschüsse geübt.« Er drehte sich um und verbeugte sich vor uns. Marcus war pure Willenskraft mit ein bisschen Verrücktheit in einer Person. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass er auf dem Eis deshalb so erfolgreich war.
»Fick dich, Mann«, protestierte Jax, ohne von seinem Handy aufzublicken. Sie stritten wie ein altes Ehepaar, womit sie mir ein Lächeln entlockten.
Vor Jahren hatte mein Vater in der Garage einen Indoor-Trainingsbereich eingerichtet. Der Boden war mit einem speziellen weißen Kunststoff ausgelegt, der das Eis imitierte. Dicke Sperrholzplatten schützten die Wände, sodass wir den Puck abschießen konnten, ohne uns Gedanken über mögliche Schäden zu machen. In der Mitte stand ein Tor in seiner normalen Größe, in das Marcus gerade einen Treffer nach dem anderen landete.
»Hast du was von Samantha gehört?«, fragte Marcus, ohne von dem, was er da tat, aufzublicken. Samantha war ein gewöhnliches Puck-Bunny und stellte mir bereits seit zwei Monaten nach. Pech für sie, aber ich war nicht interessiert. So ziemlich gar nicht. Versteht mich nicht falsch, sie war schon heiß, aber sie hatte auch so ziemlich mit jedem im Team gevögelt, einschließlich Jax und Marcus. Ich fischte doch nicht in den Teichen von anderen, schon gar nicht, wenn es um die beiden ging. Das wussten die Typen verdammt gut und provozierten mich, wann immer sie konnten.
Jax setzte sich aufrecht hin. Das neue Thema hatte seine Aufmerksamkeit geweckt und ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Fuck, Mann, du verpasst was. Sie bläst wie ’ne Eins.«
Marcus lachte und stützte sich lässig auf dem Schläger ab. »Das hatte ich ganz vergessen. Sie hat diesen bestimmten Dreh-und-Leck-Trick drauf.«
Jax stöhnte und legte den Kopf in den Nacken.
Ich würgte ein Lachen hervor. »Fickt euch, Jungs.«
Jax zwinkerte mir zu. »Komm schon, Mann. Was gibt’s denn gegen ein bisschen Klatsch unter Freunden einzuwenden? Und seit wann bist du so wählerisch?«
Ich wollte die Frage ignorieren, weil ich wusste, worauf das hinauslief. Sie würden wissen wollen, wie ich ein ganzes Jahr ohne Sex überleben konnte. Zwar war es nicht direkt eine Lüge, denn ich ließ sie glauben, was sie glauben wollten, aber die Wahrheit war, dass niemand es schaffte, mein Interesse zu wecken, nachdem ich Piper im Garten in ihrem pinkfarbenen String-Bikini gesehen hatte. Das Teil hatte ihren Hintern mehr entblößt als verhüllt. Ich musste meinen schmerzenden Schwanz unter dem Bund meiner Badehose festklemmen, bevor Marcus mich für die Art umbrachte, mit der ich sie ansah.
Die darauffolgenden zwei Wochen verbrachte ich damit, von ihr zu fantasieren und an mir herumzufummeln, während ich mir vorstellte, wie ihr Bikini-Oberteil zur Seite rutschte und den Rand ihres zartrosafarbenen Nippels enthüllte. Das Bild hatte sich für immer in meine Netzhaut eingebrannt.
Marcus klatschte in die Hände und ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Wir sollten die Jagd eröffnen.«
»Drauf geschissen«, protestierte ich, ließ mich auf die Couch fallen und versuchte entspannt zu wirken, obwohl ich mich alles andere als entspannt fühlte. Ich würde meinen Zustand nicht mehr verbergen können, wenn wir mit dem Scheiß anfingen.
Jax verschluckte sich an seinem Lachen und schlang einen Arm um meine Schultern. »Willst du mich verarschen, Mann? Du hast die letzten beiden Runden gewonnen. Sei jetzt keine Pussy.«
Ich konnte ihm nicht widersprechen, ohne mich zu verraten. Wir spielten dieses Spiel schon seit der zehnten Klasse, nachdem Marcus seinen ersten Handjob genießen durfte. Mittlerweile war es in den Sommermonaten zu einer Tradition geworden, die jedes Jahr eskalierte, bis die Situation vollkommen außer Kontrolle geriet. Aber das konnte ich ihnen unmöglich sagen. Sie alberten einfach gern herum. »Mir egal, Mann«, murmelte ich.
Marcus musterte mein Gesicht und legte den Kopf ein wenig schief. Er kannte mich einfach zu gut. »Also ist die Sache geritzt. Wir brauchen ein paar neue Regeln. Langsam wird’s zu einfach.« Er durchquerte den Raum, blieb vor einem riesigen Whiteboard stehen und schrieb unsere Namen in Spalten auf. »Für jedes Mädchen, das wir nageln, bekommen wir einen Punkt. Wer bis Ende Juli die meisten Punkte hat, gewinnt.«
Jax genehmigte sich einen ausgiebigen Schluck Gatorade aus seiner weißen Hockeyflasche. Das T-Shirt klebte an seiner Haut und die Spitzen seines zotteligen Haars waren schweißnass, nachdem er sich bei unzähligen Übungsschüssen vorausgabt hatte. »Neue Regel: Nur One-Night-Stands sind erlaubt. Kein Doppelabkassieren. Es ist egal, wie oft ihr sie fickt. Ein Mädchen bringt nur einen Punkt, ihr Ärsche.«
Ich seufzte und fuhr mir mit den Händen über das Gesicht. »Na schön. Muss ich noch was wissen, bevor ich euch in den Arsch trete?« Ich wollte so selbstbewusst wie möglich klingen, obwohl ich das Spiel bereits so gut wie verloren hatte.
»Genau, keine Übernachtungen«, fügte Jax hinzu und Marcus brach in Gelächter aus. Das kam nur wenig überraschend. Marcus war dafür bekannt, sich heimlich Übernachtungen zu erschleichen, aber Jax hatte ein Problem damit, wenn Mädchen über Nacht blieben. Das taten sie nicht. Niemals.
»Was ist, wenn ich gern kuschle?«, entgegnete Marcus. Aber ich wusste, dass er mit der Regel einverstanden war. Kuscheln ließ die Mädels anhänglich werden und darauf war niemand scharf.
Marcus’ Gesichtsausdruck wurde ernst. »Eine letzte Regel noch: Finger weg von meiner kleinen Schwester.«
»So gern ich den Ausdruck auf deiner Fresse sehen würde, aber keiner von uns denkt auf diese Art über deine Schwester. Also entspann dich, Mann.« Jax grinste.
Ich nickte, als Marcus seinen Blick auf mich richtete. »Die Einsätze bleiben unverändert. Der Gewinner darf den Beifahrersitz für sich beanspruchen. Die Verlierer zahlen bis zum Jahresende für die Drinks.«
Wir übten abwechselnd eine Stunde lang Schusstechniken, bis ich schweißgebadet war. Ich zog mein Shirt aus, was bei der Sommerhitze nicht wirklich half, mich abzukühlen. Besonders gut beherrschte ich inzwischen den Michigan-Shot, bei dem der Spieler den Puck mit der Kelle aufnahm und ihn dann über die Schulter des Torwarts ins Netz beförderte. Da man diese Technik anwendete, wenn man hinter dem Tor hervorkam, hatte der Torwart keine Chance, den Schuss zu blocken.
Ich setzte mein Gatorade an die Lippen, trank einen großen Schluck und sah den Jungs beim Schlagschuss zu. Jax und Marcus waren beide Stürmer und äußerst talentiert. Als Abwehrspieler trainierte ich vor allem die richtige Positionierung und übte mich darin, die Spielsituation blitzschnell zu erkennen. Das hielt mich jedoch nicht davon ab, hierherzukommen und mit ihnen herumzualbern.
Mein Handy vibrierte und auf dem Display blitzte Pipers Name auf. Warum zum Teufel rief sie mich an? Ich warf Marcus einen Blick zu, dann ging ich zur Tür, die ins Haus führte. »Bin gleich zurück. Muss nur schnell Milch für meine Mom holen.«
Keiner der beiden reagierte darauf, denn sie schienen immer noch in ihren Wettkampf vertieft zu sein.
Ich schloss die Tür hinter mir und nahm den Anruf von Marcus’ Schwester entgegen.
»Rebellin?«