Kapitel eins
Mia
»Wir beginnen jetzt mit dem Boarding für Flug WS2371 von Ottawa nach San Francisco«, ertönt eine Frauenstimme aus den Lautsprechern des riesigen Flughafens. Ich muss den Flug unbedingt kriegen, denn der nächste geht erst in vier Stunden. Heute ist der erste Abend der Hochzeitsfeierlichkeiten von Piper und Lucas und wir Mädels wollten zusammen abhängen. Zweifellos wird reichlich Alkohol serviert, und das ist genau das, was ich gerade brauche.
Als Medizinstudentin im praktischen Jahr sind meine Tage das totale Chaos, und heute hatte ich im Krankenhaus dazu noch die Frühschicht übernommen. Was ließ mich denken, ich hätte eine Stunde für Recherchen übrig? Ich meine, es ging um die von mir ins Leben gerufene Wohltätigkeitsorganisation Prosthetics For Kids, aber das spielt jetzt keine Rolle. Als dann jedoch aus nur noch eine Minute auf eine magische Weise zwei Stunden wurden, musste die Lage einfach eskalieren.
»Hören Sie mir überhaupt zu?« Gerards Stimme hallt durch das Handy in meinem Ohr wider.
Ich rücke das Gerät, das ich mir zwischen Schulter und Ohr geklemmt habe, etwas zurecht. »Ja, natürlich.«
»Ich meine es ernst, Mia. Zwei Monate, dann übertrage ich die Förderung an Erics Team.«
»Zwei Monate sind einfach zu wenig.« Meine Kehle ist wie ausgedörrt. Ich bleibe abrupt stehen, als ich begreife, was er mir damit sagen will. Gerard war der Erste, der mir seine finanzielle Unterstützung anbot, als ich die Spendenaktion Prosthetics For Kids ins Leben rief. Er arbeitet für AstroCorp Holdings, ein Unternehmen, das verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen unterstützt.
Als ich davon erfuhr, war ich ganz aus dem Häuschen, denn das war meine Chance, Prosthetics For Kids von einer kleinen Spendenaktion zu einer etablierten gemeinnützigen Organisation auszubauen. Allerdings warnte er mich gleichzeitig vor, dass seine Unterstützung die eben erwähnte Entwicklung voraussetzte. Konkret hieß das, Gelder zu sammeln. Ein einziger Geldgeber war nicht genug. Wie schwer konnte das schon sein? Zumindest dachte ich es damals.
Schwer, stellte ich später fest. Wirklich verdammt schwer.
»Es tut mir leid, Mia. Nehmen Sie es nicht persönlich. Ich kann keine Mittel für eine Wohltätigkeitsorganisation bereitstellen, die nicht von Erfolg gekrönt sein wird. Das verstehen Sie sicher.«
Nicht persönlich? Am Arsch!
Nichts war in meinem Leben je persönlicher. Bei dem Gedanken an die unschuldigen Kinder, die ohne die nötige Hilfe auskommen müssen, wird meine Brust ganz eng. Ich sehe förmlich vor mir, wie ihr Lächeln verblasst und durch die Angst und Sorge, die in den Augen ihrer Eltern aufblitzen, ersetzt wird.
Ich manövriere mich an der vor den Gates warteten Menschenmenge vorbei und knirsche mit den Zähnen. »Ich bekomm das schon hin.«
»Das sollten Sie auch. Es ist Ihre letzte Chance.« Gerards Stimme klingt bei den Worten unerbittlich, womit er mir unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er es ernst meint.
Die Verbindung bricht ab.
Meine Augen brennen und ich blinzle die Tränen weg. Um seine Vorstellung umzusetzen, werde ich ein echtes Wunder brauchen, denn meine Gebete blieben bisher ungehört.
Ihr könnt mir glauben, ich habe es versucht.
Aus Mangel göttlicher Intervention habe ich mich überschlagen, um Gelder aufzutreiben. Eine ganze Weile, gefühlt Jahre meines Lebens, verbrachte ich damit, Hashtags, Trends und Trending Sounds hinterherzujagen, weil ich dachte, dass die sozialen Medien die beste Chance böten.
»Passagiere mit Kindern sowie Personen, die besondere Hilfe benötigen, begeben sich bitte zum Boarding für den Flug WS2371 von Ottawa nach San Francisco.«
Ich verenge die Augen, um das Schild an dem Gate am Ende des Ganges zu erkennen, und mein Herz beginnt zu hämmern, während ich schneller laufe. Da ich meinen Koffer nun mit doppelter Geschwindigkeit hinter mir herziehe, werden meine Schritte nicht mehr von einem stetigen Summen, sondern von dem Knirschen des billigen Plastiks von dem Griff in meiner Hand begleitet.
Scheiße! Scheiße! Scheiße!
Ich zerre ein wenig daran herum, um das Ding besser balancieren zu können, doch der harte Kofferboden rutscht auf meinen Schuhabsatz.
Verflixt! Der Schmerz schießt meine Ferse hinauf und ich beiße mir auf die Wange, um nicht aufzuschreien. Sämtliche Schimpfwörter dieser Welt liegen mir auf der Zunge, als ich mich bücke und das Riemchen meines Crocs festziehe. Aber statt dem Drang nachzugeben, mich auf den Boden zu werfen und meinen Fuß zu umklammern, laufe ich schnell weiter.
Eine Menschentraube hat sich vor meinem Gate gebildet. Statt sich in einer Reihe aufzustellen, damit das Einsteigen ins Flugzeug schneller geht, starren die Leute zum Schalter, den ich von meinem Platz aus nicht sehen kann.
Erleichtert atme ich ein paar Mal tief durch. Immerhin bin ich dem Abend mit Sidney und Piper ein Stück näher gekommen. Bald schon können wir den neuesten Klatsch austauschen, während wir die Deko für Pipers Hochzeit vorbereiten. Ganz so wie in »Brautalarm«.
Ich bin vollkommen erschöpft und habe vor meinen Freunden so getan, als würde ich nicht kurz vor einem Burn-out stehen, obwohl ich nur noch mit Mühe funktioniere. Diese Auszeit brauche ich mehr als dringend. Also dränge ich mich zwischen den beiden Männern vor mir hindurch und rümpfe die Nase, als mich der überwältigende Duft von Kölnisch Wasser trifft. Bitte, lieber Gott, lass sie nicht neben mir sitzen.
Ganz vorn am Schalter unterhält sich die Flugbegleiterin, die ihr Haar zu einem perfekten Dutt hochgesteckt hat, mit einem Mann. Seine Stimme klingt flehend. »Verstehen Sie denn nicht? Meine Frau bekommt gerade unser Baby. Ich weiß nicht, was genau vorgefallen ist. Der eigentliche Geburtstermin wäre erst in drei Wochen.« Er legt beide Hände auf den Tresen. »Sie braucht mich.«
Sein Tonfall zerreißt mir das Herz und ein verzweifeltes Verlangen, ihm irgendwie zu helfen, drückt meinen Brustkorb zusammen.
Daraufhin nimmt die Frau ihr Mikrofon und ergreift das Wort: »Liebe Passagiere, der Mann neben mir möchte dringend zur Geburt seines Kindes nach Hause fliegen. Gibt es unter Ihnen einen Freiwilligen, der bereit wäre, auf den nächsten Flug zu warten?«
Die Verzweiflung steht dem armen Kerl sichtlich ins Gesicht geschrieben. Sein Haar wirkt zerzaust, das Hemd ist nur halb zugeknöpft und der rastlose Blick huscht auf der Suche nach Hilfe über die Menschenmenge.
Die Leute um mich herum rühren sich, aber niemand tritt vor. Die Flugbegleiterin sieht den Mann mitfühlend an. »Es tut mir leid, Sir, aber ich kann Ihnen nur einen Platz für den späteren Flug anbieten.«
Seine Schultern sacken herab und die Augen sind rot umrandet. Seine Hilflosigkeit rührt mich und ich trete vor, obwohl ich die Mädchen damit im Stich lasse. Aber ich werde es schon wiedergutmachen.
Ich stelle mich an seine Seite und schiebe der Flugbegleiterin in ihrem makellosen blauen Anzug mein Ticket zu. »Geben Sie ihm meinen Platz. Ich habe kein Gepäck aufgegeben.«
Der Mann zieht hörbar die Luft ein, während sein Blick zwischen mir und der Flugbegleiterin hin und her fliegt. Nur zögernd erwidere ich seinen Blick, weil ich befürchte, ihm falsche Hoffnungen zu machen.
Die Lady tippt auf ihre Tastatur ein, überfliegt den Bildschirm und schenkt uns dann ihr strahlendes Lächeln. »Ich könnte den Flug umbuchen«, sagt sie an mich gewandt. »Aber dann müssten Sie vier Stunden auf den nächsten warten. Sind Sie damit einverstanden?«
»Ja, das ist kein Problem«, antworte ich sofort.
Sie nickt und reicht dem werdenden Vater seine Bordkarte. »Guten Flug und herzlichen Glückwunsch.«
Tränen glitzern in seinen Augen, als er sich zu mir umdreht. »Danke«, sagt er und zieht mich in seine Arme. Ich klopfe ihm freundlich auf den Rücken, bis er sich von mir löst.
»Gern geschehen. Herzlichen Glückwunsch.«
Mit diesen Worten eilt er die Flugzeugbrücke hinunter.
Wärme breitet sich in meinem Bauch aus. Ich bin zufrieden mit meiner Entscheidung.
»Das war sehr großzügig von Ihnen«, bemerkt die Flugbegleiterin, ohne von ihrem Computer aufzublicken.
Ich zucke mit den Schultern. »Das war doch nichts Besonderes. Jeder andere hätte das Gleiche getan.«
Ihr Blick schweift über die Menschenmenge, die sich endlich zum Schalter bewegt. Sie zieht eine Augenbraue hoch und reicht mir mein neues Ticket. »Dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, Miss. Dann bis in ein paar Stunden.«
Ich schlendere in den Wartebereich, mache es mir auf dem harten Plastiksitz bequem und hole mein Handy heraus.
Seufzend tippe ich eine Nachricht in den Gruppenchat.
Ich: Hab den Flug verpasst. Komme später.
Meine beste Freundin und Zimmernachbarin aus dem Studentenwohnheim antwortet als Erste.
Sidney: Bitte sag mir, dass du nicht in deinem Krankenhaus feststeckst. Ich habe dir vor zwei Stunden eine SMS geschickt.
Ich: Kein Kommentar.
Piper: Tut mir leid, Süße. Schaffst du es noch heute Abend?
Auch wenn es um ihre Hochzeit geht, nimmt sie es gelassen auf, was mich überhaupt nicht überrascht. Wenn ein Mensch mein zwanghaftes Bedürfnis, meine gemeinnützige Organisation voranzutreiben, nachvollziehen kann, dann ist es sie. Als Physiotherapeutin hilft sie ihren Patienten, mit ihren neuen Prothesen zurechtzukommen, und ist genauso engagiert wie ich. Im Laufe der Jahre haben wir uns immer besser verstanden und heute ist sie mir eine genauso gute Freundin wie Sidney.
Ich: Komme nur ein paar Stunden später. Wartet nicht auf mich.
Sidney: Na schön. *Augenroll-Emoji* Dann bis später.
Ich: *Kuss-Emoji*
Sidney: Warte! Mit Jason hat das nichts zu tun, oder?
Sidney und Piper hassen meinen Ex Jason wie die Pest.
Den Jason, der das Haus, die Ehefrau, die zwei Komma fünf Kinder und den weißen Lattenzaun anstrebt. Den Jason, der mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurde und dessen Vater im Vorstand des Krankenhauses sitzt, in dem ich arbeite. Den Jason, der keine Gelegenheit auslässt, um darauf hinzuweisen, dass ich die Facharztausbildung im Krankenhaus nur seinetwegen machen darf.
Und schließlich auch den Jason, der mir das Gefühl gegeben hat, nichts auf die Reihe zu bekommen.
Ständig nörgelte er herum, ich würde ihm nicht genügend Priorität einräumen, und ich konnte es nicht einmal leugnen. Ich würde meine Arbeit niemals einfach aufgeben, nur weil sie meinem Freund nicht passt.
Bestimmt dachte er, dass ich irgendwann einknicken würde. Am Ende ließ er mich nach einem Jahr Beziehung sitzen und warf mir an den Kopf, ich handle egoistisch.
Die Trennung hätte wehtun sollen, aber ich muss gestehen … dem war nicht so. Als Jason dann zurückruderte und mir versicherte, dass es ihm leidtäte und wir füreinander bestimmt seien, ignorierte ich ihn einfach.
Zu der Zeit textete er mich alle fünf Minuten zu. Seine Nachrichten begannen alle mit Ich liebe dich und Es tut mir leid, bis es ihm nicht mehr leidtat. Kurz darauf beschimpfte er mich, ich wäre eine egoistische Schlampe, die ihm ein Jahr seines Lebens gestohlen hätte. Aber dann und wann nagte das Gewissen doch an mir, dass ich ihn nur als Lückenbüßer benutzt habe, und das ist auch der einzige Grund dafür, weshalb ich ihn noch nicht blockiert habe. Er füllte eine Leere in meinem Leben, die eigentlich für eine Beziehung vorgesehen war. Allerdings habe ich ihm nie mein Herz geschenkt. Nicht wirklich.
Nicht, nachdem ich den Fehler vor drei Jahren bereits begangen hatte.
Ich: Nein. Ich glaube, er hat den Wink endlich verstanden.
Sidney: Das sollte er besser auch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Jax sich überreden lassen würde, ihn bei Bedarf auch abzumurksen.
Piper: Ja, Lucas auch.
Ich: Nun, ich denke, wir kommen ohne Mord und Totschlag aus.
Ich hebe meinen Rucksack vom Boden auf und lege ihn auf den Stuhl neben mir, während ich darauf warte, dass die nächste Nachricht aufpoppt.
Sidney: Alex und River sind heute Nachmittag angereist. *Zwinker-Emoji*
Ich spüre einen Stich in meinem Herzen. Was ich wohl fühlen werde, wenn ich die beiden wiedersehe? Wenn es so etwas wie Vorfreude werden würde, dann könnte ich buchstäblich explodieren. Anspannung prickelt unter meiner Haut. Nach dem Abschluss an der Uni vor drei Jahren habe ich es mir verboten, an sie zu denken. Denn andernfalls verlöre ich mich nur in Tagträumen über das, was aus uns hätte werden können.
Gleich im ersten Semester kreisten all meine Gedanken um Alex und River. Ich schlief mit ihren Gute-Nacht-Wünschen ein und wachte mit Guten-Morgen-Nachrichten auf. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass man sein ganzes Leben nach nur einem Menschen ausrichten konnte, geschweige denn nach zwei.
Im Laufe des Studiums entwickelte sich unsere einstige Freundschaft zu mehr, und ich hätte schwören können, dass man die Spannung zwischen uns mit einem Messer schneiden konnte. Alles war neu, aufregend und fühlte sich ganz natürlich an. Bis es das nicht mehr tat.
Der Abend in der Bar verfolgt mich heute noch. Wir waren im Club, tanzten und endlich fügte sich alles zusammen. Alex packte mich an den Hüften und ich hielt den Atem an, als er sich zu mir herunterbeugte und seinen Mund zu meinem senkte. Wie in Zeitlupe kam er mir Sekunde für Sekunde näher.
Ich schloss die Augen, bereit für die Berührung seiner Lippen, doch plötzlich verließ mich seine Körperwärme. Als ich die Augen aufschlug, lag Alex auf dem Boden und hielt sich das Gesicht. River stand neben mir, die Hände an seiner Seite zu Fäusten geballt.
Ich konnte mich unmöglich für einen von beiden entscheiden und wollte mich nicht zwischen sie drängen. Also ghostete ich sie beide und schaute nicht zurück, auch wenn es sich anfühlte, als würde ich mir mein eigenes Herz herausreißen.
Ich: Und?
Piper: Und du hast seit der Uni nicht mehr mit ihnen gesprochen.
Sidney: Tu nicht so, als wäre zwischen euch nichts gelaufen. Ihr drei wart unzertrennlich, und dann habe ich dich in deinem Zimmer weinen gehört.
Natürlich hat sie es mitbekommen, aber ich bin noch nicht bereit, darüber zu sprechen. Nicht solange die Wunde nicht verheilt ist.
Ich: Das war an der Uni. Da waren wir praktisch noch Kinder. Außerdem haben wir uns nicht einmal geküsst. Wir waren nur Freunde, nicht mehr.
Piper: Red dir das nur weiter ein.
Wir waren wirklich nur Freunde. Mehr habe ich nicht zugelassen. Meine Augen brennen und ich kämpfe gegen die aufsteigenden Erinnerungen an. Die beiden haben sich perfekt ergänzt. Bei Alex fühlte ich mich glücklich und unbeschwert, wenn ich mal wieder zu streng mit mir selbst war. River wusste wiederum, wann er sich besser zurückhalten und mich meine Probleme selbst lösen lassen musste. Von ihm bekam ich die beständige Unterstützung, die ich so nötig hatte. Manchmal ist das Leben stressig. Schwer. Aber das heißt nicht, dass man daran denkt, aufzugeben. Im Gegensatz zu Jason hat River das verstanden.
Ich wechsle das Thema und stelle dankbar fest, dass sie mich gewähren lassen.
Ich: Hab euch echt lieb, ihr zwei. Kaum zu glauben, dass ihr bald verheiratet sein werdet.
Piper: Glaub es endlich!
Ich schalte mein Handy aus und schnappe mir meinen Laptop, entschlossen, keine Sekunde der neu gewonnenen Zeit zu verschwenden. So schmerzhaft es auch ist, aber in Napa werde ich zu nichts anderem kommen und erst recht nichts erledigen können. Piper und Lucas kommen für mich echten Seelenverwandten wohl am nächsten, abgesehen von Jax und Sidney vielleicht. Zweifellos ist es der perfekte Zeitpunkt, um sie zu unterstützen.
Siehst du? Ganz und gar nicht egoistisch.
Mit den Gedanken ignoriere ich geflissentlich den kleinen Teil in mir, der sich erleichtert fühlt, weil ich Alex und River heute Abend doch nicht gegenübertreten muss, da ich so spät anreise.
Kapitel zwei
Mia
Als ich mich vorbeuge, beschlägt die hintere Seitenscheibe und verschleiert mir die Sicht auf das Resort. Nachdem ich den Shuttle vom Flughafen ins Napa Valley verpasst habe, musste ich für die fast zweistündige Fahrt einen privaten Fahrdienst engagieren. Ich reiche dem Fahrer meine Kreditkarte und trommle auf mein wippendes Knie mit den Fingern, während er das Geld abbucht. Es piepst einmal laut, woraufhin der Fahrer die Stirn runzelt.
»Miss, die Karte wird nicht akzeptiert.«
Mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen schiebe ich ihm eine andere Karte zu. »Tut mir leid, falsche Karte erwischt.«
Dann zieht er die Karte durch und die Maschine gibt den bestätigenden Piepton von sich, der signalisiert, dass die Zahlung durchgegangen ist. Als Medizinstudentin, die einen Schuldenberg an Studiengebühren angehäuft hat, bin ich notorisch pleite. Nach der Reise werde ich mich einen Monat lang ausschließlich von Ramen-Nudeln ernähren dürfen.
Wenn Lucas und Piper mir finanziell nicht unter die Arme gegriffen hätten, würde ich mir das Resort gar nicht leisten können. Und dafür kann ich ihnen nicht genug danken. Allerdings bleibt mir auch nicht genug Zeit dafür, denn meine Tür wird aufgerissen und der Portier begrüßt mich mit einem Lächeln.
»Willkommen im Resort Bardessono.«
»Vielen Dank.«
Als ich aussteige, stockt mir der Atem. Ein sanftes Wasserplätschern weht an meine Ohren. Hier ist es wunderschön. Nein, atemberaubend. Ich atme tief durch die Nase ein und nehme den Duft von Blumen, Regen und Geißblatt wahr. Während ich immer noch die moderne Architektur des Resorts bestaune, die sowohl zeitgenössisch als auch rustikal wirkt, fährt ein weißer Porsche hinter mir vor. Der Hotelpage öffnet die Tür und gibt den Blick auf ein mir vage bekanntes Gesicht frei und plötzlich steht die Welt kopf. Ich habe sie in einer der Reality-Shows gesehen, die ständig über den Bildschirm in der Klinik flimmern. Ich wende den Blick ab und hoffe, dass sie mich beim Gaffen nicht erwischt hat.
Ich bin eindeutig nicht mehr in Kansas.
Eines Tages, wenn ich mal Ärztin bin, werde ich es mir auch leisten können, aber im Moment kommt mir das alles wie ein verdammtes Märchen vor. Ich schätze, so etwas passiert, wenn die beste Freundin einen NHL-Star heiratet.
»Miss Brooks«, sagt der Hotelpage und reißt mich aus meinen Gedanken. »Wenn Sie mir bitte folgen würden, führe ich Sie durch die Lobby.«
Ich greife nach meinem Gepäck, doch ein anderer Mann in Hoteluniform ist schneller. »Keine Sorge, Miss. Ich bringe es auf Ihr Zimmer.«
Ich schlucke schwer. Wie soll ich ihm sagen, dass ich mir kein Trinkgeld leisten kann? Stattdessen greife ich nach dem Griff des Koffers und lächle ihn an. »Ich würde ihn gern bei mir behalten, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Überraschung spiegelt sich auf seinem Gesicht, doch er schenkt mir ein Nicken. »Natürlich.«
Ich folge dem anderen Mann durch die Eingangstür und werde sofort mit fröhlichen Ausrufen begrüßt. Sidney und Piper warten neben ihren Jungs auf mich.
Jax löst die Arme von Sidneys Taille, fährt sich mit der Hand durch sein wuscheliges braunes Haar und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. Sidney springt mir so freudig entgegen, als hätten wir uns seit Wochen nicht gesehen.
Ihr dunkles Haar ist zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden, der bei jedem Schritt hin und her wippt. Ihre silbernen Strähnen lugen darunter hervor. Sie trägt einen geblümten Rock und ein dazu passendes Oberteil. Eine gesunde Röte liegt auf ihren Wangen und ihre Lippen sind zu einem breiten Lächeln verzogen, das feine Fältchen um ihre Augenwinkel zeichnet. Ich habe mal gehört, wie Jax sie als sexy Bibliothekarin bezeichnet hat, und auch wenn die Vorstellung eklig sein mag, stimmt es zweifellos.
»Ich kann nicht glauben, dass du deinen Flug verpasst hast«, tadelt sie mich, aber freundlich und ohne Vorwurf.
Ich zucke mit den Schultern und taumle rückwärts, als mich mit einem Ruck etwas in die Seite rammt.
Pipers strahlend goldenes Haar umrahmt ihr Gesicht, ihre funkelnden kornblumenblauen Augen leuchten vor Freude, als sie mich herzlich in ihre Arme schließt. Sie trägt ein weißes Kleid mit Lochstickerei und Spaghettiträgern, das feminin und elegant aussieht. Es eignet sich perfekt für ein Hochzeitswochenende.
Ich hingegen stecke noch immer in meiner lila OP-Kleidung mit den kleinen Teddybär-Ansteckpins, weil ich keine Zeit hatte, mich umzuziehen.
Piper seufzt theatralisch auf und tritt einen Schritt zurück. »Gott sei Dank bist du da. Die Jungs waren den ganzen Tag in der Überzahl. Wir mussten uns Eishockeyspiele ansehen. Alte Spiele!«
Sidney lacht auf. Sie steht genauso auf Hockey wie die Jungs, widerspricht unserer gemeinsamen Freundin aber nicht. Auch zwischen den beiden ist in den vergangenen Jahren eine enge Freundschaft entstanden, obwohl sie in unterschiedlichen Städten leben.
Jax spielt für die Ottawa Senators und Lucas für die Boston Bruins. Ihre Männer sind oft auf Reisen. Außerdem verbindet sie das Leben als Spielerfrauen mit all seinen Höhen und Tiefen. Spielerfrauen – kaum zu glauben, dass sie sich selbst so bezeichnen.
Lucas ist groß und breit gebaut, was einen starken Kontrast zu Pipers zierlicher Gestalt bildet. Er schlingt seinen Arm um ihre schmale Taille und seine braunen Augen strahlen, als er sie liebevoll ansieht.
Als Paar sind sie so gegensätzlich, auch in ihrem Wesen, und trotzdem sind sie wie füreinander geschaffen. Lucas drückt seiner zukünftigen Ehefrau einen Kuss auf den Hals und lächelt mich dann freundschaftlich an. »Schön, dass du da bist.«
Jax legt einen Arm um meine Schulter und zieht mich an seine Seite. »Lange Anreise gehabt?«
»Ging so. Wenigstens konnte ich die Wartezeit gut nutzen und habe einiges an Arbeiten erledigt.« Ich zucke mit den Schultern.
Er lacht laut auf. »Das war so klar. Die meisten Leute, die ich kenne, hätten sich in der Bar volllaufen lassen.«
»Seit wann bin ich wie die meisten Leute?« Ich greife nach seinem ohnehin schon zerzausten braunen Haar, um es noch mehr durcheinanderzubringen, so wie es Piper mal gemacht hat.
In den letzten Monaten, oder genauer gesagt, seitdem wir in derselben Stadt leben, haben Jax und ich ein enges Freundschaftsband geknüpft, weil wir beide gern Zeit mit Sidney verbringen.
Damit entlocke ich ihm ein weiteres Lachen. »Versprich mir einfach, die Arbeit für eine Weile zu vergessen und dich zu entspannen. Sonst bekommst du noch Stressfalten.«
Ich fahre mir mit der Hand über die Stirn und starre ihn an. »Hör mal, du …«
»Wen hast du bestochen, um auf Crooks aufzupassen?« Sidney legt ihren Arm auf Jax’ Rücken und lenkt damit geschickt vom Thema ab.
»Die Kleine am Ende des Flurs passt auf ihn auf.« Crooks, alias Krummbein, ist mein rot getigerter Kater.
»Hat sie deine Nummer, falls er sie angreifen sollte?« Jax bemüht sich sichtlich, nicht zu grinsen.
Ich verdrehe die Augen. »Was? Das Mädchen ist sechzehn. Ich bin sicher, sie kommt ein Wochenende lang mit einer Katze klar.«
»Das wäre wahr, wenn dein Kater nicht besessen wäre«, fügt Lucas wenig hilfreich hinzu.
»So schlimm ist er nicht. Du übertreibst.« Ich schaue die drei um Unterstützung heischend an, aber sie grinsen mir nur entgegen. »O doch, und ob.« Jax hebt seinen Arm und die verblassten Narben kommen zum Vorschein. »Heimtückisches Biest.«
»Ich habe dich gewarnt, du sollst ihn nicht auf den Arm nehmen. Das mag er ganz und gar nicht.«
»Oh, wie konnte ich das nur vergessen. Nimm ihn nicht auf den Arm. Fass ihn nicht an. Setz dich nicht auf seinen Lieblingsplatz. Atme nicht in seine Richtung.« Als Jax mit seiner Auflistung fertig ist, lacht er laut.
Wenn ich so darüber nachdenke, sollte ich dem Tiersitter vielleicht doch eine kurze Nachricht schicken.
»Okay, okay. Dann checken wir dich mal ein.« Piper greift nach meiner Hand und unterbricht meine Gedanken. Ihr Lächeln ist einen Ticken zu breit und ihre Augen glänzen verdächtig, als ich zur Rezeption folge.
Die Hotelangestellte heißt mich im Resort willkommen. Nachdem ich ihr meinen Namen genannt habe, braucht sie einen Moment, um mich in ihrem System zu finden. Dann hebt sie den Blick und schaut mich an. »Es tut mir leid, Miss, aber ich habe keine Zimmerreservierung unter diesem Namen.«
Scheiße! Piper hat sich um die Reservierungen gekümmert und ich habe nicht einmal daran gedacht, noch einmal nachzufragen. Sicher ist sie mit dem ganzen Hochzeitskram vollkommen überlastet. Ich hätte es besser wissen müssen. Piper drückt meinen Arm, als würde sie meine Unruhe spüren. »Schauen Sie bei den Villen nach.«
Ich werfe ihr einen Blick zu, der deutlich macht, dass sie verrückt ist. Die kosten etwa zehntausend pro Nacht.
»Ah, da sind Sie ja. Für Sie sind vier Nächte reserviert. Ist das richtig?«
Ich bin zu fassungslos, um etwas zu sagen, also beantwortet Piper die restlichen Fragen der Concierge. Bevor ich reagieren kann, stülpt mir die Frau ein gelbes Armband über das Handgelenk.
»Damit haben Sie Zugang zu Ihrem Zimmer und allen anderen Bereichen des Resorts. Genießen Sie Ihren Aufenthalt.«
Sobald wir uns von der Rezeption entfernt haben, packe ich Piper an den Schultern. »Das kann nicht dein Ernst sein. Das ist doch viel zu teuer.«
Sidney schließt sich uns an. Ihr Blick ist genauso verschmitzt wie zuvor bei Piper. »Entspann dich, es passt schon so.«
Die beiden hecken eindeutig etwas aus. Aber bevor ich sie zur Rede stellen kann, sind Lucas und Jax dabei, ihre Freundinnen zu entführen.
»Wir sehen uns morgen früh, okay?«, ruft Piper, während ihr Verlobter sie zu ihrem Zimmer zieht.
»Kann’s kaum erwarten.« Morgen steht ein kompletter Beauty-Vorbereitungstag im Salon an, und ich freue mich schon sehr darauf.
»Hier entlang, Miss.« Der Hotelpage schnappt sich meinen Koffer, bevor ich nach ihm greifen kann, und führt mich durch das Labyrinth an Gängen. Sanftes warmes Licht erhellt die Flure, das für eine ruhige, friedliche Atmosphäre sorgt. Leise rieselt die Musik aus eingebauten Lautsprechern, die man nicht sehen kann, und verschmilzt mit den Hintergrundgeräuschen. Alles wirkt einladend, charmant und sorgt dafür, dass man den Alltag schnell vergisst.
Daran könnte man sich gewöhnen.
Vor Villa Nummer zwei bleiben wir stehen. Ich trete einen Schritt zurück, während mein Gehirn versucht, das Ganze zu verarbeiten. Das frei stehende Gebäude hat die Größe einer kleinen Hütte, besteht aus einer Mischung aus Holz und Stahl und schreit geradezu nach Geld. »Das kann nicht mein Haus sein.«
»Ich versichere Ihnen, Miss, dass wir hier richtig sind. Halten Sie Ihr Armband einfach an das Schloss.«
Das Türschloss springt auf, als ich mein Handgelenk an den kleinen schwarzen Kreis über dem Griff halte. Ich drücke die Tür auf.
Der Portier tritt mit meinem Koffer als Erster ein und ich verziehe das Gesicht, als er mich fragt, ob ich noch etwas brauche.
Ich schlucke schwer und stelle mich den Konsequenzen. »Es tut mir leid, ich habe kein Bargeld bei mir.«
»Kein Problem, Miss. Es ist schon alles bezahlt.« Er macht eine Geste, die einer Verneigung ähnelt, bevor er sich entfernt und sich auf den Weg zurück in die Lobby macht.
Nun, das erleichtert mich ungemein.
Der Raum ist groß und luftig. Die Rückwand ist mit bodentiefen Fenstern versehen, durch die das Mondlicht hereinströmt. Draußen kann man die Umrisse eines großen Berges erkennen. Das großzügige Bett auf der einen Seite sieht aus, als wäre es maßgefertigt, und daneben steht ein bequemes Sofa. In einer Ecke befindet sich die Küchenzeile, und es gibt einen Essbereich. Ein warmes Feuer knistert im Kamin. Die Ausstattung ist zwar modern, wirkt aber gemütlich und einladend.
Das Bett ist mit frischer weißer Bettwäsche bezogen. Ich kann es kaum erwarten, aus meiner OP-Kleidung zu schlüpfen. Schnell streife ich meine Crocs ab, ziehe die Socken aus und löse den Knoten, der meine Hose zusammenhält. Die Hose fällt zu Boden, wo ich sie von den Füßen abschüttle. Nun stehe ich nur noch in meinem lila Höschen mit einem Katzenmotiv auf der Vorderseite und der Aufschrift Tell your cat I said pspspsps auf der Rückseite. Dankbar, auch das Hemd endlich ausziehen zu können, greife ich nach dem Saum, als sich einer der Teddybär-Ansteckpins in meinen Haaren verfängt. Ich zerre leicht zunächst an der einen Seite, dann an der anderen, aber dadurch zieht das Ding noch mehr an meinen Haaren. Scheiße! Meine Arme stecken über meinem Kopf in der provisorischen Zwangsjacke fest und ich versuche verzweifelt, mich zu befreien. Aber dann treffe ich mit den Kniekehlen auf die Bettkante und falle rücklings auf das Bett.
»Hey, Kätzchen. Solltest du mir vorher nicht wenigstens ein Abendessen spendieren?« Die Stimme aus ein paar Metern Entfernung klingt vertraut und raubt mir den Atem.
Ich reiße die Anstecknadel heraus, befreie mich von meinem Hemd und realisiere erst dann, dass ich mit nichts als einem dünnen Tanktop und einem Slip bekleidet bin.
In der Tür zum Badezimmer steht Alex Grayson, der Star-Stürmer der Boston Bruins, fast nackt, und lässt seinen Blick über jeden Zentimeter meiner entblößten Haut wandern, während eine Wolke aus Dampf um ihn herum aufsteigt.