Leseprobe Die Verschwörung im Vatikan | Ein actiongeladener Thriller über Verrat und eine tödliche Infiltration

Kapitel 1

Pater Marco Venetti tupfte den Schweiß aus seinem Bart und fächelte sich mit seiner abgesagten Einladung zur Papstmesse auf dem Petersplatz etwas Luft zu. Es war stickig im Beichtstuhl, und die Gläubigen waren in dieser Woche nicht besonders bußfertig, sodass er nichts anderes zu tun hatte, als an die fürchterliche Hitze und seine gestrichene Reise in die Vatikanstadt zu denken. Nicht, dass er etwas gegen eine Atempause von den üblichen Sünden einzuwenden hatte – ich habe den Namen des Herrn verunglimpft, ich habe letzte Woche unentschuldigt die Messe versäumt –, aber an diesem Nachmittag war es besonders warm, und die sonst übliche Brise hatte zur Unzeit eine Hochsommerpause eingelegt.

Er hörte das Geräusch von Füßen vor seiner Tür und setzte sich in seinem Stuhl auf. Die Tür öffnete sich, und die Kniebank knarrte, als die Büßerin – er vermutete, dass es eine Frau war, und schätzte sie nach dem Ächzen des alten Zypressenholzes auf etwa sechzig Kilo – sich bereit machte, hinter der Trennwand ihre Beichte abzulegen. „Ich bitte um Ihren Segen, Pater …“

Die Stimme der Büßerin war verführerisch und vertraut, und er konnte sie noch immer in seinem Kopf widerhallen hören, spät in der Nacht, wenn das Meer ruhig war und die Wellen sanft an die Küste unterhalb des Pfarrhauses schlugen.

„… denn ich habe gesündigt. Es ist ein Jahr her, dass ich das letzte Mal gebeichtet habe.“

Für einen Moment konnte er nicht glauben, dass sie es wirklich war, aber ihr Duft war unverkennbar, eine berauschende Mischung aus Lavendel und Sciacchetrà, dem örtlichen Wein aus getrockneten Trauben.

„Möge der Herr in deinem Herzen sein, damit du eine gute Beichte ablegst.“

„Ich habe etwas Schreckliches getan, Marco … Das wollte ich nicht. Du musst mir glauben.“

Durch die fast blickdichte Trennwand zwischen ihnen konnte er nur die Umrisse ihres Kopfes sehen, aber seine Erinnerung malte sich die wallenden Locken ihres dunklen Haares und die rosige Farbe ihrer vollen Lippen aus – so wie sie ausgesehen hatte, als sie vor vier Jahren aus Monterosso al Mare weggezogen und nie wieder zurückgekehrt war.

„Ich habe versucht, vom Fischfang zu leben. Aber die Japaner haben den ganzen Thunfisch weggefischt.“

Marco konnte sich vorstellen, wie sie mit ihren sanften Händen gestikulierte und sah förmlich das Flehen in ihren braunen Augen.

„Ich muss meine Familie ernähren. Das musst du verstehen.“

„Was ist passiert, Elena?“

Ihr Atem ging stoßweise, die Kniebank rutschte über den verzogenen Holzboden und sie trat hinter der Trennwand hervor und setzte sich auf den Stuhl weniger als einen Meter vor ihm – nichts stand zwischen ihnen als die warme Luft und das heilige Gelübde, das er abgelegt hatte. Trotz des schummrigen und wenig schmeichelhaften Lichts im Beichtstuhl hatte ihr schwarzes Haar nichts von seinem Glanz verloren, und ihre Augen leuchteten so hell wie immer.

„Erinnerst du dich an den Mann, von dem ich dir erzählt habe?“

„Antonio?“

„Ja, genau.“

Antonio war Mitglied der 'Ndrangheta, des kalabrischen Verbrechersyndikats, das sich über ganz Ligurien und Norditalien ausgebreitet hatte. Marco hatte sein Bestes getan, um Elena von Antonio fernzuhalten; der Mafioso hatte sich viel zu sehr für sie interessiert; mehr – so fürchtete er – wegen ihrer schlanken Figur als weil er ihr Boot brauchte. Er war eifersüchtig auf Antonio gewesen – und auf jeden anderen Mann, der ihre olivfarbene, von der Mittelmeersonne perfekt gebräunte Haut bewundern konnte, ohne auf einen weißen Stehkragen Rücksicht nehmen zu müssen.

„Ich dachte, ich hätte dir gesagt, du sollst dich besser von ihm fernhalten.“

„Das hast du, aber ich habe nicht darauf gehört. Ich dachte, du wärst nur eifersüchtig.“

„Ich war eifersüchtig.“ Eine Brise kam auf und trug den Geruch von salziger Luft und Weihrauch mit sich. „Ist Eifersucht nicht die Folge von unerwiderter Liebe?“

„Deine Liebe war nicht unerwidert. Ich habe dich genauso geliebt, wie du mich geliebt hast, vielleicht sogar mehr.“

Sein Blick wanderte von ihren hohen Wangenknochen hinunter zu der kräftigen Linie ihres Kiefers und dann noch weiter zum tiefen Ausschnitt ihrer schwarzen Bluse.

„Warum bist du dann gegangen?“

„Weil klar war, dass du Gott immer mehr lieben würdest als mich. Und ich war es leid, dich mit ihm zu teilen.“

Von oben ertönten Flügelschläge; die Taube, die unter dem Dachvorsprung der Kirche nistete, war in ihr Nest zurückgekehrt und ihre Jungen begrüßten sie mit lautem Gezwitscher.

„Ich dachte, die Dinge würden sich ändern – dass du nur mehr Zeit bräuchtest, um zu erkennen, wie glücklich wir zusammen sein könnten. Aber aus den Wochen wurden Monate, und aus den Monaten wurden Jahre, und trotzdem hast du dich für Gott und nicht für mich entschieden.“

„Was hätte ich tun sollen?“

Das Zwitschern der Vogeljungen erreichte seinen Höhepunkt und erfüllte den Beichtstuhl mit einem schrillen Geschrei.

„Du hättest den Priesterstand verlassen sollen. Mich statt Gott wählen.“

„Das könnte ich niemals tun, Elena.“

„Nein, verdammt, das könntest du nicht!“

Sie lehnte sich noch weiter herüber und der Ausschnitt ihrer Bluse rutschte noch tiefer.

„Und deshalb schläfst du immer noch jede Nacht allein. Du hast mir immer gesagt, wie sehr du die langen, einsamen Nächte hasst.“

Sie schob den Stuhl nach vorn und ihr Fuß stieß gegen seinen. Der Geruch von Lavendel wurde immer stärker, und eine vertraute Enge erfasste seine Brust.

„Deshalb bin ich weggegangen. Ich bin eine nachtragende Frau. Ich bin gegangen, bevor mein Groll in Bitterkeit und Hass umschlagen konnte.“

„Groll gegen wen? Gegen mich oder Gott?“

„Gegen euch beide.“

Die Taube flog davon und das Gezwitscher verstummte. Marco hörte nur noch den schnellen Rhythmus ihres Atems und das wilde Trommeln seines Herzens.

„Was wollte Antonio?“

„Er kam vor ein paar Wochen zu mir und fragte, ob ich ein paar Flüchtlinge abholen wollte. Er sagte mir, sie wären auf der Suche nach Arbeit. Ich wollte das nicht, Marco, aber es war entweder das oder ich hätte mein Boot verloren.“

Sie hielt inne und wartete darauf, dass er etwas sagen würde, aber er antwortete nicht.

„Ich habe sie nachts getroffen, im Ligurischen Meer, nördlich von Korsika. Es waren sechzehn Männer, und ich wusste sofort, dass sie keine Flüchtlinge waren. Ich wollte auf der Stelle aus dem Geschäft aussteigen, aber er hat mir gedroht.“

„Wer hat dich bedroht? Antonio?“

„Nein, einer der Männer, die ich abgeholt habe. Sein Name war Mohammed. Er sagte, er würde Francesca und Gianna töten, wenn ich nicht täte, was sie verlangen.“

Gianna war die Tochter von Elena, ein schlaksiges Mädchen mit dem dunklen Teint ihrer Mutter. Francesca war Elenas jüngere Schwester.

„Woher kannte er ihre Namen?“

„Zwei von ihnen waren schon aufs Festland gekommen und folgten mir tagelang auf Schritt und Tritt. Als wir am vereinbarten Treffpunkt anlegten, warteten Gianna und Francesca schon auf uns … Gianna war gefesselt und geknebelt, und Francesca war geschlagen worden.“

Elena verstummte für einen Moment und schluchzte leise in ihre gefalteten Hände. Er verspürte einen starken Impuls, seine Arme um sie zu legen.

„Wann war das?“

„Vor einer Woche. Ich muss den Rest von ihnen heute Nacht abholen.“

„Du musst sofort zur Polizei gehen.“

„Ich kann nicht. Sie halten meine Tochter und meine Schwester gefangen. Zwei der Männer haben in der letzten Woche in meinem Haus gewohnt. Mohammed sagte, er würde meine Familie und mich töten, wenn ich es irgendjemandem erzähle.“

„Geh jetzt zur Polizei, Elena!“

Es kam keine Antwort, nur das Knarren des Stuhls.

„Sie folgen mir. Meine Familie wäre tot, bevor ich die Polizeiwache erreiche.“

„Hör mir zu. Ich möchte dir vergeben. Ich werde dir vergeben. Ich weiß, dass es dir leidtut. Aber diese Männer sind gefährlich.“

„Ich weiß, dass sie gefährlich sind, er hat Francesca mit seinem Messer verletzt, um mir Angst zu machen.“

Marco konnte sehen, wie sie zitterte, und auf einmal schämte er sich. Elena war zu ihm gekommen, um die Absolution zu erhalten, nicht um sich einer Inquisition zu stellen. Aber es standen Leben auf dem Spiel, und es war seine Pflicht, sie zu überzeugen, Hilfe zu holen.

„Du musst zur Polizei gehen.“

„Du musst mir vergeben, Marco.“

Die Wellen schlugen gegen das felsige Fundament der Kirche, und durch die offenen Fenster drang fernes Gelächter.

„Ich werde dir vergeben, aber du musst sofort zur Polizei gehen.“

„Er wird meine Tochter töten. Gianna ist unschuldig.“

„Elena …“

„Ich werde es nicht tun, Marco.“

Die ruhige Überzeugung in ihrer Stimme erinnerte ihn an ihre innere Stärke, an den unbändigen Willen, den sie aufgebracht hatte, um ihre Tochter allein großzuziehen, um eine weibliche Kapitänin eines Fischerboots in einer von Männern dominierten Branche zu sein. Wie sehr hatte er sich zu dieser Stärke hingezogen gefühlt, hatte sich daran bedient, wenn sie zusammen waren, und sie aufgesaugt wie ein Schwamm das Wasser.

„Herr Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, einer Sünderin.“

Marco nickte und atmete langsam aus.

„Diese und alle anderen Sünden meines vergangenen Lebens bereue ich aufrichtig. Herr, mein Gott, ich bereue von Herzen, dass ich dich beleidigt habe, und ich verabscheue alle meine Sünden wegen deiner gerechten Strafen …“

Elena beendete den Bußakt, als das Gezwitscher der Taubenjungen wieder lauter einsetzte. Marco hob seine rechte Hand mit dem Rosenkranz aus Elfenbein. Seine Mutter hatte ihn ihm an dem Tag geschenkt, an dem er das Collegium Canisianum, das Jesuitenseminar in Innsbruck in Österreich, abgeschlossen hatte. Er hatte seinen Glauben von seiner Mutter geerbt – seinen Glauben, sein schmales Gesicht und seine hellblauen Augen.

„… und so spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

***

Marco verließ die Kirche durch die Seitentür, überquerte den schmalen, mit Bougainvillea und Topf-Tomaten bewachsenen Innenhof und betrat das Pfarrhaus. Signora Grecci, die ältere Dame, die seine Haushälterin war, hatte eine Kasserolle mit gefüllten Paprikaschoten auf dem Herd warm gestellt. Auf dem Küchentisch tropfte Kondenswasser an einem Krug mit eisgekühlter Sangria herunter. Er stieg über uralte Steinstufen in den Keller hinab und öffnete das kleine Abteil, in dem sich seine wenigen persönlichen Gegenstände befanden. Drei Pappkartons lagen in einer feuchten Ecke, und er trug den größten davon die Treppe hinauf.

Er zog sich in sein spartanisches Arbeitszimmer mit Blick auf das Ligurische Meer zurück und stellte den Karton mit seiner Ausrüstung zum Harpunenfischen auf den hölzernen Schreibtisch. Obenauf lag ein abgenutzter Neoprenanzug, noch feucht von seinem letzten Tauchgang. Er nahm ihn heraus, faltete ihn zusammen und legte ihn auf eine Seite des Schreibtischs. Als nächstes legte er ein Paar Schwimmflossen, ein Geschenk seines Tauchlehrers bei der Marine, neben den Anzug. Unten in der Kiste, neben der Schnorchelmaske, befanden sich sein Tauchermesser und seine Unterwasser-Taschenlampe. Er befestigte die Lampe an einer Schlaufe am Anzug und wetzte die Schneide des Messers auf einem Schleifstein, bevor er es in die Scheide am rechten Bein des Anzugs steckte.

Marco ging durch das winzige Arbeitszimmer zu dem Schrank in der Ecke neben dem Zimmer von Signora Grecci. Er öffnete die Tür und blickte prüfend auf das an der Wand befestigte Regal mit den Harpunen. Es waren insgesamt drei: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, wie er sie nach seinem Eintritt in die Kirche getauft hatte. Er entschied sich für den Heiligen Geist, weil er sich nicht erinnern konnte, damit jemals danebengeschossen zu haben. Er legte einen Titanspeer ein, dann kehrte er zu dem wackeligen Sessel hinter dem Schreibtisch zurück und nahm die Harpune in die Hand. Es war nicht die Beretta 9mm, die er während seiner Zeit bei der Marine benutzt hatte – die Waffe, die ihm und der Besatzung seines Bergungsschiffs an jenem schicksalhaften Tag vor der somalischen Küste das Leben gerettet hatte –, aber er brauchte eine Waffe, wenn er Elenas Leben retten wollte, und es war seine Absicht, Elenas Leben zu retten.

Er legte den Deckel wieder auf den Karton und brachte ihn zurück in den Keller. Auf dem Rückweg in sein Arbeitszimmer machte er einen Abstecher in die Küche, um sich ein Glas Sangria einzuschenken, dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück, die Rosenkranzperlen um die Hände gewickelt, um den Heiland um Mut zu bitten.

***

Marco feierte die Abendmesse mit einer Inbrunst, wie er sie seit seiner Priesterweihe nicht mehr erlebt hatte, und aß anschließend in der kleinen Küche des Pfarrhauses ein paar Bissen von den gefüllten Paprikaschoten. Peperoni Imbottiti war sein Lieblingsgericht, aber es war genug Knoblauch darin, um Tote zu erwecken, und er hatte keinen Appetit. Als er nach dem Abendessen in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, vertrieb er sich die Zeit mit dem Beten des Rosenkranzes, doch auch die Geschmeidigkeit der abgegriffenen Perlen konnte die Unruhe tief in seinem Innern nicht vertreiben. Er ging zum Fenster und sah zu, wie das Wasser dunkler wurde, während das Licht langsam verschwand. Schon oft hatte er dort gestanden und sich die Worte einer Predigt durch den Kopf gehen lassen, fasziniert von den leuchtenden Farben des Hafens – den rosa und orangefarbenen Gebäuden, die sich gegen den grauen Sandstein abhoben, und den blauen und gelben Ruderbooten, die den gewundenen Weg hinunter zum Wasser säumten.

Auch Elena hatte den Blick aus dem Fenster geliebt, von ihrem ersten Treffen mit Marco, als sie Gianna für den Katechismusunterricht angemeldet hatte, bis zu jenem sonnigen Nachmittag, an dem die Meeresbrise ihr Haar umspielte und an dem sie ihm gesagt hatte, dass sie gehen würde. Er hatte sie oft beobachtet, wie sie vor dem Fenster mit Blick auf die Bucht stand, wie gebannt vom Kontrast ihrer wohlgeformten Silhouette gegen den azurblauen Himmel.

Er kehrte zum Schreibtisch zurück und wickelte die Rosenkranzperlen um seine Hände – so wie es ihm seine Mutter beigebracht hatte – und betete um Kraft.

Sobald es dunkel war, bekreuzigte sich Marco und stieg zu dem felsigen Strand unterhalb des Pfarrhauses hinab. Dort war ein kleines Boot mit einem Außenbordmotor festgemacht. Er stieg ein und fuhr aufs Meer hinaus. Er fuhr leise und ohne Sicht; den kleinen Suchscheinwerfer des Bootes ließ er ausgeschaltet. Er brauchte nichts zu sehen, denn er hatte die Fahrt schon hunderte Male gemacht und konnte das Steuer anhand des Klatschens der Wellen gegen den Kiel trimmen.

Er stellte den Motor ab und lenkte das Boot mit den Rudern in eine kleine Bucht, die vom Sentiero Azzuro aus, dem Wanderweg, der die fünf Dörfer der Cinque Terre verband, nicht zu entdecken war. Er war schon oft hier gewesen, hatte sein Netz nach Sardellen ausgeworfen und dem Gekreische der Möwen gelauscht. Er machte das Boot fest, zog sich bis auf den Neoprenanzug aus und stopfte seine Kleidung und seine Harpune in eine wasserdichte Tasche. Er nahm die Tasche auf den Rücken und zog die Flossen an, sprang ins Wasser und schwamm mit kräftigen Zügen vom Ufer weg. Die Strömungen in dieser Bucht waren als gefährlich bekannt, und er wusste, dass niemand sonst hierherkommen würde, um der Hitze zu entkommen.

Er erreichte tieferes Wasser und schwamm nach Süden, parallel zur Uferlinie. Dank seiner langen Statur und eines ganzen Lebens auf dem Meer erreichte er sein Ziel in einer halben Stunde und umkreiste das Boot, um festzustellen, ob sich jemand an Bord befand. Als er sich überzeugt hatte, dass niemand dort war, hievte er sich an der Ankerkette über die Reling und sah sich um.

Die Bel Amica war genau so, wie er sie in Erinnerung hatte, ein kleiner dieselbetriebener Fischtrawler in einem erschreckend baufälligen Zustand. In dieser Gegend gab es unzählige solcher Boote, die das sterbende Mittelmeer nach den Früchten des Meeres absuchten. Er griff nach seiner Taschenlampe, stellte den Lichtkegel auf ein schwaches Leuchten ein und drehte eine schnelle Runde um das Boot. Er fand die Abstellkammer sofort, in der hinteren Ecke des Steuerhauses. Sie sollte eigentlich voller Reinigungsgeräte und Putzmittel sein, aber Marco hatte schon vermutet, dass sie leer sein würde. Er schob einen alten Wischmopp beiseite, den einzigen Gegenstand in der Kammer, und setzte sich auf den Boden. Er schloss die Tür, die durch Jahrzehnte in der Witterung verzogen war, und richtete sich auf ein langes Warten ein. Die Abstellkammer war eng und warm und roch nach Rattenurin, aber für den Moment bot sie ihm Obdach.

Er griff in seine Tasche und tastete nach seinem Rosenkranz – aber er hatte ihn in seinem Schreibtisch gelassen, wo er nichts von dem mitbekommen würde, was jetzt bevorstand. Seine Finger schlossen sich um den Plastikgriff der Harpune. Er legte sie in seinen Schoß, schloss die Augen und lauschte den Geräuschen des Meeres: dem Knarren der Ankerkette, dem dumpfen Schlagen des Rumpfes in der Dünung und dem Heulen des Windes gegen die Aufbauten. Der salzige Geruch des Meeres erinnerte ihn an seinen Vater, der Kapitän eines Zerstörers in der italienischen Marine gewesen war. Dass Marco einen anderen Weg hätte einschlagen können, war völlig undenkbar gewesen, seit sein Vater ihm im Alter von fünf Jahren ein ferngesteuertes Boot geschenkt hatte; sowohl er als auch sein älterer Bruder Claudio waren direkt nach dem Schulabschluss in Triest zur Marine gegangen.

Das dumpfe Klatschen von Rudern gegen ein Boot kündigte an, dass er Gesellschaft hatte. Er schloss seine Hand enger um die Waffe, aber das war nicht nötig, denn Elenas Stimme war nicht zu überhören, mit der sie in leisen Tönen fluchte, während sie auf dem Boot herumging, um alles für das Auslaufen vorzubereiten.

Die Motoren brummten, die Ankerkette klirrte, und die dreistündige Fahrt begann. Es war eine ruhige Nacht in Küstennähe, und die Bel Amica schaukelte sanft mit der Dünung, geführt von Elenas geübter Hand. Weiter draußen auf dem Meer wurden die nördlichen Böen der Tramontana stärker, und Marco spürte, wie sich die beiden Dieselmotoren unter ihm abmühten, die Geschwindigkeit gegen den Gegenwind zu halten. Trotz der späten Stunde war an Schlaf nicht zu denken, und so vertrieb er sich die Zeit damit, an die Männer zu denken, die sie abholen sollten – Männer, die er töten wollte, um Elenas Leben zu retten.

Kapitel 2

Korsika kam näher und kündigte sich an, indem die Tramontana nachließ und die Luft sich mit dem unverwechselbaren Duft der korsischen Macchia füllte, dem dichten Unterholz, das nach Rosmarin und Thymian roch. Das Fischerboot verlangsamte seine Fahrt und Elena ließ die Backbordschraube rückwärts drehen, um den Kurs in der Brandung zu halten. Das dumpfe Geräusch eines Landungsstegs signalisierte die Ankunft der Passagiere. Marco setzte sich auf, legte die Hand auf seine Harpune und lauschte den Rufen.

Jemand betrat das Steuerhaus und begann, sich mit Elena auf Arabisch zu unterhalten. Es kamen weitere Leute an Bord, und Marco prägte sich ihre Stimmen ein. Eine hohe, fast feminine Stimme, zwei mit kehligen Knurrlauten und eine leise mit einem unheimlichen Unterton – dies würde diejenige sein, auf die man achten musste. Marco hatte genug Stimmen gehört, ohne die dazugehörigen Sprecher zu sehen, um zu vermuten, dass der Flüsterer schon einmal getötet hatte, vielleicht sogar schon oft, und dass es ihm Spaß machen würde, erneut zu töten.

Es waren die drückende Hitze, der Geruch von Dieselabgasen und die Rufe der Männer an Bord, die die Kammer aufbrachen, in der er die Erinnerung an den Tag vor vielen Jahren vergraben hatte, als er drei Männer getötet hatte – somalische Piraten zwar, aber trotzdem Menschen, Kinder desselben Gottes, den sie alle auf die eine oder andere Weise verehrten. Insgesamt waren es acht gewesen, je drei auf beiden Seiten eines Kleinboots, das plötzlich an der Steuerbordseite der Anteo aufgetaucht war, und zwei weitere auf einem zweiten Boot an der windabgewandten Seite – ein Boot, das er in der frühen Morgendämmerung nicht hatte kommen sehen.

Er hatte an diesem Morgen Wache gehabt und war eigentlich nur um wach zu bleiben, auf dem Deck des Bergungsschiffes auf und ab gegangen. Um sie zu vertreiben, feuerte er zwei Schüsse über ihre Köpfe hinweg ab, als das Boot längsseits der Anteo kam, was aber nur ein mörderisches Gegenfeuer der Piraten auslöste, die alle mit unterschiedlichen Sturmgewehren bewaffnet waren, hauptsächlich AK-47 und AKMs. Aber er hatte seine Schussposition gut gewählt, versteckt hinter dem Ausleger des Krans, der das Tauchboot anhob, und die Kugeln waren nur an dem robusten Metall abgeprallt. Und er hätte erneut versucht, tödliche Gewalt zu vermeiden, wenn nicht einer der Piraten versucht hätte, die Anteo mit einer RPG-7 zu beschießen. Ein Trio von Kugeln in die Brust des Mannes hatte den Granatenangriff beendet; ein weiterer Mann fiel durch einen Kopfschuss, bevor das Boot davonfuhr und in der Dunkelheit verschwand, aus der es gekommen war.

So schnell war es vorbei – zumindest hatte er das gedacht und nicht bemerkt, dass ein weiteres Boot auf der Leeseite angelegt hatte. Ein Pirat war bereits an Bord, als Marco mit einer vagen Vorahnung, dass etwas nicht in Ordnung war, auf die andere Seite des Schiffs lief. Der Pirat hatte ihn zuerst entdeckt; Marco wäre nicht mehr am Leben – und würde diesen Moment nicht in tausend unruhigen Nächten immer wieder erleben –, wenn sich die AK-47 des Mannes nicht an einem herabhängenden Rohrstück verfangen hätte. Dies gab Marco in letzter Sekunde die Gelegenheit, ihn mit einem Hechtsprung auf das Deck hinunterzureißen. Der Pirat war ein kleiner Mann, sein Kopf und seine Schultern kleiner als Marcos, und drahtig dünn, aber Marco spürte bis heute seine wilde Stärke, die rohe Kraft in seinem Körper, die nicht erlosch, bis Marco sein Tauchermesser bis zum Griff in der Brust des Mannes versenkt hatte.

Die Motoren drehten auf und vertrieben die unliebsame Erinnerung. Die Schrauben wühlten im Wasser und rüttelten an den Dielen des Decks. Die Bel Amica schlug einen weiten Bogen nach Steuerbord und trat ihre Rückfahrt an. Er schaute auf das selbstleuchtende Ziffernblatt seiner Taucheruhr und stellte ein paar grobe Berechnungen an. Sie waren drei Stunden von der Küste entfernt; Elena war noch in Sicherheit. Marco vermutete, dass die Männer die Kapitänin noch nicht umbringen würden, da sie eine sichere Passage durch unbekannte Gewässer benötigten. Nein, wirklich gefährlich würde es in Ufernähe werden, möglicherweise in Sichtweite des Landepunktes.

Er verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, seine Gegner zu belauschen und ihre Position und Stärke abzuschätzen. Nach einiger Zeit konnte er die Männer am Geräusch ihrer Stiefel auf Deck und am Knurren ihrer Stimmen erkennen. Die hohe Stimme gehörte zu einem kleinen Mann namens Amad. Die beiden Knurrer waren große, schwere Männer namens Asim und Tariq, und die bedrohliche Stimme gehörte zu Karim. Es bestand kein Zweifel daran, dass Karim das Sagen hatte. Marco erkannte es an der Art, wie die anderen ihn ansprachen, und an der Angst in Elenas Stimme, wenn sie mit dem Mann sprach.

Mit der Zeit verlagerten sich die Stimmen der Männer in andere Teile des Schiffes und ließen Marco und Elena allein im Steuerhaus zurück. Die Minuten vergingen, geprägt vom Knarren des Decks und dem flauen Gefühl in seinem Magen, das mit der unaufhaltsamen Annäherung an das Ufer immer stärker wurde.

Eine Tür schwang auf, und Tariq betrat das Steuerhaus und bellte Elena einen Befehl zu. Elena sagte nichts. Er wiederholte seinen Befehl, woraufhin Elena eine Tirade auf Arabisch losließ, von der Marco ziemlich sicher war, dass sie nicht aus dem Koran stammte.

Tariq antwortete nicht und Marco schloss seine Hand fester um den Griff der Waffe; er wusste, dass die Zeit gekommen war. Es gab ein lautes Krachen und das Boot drehte sich nach Backbord. Marco hörte Schmerzensschreie aus dem Steuerhaus und Geräusche von Körpern, die sich auf dem Deck wälzten. Er sprang auf und stieß durch die Tür.

Im schummrigen Licht der Kabine sah Marco, wie Tariq über Elena kniete und versuchte, ihr ein Messer in die Brust zu rammen. Er blickte überrascht auf, als ein neuer Gegner aus dem Nichts auftauchte, und griff nach seiner Pistole, die er am Gürtel trug. Marco hob die Harpune und schoss Tariq in den Nacken – seine Glückssträhne mit dem Heiligen Geist hielt. Blut floss aus der klaffenden Wunde und färbte die Planken rot.

Füße polterten die Treppe hoch, die von der darunter liegenden Kabine nach oben führte: Karim kam seinem Kameraden zu Hilfe. Marco ergriff Tariqs Pistole und schoss dreimal auf Karim, sobald dieser über der Kabinendecke auftauchte. Karims Gewehr fiel mit einem Scheppern zu Boden, er taumelte gegen die Treppe und rutschte aus dem Blickfeld.

Elena schob Tariqs leblosen Körper zur Seite und murmelte etwas zu Marco, aber ihre Worte wurden von den wütenden Rufen, die von außerhalb des Steuerhauses kamen, und dem Ansturm weiterer Schritte übertönt. Ohne Elena wäre Marco niedergemäht worden. Sie warf sich auf ihn, sie stürzten zu Boden und fielen unter einem mörderischen Kugelhagel die Treppe hinunter. Er landete auf Karim und feuerte eine Salve in das Steuerhaus, die den Vormarsch ihrer Gegner vorerst stoppte.

Elena drückte ihm Karims Gewehr in die Hand. „Schieß weiter!“

Marco drückte den Schaft gegen seine Schulter und drückte ab. Er feuerte eine kurze Salve in die Kabine, während Elena sich an einer Platte in der Rückwand zu schaffen machte. Mit einem dumpfen Schlag riss sie diese los, sodass ein Kriechgang in das Innere des Bootes zum Vorschein kam. Sie schlüpfte mit dem Kopf voran hinein, die Arme an die Seiten gepresst. Er feuerte eine weitere Salve ab, als sie in dem Loch verschwand, wobei er nicht auf etwas Bestimmtes zielte, sondern nur versuchte, die Männer im Steuerhaus in Schach zu halten. Elena führte etwas im Schilde, irgendeinen Schachzug, und er musste ihr genug Zeit verschaffen, ihn zu spielen.

Das Magazin leerte sich schnell und er tauschte das Gewehr gegen Tariqs Pistole ein. Jedes Mal, wenn er eine Bewegung hörte, gab er einen Schuss ab. Zwischen den Schüssen drehte er Karim um und durchsuchte ihn, aber sein Holster war leer; das Einzige, was er bei sich trug, war ein gefaltetes Stück Papier in der Brusttasche seines Hemdes. Marco nahm es an sich und schob es in das wasserdichte Fach am Oberschenkel seines Neoprenanzugs.

Das Gemurmel über ihm wurde lauter, und er drückte erneut ab – nur um das hohle Klicken des Zündstiftes zu hören. Die Männer im Steuerhaus registrierten das Geräusch ebenfalls, und Marco vernahm bald darauf das Geräusch von Schritten auf Deck. Er zog sein Tauchermesser aus der Scheide, war froh, dass er es geschärft hatte, und drückte sich gegen die Wand an der Treppe – bereit, sie aus der Deckung heraus anzugreifen, sobald sie über Karim stiegen.

Zwei Schüsse explodierten über ihm, dann zwei weitere, gefolgt vom Aufprall von Körpern auf dem Boden. Er stieß sich von der Wand ab und stieg hinauf ins Steuerhaus. Elena stand am Steuer. Hätten nicht genug Leichen auf dem Boden gelegen, dass man damit eine kleine Leichenhalle füllen konnte, hätte er sich vielleicht einreden können, dass die ganze Sache nie passiert war.

„Hallo Marco.“

„Hallo Elena.“

Er trat vor und stellte sich dicht neben Elena. Sie wich nicht zurück, als sein Arm den ihren berührte. Die Dunkelheit füllte die Windschutzscheibe aus, nur ab und zu kam ein Strahl des Mondlichts durch, der sich auf einer Welle spiegelte. Der Geruch von Dieselabgasen und Blut lag in der Luft.

„Wohin fahren wir, Elena?“

„Riomaggiore. Mohammed und ein anderer Mann halten Gianna und Francesca dort in meinem Haus fest.“

„Du bist nach Riomaggiore gezogen?“

Riomaggiore schmiegte sich an die Hänge oberhalb einer felsigen Bucht am südlichsten Ende der Cinque Terre, kaum mehr als fünfzehn Kilometer – aber wegen der kurvenreichen und steilen Straßen mehr als eine Stunde Fahrt – von Marcos Pfarrhaus in Monterosso entfernt.

„Was dachtest du, wo ich hingegangen bin?“

Marco sagte nichts, was nicht bedeutete, dass er nicht viel darüber nachgedacht hatte; manchmal war Elenas Aufenthaltsort das Einzige gewesen, was ihn beschäftigte – das und das unverwechselbare Gefühl von ihr, weich und warm, ein Gefühl, das immer noch stärker in seinen Fingern kribbelte, als er zugeben wollte.

„Wohin solltest du diese Männer bringen?“

„Zum Castello di Giordano. Erinnerst du dich an unsere gemeinsame Zeit dort?“

Er würde das Castello di Giordano nie vergessen. Es handelte sich um eine große mittelalterliche Burg, die auf einer zerklüfteten Insel vor der Küste bei Fegina erbaut wurde. Er hatte sich dort jedes Jahr in der Woche nach Ostern zu Exerzitien eingefunden und in Einsamkeit die Pfade beschritten, bis die Diözese das Gelände vor drei Jahren aus Kostengründen verpachtet hatte.

„Natürlich erinnere ich mich.“

Seine letzte Woche dort war eine denkwürdige Woche gewesen. Die anderen Teilnehmer hatten in letzter Minute abgesagt, sodass Marco allein auf der Insel war – bis Elena Mitte der Woche unter dem Vorwand auftauchte, sie müsse Vorräte liefern.

„Ich sollte sie auf dem Steg unter den Unterkünften der Bediensteten abladen.“

Die Unterkünfte der Bediensteten befanden sich auf einer felsigen Klippe auf der Rückseite der Insel. Sie waren Marco schon als Novize zugeteilt worden und er kannte sie gut. Auf dem großen Himmelbett liegend, das das Schlafzimmer mit Blick auf das Ligurische Meer beherrschte, hatte er in einer sternenklaren Aprilnacht vor vier Jahren einen Blick auf die Feuer von Gehenna geworfen – und hatte kein Interesse, dorthin zurückzukehren.

„Denkst du manchmal an diese Nacht, Marco?“

Es gab Zeiten, meist spät in der Nacht, wenn er nicht schlafen konnte, in denen er an nichts anderes dachte. Er konnte immer noch ihre nackte Gestalt sehen, die sich gegen das vom Himmel herabfallende Sternenlicht abzeichnete. Er würde sie nie wieder aus seiner Erinnerung verbannen können. Die Wärme ihrer nackten Haut auf der seinen ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, und der süße Duft von Lavendel quälte ihn bis heute. In dieser Nacht hatte er sein Zölibatsgelübde gebrochen, und obwohl er es nie wieder gebrochen hatte – sehr zum Ärger von Elena –, blieb es gebrochen, in tausend Scherben auf dem Boden liegend wie eine teure Vase, die vom Tisch gefallen war.

„Ich denke ständig daran.“

Die Dieselmotoren dröhnten und der Rumpf knarrte, als die Bel Amica durch eine weitere mittelgroße Welle pflügte.

„Hast du wirklich geglaubt, du könntest uns beide haben? Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht mehr wollte als die trostlose Zukunft, die du mir bieten konntest?“

„Ja, das kam mir durchaus in den Sinn.“

„Und doch hast du mich von jedem Mann ferngehalten, der auch nur in meine Richtung geschaut hat, damit du mich ganz für dich allein haben konntest.“

„Ich habe versucht, dich zu beschützen.“

„Zu beschützen vor was? Einer echten Beziehung? Intimität? Glücklich sein? Was war es?“

Wenn er in hundert schlaflosen, dunklen Nächten wach lag, hatte sich Marco genau diese Frage gestellt. Die Antwort war immer die gleiche gewesen. Er hatte versucht, Elena vor sich selbst zu beschützen, vor ihrer Neigung zu schlechten Entscheidungen und Selbstzerstörung. Oder vielleicht hatte er sich das auch nur eingeredet, als kümmerlicher Versuch, sein Verhalten zu rechtfertigen, das eines Priesters unwürdig war.

„Ich war egoistisch. Es tut mir leid, Elena.“

Elena quittierte seine Entschuldigung, indem sie den Gashebel nach vorne schob; der Motor reagierte mit einem heiseren Aufheulen. La Spezia leuchtete am Horizont auf, ein Lichtfleck auf der Steuerbordseite der Windschutzscheibe, und sie passte den Kurs an, indem sie das Steuerrad mit der Geschicklichkeit von tausend früheren Fahrten nach Backbord drehte.

„Du hast verdammt recht, du warst egoistisch. Du bist derjenige, der das Gelübde abgelegt hat, nicht ich.“

Er hob den Heiligen Geist vom Boden auf, kroch zu Tariq hinüber, der auf dem Deck lag, und zog den Speer heraus. Die Spitze war mit Blutgerinnseln und Fettklümpchen bedeckt. Er wischte den Speer an Tariqs Kleidung ab und schob die Lider über seine Augen, während er ein Gebet sprach. Er wiederholte die Prozedur für jeden der getöteten Männer und sprach noch ein Gebet für die Familie jedes Mannes.

Das Boot krachte durch eine weitere Welle, als er wieder zu Elena ans Steuer zurückkehrte. „Ich wollte nur jemanden, mit dem ich mein Leben teilen kann, Marco. War das zu viel verlangt?“

„Von mir war es zu viel verlangt.“

Er kniete nieder und untersuchte die toten Männer. Er ignorierte ihre Wunden – Elena hatte beiden in den Rücken geschossen und ihnen damit jeweils zwei Löcher in die Brust gerissen – und nahm ihnen ein Paar schallgedämpfter Pistolen ab.

„Wer sind diese Männer?“

„Ich weiß es nicht. Ich schwöre dir, ich habe keine Ahnung.“

Marco reichte Elena eine der Pistolen. „Seit wann kannst du so gut mit einer Waffe umgehen?“

Sie steckte sie sich in den Rücken, ohne den Blick von der Windschutzscheibe zu nehmen. „Seit Mohammed Gianna ein Messer an die Kehle gehalten und gedroht hat, sie zu töten. Genau seitdem!"

Die Bel Amica pflügte durch einen weiteren Brecher, und die Küste starrte sie mit schwachen, gelben Augen an. Elena drosselte die Motoren und drehte das Steuerrad hart nach Backbord. „Wir befinden uns jetzt südlich von La Spezia. Riomaggiore liegt gleich nordwestlich von hier.“

Marco nickte. Als Sohn eines Schiffskapitäns hatte er einen Großteil seiner Zeit auf See verbracht und kannte die Navigation so gut wie die Psalmen – vielleicht sogar besser. Als sie sich Riomaggiore näherten, drosselte Elena die Motoren und schaltete alle Lichter aus. Die Zirruswolken waren nun deutlich dichter, und das spärliche Licht der Mondsichel schien nur schwach zu ihnen durch. Es war ein kleines Wunder, dass sie das Boot unter diesen Umständen steuern konnte. Sie stießen durch eine weitere Welle, und ein funkelnder Gischtvorhang schoss hoch in die Luft.

„Ich möchte, dass du weißt, dass es mir auch leidtut, Marco.“

„Was tut dir leid?“

„Die Art und Weise, wie alles gelaufen ist. Ich war eine alleinerziehende Mutter ohne Aussicht auf einen Job oder etwas anderes. Ich brauchte jemanden. Und du warst für mich da, ohne mich zu verurteilen oder auf mich herabzublicken, und ich habe mich für deine Freundlichkeit revanchiert, indem ich zur Tür hinausging und nie wiederkam.“

„Warum bist du zurückgekommen?“

„Ich wusste nicht, was ich tun sollte … Ich hatte so viel Mist gebaut.“

Sie hörte auf zu sprechen und schaltete die Scheibenwischer ein, um die Scheibe von der Gischt zu befreien, die der Wind dagegen warf.

„Ich konnte sie nicht einfach Gianna töten lassen. Ich wusste, dass du weißt, was zu tun ist, das hast du immer getan.“

Sie hatte immer zu viel Vertrauen in ihn gesetzt. Was wäre, wenn er dieses Mal nichts von ihr hätte wissen wollen? Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie allein oder tot war. Das war schon immer sein Problem gewesen.

„Du wusstest, dass ich an Bord bin, nicht wahr?“

Sie nickte, ohne zur Seite zu schauen.

„Woher wusstest du es?“

„Sieh dir die Unterseite der Tür zur Abstellkammer an.“

Marco bückte sich und untersuchte die Tür mit seiner Taschenlampe. Ganz unten am Rahmen hatte Elena eine Strähne ihres Haares – die nun in zwei Teile zerrissen war – über den Spalt zwischen Tür und Rahmen geklebt.

„Ich habe dich benutzt, Marco, aber es gab keine andere Möglichkeit, Gianna zu retten.“

„Wir haben sie noch nicht gerettet.“

„Zumindest hat sie nun eine Chance. Sie ist doch nur ein kleines Mädchen. Sie sollte nicht für die Fehler ihrer Mutter sterben müssen.“

Vor ihnen erschien dunkel und bedrohlich die Silhouette der Küstenlinie. Er wusste, dass es an der Zeit war, zu seinen eigenen Fehlern zu stehen, bevor die Zeit seine Verzweiflung wegspülte und er sie mit ins Grab nahm. „Ich möchte, dass du etwas weißt, Elena. Als du in mein Leben getreten bist, hatte ich mit allem zu kämpfen: mit meinem Priesteramt, mit meinem Lebensglück, sogar mit meinem Glauben. Du hast all das für mich geändert. Vielleicht sollte es für einen Priester nicht so sein, aber für mich war es so. Du hast es vielleicht nicht gemerkt, aber ich habe dich genauso gebraucht wie du mich.“

Elena drosselte die Motoren auf ein dumpfes Grollen und die Bel Amica verlor an Fahrt. „Das hätte ich gerne vor vier Jahren gehört. Warum sagst du mir das jetzt?“

Sie drehte das Steuerrad nach rechts und fuhr die Motoren gerade so weit hoch, dass sie in der rauen See steuern konnte. Vor der Windschutzscheibe erschienen die Umrisse von Riomaggiore, schemenhaft und vage.

„Ich hätte dir das schon lange sagen sollen, aber ich habe es nicht getan – warum auch immer. Ich wollte nur, dass du es weißt.“

Sie streckte die Hand aus und zog ihn an sich, und sie standen eng umschlungen in dem abgedunkelten Steuerhaus. Für einen Moment vergaß Marco die toten Männer zu seinen Füßen und das schreckliche Schicksal, das sie erwartete, und genoss die Wärme ihres Körpers und wie ihr Haar über seinen Nacken strich.

Schon bald würde alles wieder zurückkommen – der Geruch von abgefeuerten Waffen, das fließende Blut und die Geräusche von Männern, die um ihre letzten Atemzüge rangen –, aber in diesem Moment drückte Marco sie einfach nur fest an sich und betete, dass die Zeit stehen bleiben möge – ein Gebet, von dem er wusste, dass es nie erhört werden würde.

Kapitel 3

Es war kurz vor drei Uhr morgens, als sie sich dem Hafen näherten. Elena schaltete den Motor ab, die Bel Amica wurde langsamer und trieb in die kleine Bucht, die auf beiden Seiten von einer steinernen Mole begrenzt wurde. Sie glitt an einer großen Ansammlung blau-weißer Ruderboote und einem Paar schlanker Boote mit riesigen Außenbordmotoren vorbei, und kam wenige Meter vor dem Ufer zum Stehen. Marco warf den Anker aus, und Elena sprang aus dem Boot und watete mit der Pistole über dem Kopf ans Ufer. Sie huschte den Kai hinunter, während Marco sein Tempo verdoppelte, um sie einzuholen. Sie kamen zu dem alten Hafenplatz, der zu dieser Stunde noch leer war. Ihr Weg führte an dem Café vorbei, in dem Marco einst mit Padre DiPietro, einem älteren Priester aus La Spezia, der zu Marcos Mentor bestimmt worden war, einen caffè latte getrunken hatte. Sie begannen den Hügel am oberen Ende des Platzes hinaufzulaufen, vorbei an dem Eisstand, der für sein gelato limone bekannt war.

Sie rannten die kopfsteingepflasterte Straße hinauf, die Dunkelheit erfüllt vom Widerhall ihrer Schritte. Am oberen Ende der Gasse bog Elena nach links in die Via Gasperi ein, und sie liefen weiter, nur durch die steile Steigung etwas gebremst. So weit oben am Hang gab es weniger Häuser, nur vereinzelte Gebäude. Sie waren größer als die darunter liegenden, aber mit der gleichen rechteckigen Form, aus den gleichen Lehmziegeln gebaut und mit den gleichen leuchtenden Farben. Von ihrem letzten Gespräch auf dem Boot wusste Marco, dass Elenas Haus in einer kleinen Seitenstraße lag, die vom oberen Ende der Via Gasperi den steilen Hügel hinauf abbog. Sie erreichten das obere Ende des Kopfsteinpflasters und kamen zum Ausgang von Elenas Straße, einer schmalen Schottergasse, die von großen Mülltonnen gesäumt war, deren übelriechender Inhalt die Luft mit dem Gestank von verfaultem Gemüse, sauer gewordener Sahne und altem Kaffeesatz verpestete. Als sie die Müllparade hinter sich gelassen hatten, blieb Elena stehen, um Atem zu holen, und sank auf die Knie, um keuchend Luft in ihre Lungen zu saugen.

Nachdem sich ihr Atem beruhigt hatte, gingen sie die Straße hinauf und hielten sich dicht an der Mauer, die auf der rechten Seite der Straße verlief. Es gab keine Straßenlaternen, und eine Schicht dünner Zirruswolken verdeckte den Halbmond, der nur ein spärliches Licht ausstrahlte. Elena blieb hinter einem alten Fiat stehen, der am Straßenrand geparkt war, und kniete sich in dessen Schatten. Sie zeigte geradeaus auf die schemenhafte Silhouette eines kleinen Hauses, das in den steilen Hang gebaut war. Im Erdgeschoss brannte ein einzelnes Licht, der Rest des Hauses war dunkel, was bei den Strompreisen in den Cinque Terre nicht verwunderlich war.

„Das ist Francescas Zimmer, in dem das Licht an ist.“

Marco nickte, während sich ein inzwischen nur allzu vertrautes, beklemmendes Gefühl in seiner Brust breitmachte.

„Ich gehe nach oben und außen herum und vom dritten Stock aus ins Haus rein.“ Elena deutete auf ein paar schmale Treppenstufen, die durch eine Lücke in der hohen Mauer zu ihrer Rechten führten. „Dieser Weg führt zur nächsthöheren Straße, die im Kreis verläuft und hinter meinem Haus vorbeiführt. Von dort aus habe ich Zugang zum dritten Stock. Gib mir fünf Minuten und komm dann durch die Vordertür herein.“

Sie griff in die Tasche ihrer Jeans, holte einen einzelnen Schlüssel hervor und reichte ihn Marco. „Das Türschloss klemmt etwas … Man muss an der Tür ziehen, während man den Schlüssel dreht.“

Sie sahen sich im fahlen Mondlicht an. Ihre braunen Augen waren ängstlich, aber entschlossen, und ihre vollen Lippen, die nach reifen Erdbeeren schmeckten, waren zu einer Linie zusammengepresst.

„Fünf Minuten. Okay?“

Er stellte die Zeit auf seiner Taucheruhr ein, die in der Dunkelheit schwach leuchtete. „Ja, alles klar.“

Sie beugte sich vor, gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange und verschwand aus seinem Blickfeld. Er kniete sich hin, beobachtete den unaufhaltsamen Lauf des Sekundenzeigers auf seiner Uhr und dachte an die Menschen, die in dem Haus warteten, an die Menschen, die er töten wollte. Er dachte an den Heiligen Geist – die Harpune, nicht die dritte Person der Heiligen Dreifaltigkeit – und wünschte sich, er hätte ihn mitgebracht. Aber das hatte er nicht, und so musste er sich mit der Pistole begnügen, die zwar nicht so vertraut war wie der Heilige Geist, aber um einiges praktischer. Er nahm das Magazin heraus, vergewisserte sich, dass noch genügend 9-mm-Munition darin war, und ließ es wieder einrasten. Da er dies schon einige Male auf dem Schiff getan hatte, war es eher etwas, um die Zeit zu überbrücken; dies, und um nicht über die vergangene Stunde seines Lebens und die nächste Stunde nachdenken zu müssen: die vergangene Stunde, die vom lauten Knallen vieler Schüsse und den Schreien sterbender Männer erfüllt war, und die nächste Stunde, die noch mehr davon zu bringen drohte.

***

Elena öffnete das Tor, das auf die Straße hinausführte, und schloss es leise wieder, wobei sie die Stelle vermied, an der die Unterseite des Metalltores geräuschvoll auf dem Stein schabte. Voller Anspannung lief sie die Straße hinauf. Sie wollte nur ihre Tochter in ihrem Bett schlafen sehen und ihrem gleichmäßigen Atmen zuhören. Sie hatte in ihrem Leben viele schlechte Entscheidungen getroffen, und sie hatte große Angst, dass ihre Tochter und ihre Schwester den Preis dafür zahlen würden. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, sich für die Person zu schämen, die sie geworden war, aber sie verstand in diesem Moment, wie sich Scham anfühlte, als die Brise durch die vernachlässigten Weinberge über ihr wehte und die Wellen gegen die Felsen unter ihr brausten.

Sie blieb vor einem behelfsmäßigen Steg zwischen der Straße und einer kleinen Dachveranda stehen und ging dann hinüber. Sie nahm die Pistole heraus, entsicherte sie, steckte sie in ihren Hosenbund und trat ein. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und ging auf Zehenspitzen die runde Treppe hinunter, die vom Treppenabsatz abging.

Die Tür zum Zimmer ihrer Tochter war angelehnt; sie stieß sie vorsichtig auf und ging hinein. Selbst in der Dunkelheit wusste sie sofort, dass Gianna nicht da war; es roch nicht nach dem Lavendel-Shampoo, mit dem sich ihre Tochter die Haare wusch, und sie hörte auch nicht, wie sich ihre kleine Brust hob und senkte.

Aber sie geriet noch nicht in Panik. Ihre Schwester schlief im Schlafzimmer im Erdgeschoss, und Gianna schlief normalerweise bei ihr, wenn Elena auf See war. Sie zog die Pistole aus ihrem Gürtel und tastete sich langsam voran, die Haupttreppe hinunter. Wie oft hatte sie diesen Weg schon genommen, nachdem sie im Dunkeln von der Arbeit nach Hause gekommen war, und hatte sich nach ihrem Gefühl bewegt, um ihre schlafende Familie nicht zu wecken.

Das Wohnzimmer war leer. Sie wollte gerade zum Schlafzimmer gehen, als das leichte Quietschen eines Stuhls auf den Küchenfliesen sie innehalten ließ. Vielleicht saß ihre Schwester in der Küche und wartete darauf, dass sie sicher nach Hause kam. Sie betrat die Küche, den Arm hinter dem Rücken, um der Person dort keine Angst einzujagen. Sie hätte sich keine Gedanken machen müssen. Ihre Tochter, geknebelt und an einen Küchenstuhl gefesselt, konnte unmöglich noch mehr Angst haben, als sie ohnehin schon hatte. Ihre braunen Augen waren vor Schreck geweitet, und ein hässlicher Bluterguss bedeckte ihre rechte Schläfe.

Etwas Hartes krachte gegen Elenas Kopf und sie sackte auf ihre Knie. Sie versuchte aufzustehen, aber sie spürte einen stechenden Schmerz in den Rippen und rang nach Luft. Eine starke Hand entriss ihr die Waffe und drückte sie gegen die Wand.

„Mohammed hat dich gewarnt, Elena“, sagte ein Mann mit einer Stimme voller Bosheit. „Aber du hast nicht auf ihn gehört.“

Er ging zum Küchentisch hinüber und setzte sich hinter Gianna. Er holte ein Messer hervor und hielt es ihr an den Hals. Die Klinge ritzte ihre Haut auf, und etwas Blut sickerte herunter, das purpurne Flecken auf ihrer weißen Bluse hinterließ.

„Er ist nicht die Art von Mann, die man ignorieren sollte.“

Elena wollte aufstehen, aber er hob seine Waffe, und sie sank zurück an die Wand.

„Ich habe nur sehr wenig Zeit, also werde ich mich kurzfassen. Ich gebe dir zwei Minuten Zeit, mir zu erzählen, was passiert ist. Wenn du die Wahrheit sagst, werde ich dich töten und deine Tochter verschonen.“

Er fuhr mit den Fingern durch das dunkle Haar ihrer Tochter. „Wenn du dich weigerst, werde ich ihren Hals immer weiter aufschneiden, bis du redest.“

Um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, setzte er das Messer wieder an Giannas Hals an und drückte fester zu, sodass aus den einzelnen Blutstropfen an ihrem Hals ein dünnes Rinnsal wurde.

***

Der Wind vom Meer wehte für diese Jahreszeit ungewöhnlich stark, fast wie im Dezember. Die Folge war, dass die Brecher mit ungewöhnlicher Heftigkeit gegen die Felsen krachten und einen Lärm verursachten, der laut genug war, um das stakkatoartige Hämmern seines Herzens zu übertönen, während Marco zusah, wie die letzten Sekunden verstrichen. Als die Zeit gekommen war, entsicherte er seine Waffe und lief an der Mauer entlang bis zum Haus. Tief gebückt bahnte er sich seinen Weg an der Hausfront entlang, vorbei an den Fenstern, die auf die menschenleere Straße und das darunter liegende Dorf und das Meer hinausgingen. Als er das letzte Fenster passiert hatte, richtete er sich auf und holte den Schlüssel aus seiner Tasche. Bevor er den Schlüssel ins Schloss steckte, legte er sein Ohr an die Tür und lauschte, aber die Tür war massiv, und er konnte dahinter rein gar nichts hören.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss und zog an der Klinke, während er den Schlüssel drehte. Der Türriegel löste sich und er öffnete die Tür so weit, dass er hindurchgehen konnte. Elenas Stimme drang aus der Küche zu seiner Linken. Er versuchte, die Worte auszumachen, aber selbst wenn sie Italienisch gesprochen hätte – was sie nicht tat –, hätte ihr hastiger Tonfall seine Bemühungen zunichte gemacht. Aber er brauchte die Worte nicht zu verstehen, um zu begreifen, was geschehen war: Sie war gefangen genommen worden, und nun versuchte sie, das Geräusch seines Eindringens mit einem atemlosen Monolog zu überspielen. Er schlüpfte durch die offene Tür und glitt über den Holzfußboden in Richtung Küche. Elenas angstvolle Stimme war deutlich zu hören, als Marco ins Wohnzimmer kam. Er ging noch ein Stück weiter hinein, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen. Er machte zwei Schritte und blieb stehen; im schwachen Licht einer kleinen Lampe sah er genau das, was er befürchtet hatte.

Elenas Tochter war an einen Küchenstuhl gefesselt. Ein Knebel verdeckte ihr blasses Gesicht und ihre Augen waren weit aufgerissen vor Angst. Ein Mann stand hinter ihr und hielt ihr ein Messer an die Kehle. Aus einer Wunde an ihrem Hals sickerte Blut. Marco wich schnell zurück, damit der Mann ihn nicht sah, aber dessen Blick war geradeaus auf die andere Seite der Küche gerichtet, wahrscheinlich auf Elena, die sich außerhalb seines Sichtfeldes befand. Elena hatte gesagt, dass zwei Männer hier waren, aber weder der andere Mann noch Francesca waren irgendwo zu sehen. Er schaute in alle Richtungen und suchte das Innere des Hauses ab, konnte aber niemanden sehen.

Die Sekunden verrannen und er fühlte sich zunehmend gelähmt. Er musste handeln, aber er konnte es nicht. Die Unfähigkeit, sich zu bewegen, drückte ihn förmlich gegen die Wand. Auf der anderen Seite waren zwei Menschen, deren Leben von ihm abhing – und sie würden alle sterben, wenn er nichts unternahm. Er schloss die Augen und versuchte, irgendetwas heraufzubeschwören, das ihn losriss – aber alles, was er sehen konnte, war die leblose Gestalt von Karim, der auf dem Boden der Bel Amica lag und dem aus mehreren Schusswunden Blut sickerte.

***

Basim sah zu, wie die Sekunden auf dem silbernen Zifferblatt seiner Uhr herunterliefen. Elena sprach immer noch und faselte in klarem, gradlinigem Arabisch von einem Priester, der angeblich Karim, Tariq und die anderen getötet hatte. Er konnte nicht glauben, dass die Frau nicht die Wahrheit sagte; aber vielleicht war ihr klar, dass er sie beide sowieso töten würde.

„Du hast zehn Sekunden, Elena. Sag mir jetzt die Wahrheit oder verabschiede dich von deiner Tochter.“

„Ich sage die Wahrheit.“

Die Überzeugung in ihrer Stimme beunruhigte ihn und er fragte sich, ob sie vielleicht doch die Wahrheit sagte. Im Laufe seiner blutigen und brutalen Karriere hatte Basim viele Geständnisse erzwungen. Als Elena ihre fantastische Geschichte zum dritten Mal wiederholte, ohne auch nur ein einziges Detail zu verändern, erinnerte er sich an ein bestimmtes Verhör. Es war in Palästina, in der kleinen Küche einer israelischen Informantin, die ihn verraten hatte. Die Frau hatte hartnäckig an ihrer Geschichte festgehalten, bis Basim vor ihren Augen ihr Kind fast erwürgt hatte – danach sprudelte die Wahrheit nur so aus ihrem Mund.

Die letzten Sekunden verstrichen, Basim steckte sein Messer weg und legte seine dicken Finger um den Hals des Mädchens. Elena starrte ihn mit einer stummen Wut an, die ihn tief in seinem Innern erregte.

„Sag mir jetzt die Wahrheit oder ich werde sie erwürgen.“

***

Auch ohne Arabisch zu sprechen, verstand Marco Basims Drohung sehr genau, sodass ihm erneut der Schweiß auf die Stirn trat. In seinen Worten lag ein Unterton, der keiner Übersetzung bedurfte. Er musste jetzt handeln.

Marco glitt über den Wohnzimmerboden, hielt die Pistole mit beiden Händen fest und stellte sich vor, wie er sich beim Tauchen zwischen zwei Felsen duckte und hervorschnellte, um auf einen vorbeiziehenden Fisch zu schießen – dann trat er um die Ecke und brachte die Waffe in Anschlag. Seine Augen suchten nach dem Ziel und ignorierten alles andere. Er sah einen Streifen brauner Haut unter einem gut gestutzten Bart und drückte ab. Er hörte das dumpfe Geräusch des Schalldämpfers und spürte den Rückstoß der Waffe in seiner schweißnassen Hand. Der Mann versuchte zu schreien, aber die Kugel durchschlug seine Luftröhre; seine Luftröhre füllte sich mit Blut und der Schrei erstarb in einem Gurgeln. Seine Hände erschlafften und glitten vom Hals des Mädchens, dann sackte er zu Boden. Er versuchte sich aufzurichten, aber Marco drückte ihn mit seinem Fuß herunter, bis er still da lag.

Elena riss an dem Knebel, der in Giannas Mund steckte. Marco schaltete das Licht ein und rannte ins Wohnzimmer, um den anderen Mann zu suchen, aber alles, was er fand, war eine Ansammlung maßgefertigter Möbel und einige teure Aquarelle. Er stieg die Treppe hinauf und durchsuchte die Schlafzimmer, die ebenfalls leer waren. Als er in die Küche zurückkehrte, hatte Elena ihre Tochter von ihren Fesseln befreit. Sie standen in der Mitte der Küche, hielten sich aneinander fest und schluchzten, jede an der Schulter der anderen.

„Wo ist Francesca?“

Elena sah ihn mit geweiteten Augen an und murmelte etwas zu Gianna, die mit einem Wortschwall in ligurischem Dialekt antwortete.

„Der andere Mann ist vor ein paar Stunden mit ihr gegangen.“

„Wo sind sie hin?“

Gianna schüttelte den Kopf, ihre großen braunen Augen voller Tränen. Elena setzte sich auf den Stuhl und zog ihre Tochter auf ihren Schoß. Es war eine tragische und herzerwärmende Szene zugleich, die jedoch nicht ewig andauern konnte. Marco beugte sich über den getöteten Mann und untersuchte ihn im schwachen Licht der Lampe auf dem Küchentisch. Er war mittelgroß, hatte ein schmales Gesicht, das man für gut aussehend hätte halten können, wenn es jetzt nicht so bleich gewesen wäre, und einen langen, fast femininen Hals, in dem eine Schusswunde klaffte. Er hatte weder ein Handy noch eine Brieftasche oder einen Ausweis, und er trug auch sonst nichts bei sich, außer einer Pistole in einem Holster und einem blutverschmierten Dschambiya-Dolch in seiner Scheide.

„Elena.“

Ihre Augen öffneten sich langsam, als kämpften sie gegen eine große Last an. Marco konnte in ihnen vieles erkennen: Erleichterung, Erkenntnis und Wut. Die Wut war stärker ausgeprägt als die anderen Gefühle. Sie wusste, wohin sie gehen mussten und was sie dort zu erledigen hatten.

„Wir müssen gehen.“

„Ich kann sie nicht allein lassen.“

„Wir können sie nicht mitnehmen.“

Giannas Schluchzen wurde lauter; Marco konnte spüren, wie davon der Boden unter seinen Füßen ganz leicht bebte.

„Ich habe eine Freundin in der Via Gasperi; ich werde sie bitten, auf Gianna aufzupassen.“

„Es ist drei Uhr nachts.“

Elena zuckte mit den Schultern und griff nach dem Telefon. Nach dem dritten Klingeln nahm jemand ab; Elena feuerte eine Salve ligurischen Dialekts ab und legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Lass uns gehen.“

Marco zeigte auf den toten Mann, der in einer sich ausbreitenden Blutlache auf den Küchenfliesen lag. „Was ist mit ihm?“

„Der läuft nicht weg.“

„Was ist, wenn ihn jemand sieht?“

„Um diese Uhrzeit?“

„Wir werden vielleicht eine Weile nicht zurückkommen.“

„Meine Nachbarn denken alle, ich arbeite für die 'Ndrangheta. Niemand kommt auch nur in die Nähe des Hauses.“

Elena hob ihre Pistole auf, die auf den Marmorfliesen lag, und gab Marco und Gianna ein Zeichen, ihr durch die Vordertür zu folgen. Sie stolperten die steile Gasse hinunter und bogen in die Via Gasperi ein, wo Elenas Freundin auf der Veranda eines schmalen Reihenhauses am oberen Ende der Straße auf sie wartete. Wenn die Frau durch seine Anwesenheit beunruhigt war, zeigte sie es nicht und vermied es, ihn anzusehen, als sei er die Medusa. Sie schlang ihre kurzen Arme um Gianna und führte sie ins Haus, ohne sich umzudrehen.

Elena sah Gianna nach, bis sie im Haus verschwand, und folgte Marco, der bereits die Straße hinunterlief. Sie erreichten den Hafen, ohne irgendwem zu begegnen, außer einer einsamen Katze, die vor ihnen über die Straße schlich, und sprangen ins Wasser. Die beiden Dieselmotoren sprangen an, Marco lichtete den Anker, und Elena steuerte die Bel Amica hinaus aufs offene Meer.

„Unterhalb der Klippe, auf der das Gästehaus steht, befindet sich ein gemauerter Steg.“

Marco erinnerte sich vage daran aus der Zeit, als er dort an Exerzitien teilgenommen hatte, und nickte.

„Kannst du uns dorthin bringen, ohne Licht?“

„Ja, aber sie werden uns hören.“

„Nicht bei Flut. Das Donnern der Wellen, die gegen die Felsen schlagen, ist ohrenbetäubend.“

„Und was dann?“

„Es gibt eine in den Fels gehauene Treppe.“

Marco erinnerte sich an den Tag, als er Elena und Gianna zu einem Picknick auf einer Klippe mit Blick auf Veranazza eingeladen hatte. Elena hatte sich nicht näher als zwanzig Meter an den Rand der Klippe gewagt.

„Kannst du da hochsteigen?“

„Ich würde bis zu den Toren der Hölle hinabklettern, wenn ich damit meine Tochter retten könnte.“

„Gut, denn genau da gehen wir hin.“

Kapitel 4

Die Klippe war steiler, als Marco sie in Erinnerung hatte, und das Geländer, das neben den Stufen in Richtung Felskante entlanglief, existierte größtenteils nicht mehr und führte nur noch wenige Meter hinauf, bevor es verschwand. Auch die Stufen waren höher und führten im Zickzack über hundert Meter steil nach oben, bevor sie auf der hinteren Veranda des Gästequartiers der Burg endeten. Elena ging voran, und Marco folgte dicht dahinter, wobei er mit einer Hand den Felsen nach Haltegriffen absuchte und mit der anderen ihre Taille umschloss. Sie kamen nur langsam voran; manchmal wurden Elenas Beine steif vor Angst und Marco war gezwungen, beide Arme um sie zu legen – wie gut es sich anfühlte, seine Arme um sie zu legen – und sie den steilen Abhang hinaufzuschieben.

Sie rasteten auf halber Höhe der Klippe in einer natürlichen Nische, die durch einen Riss im Sandstein entstanden war. Er hatte viele Stunden an diesem Ort verbracht und versucht, Gottes Stimme im Tosen der Brandung zu hören. Wie oft hatte er schon niedergekniet und sich gefragt, ob er die richtige Wahl getroffen hatte? Das Heulen des Windes war die einzige Antwort gewesen, die Marco so gut er konnte interpretieren musste.

„Bist du sicher, dass der Schlüssel noch dort ist? Es ist immerhin vier Jahre her.“

„In Ligurien ändert sich nie etwas, Elena. Darum gefällt es mir hier.“

Ein paar krächzende Möwen flogen vorbei, was Marco als Aufforderung verstand, weiterzugehen. Er drehte sich um, um Elena anzustupsen, aber sie stand bereits vor ihm. Ihre Augen waren vor Angst geweitet, aber ihre Zähne waren zusammengebissen, und in der Art, wie sie aufrecht dastand, erkannte Marco einen schwachen Hoffnungsschimmer.

„Sie ist am Leben, Marco. Vor meinem geistigen Auge kann ich ihr Gesicht sehen.“

„Denke weiter an sie.“

Im Takt der Brandung und unter dem Kreischen der Möwen marschierten sie nach oben. Sie ruhten sich ein letztes Mal aus in der Nähe des Gipfels, direkt unter dem steilsten Stück, und Marco nutzte die Pause, um sich zu vergewissern, dass die Sicherung an seiner Harpune gelöst war. Er betete, dass er sie nicht würde benutzen müssen, aber es war ein halbherziges Gebet, an das er selbst nicht glaubte. Die Männer, mit denen er es zu tun hatte, waren Männer mit Waffen und voller Gewalt, und er würde sie auf die gleiche Weise bekämpfen müssen.

Marco ergriff Elenas Hand und stieg die Treppe hinauf. Weiter ging es nach oben, angetrieben vom Wind, der gegen die Klippe heulte und in Wirbeln warmer Luftströme aufstieg. Ein grauer Vorhang tauchte über dem schwarzen Felsen auf, und sie stiegen geduckt die letzten Stufen hinauf und spähten über den Rand.

Vor ihnen befand sich das Gästequartier, ein niedriges Steingebäude, das am Rande der Klippe lag. Die Burg selbst, die im trüben Licht wie eine riesige geometrische Figur aussah, thronte auf den Klippen an der Spitze der Insel, mindestens einen Kilometer weiter südlich. Sie brauchten nur den kurzen Weg zur Hintertür zurückzulegen, den alten Generalschlüssel unter dem Tontopf hervorzuholen und schon waren sie drin. Es gab nur ein Problem: den Wachposten, der auf dem schmalen Streifen, auf dem Marco immer gesessen und die Aussicht genossen hatte, hin und her lief.

Elena stand auf, sobald der Wachmann sich von ihnen abwandte, und schoss ihm in den Nacken. Er fiel lautlos zu Boden, und Elena stieß ihn über den Rand und sah zu, wie er die polierte Sandsteinwand hinunterrutschte – mit dem selbstzufriedenen Blick einer Frau, die gerade eine Tüte mit übelriechendem Müll rausgebracht hatte.

Von links ertönte ein Schrei, und er dachte zuerst, es sei Elena – die Stimme war identisch – aber Elena stand immer noch vor ihm.

„Francesca!“

Er sprintete über die Veranda, schob den Tontopf aus dem Weg und holte den Schlüssel heraus. Als er sich inmitten eines Chores von Schreien zur Tür umdrehte, sah er Elenas Rücken bereits im offenen Türrahmen und hörte das dumpfe Geräusch der Pistole. Er rannte hinein, sprang über den am Boden liegenden Toten und ging in den Nachbarraum, wo laut Elena ihre Schwester festgehalten wurde. Das massive Himmelbett war noch da, aber die dekorativen Vorhänge waren heruntergeschnitten und auf den Boden gerissen worden. Elena stand vor ihm und richtete ihre Pistole auf einen Mann in weißer Uniform, der im rechten Winkel zu Marco stand. Der Mann hielt Elenas Schwester fest an sich gedrückt, seine Waffe an ihre Schläfe gepresst. Sie wechselten Worte auf Arabisch, die Marco – mit Ausnahme des Namens Mohammed – nicht verstand, und warfen sich mörderische Blicke zu, was Marco gut verstand.

Mohammed forderte etwas, wahrscheinlich wollte er, dass Elena ihre Waffe fallen ließ. Elena antwortete nicht, aber ihre Pistole blieb auf ihr Ziel gerichtet. Mohammed wiederholte seine Forderung und drückte dabei Francesca den Lauf seiner Waffe in die Schläfe, wodurch ein Bluterguss entstand, der sich wie eine rote Blume auf ihrer olivfarbenen Haut ausbreitete. Marco betrat den Raum und beobachtete die Pattsituation vor ihm: Keiner sprach, keiner bewegte sich.

Der Aufprall der Pistole auf die Dielen klang in der Stille so laut wie ein Pistolenschuss. Elena starrte die Waffe eine Sekunde lang an und kickte sie dann in Richtung Mohammed, sodass Marco keine Wahl blieb. Er zielte und schoss; die Harpune traf Mohammed in den Arm, knapp unterhalb der Schulter, und löste die Waffe aus seinem Griff. Mohammed brüllte auf und schob seine Geisel aus dem Weg und griff mit seinem unverletzten Arm nach Elenas Waffe.

Marco zog die Pistole aus seinem Gürtel und feuerte dreimal. Mohammed fiel zu Boden und rollte auf den Rücken, dann lag er bewegungslos da – die Hälfte seines Gesichts fehlte.

***

Marco würde die nächsten fünf Minuten weder vergessen, noch würde er sich jemals klar an sie erinnern können; sie waren nur eine Collage aus Anblicken und Geräuschen, die in eine Vertiefung seines Gehirns gestopft wurden.

Elena packte ihn am Arm. „Wir müssen gehen.“

Marco war derselben Meinung, aber er wusste, dass es kein wirkliches Entrinnen geben würde, sondern nur einen Ortswechsel mit der gleichen blutigen Tapete. Francesca tauchte vor ihm auf, und Elena drängte sie zur Eingangstür und kehrte zu dem Mann zurück, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag. Sie durchwühlte seine Taschen, erleichterte den Toten um sein Handy und seinen Schlüsselbund und verließ den Raum durch eine Seitentür.

Das Gästequartier befand sich auf der Rückseite der Insel. Ein Labyrinth von Wanderwegen durchzog den Wald aus Aleppokiefern und Korkeichen und verband die Burg, das Gästequartier und den Garagenkomplex. Elena führte sie zu einer bewaldeten Stelle in der Nähe der Garage, die auf einem flachen Stück Land in der Nähe des Verbindungsdammes gebaut war, der die einzige Fluchtmöglichkeit von der Insel bot.

„Es gibt eine Wache, Marco.“

„Wo?“

„In der Garage.“

„Es ist nur einer? Bist du sicher?“

„Mohammed ließ mich Besorgungen für sie machen. Es war immer jemand in der Garage. Ich habe nie jemand anderen gesehen.“ Sie warf ihm die Schlüssel zu, die sie Mohammed abgenommen hatte. „Das sind die Schlüssel zu seinem Wagen.“

„Welcher ist seiner?“

„Ich bin mir nicht sicher. Versuch es mit dem, der am nächsten zur Straße steht. Wenn wir den Lieferwagen aus der Garage kommen sehen, steigen wir ein, kurz bevor du auf den Damm fährst.“

Marco ließ sie dort stehen und ging hinter die Garage. In die Rückseite der Garage war nahe der Stelle, an der er stand, eine kleine Tür eingeschlagen worden. Er erinnerte sich daran, wie die Hausmeister im offenen Rahmen gestanden, toskanische Zigarren geraucht und auf den Kiesweg gespuckt hatten, der ins Innere führte. Er folgte dem Weg, wobei er sich bemühte, nicht gegen lose Steine zu treten, und spähte durch die runde Fensterscheibe, auf der der Sandsteinstaub von Jahrzehnten lag.

Die Garage war nur schwach beleuchtet; nur eine nackte Glühbirne mit geringer Wattzahl erhellte die große Halle. Er nahm die Waffe in die linke Hand und versuchte, den Türgriff zu betätigen, der sich mit einem Knarren drehte. In der Garage befanden sich zwei Kleinbusse, lange Fiat Ducatos, die jeweils ein Dutzend Männer transportieren konnten. Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung in der Garage und drückte sich an die Wand. Es hallten Schritte wider, und unter seinem Bart perlte der Schweiß. Die Tür öffnete sich und ein Kopf lugte heraus, um nach der Ursache des Geräuschs zu schauen.

Marco drehte die Waffe in seiner Hand um und schlug den Griff auf den Schädel des Mannes, sodass er auf den Kies fiel. Marco nahm sich einen Moment Zeit, um sich zu vergewissern, dass der Mann sich nicht bewegte – und um sicherzugehen, dass er ihn nicht getötet hatte, was zum Glück nicht der Fall war –, und ging in die Garage. Ein kurzer Rundgang durch die Halle bestätigte ihm, dass er allein war, aber keines der Garagentore hatte Fenster, sodass er nicht wusste, ob es draußen auch eine Wache gab. Er ging wieder durch die Hintertür hinaus, stieg über die liegende Gestalt des Mannes, den er gerade bewusstlos geschlagen hatte, und ging um die Garage herum, fand aber niemanden.

Als er in die Garage zurückkehrte, sprang er in den Wagen, den Elena vorgeschlagen hatte. Der Schlüssel passte ins Zündschloss. Er betätigte den Toröffner, wartete, bis das Garagentor sich öffnete, und startete den Motor. Er ließ das Licht aus – es war gerade hell genug, um ohne Licht zu sehen –, fuhr aus der Garage, hielt vor dem Damm und öffnete die Schiebetüren. Elena stieg auf den Beifahrersitz, Francesca setzte sich nach hinten.

Der Verbindungsdamm war schon vor vier Jahren in schlechtem Zustand gewesen, und die Zeit hatte nichts zur Verbesserung beigetragen. Die asphaltierte Fahrbahn war zerfurcht und voller Schlaglöcher, von denen einige bis hinunter ins Wasser führten, und die Leitplanke war bestenfalls dünn und fehlte an einigen Stellen. Auf halber Strecke fuhren sie über die Zugbrücke, die Booten die Durchfahrt durch den Kanal ermöglichte, und Marco hielt hinter dem Kontrollstand auf der anderen Seite an. Er stieg aus und winkte Elena, ihm zu folgen, und führte sie zur Seite des Dammes, wo er auf ein weißes Rohr zeigte, das an den Stützen befestigt war.

„Das Telefonkabel verläuft in diesem Rohr.“

Sie nickte, und Marco rannte, angespornt durch die Geräusche von gedämpften Schüssen und zerbrechendem Plastik, zurück zum Kontrollstand und ging hinein. Die meisten Boote, die in diesen Gewässern fuhren, benutzten Handys, um die Zugbrücke auszulösen, aber es gab auch einen manuellen Modus. Er betätigte einen der Hebel, was eine Reihe blinkender Lichter auslöste und die Schranke herunterließ. Als die Autoschranke an ihrem Platz war, betätigte er den zweiten Schalter, woraufhin die Hydraulik surrte und das Metallgitter anhob, über das er gerade gefahren war. Als die Zugbrücke ganz senkrecht stand, durchtrennte er mit seinem Tauchermesser alle Hydraulikleitungen und zerstörte mit dem Griff seiner Waffe den Steuermechanismus.

Elena saß auf dem Fahrersitz, als er zum Wagen zurückkehrte. Er sprang auf den Beifahrersitz, und Elena fuhr los. Am Ende des Dammes bog sie auf die Hauptstraße ab, die den steilen Bergrücken hinaufführte, der die Cinque Terre seit Generationen isoliert hielt. Olivenhaine und Weinberge leuchteten im ersten Licht der Morgendämmerung. Schafe weideten auf den schmalen, in den Hang gehauenen Grasterrassen. Als sie die Spitze des Felsvorsprungs erreichten, hielt Elena an einem Aussichtspunkt am Straßenrand an und sprang heraus. Marco gesellte sich zu ihr und sie blickten dahin zurück, woher sie gekommen waren.

Es war inzwischen so hell geworden, dass man die Insel wie einen Wächter vor der Küste sehen konnte. Es war noch zu dunkel, um mehr als die Umrisse der Burg und des Gästequartiers zu erkennen, aber die Garage war im Scheinwerferlicht des Kleinbusses zu sehen, der aus der Halle gefahren war. Sie beobachteten schweigend, wie er sie über den Damm verfolgte und vor der Autoschranke stehen blieb. Marco glaubte, Schreie zu hören, aber es konnte auch das Rauschen der Brise oder das Brausen der Wellen sein.

„Du hast nicht zufällig die Bootsschlüssel mitgenommen, oder?“

Elena schüttelte den Kopf. „Nein, aber der Haupttank ist fast leer, und ich habe angefangen, den Zusatztank ins Wasser zu pumpen, bevor ich ausgestiegen bin. Er müsste jetzt leer sein, aber die Anzeige steht auf ‚voll‘. Nach zwanzig Meilen auf dem Meer wird ihnen das Benzin ausgehen.“

Mit diesen beruhigenden Gedanken im Hinterkopf stiegen sie wieder in den Bus und fuhren davon. Elena folgte der Kammstraße einen Kilometer lang und bog dann auf die örtliche Schnellstraße ab, die ins Landesinnere führte. Marco starrte auf die Zitronenhaine und lauschte Francescas Atem, als sie auf dem mittleren Sitz schlief. Nach einiger Zeit bogen sie in einen zerfurchten Weg ein, der durch einen Buchenbestand führte, und hielten vor einem einstöckigen Stuckhaus. Ein verbeulter Opel mit Heckklappe war neben ihnen geparkt und bewachte eine Schar dürrer Hühner.

„Warte hier.“

Marco war noch nie im Haus von Elenas Vater gewesen, aber sie hatte so oft davon gesprochen, dass er das Gefühl hatte, es zu kennen. Ihr Vater war ein irakischer Chirurg, der vor der Schreckensherrschaft Saddam Husseins geflohen und auf der Suche nach einem neuen Leben nach Italien eingewandert war. Die italienische Regierung hatte ihm jedoch eine medizinische Zulassung verweigert, und so kellnerte er nachts in einem örtlichen Restaurant und betrieb tagsüber eine kostenlose Arztpraxis. Seine italienische Frau war bei Francescas Geburt gestorben, und er hatte die beiden so gut es unter diesen Umständen ging aufgezogen.

Elena begleitete ihre Schwester aus dem Wagen und sie verschwanden in dem dunklen Haus. Zehn Minuten später kam sie heraus, allein, nur mit einem Korb mit Brot und Orangen in der Armbeuge, und setzte sich auf den Fahrersitz.

„Wie geht es ihnen?“

„Mein Vater hat Gianna abgeholt und ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Sie schläft.“

„Was ist mit Francesca?“

„Er kümmert sich gerade um sie.“

„Habt ihr die Polizei angerufen?“

Ihre dunklen Augen verengten sich und sie legte ihre Stirn in Falten. Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einer Linie.

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen will.“

In dem Bemühen, die zunehmende illegale Einwanderung nach Italien einzudämmen, hatte das italienische Parlament mehrere strenge Gesetze zur Bekämpfung des Menschenschmuggels erlassen.

„Aber du kannst erklären, was passiert ist, wie sie dich getäuscht haben …“

Sie antwortete nur mit einem langsamen Kopfschütteln. Er erinnerte sich an denselben Blick aus einer längst vergangenen Zeit. Die Umstände waren anders gewesen – sie hatte von ihm verlangt, sich zwischen ihr und Gott zu entscheiden; er hatte gewollt, eigentlich gebettelt, sie beide zu behalten –, aber die Überzeugung war dieselbe, die Endgültigkeit. Nein.

„Aber die Bel Amica ist auf der Insel; sie wird sie zu dir führen.“

„Mein Boot wurde gestohlen.“

„Hast du es als gestohlen gemeldet?“

„Ich hatte keine Ahnung. Ich war unterwegs.“

„Aber Francesca und Gianna …“

Sie würden mich niemals verraten.“

Sie ließ den Satz in der Luft hängen, die nach Orangen und Zitronen schmeckte. Aber was ist mit dir, Marco, wirst du mich verraten?

„Es könnte einen anderen Weg geben.“

Sie atmete aus, langsam und fast unhörbar leise, aber der Duft war unmissverständlich: fruchtig und stechend.

„Diese Männer. Sie sind aus einem bestimmten Grund hierhergekommen.“

Ihr Kopf hob sich, ihre Schultern zogen sich zurück und betonten die Wölbung ihrer Brust.

„Wenn wir herausfinden können, warum sie hierhergekommen sind …“

Sie drehte ihren Kopf zu ihm und fixierte ihn mit ihrem dunklen Blick.

„Aber ich weiß nicht, wer sie sind. Das habe ich dir doch gesagt.“

„Du hast gar nichts gehört?“

„Nein. Sie wussten, dass ich Arabisch spreche, also achteten sie darauf, in meiner Gegenwart nichts zu sagen.“

Nachdem Elenas ligurische Mutter gestorben war, hatte ihr Vater aufgehört, zu Hause Italienisch zu sprechen. Sowohl Elena als auch Francesca waren zweisprachig aufgewachsen.

„Du musst doch etwas gehört haben, du warst doch eine Woche lang bei ihnen.“

„Nein, das habe ich nicht. Ich schwöre es.“

Sie saßen schweigend da und beobachteten eine wilde Katze, die sich vor ihnen über die Straße schlich. Ligurien war von verwilderten Katzen überschwemmt worden, die den Bewohnern viel lieber waren als die Ratten, die sie töten sollten.

Irgendetwas zwickte an den Ecken von Marcos Erinnerung, aber angesichts der Erschöpfung, des Hungers und des Blutvergießens, dessen Geruch noch in seiner Nase hing, konnte er es nicht festhalten. Er öffnete das Handschuhfach und durchsuchte es, aber außer der Betriebsanleitung des Kleinbusses, dem Mietvertrag und der Zulassung war es leer. Er stieg aus und inspizierte den hinteren Teil des Busses, in dem sich nur das Reserverad und ein Notfallset befanden. Und dann erinnerte er sich an das Blatt Papier, das er Karim abgenommen hatte. Er fischte es aus seiner Tasche, ging zurück in den Wagen und schaltete die Deckenbeleuchtung ein.

„Was ist das?“

„Ich weiß es nicht. Es war in Karims Tasche.“

Er faltete das Blatt Papier auseinander und hielt es ins Licht. Auf einem Blatt Millimeterpapier war eine Zeile Schrift gekritzelt worden, allerdings in einer Sprache, die Marco nicht entziffern konnte.

Elena entriss ihm das Papier und untersuchte es. „Es ist Arabisch.“

„Was steht da?“

„Da steht nichts, das ist eine Straßenadresse.“

„Wo?“

Elena sagte nichts. Sie ließ die Zündung an, wartete darauf, dass das Navigationssystem online ging, und gab die Adresse ein.

„Die Adresse liegt in Orvieto, in einem Gewerbegebiet südlich der Stadt.“

Marco hatte zwei Jahre an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom verbracht und war in dieser Zeit mit dem Zug nach Orvieto gefahren, um die Messe im Dom zu besuchen und durch die engen Gassen der Altstadt zu schlendern, aber er kannte die Umgebung nicht gut.

„Ich habe dort in der Nähe schon mal etwas abgeliefert.“

Marco fragte nicht, was dieses ‚etwas‘ gewesen war. Elena hatte schon mit Antonio zu tun gehabt, bevor sie abrupt aus seinem Leben verschwand. Er hatte schon befürchtet, dass ihre Trennung zu einer engeren Verwicklung mit der 'Ndrangheta führen würde, aber Elena hatte von ihm verlangt, sich zu entscheiden, und Marco hatte sich für Gott entschieden. Und diese Verwicklung erklärte auch die üppige Ausstattung ihres Hauses und die teuren Kunstwerke, die weit über ihrer Gehaltsklasse lagen.

„Wie weit ist das entfernt?“

„Ich kann es in drei Stunden schaffen.“

„Und was dann?“

„Ich weiß nicht, aber wenn wir etwas finden, können wir dann die Polizei rufen.“

Ohne Marcos Zustimmung abzuwarten, legte sie den Gang ein und fuhr den steilen Hang hinauf und über den Bergrücken hinweg, auf dem Ligurien erbaut worden war. Nach zehn Minuten, die Marco mit geschlossenen Augen verbrachte und dabei den Herrn im Stillen um Führung und Mut – und um Vergebung – bat, tauchte im Dämmerlicht die Auffahrt zur A10 auf. Elena ordnete sich in den leichten Verkehr in Richtung Südwesten ein.

Orvieto – und was immer das Schicksal dort für sie bereithielt – war drei Stunden entfernt.

Kapitel 5

Giampaolo Benedetto zog die Krempe seines Andalusierhutes tief herunter und rückte den Knoten seines passenden Schals zurecht. Es war Sommer in Italien, und die Hitze war schrecklich, selbst zu dieser frühen Stunde, aber Giampaolo hatte Jahre damit verbracht, ein bestimmtes Aussehen zu kultivieren, und er war nicht bereit, sich von ein paar Grad Celsius darin stören zu lassen. Es war Sonntag, und der Verkehr am Stadtrand von Orvieto war spärlich; nur gelegentlich rumpelte ein Lastwagen vorbei und durchbrach die morgendliche Ruhe mit dem schweren Dröhnen seines Motors und dem Vibrieren der Reifen auf dem Pflaster. Giampaolo drehte eine Runde um sein Ziel, hielt ab und zu an, um die Schnürsenkel seiner Testoni Oxfords zu binden, und nutzte die Gelegenheit, um einen Blick hinter sich zu werfen und sich zu vergewissern, dass ihm niemand folgte.

Niemand folgte ihm; er sah nur die Umrisse der alten Stadt, die sich in den umbrischen Himmel erhob, und eine Handvoll anonymer Fahrzeuge, die an der Straße parkten, darunter die Opel-Limousine, die er gemietet hatte. Er hatte nur widerwillig seinen silbernen Mercedes Maybach in der Einfahrt seiner Villa in Monti stehen lassen, aber die Entscheidung, die er vor einem Jahr getroffen hatte, hatte Folgen, und sein geliebtes Auto würde nicht das Einzige sein, das er würde aufgeben müssen.

Er überprüfte seine Rolex – ein Geschenk des vorherigen Papstes, eines heiligen Mannes, der nur ein Jahr im Amt gewesen war, bevor er einem Schlaganfall erlag – und ging über die Straße, um mit einem Schlüssel ein Tor zu öffnen; vor ihm führte ein bröckelnder Zementweg zu einem verfallenen Lagerhaus. Als er das Tor schloss, blickte er auf die Straße hinter sich – die Straße war leer, was aber nichts an dem Unbehagen änderte, das ebenso schwer in der Luft hing wie der Geruch von nassem Lehm aus den Brennöfen nebenan. Er überprüfte das Lagerhaus und stellte fest, dass sich seit seinem letzten Besuch nichts verändert hatte: Die Fenster waren alle mit Schmiedeeisen vergittert, die Lehmziegelfassade war an vielen Stellen abgeplatzt und an anderen mit Graffiti beschmiert, und ein Taubenschwarm säumte den Rand des Terrakotta-Daches und erfüllte den Morgen mit seinem Gurren.

Mit einem letzten Blick hinter sich überquerte er den zerfurchten Gehweg und benutzte denselben Schlüssel, um in den hinteren Teil des Lagerhauses zu gelangen, wo sich das Büro befand. Stapel von alten Kassenbüchern verstaubten in konturlosen Arbeitskabinen; eine Rechenmaschine lag umgedreht auf dem mit Müll bedeckten Boden. Eine holzgetäfelte Wand mit Pin-up-Postern trennte diesen Bereich vom Rest des Lagers. Eines der Pin-ups, auf dem eine üppige Blondine in einem schwarzen Spitzenhöschen und sonst nichts abgebildet war, erinnerte ihn an eine seiner Freundinnen, und er starrte es eine Minute lang an und überlegte, ob er das Pin-up als Andenken mitnehmen sollte. Er beschloss, es dort zu lassen – schließlich ließ er sie und auch einige andere zurück –, ging durch den Raum und blieb vor einer Tür stehen. Er klopfte zweimal und dann noch zweimal, entsprechend dem vorher vereinbarten Signal. Die Tür schwang von innen auf und Giampaolo trat in den großen, rechteckigen Raum, der an das Büro grenzte. In die gegenüberliegende Wand war eine Reihe von Spinden eingelassen, in denen sich jeweils eine komplette Uniform mit Schutzhelm, Schutzschild und schwarzen Kampfstiefeln befand.

„Sie sind spät dran.“

Giampaolo drehte sich um und sah den Mann an, der ihn angesprochen hatte. Er war mittelgroß mit dunklem Haar und dunkler Haut, bekleidet mit einer grauen Hose und einem grauen Pullover. Giampaolo war ihm schon mehrmals begegnet, das erste Mal kurz nach der letzten päpstlichen Enklave; er hatte keines der Treffen genossen.

„Haben Sie die Schlüsselkarten und die Einfahrtscheine?“

„Haben Sie das Geld?“

Der Mann nickte. „Sobald Sie sie mir übergeben, überweise ich das Geld.“

Giampaolos Gesicht errötete, eine Schweißperle rann ihm über das Gesicht und sickerte in seinen Seidenschal.

„Das war nicht die Vereinbarung, die wir getroffen haben.“

„Vereinbarungen ändern sich …“

„Nicht bei mir!“

Sie starrten sich gegenseitig an, während ein Ventilator über ihnen surrte und eine schwache Brise erzeugte, die die Hitze nur noch schlimmer machte.

„Vielleicht kann ich Sie überzeugen zu kooperieren.“

Eine Waffe mit Schalldämpfer tauchte in der Hand des Mannes auf und ein Lächeln ersetzte den finsteren Blick.

Giampaolo lachte. „Da müssen Sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen.“

Die Waffe – irgendeine halbautomatische aus Osteuropa, dachte er, vielleicht eine Makarow – zuckte nicht, wohl aber das selbstsichere Lächeln, wenn auch nur kurz.

„Geben Sie mir die Schlüsselkarten und die Einfahrtscheine oder ich werde Sie töten und sie mir selbst holen.“

„Das würde ich nicht empfehlen.“

„Nein? Warum nicht?“

„Ich zeige es Ihnen.“

Giampaolo ließ langsam die Hände sinken, zog einen Umschlag aus der Brusttasche seines Blazers und reichte ihn dem Mann, der die Waffe auf ihn richtete.

„Öffnen Sie den Umschlag.“

Der Mann riss ihn auf und es kamen fünf weiße Schlüsselkarten zum Vorschein.

„Beachten Sie, dass keine Passcodes vorhanden sind.“

In ihrer Vereinbarung hatten sie festgelegt, dass die fünf Keycards mit den dazugehörigen Passcodes versehen sein mussten. Aber die Etiketten auf den Karten waren leer.

„Das war nicht unsere Abmachung, Signor Benedetto.“

„Vereinbarungen ändern sich …“

Irgendetwas raschelte über ihnen, wahrscheinlich eine Ratte – der verdammte Ort war voller Ratten –, und das Heulen eines entfernten Krankenwagens drang durch ein zerbrochenes Fenster. Keiner der beiden Männer bewegte sich.

„Legen Sie die Waffe auf den Boden, treten Sie sie weg, überweisen Sie das Geld, und ich gebe Ihnen die Passcodes.“

Jetzt war der andere Mann an der Reihe zu schwitzen, was er auch tat, und der Kragen seines grauen Pullovers färbte sich dunkel. Von ihm ging ein übler Geruch aus, den Giampaolo nicht zu identifizieren vermochte. Eine Mischung aus Knoblauch, Zwiebeln und Kaffee vielleicht, er war sich nicht sicher, aber er war doppelt froh, dass er einen zweiten Spritzer seines Parfüms aufgetragen hatte, das eine Parfümerie ein paar Blocks von der Vatikanstadt entfernt speziell für ihn kreiert hatte.

„Nehmen Sie die Waffe runter und treten Sie sie weg.“

Er machte keine Anstalten, etwas zu unternehmen.

„Ich werde in drei Sekunden gehen, wenn Sie nicht tun, was ich sage.“

Der Schweiß rann nun in Strömen in den Kragen des Mannes, aber die Waffe bewegte sich nicht.

„Eins …“

Die Waffe – es war eindeutig eine Makarow, da war er sich jetzt sicher – begann zu wackeln.

„Zwei …“

Sein Finger am Abzug wurde weiß.

„Drei …“

Die Waffe fiel auf den Boden und blieb zwischen ihnen liegen. Giampaolo stieß sie mit der Schuhspitze an, sodass sie auf die andere Seite des Raumes rutschte.

„Jetzt überweisen Sie das Geld.“

Der Mann holte ein Tablet aus seiner Tasche und begann zu tippen. Eine Minute später vibrierte Giampaolos Handy in seiner Tasche. Er fischte es heraus und vergewisserte sich, dass fünf Millionen Euro auf sein Konto in Bern überwiesen worden waren.

„Geben Sie mir die Codes“, sagte der Mann.

Benedetto griff in seinen Blazer und holte seine Beretta heraus. Es war eine schöne Waffe, ein Modell 92 mit Perlmuttgriff, die ihm von Kardinal Lucci, dem Staatssekretär des Vatikans, anlässlich Benedettos zehnjährigem Dienstjubiläum als Generalinspektor des vatikanischen Sicherheitsbüros geschenkt worden war. Sie war nur zu dekorativen Zwecken gedacht – Benedetto hatte sie in einem Glasrahmen über seinem Schreibtisch ausgestellt –, was aber nicht bedeutete, dass man sie nicht abfeuern konnte. Davon hatte er sich vor einigen Nächten im Schießstand im Keller des Amtssitzes in der Via del Pellegrino überzeugt.

Benedetto wartete, bis sich der Mann etwa zehn Schritte entfernt hatte – nicht, um ein fairer Sportsmann zu sein, sondern um Blutspritzer auf seinem Anzug zu vermeiden –, und schoss ihm zweimal in den Rücken. Der Mann fiel gegen einen der Schränke; sein Kopf kam auf einem Paar Stiefel zum Liegen. Benedetto war sich bewusst, dass es unnötig – und wahrscheinlich ein Fehler – war, den Mann zu töten, aber er hatte es sich schon so lange ausgemalt, dass er nicht anders konnte. (Und er war schließlich ein Terrorist, nicht wahr? Indem er ihn tötete, tat er der Welt einen Gefallen!) Er hob den heruntergefallenen Umschlag auf und ging in die Lagerhalle, die bis auf fünf in einer Reihe geparkte Lieferwagen leer war. Er schritt über den Boden, seine Ledersohlen hallten laut auf dem Beton wider, und hielt vor dem ersten Wagen an. Es handelte sich um einen Mercedes Sprinter, ganz in Weiß lackiert, mit getönten Scheiben und dem ikonischen blauen Schild, dem Logo der Sicherheitsfirma Prima.

Er ging zur Beifahrertür und kletterte in den Wagen. Er nahm eine der Schlüsselkarten, schrieb mit einem Filzstift einen sechsstelligen Code auf das Etikett und legte die Karte zusammen mit einem unterschriebenen Einfahrtschein in das Handschuhfach. Er tat dasselbe für den Lieferwagen hinter dem ersten und arbeitete dann die Reihe weiter ab. Als alle Fahrzeuge für die Einfahrt in den Vatikan vorbereitet und zugelassen waren, kehrte er ins Büro zurück. Er packte den Mann an den Füßen und zerrte ihn in den nächsten Raum, wo er ihn in einem Schrank abstellte, der leer war, abgesehen von einigen Kartons mit unbeschriebenem Papier, die jetzt mit so viel Blut bespritzt waren, dass sie wie eine Art moderne Kunstausstellung aussahen. Er schloss die Tür, schob einen leeren Schreibtisch dagegen und ging in den Pausenraum, wo ein Stapel alter Handtücher auf dem Boden lag; er wischte damit das Blut auf und verließ das Lagerhaus. Die blutverschmierten Handtücher warf er in einen rostigen Müllcontainer am Rande des Grundstücks, wo sie irgendwann gefunden werden würden – aber erst lange nachdem er weg war.