Leseprobe Die verlorenen Mädchen von Tydeham

Prolog

Tydeham, Dorset, England, September 1943

Abgesehen von dem Armeefahrzeug, das an einem stürmischen Nachmittag vor drei Wochen aufgetaucht war, hatte es kein Vorzeichen gegeben. Das allein war schon merkwürdig gewesen, denn es gab keine richtige Straße, die zum Dorf führte, nur einen Weg, der ziemlich matschig wurde, wenn es regnete. Dazu führte er nirgendwo hin, nur zu dem winzigen Hafen, in dem gerade keine Fischerboote lagen. Der Krieg hatte das Fischen in diesen Gewässern zu gefährlich gemacht. Das offene Armeefahrzeug war die Straße hinuntergefahren, an der Kirche und der Schule vorbei, am Pub und der Reihe von Cottages, bis zu der Stelle, an der das Dorf in einem überwucherten Pfad mit ein paar Stufen, die zum Hafen führten, endete. Ein Offizier mit einer schicken Mütze war ausgestiegen, hatte sich umgesehen und dann gemurmelt: „Das muss gehen. Zum Glück gibt es hier nichts von historischem Wert.“ Mary Norton hatte ihn gehört, als sie vor dem Regen ihre Wäsche hereinholte. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, diese Aussage weiterzugeben. Hätte sie es getan, wären die Einwohner vielleicht besser vorbereitet gewesen, als das Postauto durch die Pfützen geholpert kam, um seine Ladung im Dorfladen abzugeben, der zugleich das örtliche Postamt war. Mrs Jenkins, die Postbeamtin und Ladeninhaberin, hatte den Stapel von Briefen ohne Marken betrachtet.

„Noch mehr Unsinn von der Regierung“, hatte sie zu Fred Hammond, dem Fahrer, gesagt. „Ich frage mich, was es diesmal wohl ist.“

„Wahrscheinlich kürzen sie wieder unsere Zuckerrationen“, sagte er. „Oder das Fleisch. Aber das wird Sie hier draußen mit Ihren Schweinen und Hühnern sicher nicht so schwer treffen.“

„Wir kommen ganz gut zurecht, denke ich“, sagte sie. „Obwohl die Ratten ständig an unsere Eier gehen, diese verdammten Plagegeister.“

„Er muss sich keine allzu großen Sorgen machen, nicht wahr?“ Der Postfahrer nickte die Straße hinauf. „Er in seinem großen Haus. Hat er nicht sogar noch Rinder?“

„Nein, die sind schon lange fort“, sagte sie. „Hat die Regierung geholt. Nun hat er nicht so viel mehr als wir. Ein paar Schweine und Hühner. Aber eine schöne Auswahl an Obst und Gemüse und ich muss sagen, dass er freundlich genug ist, es mit uns zu teilen.“

„Nun, das sollte er auch, weil Sie seine Pächter sind, richtig? Sie bezahlen ihn jeden Monat, damit Sie hier leben können, oder etwa nicht?“

„Schätze schon.“ Mrs Jenkins strich ihre Schürze glatt. „Nun suche ich lieber diesen Faulpelz Ned, damit er die hier verteilt.“

***

Wie sich herausstellte, ging es in den Briefen nicht um die Zuckerrationierung. Stattdessen hieß es darin:

An die Einwohner von Tydeham. Dieses Schreiben informiert sie darüber, dass die Streitkräfte Seiner Majestät Ihr Dorf benötigen, um den Kriegsfortschritt voranzutreiben. Es wurde für Invasionsübungen requiriert, die am 8. Oktober 1943 beginnen. Sie haben zwei Wochen Zeit, Ihre Habseligkeiten zu entfernen und das Dorf zu verlassen.

Alle erwachsenen Bürger von Tydeham sind verpflichtet, am 24. September um zwanzig Uhr an einer Versammlung im Gemeindehaus teilzunehmen, bei der es weitere Informationen gibt und Fragen beantwortet werden.

„Zur Hölle noch mal“, murmelte Ed Jenkins, als seine Frau ihm den Brief zeigte. „Die haben vielleicht Nerven. Leute aus ihrem Zuhause vertreiben? Die Menschen leben seit Generationen hier.“

„Ich nehme an, es geht um den Kriegsfortschritt, Ed“, sagte Mrs Jenkins. Sie versuchte, tapfer zu sein, war über die Neuigkeiten aber kein Stück glücklicher als ihr Ehemann. „Sie müssen uns umsiedeln, oder? Sie können uns doch nicht einfach auf die Straße setzen?“

Ed zuckte die Achseln. „Wie ich hörte, haben sie genau das in den zerbombten Städten getan. Oh, Ihr Haus wurde gerade zerstört. Blöd. Haben Sie keine Verwandten, bei denen Sie unterkommen können?“

„Wir könnten zu meiner Schwester nach Dorchester gehen“, sagte Mrs Jenkins. „Sie haben doch dieses freie Zimmer, jetzt, wo der junge Jack …“ Sie beendete den Satz nicht. Der junge Jack war mit seinem Schiff untergegangen.

„Sie müssen uns umsiedeln“, sagte Ed bestimmt. „Was ist mit meinem Gemüsegarten, hm? Die Hälfte habe ich noch nicht geerntet und die Kartoffeln und Zwiebeln sind noch in der Erde.“ Entschlossen stand er auf. „Ich werde mit Mr Bennington sprechen. Wenn jemand diese Kerle von der Armee aufhalten kann, dann er.“ Er schnappte sich eine Jacke, setzte seine Mütze auf und stapfte die Straße hinauf, vorbei an der Kirche, den schmalen Pfad entlang, der zum „Großen Haus“ führte, wie alle es nannten. Sein richtiger Name war Tydeham Grange. Es war ein elegantes Herrenhaus aus Stein und stand auf einem Grundstück, das vor dem Krieg gut gepflegt gewesen war. Nun war aus dem Krocketrasen ein Gemüsebeet geworden. Schafe grasten auf dem Parkland hinter dem Haus und in der Nähe der Stallungen war ein Schweinekoben gebaut worden. Ed traf auf Mr Bennington höchstselbst, der gerade mit einer Mistgabel in der Hand aus einer der Scheunen trat.

„Haben Sie den Brief gelesen?“, rief Ed zu ihm hinüber.

„Ich fürchte, das habe ich. Ich habe auch bereits mit London telefoniert. Es sieht so aus, als könnten wir nicht viel tun, Ed. Irgendwo müssen sie ihre Invasionstaktiken üben, und offenbar eignet sich unser Dorf dafür. Kommen Sie auf eine Tasse Tee herein.“

Ed folgte ihm in den mit Steinfliesen ausgelegten Eingangsbereich des Herrenhauses. Die Küche im hinteren Bereich war warm vom Holzofen, der den Gasherd abgelöst hatte. Zumindest gab es noch genügend umgestürzte Bäume auf dem Grundstück. Mr Bennington setzte Wasser auf.

„Setzen Sie sich“, sagte er.

Ed ließ sich am runden Küchentisch nieder. „Es stand nichts über einen Ausgleich darin, oder?“

„Bis jetzt nicht.“ Mr Bennington nahm die Teedose in Form eines indischen Tempels vom Regal. Seine Familie hatte seit Generationen Verbindungen nach Indien. Er selbst hatte als junger Mann bei den Bengal Lancers gedient.

„Ihnen werden Sie doch wohl etwas geben müssen, nicht wahr? Ihnen gehört all dieses Land. Ihnen gehört das verdammte Dorf, beim heiligen Petrus. Erwarten die, dass Sie in eine Sozialwohnung ziehen?“

Mr Bennington zuckte die Achseln. „Ich nehme an, wir können nach dem Krieg zurückkommen, wenn sie den Ort nicht zu sehr beschädigen. Sie werden uns Geld geben, damit wir alles wieder aufbauen können.“

„Sie meinen, wenn wir gewinnen“, sagte Ed trocken. Er nahm den Becher, den Mr Bennington ihm anbot.

„Oh, ich glaube, das Blatt hat sich definitiv gewendet. Sie würden keine Invasionstaktiken üben, wenn sie nicht damit rechneten, über den Kanal zu gehen. Und denken Sie an den Erfolg, den wir in Nordafrika hatten. Ägypten, Malta, Sizilien und nun Italien. Und die Zerstörung der Talsperren? Fantastisch. Oh, wir haben Hitler ganz schön aus dem Konzept gebracht.“

„Was sagt Ihre Frau dazu?“, fragte Ed.

Mr Bennington schaute besorgt. „Sie weiß es noch nicht. Sie ist mit dem jungen James nach Sherborne gefahren, um sich die Schule anzusehen. Es ist Zeit, dass wir ihn irgendwo anmelden. Ich bin nach Marlborough gegangen, also sollte er dort wohl einen Platz bekommen. Aber Amelia möchte nicht, dass er so weit von zu Hause fort ist. Eigentlich möchte sie überhaupt nicht, dass er auf ein Internat geht. Seit Kriegsbeginn ist sie so ängstlich geworden. Besonders seit Simon …“ Er hielt kurz inne und räusperte sich, um seine Gefühle zu verbergen, und fuhr dann fort. „Sie war nie die stärkste Frau. Ich fürchte, das wird sie wirklich aus der Bahn werfen. Sie liebt dieses Haus.“

„Es wird uns alle aus der Bahn werfen“, sagte Ed. „Ich denke, fast alle Familien leben seit hunderten Jahren hier, oder? Bearbeiten Ihr Land oder fischen. Nur die Lehrerin und der Vikar sind von außerhalb, und sie wohnen nicht hier, richtig?“

Mr Bennington seufzte. „Ich schätze, alles, was wir sagen können, ist, dass es ein ganzes Stück besser ist als das, was die armen Teufel in Burma und an den Stränden von Italien durchmachen.“

Ed nickte. „Da haben Sie recht. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie froh ich gewesen bin, als sie mir sagten, ich sei zu alt, um eingezogen zu werden.“

„Mich wollten sie auch nicht“, sagte Mr Bennington. „Als ich in Indien war, hatte ich rheumatisches Fieber. Es hat mein Herz angegriffen. Ich soll es nun ruhiger angehen. Allerdings kann das Ausmisten von Schweineställen, das Umgraben von Gemüsebeeten und das Apfelpflücken, weil die Burschen alle im Krieg sind, nicht gerade als ruhiges Leben bezeichnet werden, oder?“

Ed leerte seinen Becher und genoss den Geschmack des Zuckers am Boden. Zucker war dieser Tage ein Luxus, und Betty gestattete ihm nur einen kleinen Löffel davon in seinem Tee. Er stand auf. „Nun, ich gehe dann mal wieder, Sir. Es tut mir wirklich leid, dass Sie dieses schöne Anwesen verlieren werden. Aber ich kann Ihnen sagen, dass ich diesen Kerlen von der Armee bei der Versammlung ein paar Takte erzählen werde. Wir werden nicht kampflos aufgeben.“

Kopfschüttelnd sah Charles Bennington ihm hinterher, als er ging. „Sie können kämpfen, soviel sie wollen“, murmelte er, „aber gewinnen werden sie nicht.“

***

An diesem Abend herrschte auch im Golden Hinde, dem örtlichen Pub, Kampfesstimmung.

„Zuerst gibt es keinen verdammten Whisky, dann wird das verfluchte Bier verwässert und nun gibt es keine Häuser mehr, in denen wir leben können“, sagte Bert Thatcher und bekräftigte seine Worte, indem er seinen Bierkrug auf den Tresen knallte. „Bei dieser Versammlung werden wir ihnen einfach sagen, dass wir das nicht akzeptieren. Sie können ihre Übungen sonst wo durchführen. Ich werde mein Cottage nicht verlassen, und dabei bleibt’s.“

„Gib’s ihnen, Bert!“, sagte Tom Pierce, der Inhaber des Dorfpubs. Doch er lächelte und schüttelte den Kopf. „Wenn die Armee auf irgendjemanden von uns hört, dann auf dich.“

Bert war ein strammer Kerl, über eins achtzig groß und kräftig. Er hatte sich zum Kriegsdienst gemeldet, war aber mit seinen achtundvierzig Jahren für zu alt befunden worden. Und als Bauer für zu wertvoll.

***

Das kleine Gemeindehaus stand hinter der Kirche südlich der Dorfstraße. Um dorthin zu gelangen, musste man über den Friedhof gehen, an den Gräbern von Generationen von Ahnen vorbei, denen die Dörfler bis jetzt keine große Beachtung geschenkt hatten. Am Abend des 24. September blieb Ed Jenkins auf seinem Weg zum Gemeindehaus stehen.

„Komm schon, Ed. Wir möchten doch nicht hinten sitzen.“ Betty zog ihn am Ärmel.

„Ich frage mich nur gerade, ob sie vorhaben, meine armen alten Eltern zu verlegen“, sagte er und starrte auf den Grabstein hinab. „Und meine Großeltern. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass sie in ihrer Totenruhe gestört werden.“

„Allzu sehr kann es ihnen nicht schaden, oder?“ Betty war stets pragmatisch. „Ich mache mir eher Sorgen um uns.“

Das Gemeindehaus war sehr voll. Nicht nur die Erwachsenen des Dorfes waren gekommen. Eltern hatten ihre Kinder und Männer ihre Hunde dabei. Die Luft war wegen des Zigarettenqualms zum Schneiden dick und erfüllt von wütendem Gemurmel. Die Benningtons saßen in der ersten Reihe. Mr Bennington trug einen Blazer und lange Hosen. Mrs Bennington trug einen eleganten Hut und Handschuhe aus Ziegenleder, wie es dem Anlass gebührte. Der sechsjährige James neben ihr betrachtete all die wütenden und sorgenvollen Gesichter und fragte sich, was all das zu bedeuten hatte. Seine Mutter war ständig in Sorge, seit sein Bruder in der Royal Air Force ums Leben gekommen war. Und nun sahen alle in diesem Raum so aus.

Der Vikar kam durch eine Seitentür herein und blieb an der Wand stehen. Er war noch immer ein junger Mann und betrachtete seine Gemeinde nun hilflos.

„Meinen Sie, ein paar Gebete könnten jetzt guttun, Vikar?“, fragte Tom Pierce, der ihn entdeckt hatte. Er war bekennender Atheist und scherzte nur, doch der Vikar schüttelte seinen Kopf.

„Ich glaube nicht, dass Gebete in diesem Krieg besonders wirkungsvoll sind, Tom. Ich fürchte, wir müssen alle das Beste daraus machen und davon ausgehen, dass Gott einen Langzeitplan hat.“

„Für Sie ist ja alles in Ordnung“, sagte Bert Thatcher. „Sie wohnen ja nicht einmal hier.“

Der Vikar nickte zustimmend. Er kümmerte sich um zwei kleine Gemeinden, die zehn Meilen voneinander entfernt waren. Er wohnte im Pfarrhaus des anderen Dorfes. „Aber ich habe diesen Ort sehr liebgewonnen, ebenso wie seine Einwohner, wissen Sie. Es tut mir leid, Sie alle zu verlieren.“

„Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass unsere Männer fort sind und kämpfen“, sagte Joan Lee aus der Reihe hinter den Benningtons. Sie war eine winzige Frau in ihren Vierzigern, die zwei sehr große Söhne hatte. „Und meine Jungs werden sie holen, bevor ihr Jack Robinson sagen könnt. Natürlich warten sie nur darauf, die dummen Bengel. Nicht wahr?“ Sie knuffte einen der strammen Jungs neben ihr in die Seite. Er grinste beschämt. Sie wandte sich an Amy Pierce, deren eigener Sohn, ein schlaksiger Junge, der nur aus Armen und Beinen zu bestehen schien und ganz in eine kleine Puzzle-Schachtel aus Glas vertieft war. „Du kannst froh sein, dass dein Freddy drumherum kommen wird.“

Amy grummelte. „Das stimmt. Wir Glücklichen“, sagte sie. Sie wollte noch mehr sagen, brach aber ab, als zwei Armeeoffiziere hereinkamen. Es wurde still, als die Männer aufs Podium traten, dort standen und die Menge betrachteten.

„Gut“, sagte einer von ihnen und sah dabei nicht so aus, als würde er sich auf die nächsten fünf Minuten freuen. „Es ist gut, dass Sie alle gekommen sind.“

„In der verdammten Nachricht stand, dass wir dazu verpflichtet sind“, murmelte jemand aus den hinteren Reihen.

„Sicher ist das ein großer Schock für Sie alle. Schließlich wurden Sie aufgefordert, Ihre Häuser zu verlassen. Wir würden Sie nicht darum bitten, wenn es für den Kriegsfortschritt nicht unerlässlich wäre. Wir müssen uns auf den Fall einer Invasion vorbereiten, verstehen Sie. Und das Gelände hier ist genau das, was wir brauchen. Tückische Klippen unterhalb des Dorfs. Häuser, von denen wir annehmen können, dass sie von deutschen Soldaten besetzt sind. Wir haben uns verschiedene Orte angeschaut und sind zu dem Schluss gekommen, dass dieser hier den kleinsten Eingriff erfordert. Nur acht Familien müssen umziehen, Fischen ist sowieso gerade verboten, und es gibt deswegen nicht genügend Arbeit hier.“

„Und was haben Sie mit uns vor?“, grummelte jemand von hinten.

Der Offizier räusperte sich, bevor er antwortete. „Wir möchten, dass diejenigen unter Ihnen, die die Möglichkeit haben, zu Verwandten zu gehen, dies tun. Für die anderen werden wir Sozialwohnungen in der Gegend finden.“

„Was ist mit Mr Bennington oben in der Grange?“ Die Stimme gehörte zu Bert Thatcher. „Sie erwarten doch nicht, dass er in einer verdammten Sozialwohnung lebt, oder?“

„Ich bin sicher, dass für Mr Benningtons Familie Vorkehrungen getroffen werden. Und natürlich werden Sie wegen der verlorenen Ernte entschädigt. Sie alle.“

„Sie meinen, Sie bezahlen uns für das, was wir in unseren Gärten anbauen?“

„Richtig.“

„Und was ist mit einer Entschädigung dafür, dass wir unsere Häuser verlassen?“ Eine der Frauen stand auf. Sie war jung und hatte ein frisches Gesicht mit geröteten Wangen und ordentlich dauergewelltem Haar. „Ich bin Sally Purvis. Ich wurde hier geboren und habe seither hier gelebt. Mein William ist auf einem Handelsschiff unterwegs und riskiert jeden Tag sein Leben. Ich und mein William haben hart gearbeitet, um unser Cottage schön zu machen. William hat in der Küche hübsche Regale aufgestellt und einen Schrank im Zimmer unserer Tochter. Was ist mit all der Arbeit, die dort hineingeflossen ist?“

„Leider wird es für die Wohnungen an sich keine Entschädigung geben. Letztendlich gehören sie schließlich Mr Bennington. Sie sind nur Pächter. Aber natürlich können Sie Ihre Möbel mitnehmen. Die Armee wird sogar Laster für den Umzug zur Verfügung stellen. Kostenlos für Sie.“

„Wie großzügig“, knurrte jemand.

Bert Thatcher stand auf. „Sie wollen uns also sagen, wir hätten dabei nichts mitzureden? Es gibt niemanden, an den wir uns wenden können? Wir sind hier raus, ob es uns gefällt oder nicht?“

„Ich fürchte, genau so ist es.“

„Und wenn wir nicht gehen?“ Bert verschränkte seine muskulösen Arme. „Was, wenn wir uns alle weigern?“

„Dann werden Sie unter Zwang fortgebracht und haben keine Möglichkeit, Ihre Sachen mitzunehmen. Das wollen Sie doch nicht, oder?“ Er machte eine Pause und schaute den anderen Offizier an, als wollte er sich versichern. „Sie müssen verstehen, dass die Armee Seiner Majestät in Kriegszeiten uneingeschränkte Verfügungsgewalt über Privateigentum hat. Wir haben einen Haufen schöner Häuser im ganzen Land beschlagnahmt. Für all die Menschen, die ausziehen mussten, war es ein harter Schlag.“

„Und nach dem Krieg?“ Betty Jenkins stand auf. „Wenn alles vorbei ist? Können wir dann wieder einziehen?“

„Das wird später entschieden“, sagte der Offizier. „Hoffen wir, dass wir den Krieg bald gewinnen und alle zu unserem Leben zurückkehren können.“

Er sagte nicht, was er bereits wusste: dass die Invasionsübungen scharfe Munition beinhalten würden. Vom Dorf würde nicht viel übrigbleiben.

Kapitel 1

London, Oktober 1968

Das erste Wort, das Liz Houghton hervorbrachte, als sie durch die Drehtür des Daily Express-Gebäudes in die helle Nachmittagssonne trat, hatte vier Buchstaben und begann mit f. Sie sah sich um und war froh, dass niemand sie gehört hatte. Sie war dazu erzogen worden, nicht zu fluchen, und ihre Mutter wäre entsetzt, wüsste sie, dass sie dieses Wort überhaupt kannte. Doch sie fand, der Augenblick verlangte nach deutlichen Worten. Ihr Herz raste immer noch. Wieder stieg ihr die Röte in die Wangen, als sich die Szene, die sie gerade erlebt hatte, erneut in ihrem Kopf abspielte. Miss Knights selbstherrliches Lächeln, ihr unschuldiges Kuhgesicht, mit dem sie Liz anstarrte, während sie ihr den Rückweg von der Toilette versperrte.

„Auf ein Wort, Miss Houghton. Es geht um Mr Green.“

„Mr Green? Was ist mit ihm?“ Liz war um einen desinteressierten Ton bemüht.

„Mir ist aufgefallen, dass Sie beide sich in der letzten Zeit recht gut … angefreundet haben.“

Sie hatte gespürt, wie sie rot wurde. „Wir waren ein paarmal gemeinsam etwas trinken.“

„Etwas trinken.“ Ihr Grinsen wurde breiter. Miss Knight war die Leiterin der Schreibstube und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alles zu bemerken. „Wie dem auch sei. Ich dachte, ich sollte etwas sagen, zu Ihrem eigenen Besten, verstehen Sie. Bevor es zu ernst wird.“

„Was meinen Sie?“ Liz hörte die Schärfe in ihrer Stimme.

„Sie wissen, dass er verheiratet ist, nicht wahr?“

Liz warf ihr langes Haar zurück und schaute Miss Knight voller Trotz an. Es war, als stünde sie wieder einem ihrer Lehrer auf der Schule gegenüber. „Natürlich. Ich weiß allerdings nicht, was das mit irgendetwas zu tun hat. Ich bin sicher, dass es einem verheirateten Mann gestattet ist, mit einer Kollegin einen Drink zu nehmen. In einem beruflichen Kontext.“

„Ein beruflicher Kontext.“ Wieder dieses herablassende Lächeln, das Liz ihr gern aus dem Gesicht geschlagen hätte.

„Was Ihre Kollegen in ihrer Freizeit tun, geht Sie nichts an, Miss Knight.“

„Ich bin auf Ihrer Seite, Liebes“, sagte Miss Knight. „Ich wollte Sie nur warnen. Sie wären nicht das erste Mädchen, das er vom rechten Weg abbringt. Und nur, damit Sie es wissen: Am Ende kehrt er immer wieder zu seiner Frau zurück. Ihr Mädchen seid für ihn nur ein wenig Spaß.“

Liz rang um Fassung. „Danke für Ihre Besorgnis, Miss Knight, aber ich bin sehr gut in der Lage, auf mich selbst aufzupassen“, sagte sie. „Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, ich muss mich auf den Heimweg machen. Ich gehe heute Abend ins Theater.“

Sie schob sich an der älteren Frau vorbei, ging den Flur hinunter, nahm die Treppe und trat ins Freie. Die sinkende Sonne schien ihr direkt ins Gesicht. Sie ging die Fleet Street hinunter bis zur Strand.

WO IST DIE KLEINE LUCY?, stand auf Plakattafeln, während die Zeitungsverkäufer schrien: „Hat jemand die kleine Lucy gesehen? Lesen Sie alles darüber. Holen Sie sich den Evening Standard.“

Liz schenkte ihnen keine Beachtung und schob sich durch die Menschenmenge zur U-Bahn-Station, wo sie sich zur Linie nach Victoria hindurchkämpfte. Es war ein langer Fußweg von der Station zu ihrer Wohnung in Fulham. Normalerweise genoss sie ihn. Die Möglichkeit herunterzukommen, nach dem ersten Blick auf die Themse Ausschau zu halten, doch heute konnte sie es nicht erwarten, nach Hause zu kommen und die Tür zwischen sich und der Welt zu schließen.

„Wie kann er es wagen“, sagte sie laut. „Wie kann er es verdammt noch mal wagen?“

Liz erreichte ihr Ziel inmitten einer Reihe von viktorianischen Häusern. Ihre Wohnung befand sich im ersten Stock und hatte ein schönes Erkerfenster, das auf die ruhige Straße hinausging. Wenn man sich aus dem Badezimmerfenster lehnte, konnte man sogar zwischen den Häusern die Themse erkennen. Sie wohnte nun seit einem Jahr hier und teilte sich die Wohnung mit einer alten Schulfreundin. Bei ihrem Einzug war sie voller Hoffnung gewesen – endlich aus den Fängen ihrer Eltern heraus. Sie hatte eine neue, interessante Arbeit, würde das Beste aus ihrem Leben machen und keinesfalls je wieder an Edmond Harrington denken.

Liz drehte den Schlüssel im Schloss, betrat die Wohnung, warf ihre Tasche weg und streifte ihre Schuhe ab.

„Bist du da, Marisa?“, rief sie.

„Im Schlafzimmer. Trage gerade mein Make-up auf. Habe ein heißes Date.“

Liz ging ins Schlafzimmer. Marisa saß an ihrem Frisiertisch und klebte sich geschickt falsche Wimpern an. Sie war eine atemberaubende junge Frau. Ihr Vater, ein Cockney und Londoner Polizist, hatte ihre Mutter auf Malta kennengelernt, als er während des Krieges dort stationiert gewesen war. Marisa hatte den olivfarbenen Teint ihrer Mutter, deren üppiges schwarzes Haar und die großen dunklen Augen geerbt. Diese Augen funkelten, wenn sie lachte, und das tat sie oft. Natürlich mangelte es ihr nicht an Verehrern und sie hatte auch nicht vor, in nächster Zeit sesshaft zu werden. Sie war das genaue Gegenteil von Liz, die ruhig und zurückhaltend war, dazu groß und schlank, mit aschblondem Haar und blauen Augen.

Seit sie im Alter von dreizehn Jahren beide neu auf einer feinen Londoner Klosterschule eingeschult worden waren, waren sie Freundinnen. Marisa hatte ein Stipendium und wurde wegen ihres Cockney-Dialekts, ihres exotischen Aussehens und ihrer Intelligenz von einigen der anderen Mädchen von oben herab beäugt. Liz wurde weitgehend ignoriert, weil sie ruhig, schüchtern und ein Bücherwurm war. Manchmal zürnten sie ihr auch und nannten sie eine Streberin, wenn sie in Englisch oder Geschichte brillierte. Und so begann eine unwahrscheinliche Freundschaft. „Wir beide gegen die Welt“, pflegte Marisa zu sagen.

Nach der Schule verloren sie sich aus den Augen, nur um auf der Strand ineinanderzulaufen, wo Marisa gerade einen Betrunkenen festnahm. Wie sich herausstellte, war sie in die Fußstapfen ihres Vaters getreten und zur Metropolitan Police gegangen. Sie sahen sich wieder häufiger und als sie beide der erdrückenden und behüteten Atmosphäre zu Hause entkommen wollten, hatten sie gemeinsam eine Wohnung bezogen.

„Wie sehe ich aus?“ Marisa lächelte betörend. „Meinst du, die Wimpern sind zu viel?“

„Du siehst toll aus“, sagte Liz. „Du siehst immer toll aus, egal was du tust.“

Marisa nahm den Tonfall ihrer Freundin wahr. „Was ist mit dir los?“

Liz warf sich auf ihr Bett. „Du kennst doch diesen netten Typen, mit dem ich mich treffe? Dieser nette Bob Green, der gern liest und ins Theater geht, lange Spaziergänge auf dem Land liebt und mich in sein Cottage in den Cotswolds eingeladen hat?“

„Ja?“ Marisa schaute sie misstrauisch an.

„Das Einzige, was er vergessen hat mir zu sagen, ist, dass in der Zeit, in der ich mit ihm in seinem Cottage in den Cotswolds sitze, seine Frau mit den Kindern in der Wohnung in London bleibt.“

„Heilige Scheiße.“ Marisa hatte kein Problem mit Schimpfwörtern. „Was für ein Arsch. Macht dich glauben, du hättest einen Seelenverwandten gefunden, jemanden, mit dem du reden kannst.“

Liz hielt Tränen der Wut zurück und setzte sich auf. „Was stimmt denn mit mir nicht, Marisa? Bin ich dazu verdammt, immer die falschen Männer kennenzulernen? Zuerst war da Alistair, der annehmbar war, dabei aber langweilig wie die Hölle. Dann traf ich Edmond und dachte, ich hätte die Liebe meines Lebens gefunden. Ich war mir sicher, er würde mir einen Antrag machen. Dann bekam er seinen Traumjob in Australien und war fort. Seitdem habe ich kein einziges verdammtes Wort mehr von ihm gehört.“

„Er ist Bergbauingenieur“, sagte Marisa. „Er ist vielleicht im Outback, meilenweit vom nächsten Briefkasten entfernt.“

„Ein Jahr lang?“, fragte Liz. „Selbst wenn er mit einem Kamel eine Nachricht losgeschickt hätte, hätte die mich mittlerweile erreicht. Selbst wenn er durch die verdammte Wüste zur nächsten Poststelle gekrochen wäre. Nein, ich muss akzeptieren, dass er es mit mir nie so ernst gemeint hat wie ich es mit ihm. Und nun dachte ich, ich hätte den sicheren und verlässlichen Bob Green kennengelernt, und es stellt sich heraus, dass er verdammt noch mal verheiratet ist.“ Sie nahm ein herzförmiges Kissen und schleuderte es durchs Zimmer. „Ich bin verdammt, das ist es. Verdammt, eine alte Jungfer zu werden und beim Express in der Abteilung für Nachrufe zu arbeiten.“

Marisa setzte sich neben sie aufs Bett. „Es wird besser werden, du wirst schon sehen. Es war einfach Pech, dass du in der Redaktion jemandem auf den Schlips getreten bist. Es hätte die Story des Jahres werden können. Du hättest berühmt sein können.“ Sie tätschelte Liz’ Knie. „Woher hättest du wissen sollen, dass der blöde Abgeordnete ein Schulfreund von Lord Wasweißich gewesen ist, dem die Zeitung gehört?“

Liz zuckte die Achseln. „Dann hätte ich eben kündigen sollen. Die Verbannung zu den Nachrufen ist schlimmer als der Tod.“ Sie knuffte Marisa in die Seite. „Weißt du was, Marisa? Ich kündige. Ich kann Bob Green nicht jeden Tag gegenübertreten. Oder dieser Kuh, Miss Knight. Ich sollte doch auch bei einer anderen Zeitung eine Stelle bekommen, meinst du nicht?“

„Es sei denn, Lord Wasweißich hat schlecht über dich geredet.“

Liz seufzte. „Ja, ich schätze, das könnte er getan haben. Er ist gehässig genug dafür. Er hat doch diese verschleierte Drohung ausgesprochen, oder?“

„Drohung?“

„Dass er nicht dafür garantieren könnte, was mir zustieße, wenn ich die Geschichte an eine andere Zeitung verkaufte. Ich habe das so verstanden, dass ich in diesem Fall in der Themse treibend gefunden würde.“

„Verdammte Männer“, sagte Marisa. „Warum haben sie die ganze Macht? Wo wir gerade davon sprechen.“ Sie stand auf und ging zum Fenster. Ich habe eine Aufgabe bekommen. Könnte eine gute sein. Besser als diese dauernden Fälle von häuslicher Gewalt.“

„Worum geht es?“

„Du hast doch von diesem Kind gehört, das vermisst wird? Die kleine Lucy?“

„Klar. Wie hätte mir das entgehen können? Es steht überall.“

Marisa fuhr fort. „Wir haben Hinweise bekommen, weißt du. Ein Mädchen ihres Alters und ihrer Beschreibung wurde in Dorset auf dem Rücksitz eines Autos gesehen. Derjenige, der das gemeldet hat, sagte, das Mädchen habe zum Fenster hinausgeschaut und ängstlich gewirkt. Also schicken sie mich an die Südküste, damit ich vielleicht etwas herausfinde.“

„Wenn sie noch lebt, sind das doch gute Neuigkeiten, oder?“, sagte Liz. „Wenn jemand sie mit der Absicht entführt hätte, sie zu töten, hätte er das sicher längst getan.“

„Möglich“, sagte Marisa. „Wie auch immer, es wird die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, nehme ich an. Aber auf der Polizei lastet ein enormer Druck. Die Leute denken, wir täten nicht genug. Denn wie kann ein Kind einfach am helllichten Tag mitten in London aus einem Garten verschwinden?“

„Ich finde es großartig, dass sie dich schicken“, sagte Liz. „Sie müssen viel von dir halten, wenn sie dir eine so wichtige Aufgabe geben.“

Marisa zuckte die Achseln. „Ich denke, es war eher ein Einfall, den jemand nachträglich hatte. Sie meinten, wir sollten einen weiblichen Officer dabeihaben, falls wir das Kind finden und es die Hand einer Frau braucht.“

„Verstehe. Du arbeitest also mit männlichen Officers?“

„Mit einem. Und ich bin nicht begeistert. Er heißt DI Jones und ist mindestens fünfzig. Pummelig, unverheiratet, achtet nicht auf sich – du kennst den Typ. Und er mag keine Frauen. Das hat er sehr deutlich gemacht, als wir uns heute gesehen haben. Ich kam herein, und weißt du, was er als Erstes sagte? Er sagte ‚Oh Gott, Hilfe ist eingetroffen. Gehen Sie und bringen Sie mir eine Tasse Tee, Liebes.‘“

„Verdammte Frechheit.“ Liz nickte mitfühlend. „Aber davon gibt es einfach zu viele, oder? Ich hatte auch schon meinen Teil an Typen, die auf mich herabschauten und sich überlegen fühlten, nur weil sie Hosen tragen.“

„Nun da die Mode lange Haare und Blumenklamotten auch für Männer vorschreibt, ändert sich das vielleicht“, sagte Marisa kichernd. „Aber nicht für den alten DI Jones. Er wollte wirklich nicht mit mir arbeiten, bis ihm klipp und klar gesagt wurde, dass er muss. Ich habe das Gefühl, das wird ein Heidenspaß.“

„Wann fährst du?“

„Morgen früh. Mit dem Neun-Uhr-Zug nach Weymouth.“ Sie sprang auf. „Und deshalb gehe ich heute Abend zu einer Verabredung. Es könnte vorerst meine letzte sein.“

„Triffst du dich wieder mit Des?“

„Des? Nein, das ist vorbei. Zu langweilig. Er hat den ganzen Abend über Rennautos gesprochen. Nein, diesmal ist es ein Zivilpolizist, quasi ein Kollege. Ronnie. Groß, gut aussehend und aus East London wie ich. Wir haben also etwas gemeinsam.“

„Viel Spaß“, sagte Liz. „Wenn wir noch diese Wodkaflasche haben, findest du mich bewusstlos vor, wenn du nach Hause kommst.“

Marisas Lächeln schwand. „Du wirst nichts Dummes tun, oder?“

„Außer Wodka trinken?“ Liz lächelte. „Nein, du wirst mich nicht tot in der Badewanne finden. Ehrlich, kein Mann ist das wert.“

„Ich kann Ronnie anrufen und unsere Verabredung absagen, wenn du willst.“ Marisa sah immer noch besorgt aus.

„Sei nicht dumm. Geh nur. Geh und hab einen schönen Abend. Eine von uns muss das.“ Sie schubste Marisa spielerisch und ließ sich dann aufs Bett zurückfallen. Ich habe Glück gehabt, sagte sie sich. Sicher hätte sie mit ihm geschlafen, wenn sie in dieses Cottage gefahren wären. Er schien so nett, intelligent, sensibel, etwas älter, ruhiger. Genau das, was sie nach dem Herzschmerz mit Edmond brauchte. Wie sollte sie Bob je wieder gegenübertreten? Wenn sie ihm sagte, was für eine Ratte er war, würde es jemand mitbekommen und es würde sich in der ganzen Redaktion ausbreiten. Das Mädchen, das jemandem auf den Schlips getreten ist und nun bei den Nachrufen arbeitet? Nun, es hat sich herausgestellt, dass sie etwas mit Bob Green hatte, und jetzt haben die beiden einen Riesenstreit.

Liz schloss ihre Augen und versuchte, den Schmerz auszublenden. Morgen früh würde sie ihre Kündigung einreichen und sich eine andere Stelle suchen. Aber was, wenn sie nicht sofort eine fand? Sie hatte keine Ersparnisse, um weiterhin die Miete zu bezahlen. Sie würde die Wohnung aufgeben, Marisa im Stich lassen und nach Hause zurückkehren müssen. Ihren Eltern würde das natürlich gefallen. Sie waren recht verzweifelt gewesen, als sie ihnen mitgeteilt hatte, dass sie zu einer Freundin ziehen würde.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist, Liebes? Ich meine, London ist eine große Stadt, und man kann nie wissen, wer nebenan wohnt.“ Ihre Mutter hatte ihre Hand genommen. „Geh nicht, Lizzie. Verlass uns nicht. Was ist falsch daran, hier zu wohnen? Wir machen es doch schön für dich, oder nicht? Du hast alles, was du willst, und wir wohnen direkt an der U-Bahn-Station. Es ist ja nicht so, als befänden wir uns mitten im Nirgendwo. Wir sind sogar nach London gezogen, damit du eine gute Schule besuchen konntest.“

Ja, und dann habt ihr mich nicht auf die Universität gehen lassen, wollte sie sagen. Obwohl meine Lehrer gesagt haben, dass ich gut genug für ein Stipendium für Oxford wäre und einen guten Beruf haben könnte. Doch ihr Vater hatte seinen Kopf geschüttelt. „Es hat keinen Sinn, für die Universitätsausbildung eines Mädchens Geld auszugeben, Lizzie. All die Lernerei, wofür? Du wirst heiraten wie alle anderen Mädchen.“ Und so hatten sie stattdessen eine Sekretärinnenschule vorgeschlagen. „Für gute Sekretärinnen wird es immer Arbeit geben, Lizzie.“ Nur dass sie keine gute Sekretärin war. Ihr Maschineschreiben und Steno waren bestenfalls passabel. Sie hatte sich einige Zeit in einer Anwaltskanzlei gequält (wo sie den sehr passenden Alistair getroffen hatte, der ihren Eltern sehr gefiel) und war dann bei Daily Express gelandet. Dort ergriff sie die Gelegenheit, in der Nachrichtenredaktion zu arbeiten, wo sie an immer mehr herausfordernden Geschichten arbeitete. Bis sie die schicksalhafte Story erwischte. Die, die sie zu den Nachrufen gebracht hatte.

Die Vorstellung, zurück nach Hause zu ziehen, war mehr als sie ertragen konnte. Ihre Mutter, die schon immer sehr emotional und anhänglich gewesen war und nun geistig abbaute, würde sich stetig um sie bemühen, sich Sorgen machen und alles für sie tun wollen. Dad wäre gut gelaunt und zuversichtlich: „Keine Sorge, Lizzie. Du wirst bald eine andere Stelle finden. Und bis dahin bist du hier sicher. Du weißt doch, wie glücklich deine Mutter darüber ist, oder?“

Das war das Schlimmste daran, ein Einzelkind zu sein. Und nicht nur das, sondern auch, das Kind älterer Eltern zu sein. Ein spätes Wunder in deren Leben. Natürlich wollten sie an ihr festhalten und sie umsorgen, besonders ihre Mutter. Doch diese übertriebene Fürsorglichkeit hatte ihre Spuren hinterlassen. Ihr Vater vergaß nie, sie daran zu erinnern, wie sie einmal ihre Brieftasche verloren hatte oder in den falschen Zug gestiegen war, und er zu ihrer Rettung gekommen war. Dazu kam der Verlust Edmonds, wodurch sie sich weniger selbstsicher fühlte und größere Angst hatte, einen Fehler zu machen.

Wie sie Marisa um deren Zuhause beneidete! Das überfüllte Reihenhaus im East End mit fünf jüngeren Geschwistern, den exotischen Essensdüften und Marisas Mum, die lachte und sang und Liz in den Arm nahm, wenn sie zu Besuch kam. Dort herrschten immer Lärm und Chaos und es kam Liz wie der Himmel vor.

Und nun fuhr Marisa fort. Sie würde ein paar Tage weg sein, vielleicht sogar länger. Und sie hatte die Möglichkeit, etwas Wichtiges zu tun. Wenn sie das vermisste Mädchen fand, würde man sie als Heldin feiern. Womöglich würde sie befördert werden. Ihr Foto wäre in den Zeitungen. Und das kleine Mädchen in Sicherheit.

Ach, wenn doch nur, sagte sich Liz und fragte sich gleichzeitig, was sie eigentlich meinte. Wenn ich das nur wäre und diese Geschichte verfolgen könnte … Sie setzte sich auf, den Mund erwartungsvoll und zugleich bestürzt geöffnet. Könnte ich?, fragte sie sich. Würde ich es wagen?

Dann gab sie sich eine Antwort: „Was habe ich denn zu verlieren?“

Als Marisa um elf Uhr nach Hause kam, ihr Make-up verschmiert von einer ausgiebigen Knutscherei, war Liz noch wach und angekleidet.

„Oh, du bist noch wach“, sagte Marisa. „Ich hatte so einen schönen Abend. Wir waren im Kino. Letzte Reihe. Er kann so gut küssen.“

Liz nickte. „Hör mal, ich hatte eine Idee. Einen Weg, meinen Ruf bei der Zeitung wiederherzustellen. Was, wenn ich mit dir nach Dorset fahre? Und dort helfe, nach dem vermissten Mädchen zu suchen?“

„Was?“ Marisa sah sie misstrauisch an und lachte dann. „Liz, ich fahre dort als Polizistin hin. Ich kann keine Freunde mitbringen.“

„Das verstehe ich. Aber was, wenn ich dich in Dorset einfach so treffe und du mich deinem DI Jones als Journalistin vorstellst, die ebenfalls nach dem vermissten Mädchen sucht? Und ihm vorschlägst, dass wir zusammenarbeiten, um effizienter zu sein?“

Marisa schüttelte den Kopf. „Du kennst DI Jones nicht. Mit einer Frau zu arbeiten, wird schlimm genug für ihn. Aber zwei?“

„Es ist einen Versuch wert, oder?“, fragte Liz. „Ich habe nachgedacht und werde nicht in die Redaktion zurückkehren. Zumindest nicht zu den Nachrufen. Ich werde anrufen und sagen, dass ich krank bin. Also sag mir, wohin du fährst und wo du unterkommst, und ich richte es ein, dich dort zufällig zu treffen. Dann werden wir schon sehen, was passiert.“

Marisa runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, Liz. Ich könnte deinetwegen eine Menge Ärger bekommen. Es wird ohnehin schon nicht leicht mit diesem DI. Tu es nicht.“

„Aber verstehst du denn nicht, Marisa? Wenn ich einen Coup landen kann … wenn ich helfe, das vermisste Mädchen zu finden, muss mich meine Zeitung wieder ernstnehmen. Schau, ich werde vorsichtig sein und auf keinen Fall das Falsche sagen. Ich werde dir nicht im Weg sein und deine Ermittlung nicht behindern. Aber es ist eine Chance, die ich ergreifen muss, wenn du nicht willst, dass ich meine Stelle kündige und zurück zu meinen Eltern ziehe.“

Marisa stand halb abgewandt. Liz erhob sich und legte ihr zaghaft eine Hand auf die Schulter. „Komm schon, Marisa. Bitte.“

Kopfschüttelnd drehte Marisa sich um. „Ich glaube, du bist völlig übergeschnappt“, sagte sie.

„Aber du lässt es mich tun, nicht wahr? Wer weiß, vielleicht bin ich sogar nützlich.“

Marisa zuckte die Achseln. „Ich nehme an, ich kann dich nicht aufhalten, wenn du zufällig eine kleine Auszeit an der Südküste nehmen möchtest. Aber ich kann dir nicht sagen, wohin wir fahren, weil ich es nicht weiß. Mir wurde nur gesagt, dass ich den Neun-Uhr-Zug nach Weymouth nehmen soll. Die örtliche Polizei wird uns dort am Bahnsteig abholen. Und du kannst dich absolut nicht in das, was wir tun, einmischen. Das meine ich ernst, Liz. Was, wenn du versehentlich dem Entführer einen Tipp gibst und er das Mädchen umbringt, bevor wir ihn fassen können …“

„Keine Sorge“, sagte Liz. „Ich werde euch nicht in die Quere kommen. Außerdem bin ich sehr gut im Ermitteln. Schließlich war ich es, die die Sache über den Abgeordneten und das Callgirl herausgefunden hat.“

„Und schau, wohin dich das gebracht hat“, sagte Marisa, öffnete den Reißverschluss ihres Kleides und ließ es zu Boden gleiten.

Kapitel 2

Mehr wurde in dieser Nacht nicht gesagt. Liz lag wach, weil sie zu aufgekratzt zum Schlafen war. Was versprach sie sich wirklich davon? Und was, wenn sie Marisa in Schwierigkeiten brachte? Beinahe wäre sie zu dem Schluss gelangt, dass es eine Schnapsidee war, doch eine leise Stimme in ihrem Kopf sagte, dass sie nicht so schnell aufgeben sollte. Nicht kneifen. Wenn sie sich als Investigativjournalistin beweisen wollte, musste sie Risiken eingehen. Zumindest wäre sie weit weg von Bob Green und der giftigen Miss Knight. Wenn auch sonst nichts, hätte sie Zeit zum Nachdenken. Schließlich verklangen die Geräusche der Stadt und sie driftete in den Schlaf.

Sie stand früh auf, packte ein paar Kleidungsstücke und Toilettenartikel in eine Reisetasche und war fort, bevor Marisa aufwachte. Sie ging zur Waterloo Station und kaufte sich dort einen Kaffee und ein Brötchen. Von einer Telefonzelle aus rief sie beim Express an und landete bei Dick Haskell, dessen Nachtschicht noch nicht zu Ende war.

„Können Sie mir einen Gefallen tun, Dick?“, bat sie. „Können Sie eine Notiz schreiben, dass ich mich krankgemeldet habe? Ich habe Magenschmerzen.“

„Warum rufen Sie nicht selbst an, wenn alle anderen im Büro sind?“

„Vielleicht ist mir später nicht nach Telefonieren.“

Es entstand eine Pause. Dann fragte er: „Was haben Sie vor, Houghton?“

„Das habe ich Ihnen gesagt. Magenschmerzen. Nicht schön. Sie möchten keine Einzelheiten.“

„Na klar. Ich gebe es weiter. Die Nachrufe werden ohne Sie auseinanderbrechen.“ Lachend legte er auf.

Dann wartete sie, bis sie Marisa an der Seite eines untersetzten Mannes mit schütterem Haar entdeckte. Er trug einen beigefarbenen Regenmantel, der das Markenzeichen aller Zivilpolizisten zu sein schien. Marisa trug einen marineblauen Faltenrock und eine Wildlederjacke, dazu ihre neuen weißen Stiefel. Sie sah schick aus, wie immer. Und nicht besonders glücklich. Sie schaute sich um und versuchte, Liz zu entdecken.

Liz ging zum Bahnsteig und gab sich immer noch nicht zu erkennen. Dieser Teil machte Spaß. Wie ein Kinderspiel. Sie spielte eine Rolle. Liz, die furchtlose Ermittlerin. Sie versuchte, nicht daran zu denken, dass sie vielleicht gerade einen dummen Fehler machte, der sie und Marisa in Schwierigkeiten bringen konnte. Stattdessen sah sie schon vor sich, wie sie das Kind aufspürte, dessen Verschwinden seit einer Woche die Schlagzeilen bestimmte.

„Oh, Sie bieten mir eine Stelle bei der Sunday Times an? Wie nett. Aber ich habe bereits beim Guardian …“

Der Zug hupte ungeduldig und sie eilte hinein und setzte sich in den nächsten Waggon. Bis sie drei Stunden später in Weymouth an der Südküste ausstiegen, sah sie nichts von Marisa. Da gerade nicht die Zeit für Strandferien war, verließ nur eine kleine Gruppe von Menschen den Zug. Liz sorgte dafür, dass Marisa und DI Jones vor ihr liefen. Sie gab ihr Ticket ab und wartete, während sich ein Polizist den beiden näherte. Worte, die Liz nicht hören konnte, wurden getauscht dann nickten die beiden Ermittler und folgten dem Polizisten. Liz beeilte sich, ihnen zu folgen. Am Bordstein wartete ein Polizeiauto. Dann hörte sie Marisa laut und deutlich fragen: „Wo übernachten wir denn?“

„Wir haben für Sie Zimmer in der Seaview Lodge gebucht. Mit Seeblick. Es ist schön und um diese Jahreszeit leer“, war die Antwort.

Liz lächelte vor sich hin und erkundigte sich nach dem Weg zur Seaview Lodge. Als sie den Bahnhof verließ, sah sie den Hafen mit seinen Fischerbooten und pastellfarbenen Häusern. Sicher ein schöner Anblick an einem sonnigen Tag, doch heute kündeten schwere Wolken von bevorstehendem Regen, und der Wind, der vom Kanal herkam, war bitterkalt. Liz schlang den Schal fester um ihren Hals und ging in Richtung Ufer. Es war nur ein kurzes Stück die King Street hinauf zur Promenade am Sandstrand, der sich in die Bucht schmiegte. Seaview Lodge entpuppte sich als eines von einer Reihe georgianischer Häuser mit Seeblick. Die Gebäude, die aus einer Zeit stammten, in denen sie ein schönes Ferienziel für die viktorianische Mittelklasse gewesen waren, hatten ihre besten Tage hinter sich. Viele der kleinen Häuser waren in kleine Hotels verwandelt worden, von denen jedes einen Namen wie Seaview, Möwe oder Welle trug. Die Eigentümerin war überrascht und erfreut, Liz zu sehen.

„Zu dieser Jahreszeit haben wir nicht viele Gäste“, sagte sie. „Wir schließen Ende Oktober. Ich habe schon zu meinem Ehemann gesagt, dass wir vielleicht jetzt schon schließen sollten, und dann bekommen wir heute mehrere Gäste. Außer Ihnen haben sich noch weitere angemeldet. Sie sind noch nicht hier, aber sie haben gebucht. Mein Mann wird sagen: ‚Ich habe dir doch gesagt, dass wir noch geöffnet lassen sollen.‘” Und sie lachte. „Ich bin Mrs Robinson. Und Ihr Name?“

Liz war versucht, einen falschen zu nennen, sagte aber: „Miss Houghton.“

„Schön, Sie kennenzulernen, meine Liebe. Möchten Sie ein Einzelzimmer? Und für wie lange?“

Liz sagte ihr, dass sie sich nicht sicher war, aber vermutlich eine Woche bleiben würde.

„Sie sind aus London, nicht wahr?“

„Ja“, sagte Liz. „Auf einer Auszeit für ein paar Tage.“

„Das kann ich Ihnen nicht verdenken, Liebes“, sagte die Eigentümerin. „Ich könnte in so einer großen Stadt nicht leben. All der Lärm und die Geschäftigkeit. Es ist nicht gesund, nicht wahr? Arbeiten Sie dort?“

„Ja“, sagte Liz. „Ich bin Reporterin bei einer Zeitung. Stressige Arbeit.“

„Das glaube ich.“ Die Frau schwieg und dachte über das Gesagte nach. „Sie sind doch nicht wegen einer Geschichte hier unten? Skandal in Weymouth? Etwas Unrechtes, das vor unserer Nase geschieht?“

Liz wagte ein leichtes Lachen. „Wenn es so wäre, dürfte ich es Ihnen nicht sagen, Mrs Robinson.“

Die Frau lachte ebenfalls. „Nun, ich glaube nicht, dass hier unten allzu schlimme Dinge vor sich gehen. Normalerweise kommen viele alte Käuze hierher und machen Ferien. Veteranen, die ihrer Gesundheut wegen am Strand spazieren gehen. Und wie Sie sehen, ist es zu dieser Jahreszeit ziemlich verlassen. Die meisten Attraktionen sind geschlossen. Wie ausgestorben.“

„Genau, was ich im Moment brauche“, sagte Liz. „Ruhe und Frieden.“

Mrs Robinson nickte. „Die anderen Gäste, die heute noch kommen, sind ebenfalls aus London. Ein Mr Jones und eine Miss Young. Ich weiß nicht, ob zwischen denen etwas ist oder ob es einfach nur eine Geschäftsreise ist. Heutzutage weiß man nie, nicht wahr, bei all dem Gerede von freier Liebe und so.“ Sie lächelte wissend. „Aber in diesem Geschäft muss man lernen, offen zu sein. Mal ein Auge zudrücken, wie mein Mann sagt. Ich nehme an, wir werden mehr herausfinden, wenn sie ankommen.“

Sie führte Liz in ein schmales Einzelzimmer auf der Seeseite. Es war makellos sauber, wenn auch spartanisch eingerichtet, mit einem Waschbecken, einer kleinen Kommode mit Schubladen und einigen Haken mit Kleiderbügeln an der Wand. Aber dazu gab es ein rosafarben bezogenes Federbett, einen Spiegel an der Rückwand und über dem Bett eines dieser gestickten Wandbilder, auf dem stand There is no place like home. Liz hatte das Gefühl, dass dies dem Zweck eines gastfreundlichen Hotels zuwiderlief, und lächelte vor sich hin.

„Das Bad ist den Flur runter, Liebes. Vorsicht mit dem Wasser aus dem Durchlauferhitzer. Es ist sehr heiß. Werden Sie hier frühstücken und zu Abend essen?“

„Ja, ich denke schon. Danke schön.“

„Das Abendessen ist um sieben. Wir haben schönen frischen Fisch hier. Sie mögen doch Fisch?“

„Oh, ja, sehr gern.“ Liz schenkte ihr ein Lächeln und hoffte, dass sie nun gehen und sie allein lassen würde.

„Dann gehe ich jetzt besser, nicht wahr?“ Die Frau strich ihre Schürze glatt und ließ Liz allein. Sie räumte ihre eilig gepackten Sachen aus und bemerkte, dass sie keine zusätzliche Strumpfhose eingepackt und ihre Haarbürste vergessen hatte. Sie würde in den Ort gehen und einen Woolworth finden müssen. Sie ging zum Fenster und schaute nach draußen. Es würde ganz sicher regnen. Sie hätte einen Regenmantel einpacken sollen. Aber sie konnte sich ja bei Woolworth eines dieser billigen Plastikdinger kaufen. Sie nahm den Anblick in sich auf: die Reihe bunt gestrichener Strandbuden, die sich in der sandigen Bucht aneinanderschmiegten, und das Hafenbecken auf der anderen Seite, eine viktorianische Uhr und ein Kriegsdenkmal.

Sie hielt inne und strich sich das Haar aus dem Gesicht. War sie schon einmal hier gewesen? Es kam ihr vage vertraut vor. Kurz nach dem Krieg hatte sie ein paar Strandurlaube in England und Wales mit ihren Eltern verbracht, bevor es in Mode kam, ins Ausland zu reisen. An Torquay erinnerte sie sich gern. Und an Newquay in Cornwall. Vielleicht auch Bournemouth? Sie war erst vier oder fünf gewesen und Strände, Eimer, Spaten, Eiscreme und Esel waren wichtiger gewesen als Ortsnamen. Doch ihre Eltern hatten immer größere Hotels gewählt als dieses. Solche mit einer Lounge mit Glasfront, in der sie ihren Kaffee trinken und vor dem Strandspaziergang die Zeitung lesen konnten. Absolut langweilig für ein kleines Kind. Weiter unten in der Bucht sah sie einige vornehmere Gebäude, doch keines davon weckte eine Erinnerung. Sie schlang ihr Tuch um ihren Kopf und ging wieder hinaus.

Nachdem sie ihre Einkäufe bei Woolies erledigt hatte, ging sie in ein Café, um ein Würstchen im Schlafrock zu essen und einen Tee zu trinken. Das Würstchen schmeckte wie Sägemehl, und sie wünschte, sie wäre zu dem indischen Restaurant gegangen, das sie vom Bahnhof aus gesehen hatte. Aber es bestand ja noch die Aussicht auf frischen Fisch am Abend, die sie aufheiterte. Bis jetzt hatte sich der Regen noch zurückgehalten, und sie wanderte durch den Ort und hielt Ausschau nach einem kleinen Mädchen. Schnell begriff sie, dass es hoffnungslos war: Wenn ein Entführer Lucy Fareham hergebracht hatte, würde er wohl kaum in aller Öffentlichkeit mit ihr spazieren gehen. Schließlich war ihr Foto in jeder Zeitung und im Fernsehen gewesen.

„Sagen wir es, wie es ist, Houghton“, murmelte sie. „Du weißt nicht, wonach du suchen sollst. Du hast keine Ahnung, wie du das hier angehen sollst, und du bist nur hierhergekommen, weil du vor deinem Leben in London davonrennst.“

Sie stimmte zu, dass all das wahr war, und kehrte ins Hotel zurück, wo sie ein erholsames Nachmittagsschläfchen machte.