Leseprobe Das Schicksal der Schwestern

Prolog

Von der Straße her drang nur mehr das Klacken vereinzelter Schritte ins Innere der Schreinerwerkstatt. Vor einer knappen Stunde hatte Lucas Vater die Fensterläden zugezogen und somit das letzte Licht des schwindenden Tages ausgesperrt. Der matte Schein einer Petroleumlampe warf den dunklen Schatten einer halb fertiggestellten venezianischen Gondel auf den kalten Steinfußboden. Je weiter sich die Schritte durch die Gasse entfernten, desto deutlicher trat das kratzende Geräusch eines Kohlestiftes an Lucas Ohren. Der kleine Lichtkreis der Lampe erhellte den Ausschnitt einer Szenerie, die unter Signore Rivas schwieligen Fingern entstand. Luca schwieg und beobachtete konzentriert, wie vor seinen Augen eine schmale Brücke Form annahm, deren Geländer sich von jenen, welche Luca nur zu gut von seinen Streifzügen und Botengängen kannte, unterschied. Im Kanal, der darunter hindurchführte, schwamm eine Gondel, allerdings konnte er nur das Ferro, jenes typische Bugeisen, erkennen.

„Merke dir, mein Sohn“, brummte sein Vater und Luca wusste, was jetzt kommen würde, „jedes meiner Bilder birgt ein Geheimnis. Gefährliche, dunkle Geheimnisse. Du musst verhindern, dass sie jemals in die Hände eines Fremden geraten!“

„Ja, Vater, ich weiß“, erwiderte Luca wie immer.

Insgeheim nahm er seinen Vater nicht sonderlich ernst. Welches Wissen sollte dieser schon besitzen, das andere Leute interessieren könnte?

Heute legte sein Vater indessen den Kohlestift beiseite und drehte den Kopf, um seinem Sohn eindringlich in die Augen zu schauen.

„Du glaubst mir nicht, Junge. Aber höre, es wird der Tag kommen, an dem du dich an meine Worte erinnern wirst. Ich fühle, dass es früher eintreten wird als mir lieb ist.“

Angesichts der ernsten Rede schluckte Luca hart. Ein dicker Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet.

„Eines Tages, wenn du ein Mann bist, werden dich meine Bilder in diese Stadt zurückbringen. Sie werden dich zum Ort des Verrats führen, zu meinen Mördern und vor allen Dingen zu einem Schatz, den sie niemals finden werden. Denn er gehört dir.“

Jegliche Farbe wich aus Lucas Wangen.

„Deinen Mördern, Vater?“

Der Schreiner senkte den Kopf und richtete den Blick auf die Zeichnung unter seinen Fingern.

„Ja, meinen Mördern“, bestätigte er. „Wenn sie kommen, musst du dich in Sicherheit bringen. Alles, was du zum Überleben brauchst, findest du in unserem Versteck. Dort verwahre ich ebenso die Leinwände.“

Von der bevorstehenden Bedrohung überrumpelt, war es Luca unmöglich, etwas zu erwidern. Hilflos starrte er auf den Hinterkopf des einzigen Menschen, der ihm auf dieser Welt geblieben war. Als hätte der den Blick seines Sohnes gespürt, wandte er sich ihm wieder zu. In seines Vaters Augen schimmerte eine Ernsthaftigkeit, die den Knaben umso mehr ängstigte.

„Du musst mir versprechen, Venedig zu verlassen. Schlage dich nach Rom durch. Du bist geschickt und wirst schnell Arbeit finden. Ich habe dir fast alles beigebracht, was ich weiß, deshalb mache ich mir keine Sorgen um dich. Trotzdem fordere ich dein Wort, frühestens in zwanzig Jahren zurückzukehren. Bis dahin sollten die Geschehnisse in Vergessenheit geraten sein und es wird dir gelingen, den Schatz gefahrlos zu bergen.“

Luca blinzelte, unfähig zu erfassen, was sein Vater soeben zu ihm gesagt hatte.

„Versprich mir, dass du nicht vor Ablauf dieser Zeitspanne hierher zurückkommen wirst!“

Nach wie vor starrte der Sohn Signore Riva wie betäubt an.

„Los, Luca! Ich will dein Wort!“

„Ja, Vater, das hast du“, krächzte der Jüngere mühsam. „Aber warum packen wir nicht unsere Sachen und fliehen?“

„Für mich gibt es kein Entkommen“, prophezeite der Gondelbauer und rollte die Leinwand zusammen.

Just in diesem Moment, als Luca widersprechen wollte, hob er Einhalt gebietend die Hand, lauschte. Ein Geräusch, als streiche jemand entlang der Hauswände in ihre Richtung, drang kaum wahrnehmbar zu ihnen herein.

„Mir scheint, wir haben dieses Gespräch zur rechten Zeit geführt.“

Signore Riva erhob sich und reichte seinem Sohn das zusammengerollte Bild. Dann legte er ihm die Hand auf die Schulter. Aufmunternd drückte er ihn, während er ihn ansah, als wollte er sich Lucas Gesicht für den Rest seines Lebens und darüber hinaus einprägen. Instinktiv wusste der Junge, dass dies ein Abschied für immer war. Mit zitternden Händen umklammerte er die Leinwand wie einen Rettungsring.

„Geh jetzt“, forderte sein Vater eindringlich. „Es ist Zeit!“

Endlich kam Leben in den Sohn und er schüttelte entschlossen den Kopf.

„Nein! Ich lasse dich nicht allein! Du kannst mich nicht zwingen, dich zu verlassen!“

„Luca!“ Die Stimme des Gondelbauers war schneidend und seine Augen funkelten hart. „Du machst jetzt das, was wir besprochen haben! Auf der Stelle!“

Mit festem Griff umschloss er den Oberarm seines Sohnes und zerrte ihn auf die andere Seite der Werkstatt. Dort öffnete er eine breite Tür, die auf einen schmalen Steg führte. Er löste das Seil einer Gondel, die an einem Holzpfahl festgebunden war, und stieß den Knaben auf das Boot.

„Verschwinde“, keuchte er, „und kehre nicht zurück! Erst wenn die Zeit gekommen ist!“

Er gab dem Flachschiff einen Schubs und Luca verlor sekundenlang das Gleichgewicht. Zum Glück hatte er sich, seit er ein kleiner Junge war, an Bord unterschiedlichster Schiffe aufgehalten und fing sich sofort wieder. Das Schwanken unter den Füßen war ihm vertraut. Lautlos glitt er von seinem Vater fort, der ihm einen Wimpernschlag lang nachsah. Aber noch bevor ihn die Dunkelheit gänzlich verschluckt hatte, wandte er sich um und kehrte in die Werkstatt zurück.

Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, breitete sich Stille aus, welche vorgaukelte, dass alles wie immer sei. Da rammte die Gondel die Mauer des gegenüberliegenden Hauses und riss Luca aus seiner Betäubung. Obwohl ihn sein Inneres dazu drängte, zum Vater zurückzukehren, ahnte er, dass er ihm nicht würde helfen können. Womöglich würde er ihn mit seinem neuerlichen Auftauchen ablenken. Deswegen sprang er schweren Herzens in den Frachtraum, versteckte die Leinwand in einem geheimen Hohlraum, griff nach dem langen Ruder und ließ sein Geburtshaus hinter sich zurück.

1

Zwanzig Jahre später

Im Laufe des Vormittags war Marta zwischen den Marktständen herumgeschlichen und hatte aufgesammelt, was zu Boden gefallen war. Die Ausbeute war nicht so ergiebig wie sonst, da sie ihre kleine Schwester, die sie sich auf den Rücken gebunden hatte, behinderte. Ihr Gewicht war schuld daran, dass die junge Frau oft nicht schnell genug war und andere Bettler ihr zuvorkamen. Nachdem sie der Mittagshitze, an die Wand eines Durchgangs gekauert, entkommen war, beschloss sie, ihr Glück am Piazza San Marco zu versuchen. Hier, rund um den Dogenpalast und den Markusdom, traf man hin und wieder auf einen angesehenen, reichen Bürger, der von einem Gebäude zum nächsten eilte. Doch es war wie verhext. Sie fand niemanden, den sie um ein paar Münzen anbetteln konnte. Mit gerunzelter Stirn untersuchte sie den Inhalt ihrer Stofftasche. Daraus würde sie nicht einmal eine Suppe kochen können! Ihr Geldbeutel stellte ebenfalls keinen Grund zur Freude dar: Sie hatte nur eine einzige Münze ergattert. Wenn sie Arturo damit unter die Augen träte, würde er sie zweifellos windelweich schlagen. Die Angst, welche sich während der letzten Stunden in ihrem Magen eingenistet hatte, ballte sich nun zu einem Stein zusammen. Er würde seine Drohung wahrmachen und Linda aussetzen. Bisher hatte Marta dies verhindern können. Aber wenn Arturo seine Vermutung, die kleine Schwester würde sie bei der Arbeit stören, bestätigt fände, wäre alles verloren.

Tränen glitzerten in Martas Augen, doch mit einer unwilligen Geste strich sie diese mit den Fingerspitzen fort und straffte die Schultern. Es musste einen Weg geben, dieses schreckliche Schicksal abzuwenden! Prüfend musterte sie den Himmel. Nicht mehr lange und die Sonne würde untergehen. Was sollte sie nur tun?

Plötzlich fiel ihr Blick auf einen Mann, der zielstrebig auf die gewaltigen Tore des Markusdoms zustrebte. Sie hatte nur Augen für ihn, erkannte ihn sofort. Es war der Bürgermeister dieser Stadt. Er würde hoffentlich ein Herz haben und ihr helfen. Welch ein Glück, dass er nicht mehr weit entfernt war. Sogleich begann sie zu laufen und stellte sich ihm im letzten Moment in den Weg.

„Bitte, Signore, haben Sie Mitleid! Nur eine kleine Münze!“

Auffordernd streckte sie eine Hand in Richtung des sichtlich erstarrten Mannes. Doch schon im nächsten Augenblick hatte er seine Überraschung abgeschüttelt und musterte sie von oben herab.

„Aus dem Weg, du Hure! Ein so widerliches Geschöpf wie du verdient es nicht zu leben!“

Entsetzt riss Marta die Augen auf.

„Aber das bin ich nicht! Dieses Kind ist meine kleine Schwester. Ich bitte Sie, haben Sie Mitleid!“

Entnervt stieß er sie rücksichtslos zur Seite und eilte weiter. Marta stolperte und wäre gefallen, hätte sich nicht eine Hand stützend um ihren Arm geschlossen, um ihr auf diese Weise Stabilität zu geben.

„Danke“, murmelte sie und sah auf, während sich ihr Retter wieder von ihr löste.

Er erwiderte nichts, sein Blick streifte sie nur kurz. Jene Hand, mit der er sie vor einem Sturz bewahrt hatte, tastete über die Vorderseite seiner Weste. Seine wohlgeformten Finger glitten in eine Tasche seines Gehrocks und er holte einige Münzen hervor. Ohne etwas zu sagen, griff er nach ihrer Hand und drückte das Geld auf ihre Handfläche. Als sie sein Almosen betrachtete, stellte sie fest, dass es mehr war, als sie jemals in einer Woche sammeln konnte. Ihr Mund öffnete sich überrumpelt und sie sah wieder zu ihm auf. Doch er hatte sich mittlerweile abgewandt und folgte dem Bürgermeister ins Innere des Doms.

„Mille grazie“, wiederholte sie überwältigt, obwohl er es nicht mehr hören konnte.

Marta wusste, dass sie den Fremden niemals vergessen würde. Seine dunklen, ernsten Augen hatten sich in ihr Gedächtnis gebrannt, als hätte jemand mit einem heißen Eisen ihre Haut mit einem Zeichen markiert. Dieser Mann hatte Linda davor gerettet, in die Gosse geworfen zu werden und gleichzeitig Marta eine Tracht Prügel erspart. Sie beschloss, Arturo das gesamte Geld nicht auf einmal zu geben. Nein, die Differenz würde sie für weniger einträgliche Tage aufheben.

 

Der Kanal lag dunkelblau im fahlen Mondschein. Das leise Plätschern, wenn das Ruder ins Wasser getaucht wurde, war das einzige Geräusch, welches die Stille durchbrach. Marta hatte ihr Haar unter einem Tuch verborgen und dieses wiederum unter einem breitkrempigen Hut. Abgesehen davon hatte sie ihr Tageskleid gegen ein Hosenpaar und ein weites Hemd getauscht. Ihre Sicherheit hing davon ab, dass niemand jemals herausfand, dass sie eine Frau war. Am Wichtigsten war, dass Arturo nichts von ihrem geheimen Nebeneinkommen erfuhr. Sollte er dahinterkommen, würde er ihr alles, was sie sich so mühsam erspart hatte, abnehmen und sie vermutlich windelweich schlagen. Außerdem würde er sie der Gilde der Gondolieri ausliefern. Es war anzunehmen, dass diese mit einer Frau, die nichts in ihrem Geschäft zu suchen hatte, kurzen Prozess machen würden. Trotzdem hatte Marta beschlossen, das Risiko einzugehen.

Als sie ihr Ziel erreicht hatte, befestigte sie die Gondel an zwei hölzernen Pfählen und sprang leichtfüßig auf die verlassene Gasse. Eine einzige Gaslaterne erhellte die Umgebung in einiger Entfernung nur unzureichend. Aber das tangierte Marta nicht. Die junge Frau kannte die Stadt wie ihre Westentasche. Leise huschte sie zu einer Haustür und schob ein versiegeltes Kuvert darunter hindurch. Dann richtete sie sich schnell wieder auf, wirbelte herum und prallte gegen einen harten Körper, der unbemerkt direkt hinter ihr aufgetaucht war. Sie unterdrückte einen erschrockenen Aufschrei, da legte sich auch schon eine Hand über ihren Mund, während eine andere ihren Oberarm umschloss.

„Keine Angst, Junge, ich tue dir nichts“, flüsterte eine Stimme an ihrem Ohr und Marta nickte eilig.

Obwohl ihr Herz raste, meinte sie zu erkennen, dass von dem Mann keine Bedrohung ausging. Als wollte er ihr seine Aufrichtigkeit beweisen, zog er die Hand von ihrem Mund.

„Ich brauche lediglich deine Hilfe. Kennst du dich in dieser Gegend aus?“

„Ja“, hauchte Marta, darum bemüht, ihre Stimme tiefer klingen zu lassen.

Neugierig hob sie den Kopf und versuchte, ihr Gegenüber trotz der Dunkelheit zu erkennen. Doch es war unmöglich. Die Gaslaterne war zu weit entfernt.

„Ich bezahle dich gut, wenn du mich zu dem Ort ruderst, den ich suche.“

„Ich bringe Sie überall hin“, versprach sie großspurig und fand, dass heute ihr Glückstag war.

„Gut“, sagte er, „aber ich verlange absolute Verschwiegenheit! Niemand darf davon erfahren!“

Marta nickte. Ihre Neugierde wurde immer größer. Wohin wollte er nur?

„Ich kann schweigen wie ein Grab.“

„Ausgezeichnet!“ Im Klang seiner Stimme meinte sie ein kleines Lächeln herauszuhören. „Dann komm!“

Sie eilte ihm voraus zu ihrer Gondel. Wobei „ihre“ übertrieben war. Jede Nacht „lieh“ Marta sich eines der Flachboote für ein paar Stunden aus. Bisher war ihr zum Glück niemand auf die Schliche gekommen. Schweigend wartete sie, bis er sich gesetzt hatte und griff nach dem Ruder.

„Wohin soll ich Sie bringen, Signore?“

Statt einer Antwort zog er eine weiße Rolle hervor, welche er neben der kleinen Lampe, die sie auf der Gondel entzündet hatte, ausbreitete. Überrascht blickte Marta auf eine Zeichnung. Sekundenlang starrte sie darauf, dann drehte sie den Kopf und musterte den geheimnisvollen Mann. In diesem Moment erkannte sie in ihm ihren Retter des gleichen Tages. Zum Glück war es zu dunkel, weshalb ihm ihre Überraschung entging. Verwirrt runzelte sie die Stirn.

„Das ist eine Zeichnung“, stellte sie verwundert fest.

„Offensichtlich“, erwiderte er. „Ist das ein Problem? Ich nehme an, du kommst viel herum.“

Wieder wandte sie sich dem Bild zu und studierte es mit zusammengezogenen Augenbrauen.

„Mir fallen auf Anhieb vier Brücken ein, die ein solches Geländer besitzen“, wisperte sie. „Vermutlich gibt es noch weitere.“

Bei dieser Offenbarung stieß er einen unwilligen Laut aus. Dann dehnte sich Stille zwischen ihnen aus, während sie beide auf die Zeichnung starrten. Plötzlich zog ein winziges Detail Martas Aufmerksamkeit auf sich. Ein kleiner Löwenkopf schien in eine der Brückenstreben geschnitzt worden zu sein. Sie zeigte mit dem Finger darauf.

„Ja?“, wollte er hoffnungsvoll wissen.

„Das ist ungewöhnlich“, flüsterte sie. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dieses Tier schon jemals bei einer der Brücken entdeckt hätte.“

Sein Mund verzog sich enttäuscht.

„Es ist von signifikanter Wichtigkeit, dass ich diesen Ort finde“, erklärte er eindringlich. „Kommt dir möglicherweise eines der Gebäude bekannt vor?“

So sehr sich Marta auch konzentrierte, sie vermochte keine Besonderheiten zu entdecken.

„Tut mir leid, nein. Es gibt viele Häuser, die ähnlich aussehen.“

„Dann müssen wir uns an die Brücken halten“, stellte der Fremde entschlossen fest. „Bringe mich zu der nächstgelegenen mit einem solchen Geländer!“

Marta richtete sich auf, löste die Gondel von den Pfählen, griff nach dem Ruder und sprang aufs Heck. Als sie sich mit einem Bein von der Mauer abstieß, bemerkte sie, dass er einen verstohlenen Blick um sich warf, als hätte er Angst, jemand würde sie beobachten.

Gemeinsam untersuchten sie die schmalen Brückengeländer nach dem kleinen Löwenkopf, der darin eingraviert sein musste. Doch es war ein erfolgloses Unterfangen. Als sie auch bei der dritten Brücke auf keinen Hinweis stießen, meinte Marta, die Enttäuschung des Fremden körperlich zu spüren.

„Es gibt diese Brücke“, brummte er und sackte auf einem jener Holzbretter zusammen, welche in der Gondel zum Transport von Fahrgästen montiert worden waren.

Marta saß ihm gegenüber auf dem Heck und ließ ihre Beine in den Innenraum baumeln. Sie war mittlerweile hundemüde und befürchtete, jeden Moment einzuschlafen. Leider hatte ihnen die vierte Brücke ebenso keinen Erfolg beschert.

„Ich verspreche, dass ich meine Augen offenhalten werde!“

Obwohl Marta keine Ahnung hatte, wie sie die spezielle Brücke finden könnte, wollte sie ihrem Kunden Hoffnung machen. Sie beschloss, alles für ihren Retter zu tun. Wenn dies bedeutete, für ihn eine ungewöhnliche Brücke aufzuspüren, dann würde sie erst wieder rasten, wenn er zufrieden war. Der Mann nickte gedankenversunken.

„Bring mich zurück“, bat er nach einer Weile und sie kam sogleich auf die Beine.

Dreißig Minuten später ließ sie ihn an jener Stelle aussteigen, an der ihre Suche begonnen hatte.

„Hole mich hier morgen zur gleichen Stunde ab.“

Er zog seine Geldbörse hervor und zählte einige Münzen ab, die er ihr übergab.

„Reicht das?“, wollte er kurz angebunden wissen.

Marta starrte auf das kleine Vermögen auf ihrer Handfläche.

„Das ist zu viel“, sagte sie aufrichtig.

Das erste Mal in dieser Nacht musterte er sie und seine Augen trafen ihre. Plötzlich lächelte er und Marta stockte der Atem. Bevor sie ihm etwas hätte zurückgeben können, war er aus der Gondel gestiegen.

„Bis morgen“, flüsterte er, setzte sich eilig in Bewegung und verschwand in der Dunkelheit.

2

Am folgenden Morgen beschloss Marta, sich Linda auf den Rücken zu schnallen und mit ihr gemeinsam auf die Suche nach jener Brücke zu gehen. Dank der großzügigen Entlohnung des Fremden war sie nicht mehr gezwungen zu betteln. Sie begann am Markusplatz und arbeitete sich entlang des Canale Grande weiter. Obwohl sie es gewohnt war, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein, meinte sie am Abend doch, dass diese ihr abfallen würden. Tapfer ließ sie sich nichts davon anmerken, als sie vor Arturo einige Münzen auf die Tischplatte legte, hinter der er mit verschränkten Armen saß und sie aus zusammengezogenen Augenbrauen finster musterte.

„Das wird ja immer weniger“, stellte er kalt fest. „Du solltest dich mehr anstrengen!“

Marta schluckte. War sie zu geizig gewesen und hatte zu viel einbehalten? Morgen würde sie zwei zusätzliche Münzen dazulegen.

„Die Huren bringen mir das Fünffache ein.“

Bei dieser unterschwelligen Drohung zuckte Marta zusammen. Ja, sie hatte eindeutig einen zu hohen Betrag auf die Seite gelegt!

„Morgen wird es mehr sein, ich verspreche es!“

Arturo scheuchte sie mit einer auffordernden Handbewegung aus dem Raum und Marta beeilte sich, ihm zu entkommen. Sie kochte ein karges Abendessen und brachte danach Linda zu Bett. Die Sonne war längst untergegangen und sie musste sich beeilen. Hastig wechselte sie in ihrem Zimmer die Kleidung und huschte durch den Hinterausgang ins Freie. Auf Zehenspitzen rannte sie durch enge Gassen, bis sie den Steg eines Transportunternehmens erreichte. Hier schaukelten mehrere Gondeln auf ihren Plätzen und Marta wählte die äußerste. Deren Fehlen würde am wenigsten auffallen.

 

Nachdem der Fremde zu ihr ins Boot gestiegen war, flüsterte sie ihm zu, dass sie im südlichen Bereich des Stadtteils San Marco keine passende Brücke gefunden hatte. Ihr Fahrgast nickte nur und breitete eine weitere Zeichnung vor ihr aus. Darauf waren einige Hausfassaden zu sehen, die nur teilweise von dem Licht einer Gaslampe erleuchtet wurden. Marta verengte auf der Suche nach ungewöhnlichen Details die Augen. Da entdeckte sie an einer Hauswand das Gesicht einer alten Frau und beugte sich näher. Entgeistert musterte sie diese. Sie wusste genau, wer das war. Guistina oder Lucia Rossi – je nachdem, wer von ihr erzählte – hatte im Jahre 1310 den Anführer einer Verschwörung gegen den Dogen Pietro Gradenigo zur Strecke gebracht, indem sie im richtigen Augenblick einen Mörser auf dessen Kopf hatte fallen lassen. Aber das war nicht der Grund, welcher sie mit Unbehagen erfüllte. Der lag darin verborgen, dass es sich hierbei um Arturos Haus handelte. Weshalb suchte der Fremde nach Arturo? Und was geschähe, wenn er ihn fände? Er durfte ihn nicht aufspüren! Marta würde alles dafür tun, um das Leben des großzügigen Mannes in der Gondel zu schützen.

„Hast du etwas erkannt?“, wollte er wissen und riss sie damit aus ihren Überlegungen.

„Nein“, log sie, blickte ihm nicht in die Augen. „Es gibt viele Häuser, die so aussehen.“

„Verdammt!“

Er lehnte sich zurück, legte den Kopf in den Nacken und starrte in den Sternenhimmel. Eine Weile saßen sie schweigend.

„Sollen wir weiter nach der Brücke suchen?“, fragte sie, da sie seine Enttäuschung nur schwer ertragen konnte.

Ihr Retter riss sich von der Betrachtung des funkelnden Firmaments los und kehrte mit seiner Aufmerksamkeit zu der Zeichnung zurück. Langsam, fast liebevoll, rollte er diese zusammen und verstaute sie in seiner Ledertasche. Dann lehnte er sich wieder nach hinten und Stille hüllte sie ein. Nur das leise Plätschern der Wellen gegen den hölzernen Bootsleib drang an ihre Ohren.

„Wie heißt du, Knabe?“, wollte er unvermittelt wissen und Marta versteifte sich.

Sie war froh, dass sie sich schon vor langer Zeit einen Namen überlegt hatte, den sie in einem solchen Fall nennen konnte.

„Pietro“, erwiderte sie deswegen ohne zu zögern und er nickte.

„Freut mich“, lächelte er. „Mein Name lautet Daniele Esposito und ich wohne in einem Haus in San Stae. In der Nähe der Kirche. Kennst du den Ort?“

„Si, Signore. Es ist nicht weit von hier.“

„Ja, das stimmt. Dann wirst du die Salizzada San Stae, Hausnummer 10, sicherlich finden.“

„Natürlich, mein Herr!“

„Gut.“

Er musterte sie eindringlich und sie hatte das Gefühl, als dringe sein Blick unter ihre Haut bis tief hinein in die Verborgenheit ihrer Gedanken. Sofort beschleunigte sich ihr Puls.

„Ich bitte dich, dir diese Zeichnungen genau einzuprägen. Solltest du irgendeinen Hinweis entdecken, irgendetwas, das dazu beitragen könnte, den Ort in der Realität zu finden, möchte ich, dass du mich umgehend informierst. Wärst du dazu bereit, Pietro?“

„Sicher, Signore Esposito!“

Er atmete tief durch.

„Weißt du, dies alles ist überaus wichtig für mich.“

Schlechtes Gewissen darüber, dass sie ihm eine Information bewusst vorenthielt, trübte ihre ausgezeichnete Laune.

„Ich werde mein Bestes geben“, versprach sie und wünschte, sie könnte ehrlich zu ihm sein.

Doch sie belog ihn ja nicht nur, indem sie Wissen vor ihm zurückhielt, sondern auch mit ihrer falschen Identität. Normalerweise bekümmerte es sie nicht, wenn sie jemanden täuschte. Bei Arturo machte sie es täglich. Vermutlich lag es daran, dass sie Signore Esposito ins Herz geschlossen hatte, weil er von freundlichem Wesen war. Er war ein guter Mann und hatte ihr aus einer schrecklichen Lage geholfen, ohne es zu wissen. Sie war überzeugt, dass er sich für sie noch mehr eingesetzt hätte, wenn ihm ihre Situation bekannt gewesen wäre.

„Vielen Dank“, sagte er, zog eine weitere Zeichnung aus der Tasche und rollte sie aus.

Es handelte sich wieder um die Brücke mit dem Löwenkopf.

„Bist du vollkommen sicher, dass du nicht weißt, wo sie ist?“, hinterfragte er erneut und Marta schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid.“

Minutenlang starrte er auf das Bild, dann meinte er: „Und wenn es sich um ein Symbol handelt? Der Löwe … was könnte er bedeuten?“

Marta kniff die Augen zusammen und beugte sich über die Zeichnung. Angestrengt überlegte sie. Ja, die Vermutung könnte stimmen. Ein Löwe … sie hatte diesen Löwen mehrmals gesehen. Wenn der Bürgermeister, Sindaco Caputo, eine Veranstaltung im Dogenpalast besuchte, wehte eine Fahne mit seinem Wappen auf dem Markusplatz. Unbewusst spannte sich die junge Frau an. Irgendetwas war an der ganzen Sache, den Zeichnungen, beunruhigend. Der Stadtvorsteher war ein Mann, vor dem man sich in Acht nehmen musste. Immerhin pflegte er Umgang mit Arturo. Allein ihre Verzweiflung hatte sie am vorigen Tag dazu bewogen, ihn um Hilfe zu bitten.

„Gibt es eine Freske, ein Bild, das einen bekannten Löwen zeigt?“

Marta fuhr sich mit einer Handfläche unbehaglich über den Oberarm.

„Die Sonne wird als Löwe dargestellt. Am Tage des Schutzheiligen von Venedig.“

Statt einer Antwort rieb sich der geheimnisvolle Fremde übers Kinn und für den Bruchteil einer Sekunde wirkte er, als würde er sich an etwas erinnern.

„Löwe, Stier und Venus in einer Linie“, murmelte er. „Am 25. April.“

„Ja.“

„Aber das ist kein Ort, sondern ein Datum.“

Er stöhnte auf und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasensteg. Marta bemühte sich darum, sich ihre Erleichterung darüber, dass es ihr gelungen war, ihn auf eine andere Fährte zu locken, nicht anmerken zu lassen.

„Himmel, ist das alles verworren!“

Langsam senkte er seine Hand. Dann rollte er die Zeichnung entschlossen zusammen, verstaute sie und holte eine neue heraus.

Darauf abgebildet war der Dogenpalast bei Nacht, erhellt von zwei kleinen Lichtern, welche die zwei einzigen rosafarbenen Säulen des Gebäudes erkennen ließen. Obwohl das Bild mit schwarzer Farbe gezeichnet worden war, wusste sie, dass es sich um diese handelte.

„Das ist nicht schwer“, sagte sie erleichtert. „Der Dogenpalast. Soll ich Sie dorthin bringen?“

Mit den Fingerkuppen strich er sanft über die Leinwand, darauf bedacht, nichts zu verwischen.

„Ich bitte darum.“

Sofort kam Marta auf die Beine, löste die Seile und sprang auf ihren Platz am Heck. Flink stieß sie das Boot ab und ruderte den düsteren Kanal entlang. Während sie durch die Dunkelheit glitten, ruhten ihre Augen immer wieder auf dem Hinterkopf des fremden Mannes, der sie tief berührte. Die einzige Erklärung für ihre Schwäche ihm gegenüber meinte sie in der Vermutung, dass es seine Freundlichkeit war, die sie dermaßen von ihm einnahm, zu finden. Normalerweise wurde sie herumkommandiert, gestoßen, angeschrien. Niemand hatte sie jemals so höflich behandelt wie Signore Esposito.

Trotzdem machte sie sich Sorgen um den Grund, aus dem er diese merkwürdigen Nachforschungen vorantrieb. Jedes der Bilder beunruhigte sie.

In einer dunklen Ecke unweit des Markusplatzes legte sie an. Behände sprang er auf den Gehweg und wandte sich ihr zu.

„Warte hier!“, befahl er und verschwand Sekunden später zwischen den Schatten der Nacht.

Keiner der matten Lichtkreise der entlang des Weges entzündeten Gaslaternen erhellte seine geduckte Gestalt, als vermiede er es, entdeckt zu werden.

Marta vertäute die Gondel und kauerte sich auf den Sitz, auf dem ihr Fahrgast zuvor gesessen hatte. Die Minuten verstrichen und ihre Unruhe wuchs. Schließlich hielt sie nichts mehr zurück und sie kletterte an Land. Leise schlich sie sich in die Richtung davon, in die er vor Ewigkeiten aufgebrochen war. Je näher sie dem Markusplatz kam, desto mehr bemühte sie sich darum, kein Geräusch zu machen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, verharrte sie in einer Mauernische und sah sich um. Es war zu dunkel, um etwas zu erkennen, deswegen hatte sie keine andere Wahl, als aufs Geratewohl weiterzugehen. Als sie sich dem Säulengang näherte, hörte sie ein leises Reiben.

„Signore Esposito?“, flüsterte sie angespannt und kniff die Augen angestrengt zusammen.

„Si, Pietro. Ich habe doch gesagt, du sollst in der Gondel bleiben.“ Wie aus dem Nichts tauchte er neben ihr auf.

„Ich habe mir Sorgen gemacht“, gestand sie leise.

„Dazu besteht kein Anlass. Außer uns ist niemand hier. Anständige Menschen schlafen um diese Zeit.“

Aus seinen letzten Worten meinte sie ein Lachen herauszuhören.

„Si, Signore“, stimmte sie zu. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein, ich denke nicht. Für heute gebe ich auf.“

Er rieb die Hände aneinander, als versuchte er, Staub und Schmutz abzuschütteln.

„Was haben Sie gehofft, hier zu finden?“, wollte Marta voller Neugier wissen, als sie nebeneinander den Markusplatz überquerten.

„Ich bin ein Mann der Wissenschaft“, erklärte er leise, „und hoffe, hier in Venedig ein paar Anhaltspunkte dafür zu entdecken, dass Wikinger vor hunderten von Jahren bis hierher vorgedrungen sind.“

„Wikinger?“

„Ein Volk aus dem Norden.“

Verständnislos runzelte die junge Frau die Stirn. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, weshalb sich jemand für derartige Dinge interessierte.

„Und die sollen hier gewesen sein?“

„Um das herauszufinden, bin ich in Venedig.“

Sie erreichten die Gondel und Signore Esposito setzte sich auf seinen Platz, während Marta die Seile einholte.

„Bitte bring mich nach San Stae. Für heute habe ich genug Misserfolge erlitten.“