Leseprobe Die Ungebetenen | Der beklemmende Thriller, der dich bis tief in die Nacht fesselt

Kapitel Eins

Cass

JETZT

30 JAHRE SPÄTER

Die Augenbinde sitzt fest. Der Knoten am Hinterkopf drückt unangenehm.

Ich habe mich noch nie so klein, so verletzlich gefühlt. Meine Angst ist kaum zu bändigen, während ich mir mit der Zunge über die trockenen Lippen fahre und warte.

Und warte.

Endlich öffnet sich die Autotür. Eine Hand an meinem Ellbogen.

Ich schiebe mich aus dem Beifahrersitz, stolpere auf meinen eingeschlafenen Füßen.

„Ich hab dich“, sagt James und stützt mich. „Wir gehen nicht weit, deine Jacke brauchst du nicht.“

Mein Herzschlag beruhigt sich, als kühle Luft meine Wangen streift. Draußen zu sein, bringt ein Gefühl von Weite, das die Beunruhigung des Eingesperrtseins vertreibt.

Dieses allzu vertraute Gefühl, das Panik in meiner Kehle aufsteigen lässt.

„Kann ich das jetzt abnehmen?“ Meine Finger tasten nach einer von James’ Krawatten, die mir die Augen verbindet.

„Noch nicht. Ich will, dass es eine Überraschung ist.“

Die Aufregung in James’ Stimme ist deutlich zu spüren. Ich verderbe es ihm nicht, indem ich ihm sage, dass jeder Ort, an dem wir uns gerade befinden, wahrscheinlich eine Überraschung für mich sein wird – im Gegensatz zu ihm bin ich nicht im Süden aufgewachsen, fast alles hier ist mir fremd.

Da mir das Sehen genommen ist, sind meine anderen Sinne geschärft. Ich nutze sie, um Hinweise zu suchen. Ich höre keinen Verkehr, also müssen wir irgendwo abgelegen sein – obwohl, so wie ich die Gegend kenne, in der James aufgewachsen ist, ist es überall abgelegen. Man kann nirgendwohin fahren, ohne erst an endlosen grünen Feldern vorbeizukommen.

Der Vogelgesang ist laut, und ich höre das Rascheln von Blättern, also müssen wir von Bäumen umgeben sein. Ich atme tief ein. Der Regen am frühen Morgen hat den Geruch des Grases intensiviert. Ich schmecke die Frische auf meiner Zunge – hier gibt es keine Verschmutzung.

Der Boden unter meinen Füßen knirscht, bevor er härter wird. Kies und Beton.

Es ist nicht so sehr der Ort, den ich unbedingt wissen will, sondern warum wir hier sind. Warum die Geheimniskrämerei?

Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf – ein Eiskübel mit einer Flasche Champagner, eine Platte mit kräftig riechenden Käsesorten und eine Schale Erdbeeren. Eine rot karierte Picknickdecke. James auf einem Knie. Ein glitzernder Ring …

Aber doch nicht heute, wo der Herbst schon an Nasenspitze und Wangen knabbert. Es ist zu kalt.

Zu früh?

Obwohl ich mir noch nie bei etwas so sicher war wie bei James, sind wir doch erst seit sechs Monaten zusammen. Es ist zugleich keine Zeit und eine Ewigkeit. Ich kann mir nicht vorstellen, mit jemand anderem zusammen zu sein.

Egal, was mein Vater vielleicht will.

„Fast da“, sagt James.

Ich konzentriere mich wieder. Will das Rätsel lösen. Ich habe Geräusche, Geschmack, Berührung und Gerüche erkannt – doch jetzt ist da noch etwas anderes.

Ein Gefühl.

Ein langsames Kriechen der Beklommenheit von den Zehen bis zur Kopfhaut.

Abrupt bleibe ich stehen. „James“, meine Stimme ist jetzt dringlich, „mir gefällt das nicht mehr …“

„Entspann dich, Cass. Wir sind da.“

Er fummelt an der Augenbinde, bis sich der Knoten löst, und ich blinzele in das ungewohnte Licht. Um mich herum wölbt sich ein hufeisenförmiges Herrenhaus. Mit seinen Flügeln, die sich zu beiden Seiten ausstrecken, wirkt es, als würde das Haus mich umarmen.

Mich festhalten.

Trotz der Kälte steigt eine Hitzewelle in mir auf. Ich schiebe die Ärmel meines Pullovers hoch. Ich trete einen Schritt zurück und lasse meine Augen über die schwarz-weiße Tudor-Fachwerkfassade über dem Eingang schweifen. Das eiserne Schild „Newington House“ ist von Rostblasen überzogen.

Efeu klammert sich an das steinerne Gebäude. Es fühlt sich an, als würde mich jemand durch die kleinen, bleigefassten Fenster beobachten.

Dies hier ist keine Touristenattraktion, das ist sofort klar – der ungepflegte Hof, das Wirrwarr aus Unkraut und Brennnesseln.

Ein Rabe landet auf dem Baum zu meiner Linken. Er krächzt, und es klingt wie eine Warnung.

Mein Kopf ist voller Fragen, doch bevor ich eine davon stellen kann, öffnet sich langsam die Haustür.

Eine Frau mittleren Alters tritt heraus. „Hallo, James.“

Sie lächelt ihn warm an, bevor sie sich mir zuwendet. „Du musst Cassandra sein?“

„Ich bin Cassie, aber die meisten nennen mich Cass. Und du bist …?“

„Fran.“ Sie muss meinen ratlosen Ausdruck bemerken, denn sie erklärt: „Frances Phillips. Ich bin hier, um euch alles zu zeigen.“

Ihr Blick wandert nach unten, bleibt an der zickzackförmigen Narbe an meinem Arm hängen, bevor sie mir direkt in die Augen sieht – so eindringlich, dass ich das Gefühl habe, all meine Geheimnisse liegen offen.

„Cass.“ Sie hält noch immer meine Hand. Ihr Blick gleitet erneut zu meinem Arm, und ich fühle mich verurteilt. Ich will die Narbe verdecken. Will ihr sagen, dass mein Vater mich nicht absichtlich verletzt hat, dass er mich liebt – aber das wäre lächerlich. Schließlich weiß ich nicht, was sie denkt. Ich bin nur überempfindlich wegen der Art, wie ich die Dinge mit meinem Vater hinterlassen habe.

Er ist über zweihundert Meilen entfernt, und trotzdem spüre ich noch immer seine Wut.

„Fran?“ James reißt mich aus meinen Gedanken. Offensichtlich auch sie, denn plötzlich lässt sie meine Hand los. Verlegen bittet sie uns hinein.

Ich zögere, denn obwohl ich es nicht genau benennen kann, spüre ich tief in mir, dass wenn ich diese Schwelle überschreite, sich mein Leben unwiderruflich verändern wird – und ich weiß nicht, ob ich bereit dafür bin. Doch James legt sanft seine Hand an meinen unteren Rücken und schiebt mich vorwärts.

Die Eingangshalle ist dunkel und bedrückend. Die niedrige Balkendecke und Eichenvertäfelung lassen den Raum kleiner wirken, als er ist – tatsächlich ist er fast so groß wie das beengte Wohnzimmer in der Wohnung meines Vaters. An der Wand ein Fuchskopf. Seine Perlenaugen folgen mir, während ich die Standuhr betrachte, deren Zeiger auf halb neun stehen geblieben sind. Ein Schuhregal lehnt an einer staubigen Kirchenbank. Ein einziges Paar sonnengelbe Gummistiefel steht dort. Der Kontrast des hellen, modernen Schuhwerks mit der altmodischen Umgebung wirkt beunruhigend.

„Kommt weiter.“ Frans Absätze klackern über die schwarz-grauen Steinplatten. Wir folgen ihr, James muss sich unter dem Türrahmen ducken, als wir in einen größeren, prächtigeren Raum treten.

Der Boden ist jetzt aus Eichenholz, doch sowohl die Vertäfelung an den Wänden als auch die Balken an der Decke sind unverändert geblieben. Erhabene Porträts in vergoldeten Rahmen hängen an einer Bilderleiste.

Spinnweben spannen sich zwischen den Wandleuchten wie Girlanden an Weihnachten – nur dass dies kein Familienheim ist. Es ist schmutzig und lieblos, und die Kälte in der Luft kriecht mir bis in die Knochen. Ein Modergeruch erfüllt meine Nase.

„Ich bin so froh, dass ihr hier seid, Cass“, sagt Fran leise, mit so aufrichtiger Wärme, dass ich für einen Moment ebenfalls froh bin, hier zu sein – auch wenn ich nicht verstehe, warum. „Ihr beide.“

Unbeholfen stehe ich da, unsicher, was ich tun oder sagen soll. James dagegen ist wie ein aufgeregter Welpe. Er läuft in alle Ecken, fährt mit den Fingern über die kunstvollen Schnitzereien an dem größten Kamin, den ich je gesehen habe.

„Ich muss ehrlich sein“, – ich ziehe ein entschuldigendes Gesicht – „ich habe keine Ahnung, wo ich bin oder was ich hier mache.“

Fran wirft James einen verwirrten Blick zu. „Ihr seid doch wegen der freien Stelle hier? Wir waren alle so beeindruckt von eurer Bewerbung –“

„Könntest du uns bitte einen Moment geben?“ James blitzt sie mit seinem gewinnenden Lächeln an. Fran strahlt unter diesem Blick. Sie scheint ihn bereits ins Herz geschlossen zu haben.

Wer ist sie?

„Natürlich. Ich bin dann im Salon.“

Der Salon!

„Okay.“ Ich fühle mich … nicht direkt hintergangen, aber verwirrt. „Was geht hier vor?“

„Das Anwesen steht seit Jahren leer“, sagt James.

„Nein, wirklich?“ Ich bin erst seit ein paar Minuten hier, und schon sehne ich mich nach einer Dusche, um den Schmutz abzuwaschen.

„Es wurde vor fast dreißig Jahren an eine Baufirma verkauft. Sie haben es nicht gepflegt, weil der Plan immer war, es abzureißen und auf dem Grundstück zu bauen – aber das ist nie passiert. Es ist schwer, eine Genehmigung zu bekommen, ein denkmalgeschütztes Gebäude der Kategorie I abzureißen, es sei denn, es gibt keine andere Möglichkeit. Und mit diesem hier ist strukturell alles in Ordnung. Ich glaube, sie wollten …“

„James.“ Ich kann nicht erkennen, was das mit mir, mit uns zu tun hat, und ich will, dass er endlich auf den Punkt kommt. Die Fahrt mit der Augenbinde hat mich mulmig gemacht.

„Sorry. Die Baufirma ist pleitegegangen.“ James sieht dabei erstaunlich zufrieden aus. „Also kam das Haus zur Auktion, und Richardson’s Retreats hat es gekauft. Sie planen ein exklusives Retreat, aber in der Zwischenzeit wollen sie jemanden einstellen, der auf das Anwesen aufpasst.“

„Und du hast dich für den Job beworben?“ Es trifft mich, dass ich nichts davon wusste. Dass er offenbar eine Zukunft plant, in der ich nicht vorkomme.

Er versteht sofort. „Ich habe uns beworben. Sie wollen ein Paar. Ich denke, Paare machen weniger wilde Partys. Nutzen die Situation nicht aus.“

„Uns?“ Es ist zu viel, um es zu begreifen. Ein Teil von mir ist verärgert, dass James mir das so plötzlich präsentiert, ohne mir Zeit zu lassen, meine Gedanken zu ordnen – aber seine Spontaneität, seine Lebenslust, genau das ist es ja, was ich an ihm liebe.

„Ich könnte meinen Pharma-Job behalten. Ich bin ohnehin nicht viel unterwegs. Sie wollen hier nur eine Präsenz, damit keine Vandalen einbrechen oder so etwas. Du könntest dir ein Atelier einrichten. Malen.“

„Aber …“ Ich habe so viele Fragen, so viele Zweifel, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. „Das ist so weit weg von zu Hause. Von meinem Vater.“

„Ich weiß.“ Sein Ton wird plötzlich ernst, als er meine Hände in seine nimmt. „Und ich will dich nicht überrumpeln. Ich weiß, wir sind noch nicht lange zusammen, Cass, aber wenn ich an meine Zukunft denke, sehe ich nur dich.“

„Geht mir genauso.“ Ich grinse.

„Ich hatte gehofft, wenn du das hier siehst, bist du begeistert.“

„Ich bin … irgendwas.“ Ob ich mich hier jemals zu Hause fühlen könnte? Es ist eine völlig andere Welt als die, aus der ich komme.

Die heruntergekommene Wohnung, die ich mit Dad teile.

Dieser Schrank.

Das Gefühl, gefangen zu sein. Festzustecken. Zu schreien und zu schreien – Hilfe, Hilfe, Hilfe – bis Dad mich herausgehoben hat. Meine Arme um seinen Hals.

Ich schüttele den Gedanken ab. Konzentriere mich auf James, der mir all das sagt, was ich hören will.

„Sieh mal, Cass. Ich will mit dir zusammen sein, mit dir leben, aber ich kann dich nicht bitten, zu mir zu ziehen – selbst wenn der Vermieter die Wohnung nicht verkaufen würde. Ich habe ohnehin das kleinste Zimmer, und meine Mitbewohner sind … Na ja, du kennst sie.“

Er verzieht das Gesicht, und er hat recht. Sie sind Idioten. Mit vierunddreißig und einer guten Karriere sollte James vielleicht längst eine eigene Wohnung haben, und ich habe nie zu sehr hinterfragt, warum das nicht so ist – denn mit dreiunddreißig lebe ich selbst noch zu Hause, und das Letzte, worüber ich reden will, ist der Grund dafür.

„Ich wünschte, wir könnten uns gemeinsam ein Haus leisten, aber das ist zurzeit nicht möglich. Wir könnten uns nach etwas zur Miete umsehen, muss ja nicht hier sein, natürlich. Ich könnte auch zu dir ziehen.“

„Aber das ist meilenweit weg. Du liebst deinen Job, und die Hauptzentrale ist hier.“

„Aber dich liebe ich mehr. Und …“ Er versucht, seine Stimme aufzuhellen. „Dein Vater könnte ja mit einziehen. Es ist groß genug.“

„Das würde er nicht machen“, sage ich. Wir beide wissen, dass es nicht darum geht, dass er umziehen müsste – er will nicht, dass ich mit James zusammenlebe. Er hat ihn nie gemocht. Die Hälfte der Zeit glaube ich, dass er auch mich nicht mag. Es ist einfach seine Art.

„Aber es ist …“ Ich sehe mich hilflos um, senke die Stimme. „Wie sollen wir hier bloß leben können …“

„Kommt mal mit mir mit.“ Fran winkt uns aus einer Türöffnung zu. Wir gehen in den nächsten Raum. Er ist kleiner. Sauberer. Gemütlicher – mit einem großen, verblichenen roten Perserteppich in der Mitte. Ein grünes Samtsofa und ein weicher Ledersessel stehen dem prasselnden Kaminfeuer gegenüber. James hält seine Hände vor die Flammen, um sie zu wärmen, aber ich bin vorsichtig. Fast ängstlich. Vielleicht, weil ich noch nie mit einem echten Feuer zu tun hatte, nur mit Heizkörpern.

„Es mag überwältigend wirken“, sagt Fran, „aber für ein Herrenhaus ist dieses hier eigentlich klein. Neben der großen Halle und diesem Salon gibt es das Esszimmer, die Küche, hinter der Küche das Zimmer der Haushälterin, das zuletzt als Arbeitszimmer genutzt wurde, drei Schlafzimmer, ein Badezimmer, eine Bibliothek und eine Kapelle.“

„Eine Kapelle?“

„Sie ist nicht so prunkvoll, wie es klingt. Früher war es ein Schlafzimmer. Wir haben die Räume gereinigt, die ihr vermutlich nutzen werdet. Natürlich zieht es, wie in alten Häusern üblich, aber es gibt eine Heizung, und ihr könntet Feuer machen. In dieser Kommode steht sogar ein Fernseher.“ Sie deutet in die Ecke und lacht. „Alle modernen Annehmlichkeiten. Darf ich euch herumführen?“

Ich nicke – nicht überzeugt, aber neugierig.

Wir gehen zurück in die große Halle, zur Treppe in der Ecke.

Sie ist aus Stein. Weniger zu saugen, denke ich.

Hör auf.

Ich habe noch nichts zugesagt. Aber meine Haltung verändert sich, mein Rücken richtet sich auf, während ich mir vorstelle, eine Dame des Hauses aus vergangenen Zeiten zu sein, und mich beinahe heimisch fühle. James schenkt mir ein Lächeln, wissend, dass ich mich gerade in das Haus verliebe, so wie ich mich in ihn verliebt habe. Ich versuche, meinen Gesichtsausdruck neutral zu halten, aber ich spüre, wie sich meine Lippen zu einem Lächeln verziehen.

Hör auf.

Oben angekommen, verbeugt er sich tief aus der Taille und küsst meine Hand. „Mylady.“ Er deutet mir, dass ich zuerst gehen soll.

„Mylord.“ Ich mache einen Knicks.

Wir biegen links und dann rechts ab, gehen einen langen Flur entlang. Durch das Fenster sehe ich über den Innenhof auf die gegenüberliegende Seite des Hauses. Am Ende des Flurs bleiben wir vor einer Tür stehen. „Das ist das Hauptschlafzimmer.“ Fran tritt zur Seite, damit James und ich zuerst eintreten können. Ich betrachte das Wandteppichmotiv, das Himmelbett aus Eiche. Wieder brennt ein Feuer im Kamin. Der Geruch von Rauch mischt sich mit dem Nachduft von Reinigungsmitteln. Fran hat sich wirklich Mühe gegeben.

Wir gehen in den nächsten Raum.

„Das Kinderzimmer“, sagt James, bevor er die Tür öffnet.

Er hat recht.

„Warst du schon mal hier?“ Der Raum ist kalt. Unberührt. Verblasste gelbe Enten marschieren an den Wänden entlang, das staubige Holzgitterbett steht an der Wand, lang genug für ein kleines Kind. Ein Mobile hängt am Fenster, Kühe, Schweine und Hühner drehen sich langsam im Kreis.

„Nein.“ Er runzelt die Stirn. „Glückstreffer. Es macht doch Sinn, das Kinderzimmer neben dem Hauptschlafzimmer zu haben, oder?“ Sein Atem bildet kleine Nebelschwaden, während er spricht.

Ich reibe mir die Arme, es ist eiskalt.

„Gehen wir zurück in die Küche“, sagt Fran, vielleicht spürend, dass ich meine Meinung ändere.

Sie eilt uns voraus, zurück durch die Halle, an der Haustür vorbei in die Küche.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte – vielleicht einen Kessel über dem Feuer – aber es ist hell hier, mit cremefarbenen Wänden, und, nun ja, nicht gerade modern mit den Landhaus-Kiefernholzschränken aus den Achtzigern, doch immerhin könnte ich hier kochen, wenn wir einziehen.

Falls.

Ich gehe zum Fenster hinüber und blicke hinaus auf das Gewirr aus Wildblumen, stelle mir vor, sie zu malen. Die Strukturen und Farben, die Lebendigkeit.

„Was denkst du?“ James legt die Arme um meine Taille und stupst meine Halsbeuge mit der Nase. „Wenn wir hier wohnen würden, könnten wir alles, was wir verdienen, für eine Anzahlung auf ein eigenes Haus sparen.“

„Lasst uns einen Kaffee trinken und reden.“ Fran öffnet die Schränke und holt Tassen heraus.

Ein Gedanke kommt mir.

„Warum hat die Familie ihre Sachen nicht mitgenommen, als sie ausgezogen ist?“

Fran und James tauschen einen Blick. Wieder läuft mir ein kalter Schauer den Rücken hinab.

„Was?“ Ich verschränke die Arme.

„Da ist etwas …“, beginnt James, während Fran gleichzeitig sagt: „Vollständige Offenlegung.“

Ich warte.

Fran schluckt schwer, und ich weiß, dass das, was jetzt kommt, schlimmer ist als alles, was ich mir gerade ausmale. „Die Familie Madley, drei von ihnen wurden getötet. Beide Eltern und ihr –“

„Getötet?“, wiederhole ich, aber sie sieht mich nicht an. „Willst du etwa sagen … ermordet?“

Eine Sekunde vergeht, ihre Stirn legt sich in Falten, sie beißt sich auf die Lippe, und ich weiß nicht, ob ihr Gesichtsausdruck Mitleid mit der Familie Madley ausdrückt oder Sorge, dass wir die Stelle nicht mehr wollen. Wie viele andere Bewerber hat sie wohl bereits verloren, als sie die tragische Geschichte erwähnte?

„Es gab einen Einbruch“, sagt James leise. Auch er kann mir nicht in die Augen sehen, und mir wird klar, dass er mir das hier verschwiegen hat, damit ich das Haus vorher nicht googeln kann.

Ich wäre niemals gekommen.

„Also wurden sie ermordet? Was für ein Mensch tötet ein Baby während eines Raubs?“ Mir wird übel bei dem Gedanken an das Kinderzimmer oben.

„Das Kind, das starb, war ein Teenager. Das jüngste war ein Kleinkind. Ich konnte nicht viel herausfinden, aber offenbar hat es überlebt“, sagt Fran, als würde das alles besser machen – und das tut es ein wenig, bis ich an die kleinen gelben Gummistiefel neben der Haustür denke, die für immer darauf warten, getragen zu werden.

Ich wende mich James zu. „Dachtest du, ich würde es nicht herausfinden?“ Ich bin fassungslos. Ich kann nicht glauben, dass er mich hierhergebracht hat. Dass er erwartet, dass ich hier lebe.

„Ich wollte es dir sagen, aber ich dachte, wenn du es weißt, würdest du nicht kommen und es dir ansehen wollen.“

„Natürlich nicht. Hier wurde eine Familie abgeschlachtet.“ Was stimmt nicht mit ihm? Bis eben war ich mir so sicher gewesen, dass ich ihn nach sechs Monaten gut genug kenne, um mein Leben mit ihm zu verbringen. Jetzt kommt er mir vor wie ein Fremder.

„Es tut mir leid. Ich wusste nicht, wie du auf die Geschichte reagieren würdest. Manche Leute stört das nicht – es beeinflusst ja nicht die Gegenwart. Ich will mit dir zusammenleben, Cass. Es muss nicht hier sein. Wir können einfach gehen.“

„Es ist schrecklich“, sagt Fran leise. „Aber hier ein Retreat zu eröffnen, wird dem Haus eine zweite Chance geben. Einen Neuanfang. Jeder verdient einen Neuanfang, findest du nicht auch, Cass?“ Sie sieht mich so flehend an.

Habe ich überreagiert? Kann ich mit der Geschichte des Hauses leben?

Es hätte seinen Reiz, hier zu wohnen. Keine Ablenkungen.

Kein Dad.

Kein Leon.

Es ist weit genug entfernt, dass er mich nie finden kann.

Ich könnte mich wirklich auf meine Arbeit konzentrieren, statt jedes Mal aufzuschrecken, wenn ich ein Geräusch höre. Jedes Mal, wenn jemand an die Tür klopft.

Aber trotzdem – hier wurden Menschen getötet.

Ermordet.

Wieder denke ich an Leon.

Habe ich nicht auch Blut an meinen Händen?

Kapitel Zwei

Cass

Blut an deinen Händen.

Blut an deinen Händen.

Blut an deinen Händen.

Die Zugräder stampfen den Rhythmus, während ich auf der langen Heimfahrt an Leon denke. Und an das Haus.

An die Familie Madley, die nicht mehr hier ist, und an die Menschen, die es sind. James. Mein Vater.

Ich denke an meine Mutter, stelle mir vor, wie sie mir sanft die Haare aus dem Gesicht streicht und sagt, ich solle meinem Herzen folgen. Ich war so jung, dass ich mich kaum an sie erinnere. Wenn ich es versuche, tauchen in meinem Kopf formlose Erinnerungen auf. Geräusche. Gerüche. Musik und Lachen und dann … nichts. Mein Vater, der mich tröstet, aber auch – etwas anderes. Schmerz in meinem Arm.

Eine zickzackförmige, wütende Narbe.

Mein Vater, der sich immer wieder entschuldigt.

Einmal, in der Grundschule, prahlte ein Junge damit, dass er den Film A Nightmare on Elm Street von seinem Vater gesehen hatte. Er lachte mich aus, zeigte auf meinen Arm und nannte mich ‚Freddy Krueger‘. Rückblickend, mit erwachsenen Augen, war das natürlich maßlos übertrieben, aber er wollte angeben. Der Einzige in unserer Klasse, der behauptete, den Film gesehen zu haben – wir waren alle viel zu jung. Beeindruckt von seinem Wissen über Horrorfilme stimmten die anderen Jungs in das Singen ein: ‚Freddy, Freddy‘, und obwohl ich mich auf dem Schulhof beherrscht hatte, brach ich, kaum dass ich zu Hause war, in Tränen aus. Dad hatte mich im Badezimmer gefunden, wie ich meinen Arm mit der Nagelbürste schrubbte und schrubbte, verzweifelt versuchte, die vernarbte Haut abzuwaschen.

Sanft hatte er mir die Bürste abgenommen und mich mit einem weichen, weißen Handtuch abgetupft.

„Narben kann man nicht abwaschen“, sagte er. „Sie sind ein Teil von dir.“

„Was ist mit mir passiert?“ Ich hatte das vorher nie hinterfragt, weil er recht hatte. Sie war so sehr ein Teil von mir wie meine Nase oder meine Ohren. Und sie tat nie weh – bis zu diesem Tag.

„Es war meine Schuld“, sagte Dad.

„Warum?“

„Ich habe eine Whiskyflasche fallen lassen, und du hast dich an einem Glassplitter geschnitten.“

Früher trank er viel. Daran erinnere ich mich deutlich. Sein saurer Atem. Blutunterlaufene Augen. Ich glaube, das fing an, nachdem meine Mutter gestorben war. Wir reden nie über sie. Er kann es nicht.

Oder will es nicht.

Ich frage mich, wann er aufgehört hat, mein Held zu sein, und zu jemandem wurde, vor dem ich mich manchmal fürchtete. Meine Erinnerung sagt mir, dass er mich mehr als einmal gerettet hat, wenn ich mit meinen kleinen Fäusten gegen die Schranktür schlug, total verängstigt.

Eingesperrt.

Aber manchmal frage ich mich, ob er mich nicht selbst dort hineingesetzt hat.

Mich eingeschlossen hat. Aber warum sollte er? Er ist kein gewalttätiger Mann, auch wenn es so klingen mag.

Ich erinnere mich aber an das Gefühl der Erleichterung, der Sicherheit, als er sich herabbeugte und mich heraushob. Meine Arme fest um seinen Hals geschlungen. Ich ließ ihn lange nicht los.

Bin ich jetzt bereit, ihn loszulassen?

Wird er mich loslassen?

Er ist auf mich angewiesen, und ich fürchte, wenn ich nicht da bin, fängt er wieder an zu trinken, und das endet nie gut. Ist es egoistisch, mein eigenes Leben zu wollen?

Folge deinem Herzen, würde Mum sagen.

Oder nicht?

Das Klingeln meines Handys holt mich in die Gegenwart zurück.

„Hey, du.“

„Hey.“ Ich stecke mir die Ohrstöpsel in die Ohren und lehne mich zurück, um richtig mit James zu sprechen.

„Ich vermisse dich.“

„Ich bin doch erst seit vier Stunden weg.“ Aber ich lächele – das Gefühl ist beiderseitig.

„Wie läuft die Fahrt?“, fragt er, aber was er wirklich wissen will, ist, ob ich mich entschieden habe, und ich bin mir noch nicht sicher.

„Geht so. Ich hatte ein trockenes Eiersandwich.“ Die Ränder hatte ich in eine Serviette gewickelt und beim Umsteigen die Tauben damit gefüttert, die auf dem Bahnsteig herumlungerten. „Und mein Kaffee war kalt, aber der riesige Schokokeks war großartig, also habe ich mir einen zweiten gegönnt, um das Sandwich auszugleichen.“

„Du solltest einen dritten nehmen, um den Kaffee auszugleichen.“

„Genau deshalb liebe ich dich.“

„Genau deshalb solltest du mit mir zusammenleben.“

Eine Pause.

„Ich habe den Vertrag jetzt zweimal gelesen. Es ist eine großartige Gelegenheit“, sagt er sanft. „Ich weiß, unsere Finanzen sind nicht überwältigend, und bei den verrückten Preisen heutzutage ist es super, keine Miete und keine Rechnungen zahlen zu müssen.“

„Und es gibt keinen Haken? Kein Kleingedrucktes?“

„Nein. Genau wie Fran es erklärt hat. Jetzt, da Richardson’s das Anwesen besitzt, wollen sie einfach, dass jemand da ist, um das Haus zu schützen.“

„Ich weiß nicht, ob ich von viel Nutzen wäre, wenn jemand versuchen würde einzubrechen.“

„Ich glaube nicht, dass das wahrscheinlich ist. So abgeschirmt, wie das Haus von der Straße liegt, müsste man erst mal wissen, dass es überhaupt existiert. Es ist nicht einmal in einem dieser Urban-Explorer-Videos aufgetaucht, soweit ich sehen kann. Wenn es überall im Internet zu finden wäre, würde ich das anders sehen. Ich würde dich nicht allein dort lassen, wenn ich dächte, es gäbe ein Risiko.“

„Du hast das wirklich gründlich recherchiert.“

„Ja.“

„Wir müssten also buchstäblich nur dort wohnen. Keine Instandhaltung, keine Gartenarbeit.“

„Nein. Richardson’s wird die Renovierungen selbst durchführen, sobald sie die Pläne erstellt und die Genehmigungen bekommen haben. Auch das habe ich überprüft. Selbst für Änderungen im Inneren eines denkmalgeschützten Gebäudes ist eine Genehmigung ein ziemlicher Aufwand. Es gibt natürlich das Inventar.“

„Das versuche ich zu verdrängen.“ Fran hatte erklärt, dass die Firma eine Liste von allem im Haus möchte, um zu entscheiden, was restauriert und wieder hineingestellt und was verkauft werden soll. „Ich wüsste gar nicht, wie ich die Hälfte davon beschreiben sollte – ‚gruseliges Gemälde eins‘, ‚gruseliges Gemälde zwei‘ …“

„Fran erwartet nicht, dass du alles identifizierst und bewertest. Du moderierst ja nicht die Antiques Roadshow. Sie meinte, du kannst einfach Dinge nummerieren und Fotos von allem machen, bei dem du unsicher bist.“

Im Moment bin ich bei so ziemlich allem unsicher.

„Also. Ich habe über meine Mutter nachgedacht“, wechsele ich nicht gerade sanft das Thema. Muss ich auch nicht. James versteht. Auch er hat seine Mutter verloren. Das war unser erster gemeinsamer Nenner. Wenn man erwachsen ist, sollte man doch eigentlich damit klarkommen, oder? Aber damals, als alles mit Leon eskalierte, kam ich mit gar nichts klar. Weder mit ihm. Noch mit irgendetwas.

Der einzige Grund, warum ich in jener Nacht überhaupt ausgegangen war, war, dass meine alte College-Freundin Shobna heiratete.

„Es ist mein Junggesellinnenabschied, Cass. Den darfst du nicht verpassen.“

Shobna war einer von diesen Menschen mit unzähligen Freunden. Sie hätte kaum bemerkt, ob ich da war oder nicht, aber sie war so gut zu mir gewesen, als ich dringend jemanden gebraucht hatte – also war ich mit in die Bar gegangen, in der Hoffnung, es würde mich weniger einsam fühlen lassen. Weniger traurig. Weniger schuldig, weil ich mir wünschte, mehr zu fühlen.

Mich vollständig zu fühlen.

Stattdessen hatte ich an einer Säule gelehnt, ein Glas Prosecco in der Hand, unwohl in meinem schwarzen Kleid, das sich eng um meinen Bauch und meine Hüften schmiegte – ich bin nicht eine dieser Frauen, die abnehmen, wenn sie gestresst sind. Shobna und ihre Freundinnen hatten ausgelassen getanzt, in ihren kurzen glitzernden Kleidern, die Arme über dem Kopf, das Haar wild um ihre Gesichter fliegend. Shobnas Mutter hatte auf einem Tisch gestanden, mit einer grellpinken Schärpe mit der Aufschrift Mutter der zukünftigen Braut, und eine rührende Rede gehalten.

„Hier.“ Jemand reichte mir ein Taschentuch, und erst da merkte ich, dass ich weinte. Verlegen tupfte ich mir die Wangen ab.

„Entschuldigung“, sagte ich zu dem Mann vor mir. „Hochzeiten machen mich immer emotional.“

„Liebe ist etwas Mächtiges“, sagte er, während er die Ärmel seines weißen Hemdes hochkrempelte.

„Ich glaube, das ist es.“ Ich leerte mein Glas – das vierte. Mein Kopf drehte sich, und meine Zunge war bereits locker. „Zu sehen, wie sehr Shobnas Mutter sie liebt, hat mich … traurig gemacht, schätze ich. Tut mir leid. Normalerweise bin ich nicht die Art Mensch, die einem zufälligen Fremden ihr Herz ausschüttet.“

„Darf dieser zufällige Fremde dir einen Drink spendieren? Ich bin geschäftlich hier und kenne niemanden.“

Ich zögerte.

„Ich bin James, wenn das hilft. Kein Fremder mehr.“ Er streckte mir die Hand entgegen, und ich nahm sie, und es fühlte sich so natürlich an, als hätte er sie schon einmal gehalten.

Kurz darauf saßen wir an einem Tisch am Fenster, frische Getränke vor uns, und blickten auf die funkelnden Lichter der Stadt unter uns.

„Also, zufällige Fremde …“, begann er.

„Cass.“

„Cass. Warum macht Liebe dich traurig?“

„Nicht Liebe an sich. Mehr ihr Fehlen. Entschuldige, ich komme ziemlich tragisch rüber.“

„Du kommst rüber wie jemand, der sich zu oft entschuldigt. Du solltest dich nie für deine Gefühle entschuldigen.“

Ich dachte an die unzähligen Entschuldigungen, die ich seit Leon ausgesprochen hatte. James drängte mich nicht, wirkte kein bisschen unbehaglich angesichts meiner Gefühle, und so erzählte ich ihm, dass Shobnas Mutter mich daran erinnerte, dass meine eigene nie da war, nie da sein würde, wenn ich sie brauchte.

„Sie hat mein Kinderzimmer gestrichen. Dad hatte es vor meiner Geburt mintgrün angelegt, weil sie nicht wussten, welches Geschlecht ich haben würde, aber als ich da war, wollte Mum, dass es rosa wird. Sie fiel von der Leiter, schlug mit dem Kopf auf. Es war sofort vorbei, anscheinend.“

„Das muss echt hart sein, keine wirklichen Erinnerungen an sie zu haben.“

„Ja. Ich habe ein paar unscharfe Polaroids aus dem Krankenhaus, auf denen sie mich hält, und dieses Medaillon, das sie immer getragen hat.“ Ich spiele mit dem silbernen Schwan an meinem Hals. „Aber das war’s. Ich muss mir vorstellen, wie sie war, weil Dad es nicht ertragen kann, über sie zu sprechen.“

„Vielleicht fühlt er sich schuldig? Als hätte er auf der Leiter stehen sollen.“

„Ich glaube schon. Als ich klein war, dachte ich, es wäre, weil er sie so sehr geliebt hat, dass allein der Gedanke an sie ihm so wehtat – und das war es vermutlich auch, teilweise – aber er muss sich auch die Schuld geben. Unsere Beziehung war immer kompliziert.“

„Meine Beziehung zu meinem Vater ist auch schwierig. Es war, als hätte er mich nie gewollt. Ich schien ihn immer zu nerven, egal was ich tat“, öffnete sich James mir. „Meine Mum allerdings war wunderbar … Sie ist letztes Jahr gestorben.“ Ein Ausdruck tiefsten Schmerzes zeichnete sich in seinem Gesicht ab. Ich kannte diesen Blick, hatte ihn selbst getragen.

„Oh Gott, das tut mir so leid.“

Instinktiv nahm ich wieder seine Hand. Mein Verlust war nicht so frisch wie seiner, aber er tat trotzdem weh. Und wird wahrscheinlich immer wehtun. Meine Mutter hatte ein riesiges Loch in meinem Leben, in meinem Herzen hinterlassen, das ich einfach nicht füllen konnte.

Wir redeten bis spät in die Nacht. Kein oberflächliches Wir-haben-uns-gerade-kennengelernt-Gerede, sondern echte Ich-will-dich-wirklich-kennenlernen-Gespräche. Wir entdeckten, dass wir weit mehr gemeinsam hatten als tote Mütter: angespannte Beziehungen zu unseren Vätern. Eine Liebe zur Kunst. Eine gemeinsame Abneigung gegen Opern. Aber es war mehr als das, mehr als das Oberflächliche, selbst damals schon. Ich glaubte wirklich, dass uns etwas zusammengeführt hatte. Dass diese eine zufällige Begegnung unter Millionen vielleicht gar nicht zufällig gewesen war. Wir hatten beide etwas verloren, aber wir hatten einander gefunden. Eine Chance bekommen, eine neue Familie zu bilden – und obwohl wir Meilen voneinander entfernt leben, ist das in den letzten Monaten genau das geworden, was wir sind.

Ich will darauf aufbauen.

Plötzlich bin ich mir sicher.

„Ich glaube, auf eine Weise haben meine Mum – unsere Mütter – uns zusammengebracht, und ich denke, das war vielleicht aus einem bestimmten Grund. Ich will nicht mehr so weit von dir entfernt sein. Also ja“, sage ich jetzt hastig ins Telefon, während der Zug an einer Reihe ordentlicher Reihenhäuser vorbeirauscht.

„Ja?“, fragt James.

„Ja zu dem Haus.“ Ich spüre, wie meine Worte aufsteigen, leicht wie ein Ballon, wissend, dass ich nicht nur Ja zu dem Haus sage. Ich sage Ja zu James, zu allem, zu alldem.

Zu unserer Zukunft.

***

Es ist dunkel, als sich der Zug meiner Station nähert. Ich warte an der Tür, den Koffer zwischen meinen Beinen, schwanke mit den sanften Bewegungen. Der Zug verlangsamt sich, hält an. Die Türen zischen auf. Der Rauch beißend. Ich bin die Einzige, die aussteigt, der Bahnhof still. Helles Licht wirft dunkle Schatten. Eine Gestalt steht mit dem Rücken zu mir. Sie dreht sich langsam um.

Leon?

Meine Hand krallt sich um den Griff meines Koffers, doch es ist nicht er. Lächerlich, zu glauben, dass er es sein könnte – und doch gehe ich schnellen Schrittes zum Taxistand. Entspanne mich erst, als ich sicher im Wagen sitze. Wenn überhaupt, hat mich der Schreck in meiner Entscheidung bestärkt. Sie in Stein gemeißelt.

Ich gehe fort von hier.

Mein Magen zieht sich zusammen. Mir ist wieder übel. Nicht wegen des süßlichen Lufterfrischers in Ampelform, der vom Rückspiegel hängt. Sondern wegen des Gedankens, es Dad zu sagen.

Was soll ich sagen?

Hilfe, Hilfe, Hilfe!

Manchmal, in meinem Kopf, höre ich mich noch schreien. Verzweifelt nach Dad rufen, damit er mich aus dem Schrank rettet. Abhängig. Aber, wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass es ihm gefällt, weil es mich in seiner Nähe hält – und ich habe dieses Sicherheitsnetz immer genossen, weil ich Fehler gemacht habe.

Leon.

Ich schließe die Augen und denke an meine Zukunft. An Newington House.

Aber alles, was ich mir vorstellen kann, ist Blut, und die Schreie in meinem Kopf verwandeln sich in die panischen Schreie dieser armen Familie. Als wir vor meiner Wohnung halten – Dads Wohnung – zittere ich, bin überzogen von einem dünnen Schweißfilm. Aber bereit. Bereit, die Heldin meiner eigenen Geschichte zu sein. Trotz was auch immer Dad sagen könnte.

Was er tun könnte, wenn ich ihm meine Neuigkeiten erzähle.

Ich schaudere.

Es ist viele Jahre her, dass ich in diesem Schrank eingesperrt war, aber ich fürchte ihn noch immer.

Tief in mir fürchte ich ihn noch immer.

Kapitel Drei

Cass

„Die Madley-Familie wurde dort ermordet.“ Dad erbleicht, legt eine Hand auf sein Herz. Ich spüre, wie meines bricht. Warum war ich nur so ehrlich, als ich es ihm erzählt habe? Ein Dreifachmord ist eher weniger geeignet, ihn davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, dass ich nach Newington House ziehe – dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass er sich für mich freut.

„Es ist lange her“, sage ich. „Die …“ Ich zögere. Ich will das Wort Mörder nicht aussprechen, aber Täter klingt auch nicht besser. „Die Eindringlinge, die verantwortlich waren, wurden gefasst.“

Ich hatte das Haus gegoogelt, kaum dass ich im Zug saß. Es gab nicht viele Treffer, was mich überraschte, andererseits war es über dreißig Jahre her, und nicht alles landet im Internet. Der Zeitungsartikel, den ich gefunden hatte, berichtete, dass es zwei Täter gegeben hatte – einer war tot im Haus gefunden worden, der andere verhaftet und später verurteilt worden.

Der Polizist, der den Tatort betreute, sagte, es sei eine der schlimmsten Szenen gewesen, die er je gesehen habe, und er glaube nicht, dass es sich „um einen Raubüberfall“ gehandelt habe.

Danach hatte ich das Internet durchforstet, um mich zu beruhigen – um Beweise zu finden, dass Tragödien nicht zwangsläufig negative Energie, Geister, hinterlassen. In Foren schien die Meinung geteilt: Die einen glaubten nicht an Geister, die anderen waren überzeugt, dass fast jeder Ort heimgesucht sei.

Ich weiß nicht, woran ich glaube – außer an die Liebe. Ich glaube an die Liebe. Ich will mit James zusammen sein.

„Dad, das ist nichts, was ich leichtfertig entschieden habe. Als ich von der Geschichte des Hauses gehört habe, wollte ich sofort weg, aber was dort passiert ist, liegt in der Vergangenheit und hat nichts mit meiner Zukunft zu tun. Schlimme Dinge passieren jeden Tag. Wir wissen nichts über die früheren Mieter dieser Wohnung, aber–“

Der Rauchmelder beginnt zu piepen.

Aus dem Ofen steigt der Geruch von angebranntem Teig. Ich bin gerührt, dass er sich die Mühe gemacht hat, für mich zu kochen – meinen Lieblingsauflauf mit Lauch und Kartoffeln. Dad steht wackelig auf und wedelt mit einem rot-weiß karierten Geschirrtuch unter dem Rauchmelder.

Ich spüre eine Welle der Zuneigung zu ihm. Unsere Beziehung war schon immer ein einziges Paradox. Einerseits sein Trinken, seine Stimmungsschwankungen. Meine Verwirrung, dass er in einem Moment fürsorglich und freundlich war und im nächsten distanziert und wütend. Meine Verwunderung, dass er jedes Mal, wenn er mich aus dem Schrank hob, mir übers Haar strich und sagte, ich hätte mich selbst hineingesetzt – obwohl ich keine Erinnerung daran hatte. Und dann waren da all die Abende, an denen er auf der Bettkante saß und mich zum Lachen brachte, sich Geschichten über die Tiere im Wald ausdachte, verschiedene Stimmen für Faulkner den Fuchs und Bartholomew den Dachs annahm. Am Sporttag stand er immer an der Ziellinie und jubelte laut, während ich auf ihn zulief, ein Ei auf dem Löffel balancierend. Er lief auch immer beim Vater-Rennen mit. Gewonnen hat er nie.

Vielleicht wird unsere Beziehung ausgeglichener, wenn ich umziehe, wenn etwas Distanz zwischen uns liegt und wir nicht mehr so sehr aufeinanderhocken. Aber dennoch beobachte ich ihn vorsichtig, wie er versucht, den Rauchmelder zum Schweigen zu bringen, versuche zu erraten, was er gerade denkt.

Ich hätte warten sollen, bis wir am Tisch sitzen, Dad wie immer Witze darüber macht, dass Restaurants für die Klumpen in seinem Kartoffelbrei einen Extrapreis verlangen würden, und ich lachend sage, das wäre jeden Penny wert. Ich hätte mit der Neuigkeit nicht fast sofort nach meiner Ankunft herausplatzen sollen, aber ich war müde, durchgefroren und ängstlich, dass wenn ich erst in meinem vertrauten Stuhl mit dem wackelnden Bein sitze und meine Gabel mit der verbogenen mittleren Zinke benutze, der Umzug mir zu überwältigend erscheinen würde. Zu riesig. Dass ich mich damit abfinden würde, hier zu bleiben, wo alles ist, wie es immer war.

Sicher.

Ich blicke auf den Schrank im Flur. Spüre einen Panikstoß, als das Gefühl des Eingesperrtseins in mir aufsteigt.

Sicher?

Aber meine Dämonen sind hier, und ich weiß, wer sie sind, wo sie sind. Was, wenn ich neue bekomme, wenn ich in dieses große alte Haus mit seiner düsteren, düsteren Geschichte ziehe?

Das Piepen verstummt, und Dad dreht sich zu mir um. Sein Gesicht zeigt alles – Schock, Angst, Wut – doch dann legt sich über all das eine so unerträgliche Traurigkeit, dass ich aufstehe und ihm die Oberarme reibe. Sie sind dünner als früher. Er wird alt. Sollte ich ihn wirklich zurücklassen?

„Es ist so weit weg, Cass“, sagt er mit so leiser Stimme.

„Es ist nur eine Zugfahrt.“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln, obwohl ich gerade erst aus diesem Zug gestiegen bin und weiß, dass es drei Umstiege und fünf Stunden sind und mich völlig erschöpft hat. Es ist keine Strecke, die ein Sechzigjähriger mit Angina regelmäßig fahren sollte.

„Gehst du wegen mir?“ Seine Stimme bricht. Ich habe ihn noch nie so verletzlich klingen hören, und es tut mir im Herzen weh. Ich gehe zum Ofen und reiße die Tür auf. Fächere mit einer Hand den Rauch weg, während ich die Auflaufform auf die Arbeitsplatte schiebe. Der Auflauf ist hausgemacht. Aus dem restlichen Teig hat er unsere Initialen gerollt, genau wie früher, sie mit Milch glasiert, und sie liegen obenauf, glänzend und dick.

Sing a song of sixpence.

Der Kinderreim aus meiner Kindheit.

Ich stelle mir vor, wie diese vierundzwanzig Amseln unter der Kruste um ihre Freiheit kämpfen. Flügel schlagen heftig. Schnäbel hacken. Plötzlich scheint alles so zerbrechlich.

Ich fühle mich so zerbrechlich.

Ich möchte in der Zeit zurückreisen. Zurück zu Popcorn bei Die Schöne und das Biest, getragen werden auf Dads Schultern zum Park. Sonntagnachmittage, an denen wir Modellflugzeuge aus Airfix bauten, er mir erklärte, wo ich den Kleber auftupfen sollte, wie man die Farbe in einer dünnen Schicht aufträgt, weil seine Hände manchmal so sehr zitterten. Die guten Zeiten müssen die schlechten überwogen haben, denn trotz allem war er für mich da.

Immer da.

Meine Kindheit bestand nicht nur aus Prinzessinnen und Schlössern, Glitzern und Funkeln, es gab auch Drachen und Monster, eine Dunkelheit unter der Oberfläche, eine Trostlosigkeit, aber meistens waren wir glücklich damals. Meistens sind wir jetzt glücklich.

Oder waren es.

Vor Leon.

„Ich gehe, weil …“ Ich hole tief, zitternd Luft, weil ich hier, mit den Füßen fest auf dem braunen Wirbelteppich, umgeben von den Wänden und Regalen voller gerahmter Fotos meiner Meilensteine – im Krankenhausbett, nur wenige Stunden alt, die Wollmütze über ein Auge gerutscht; das erste Bad, die Quietscheente fast so groß wie ich; die ersten unsicheren Schritte, Arme ausgestreckt zum Gleichgewicht; der erste Schultag, Haare schon aus den Zöpfen gelöst – gar nicht mehr sicher bin, ob ich überhaupt gehen will. „Weil ich James liebe.“ Und da ist es, der Keil zwischen uns, das Einzige, worüber ich mir sicher bin. „Er ist ein guter Mann, Dad.“

„Wenn er ein guter Mann wäre, würde er dich nicht in die Mitte von Nirgendwo schleppen.“ Dads Fäuste ballen sich an seinen Seiten, der Muskel in seinem Kiefer zuckt. Sein Wutausbruch erinnert an den, den er zeigte, als ich das letzte Mal übers Wochenende weggefahren war. Jedes Mal, wenn ich übers Wochenende weggehe. Ich ziehe mich in meinem Sitz zurück.

„Es tut mir leid.“ Er braucht einen Moment. Breitet die Hände aus. „Könnt ihr nicht beide hier leben?“ Er schaut sich in dem zu engen Raum um. „Na gut, vielleicht nicht hier, aber in der Nähe? Ich könnte euch bei der Miete helfen.“

„Dad, das kannst du nicht.“ Er ist im Laufe der Jahre immer sparsamer geworden, hat das Motto reparieren und weiterverwenden auf ein ganz neues Niveau gebracht. Er arbeitet so hart. Trotz seines Trinkens hat er es geschafft, als Hausarzt zu arbeiten, aber das Geld scheint ihm immer durch die Finger zu rinnen. Es geht nicht mehr für Alkohol drauf, aber es sollte auch nicht für mich draufgehen. „Und … was würde ich tun? Einen anderen Job, der … der …“ Ich senke den Kopf. Ich kann nicht über Leon reden. Ich kann einfach nicht. „In Newington hätte ich Zeit zum Malen. Platz. Eine Chance herauszufinden, ob ich es als Künstlerin schaffen kann. Und ich würde dafür bezahlt werden. Es ist eine großartige Gelegenheit.“

„Es ist nicht dein Zuhause“, sagt er fest.

„Das hier wird immer mein Zuhause sein“, sage ich sanft, aber das stimmt nicht. Zuhause ist, wo das Herz ist, und mein Herz ist bei James.

Als es nichts mehr zu sagen gibt, stochern wir schweigend in dem Auflauf herum, der kalt und unappetitlich ist. Später, im Bett, höre ich durch die dünnen Wände das Geräusch von Weinen, und ich möchte hineingehen und ihn trösten, so wie er mich getröstet hat, als ich ein Kind war, aber wenn ich das tue, wenn ich mich auf sein Bett setze und seine Hand nehme, könnte ich ein Versprechen geben, das unmöglich zu halten wäre. Also ziehe ich stattdessen das weiche Federkissen über meinen Kopf, atme den Geruch von Sommerwiesen-Weichspüler ein und sage mir, dass ich immer hierher zurückkommen kann, wenn es nicht klappt. Natürlich wusste ich damals nicht, dass ich es nicht können würde.

***

Es war eine angespannte Woche gewesen, bevor ich mich von meinem Zuhause verabschieden musste. Von Dad.

Stunden später brennen mir die Augen vor Müdigkeit, während ich meine Koffer nach einem weiteren Umstieg in das Gepäckregal neben der Tür stapele. Es ist die letzte Etappe einer anstrengenden und unbequemen Reise. Der Hosenbund meiner Jeans drückt, und ich kann es kaum erwarten, sie auszuziehen und in meinen bequemen Pyjama zu schlüpfen. Ich hätte wirklich keinen weiteren Riesencookie kaufen sollen. Der Zug verlässt den Bahnhof, nimmt Fahrt auf. Jede Umdrehung der Räder bringt mich James näher, aber weiter von Dad weg, und obwohl der brennende Schmerz in meinen Schultern vom Schleppen des Gepäcks kommt, könnte er ebenso gut daher rühren, dass ich in zwei Teile gerissen werde.

Ich vermisse dich.

Ich vermisse dich.

Ich vermisse dich.

Der Zug zischt im Rhythmus, mein Körper schaukelt mit, während ich zu einem freien Sitz gehe. Im Abteil sitzen nur zwei andere Menschen. Ein Mann mittleren Alters, der seinen Schal zu einem Kissen faltet, bevor er den Kopf ans Fenster lehnt, und eine ältere Dame mit einem Wuschelkopf aus weißem Haar. Ich nehme Blickkontakt mit ihr auf, als ich vorbeigehe. Sie klopft auf den Platz neben sich und lächelt.

Ich zögere. Ich bin erschöpft, aufgewühlt, nicht in Stimmung für Gespräche mit einer Fremden, aber da ist eine Einsamkeit an ihr, die meine Schuldgefühle verstärkt, die ich Dad gegenüber empfinde.

Mit wem wird er sprechen, wenn ich weg bin?

Ich setze mich neben sie und stelle mich vor. Sie sagt, sie heiße Peggy und habe ihre Enkelkinder besucht. Ich frage, ob sie Fotos von ihnen hat – nicht weil ich sie sehen will, sondern weil ich merke, wie viel sie ihr bedeuten.

„Habe ich nicht, aber sie sind auf Facebook. Haben Sie einen Computer? Ich könnte Ihnen ihre Namen geben?“ Sie sieht so hoffnungsvoll aus.

„Ich habe mein MacBook gleich hier.“ Ich tippe auf meine Stofftasche und unterdrücke ein Gähnen. „Soll ich uns Kaffee holen, und Sie können sie mir zeigen?“

„Oh, das ist lieb von Ihnen. Aber Sie müssen mich zahlen lassen.“ Ihre Hände zittern, als sie den Reißverschluss ihrer Geldbörse öffnet.

„Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Ich kann mit dem Handy bezahlen.“ Ich stehe auf und greife nach meiner Tasche.

„Ich möchte Sie einladen.“ Sie drückt mir Münzen in die Hand, bevor ich die Tasche nehmen kann. „Und ein Päckchen Shortbread, falls es welches gibt.“

Der Buffetwagen ist am anderen Ende des Zuges, und als ich auf dem Rückweg zu meinem Abteil bin, halten wir an einem Bahnhof. Als wir wieder abfahren, stolpere ich und verschütte Kaffee über mich. Trotzdem zwinge ich mir Peggy zuliebe ein Lächeln auf, als ich das Abteil betrete, aber als ich zu unseren Sitzen komme, ist sie nicht da. Verwirrt blicke ich mich um. Der Mann sitzt noch an derselben Stelle. Meine Koffer stehen bei der Tür, aber Peggy ist verschwunden – und mit ihr meine Tasche.

„Entschuldigen Sie“, frage ich den Mann. „Haben Sie die alte Dame gesehen, die hier saß?“

„Sie ist am letzten Halt ausgestiegen.“

„Haben Sie gesehen, ob sie eine Tasche bei sich hatte?“

„Eine große, braune Ledertasche, glaube ich. Geht es Ihnen gut?“

„Sie hat meine Tasche gestohlen, mein Handy, meinen Laptop.“ Aber mehr noch – sie hat mein Vertrauen gestohlen.

Tränen brennen mir in den Augen.

Der Mann sieht mich mitleidig an. „Ich bin Robin. Brauchen Sie etwas?“

Erschüttert setze ich mich auf den Platz gegenüber. „Möchten Sie den?“ Ich schiebe einen der Kaffees über den Tisch. „Darf ich bitte Ihr Handy leihen, um meinen Freund anzurufen?“ Ich hatte James gesagt, ich würde ihn im Haus treffen, aber ohne Geld für ein Taxi muss er mich abholen. Doch als Robin mir sein Handy reicht, wird mir klar, dass ich James‘ Nummer nicht auswendig weiß.

„Ich bin übrigens Cass.“ Ich bin ratlos. „Ich weiß gar nicht, wen ich anrufen soll. Ich muss meine Bankkarte sperren, aber ich kenne die Nummer nicht.“

Robin googelt meine Bank, und ich rufe sie über sein Telefon an und erkläre die Situation.

„Zumindest kann Peggy jetzt keine Shoppingtour auf meine Kosten unternehmen“, sage ich, nachdem ich aufgelegt habe.

„An welchem Bahnhof steigen Sie aus?“, fragt Robin, und als ich es ihm sage, meint er, dorthin fahre er auch. „Da bin ich aufgewachsen“, erklärt er. „Mein Vater ist gestorben, und ich fahre hin, um sein Haus auszuräumen.“

„Das tut mir sehr leid.“ Plötzlich erscheinen mir meine eigenen Probleme gering.

„Es ist …“ Er verstummt, zuckt mit den Schultern. „Es ist noch ganz frisch. Deshalb rede ich zu viel. Es ist noch nicht wirklich bei mir angekommen. Ich habe nicht so viel Zeit mit ihm verbracht, wie ich sollte. Ziemlich egoistisch eigentlich, weil ich von zu Hause arbeite und überall leben könnte.“

Ich greife über den Tisch und drücke kurz seine Hand, bevor ich das Shortbread zu ihm schiebe – in dem Bewusstsein, dass es eines Tages ich selbst sein könnte, die einem Fremden erzählt, dass sie nicht genug Zeit mit ihrem eigenen Vater verbracht hat.

Tue ich das Richtige?

„Tut mir leid, wenn ich Sie verlegen gemacht habe“, sagt Robin.

„Haben Sie nicht. Es hat mich nur an meinen eigenen Vater denken lassen. Ich ziehe weg. Heute, eigentlich. Jetzt. Oder ich versuche es zumindest. Ich habe nicht mal die Adresse, wo ich hinfahren muss. Sie war in meiner Tasche. Vielleicht kennen Sie das Anwesen. Es ist ziemlich groß. Newington House?“

„Das Madley-Mord-Haus?“ Robin schnappt nach Luft. „Entschuldigung, ich kenne es nur, weil ich in der Gegend aufgewachsen bin. Sie wissen doch von …“

„Ja. Finden Sie mich furchtbar, weil ich dort einziehe?“

„Ich finde, was dort passiert ist, war …“ Er schüttelt den Kopf. „Ich finde Sie nicht furchtbar. Wenn ein Haus ein gewisses Alter erreicht, hat es zwangsläufig Verlust erlebt, Tragödien in irgendeiner Form.“

„Sie glauben nicht, dass Peggys Diebstahl ein Zeichen ist, dass ich nach Hause zurücksollte? Schicksal?“

„Ich glaube nicht an Schicksal“, sagt Robin.

„Ich glaube an alles. Dad hat mir einmal gesagt, Zufälle bedeuten, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich habe ein Buch gelesen, in dem es um ein achtjähriges Mädchen namens Sally Ashley ging, das seinen Drachen losgelassen hat, an dem ihre Telefonnummer befestigt war. Er landete in einem anderen Landkreis, im Garten eines anderen achtjährigen Mädchens namens Sally Ashley.“

„Das ist verrückt.“

„Ich weiß, nicht wahr? Und da waren Zwillinge, bei der Geburt getrennt, die sich nach vierzig Jahren wiedertrafen. Beide hießen Vanessa, beide heirateten Männer namens Stan und ließen sich von ihnen scheiden. Beide hatten zweite Ehemänner namens Frank und Töchter namens Helen, Katzen namens Smoky, und beide waren Personalchefinnen.“

„Das ist … unfassbar. Okay, ich gebe zu, Zufälle gibt es wohl doch, aber ich glaube nicht, dass der Diebstahl Ihrer Tasche ein Omen ist. Sehen Sie, ich weiß, wo Newington liegt, und ich kann Sie auf dem Weg zum Haus meines Vaters absetzen.“

„Danke.“

Wir plauderten den Rest der Fahrt. Ich hatte das Gefühl, in meiner Not einen Freund gefunden zu haben.

Ich vertraute ihm, erzählte ihm Dinge, die ich James nicht erzählt hatte … Die seltsamen Umstände, in denen wir uns befanden, brachten mich dazu, mich zu öffnen.

Es gab Dinge, die ich James wirklich hätte über mich erzählen sollen.

Vielleicht wäre dann alles nicht so geendet, wie es geendet ist.

Mit einer weiteren Tragödie.

Ladybird, ladybird, fly away home.

Kapitel Vier

James

Es gibt Dinge, die James Cass nicht erzählt hat, die er ihr wahrscheinlich hätte erzählen sollen, aber er hatte nicht vorgehabt – nicht gewollt – jemanden zu verletzen. Sein Handy klingelt erneut, und wieder prüft er das Display, wünscht sich, es wäre Cass – seit Stunden hat sie ihm nicht geantwortet – aber sie ist es nicht. Es ist Angelica, zum vierten Mal.

Er geht ran, nicht weil er mit ihr reden will, sondern weil sie nicht aufhören wird anzurufen, bis er es tut.

„James.“ Sie weint, und sofort fühlt James sich schrecklich. Irgendetwas muss passiert sein.

„Was ist los? Sind deine Eltern okay?“ Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter trägt er eine unterschwellige Angst vor dem Tod mit sich, die er vorher nicht gehabt hatte. Ein unangenehmes Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit. Die Zerbrechlichkeit aller um ihn herum.

„Beiden geht es gut.“ Das versichert sie ihm zuerst, weil sie weiß, wie sehr ihn der Verlust seiner Mum getroffen hatte, weil Angelica es gewesen war, die ihn gehalten hatte, als er weinte. Die ihre Finger mit seinen verflochten hatte, als der dunkle, polierte Sarg mit den glänzenden Messinggriffen langsam in die feuchte Erde hinabgelassen wurde. Sie hatte ihm Hühnersuppe gekocht, nicht die Hühnersuppe seiner Kindheit mit Nudeln und Zuckermais und dieser unverwechselbaren würzigen Schärfe, aber sie hatte ihr Bestes getan, sie nachzuahmen. Dann hatte er ihre Liebe, ihre Loyalität damit vergolten, dass er sie verlassen hatte. Es spielt keine Rolle, wie oft er sich sagt, dass ihre Beziehung schon seit Monaten vorbei gewesen war, bevor sie tatsächlich endete. Dass er auf dem Weg gewesen war, Angelica zu sagen, dass es vorbei ist, als das Krankenhaus wegen seiner Mum angerufen hatte. Trotzdem windet sich ihm die Schuld im Magen, jedes Mal wenn er daran denkt, wie Angelicas Augen aufgeleuchtet hatten, als er erklärte, er habe etwas Wichtiges zu sagen. Wie sie kurz auf ihren leeren Ringfinger geblickt hatte, bevor sie zu ihm aufsah, voller Hoffnung.

„Ich war bei Boots“, sagt sie jetzt und holt zittrig Luft, während James’ Gedanken die schlimmsten Gründe heraufbeschwören, weshalb sie in einer Drogerie gewesen sein könnte. Sie ist krank. Im Sterben. „Ich habe einen Lippenbalsam gekauft, du weißt schon, den, den du magst?“ Er antwortet nicht, überfallen von der unerwünschten Erinnerung an ihren Mund auf seinem, klebrig und nach Pfefferminze schmeckend. „Und ich bin Chris über den Weg gelaufen.“

„Aha.“ James weiß, was sein Mitbewohner gesagt haben muss, was jetzt kommt.

„Er sagte, du ziehst heute aus? Dass du in dieses … dieses Mordhaus ziehst, mit irgendeiner Frau?“

Nur Angelica konnte irgendeine Frau abstoßender klingen lassen als das Wort Mord.

„Ja, das tue ich.“ Er bietet keinerlei Erklärung an, denn bei ihr hat er all seine Entschuldigungen bereits aufgebraucht.

„Was hat sie, was ich nicht habe?“

„So ist es nicht –“

„Ist sie hübsch?“

Sein Schweigen lässt noch mehr Schuld in James’ Magen aufkommen. Ist es Cass gegenüber illoyal, Angelica nicht zu sagen, dass Cass die schönste Frau ist, die er je gesehen hat? Es erscheint ihm grausam, es zu tun.

„Sieht sie aus wie ich?“

„Angelica, bitte. Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe, aber …“

„Du machst einen Fehler, du stürzt dich da in etwas hinein. Du kennst sie seit fünf Minuten, James.“

„Seit sechs Monaten.“

„Sechs Monate?“ Eine Pause. „Das heißt, dass …“

„Es tut mir leid.“ Er ist nicht stolz darauf, dass es eine Überschneidung gab, selbst wenn es nur ein paar Tage waren.

„Das sollte es verdammt noch mal auch. Außerdem sind sechs Monate nicht lang genug, um jemanden richtig kennenzulernen. Du kannst noch nicht über uns hinweg sein. Wir waren drei Jahre zusammen. Drei.“

„Ich weiß.“ Er weiß nicht, was er sagen soll. Ist es schlimmer, Angelica zu sagen, dass er Cass liebt, dass das hier keine Laune ist, oder sie glauben zu lassen, es sei nur ein Trostpflaster? Aber wenn er das tut, könnte sie die Hoffnung mit sich tragen, dass sie wieder zusammenkommen. So oder so kann er den Schmerz, den sie empfindet, nicht wegzaubern.

„Ich will, dass du glücklich bist“, sagt er, denn das ist zumindest wahr.

„Nein, das willst du nicht. Und ich will auch nicht, dass du glücklich bist.“

Sie beendet das Gespräch, und er weiß, dass das noch nicht ihr letztes Wort war.

***

Er hält vor Newington House. Frans Auto steht bereits da.

„Willkommen.“ Sie strahlt, die Linien um ihre Augen kräuseln sich. „Ich bin so froh, dass du da bist.“

Er grinst zurück, die Gedanken an Angelica verblassen. An Fran ist etwas Beruhigendes, etwas Verlässliches. Es wird alles gut werden.

James öffnet den Kofferraum, und sie schaut hinein.

„Ist das alles?“

„Ja.“ Er hat nicht viel. Seine Kleidung. Ein paar Fotos von seiner Mum. Als er sich von Angelica getrennt hatte, hatte er so ziemlich alles zurückgelassen.

Sie tragen seine Sachen ins Haus. Er blickt sich staunend um.

„Ich kann nicht glauben, dass wir hier wohnen werden.“

„Wann kommt Cass an?“

„Ich bin mir nicht sicher. Sie hat mir nicht geschrieben, um es zu bestätigen. Sie dürfte nicht mehr weit weg sein, aber vielleicht hat sie ihren Anschluss verpasst. Ich habe in einer Stunde ein Meeting. Ehrlich gesagt mache ich mir ein bisschen Sorgen. Sie hat den Schlüssel, den du ihr geschickt hast, aber es wäre nicht schön, nach einer langen Reise in einem leeren Haus anzukommen.“

„Ich kann auf sie warten, ihr eine Tasse Tee machen. Ich habe ein paar Basics für euch eingekauft.“

„Danke. Ich habe noch nicht einmal ans Einkaufen gedacht. Ich hole mir auf dem Heimweg etwas zum Mitnehmen.“ Gemeinsam tragen sie seine Sachen die Treppe hinauf. Die Luft ist merklich kühler. Das Fenster auf dem Treppenabsatz steht offen. Der Geruch von Zitronenputzmittel ist überwältigend, und es ist eisig kalt.

James schließt das Fenster.

Im Hauptschlafzimmer wuchtet er seinen Koffer aufs Bett.

Das Bett, in dem die Madleys geschlafen haben.

Das Bett …

„Fran. Waren sie …“ Aus irgendeinem Grund senkt James die Stimme.

„Sind sie hier gestorben?“

„Ich glaube nicht, dass du darüber –“

„Aber sind sie?“ Er dreht sich zu ihr um, verzweifelt nach Antworten.

„Es wurden nie Details veröffentlicht, außer den grundlegendsten.“

„Es ist, als wären sie nur kurz rausgegangen und könnten jeden Moment zurückkommen.“

Auf dem Schminktisch liegt eine silberne Bürste. Ein dunkles Haar hat sich in den Borsten verfangen.

Die persönlichen Details, die er bei seinem ersten Besuch charmant gefunden hatte, wirken jetzt unheimlich. Er nimmt die Bürste auf, dreht sie in der Hand. Der Griff ist kalt, seit vielen Jahren unberührt.

Er legt sie in die Schublade. „Ich bin erstaunt, dass keine Urban Explorer eingebrochen sind und alles gestohlen haben.“

„Man kann das Haus von der Straße aus nicht sehen, und es ist nicht bekannt, weil es keine bedeutende Geschichte hat, ich meine im Sinne von königlichen Besuchen oder so“, fügt sie schnell hinzu. „Ich glaube, im Laufe der Jahre ist es einfach in Vergessenheit geraten. Die Tragödie passierte zu einer Zeit, bevor alles online erfasst wurde. Ich bin sicher, wenn es heute passieren würde und das Haus leer stünde, wäre es sofort auf YouTube.“

„Wahrscheinlich. Es ist erstaunlich. Der National Trust wollte es nicht?“

„Der National Trust bekommt viele seiner Immobilien geschenkt und könnte es sich vermutlich nicht leisten, es zu kaufen, selbst wenn er es wollte. Die Regierung finanziert keinen Kauf, wenn es keinen guten Grund gibt. Wenn Henry der Achte oder Queen Victoria hier geschlafen hätten, wäre es wahrscheinlich anders. Du wärst überrascht, wie viele kleinere Herrenhäuser verfallen sind, weil niemand Geld in sie investiert hat. Wir hatten Glück, dass die Baufirma den Inhalt nicht versteigert hat.“

„Ist es nicht zu klein für ein Retreat?“ James hatte vorher nicht gefragt, weil er nur an sich und Cass gedacht hatte.

„Es wird ein exklusives Retreat. Wir hoffen, die Scheunen zu Unterkünften umzubauen. Das Haus wird hauptsächlich für Essen und Therapiesitzungen genutzt.“

„Wie Massagen?“

„Gesprächstherapien. Für Traumata.“

Es scheint passend. Trauma ist im Gewebe dieses Hauses selbst verankert.

James schüttelt fast unmerklich den Kopf.

Das Haus als ein lebendiges, atmendes Wesen zu betrachten, das fühlen kann.

Sich erinnern.

Gänsehaut breitet sich auf seinem Arm aus.

Jemand ist über dein Grab gelaufen, das hätte seine Mum gesagt.

„Ich muss zu meinem Meeting“, sagt er. Er ist früh dran, sehnt sich aber nach frischer Luft, nach Raum. Nicht nach diesem bedrückenden Zimmer mit dem monströsen Kamin, der aussieht, als könnte er einen verschlingen. „Ich gehe nur schnell ins Bad.“

„Ich warte in der Küche auf Cass“, sagt Fran.

Nachdem James auf der Toilette war, wäscht er sich die Hände, das Wasser gluckert, während es durch die Rohre läuft. Es klingt wie ein Stöhnen, als hätte das Haus Schmerzen.

Hastig geht er zurück ins Schlafzimmer, um seine Aktentasche zu holen.

Die Bürste liegt wieder auf dem Schminktisch. James schiebt sie zurück in die Schublade und hofft, dass sie keine Probleme damit haben werden, dass Fran Dinge umstellt. Er und Cass mögen zwar nur Angestellte sein, aber das hier wird ihr Zuhause sein, wenn auch nur vorübergehend.

Er geht den Flur entlang.

Das Fenster ist wieder offen. James schätzt Frans Versuch, das Haus zu lüften, schließt es aber dennoch.

An der Haustür bleibt er stehen. Blickt auf die kleinen gelben Gummistiefel im Schuhregal. Er sollte sie wirklich außer Sicht räumen, aber er bringt es nicht übers Herz.

Während er sie betrachtet, fühlt er Blicke auf sich.

Kleine, bernsteinfarbene Augen.

Er verzieht das Gesicht.

Dieser verdammte ausgestopfte Fuchskopf kann definitiv weg.

Er hatte Cass gesagt, dass die Vergangenheit des Hauses die Gegenwart nicht beeinflusse, weil er nur daran gedacht hatte, dass sie dafür bezahlt würden, mietfrei leben könnten. Sparen könnten. Aber jetzt, wo er in Newington ist, mit seinen niedrigen Decken und dunklen Möbeln und seiner belasteten Geschichte, wirkt es nicht gerade wie die Erfüllung seiner Träume, eher wie der Beginn eines Albtraums.

Aus einer Glasvitrine auf der Kommode fletscht ein Dachs die Zähne in einem ewigen Schrei.

Wie aus einem Horrorfilm.

***

James ist gerade in den Audi geglitten, den seine Mum ihm zu seinem dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte, als das Telefon klingelt.

Es ist nicht Cass, wie er gehofft hatte, sondern ihr Vater.

„Hallo, Adrian.“ James ist vorsichtig. Er weiß, dass sein möglicher zukünftiger Schwiegervater ihn nicht besonders mag, und das war noch bevor er dessen Tochter über zweihundert Meilen weit von ihm fortgezogen hat.

„James.“ Adrian schweigt, aber James hört das Schaben eines Stuhles, das Aufflammen eines Feuerzeugs. Adrian zieht tief an einer Zigarette. Für einen Arzt lebt er nicht besonders gesund, aber dann ist auch James als Pharmavertreter nicht gerade ein Vorbild, wenn er unterwegs zu viele Big Macs isst.

„Bevor du mit Cass zusammenziehst“, Adrian macht eine Pause, „gibt es etwas, das du wissen musst.“

James glaubt nicht, dass es irgendetwas gibt, das seine Gefühle für Cass ändern könnte, aber als Adrian weiterspricht, erkennt James, dass Angelica recht hat. Sechs Monate sind wirklich nicht lang genug, um jemanden kennenzulernen.

Er mag zwar seine eigenen Geheimnisse haben, aber die von Cass sind schlimmer.

Kapitel Fünf

Cass

Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Vor Newington House vorzufahren und am Fehlen seines Autos zu erkennen, dass James nicht hier ist, oder dass Fran es ist. Alles, was ich tun will, ist duschen und auspacken, aber jetzt muss ich ihr zuerst sagen, dass der Schlüssel und die Unterlagen, die sie mir geschickt hat, gestohlen wurden.

„Danke für alles.“ Ich gebe Robin eine kurze Umarmung. „Ich melde mich.“ Er hat mir seine Telefonnummer aufgeschrieben.

Als das Taxi aus dem Blickfeld verschwunden ist, kommt Fran zu mir nach draußen.

„Cass.“ Sie öffnet die Arme und umschließt mich damit. Sie umarmt mich nicht kurz, so wie man es tut, wenn man jemanden kaum kennt, sondern fest, als wolle sie mir etwas sagen, aber ich weiß nicht, was es ist.

„Ist alles in Ordnung?“ Ich trete zurück. „Wo ist James?“

„Er ist in einem Meeting. Er wusste nicht, in welchem Zug du sitzt. Er hat versucht, dich zu erreichen. Wir haben uns beide Sorgen gemacht.“

„Tut mir leid.“ Ich erzähle ihr nicht, was passiert ist, teils weil ich es James vor allen anderen sagen will und teils, weil ich, wenn ich ehrlich bin, mich wie eine Idiotin fühle, einer Fremden meine Tasche anzuvertrauen, nur weil sie wie eine süße alte Dame aussah.

Sie hebt meinen Koffer, beladen mit Pinseln und Paletten und Ölen, mit meinen Hoffnungen und meinen Träumen, als würde er überhaupt nichts wiegen.

Als wir hineingehen, ist es, als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben, und ich blinzele in der Düsternis. Hier drinnen ist es kälter als draußen.

Mein Magen macht einen Satz, als mein Blick auf diese kleinen gelben Gummistiefel fällt, und als ich den Blick abwende, landet er auf dem Fuchskopf. Ich werde definitiv ein Geschirrtuch darüberhängen, sobald Fran gegangen ist. Ich liebe Tiere so sehr, dass ich vor einigen Jahren Vegetarierin geworden bin. Wenn ich keine toten Kreaturen esse, will ich sie ganz sicher auch nicht anschauen.

In der Küche ist es wärmer, ein Feuer brennt. Fran bittet mich, mich zu setzen, und ich sinke auf einen Kiefernstuhl mit dünnen Beinen. Erschöpft vom frühen Start, von der Reise, lasse ich sie das Kommando übernehmen. Sie füllt den Wasserkocher, legt Teebeutel in Tassen, schneidet mir ein dickes Stück Kaffeekuchen ab. Ich frage mich, ob es so gewesen wäre, mit einer Mutter aufzuwachsen – nicht dass Fran alt genug wäre, um meine zu sein, aber jemand, der sich am Ende eines schlechten Tages um mich kümmert, ist nichts, woran ich gewöhnt bin.

Während meine Gabel die buttrige Glasur vom Teller kratzt, lasse ich den Blick durch die Küche schweifen. Soweit ich mich erinnere, ist sie definitiv der modernste Raum im Haus, aber dennoch sind einige der ursprünglichen Elemente erhalten geblieben.

„Was sind das für Mühlen an den Balken?“, frage ich Fran.

„Eine war für Salz und die andere für Zucker, beides kam früher in Blöcken.“

„Vielleicht können sie die ersten Dinge sein, die ich im Inventar aufführe.“

Ich hatte versucht, nicht zu viel über die entmutigende Aufgabe nachzudenken. Stattdessen war ich zu beschäftigt damit, unser neues Leben mit Rosen um die Tür herum zu romantisieren. Mir vorzustellen, wie ich meine Zeit damit verbringe, Kunst zu schaffen, die Haare oben auf dem Kopf zusammengebunden, James’ übergroße Hemden tragend. Er würde am Ende des Tages nach Hause kommen, zärtlich einen Farbstreifen von meiner Wange wischen. Mir sagen, wie süß es sei, dass ich die Zeit vergessen habe, kein Abendessen gekocht habe. Er würde das Hemd aufknöpfen, es von meinen Schultern gleiten lassen und …

Hör auf.

Meine Fantasie ist in ein furchtbares Romantikkomödien-Klischee abgedriftet, oder in einen Pornofilm, je nachdem, was passiert, nachdem mein Hemd – sein Hemd – auf dem Boden gelandet ist.

„Gut. Ich habe eine Liste angefangen, um euch den Einstieg zu erleichtern, damit ihr eine Vorstellung davon habt, wie detailliert wir es brauchen.“ Sie schiebt mir Papiere über den Tisch. „Wenn dir irgendetwas auffällt, von dem du denkst, dass ich es wissen sollte, kannst du mich dann sofort anrufen?“

„Okay.“

„Die Hauptsache ist, hier körperlich präsent zu bleiben, sowohl um eventuelle Handwerker hereinzulassen, die Zugang brauchen, um Angebote zu machen, als auch um irgendwelche …“, sie runzelt die Stirn, „Explorer abzuschrecken.“

Wir wissen beide, was sie meint, und es ist eine ernüchternde Erinnerung daran, dass dies kein Haus mit Rosen um die Tür ist.

Ich unterdrücke ein Gähnen.

„Ich lasse dich erst einmal ankommen, bevor James zu Hause eintrifft.“

Zu Hause!

Fran kramt in ihrer Tasche, zieht ihre Autoschlüssel heraus. Ihre Schritte sind leicht, während ihre Absätze über den Steinboden zur Haustür klackern. „Cass“, sie dreht sich um, das Gesicht ernst, „wenn dir irgendetwas Ungewöhnliches auffällt, kannst du mich dann anrufen? Du hast meine Handynummer.“

„Etwas Ungewöhnliches?“

„Ja. Ältere Häuser können voller Überraschungen sein. Das ist das erste Mal, dass mir ein eigenes Projekt zugeteilt wurde, und ich … Es war nicht leicht für jemanden wie mich, eine solche Position zu bekommen.“

„Jemand wie du?“

„Eine Frau. Die biologische Uhr tickt. Einige der Männer bei Richardson’s finden, ich hätte nie befördert werden dürfen. Sie sind überzeugt, dass ich verschwinden werde, um noch schnell ein Baby zu bekommen, bevor es dafür zu spät ist.“

Ich nicke mitfühlend. Ich kenne mich bestens aus mit männlichem Anspruchsdenken am Arbeitsplatz.

Leon.

„Natürlich. Ich komme mit allem zuerst zu dir.“ Unsere Blicke treffen sich, und etwas Ungesagtes geht zwischen uns einher.

***

Als sie wegfährt, kann ich die Verbindung zwischen uns immer noch spüren.

Die Haustür ist schwer. Es ist das erste Mal, dass ich sie schließe. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. So vorübergehend es auch sein mag, im Moment ist dies mein Zuhause.

Unser Zuhause.

Ich werfe einen Blick auf die Standuhr. Sie zeigt halb neun, aber als ich auf meine Uhr sehe, ist es erst halb drei. Ich öffne die Tür der Uhr, finde den Schlüssel und ziehe sie auf. Tick-tack, tick-tack, bewegt sie die Zeit voran. In ein paar Stunden wird James zurück sein, und es gibt eine Million Dinge, die ich vorher noch tun will.

Belebt von dem Gedanken an unseren ersten Abend hier nehme ich meinen Koffer und gehe in die große Halle. Obwohl Fran immer wieder sagt, dies sei eigentlich ein kleines Herrenhaus, wirkt der Raum für mich, die ich in einer Wohnung in einer überfüllten Stadt aufgewachsen bin, riesig. Von all dem Googeln dieser Woche weiß ich, dass in diesem Raum gesellschaftliche Ereignisse stattgefunden haben müssen, dass hier lokale Streitigkeiten verhandelt wurden. Worüber haben sie wohl gestritten?

Hat vielleicht ein Streit zum Mord an den Madleys geführt?

Der Gedanke raubt mir den Atem. Zuvor hatte ich mich mit aller Kraft bemüht, nicht an die Familie zu denken.

Ich ziehe meinen Koffer die Treppe hinauf, aber ich kann der Präsenz der Madleys nicht entkommen. Überall hängen Porträts. Männer und Frauen, posierend in steifer, unbequemer Kleidung, mit feierlichen Mienen.

Kinder mit den Armen um Hunde geschlungen, ohne Ausdruck in den Augen.

Spinnweben spannen sich zwischen ihnen.

Meine Brust ist eng, das Gefühl, einen riesigen Fehler gemacht zu haben, lastet auf mir, während ich hastig über den Flur gehe.

Im Schlafzimmer atme ich etwas leichter. James’ Gepäck steht bereits auf dem Bett. Ein Feuer brennt. Es ist sauber. Warm.

Ich öffne meinen Koffer und ziehe das Kleid heraus, das ich heute Abend tragen will. Hebe meine Schminktasche heraus und stelle sie auf den Schminktisch neben eine silberne Bürste. Ich nehme sie auf, will sie gerade in die Schublade legen, als ich das lange dunkle Haar entdecke, das sich zwischen den Borsten verheddert hat und darauf wartet, zu zerfallen.

Bei dem Gedanken an Verwesung denke ich an die sterblichen Überreste der Madleys. Daran, wie zerbrechlich das Leben ist. Wie man in einem Moment noch hier sein kann und im nächsten fort. Behutsam lege ich die Bürste wieder dorthin zurück, wo ich sie gefunden habe. Ich will ihre Besitztümer nicht wegschließen, nicht so tun, als hätten sie nie existiert. Ich kann hier Seite an Seite mit ihren Erinnerungen leben.

Plötzlich verspüre ich den Drang, den Rest des Hauses zu erkunden.

Ich weiß, dass sich in diesem Flügel das Kinderzimmer und das Bad befinden, also gehe ich an der Treppe vorbei zum anderen Flügel. Der erste Raum, den ich erreiche, ist ein Schlafzimmer mit einem Einzelbett. Es hat eine beruhigende Ausstrahlung, und ich denke, hier könnte ich malen. Anders als der Rest des Hauses, der in der Zeit stehen geblieben ist, hängen hier zerrissene Poster an den Wänden: Guns N’ Roses. Nirvana. Oasis. Bon Jovi. Ein kleiner, verblasster Teppich mit orange-gelben Streifen liegt über den Eichenholzdielen.

Das muss das Zimmer des Teenagermädchens gewesen sein – ist sie hier gestorben? Ich schlucke einen Kloß aus Traurigkeit hinunter, der mir in den Hals gestiegen ist. Es ist alles so tragisch. Ich öffne die schwere Schranktür. Unten liegt eine Puppe, das lange dunkle Haar verfilzt, wächserne, starre Arme mir entgegengestreckt, als würde sie darum bitten, hochgehoben zu werden, während sie mich mit unnatürlich leuchtend blauen Augen anstarrt. Wie lange ist es her, dass zuletzt mit ihr gespielt wurde? Ein Lieblingsspielzeug aus der Kindheit, von dem sich der Teenager nicht trennen konnte, oder ein Familienerbstück?

Diese Augen

Hastig schließe ich die Tür, aber ich kann immer noch spüren, wie sie mich ansieht.

Einsamkeit.

Das ist das Gefühl, das ich von ihr bekomme. Vielleicht hatte sich das Mädchen, dem sie gehörte, genauso gefühlt? Ich schaue hinaus über den Garten. Was hatte sie gedacht, wenn sie genau diesen Ausblick betrachtete? Sah sie die Schönheit, die Ruhe, oder hielt sie sie für selbstverständlich? Was war das Letzte, was sie sah? War es das verzerrte Gesicht ihres Mörders oder starrte sie aus dem Fenster? Zu den Baumwipfeln? Zum Himmel?

Kann ich wirklich hierbleiben?

Fran hatte mich gebeten, sie anzurufen, wenn mir etwas Ungewöhnliches auffällt, aber an diesem Haus ist nichts gewöhnlich.

Ältere Orte können voller Überraschungen sein.

Voller Geister.

Ich kann sie fast flüstern hören, kann aber nicht verstehen, was sie sagen.

Es ist nur der Wind.

Ich werfe einen Blick zum Kleiderschrank und stelle mir vor, wie die Puppe tapp-tapp-tapp an die Tür klopft, um frei zu sein. Ich frage mich, warum sie dreißig Jahre lang im Dunkeln eingesperrt war. Ich kann nicht aufhören, mich hineinzusteigern.

Was kann mit der Familie Madley geschehen sein? Dem Teenagermädchen? Dem Kleinkind? Den Eltern? Wer waren sie? Was führte zu den schrecklichen Ereignissen in jener Nacht? Ich schließe die Augen und bitte um ein Zeichen, und als ich sie wieder öffne, schwingt eine einzelne weiße Kletterrose im Wind an der Rankhilfe direkt vor dem Fenster.

Im überwucherten Garten bewegt sich eine Schaukel im Wind vor und zurück, als würde sie nach einem Kind suchen, mit dem sie spielen kann.

Ich öffne das Fenster und strecke mich nach der Blume, ein Dorn sticht in meine Haut, ein Blutstropfen tritt an die Oberfläche.

Normalerweise macht mir der Anblick von Blut nichts aus, aber heute dreht sich mir beinahe der Magen um. Es muss der Stress des Umzugs sein, die Geschichte des Hauses, die mir Übelkeit bereitet. Ich ziehe ein Taschentuch aus meiner Tasche und wickele es um meinen Daumen.

Als ich mich wieder der Rose zuwende, sind ihre Blütenblätter nicht mehr reinweiß, sondern verfallen, an den Rändern eingerollt. Bin ich so müde, dass ich mir Dinge einbilde? Ich trete näher an die Blume heran. Es ist, als wäre sie seit Tagen tot, aber das ist doch unmöglich, oder? Es sei denn, ich werde verrückt. Noch vor Sekunden war sie lebendig. Gesund.

In einem Moment noch hier, im nächsten fort.

Genau wie die Familie Madley.

Was ist mit ihnen passiert? Und mit dem Mädchen, in dessen Schlafzimmer ich stehe? Wer warst du?

Sag es mir.

Sag es mir.

Sag es mir.

Ein überwältigendes Gefühl von Verlust erfüllt mich, während ich die Blume anstarre. Ich flüstere ihren Namen, als könnte ich sie dadurch zurückholen.

Aus dem Augenwinkel huscht ein Schatten vorbei, und ich fahre zusammen, als ich glaube, denselben Namen zurückgeflüstert zu hören.

Rose.

Kapitel Sechs

Rose

DAMALS

30 JAHRE ZUVOR

„Rose!“

Ihr kleiner Bruder rief ihren Namen, kreischend vor Lachen, pumpte seine pummeligen Kleinkindarme an den Seiten, die kleinen Beine legten so wenig Strecke zurück, dass Rose ihn leicht hätte fangen können, aber sie tat es nicht. Sie genoss das Spiel, auch wenn sie sich mit fünfzehn eigentlich zu alt dafür fühlte.

„Vorsicht“, rief sie, als er einem Beistelltisch auswich. „Du stolperst noch.“

„Genau wie Stolpi!“ Er schwang den grünen Plastik-T-Rex, den er in seiner Faust mit sich herumtrug. Sie hatten ihn Stolpi genannt, weil die Proportionen des Dinosauriers ihn so aussehen ließen, als würde er jeden Moment auf die Nase fallen.

„Genau wie Stolpi“, lachte Rose.

Mittlerweile tat es ihr weh, sich daran zu erinnern, dass sie entsetzt gewesen war, als sie erfahren hatte, dass ihre Mum schwanger war.

Mit drei Jahren hatte sie sich nach einem Geschwisterchen zum Spielen gesehnt, aber jetzt nicht mehr, mit zwölf Jahren Altersunterschied zwischen ihnen.

Es war peinlich.

In den nächsten Monaten gewöhnte Rose sich an den Gedanken, nicht länger Einzelkind zu sein. Dachte, es könnte sogar Spaß machen, eine Schwester zu haben, mit der man Geheimnisse teilen konnte.

Sie hatte die Enttäuschung bitter gespürt, als ihr Dad ihr sagte, es würde ein Junge. Aber als sie ihren Bruder zum ersten Mal hielt, hatte sie sich augenblicklich verliebt. Staunend hatte sie auf seine winzigen Finger und Zehen geblickt. Seine papierdünne Haut. Er war in einem Tragetuch quer über die Brust ihrer Mutter geschnallt wie ein Babykänguru. Rose hatte ihn liebevoll „Roo“ genannt, und der Spitzname war geblieben.

Und so waren sie auf einmal zu viert.

Sie vergötterte ihren kleinen Bruder.

Jetzt rückte das Ende der Schulferien näher, und sie konnte den Gedanken an den Abschied kaum ertragen.

Als ihr Vater ihr zum ersten Mal gesagt hatte, dass sie nach der Grundschule für den nächsten Abschnitt ihrer Ausbildung fortgehen würde, hatte sie Angst gehabt, war verwirrt gewesen, hatte sich ungeliebt und unerwünscht gefühlt, aber er hatte ihr von seinen eigenen Erfahrungen erzählt. Hatte es wie das Aufregendste überhaupt klingen lassen.

„Du wirst so viel Spaß haben.“ Mum legte ihr ein Bündel muffiger alter Bücher in die Hand. „Ich habe sie geliebt, als ich ein Kind war. Sie handeln alle von einem Internat namens Malory Towers.“

Rose hatte eines gelesen, und ihre Nerven beruhigten sich, als sie las, dass die Schülerinnen trotz ihrer Unterschiede und Herausforderungen ein Gefühl von Kameradschaft teilten.

Aber als Mum sie mit einem zu hellen Lächeln fortschickte, die Augen glasig vor Tränen, hatte sie begriffen, dass ihre Schule nichts mit der in diesen Büchern zu tun hatte. Sie sah nicht aus wie ein Schloss. Sie war nicht vom Meer umgeben. Dad sagte gern, das Internat sei das Beste gewesen, was ihm passiert sei, aber Rose hatte das Gefühl, es würde sie brechen. Das fremde Bett. Essen, an das sie nicht gewöhnt war. Endlose Regeln. Trotzdem arbeitete sie hart, weil sie die Anerkennung ihres Vaters wollte, bis sie sich schließlich einlebte. Ihr Kissen war nachts nicht mehr von Tränen durchnässt. Sie hatte Freunde. Aber sie würde es aufgeben, sie würde sie alle in einem Augenblick aufgeben, wenn sie nach Hause kommen könnte. Sie vergötterte Roo, und sie wollte bei jedem einzelnen Meilenstein mit dabei sein.

„Ich will nicht zurück in die Schule und ihn zurücklassen“, hatte Rose zu ihrem Dad gesagt, als sie den neugeborenen Roo auf dem Schoß wiegte, während ihre Mum badete.

Dad lachte.

Lachte.

Und dieses Geräusch brannte und tat weh.

„Wir kommen auch ohne dich klar, nicht wahr, mein Sohn und Erbe?“, sagte Dad, als er Roo hochhob und an seine Brust drückte.

Und da begann sie, ihren Platz in der Familie zu hinterfragen. Sie bemerkte, dass Dads Ton ihr gegenüber hart war, ihrem Bruder gegenüber aber weicher.

„Aber er ist doch bloß ein Baby“, hatte Mum sie beruhigt, als Rose ihre Sorgen äußerte, aber Rose wusste es, sie wusste, dass sie eine Außenseiterin war. Sie fühlte sich, als stünde sie draußen und schaute hinein, die streunende Katze mit der Nase an die Scheibe gedrückt. Ihr Dad fütterte sie mit Liebesresten, so wie er der Katze Fischreste hinwarf.

Seitdem hatte sie nicht mehr davon gesprochen, das Internat zu verlassen, aber immer öfter dachte sie an Roo, wenn sie weg war. Sie hatte seine ersten Worte verpasst, seine ersten Schritte.

Er wurde nun langsamer, als sie ihm nachjagte, wurde müde. Er kletterte auf das Sofa und steckte seinen pummeligen Daumen in den Mund. Rose sang Twinkle, Twinkle, Little Star, bis er einschlief.

Nachdem sie ihn sanft mit einer Decke zugedeckt hatte, gesellte sie sich zu ihrer Mutter in die Küche. Sie verquirlte Eier für ein Omelett. Rose nahm ein Messer und begann, Gemüse zu schneiden.

„Roo schläft.“

„Du hast ihn völlig ausgepowert. Er war so aufgeregt, dass du nach Hause kommst.“

„Er ist so viel gewachsen. Er hatte buchstäblich gerade erst laufen gelernt, und jetzt rennt er schon.“

„Er rennt schon eine ganze Weile.“

„Ich verpasse das alles.“ Rose wischte sich mit dem Ärmelrücken über die Augen.

„Lass mich die Zwiebeln machen, du fängst mit den Champignons an“, sagte Mum, aber es waren nicht die Zwiebeln, die Rose die Tränen in die Augen trieben.

„Mum? Ich habe darüber nachgedacht, das Internat zu verlassen … Und wieder hier zu leben … Auf die weiterführende Schule im Dorf zu gehen …“

Sie hielt den Atem an, während sie auf die Antwort wartete.

Mums Hand erstarrte in der Luft, das Messer erhoben.

„Ich denke …“ Sie räusperte sich. „Ein Internat kann dir eine sehr viel bessere Ausbildung bieten als alles hier in der Nähe.“ Sie ging wieder zum Schneiden über, und Rose spürte die scharfe Spitze der Klinge in ihrem Herzen. Sie hatte gedacht, ihre Mutter würde die Chance ergreifen, sie ganz hier zu haben. Sie fühlte sich unsicher, ungewiss. Jetzt war sie sich nicht mehr sicher, ob sie hier in diesem großen Haus, in dem sie sich manchmal wie eine Besucherin fühlte, wirklich dazugehörte. Aber sie gehörte auch nicht richtig ins Internat. Sie gehörte nirgendwohin.

„Rosy Posy.“ Mum bemerkte ihren Kummer, legte Rose die Hände auf die Schultern, ihre Augen, im selben Grünton wie ihre eigenen, voller Gefühl. „Ich liebe dich und ich vermisse dich, wenn du nicht hier bist. Ich dachte, dir gefällt die Schule jetzt?“

„Ich hasse sie nicht“, war das Beste, was sie anbieten konnte. Hatte denn irgendwer jemals Freude an der Schule?

„Wir wollen nur, dass du Optionen hast. Die örtliche Schule steht wieder unter besonderer Aufsicht. Wenn du dich für die Uni entscheidest, brauchst du gute Noten.“

„Ja, ich weiß.“

„Weißt du, was du sonst noch brauchst?“ Mum drehte das Radio lauter. „Love, love, love“, sang sie, ihre Stimme weich, melodisch. Sie nahm Rose bei der Hand und wirbelte sie durch die Küche. Gemeinsam sangen sie den Beatles-Song, rutschten in ihren Socken hin und her, gefangen in einem unbeholfenen Walzer. Und in diesem Moment glaubte Rose wirklich, dass alles, was man braucht, Liebe ist.

Sie hatte Glück gehabt.

Ihre Eltern kümmerten sich um ihre Bildung. Ermutigten sie, für die Zukunft zu planen, auch wenn sie noch nicht wusste, was sie tun wollte, wenn sie erwachsen war. Aber sie wusste, dass sie etwas tun wollte.

Jemand sein.

Die Welt bereisen.

Sich verlieben.

Alles erleben.

Ihre Pläne änderten sich täglich, aber sie schrieb sie in ihr Tagebuch. Listen mit Dingen, die sie bis zu ihrem dreißigsten Geburtstag erreichen wollte, danach würde sie sich vermutlich zu alt für all das fühlen. Obwohl sie, seit sie große Schwester geworden war, gemerkt hatte, dass sie es mochte, sich um andere zu kümmern. Sie könnte Krankenschwester werden. Oder Tierärztin.

Als die Omeletts fertig waren, holte Rose ihren Vater, weckte Roo behutsam, und sie setzten sich um den Tisch und entschieden, ob sie an diesem Nachmittag in den Park oder schwimmen gehen sollten.

Für Außenstehende wirkten sie wie die perfekte Familie.

Stolze Eltern, zwei perfekte Kinder, ein schönes Zuhause.

Aber das waren sie nicht.

Nicht damals.

Niemals.

Sie hatte keine Ahnung, dass ihre Pläne für die Zukunft niemals Wirklichkeit werden würden. Dass sie nie die Gelegenheit bekommen würde, ihre Prüfungen abzulegen, die Welt zu bereisen, sich zu verlieben.

Anders als in den Geschichten, die sie Roo vor dem Schlafengehen aus seinem geliebten Buch Dinosaurier-Geschichten zum Brüllen vorlas, würde es für sie kein Happy End geben.

Für keinen von ihnen.