KAPITEL EINS: DIE MUTTER
Mai, drei Monate nach dem Anschlag
Laini macht dieses eine Gesicht, während sie darauf wartet, dass ich antworte. Dieses „Ich-bin-nicht-überzeugt-dass-das-gesund-ist“-Gesicht. In letzter Zeit macht sie das öfter. Ich glaube, sie merkt es nicht einmal. Scheint, als ob die, die besonders viel über menschliches Verhalten wissen, erschreckend wenig davon auf sich selbst übertragen.
Ich lasse meinen Blick durch den Raum wandern, während ich mir eine Antwort überlege. Aber da ist dieser seltsame Fleck auf dem Boden, direkt neben der Tür. Er stört mich. Schon seit ich zu Laini komme, ist er da.
Ein richtig unansehnlicher Fleck. Kaffee vielleicht. Ich spiele mit dem Gedanken, sie darauf anzusprechen, aber sie saugt schon an ihren Zähnen. Das ist kein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass sie ihr Urteil über mich gefällt hat.
„Nun, wenn Sie sich nicht sicher sind, was Sie dazu gebracht hat, ein so gewaltsames Drehbuch aus dem Nichts zu schreiben, können Sie mir vielleicht sagen, welche Gefühle es in Ihnen ausgelöst hat? Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Mordszene angefangen haben?“ Sie schiebt ihre Brille die Nase hinauf.
Was für ein Klischee. Das Sofa, die ruhige, dezent überlegene Stimme, diese markante Brille, über die sie mich hinweg ansieht. Wenn das eines meiner Drehbücher wäre, bekäme ich vom Lektorat einen roten Strich an den Rand und den Kommentar „abgenutzter Archetyp“.
„Ich war aufgewühlt“, antworte ich tonlos.
Dann greife ich nach einem der Taschentücher auf dem Tisch vor uns und, obwohl ich weder weine noch niesen muss, tupfe ich mir damit die Nase.
Ich spiele auf Zeit, aber sie weiß es. Ich meide geflissentlich ihren Blick, während ich das vermeintlich benutzte Taschentuch tief in meine Hosentasche stopfe. Sie atmet langsam ein und wartet. Sie ist geduldig, aber das bin ich auch. Wir warten aufeinander.
Die Sekunden vergehen. Schließlich gebe ich nach. „Wissen Sie, ich dachte, ich könnte einfach direkt wieder durchstarten. Ich weiß, es war dumm. Erst monatelang gar nicht schreiben und dann versuchen, dort weiterzumachen, wo ich aufgehört habe. Sie verstehen sicher, die Serie, an der ich für ITV gearbeitet habe, da wollte ich unbedingt dabei sein. Sie basiert auf einer großartigen Reihe von Kriminalromanen. Der Hauptcharakter ist ein wirklich interessanter Cop. Kein antipathischer Typ mit Hang zur Flasche, schlechter Ernährung und Eheproblemen. Er ist sportlich, freundlich und geht in seiner Freizeit klettern. Ein richtig guter Charakter für den Bildschirm – oder wäre es gewesen. Aber die erste Folge … Sie beginnt in einem Keller, und mit Folter. Das ist natürlich harter Stoff. Und die Handlung basiert auf dem Verschwinden eines jungen Mädchens …“
Ich lasse wieder Stille zu, und nach ein paar Augenblicken beißt Laini endlich an.
„Und Sie hatten das Gefühl, die Thematik sei nicht hilfreich.“ Sie sagt es sachlich. Es ist keine Frage, aber sie hofft, ich reagiere darauf.
„Es hat mich einfach … Es hat mich an einige der schlimmeren Momente erinnert. Die fünfte Szene in der Folge ist die, in der die Mutter des Mädchens versucht, ihre Tochter auf dem Handy zu erreichen, und sie dann als vermisst meldet.“ Ich breche ab. Meine Stimme hat mich verraten.
Sie nickt verständnisvoll.
„Caroline, ich kann verstehen, dass es Ihnen therapeutisch erscheinen könnte, wieder zu arbeiten. Und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es eine schlechte Entscheidung war. Sie sollten Ihrem Instinkt vertrauen, und es ist deutlich, dass Sie Schritte in eine positive Richtung machen.“
Da kommt gleich ein ,aber‘. Ich kann es förmlich riechen.
„Aber ich würde Sie vor der Intensität solcher Inhalte warnen. Seien Sie vorsichtig mit sich selbst. Seien Sie freundlich zu sich. Gehen Sie es langsam an, einen Schritt nach dem anderen, und behalten Sie im Blick, welchen Einfluss grafisches oder stark emotionales Material auf Sie haben könnte – nach dem, was Sie Anfang des Jahres durchgemacht haben. Sie müssen das erst noch richtig verarbeiten.“
Ich habe genug. Ich merke, wie ich unruhig werde, defensiv. Das ist der Teil an der Therapie, den ich wirklich nicht mag: zu wissen, dass sie recht hat. Und ich habe keine andere Wahl, als es zähneknirschend zu akzeptieren.
„Ganz ehrlich, so schlimm war es gar nicht. Ich habe schon viel härteres Zeug geschrieben. Haben Sie letztes Jahr das dreiteilige Drama über die Kinderfinger-Morde gesehen? Sie basieren auf dem echten Fall von einem Mann, der Müttern die Finger ihrer toten Kinder per Post geschickt hat. Das habe ich geschrieben. Problemlos. Ich meine, klar, es war verstörend, aber ich habe einfach meinen Job gemacht. Es ging. Die Serie ist gut geworden.“
„Da bin ich mir sicher“, sagt Laini und sieht mich ruhig an. „Aber ich glaube, Sie müssen sich Ihrer aktuellen emotionalen Bandbreite bewusst werden.“
Emotionale Bandbreite. Der Ausdruck geht mir sofort gegen den Strich, aber ich unterbreche sie nicht.
„Ich denke nicht, dass es die hilfreichste Art ist, Ihre Trauer zu verarbeiten, indem Sie sich mit den dunkleren Seiten menschlichen Verhaltens beschäftigen.“
Ich nicke. „Ich bin einfach nur frustriert. Das ist jetzt schon vier Monate her.“
Laini schenkt mir ein trauriges Lächeln. „Manche Dinge brauchen Zeit, Caroline. Ich rate Ihnen bloß davon ab, Salz in die Wunde zu streuen.“
Seufzend nickte ich. „Okay.“
Ich sehe weg, und als sie nicht weiterredet, schaue ich nach einer Weile wieder zu ihr. Sie lächelt noch immer einfühlsam.
Wir schweigen.
„Na dann“, sagt sie schließlich und legt die Handflächen auf ihre Knie.
Ich mag Laini. Wirklich. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Immerhin bezahle ich sie. Ein Vermögen, um genau zu sein. Ich hätte auch Therapie über den NHS bekommen können, aber bloß eine begrenzte Zahl an Sitzungen, und ich bin auch zum ersten Termin gegangen. Aber ich mochte die Frau nicht, die man mir zugewiesen hat. Sie erinnerte mich an die Schauspielerin Barbara Hershey. Nicht die nette Barbara Hershey von ,Beaches‘, eher die von ,Black-Swan‘. Ich musste ununterbrochen darüber nachdenken, wie sie mir in einem gewalttätigen Anfall die Fingernägel ausreißen würde. Aber Laini ist nicht so. Ich bezweifle, dass sie in ihrem Leben je etwas Schlimmes getan hat. Wahrscheinlich tötet sie nicht mal Fliegen. Sie würde sie vermutlich sanft fragen, was sie fühlen und mit einer vorsichtigen Bewegung ihrer beringten Hände aus dem Zimmer scheuchen.
„Ich habe Ihren Rat befolgt. Den vom letzten Mal“, bemerke ich, um die Stille zu durchbrechen. „Habe brutale Sachen im Fernsehen gemieden. Alec schaut den Kram aber trotzdem noch. Neulich habe ich ihn im Wohnzimmer dabei erwischt, wie er eine Wiederholung der Spionage Show Spooks geguckt hat.“
Sie hebt die Augenbrauen.
„Haben Sie Spooks gesehen?“
Sie deutet mit einer Kopfneigung an, dass sie es kennt.
„Die Jahre mit Matthew McFadyen oder die mit Rupert Penry-Jones? Oder die späteren Staffeln, als sie ständig die Hauptfiguren ausgetauscht haben?“
In ihrem Lächeln sitzt jetzt ein Hauch Ungeduld. „Ich erinnere mich leider nicht.“
Was sie meint: Wir sind nicht hier, um über Serien zu reden.
„Ich mochte Matthew McFadyen lieber“, fahre ich fort, und das Bild von ihm, das in meinem Kopf auftaucht, gefällt mir.
„Und haben Sie mit Alec darüber gesprochen, dass manche Themen in der Serie Sie aufwühlen?“ Laini ist offensichtlich bemüht, mich wieder auf Kurs zu bringen.
„Ja. Wir haben uns dann natürlich gestritten.“
Laini blickt auf ihre Notizen. „Haben Sie das Gefühl, die Beziehung zu Ihrem Mann ist noch immer, um Ihre Worte von letzter Woche zu benutzen, ,gespannt und straff gezogen‘?“
Ich nicke und starre zu Boden.
„Sie haben erwähnt, dass Sie mit einer Freundin sprechen konnten. Vielleicht wäre das …“
„Ja, eine Freundin, die ich in der Selbsthilfegruppe kennengelernt habe. Wenn ich ehrlich bin, ist ,Freundin‘ zu viel gesagt. Aber sie hat auch … Sie war auch Mutter. Mit ihr kann ich wenigstens darüber reden, wie es ist. Diesen Status zu verlieren, wissen Sie?“
„Status?“, fragt mich Laini sanft.
„Ja. Den Status als Mutter. Das ist so etwas, das man ist. Und dann plötzlich nicht mehr. Plötzlich ist man einfach … einfach wieder nur man selbst. Es ist, als würde man in der Zeit zurückgehen. Nur fühlt man sich nicht danach. Man ist leer. Ich sage nicht, dass ich das leuchtende Vorbild einer Mutter war. Aber als ich aufgewachsen bin, na ja, sagen wir's so: Meine eigene Mutter hat in dem Bereich nicht gerade geglänzt. Also war ich fest entschlossen, es besser zu machen. Und dann, plötzlich, ist das alles … weg.“
Laini wartet einen Moment, als wolle sie dem Raum Zeit geben, das Gesagte zu verdauen. Dann: „Der Bruder Ihres Mannes …“ Sie macht eine Pause, schaut wieder auf ihren Block, offensichtlich auf der Suche nach einem Namen. „Robert? Hat es Ihnen geholfen, mit ihm zu sprechen? Sie sagten, er habe Ihnen beigestanden, besonders in den ersten Wochen.“
„Rob“, verbessere ich. „Ja. Na ja, ich konnte mit ihm reden. Direkt nach Jessicas Tod war er großartig. Ich habe angerufen und er hat einfach nur zugehört. Es hat geholfen, dass er jemand außerhalb des Hauses war. Er liebte Jessica. Er war ein toller Onkel. Aber es ist natürlich nicht dasselbe wie für Alec. Und wenn ich mit Alec rede, muss ich auf seine Trauer Rücksicht nehmen, und na ja, auf alles, was eben dazugehört.“
Lainis Gesicht wirkt etwas engagierter, als wäre sie mehr als nur ein bisschen beeindruckt. „Caroline, ich denke, wir sollten uns nächstes Mal darauf konzentrieren, wie Alecs Trauer es Ihnen schwer macht, mit ihm zu sprechen.“
Ich antworte nicht, aber das muss ich auch nicht. Sie wird mich zum Reden bringen. Das ist Teil ihrer seltsamen Magie, und ehrlich gesagt auch der einzige Grund, warum ich immer wiederkomme. Trotz allem rede ich am Ende meistens.
Ich verlasse ihr Zimmer mit diesem inzwischen vertrauten Gefühl müder Verletzlichkeit. Es erschöpft mich, über meine innersten Ängste und Hoffnungen und Reue und Träume zu sprechen. Ich bin ziemlich sicher, Laini lässt manchmal ihre Meinung stärker durchscheinen, als es professionell wäre. Alec würde vorschlagen, sie bei irgendeiner Aufsichtsbehörde zu melden, bei der man eben schlechte Therapeuten meldet, aber im Moment bin ich nicht sicher, ob ich mit noch einer Veränderung meiner wöchentlichen Routine klarkommen würde.
Auf der Treppe in diesem prachtvollen Bürogebäude remple ich einen jungen Mann an. Er hat ein blasses, gehetztes Gesicht, als würde ihn ein dunkles Geheimnis beherrschen. In diesem Gebäude gibt es einen Zahnarzt, einen Osteopathen, einen Akupunkteur und Laini. Ich wette, er geht zu ihr. Er sieht aus, als müsste er etwas beichten. Müssen wir das nicht alle, denke ich, während ich die Straße zu meinem Auto überquere.
Der Range Rover ist erfüllt von dicker, warmer Luft, als ich mich auf dem Fahrersitz niederlasse. Es ist erst Mai, und das Wetter schon unausstehlich heiß. Ich prüfe mein Handy und entdecke die Voicemail von Alec, in der er mich bittet, Milch mit nach Hause zu bringen. Aber nur, wenn es nicht zu viele Umstände macht.
Bei dieser Wortwahl schnalze ich. Zu viele Umstände. Ich weiß, was das ist: ein absichtlicher Versuch, mich zu reizen. Das macht er schon immer, aber besonders jetzt. Als wolle er, dass ich ausraste, dass ich zusammenklappe, dass ich überreagiere, damit er der Größere sein kann. Nur, weil ich letzte Woche seine Earl-Grey-Teebeutel vergessen habe, bekomme ich jetzt eine Serie kleiner Spitzen serviert.
Ich fahre demonstrativ am Tesco Express vorbei. Scheiß auf seine Bio-Halbfettmilch, denke ich, während der warme Wind durch die offenen Fenster rauscht. Nach zehn Minuten werde ich langsamer, biege in eine Straße ein und nehme schließlich die Abzweigung zum Oak Tree Close.
Hier beherrschen die ordentlich aufgereihten Bäume der Nachbarschaft das Bild. Die großen Häuser, die meisten relativ neu und unauffällig, ein kleiner Teil entweder geschmackvoll pseudo-Tudor oder seltsam modern. Früher habe ich es hier geliebt. Habe die Ruhe genossen – saubere, ordentliche Vorstadt-Ruhe. Jetzt will ich mich am liebsten vor jedes einzelne Haus stellen und schreien, bis ich keine Kraft und keine funktionierenden Stimmbänder mehr habe.
Im Haus lehnt Alec am Küchentresen und starrt ins Leere. Dieses Starren macht mich wahnsinnig. Ich klappere demonstrativ laut, als ich reinkomme, hole den Mixer hervor und gehe zum Kühlschrank, um Erdbeeren und Himbeeren zu holen, und eine Banane aus der Obstschale. Ich werfe alles in den Mixer, mache mir nicht einmal die Mühe, die grünen Teile von den Erdbeeren abzuschneiden, und genieße das befriedigende Mahlen der Messer, wie sie die Früchte in einen nassen roten Brei verwandeln.
„Hast du die Milch mitgebracht?“, fragt Alec, während der Mixer röhrt, und ich tue so, als würde ich ihn nicht hören. Seine Stimme ist wie weißes Rauschen für mich. Er kommt ganz um den Tresen herum, sodass er mich direkt anblickt. „Caroline? Die Milch?“
Er brüllt über das Dröhnen des Mixers hinweg. Wenn ich jetzt daran denke, bin ich wirklich erstaunt darüber, dass ich seine Stimme jemals attraktiv fand. Früher hätte ich sie tief genannt, aber melodisch, erdig, aber eben kultiviert, und sein schottischer Akzent gab ihr einen jungenhaften Charme. Jetzt raut sie meine Ohren auf wie zerbrochenes Glas.
„Geh einfach weg“, murmele ich.
„Was?“
Der Mixer stoppt, und ich achte demonstrativ aufmerksam darauf, wie die Flüssigkeit in mein großes Glas gleitet, in Falten, als wäre sie aus rosa Seide. Er sieht mir zu, halb angewidert, halb verwirrt.
„Ich lege mich hin“, sage ich und gehe an ihm vorbei.
„Was?“, fragt er erneut. Er legt mir eine Hand auf den Arm, um mich am Gehen zu hindern, aber ich schüttle ihn ab.
„Schlafenszeit“, wiederhole ich und gehe zur Treppe.
„Mit einem großen Glas Zucker?“ Er folgt mir, die Hände nun in die Hüften gestemmt. Er glaubt, er wirkt beeindruckend, wie ein dominanter, männlicher Mann. Tut er nicht. Ich seufze.
„Warum hast du keine Milch geholt?“, ruft er mir nach, während ich die Treppe hinauf verschwinde.
„Gute Nacht!“, rufe ich zurück, als würde ich auf ein ,Schlaf-gut‘ von ihm reagieren, obwohl es erst 16 Uhr ist.
Im Schlafzimmer schalte ich den Fernseher an und öffne die Netflix-App. Ich mache irgendeine grottenschlechte Komödie an, eine miserable Persiflage auf alte Cowboyfilme, und süße mir die Zunge mit dem Beerenbrei. Dann greife ich nach meinem Handy.
Er geht beim vierten Klingeln ran. „Caroline“, sagt er, und da ist etwas in seiner Stimme, das unmöglich zu überhören ist. Ein Hauch Ungeduld.
„Rob, es tut mir leid … Ich habe mich gerade mit Alec gestritten. Ich muss einfach kurz reden.“
Ich höre ihn seufzen. Seit einer Weile versuche ich, diese Seite unserer Telefonate zu ignorieren, aber es ist unmöglich. Ich werde ihm zur Last. Meine Trauer langweilt ihn. Er zieht seine Unterstützung langsam, aber sicher zurück, wie ein Rettungsboot, das stetig Luft verliert. „Worum ging's?“, fragt er schließlich.
„Worum es immer geht. Um uns. Um dieses Scheißleben, das wir jetzt führen. Darum, dass wir kaputt sind. So verdammt kaputt.“ Ich rutsche im Bett etwas höher, komme in Fahrt, bereit, meine Seele zu öffnen, auf eine Weise, wie ich es bei Laini nie getan habe. „Weißt du, was meine Mutter einmal zu mir gesagt hat, damals, als ich sie angerufen habe, um ihr zu sagen, dass ich heiraten werde? Ich hatte sie jahrelang nicht gesehen.“
In die Stille hinein fragt Rob: „Was hat sie gesagt?“
Ich atme tief ein, spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. „‚Das hält eh nicht.‘ Und weißt du, was ich am meisten hasse? Dass sie recht hatte. Heißt es nicht ,in guten wie in schlechten Zeiten‘? Wieso kriegen wir das nicht hin?“
Wieder Stille. Dann sagt Rob schließlich: „Ich muss los, Caroline. Ich bin gerade einkaufen und ich muss bezahlen und …“
Das ist genau das Falsche, so grob und unsensibel, so anders als früher. „Oh, entschuldige, dass ich deinen verfickten Wocheneinkauf unterbreche“, schnappe ich. Er sagt noch einmal meinen Namen, wieder in diesem müden Ton, bevor ich auflege. Dann schleudere ich das Handy über das Bett. Es fällt mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Ich hebe es nicht auf.
Als der Film losgeht und ein Schwall aus Orange und Rot über den Bildschirm flackert, schaue ich mich in meinem perfekt organisierten Schlafzimmer um. Der weiße Bettbezug, die hellblauen Vorhänge, die sauber sortierten Bücherregale. Alles ist so herzzerreißend banal. Das ist jetzt mein Leben. Ich muss einfach damit klarkommen.
KAPITEL ZWEI: DIE MUTTER
Januar, noch eine Woche
„Du wirst wahrscheinlich eh nein sagen, aber ich hab gesagt, ich frag dich. Kann ich nächstes Wochenende nach Somerset fahren und Hannah besuchen?“
Ich sah von dem Drehbuch auf, das ich gerade auf meinem iPad durchging. Es war schon zwei Jahre alt. Ein Projekt für die BBC, aber sie entschieden, dass sie zu viele Krimidramen in der Pipeline hatten. Jetzt sah es so aus, als könnte mir ein anderer Sender grünes Licht geben, aber die Produktionsfirma hatte mich gebeten, es umzuschreiben, sodass die Handlung in Birmingham statt im Kern von London spielt. Offenbar billiger fürs Budget.
„Hallo? Mama?“
Mir wurde klar, dass ich mit einem glasigen Ausdruck dagestanden hatte, während mein Kopf noch immer die Architektur der Midlands durchging. „Sorry, Schatz. Was hast du gesagt?“
Jessica seufzte. Eine ihrer häufigeren Demonstrationen der Ungeduld mir gegenüber. „Ich hab gesagt, ich weiß, du wirst wahrscheinlich nein sagen, aber ich hab versprochen, dich zu fragen, ob ich nächstes Wochenende nach Somerset darf, um Hannah zu sehen.“
Das überraschte mich ein wenig. „Hannah? Ich dachte, sie wohnt in Sevenoaks?“
Sie verdrehte die Augen. Ihre zweithäufigste Art, Ungeduld zu zeigen.
„Tut sie auch. Bei ihrer Mum. Aber ihr Dad ist nach Somerset gezogen, um irgendein Meeresfrüchte-Café oder so aufzumachen, und hat diese schreckliche neue Frau geheiratet, und Hannah hat gefragt, ob ich für ein paar Tage zu ihr kommen und dort bleiben kann. Du weißt schon, um sie von der bösen Stiefmutter abzulenken.“ Es entstand eine Stille, während ich das verdaute, bis sie nachsetzte: „Also? Darf ich?“
Ich legte das iPad auf das Sofa neben mir und schenkte ihr meine volle Aufmerksamkeit. „Somerset? Wie lange?“
„Ich fahre Samstagmorgen hin und komme Sonntagabend spät zurück.“
Ich spürte, wie sich meine Stirn in Falten legte. Ich hätte mich nicht als überfürsorglich bezeichnet, aber die West Country war weit weg, und der Gedanke, dass Jessica diese Strecke spät am Abend zurücklegte, obwohl sie am nächsten Tag Schule hatte, ließ mich nicht gerade vor Freude hüpfen.
„Kann das nicht bis zu den Ferien warten? Wie wäre es mit Februar? Und du hast doch auch all diese Modulprüfungen, auf die du dich vorbereiten musst. Ich finde nicht, dass du ein ganzes Wochenende Lernzeit verlieren solltest, wenn du—“
Sie fiel mir sofort ins Wort. „Das kann ich alles im Zug machen. Wenn du's dir mal so überlegst: Ich bin stundenlang unterwegs, also kann ich mich auf jeden Fall gut konzentrieren.“
„Hm“, machte ich, wenig überzeugt. Vermutlich würde das Lernen weniger als zehn Minuten dauern, bevor es durch Instagram und einen ,Cassandra Clare‘ Roman ersetzt wurde. „Na gut. Ich rede mit deinem Vater.“
Jessica machte ein schnaubendes Geräusch, verdrehte wieder die Augen und schlenderte nach oben, offenbar entschlossen, ihre Energie dafür aufzusparen, ihren Vater zu überzeugen. Er würde sie gehen lassen. Einfach deshalb, weil er der coole Vater, das entspannte Elternteil sein wollte. Der, der sagte: „Weißt du was, heute gibt's extra Eis!“ und mich gleichzeitig damit nervte, weil er wusste, dass ich darauf achtete, was Jessica aß, weil Diabetes und Fettleibigkeit durchaus reale Dinge waren, die man bereits im Kindesalter bekämpfen sollte.
Falls Jessica jemals auch nur das geringste Anzeichen einer übermäßigen Zuckersucht entwickeln würde, wäre nämlich wieder ich schuld.
Als Alec um 19.45 Uhr von der Arbeit nach Hause kam, startete Jessica sofort ihre Kampagne, noch bevor er richtig durch die Tür war. „Moment, Moment“, sagte er gut gelaunt, versuchte den Gurt seiner Tasche um den Hals loszuwerden und hängte das braune Sakko auf. „Für wann ist dieser Trip geplant?“
„Nächstes Wochenende“, antwortete Jessica begeistert. „Mum meinte, sie müsse erst mit dir sprechen, bevor sie ihre Erlaubnis gibt. Irgendwas wegen Lernen, aber ich weiß, ich schaff das. Ich arbeite im Zug hin und zurück, und …“
„Lass mich kurz mit deiner Mum reden. Und du fängst schonmal mit der besagten Lernerei an, okay?“
Ich stellte mir vor, wie sie ihm ihr ,Ich-liebe-dich-Dad‘- Grinsen schenkte, bevor sie die Treppe hochflitzte.
Kurz darauf kam Alec in die Küche, sichtlich genervt.
„Guten Tag gehabt?“, fragte ich ironisch, während ich die Lasagne aus dem Ofen holte.
„Nein“, sagte er knapp. „Die Softdrink-Firma hat uns gebeten, die Kampagne neu zu planen. Sie machen sich Sorgen wegen all dem Gerede, wie ungesund Softdrinks seien. Wir sollen den Leuten verklickern, dass das vernachlässigbar ist. Keine Ahnung, wie der Slogan dafür aussehen soll.“
Ich nickte, schenkte ihm ein schwaches Lächeln und wartete, ob er fragte, wie es mir ging oder wie mein Tag gewesen war. Aber ich wartete vergeblich. Wie immer.
Er setzte sich an den Küchentisch und stieß einen langen, frustrierten Atemzug aus. Ich spürte, was kam. „Ich wünschte, du würdest Jessica nicht so viele Versprechungen machen, wenn es um den Urlaub mit ihrer Freundin geht. Vor allem so kurz vor den Prüfungen.“
Ich umklammerte den großen Löffel und versuchte, nicht wütend zu werden.
„Ich weiß, du hattest in deiner Teenagerzeit auch so eine Phase, bist von zu Hause abgehauen, hast dich, als du in London angekommen bist, bei einem Haufen Hippies einquartiert, aber Jessica braucht Regeln und Stabilität. Ihr Hoffnung auf so etwas zu machen, bringt nur ihre Prioritäten durcheinander. Es verwässert die Botschaft, die wir ihr vermitteln wollen.“
Die Botschaft, die wir ihr vermitteln wollen. Er sprach über unsere Erziehung, als wäre sie eine Marketingkampagne für eine neue Sportklamotten-Marke.
„Ich habe nicht entschieden, dass sie gehen darf. Und es ist kein Urlaub, sondern ein zweitägiger Trip ins West Country, um ihre Freundin zu besuchen. Die, mit der sie befreundet war, bevor sie die Schule gewechselt hat.“
Ich hörte, wie er atmete, während ich die Lasagne in die Mitte des Tisches stellte. Ich machte mich innerlich bereit für weitere Spitzen, weitere Kritik, aber bevor er etwas sagen konnte, stürmte Jessica in den Raum.
„Ah, super, ich verhungere schon.“
Sie setzte sich an den Tisch, das iPhone in der Hand. Ein Blick genügte mir, um zu erkennen, dass sie gerade die Bildunterschrift zu einem Instagram-Foto bearbeitete. Alec nahm den Platz ihr gegenüber ein. „Weniger davon am Tisch“, tadelte er und deutete auf das Handy, aber sein Ton war freundlich und scherzhaft. Jessica tippte noch ein paar Sekunden weiter und legte das Handy weg.
„Also, du willst unbedingt einen kleinen Trip zu deiner Freundin machen … Karen?“
„Hannah“, korrigierte Jessica grinsend. „Karen ist die mit den drei Müttern, die jetzt in London lebt. Irgendwo Verrücktes, wie Southwark oder so.“
„Ist Southwark eine verrückte Gegend?“, fragte ich und verteilte die Teller. „Ich dachte immer, das ist eine ziemlich nette Ecke von London. Du hast so viel in der Nähe, Borough Market und London Bridge, Richtung Southbank außerdem—“
„Eine Tischmatte wäre schön“, fiel Alec mir ins Wort, „damit die Oberfläche nicht ruiniert wird.“
Mein Blick ging automatisch zu Jessica, ob sie die Schärfe in der Stimme ihres Vaters bemerkt hatte. Offenbar nicht. Sie hatte ihre Aufmerksamkeit bereits wieder auf ihr Handy gerichtet. Wortlos griff ich nach einer der Tischmatten auf der Anrichte und schob sie mit den Ofenhandschuhen unter die Le-Creuset-Auflaufform. Mir fiel auf, dass sie langsam ein bisschen alt aussah. Sie hatte einen Fleck an der Seite, den ich nicht mehr wegbekam. Alec hatte ihn ebenfalls bemerkt. Ich müsste bald etwas dagegen tun, bevor er es ansprach.
„Wie auch immer, zurück zu deinem kleinen Ausflug“, sagte er zu Jessica und tippte auf den Tisch vor ihr. „Deine Mutter meint, du solltest hier bleiben und lernen, aber ich habe ihr erklärt, dass du an den Abenden vor dem Wochenende extra lernst, ohne Filmabende oder lange Schwimmeinheiten. Und es geschafft, sie zu überzeugen, dass du fahren dürfen solltest.“
Ich beobachtete, wie Jessicas Freude ihre schöne, weiche, blasse Haut zum Leuchten brachte. „Wirklich? Ich darf?“ Sie drehte sich zu mir, und ich zwang mich zu einem Lächeln. Ich hatte gewusst, dass er das tun würde. Er tat das immer. Ich war jetzt wieder die Pantomime-Bösewichtin. Die Spielverderberin. Die, die sie zurückhalten wollte. Und der liebe Daddy war Elternteil des Jahres. Der, der ihr alles ermöglichte, was sie wollte.
„Ja, du kannst gehen“, stimmte ich zu und hielt das Besteck in meiner Hand so fest, dass es knirschte. Dann verteilte ich es und setzte mich. „Sag besser Hannah Bescheid, damit sie ihren Dad informieren kann.“
Jessica tippte auf ihrem Handy. „Schon erledigt. Kann's kaum erwarten!“
Alec lächelte sie an. Ich begann schweigend, die Lasagne zu schöpfen.
KAPITEL DREI: DIE MUTTER
Mai, drei Monate nach dem Anschlag
„Wozu?“, frage ich.
Alec steht vor mir, direkt vor dem Fernseher, und versperrt mir die Sicht auf meinen zweiten Netflix-Film, ein derbes Comedy-Drama über eine Gruppe Mädchen, die nach Ibiza fahren. Er wirkt von meinen Worten schockiert.
„Wie meinst du das, wozu? Das liegt doch auf der Hand. Es hilft. Reden hilft.“
„Was soll es lösen?“, frage ich. Ich weiß, dass ich grausam klinge, aber ich kann nicht anders. Ich weiß, er sucht Trost. Aber ich ertrage seinen Anblick einfach nicht. Alles an ihm erinnert mich daran, wie ich den Großteil meines Erwachsenenlebens damit verschwendet habe, es ihm recht zu machen. Ihn nicht wütend zu machen. So viele Dinge nicht zuzulassen, die ihn stören: dass ich mehr Geld nach Hause bringe als er; dass ich ein Sozialleben mit Freunden habe, die ich tatsächlich mag; dass es für mich nach Jessica unmöglich war, noch ein Kind zu bekommen. Das waren seine ,Trigger‘-Themen. Bei denen er mich bestrafte, wenn er ihnen zu oft und zu lange ausgesetzt war. Nicht körperlich. Alec hat nie die Hand gegen mich erhoben. Vermutlich hält er sich dafür zu kultiviert. Aber jetzt, da Jessica weg ist, jetzt, da unser Leben ohne ihr Lachen, ihre Traurigkeit, ihre Freude und ihre Teenager-Wutausbrüche auskommen muss, hat er eine seiner wichtigsten Waffen gegen mich verloren. Und er spürt diesen Verlust sehr, eingebettet in die normale Trauer und Schuld.
Ich mustere ihn, wie er über meinem Bett steht. Schlanke Statur, geschniegelt, ein ordentliches Hemd, schwarze Hose. Alles daran schreit langweilig, langweilig, langweilig. Einmal habe ich auf seiner Weihnachtsfeier eine der Sekretärinnen über ihn tuscheln hören, er sei ,privilegiertes, bürgerliches Britannien von seiner allerschlimmsten Seite‘. Besser hätte ich es selbst nicht formulieren können.
„Charlotte hat angerufen“, gesteht er und setzt sich auf die Bettkante.
Ich richte mich auf. Mein Rücken drückt unbequem gegen das Kopfteil. „Du meinst Detective Inspector Close. Sie Charlotte zu nennen ist … seltsam.”
„Sie hat gesagt, ich soll sie Charlotte nennen“, entgegnet er defensiv.
„Natürlich hat sie das“, murmele ich.
„Was?“
Ich schüttle den Kopf. Ich habe keine Energie für einen weiteren explosiven Streit. „Nichts. Was wollte sie?“
Alec seufzt. „Sie meinte, du hast sie wegen dieses Mannes genervt, mit dem Jessica angeblich gesprochen hat. Der im Laden am Bahnhof Stratford.“
Ich fixiere Alec mit hartem Blick. „Genervt? Das hat sie wirklich gesagt? Detective Inspector Close hat gesagt, ich hätte sie ,genervt‘?“
Alec verdreht die Augen. „Nein, aber es klang so. Sie meinte, es gäbe wirklich keinen Grund, da nachzubohren. Sie hat ihn für einen Mitarbeiter in dem Laden gehalten und gefragt, ob sie das Buch hätten, nach dem sie gesucht hat. Er hat ihr nur erklärt, dass er da nicht arbeitet, sie hat sich entschuldigt und ist allein zu den Regalen gegangen. Und er ist los, um seinen Zug nach Braintree zu erwischen. Nichts Merkwürdiges oder Verdächtiges an ihm.“
Ich blicke auf meine Hände. Ich wünschte, DI Close hätte mit mir persönlich gesprochen und nicht Alec alles erklärt. Ich konnte mein Misstrauen gegenüber dem Mann, den sie erwähnt hatte, einfach nicht abschütteln. Damals behauptete sie, es sei harmlos und habe keinerlei Relevanz für das, was später passiert ist. Aber ich hatte trotzdem gehofft, es würde irgendetwas ergeben. Irgendeine Art der Erklärung.
„Ich finde, du solltest aufhören. Hör auf, nach Dingen zu suchen, und … Warte einfach auf Neuigkeiten. Falls es welche gibt. Und versuch, damit klarzukommen, dass es vielleicht nie welche geben wird.“
„Damit klarkommen? Wie kannst du das überhaupt? Ich verstehe nicht, warum du nicht dasselbe machst. Warum du nicht auch Leute ausfragst, nicht vor der Polizeiwache campierst, nicht alle von Jessicas Freunden abtelefonierst.“
„Weil du das alles schon getan hast“, sagt er leise. „Und alles, was du damit erreichst, ist, dass du Leuten gegen den Strich gehst und sie dich unangenehm finden, Angst bekommen. Oder, wie Jessicas Freunde und deren Eltern deine Nummer blockieren und dir drohen, dich wegen Stalkings anzuzeigen.“
Oh, es macht ihm solchen Spaß, mich an all das zu erinnern! „Na ja, falls du einen Beweis dafür wolltest, wie viele scheinbar normale Menschen in Wahrheit unsensibel, selbstsüchtig und grausam sind …“
„Das ist nicht wahr, und das weißt du. Du musst loslassen, Caroline“, wiederholt er und sieht mich traurig an. Tränen steigen ihm in die Augenwinkel. Ein paar Sekunden bleiben sie dort, dann wischt er sie grob mit dem Handrücken weg. Ärgerlich verzieht er das Gesicht, als wäre das alles meine Schuld.
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Die Polizei tut nicht genug. Niemand tut genug. Manchmal frage ich mich, ob ich die Einzige bin, der die Wahrheit noch was bedeutet.“
Alec reibt sich nun mit beiden Händen übers Gesicht, dann steht er mit einem schweren Seufzen auf. Die Matratze schnellt mit einem metallischen Nachklingen zurück. „Ich glaube, die haben mehr als genug auf dem Zettel. Und ich hoffe, du weißt, dass das nicht stimmt. Dass du nicht die Einzige bist, der es was bedeutet.“ Er starrt mich kurz an, ehe er zu Boden sieht. „Warum kommst du nicht runter und isst etwas?“
Ich schüttle den Kopf und wende mich dem Fernseher zu, um den Film wieder zu starten. Er starrt auf die Fernbedienung in meiner Hand, als wäre sie eine Abscheulichkeit. „Du würdest lieber fernsehen als …“
„Im Moment ja.“
Er schüttelt ungläubig den Kopf. Ich hoffe, er geht endlich, aber er bleibt in der Nähe der Tür stehen; seinen Blick auf den Bildschirm geheftet.
Nach fast einer Minute halte ich es nicht mehr aus. „Ich hole mir noch einen Smoothie.“ Ich springe auf und tapse aus dem Zimmer, meine nackten Füße eigentlich lautlos auf dem Teppich, aber die Stille sofort ruiniert vom schweren Stampfen seiner harten Schuhe, als er mir folgt. Früher hat er so viel Wert darauf gelegt, seine Schuhe an der Tür auszuziehen. Das war damals, als wir den neuen Teppich haben verlegen lassen. Es ist erstaunlich, welche Regeln man plötzlich alle über Bord wirft, wenn man so leidet, wie wir gelitten haben.
Es ist, als gäbe es überhaupt keine Gesetze mehr. Neulich habe ich sogar gesehen, wie er einen Teebeutel auf der Küchenarbeitsplatte liegen gelassen hat, ein dicker brauner Fleck darunter, möglicherweise für immer, und das verfärbte Wasser tropfte über die Schranktüren auf den Boden. Sofort begann mein Kopf sich auszumalen, was Alec gesagt hätte, wenn ich so etwas getan hätte. Früher, bevor sich alles verändert hat.
Am Ende trinken wir doch zusammen Tee. Essen nichts Besonderes, nichts Abenteuerliches. Nur Toastbrot mit Käse. Als das Abendessen noch Familiensache war und wir drei, mindestens drei, vielleicht auch viermal pro Woche mit einer warmen Mahlzeit am Tisch saßen, je nachdem, wie unsere Arbeit und Jessicas soziale Termine lagen, da hat Alec uns mit endlosen Fakten ,unterhalten‘, als wäre er die Quelle allen Wissens. Er erzählte uns Schnipsel aus Psychologie und Geschichte und sogar Tipps zum kreativen Schreiben, an mich gerichtet, die Frau, die für zwei große TV-Sendungen geschrieben und vier einigermaßen erfolgreiche eigene Serien entwickelt hat, von denen eine mehrere Preise gewann, sechs eigenständige TV-Filme und Miniserien verfasst und an vielen anderen etablierten Dramen mitgearbeitet hat. Aber Alec weiß offenbar alles besser. Einmal, beim Einkaufen im örtlichen Sainsbury's, fing er an, mir zu erklären, wie man am besten eine Handlung strukturiert. Ich habe ihn direkt ausgelacht. Ich hätte meine Verachtung nicht verstecken können, selbst wenn ich es gewollt hätte.
„Warum bist du so?“, fragte er, sichtlich schockiert.
„Weil du einer BAFTA-prämierten Drehbuchautorin erklärst, wie man eine gute Geschichte schreibt.“
„Was? Ach komm, das macht doch niemand – sich selbst als ‚BAFTA-Gewinnerin‘ oder ‚Oscar-Gewinner‘ zu bezeichnen. Das ist …“
„Das ist was?“, fragte ich zurück und ließ eine Frau mit Kinderwagen und vollgepacktem Korb unterm Arm an die Ready-Brek-Packungen im Regal.
„Arrogant“, sagte er, dann zog er dieses verstörte, ratlose Gesicht, als hätte er gerade etwas zutiefst Beunruhigendes an der Frau entdeckt, die er geheiratet hat. „Ehrlich, Caroline. Du musst darüber nachdenken, wie du auf andere wirkst. Nicht jeder ist so … na ja, so nachsichtig wie ich.“ Dann lief er weg und ließ mich mit dem Einkaufswagen stehen, ohne dass ich wusste, ob er den Laden verlassen hatte oder nur in einen anderen Gang gegangen war, um zu schmollen.
Viele Monate später, nachdem unser Leben auf den Kopf gestellt worden war, macht er das nicht mehr. Er serviert mir keine wiedergekäuten ,Wette, das wusstest du noch nicht‘-Fakten, die er sich aus der Folge der Quizshow QI vom Vorabend gemerkt hat. Jetzt verbringt er die wenigen gemeinsamen Mahlzeiten entweder schweigend, oder er versucht, mich dazu zu bringen, über Jessica zu reden. Ihm beim Abladen zu helfen, indem ich ihm erzähle, was für ein großartiger Vater er gewesen war.
Die Nächte sind noch schwieriger. Bevor es passiert ist, bevor meine Tochter ermordet wurde und sich meine Welt so unwiderruflich verändert hat, hatte ich angenommen, dass Paare, die ein Trauma erleben, nie wieder Sex haben und dass ihre Libido und ihre Sehnsucht nach Nähe von dem Loch verschluckt werden, das nun in ihrem Leben klafft. Ich lag falsch. Unser Sexleben geht weiter. Aber ich glaube, das liegt daran, dass es von Anfang an nie ‚normal‘ war. Es geht nie um Nähe und Geborgenheit. Es geht darum, dass er bekommt, was er will. Die Entladung, die er braucht. Der einzige Unterschied ist, dass er inzwischen ins Bad geht, um zu weinen, sobald wir fertig sind.
Nach dem Käse-Toast geht Alec spazieren, während ich auf dem Sofa liege und meine Hände über die weichen, teuren Stoffe streichen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie in meiner Tasche der Bildschirm meines iPhones mit einer neuen Nachricht aufleuchtet. Von meiner Freundin Kirsten. Sie ist eine der wenigen, mit denen ich überhaupt noch spreche. Die anderen glauben, sie würden mit mir sprechen, oder vielmehr glauben sie, ich würde mit ihnen sprechen. Aber das tue ich nicht. Nicht wirklich. Ich sage ihnen nur, dass alles furchtbar ist, aber wir arbeiten uns da durch und nehmen jeden Tag, wie er kommt, Schritt für Schritt. So etwas lieben sie. Sie saugen es auf. Gut, denken sie. Sie ist noch traurig (muss sie ja sein, sonst wäre sie nicht menschlich), aber sie ist nicht irre-traurig. Sie macht es auf respektable, normale Weise. Was sie nicht wissen: Es gibt keine normale Weise, mit dem klarzukommen, was wir durchmachen. Kein Lehrbuchleitfaden, und das obwohl unzählige Selbsthilfebände darüber geschrieben wurden, wie man mit den Kämpfen der Trauer umgeht.
Kirsten hingegen starrt mich immer nur ausdruckslos an, und ich bin nie ganz sicher, ob sie mir überhaupt zuhört, bis sie schließlich antwortet und mir seltsame Ratschläge gibt.
„Fang an, Wäsche zu machen“, sagt sie, „und ich meine: mach es richtig. Konzentrier dich darauf, jedes Teil zu falten, bevor du es in die Waschmaschine tust, und dann noch mal, sobald es getrocknet ist.“
Ich finde es sinnlos, Dinge zu falten, wenn man sie in die Waschmaschine steckt, und ich glaube auch nicht, dass das die beste Art ist, sicherzustellen, dass sie sauber werden, aber Kirsten hat einen Plan.
„Es ist der Ablauf. Die perfekte Symmetrie, es vorher und nachher zu tun. Ehrlich wahr, das beruhigt, glaub mir.“
Ich sagte, sie wolle bestimmt, dass ich wirklich durchdrehe, aber sie lächelte nur dieses seltsame, sanfte Lächeln und rührte ihren Tee. Und merkwürdigerweise hatte sie recht. Es war therapeutisch. In gewisser Weise sogar therapeutischer als meine Sitzungen bei Laini.
„Hat dir das geholfen?“, fragte ich Kirsten, als ich sie ein paar Wochen später wieder sah. Wir schlenderten durch einen offenen Garten; eines der wenigen Male, dass ich zugestimmt hatte, irgendwohin zu gehen, das nicht mein Haus oder ihres war. „Hat dir das geholfen, als mit deinem Mann alles so unerträglich wurde?“
Ich fürchtete, sie würde gleich über die Erinnerungen an ihre plötzliche Scheidung und seine sehr öffentliche Verhaftung weinen. Er hatte wegen gefährlichen Fahrens einen Vater und dessen zwei Kinder getötet, als er in hohem Tempo über einen Zebrastreifen gerast war. Auf dem Heimweg, betrunken, nachdem er bei einer Frau gewesen war, mit der er eine Affäre hatte. Er flüchtete, kam weinend nach Hause und musste von der Polizei aus seiner eigenen Einfahrt gezerrt werden.
Kirsten nickte. „Ja, natürlich. Obwohl das, was meiner Familie passiert ist, bei Weitem nicht so schlimm war wie das, was diesen beiden kleinen Mädchen und ihrem Dad passiert ist. Nicht so schlimm wie das, was ihre Mum durchgemacht haben muss. Und nicht annähernd so schlimm wie deins.“
Ich nickte. Sie hatte recht. Das war nicht einmal vergleichbar.
Ich starre aufs Handy und konzentriere mich auf die Nachricht.
Gehst du zu Denise' Fünfzigsten? Wir können darüber reden, wenn du willst …
Ich lese Kirstens Nachricht ein paar Mal, bis ihre Bedeutung einsickert. Ich weiß, dass Denise' Fünfzigster näher rückt. Sie hatte eine Karte vorbeigebracht, vermutlich in der Hoffnung, dass ich sowieso nicht hingehen würde. Ich hatte nicht ernsthaft darüber nachgedacht, aber mit Kirsten darüber sprechen wollen. Sobald die Karte außer Sicht war, versteckt zwischen Telefonrechnungen und Council-Tax-Formularen, hatte ich sie vergessen.
Früher hätte in meinem Kalender etwas über Jessicas Schule gestanden. Fahrten nach London in Galerien, Museen, zu Uni-Messen. Es war ein weiterer seltsamer Meilenstein gewesen, durch die Monate zu gehen, in denen überhaupt nichts mehr über sie im Kalender stand. Keine Zahnarzttermine, nichts Schulisches. Als wäre sie aus unserem Leben verblasst; als würde sie mit jedem Tag ein bisschen mehr herausgelöscht.
Ich schreibe Kirsten zurück:
Ich hab mich noch nicht entschieden.
Und drücke auf Senden. Dann tippe ich, als Nachgedanken, noch eine Nachricht:
Alec würde niemals zustimmen. Keine Chance.
Er soll es auch gar nicht, denke ich, als ich mich in die Kissen sinken lasse. Nicht, weil es peinlich wäre, obwohl das auch passieren könnte, sondern weil ich dabei spüren würde, wie er meine Reaktionen beobachtet, mich beurteilt, darauf wartet, dass ich zusammenbreche …
Trotzdem: Seit Kirstens Nachricht denke ich ausführlich an diese Party. Ich liege im Bett, wende mich hin und her, während ich mir ausmale, wie es wäre, nett zu sein, zu versuchen zu lächeln und es natürlich aussehen zu lassen. Es wäre anstrengend. Aber etwas in mir will es tun – nur um die Blicke in ihren Gesichtern zu sehen. Das klingt grausam, aber ich mochte das schon immer. Menschen aus dem Konzept bringen. Ihr Gefühl für das Normale herausfordern und ihre Annahmen in ihre selbstgefälligen Gesichter zurückschleudern. Das macht mich, glaube ich, zu einer guten Autorin. Eine Autorin muss mutig genug sein, Wege zu gehen, die sonst niemand geht. Die Probleme anzupacken, über die man nicht reden will. Menschen sich unwohl fühlen zu lassen. Weil sie dort am meisten über sich selbst herausfinden. Und meistens – nicht immer, aber meistens – gefällt ihnen nicht, was sie dabei entdecken.
KAPITEL VIER: DIE MUTTER
Februar, der Tag des Anschlags
„Hast du die Nachrichten gesehen?“
Ich war in der Eingangshalle des BBC Broadcasting House in der Regent Street. Normalerweise arbeitete ich samstags im Homeoffice, aber der Drama-Produzent, mit dem ich unbedingt noch ein paar Dinge durchgehen musste, würde für drei Wochen nach Amerika fliegen, um dort eine Serie zu betreuen, die zusammen mit HBO produziert wurde. Wir fuhren gerade mit dem Aufzug nach oben zu den Stockwerken mit den grellbunten Stühlen und den Fotos berühmter TV-Stars an den Wänden, als mir etwas Seltsames auffiel. Es waren nicht viele Leute in den Büros, aber alle standen in Grüppchen vor den großen Fernsehern an den Wänden und schauten BBC News – ausgestrahlt in genau diesem Gebäude.
„Was ist denn los?“, fragte der Produzent, Mike, eine junge Frau, die auf den Aufzug wartete, als wir aus diesem hinaustraten.
„Es gab noch einen Terroranschlag.“
Mikes Augen wurden größer. „Wo? In London?“
Das Mädchen nickte. „Ja, in Stratford. Ich glaube, am Bahnhof.“ Sie sah besorgt aus. Vielleicht kannte sie jemanden in Stratford. Vielleicht musste sie selbst auf diesem Weg nach Hause. Sie stieg in den Aufzug, drückte einen Knopf, und die Türen schlossen sich.
„Gott, noch einer“, entfuhr es Mike und ging voran zu einem leeren Besprechungsraum. Er hielt seine Karte an den Scanner. An der Wand hing ein großes Foto von Nadiya Hussain. „Setz dich. Ich hol dir was zu trinken. Tee oder Kaffee?“
„Tee, bitte.“ Ich setzte mich und holte mein iPad heraus. Mike verließ den Raum, nicht ohne noch einen Blick zum TV zu werfen. Ich konnte den Bildschirm von hier aus nicht richtig sehen, und ein Teil von mir wünschte, wir wären auf dem Weg kurz stehen geblieben. Ich entsperrte mein iPad und ging sofort auf die Hauptseite der BBC News.
STRATFORD-ANSCHLÄGE: MEHRERE GEWALTTATEN IM OSTEN LONDONS
Das Foto zeigte den Außenbereich des Bahnhofs Stratford mit Polizei- und Krankenwagen, deren Lichter im winterlichen Nachmittagsdunkel leuchteten. Die Seite hatte eine dieser hilfreichen Bulletpoint-Zeitleisten mit bestätigten Informationen, aber ich hatte keine Zeit, sie mir durchzulesen, bevor Mike mit dem Tee zurückkam.
„Musst du jemanden anrufen?“, fragte er, während er die Tasse vor mir abstellte.
„Nein, nein“, entgegnete ich. „Mein Mann ist zu Hause und meine Tochter in Somerset und besucht eine Freundin. Ich könnte nur Schwierigkeiten haben, nach Hause zu kommen.“
Der Gedanke war mir gerade erst gekommen. Sollte ich London verlassen? Würde es einen Ansturm auf die Züge geben?
„Oh je. Musst du über Stratford? Findest du eine alternative Route? Ich schätze, das hängt davon ab, ob sie die Strecke sperren. Wahrscheinlich schon.“
„Wahrscheinlich“, gab ich ihm Recht und versuchte, nicht zu besorgt zu wirken. „Aber ich fahre nicht über Stratford, sondern London Bridge. Hoffentlich läuft das dort noch. Wir gehen alles durch wie geplant, und dann schaue ich einfach, wie es aussieht, wenn ich los muss.“
Ich wechselte auf meinem iPad zu meinen Notizen über die Serie, über die wir sprechen wollten. Mike klappte vor sich einen Laptop auf, und wir machten uns an die Arbeit.
„Soll ich dir ein Taxi oder ein Uber bestellen?“, bot Mike an, als wir etwas mehr als eine Stunde später wieder mit dem Aufzug nach unten fuhren.
„Ich schaffe das schon“, sagte ich und umklammerte mein Handy in der Jackentasche. Langsam wurde ich nervös. Ich wollte endlich wissen, wie ich nach Hause kommen würde.
„Ich hab jetzt irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass du extra an einem Samstag hergekommen bist.“
Ich lächelte und schüttelte den Kopf. „Schon gut. Ich wollte eigentlich noch auf der Oxford Street shoppen, aber ich glaube, es ist besser, dass ich heimkomme.“
Er nickte und wir stiegen aus dem Aufzug.
Auf dem Weg aus der BBC lief ich wie benommen Richtung Oxford Circus. Ich zog mein Handy heraus, und beim ersten Blick darauf rempelte ich jemanden an, der laut schnalzte und an mir vorbei eilte. „Pass doch auf!“, sagte jemand anderes.
Ich musste stehen bleiben und nachdenken, also ging ich an einem Caffè Nero vorbei und schlüpfte hinein. Ich stellte mich nicht an die Theke, sondern ging zu einem freien Tisch und setzte mich. Es warteten bereits zwei Nachrichten von Alec und ein verpasster Anruf.
In Stratford ist was passiert. Kommst du nach Hause?
Dann die zweite, eine halbe Stunde später:
Schreib mir, wie du nach Hause kommst. Pass auf dich auf.
Ich tippte sofort zurück:
Ja, alles okay, ich kläre gerade die Verbindung. Rufe an, falls ich Probleme habe.
Dann ging ich wieder auf die BBC-News-Seite, klickte den Hauptartikel an und begann zu lesen:
Mindestens 17 Menschen sind bei einer Reihe schwerer Vorfälle in Stratford im Osten Londons getötet worden. Die Metropolitan Police hat bestätigt, dass sie dies als Terroranschlag behandelt. Unten folgt eine Zeitleiste, basierend auf Informationen der Polizei, wie sich die Ereignisse entwickelt haben.
Um 16.35 Uhr stiegen sechs Männer, bewaffnet mit Messern und Schusswaffen, aus einem eingefahrenen Zug aus und griffen auf den Bahnsteigen 9 und 10 am Bahnhof Stratford Mitglieder der Öffentlichkeit sowie zwei Polizeibeamte an, die dort auf Züge nach London Liverpool Street, Southend Victoria und Norwich warteten.
Gegen 16.40 Uhr betraten die Täter die Haupthalle des Bahnhofs Stratford und schossen weiter auf Zivilisten, die versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Nach Informationen der BBC wurden zwei weitere Polizeibeamte angeschossen.
Um 16.44 Uhr gingen die Täter die kurze Strecke bis zum Ausgang des Bahnhofs Stratford und eröffneten das Feuer auf Polizei und Menschenmengen in der Nähe des Eingangs zum Einkaufszentrum Westfield Stratford City sowie zum unteren Food-Bereich von Marks & Spencer.
Etwa zur gleichen Zeit gingen Meldungen über mehrere Messerangriffe aus zwei Restaurants auf der Gastronomie-Ebene von Westfield ein. Bestätigt wurde, dass neun Menschen von zwei maskierten Angreifern in Pizza Express und TGI Fridays sowie am Eingang des Vue-Multiplexkinos niedergestochen wurden. Die Polizei geht davon aus, dass der Vorfall mit dem Angriff am Bahnhof Stratford zusammenhängt.
Um 16.50 Uhr zündete während der Massen-Evakuierung des Einkaufszentrums ein Selbstmordattentäter – vermutlich einer der Täter vom Bahnhof Stratford – eine Bombe in der Haupteingangshalle von Westfield Stratford, was weitere Todesopfer forderte.
Der Premierminister wurde informiert und ist auf dem Weg zur 10 Downing Street; er bricht einen Besuch in Brüssel ab und wird am Morgen eine COBRA-Notsitzung leiten.
Ich fand die Details, so kalt und schlicht in einer Liste aufgereiht, zugleich schockierend und seltsam betäubend. Schockierend, weil solch skrupellose, entsetzliche Gewalt gegen unschuldige Menschen mich abstieß – und betäubend, weil es, und ich fühlte mich schuldig bei dem Gedanken, inzwischen so weit gekommen war, dass so etwas nicht nur zum Leben gehörte, sondern fast zu erwarten war.
Jeder wusste, dass sich das Tempo im letzten Jahr verändert hatte, als es im Sommer und Herbst eine Reihe von Anschlägen in schneller Folge gab. Nach der ruhigeren Phase seit den mehrfachen Angriffen ein paar Jahre zuvor fühlte es sich an, als hätten die Menschen einfach vergessen, dass es eine Bedrohung gab. Andere Dinge wurden zur Hauptnachricht, und die Anschläge seltener. Zwar gab es weiterhin schreckliche Attacken ganz in der Nähe, in Europa, und unsere nationale Terrorwarnstufe ging rauf und runter, aber die Gedanken der Leute kreisten nicht wirklich um Extremisten und Menschen, die uns schaden wollten. Und dann, gerade als sich alles wieder Richtung Normalität bewegte, ging ein Mann in einen vollen Sainsbury's in Battersea – mit einem ganzen Paket Semtex auf der Brust. Ich bezweifle, dass viele Supermärkte als Ziel von Terroranschlägen im Kopf hatten. Nicht, bis sie das Blutbad auf ihren Bildschirmen sahen. Dreizehn Tote. Und eine Woche später explodierte noch eine Bombe auf einem Gepäckregal in einem Zug, genau als er in Walthamstow Central einfuhr. Neun Tote. Etwas mehr als zwei Monate später ließ ein Mann an einem Freitagabend einen Rucksack in einer vollen Bar in der King's Road in Chelsea stehen. Zwanzig Tote. Und schließlich, kurz vor Weihnachten, ging eine Bombe im Eurostar-Terminal in Ebbsfleet hoch, die nicht vollständig detonierte. Viele Schwerverletzte und eine Tote: ein Teenager-Mädchen, fast so alt wie Jessica.
Mit diesem Gedanken wechselte ich zum Facebook Messenger und schrieb ihr schnell:
Du hast vielleicht gesehen, dass es noch einen Anschlag in London gab. Hoffentlich betrifft das deine Zugfahrt morgen nicht, aber falls doch, sag uns Bescheid.
Ich drückte auf Senden – und weil ich plötzlich fand, dass es zu ruhig und distanziert klang, schob ich eine vorsichtige Ergänzung hinterher:
Wenn irgendetwas komisch oder ungewöhnlich wirkt oder du dir nicht sicher bist, was du tun sollst, ruf bitte sofort mich oder Dad an oder sprich mit einem Polizisten. Ich will dich nicht beunruhigen, aber ich fände es gut, wenn du mir schreibst, wenn du im Zug sitzt, und dann bitte noch mal, wenn du bei London Bridge durchfährst. Einfach damit ich weiß, dass du sicher bist. Keine Umwege!
Beunruhigt öffnete ich auf meinem Homescreen die National-Rail-App. Vielleicht sollte ich morgen nach Somerset runterfahren und Jessica abholen. Aber das würde Stunden und Stunden dauern. Und sie hatte ja auch schon ihr Rückticket. Die Abfahrtsliste nach Sevenoaks war eindeutig: ,massive Störungen bis Betriebsschluss‘. Nach weiterer Recherche (über The Guardian und die Daily Mail) fand ich heraus, dass die meisten großen Bahnhöfe in London evakuiert worden waren, sobald klar geworden war, dass es einen koordinierten Angriff auf Stratford Station gegeben hatte. Viele waren noch geschlossen. London Bridge hatte wieder geöffnet, aber der Betrieb war weit davon entfernt, normal zu sein, und man riet den Menschen, alternative Verkehrsmittel zu nutzen. Und um ehrlich zu sein: Ein Bahnsteig war der letzte Ort, an dem ich länger stehen wollte.
Ich schrieb Alec, dass ich ein Auto nach Hause nehmen würde, bestellte ein Uber, kaufte mir bei der freundlich lächelnden jungen Frau an der Theke ein Panini und ging, während ich aß, Richtung Langham Place in der Nähe der BBC, wo ich abgeholt werden würde. Es dauerte länger als angekündigt, und ich verbrachte die Zeit auf Twitter, wo sich die Hysterie entfaltete. Sowohl #PrayForLondon als auch #PrayForStratford waren in den Trends. Ich hatte geglaubt, wir hätten diese „Pray For“-Hashtags hinter uns gelassen, aber offenbar waren sie zurück. Ich selbst nutzte Social Media kaum. Nur gelegentlich, um Trailer von Serien zu retweeten, an denen ich gearbeitet hatte, und um die Zuschauerreaktionen zu beobachten. Der Gedanke, Social Media mitten in einer Notsituation zu benutzen – den Status zu updaten oder Fotos zu posten – war mir völlig unbegreiflich. Ich konnte mir nicht vorstellen, mein Handy zu zücken und zu twittern, wie es eine Frau getan hatte:
OMG, ich habe gerade gesehen, wie vor mir eine Frau abgestochen wurde, als ich aus dem Kino in Westfield raus bin – ich hab so was noch nie in echt gesehen. So schrecklich. Ich bin total fertig. #Stratford #StratfordAttacks #PrayForLondon.
Jemand anderes hatte ein Foto gepostet, das offenbar aus der Ferne mehrere Körper auf einem Bahnsteig zeigte. Der Nutzer @OddJobJimmy1991 hatte dazu geschrieben:
So verdammt krank. Abgeschlachtet wie Tiere. Das muss ENDLICH GEKLÄRT werden.
Er hatte ein paar bekannte Politiker markiert, darunter den Premierminister und die Innenministerin, und außerdem zwei rechtsextreme Journalisten und mehrere Social-Media Kommentatoren, vermutlich in der Hoffnung auf einen Retweet.
Das Auto kam endlich, und erst im warmen Innenraum merkte ich, wie durchgefroren ich war. Ich spürte, wie das Gefühl in meine eisigen Finger zurückkehrte, während ich weiter über den Bildschirm wischte und Jessica noch eine Nachricht schrieb:
Hi, hast du meine Nachricht gesehen?
Es war sinnlos, weil ich sehen konnte, dass sie sie nicht gelesen hatte. Wahrscheinlich war sie gerade damit beschäftigt, irgendeinen großen Hügel zu instagrammen, den sie mit ihrer Freundin bestiegen hatte, oder das Essen, das sie in einem Gastro-Pub gehabt hatten. Ich checkte ihr Profil, aber da war nichts. Ihr letzter Post zeigte das Cover eines dicken Fantasy-Romans von Sarah J. Maas, mit der Bildunterschrift:
Es ist offiziell: Ich bin süchtig und LIEBE es.
Aber der war von gestern, bevor sie ins West Country aufgebrochen war.
Plötzlich überfiel mich das überwältigende Bedürfnis, mit ihr zu sprechen. Ihre Stimme zu hören. Alles wird gut, versuchte ich mir einzureden. Sie war seit Stunden und Stunden weg aus Kent und London. Lange, bevor das ganze Chaos losging. Und außerdem hatte sie überhaupt keinen Grund, in die Nähe des East End zu kommen. Ich tippte auf ,Anrufen‘, ihr Gesicht füllte den Bildschirm. Es klingelte ewig, dann erklang eine Frauenstimme: „Willkommen beim O2-Mailboxservice“, und ich brach den Anruf ab.
„Das wird eine ganze Weile dauern, bis wir da sind“, sagte mein Fahrer in einer gelangweilt klingenden Stimme. „Überall ist dicht. Hauptsache erst mal aus London rauskommen. Normalerweise dauert's etwas über 'ne Stunde, aber heute, na ja … Und auf der A13 gibt's scheinbar auch schon Stau.“
„Super“, murmelte ich und versuchte es noch einmal bei Jessica. Diesmal legte ich bei der Mailbox nicht auf. „Hi, Liebling, ich bin's. Ich weiß nicht, ob du meine Nachrichten gesehen hast, aber es gab noch einen Anschlag in London, und ich wollte einfach mit dir sprechen. Hoffentlich betrifft das deine Heimfahrt morgen nicht, aber … na ja, kannst du mich bitte einfach kurz zurückrufen? Ich hab dich lieb.“
Nachdem ich aufgelegt hatte, fragte der Fahrer: „Haben Sie Familie in der Gegend?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Meine Tochter ist in Somerset, kommt aber morgen zurück. Sollte eigentlich kein Problem sein, aber Sie wissen ja, neurotische Mütter und so.“
Der junge Mann zuckte mit den Schultern. „Hab keine Kinder. Nie ein Mädchen gefunden, das ich länger als sechs Wochen mochte.“
„Aha“, sagte ich und wusste nicht, was ich mit dieser Information anfangen sollte.
„Aber meine Mum ist genauso. Ruft ständig an, checkt, ob ich tot bin.“ Er schien auf ein Thema zu kommen, das ihm gefiel, und fing an, mit den Händen zu fuchteln, als würde er seine Mutter imitieren: „Schreib mir, wenn du da bist! Ruf an, dass du sicher bist!“
Ich gab ein kleines Lachen von mir, in der Hoffnung, das Gespräch zu beenden, aber er machte weiter:
„Ich meine, ich werde im Juli dreißig und sie ist immer noch so. Hört nie auf. Ist Ihre Mutter auch so?“
Mir zog sich der Magen zusammen. „Nein“, sagte ich und blickte auf den dunklen Bildschirm meines Handys herab. „Nein, sie war … definitiv anders.“
Er nahm das offenbar als Schlussstrich, und ich war erleichtert, als wir in Stille die Haymarket hinunterkrochen.
Der junge Mann behielt recht: Aus einer Fahrt, die achtzig Minuten hätte dauern sollen, wurden zweieinhalb Stunden. Als ich schließlich durch die Haustür trat und ins Wohnzimmer ging, war ich völlig fertig.
„Caroline“, rief Alec aus dem Wohnzimmer, „du warst ewig weg. Ich musste ohne dich essen.“
Wie kann er in so einem Moment an seinen Magen denken?, dachte ich verärgert. Er lehnte in Jeans und einem hellrosa Freizeithemd auf dem Sofa. Mein Blick glitt über ihn, und selbst in meiner Zerstreuung fielen mir drei Dinge auf: sein leicht gerötetes Gesicht, dass er keine Socken trug, und dort, wo sein Hemd seitlich hochgerutscht war, dass der Bund seiner Unterhose eine andere Farbe hatte als die, die er beim Frühstück am Morgen getragen hatte. Für viele wären diese Details kaum wahrnehmbar, aber für mich, für das geübte Auge, schrien sie mir geradezu entgegen. Der Fernseher lief mit BBC News, einem Reporter irgendwo draußen und flackernden blauen Lichtern im Hintergrund.
„Als es über Weihnachten keinen Anschlag gab, abgesehen von diesem Eurostar-Ding, dachte ich, vielleicht war's das“, bemerkte Alec, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. „Aber vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder passiert.“ Er hob die Fernbedienung und drehte leiser. „War die Fahrt furchtbar?“, fragte er und sah mich an.
„Ja“, gestand ich. „Und ich kann Jessica nicht erreichen.“ Ich versuchte, die Worte so leicht wie möglich klingen zu lassen, aber als Tränen in meinen Augen brannten, flüchtete ich in die Küche. Ich nahm ein großes Glas, füllte es mit Wasser und betrachtete das Abtropfgestell: voll mit Tellern, einem Topf und zwei Weingläsern.
Zwei Stück.
Standen einfach so da, auf dem Kopf. Ich drehte ihnen den Rücken zu, wünschte, ich hätte sie nicht gesehen und nahm einen langen, tiefen Schluck.
Alec war mir in die Küche gefolgt, denn als ich mich zur Tür drehte, stand er verwirrt und besorgt da. „Jessica? Aber sie ist doch in Somerset.“
Ich nickte. „Ich weiß. Aber ich würde gern mit ihr sprechen. Sie könnte … aufgewühlt sein.“
Er sah noch verwirrter aus. „Ja, aber … also, das ist ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Sie wird sich inzwischen daran gewöhnt haben. Wie wir alle.“
Ich spürte Wut in mir aufsteigen. „Willst du damit sagen, ich darf nicht aufgewühlt bei dem Gedanken sein, dass ein Haufen Soziopathen unschuldige Menschen niedermetzelt? Dass unsere nächstgelegene Großstadt zu einem Kriegsgebiet wird?“ Ich sprach schnell, meine aufgestaute Sorge um Jessica floss direkt in meine Worte und ich verhaspelte mich.
Alec hob die Augenbrauen. „Verdammt, du klingst hysterisch. London ist kein Kriegsgebiet.“
Ich hatte nicht die Kraft, mit ihm zu kämpfen. Ich nahm mein Handy und ging zurück ins Wohnzimmer. Dort stellte ich mich vor den inzwischen stumm geschalteten Fernseher und rief Jessica noch einmal an. Mailbox. „Hi, hier ist Mum. Ich mache mir langsam ein bisschen Sorgen. Ruf mich bitte kurz an, damit ich weiß, dass du nicht in einen Graben gefallen bist oder so!“
Ich wusste, die letzten Worte klangen wahrscheinlich manisch hell und fröhlich, aber es war zu spät. Jessica würde die Nachricht hören, die Augen verdrehen und mir sagen, dass alles gut ist. Und dann würde sie morgen ganz normal nach Hause kommen, und all meine Sorgen wären umsonst gewesen.
Ich wandte mich dem Fernseher zu. Der Nachrichtensprecher gab ein Update: Die neue Zahl der Todesopfer lag bei siebzehn.
Mitten in der Nacht klingelte es an der Tür.
Manche Eltern sprachen von Verdrängung, wenn man ihnen das Schlimmste mitteilte. Dass das Gehirn sich weigerte zu glauben.
Meins tat das nicht. Ich wusste in dem Moment, als um zwei Uhr morgens die Klingel schrillte, dass ich mein Mädchen nie wiedersehen würde. Ich wusste es mit jeder Faser, jedem Muskel, jedem Knochen.
Ein Teil von mir hatte erwartet, sie würden mir erzählen, Jessica sei in Minehead auf irgendeiner Straße von einem Auto erfasst worden. Oder vielleicht auf einem Spaziergang gestürzt und tödlich verletzt worden. Aber schon bei den ersten Worten der zwei freundlichen Polizeibeamten, die sich im Wohnzimmer setzten, wurde schnell klar, dass das kein Unfall war.
Meine Tochter war bei dem Terroranschlag am Bahnhof Stratford ermordet worden. Sie hatten ihre Debitkarten überprüft und ihre 16–25 Studenten Railcard, auf der ein Foto von ihr abgedruckt war. Sie waren sicher, aber entweder Alec oder ich müssten sie formal identifizieren.
„Das, das muss … das kann nicht …“, stammelte Alec fassungslos und fuhr sich durchs Haar. „Da muss … Aber sie ist doch in Somerset …“
Ich konnte nicht sprechen. Der junge Polizeidetektiv sagte etwas, aber alles begann zu verschwimmen und langsamer zu werden, sich zu drehen. Ich saß einfach nur da, stumm. Irgendwann merkte ich, dass Alec versuchte, mit mir zu reden. Irgendetwas darüber, ob Jessica mir gesagt hätte, dass sie zurück nach London fährt. Ich schüttelte den Kopf. „Sie sollte nicht dort sein … Sie sollte nicht …“ Ich konnte den Satz nicht zu Ende bringen.
Ich ging über den weichen Teppich zu den großen Fenstern, die zum Garten zeigten. Ich starrte in die Dunkelheit, und für eine Sekunde glaubte ich, den Umriss einer Rutsche und einer Schaukel zu sehen, die wir gekauft hatten, als Jessica klein gewesen war. Aber als ich näher ans Glas trat, war der Rasen leer. So wie schon seit Jahren.
„Caroline?“, fragte Alec, als hätte er mir gerade eine Frage gestellt und würde nun auf eine Antwort warten.
Nach einem Moment oder zwei trat ich vom Fenster zurück und ging wieder zu meinem Mann, damit wir den beiden Polizeibeamten zuhören konnten, die beschrieben, wie unsere Tochter gestorben war.