Leseprobe Die skandalöse Baroness

Kapitel eins

Whitechapel, London, Farnham’s Fantastical Female Fayre 1815

Der erste Hieb traf Marianne in den Magen. Gleich darauf folgte ein Kinnhaken, bei dem sie rückwärts gegen die Seile taumelte. Wie erwartet wurde die blutdürstige Menge, die nur aus Männern bestand, wild. Ihr Jubel und ihr Spott erinnerten Marianne daran, dass sie auf die Frau achten sollte, die vor ihr stand, statt sich von einem Fremden im Publikum ablenken zu lassen. Sie stolperte, fand jedoch das Gleichgewicht wieder. Leider war es nicht so leicht, wieder zu Atem zu kommen.

Marianne boxte schon seit zwei Jahren und wusste, dass man die Atemnot nach einem Schlag in den Magen am besten ignorierte. Aber es zu wissen und es zu tun, waren zwei Paar Schuhe. Sie musste all ihre Kraft aufbieten, um sich auf den Beinen zu halten, während sie nach Atem rang. Sie sah nur noch verschwommen und Hysterie bemächtigte sich ihrer. Marianne schüttelte die Schweißtropfen aus ihrem Haar und schnappte immer wieder nach Luft, bis ein kleiner jämmerlicher Hauch es in ihre Lunge schaffte. Es war nicht viel, doch immerhin konnte sie wieder klar sehen und schaffte es, Lizzy Lowrys großer, aber wenig treffsicherer Faust auszuweichen.

Marianne hatte noch nie gegen Lizzy verloren. Das ließ sie nachlässig werden, und sie war nicht wachsam genug gewesen. Aber warum hatte sie so eine Dummheit gemacht? Sie hatte einen verstohlenen Blick auf den faszinierenden Duke of Staunton geworfen, der in der ersten Reihe des Theaters ihres Onkels stand. Der hinreißende, aber für seine Steifheit bekannte Adlige stach aus der grölenden Menge hervor, eben deshalb, weil er nicht in das Geschrei einstimmte. Aber seine Zurückhaltung war nicht das Einzige, worin sich Staunton von den anderen unterschied. Da war zum einen seine Größe – er überragte die meisten – und dann sein frappierend helles aschblondes Haar. Er war in strenges Schwarz gekleidet, doch als er die Arme vor der Brust verschränkte, blitzte etwas auf. Ein Ring, und der Diamant musste kostbar sein, wenn Marianne ihn aus der Ferne funkeln sah. Er trug den Ring am kleinen Finger seiner linken Hand. Das bedeutete, dass es ein Siegelring war, der nicht als Schmuck getragen wurde.

Der glitzernde Edelstein hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt, doch gefesselt wurde sie erst von seinem eindringlichen Blick – gebieterisch wie ein Wegelagerer, der eine Kutsche überfällt. Der Ausdruck seines schönen Gesichtes war kalt, beinahe aggressiv. Es war, als würde er sie mit seinen Blicken ausziehen, aber nicht so, wie es die anderen Männer in der Menge taten.

Sie hörte Jacks Stimme in ihrem Kopf: Nimm deine Gedanken zusammen, sonst gehst du zu Boden!

Dieser vernünftige Rat fiel Marianne gerade noch rechtzeitig ein, als Lizzy zu einem Schwinger ansetzte. Es war eine unkluge Entscheidung, die sie meistens traf, wenn ihr die Kraft ausging. Marianne wich dem ungeschickten Schlag aus und versetzte Lizzy einen Fausthieb, bei dem ihre stämmige Kontrahentin hintenüberfiel, gegen die dicken Seile. Dann sackte sie in sich zusammen.

Lizzys Sekundant, der auch ihr Mann und ihr Trainer war, eilte ihr zu Hilfe, aber die andere Frau kam nicht so schnell wieder auf die Beine.

Mariannes Onkel Barnabas, der Besitzer von Farnham’s Fantastical Female Fayre, kletterte über die Seile, packte seine Nichte am Handgelenk und hob ihren Arm zum Zeichen des Sieges. Das Geschrei klang nicht mehr wie der Jubel einer Menschenmenge, sondern wie das misstönende Kreischen der Möwen im Hafen von London. Marianne warf einen Blick auf den Platz, an dem der Adlige mit der grimmigen Miene gestanden hatte – ganz vorn im Zuschauerraum –, doch der Duke of Staunton war verschwunden.

Hinter der Bühne herrschte hektische Betriebsamkeit. Männer und Frauen beeilten sich, die Kulissen für den nächsten Auftritt umzubauen. Sie brauchte ein paar Minuten, um sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen und in den vollgestopften Umkleideraum zu gelangen. Dort befand sich nur Cecile Tremblay, eine hübsche Schwarzhaarige, die als Nächste an der Reihe war. Als Marianne eintrat, war sie gerade dabei, sich zu schminken, denn Barnabas verlangte von seinen weiblichen Angestellten, dass sie starkes Make-up trugen, wenn sie auftraten. Cecile war nicht einfach irgendeine Angestellte ihres Onkels, sie war auch Mariannes beste Freundin und Mitbewohnerin. Die Französin war in ein Gästezimmer im Haus ihres Onkels gezogen, als sie die Stelle bei The Fayre angetreten hatte. Marianne hatte die Frau, die etwas älter war als sie und nie ein Blatt vor den Mund nahm, sofort sympathisch gefunden, und in den letzten drei Jahren waren sie einander so nahe gekommen wie Schwestern.

„Ich habe gesehen, wie du ihn angeschaut hast“, sagte Cecile mit ihrem charmanten französischen Akzent, ohne ihr Spiegelbild aus den Augen zu lassen. Sie war gerade dabei, glänzenden karmesinroten Lippenstift aufzutragen. „Damit war der Duke of Flawless zwei Mal da, um dich zu sehen.“

Marianne lächelte über Stauntons Spitznamen – oder einen seiner Spitznamen. Man nannte ihn auch Lord Flawless, Seine Gnaden oder einfach nur Flawless. Es stimmte, er war makellos. Sie hielt Cecile ihre Handgelenke hin, und ihre Freundin löste die Bänder, mit denen sie ihre Handschuhe festgezurrt hatte – mit Wolle gepolsterte Fäustlinge, die alle Boxerinnen auf Barnabas’ Geheiß tragen mussten.

„Ja, ich habe ihn bemerkt“, gestand Marianne.

„Ich weiß, das habe ich dir angesehen! Ich glaube, du hast einen neuen Verehrer!“

„Er kommt auch zu deinen Auftritten, nicht wahr?“

Cecile zuckte auf sehr gallische Art mit den Schultern, als wolle sie sagen: Welcher Mann kommt nicht zu meinen Auftritten? „Er war erst einmal da – letzten Dienstag.“

Marianne kämpfte nur am Dienstagabend. Ihrem Onkel wäre es am liebsten gewesen, wenn sie an zwei Abenden gearbeitet hätte, doch auch er wusste, dass das zu viel für jede Boxerin war. Ein Abend war schon anstrengend genug.

„Er kommt nicht, um Nora oder Lucy zu sehen“, fügte Cecile hinzu.

Nora und Lucy waren die anderen Boxerinnen, die ihr Onkel eingestellt hatte. Farnham’s Fantastical Female Fayre war an sechs Abenden in der Woche geöffnet. Außer Boxkämpfen gab es noch Ceciles Schießkünste, die Messerwerferin Josephine Brown, Cordelia Blacks Harlekinade, Francine Gordons Zaubertricks, Akrobaten und Jongleure – alle weiblichen Geschlechts.

Ceciles schmale Finger lösten den Knoten, mit dem Mariannes zweiter Handschuh befestigt war. „Der Duke sieht viel besser aus als auf der Karikatur, die ich vor ein paar Wochen bei Mr Humphrey im Schaufenster gesehen habe.“

Sie meinte Humphrey’s Print Shop. Die Leute strömten in Massen zu dem kleinen Laden und begafften die Karikaturen und Satireschriften, die der geschäftstüchtige Drucker jeden Tag ins Fenster hängte.

„Hat Staunton versucht, dich anzusprechen?“, fragte Cecile.

„Nein“, log Marianne. Eigentlich war es gar keine Lüge, weil sie keine Ahnung hatte, was in der Nachricht des Duke of Staunton gestanden hatte. Sie hatte sie ungelesen weggeworfen.

Cecile war mit ihrer Aufgabe fertig und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. „Hat er dir Blumen geschickt? Etwas, das glitzert?“

„Nein, zum Glück nicht.“ Marianne streifte die Handschuhe ab.

Cecile murmelte etwas, das wie „Uff“ klang, dann wandte sie sich wieder dem Spiegel zu und bestrich eine ihrer Augenbrauen mit Kohle. „Der Duke ist angeblich ein guter Freund des Marquess of Carlisle“, sagte sie, ohne den Blick von ihrem Spiegelbild abzuwenden. Ihre Wangen färbten sich rosa. „War der Marquess bei einem deiner Kämpfe?“

„Nicht dass ich wüsste“, gestand Marianne.

„Ich glaube, du würdest es merken, wenn der unter den Zuschauern wäre.“

Cecile gab ein unzufriedenes Schnauben von sich, und Marianne musste lächeln. Cecile war eine eifrige Leserin von Klatschblättern und ging mindestens zwei Mal pro Woche an Humphrey’s Print Shop vorbei, um die Karikaturen im Schaufenster zu sehen. Sie ließ alle möglichen Zeitungen überall im Haus herumliegen, in dem sie mit Marianne und Onkel Barnabas wohnte, und einige davon sammelte sie sogar. Marianne hegte den Verdacht, dass Cecile von einigen der Männer, um die es in den Klatschspalten ging, förmlich besessen war. Unter ihnen war auch der Marquess of Carlisle, einer der begehrtesten Junggesellen in England, der den Klatschreportern reichlich Stoff lieferte.

Wenn Marianne nicht so müde gewesen wäre, hätte sie Cecile ein wenig aufgezogen. Stattdessen plumpste sie auf den Stuhl vor dem anderen Frisiertisch, nahm ein Tuch und wischte sich die Schminke aus dem Gesicht. Dabei streifte sie aus Versehen die Unterseite ihres Kinns und stöhnte leise.

„Hat Lizzy dir sehr wehgetan?“, fragte Cecile.

„Nichts Ernstes“, log Marianne, obwohl ihr immer noch der Kopf schwirrte. In Wirklichkeit war der Kinnhaken einem K.o.-Schlag sehr nahe gekommen.

„Du musst dir eine andere Arbeit suchen. Du hast riesiges Glück, weil du immer noch so gut aussiehst und noch keine Zähne eingebüßt hast.“ Ceciles Blick ruhte auf Mariannes schmaler Nase, die sie sich schon zwei Mal gebrochen hatte. Glücklicherweise hatte Jack – Mariannes Trainer – ihre Nase beide Male schnell verarztet, und so war der Höcker kaum zu sehen.

Die Kämpfe, die Marianne, Nora und Lucy austrugen, waren nicht zur Unterhaltung inszeniert. Sie sprachen nicht vorher ab, wie sie verlaufen würden. Es waren echte Kämpfe und die brachten echte Verletzungen mit sich. Wenn Mariannes Schmerz langsam nachließ, stand schon der nächste Kampf an.

„Wenn du so weitermachst, siehst du irgendwann aus wie Jack“, fügte Cecile hinzu.

Jack war in seinen Zwanzigern Profiboxer gewesen. Jetzt, da er fünfundvierzig war, konnte man ihm seine ganze Geschichte vom Gesicht ablesen. Marianne liebte Jack, aber sie wollte trotzdem nicht aussehen wie er. Sie wusste, dass Cecile recht hatte: Je länger sie dieser Arbeit nachging, desto größer wurde das Risiko, dass sie sich ernsthaft verletzte. Sie sah nach zwei Jahren als Boxerin immer noch gut aus, weil alle, die bei Farnham’s boxten, gepolsterte Handschuhe tragen mussten.

Die reichen Kunden, die scharenweise kamen, um Frauen boxen zu sehen, bezahlten gut, und sie zahlten noch mehr, wenn die Frauen attraktiv waren. Marianne war keine Schönheitskönigin, doch sie war hübscher als viele der verzweifelten Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit den Fäusten verdienen mussten.

Sie schminkte sich ab und knöpfte das Kleid auf, das sie bei ihren Kämpfen trug. Wenn es nach Barnabas gegangen wäre, hätte sie das Gleiche angezogen wie Cecile – ein enges, tief ausgeschnittenes Seidenkleid, das ihre Kurven zur Geltung brachte –, doch Jack wollte sie nicht trainieren, wenn sie etwas trug, das ihre Bewegungen behinderte. Das Kleid, das Jack genehmigt hatte, saß so locker, dass sie sich bewegen und frei atmen konnte, und war nicht aus schwerem Stoff, der sich zwischen ihren Beinen verheddern könnte. Ihr Korsett war ein halbherziges Zugeständnis an Sitte und Anstand und schnürte ihr nicht die Luft ab. Barnabas war eben Barnabas – also ein Profi im Showgeschäft –, und so hatte er den Schneider beauftragt, den dünnsten Musselin zu verwenden, der aufzutreiben war. Mariannes Kleider wurden vor jedem Kampf mit Wasser besprengt, damit sie beinahe nackt aussah, wenn sie in den Ring stieg.

Marianne zog sich hastig bis auf die Unterwäsche aus. Sie trug ein Unterhemd und Herrenunterhosen – letztere, seit ihr bei einem Kampf ihr Kleid und ihr Unterrock fast völlig heruntergerissen worden waren –, goss lauwarmes Wasser in die Schüssel und wusch sich Arme und Beine. Sie würde ein richtiges Bad nehmen, wenn sie heute Abend nach Hause kam. Sie schlüpfte gerade in den abgetragenen Morgenrock aus Brokat, den sie im Umkleideraum aufbewahrte, als die Tür aufging und Jack den Kopf hereinsteckte.

„Hallo Mädels!“

Marianne umarmte ihn stürmisch. „Wie schön, deine hässliche Visage zu sehen!“

Jack brach ihr beinahe die Rippen, so fest drückte er sie an sich, dann ließ er sie los und wandte sich Cecile zu. „Und wie geht’s dir, Prinzessin?“, fragte er und beugte sich über die Hand der Französin.

Cecile zog seinen Kopf nach unten und küsste ihn auf die Wangen.

Sein unscheinbares Gesicht rötete sich.

„Ich freue mich, dich zu sehen, Jack.“

„Ich freue mich, zu Hause zu sein.“ Er schob den Haufen Kleider zur Seite, der auf dem Sofa lag, und ließ sich mit seiner Länge von einem Meter neunzig darauf nieder. „Es war ein langer Weg.“ Seine gute Laune verflog, als er Mariannes geschwollenes Kinn sah. „Himmel, Annie, was musste ich heute Abend da draußen sehen? Wie oft habe ich dir gesagt, dass du beim Kämpfen deine Gedanken zusammennehmen sollst?“

„Ich weiß, Jack. Ich war abgelenkt und habe dafür gebüßt.“

Er grunzte, und seine Miene sagte ihr, dass das Thema für ihn noch nicht erledigt war.

„Marianne sollte sich eine andere Arbeit suchen“, sagte Cecile. Sie stand auf und zog ihr schwarzes Mieder aus Satin heftig nach unten, so tief, dass ihre Brustwarzen nicht weit unter dem Ausschnitt sein konnten.

Sogar Jack, der es gewohnt war, von halbnackten Frauen umgeben zu sein, schluckte schwer. Cecile war eine Schönheit, und der schwarze Satin betonte ihr dichtes rabenschwarzes Haar und die dunkelbraunen mandelförmigen Augen, die einen dramatischen Gegensatz zu ihrer porzellanweißen Haut bildeten. Sie sah sündig und sinnlich aus. Und als sie nun auch noch den ledernen Pistolengurt um ihre runde Hüfte band, wirkte sie wie die Gefahr in Person.

„Findest du nicht auch, Jack?“, fragte Cecile.

Jack wandte den Blick mit sichtlicher Mühe von Ceciles Dekolleté ab. „Äh … was?“

„Dass Marianne mit dem Boxen aufhören sollte.“

„Oh. Ja, das habe ich ihr auch gesagt, schon bevor sie überhaupt angefangen hatte!“, ereiferte sich Jack, denn das war eines seiner Lieblingsthemen. „So ein hübsches, intelligentes Mädchen wie du sollte …“

Die Tür zum Umkleideraum flog auf und knallte gegen die Wand. Onkel Barnabas erschien mit zornrotem Gesicht auf der Schwelle. Er zeigte mit dem Finger auf Cecile. „Da bist du ja! Raus mit dir, Fräulein, du bist verdammt spät dran, und die Burschen werden unruhig.“

Cecile war für Befehle so empfänglich wie eine Katze und beschloss plötzlich, es sei Zeit, ihre Fingernägel zu begutachten.

Barnabas gab einen erstickten Laut der Frustration von sich, war aber klug genug, sie nicht weiter zu ärgern. Stattdessen wandte er sich an Marianne. „Und du“, sagte er mit einem raschen Blick auf Jack. „Ich will, dass sie in Bestform ist, bevor wir auf Tournee gehen. Hör auf, sie von deinem Kumpel Andy trainieren zu lassen – sie braucht dich.“

„Sie braucht eine andere Arbeit, Barney.“

Barnabas machte ein finsteres Gesicht, entweder über Jacks Rat, den ungeliebten Spitznamen oder beides. „Ich will, dass du drei Tage pro Woche mit ihr trainierst, bis wir aufbrechen!“

Jack rollte mit den Augen, doch Marianne nickte. „Ja, Onkel.“

„Oh, und fast hätte ich es vergessen“, sagte Barnabas. „Der Duke of Staunton will mit dir reden.“

Marianne wollte beinahe lachen, weil ihr Onkel um ein Haar vergessen hätte, eine Nachricht von einem Duke auszurichten. „Nein!“

„Marianne, sei nicht albern. Das ist das zweite …“

„Nein.“

Er schaffte es, gleichzeitig ärgerlich und bekümmert auszusehen. „Der Mann will doch nur mit dir reden! Du kannst ihn nebenan ins Haus lassen, in deinem Zimmer empfangen und …“

„Nein!“
Barnabas knurrte: „Sturkopf!“

Jemand kam hinter ihrem Onkel herein, und Barnabas, der berüchtigt dafür war, dass er Augen im Hinterkopf hatte, fuhr herum. „Du!“, brüllte er das unglückliche Opfer an, das seine Aufmerksamkeit geweckt hatte. „Schnür die Sandsäcke fester zu.“ Er ließ die Tür offen stehen und setzte seine Tirade fort. „Ich habe Sand auf dem Kopf gespürt, als ich …“ Seine Stimme verklang, als er seiner Zielscheibe nachlief.

Marianne konnte nicht glauben, dass er ihr Stauntons wegen in den Ohren lag. Schon wieder!

Cecile machte eine heftige Kopfbewegung in die Richtung, in der Barnabas gestanden hatte. „Soll ich ihn für dich erschießen, chérie?“

Es war ein alter Witz, aber Marianne musste jedes Mal darüber lachen. „Es ist ein verlockendes Angebot.“

„Bring sie zur Vernunft, Jack!“, sagte Cecile über die Schulter hinweg. Sie schlenderte aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Sie hat recht damit, dass du aufhören solltest“, sagte Jack.

„Ich weiß, Jack. Glaubst du, mir wäre nicht klar, dass mir bei jedem Kampf neue Verletzungen drohen?“

„Ich hätte dich nie trainieren sollen!“

„Barnabas hätte einen anderen Trainer gefunden und der wäre nicht so gut gewesen wie du.“

„Er hätte eine andere Boxerin finden sollen, statt seiner eigenen verdammten Nichte!“

„Das hat er doch, Nora und Lucy sind nicht seine Nichten, Jack.“

„Die sind anders … Sie sind abgehärtet, weil sie in St. Giles aufgewachsen sind.“

„Soll das heißen, ich wäre nicht abgehärtet, Jack?“

Er ging nicht darauf ein. „Du bist anders, und das weißt du auch.“

„Ich bin nicht besser als die beiden, du bist nur voreingenommen.“ Tatsächlich hatte Marianne einen noch viel schlimmeren Ruf als Nora und Lucy.

„Und wer ist daran schuld? Farnham!“, erwiderte er. „Du bist seine verdammte Nichte! Er sollte dich besser behandeln!“

„Er hat mich aufgenommen, als er selbst in Schwierigkeiten war, Jack. Ich verdanke ihm viel. Außerdem“, fügte sie hinzu, denn er sah immer noch nicht überzeugt aus, „werde ich sehr gut bezahlt. Ich verdiene mehr als Gouvernanten oder Gesellschafterinnen. Allerdings würde ich keine solche Stelle bekommen. Mit meinem Ruf könnte ich froh sein, als Putzfrau eingestellt zu werden.“

Jack knurrte: „Der Mistkerl hat dir unrecht getan, Annie. Was passiert ist, war nicht deine Schuld.“

Mit „Mistkerl“ meinte er Baron Dominic Strickland, Mariannes Ex-Geliebten und den Grund dafür, dass Marianne in ganz Großbritannien als „die boxende Baronin“ bekannt war.

„Leider ist außer dir jeder andere in England anderer Meinung, Jack.“

„Wenn du für ein paar Jahre untertauchen würdest, würden die Leute vergessen, was Strickland dir angetan hat“, sagte Jack. „Du könntest nach der Tournee einfach auf dem Kontinent bleiben – du sprichst genauso gut Französisch wie die Eingeborenen.“

„Und wovon soll ich dann leben? Ich kann doch nichts außer boxen.“ Jack öffnete den Mund, um zu widersprechen. „Bitte, Jack, nicht jetzt!“

Er seufzte tief. „Na gut. Also, seit wann kommt dieser hochnäsige Arsch jetzt zu deinen Kämpfen?“

Marianne lachte über diese Beschreibung des Duke of Staunton. „Er war bisher nur bei den letzten beiden Kämpfen, als du nicht in der Stadt warst.“

Die Tür zum Umkleideraum öffnete sich einen Spaltbreit, und der junge Bursche Neddy steckte den Kopf herein. „Äh, das ist für Sie, Miss Marianne.“ Er hielt ihr ein Pergament hin, das gefaltet und mit einem roten Wachsklecks versiegelt war.

Marianne erkannte das Siegel und sah den jüngsten Angestellten ihres Onkels scharf an. „Du weißt, was passiert, wenn Barnabas hört, dass du das abgeliefert hast.“

Neddy verzog das Gesicht. „Bitte sagen Sie es ihm nicht, Miss Marianne. Der feine Pinkel hat mir so viel Knete geboten, dass ich nicht Nein sagen konnte, und …“

„Himmel! Bist du jetzt Bote für Kunden, Junge?“, fragte Jack.

Neddy zitterte unter dem Blick des großen Boxers.

„Lauf schon, Neddy“, sagte Marianne. „Aber keine Nachrichten mehr – von wem auch immer! Verstanden?“
„Ja, Miss.“ Er schniefte kläglich und schloss lautlos die Tür.

Marianne drehte das Rechteck aus teurem Papier in den Händen.

„Ist das von Staunton?“, fragte Jack.

„Ja.“ Das Wachs war so dunkelrot, dass es beinahe schwarz wirkte.

„Machst du es auf?“

Marianne zerriss den Brief zwei Mal.

Jack schnappte nach Luft. „Annie!“

„Was?“ Sie öffnete die Luke des kleinen Stubenofens und warf die Schnipsel hinein.

„Du wolltest den Brief also nicht lesen?“

„Warum sollte ich?“

„Äh … Er ist doch schließlich ein Duke.“

„Hör einer an! Ich dachte, du wärst der Meinung, alle Menschen seien gleich!“

„Das bin ich auch. Aber manche sind eben doch gleicher.“

Sie lachte.

„Es ist unklug, sich solche Feinde zu machen, Annie. Außerdem“, fügte er hinzu, „weißt du ja gar nicht, was er will.“

„Er ist ein Mann. Ich kann mir schon vorstellen, was er will.“ Seltsamerweise war Marianne bei dem Gedanken enttäuscht. Alles, was sie über den Duke of Staunton gelesen hatte, sprach dafür, dass er aufrecht, moralisch und anständig war – ein edles Bollwerk gegen die Laster der Menschheit, vor allem seines eigenen Standes. Und trotzdem schanzte er einer Boxerin Nachrichten zu.

„Vielleicht irrst du dich. Vielleicht will er das gar nicht.“

„Wenn nicht das, was dann? Was kann so ein Mann von einer Frau wie mir wollen?“

„Bist du gar nicht neugierig?“

„Kein bisschen.“

Jack schnalzte mit der Zunge. „Der Mann ist wohl nicht ganz richtig im Oberstübchen.“

„Weil er hinter mir her ist?“, zog sie ihn auf.

„Quatsch! Ich meine nur, dass es ganz schön dreist von ihm ist, nach dem was er über The Fayre und Boxerinnen gesagt hat!“

Jack sprach von der hitzigen Rede, die der Duke of Staunton letztes Jahr gehalten hatte – und zwar im Parlament! –, nachdem eine Boxerin bei einem Kampf mit bloßen Fäusten ums Leben gekommen war. Der Duke hatte den Sittenverfall mit Frauenboxen in Verbindung gebracht … und anderen zweifelhaften Vergnügungen. Er hatte den Zirkus ihres Onkels nicht beim Namen genannt, aber er hatte The Fayre mit Etablissements in einen Topf geworfen, die Bärenhatzen, Ratten-, Hahnen-, Hunde- und sogar Kinderkämpfe veranstalteten. Grausame, abstoßende Schauspiele.

Barnabas hatte sich sehr über Stauntons Rede aufgeregt. Doch das hatte er wohl vergessen, jetzt, da er als Bote des Dukes auftrat.

Marianne gähnte, stand auf und reckte sich. „Staunton ist ein Moralapostel, aber du musst zugeben, dass er mit seinem Kreuzzug gegen Kinderarbeit und den Handel mit Jungfrauen viel erreicht hat.“

„Das heißt nicht, dass der hohe und mächtige Duke of Staunton sich nicht selbst dann und wann Frischfleisch gönnt.“

Jungfrauen oder „Frischfleisch“, wie sie in derber Umgangssprache genannt wurden, waren ein teurer Luxus, den sich für gewöhnlich nur reiche Leute leisten konnten.

„Ich habe noch nie gehört, dass Staunton sich für Kinder interessiert.“ Sein Name tauchte in den Skandalblättern, die Cecile überall im Haus herumliegen ließ, überhaupt nicht auf. Nichts, was sie über ihn gelesen hatte, sprach dafür, dass er Lastern frönte, die die meisten adligen Männer für ihr gutes Recht hielten. Oder vielleicht verbarg der Duke sein Treiben einfach besser als andere.

Jack zuckte ärgerlich mit den Achseln. „Ich glaube nicht, dass er uns etwas Gutes will, wenn er hier herumhängt und dich anglotzt!“

„Vielleicht ist er hier, um Beweise gegen uns zu sammeln und unseren Laden zu schließen – wegen unsittlichen Treibens.“

Der Duke of Staunton war nicht der Einzige, dem Farnham’s ein Dorn im Auge war. Es gab auch viele Frauengruppen, die ihre Lebensaufgabe darin sahen, den Zirkus ihres Onkels zu schließen. Glücklicherweise würde The Fayre Anfang März auf Tournee gehen, und Marianne damit fast ein Jahr weg sein. Sie hoffte, dass die Londoner Tugendbolde während ihrer langen Abwesenheit andere Missstände finden würden, die sie beseitigen wollten. Der Duke of Staunton würde sicher lange vor ihrer Rückkehr das Interesse an ihr verlieren.

Kapitel zwei

Marianne warf dem schläfrig dreinblickenden Stallburschen ein paar Münzen zu und schwang sich auf den Wallach, ohne einen Aufsitzblock zu Hilfe zu nehmen. Das wäre nicht gegangen, wenn sie ein enges Reitkostüm für Damen getragen hätte statt Hosen und Stiefel. Sie machte es sich im Herrensitz bequem und trieb den grauen Wallach auf den kleinen Hof des Pensionsstalles hinaus.

Jack wäre es lieber gewesen, dass sie hinter einem Pferd herlief, statt eines zu reiten, aber sie lief nicht gern und brachte es nicht über sich, es jeden Tag zu tun. Ihrer Meinung nach war eine kleine Runde im Park ein guter Kompromiss.

Ihr Onkel wollte ihr kein ordentliches Pferd kaufen, er meinte, jeder alte Klepper sei gut genug, und so hatte Marianne Reggie selbst gekauft. Sie bezahlte mehr für den Wallach, als sie sich eigentlich leisten konnte, doch er war gut zu reiten, sowohl im Herren- als auch im Damensattel. Als sie den Hyde Park erreichten, war Reggie angespannt vor Erwartung, und Marianne war endlich richtig wach.

„Hast du Lust zum Rennen, Reggie?“

Seine Ohren spielten aufmerksam und er schnaubte, als habe er die Frage verstanden.

„Dann los!“

Reggie galoppierte an, und sein mächtiger Körper verband gewaltige Kraft mit atemberaubender Anmut. Es war, als würde man fliegen, und Marianne lachte vor Freude, als sie durch die kühle Morgenluft sausten, nur sie und Reggie, die einzigen Lebewesen in …

Marianne schrie auf, als ein Pferd mit Reiter so dicht an ihr vorbei donnerte, dass es sie beide beinahe umgerissen hätte. Reggie geriet ins Straucheln, doch er fing sich rasch wieder. Sie starrte den beiden Rücksichtslosen grimmig nach. „Hol sie ein, Reg!“

Der Wind trug ihre Worte davon, doch Reggie spürte ihre Entschlossenheit und preschte los. Sie hatten ihre Herausforderer schon fast eingeholt, als diese plötzlich stehen blieben.

Marianne blinzelte, denn sie hatte nur noch verschwommen gesehen, und zügelte Reggie. Sie war so in das Rennen vertieft gewesen, dass sie nicht gemerkt hatte, dass sie das Ende der Bahn erreicht hatten.

Als sie langsamer wurden und nur noch gemächlich trabten, war der andere Reiter mit seinem großen grauen Hengst auf dem breiten Pfad angelangt und führte sein Pferd auf und ab.

Marianne wollte Reggie wenden und eine Begegnung mit ihm vermeiden, doch da rief der Mann: „Guten Morgen, Miss Simpson!“

Sie fuhr zusammen, als sie die tiefe, kultivierte Stimme hörte, und wandte sich ihm widerwillig zu. Ein blonder, blauäugiger Gott thronte auf seinem Pferd, das mindestens fünfzehn Zentimeter größer war als Reggie, und starrte auf sie herunter.

Seine aristokratischen Züge zeigten eine hochnäsige Miene, und sie hatte den Eindruck, dass er auch im Schlaf so aussah. Seine Augen, deren Farbe sie vom Boxring aus nicht erkannt hatte, waren hellgrün und sahen so frostig aus wie Raureif auf Gras. Jetzt funkelte in ihnen eine eisige Feindseligkeit, die sie erschauern ließ. Er trieb sein Pferd vorwärts.

„Sie sind Miss Marianne Simpson, wenn ich mich nicht irre.“

„Ihr wisst, dass ich es bin“, erwiderte sie. „Und Ihr seid der Duke of Staunton.“

Sein kühler Blick taxierte sie langsam und unverschämt. Solche Musterungen hatte sie schon oft über sich ergehen lassen, schon bevor ihr berüchtigter Ex-Geliebter sie öffentlich fallen gelassen hatte wie eine heiße Kartoffel. Stauntons Nasenflügel zuckten, als rieche er etwas Unangenehmes.

Marianne dachte nicht daran, sich unter seinem grimmigen Blick verlegen zu winden, sondern taxierte ihn ihrerseits. Sie war nicht überrascht von der klassischen Vollkommenheit seines Gesichts und seiner Gestalt. Schließlich war er Lord Flawless – tadellos als Mensch und im Auftreten. Es ärgerte sie, dass das Wort gut zu ihm passte, jedenfalls was Gesicht und Körper betraf. Er sah nicht nur gut aus, er war makellos schön, und das auf eine ganz und gar maskuline Art.

„Es ist schwierig, mit Ihnen zu reden, Miss Simpson.“

Sie rutschte auf ihrem Sattel hin und her. „Oh?“

„Wie Sie sicher wissen, war ich gestern Abend in dem Zirkus Ihres Onkels und wollte mit Ihnen sprechen.“

„Leider interessiere ich mich nicht für Männer, die mich außerhalb des Theaters anschmachten.“

Die helle Haut seiner Wangen rötete sich bei ihren kränkenden Worten. „Ich habe Ihnen letzte Woche auch zwei schriftliche Nachrichten geschickt, Miss Simpson.“

„Ich habe sie bekommen.“

Er senkte die blonden Brauen. „Ich habe keine Antwort erhalten!“

„Ich habe sie weggeworfen, ohne sie zu lesen.“

Die Augenbrauen hoben sich wieder und erreichten beinahe den schönen Schopf aschblonder Haare. „Warum haben Sie das getan?“

„Es gibt kein Gesetz, das mich dazu verpflichtet, Euch etwas zu erklären.“

„Ein Gesetz nicht“, sagte er, „aber es gibt so etwas wie Höflichkeit!“

Marianne wurde heiß bei seinem kühlen, vorwurfsvollen Ton. Sie war im Allgemeinen nicht unhöflich – es sei denn, sie hatte einen Adligen vor sich. Und sie hatte noch keinen Mann getroffen, der so aristokratisch wirkte wie dieser. Trotzdem schämte sie sich, weil sie sich benahm wie eine Furie und seinen Eindruck von ihr bestätigte. „Ich verstehe, dass Ihr mich erst in Ruhe lassen werdet, wenn Ihr habt, was Ihr wolltet. Was stand in Eurer Nachricht?“

„Dass ich mit Ihnen reden will.“

Sie seufzte ungeduldig. „Aber ich nicht mit Euch, Euer Gnaden.“

Wieder verriet er sich durch Körpersprache, nicht durch unbedachtes Handeln. Die Farbe schien aus seinen Augen zu weichen, die Pupillen schrumpften zu winzigen Punkten, die Augäpfel sahen aus wie hellgrüne Murmeln. „Ihr seid nicht neugierig darauf, was ich zu sagen habe?“

„Nein.“

Er ließ sich nichts anmerken, aber sie argwöhnte, dass er wütend war. Ein Duke war gewohnt, Befehle zu erteilen, und erwartete von einer Frau wie Marianne sicher bedingungslosen Gehorsam. Sie ahnte, dass sich kaum jemand Seiner Gnaden widersetzte. Ihre Wangen wurden unter seinem finsteren Blick heiß, und das brachte sie – ärgerlicherweise – zum Reden. „Ich kann mir schon denken, warum Ihr mit mir sprechen wollt, Euer Gnaden.“

„So? Warum denn?“

„Männer Eures Schlages bestechen die Angestellten meines Onkels nur aus einem einzigen Grund.“
„Männer meines Schlages.“ Er wiederholte die Worte leise und verzog die Lippen gerade so sehr, dass es zwischen ihnen weiß aufblitzte. Ein Lächeln hätte Marianne es allerdings nicht genannt. „Seien Sie sicher, dass ich keine Zirkuskünstlerinnen als Bettwärmer nutze, Miss Simpson.“

Mariannes Gesicht brannte förmlich trotz der kühlen Morgenluft. Sie hatte geglaubt, sie wäre immun gegen die Verachtung eines Adligen, aber offensichtlich war sie das nicht. Statt den Mund zu halten und sich zurückzuziehen, hackte sie weiter auf ihm herum. „Ach ja, richtig, Ihr seid Lord Flawless, nicht wahr?“, stichelte sie. „Ein unerreichbares Vorbild und ohne niedere Instinkte.“ Sie machte ein höhnisches Gesicht, als seine Augen schmal wurden. „Aber ich glaube, selbst Ihr seid nicht ganz frei von Trieben. Nein, Ihr seid ein Mann wie alle anderen. Eure Huren kommen nur aus höheren Schichten.“

Verachtung spiegelte sich auf seinen Zügen wider, als hätten ihre groben Worte seine Meinung über sie bestätigt – er hielt sie für das unmanierliche Ex-Flittchen von Baron Strickland, dem Mann, den ganz England den König der Wüstlinge nannte. Sie starrte in seine grimmigen grünen Augen, und eine Welle der Hoffnungslosigkeit schwappte über sie hinweg. Warum sollte dieser Mann sie nicht für eine Schlampe halten, nach allem was er wohl über sie gehört hatte? Dank Dominic war sie die Zielscheibe für herabsetzende Anträge und Spötteleien von Männern aus allen Schichten, aber vor allem reichen, mächtigen Männern, die sie offenbar gleichermaßen faszinierend wie abstoßend fanden.

„Was wollt Ihr, Euer Gnaden?“, fragte sie müde.

„Ich will mit Ihnen reden.“

„Wir reden doch gerade.“

„Ich möchte Ihnen etwas zeigen … unter vier Augen.“

Sie hätte fast gelacht. „Und befindet sich dieses Etwas in Eurer Residenz? Nein“, kam sie seiner Antwort zuvor, „das würde Euch nicht ähnlich sehen. Es ist sicher an einem privateren Ort. Vielleicht ein kleines pied-à-terre. Irgendein … Schlupfwinkel.“

Marianne hätte nicht gedacht, dass seine Augen noch eisiger dreinschauen könnten.

„Sie haben mein Wort als Ehrenmann, dass ich es nicht auf Sie persönlich abgesehen habe.“ Sein Blick fuhr so brutal über sie hinweg wie ein Messer, mit dem man einem Schwein die Borsten abschabt. Seine Lippen wurden schmal vor Abscheu. „Ich bin bereit, an Ihrem Arbeitsplatz mit Ihnen zu reden – deshalb habe ich das Theater Ihres Onkels aufgesucht – oder an jedem anderen Ort, den Sie angemessen finden. Hauptsache, es ist nicht in aller Öffentlichkeit.“ Seine entschlossene Miene sagte ihr, dass er nicht nachgeben würde.

„Gut. Ich komme zu Euch. Wo und wann?“

Er wirkte nicht überrascht. Anscheinend hatte er nie bezweifelt, dass sie kapitulieren würde. „Grosvenor Square 5. Es ist nicht weit. Warum nicht gleich jetzt?“

„Ich bin nicht für einen Morgenbesuch angezogen.“

Er zuckte mit den Achseln, und ihr fiel auf, was für breite Schultern sich unter dem maßgeschneiderten schwarzen Mantel abzeichneten. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Gentleman einen anderen nach einem Morgenritt in Reithosen besucht.“

Sie sah ihm forschend in das schöne, arrogante Gesicht. Was wollte so ein Mann von ihr? Noch dazu so sehr, dass er dermaßen hartnäckig blieb? Nun, was immer es war, sie musste zugeben, dass es nicht nach sinnlicher Begierde aussah. Er hätte sie sicher nicht um sieben Uhr morgens, am helllichten Tag, zu einem Rendezvous zu sich nach Hause eingeladen.

Marianne nickte. „Gut. Reitet voraus, Euer Gnaden.“