Prolog
Die Bodega stand in Flammen. Hatte sie noch vor einer Stunde friedlich dagelegen und die Idylle zumindest suggeriert, so verwandelte das Feuer die Nacht jetzt in ein brennendes Ungetüm. Heidi konnte nicht sagen, wo es seinen Ursprung gehabt hatte. Alles war so schnell gegangen. Sie war von Schreien geweckt worden, dann hatte jemand laut an ihre Tür geklopft. Sofort war sie aufgestanden und hatte nachgesehen, doch es war niemand mehr da. Stattdessen sah sie Menschen herumrennen. Ihre Freunde, die panisch von Hütte zu Hütte liefen, um die letzten noch schlafenden Bewohner zu warnen. Männer und Frauen, die versuchten die Flammen mit Wasser zu besiegen. Es brachte nichts, denn das Feuer war längst überall und ließ sich von den Löschversuchen nicht beeindrucken. Kinder weinten, klammerten sich an ihre Eltern und verstanden nicht, was passierte. Heidi war ihnen keinen einzigen Schritt voraus. Was um Himmels willen war geschehen? Sie lief barfuß und im Nachthemd nach draußen. Es war ein kühler Abend gewesen, doch jetzt heizten die Flammen die Luft auf. Wo kamen sie her?
"Hey!" Sie sprach Bertram an, den Tischler, der gerade mit einem großen Kanister voll Wasser an ihr vorbeirannte. "Was ist hier los? Wo kommt das Feuer her?"
"Weinlager." Er hatte Mühe zu atmen, als liefe er schon eine ganze Weile hin und her. "Das brennt lichterloh und von dort breitet es sich aus."
Sie wollte Bertram mehr Fragen stellen, doch er war schon wieder weg. Und es war nicht die Zeit für Fragen. Sie musste zu Barbara. Kleine Steine bohrten sich in ihre Füße, als sie zur Hütte ihrer Schwester rannte. Panische Schreie, das Knistern der Flammen und immer wieder ein Poltern, wenn irgendetwas einstürzte, begleiteten sie. Bis sie stoppen musste, kurz vor dem Ziel. Ein brennender Pfeiler lag auf dem Weg und verwehrte ihr das Weiterkommen. Sie sah sich um, ausgerechnet hier war niemand in der Nähe. Kurz überlegte sie, dann stellte sie fest, dass sie den Holzpfeiler nicht würde überwinden können. Er war zu groß und zu breit, und selbst wenn es ihr gelänge, wusste sie nicht, wie es dahinter aussah, weil dichter Rauch ihr die Sicht verwehrte. Sie musste außen herum, an zwei Gebäuden vorbei, um zum Haus ihrer Schwester zu kommen. Während sie rannte, konnte sie nicht anders, als sich die schlimmsten Szenarien auszumalen. Barbaras Hütte in Flammen. Die ganze Familie darin, weil sie es nicht rechtzeitig hinausgeschafft hatten. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie das Gefühl hatte, es würde ihre Brust sprengen. Plötzlich sah sie nichts mehr um sich herum. Heidi blieb stehen, versuchte, zu Atem zu kommen, und bekam einen fürchterlichen Hustenanfall, weil die Luft voller giftigem Rauch war.
"Heidi, du musst hier weg!"
Sie hörte nicht, woher die Stimme kam. Ihre Lunge schmerzte und ihr wurde schwindelig. Jemand packte sie am Arm.
"Nein!", rief sie. "Ich muss zu Barbara! Und den anderen!"
"Du kannst hier nicht weiter." Jetzt erkannte sie, dass die Stimme zu Anna gehörte, ihrer Freundin. "Komm mit, wir müssen hier raus."
Anna zerrte sie am Arm ein paar Meter weiter, aus dem schwarzen Nebel hinaus.
"Es ist zu spät, wir können das Feuer nicht mehr aufhalten", sagte sie.
"Hast du Barbara und Karl gesehen? Oder Till?", fragte Heidi.
Alles andere war ihr egal.
"Nein. Aber ich bin sicher, sie sind auf dem Weg nach draußen."
"Nach draußen?"
"Das Tor ist offen. Alle verlassen die Bodega."
Kapitel 1
Berlin, Montag, 13. März 2023
Ihr fuhr ein Schauer über den Rücken, als sie auf "Bestätigen" klickte. Es fühlte sich gut an und gleichzeitig wie ein Sprung ins eiskalte Wasser. Mina stand vom Schreibtisch auf und lief in die offene Wohnküche, die hell erleuchtet war. Irgendetwas fühlte sich falsch an. Sie sah sich um, ihr war unwohl, aber sie konnte nicht ausmachen, was es war. Mit klopfendem Herzen schenkte sie sich einen Whiskey ein. Er lief ihre trockene Kehle hinunter, erwärmte ihre Brust und half ihr dabei, sich einzureden, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Drei Monate Spanien. Eine alte Finca in der Comunidad Valenciana, der wunderschönen Region um die Stadt Valencia - ringsherum nur Berge, Weinreben und sehr wenige Menschen. Nur dort würde ihr gelingen, was hier, zu Hause, nicht möglich war. Das wollte sie glauben. Vor allem wollte sie aber einfach weg. Raus aus dieser Stadt, raus aus diesem Land. Je länger sie darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr die Vorstellung. In vier Tagen ging ihr Flug. Eigentlich viel zu wenig Zeit, um ihren Aufbruch zu organisieren, doch plötzlich konnte es ihr gar nicht schnell genug gehen. Es war eine Chance, eine riesengroße. Sie würde sich vollständig auf sich und ihr Projekt fokussieren können, fernab der toxischen Ablenkungen, die sie hier umgaben. Eine von ihnen rief genau in dem Moment an, als sie, das zweite Glas Whiskey in der Hand, auf ihr Handy blickte und sah, dass es fast Mitternacht war. Sie drückte den Anruf sofort weg. Wenn sie eines jetzt nicht gebrauchen konnte, dann war er es. Benedikt, der versuchen würde, ihr alles auszureden. Der die Idee schlechtmachen und sie verunsichern würde. Besser war es, er wusste nichts davon, bis sie bereits drüben war.
Mina fragte sich, wann sie aufgehört hatte, ihn als Verbündeten zu betrachten. Sie waren ewig zusammen gewesen, so viele Jahre, dass sie gar nicht mehr genau wusste, wie viele. Das Ende ihrer Beziehung war schleichend gekommen, aber unaufhaltsam. Eigentlich war es bergab gegangen, seit sie an Bekanntheit gewonnen hatte. Seit sie erfolgreich war, korrigierte sie sich. Benedikt, der Exzentriker, selbstbewusst und eigensinnig, der es liebte, in der Öffentlichkeit zu stehen, hatte eine Partnerin gebraucht, die von allen gemocht wurde, aber in seinem Schatten stand. Er war Schauspieler, hatte Engagements an den großen Theatern des Landes, hier und da eine Filmrolle. Seine Spontaneität, sein Humor und der ausgeprägte Sinn für Romantik hatten Mina in den ersten Jahren ihrer Beziehung imponiert. Benedikt war immer viel unterwegs gewesen und genau das hatte ihr gut gefallen. So hatte sie immer genug Zeit für sich und ihr eigenes Leben in Berlin gehabt. Das heute nichts mehr mit dem Leben zu tun hatte, das sie noch vor ein paar Jahren geführt hatte. Jetzt stand sie selbst im Mittelpunkt. Die Kriminalromane von Wilhelmina Winter, genannt Mina Winter, verkauften sich fantastisch. Vor sechs Jahren hatte sie es zum ersten Mal auf die Bestsellerlisten geschafft, bis heute waren fünf weitere Bestsellertitel hinzugekommen. Manchmal konnte sie es selbst kaum glauben. Es war so schnell gegangen und fühlte sich unwirklich an. Und dann sah sie sich um, sah das viel zu große Haus, in dem sie lebte, die teure Einbauküche mit Marmorplatte, den kitschigen Kronleuchter im Eingangsbereich, das Designersofa, das ihr eigentlich gar nicht gefiel. Benedikt hatte sie überzeugt, ihr Geld auch mal auszugeben.
"Du lebst nur einmal", hatte er gesagt. "Kauf das Haus, mach die Reise, genieße dein Leben. Wozu soll das ganze Geld auf dem Konto liegen?"
Sie hatte getan, was er gesagt hatte, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte. Einen Teil des Geldes hatte sie angelegt, mit dem Rest war sie umgegangen, wie Neureiche eben mit Geld umgingen. Inzwischen war der Kaufrausch verflogen und Mina fand, dass das teure Mobiliar nicht zu ihr passte. Es gab ihr kein Heimatgefühl, aber damit tat sie sich sowieso schwer. Es würde auch nicht helfen, die Einrichtung auszutauschen. Die großen, modernen Wohnräume würden dadurch nicht gemütlicher.
Wie das Haus in Spanien wohl eingerichtet war, fragte sie sich. Die Fotos hatten die alte Finca hauptsächlich von außen gezeigt: eine robuste Steinfassade, das typische braune Terrakottadach spanischer Häuser, von Wind und Wetter gezeichnete Fensterläden aus Holz. An der Westseite eine steinerne Terrasse, ein kleiner Garten und ein paar Palmen. Mina hatte es sofort geliebt. Im Inneren des Hauses hatte es nur ein Foto von der uralten Holzküche mit Steinofen und eins von einem spärlich eingerichteten Schlafzimmer gegeben. Aber das war alles nicht so wichtig. Sie brauchte nicht viel, auch wenn man angesichts ihrer luxuriösen Einrichtung anderes vermuten würde. Hauptsache, weg hier, dachte sie wieder. Raus aus diesem Haus mit den kalten, leeren Wänden, an denen sie auch nach einem Jahr noch kein einziges Bild angebracht hatte. Wände, die ihr keine Sicherheit und keinen Schutz boten. Denn die Angst war immer da.
Jemand würde hier ab und zu nach dem Rechten sehen müssen, dachte sie. Drei Monate waren eine lange Zeit. Vielleicht sollte sie Gabriel fragen.
Er war der Sohn einer Anwohnerin aus dem Viertel, ein paar Jahre älter als sie und vor einem halben Jahr in die Einliegerwohnung seiner Mutter gezogen. Hedwig Klein, eine liebenswürdige und einsame Frau, hatte Mina beim Bäcker erzählt, dass die Frau ihres Sohnes an Brustkrebs verstorben war. Seitdem wohnte er bei ihr, half, wo er konnte, und versuchte zurück ins Leben zu finden. Hedwig hatte Mina angesprochen und sie gefragt, ob es Dinge gab, die Gabriel bei Mina im Haus erledigen konnte. Die alte Dame bemühte sich sichtlich, ihren Sohn beschäftigt zu halten, was Mina rührte. Sie hatte sich ein wenig überwinden müssen, aber Gabriel dann eine Chance gegeben und ihn die Lampen im Haus installieren lassen, wofür sie nie die Muße und Benedikt keine Zeit gehabt hatte. Sie hatte Gabriel jedoch auch vor den Ereignissen der letzten Monate kennengelernt, als sie noch unvorsichtiger gewesen war. Zum Glück, denn der Mann war ein Segen. Wie seine Mutter war er einfach liebenswert. Hilfsbereit, freundlich, immer darauf bedacht, keine Umstände zu machen. Manchmal tranken sie einen Kaffee zusammen, dann erzählte er von seiner verstorbenen Frau, den Reisen, die sie gemeinsam gemacht hatten, dem kleinen Feinkostladen, den sie hatten eröffnen wollen, dem Leben, das sie sich aufgebaut hatten und das ihnen genommen wurde. Es war eine Geschichte voller Tragik, doch Gabriel gab ihr nie das Gefühl, dass er Mitleid wollte. Und so hörte sie ihm meistens einfach zu und bewunderte, wie stark eine Person nach einem solchen Schicksalsschlag sein konnte. Vielleicht fühlte sie sich mit ihm verbunden, weil auch ihre Vergangenheit durch Verlust geprägt war. Nicht, dass sie ihre Geschichte jemals mit ihm geteilt hätte. Sie schüttelte den Gedanken aus dem Kopf und nahm sich vor, gleich morgen mit Gabriel zu sprechen. Sie würde ihm natürlich Geld anbieten, von dem sie wusste, dass er es gut gebrauchen konnte.
Müde betrachtete sie ihr Spiegelbild in der bodentiefen Fensterfront, die vom Essbereich auf die Terrasse führte. Ihr Gesicht war fahl, und sie stellte nicht zum ersten Mal fest, dass sie älter aussah als ihre zweiundvierzig Jahre. Die Blässe war allerdings kein Wunder nach dem langen Winter. Sicher war es in Spanien schon viel wärmer, das würde ihr guttun. Endlich wieder die Sonne sehen. Unbeschwert das Haus verlassen. Ohne Angst. Sie versuchte, hinter ihrem Spiegelbild etwas durch das Fenster zu erkennen, doch es war zu hell im Haus. Viel zu hell. Das war es, was nicht stimmte. Ein Außenstehender konnte alles sehen, was sich drinnen abspielte. Ohne dass sie etwas davon mitbekam. Mit schnellen Schritten lief sie zur Wand und drückte auf das digitale Bedienpanel. Laut surrend fuhren die Rollläden im gesamten Haus herunter. Es fröstelte sie. Normalerweise hatte sie die Jalousien um diese Zeit schon längst unten. Manchmal auch den ganzen Tag über. Sie musste es vergessen haben, als sie so lange am Laptop gesessen und sich um die Reise gekümmert hatte. Jetzt, da sich die Rollläden wie ein schützender Kokon um ihr Haus gelegt hatten, fühlte Mina sich etwas sicherer. Bis ihr einfiel, dass längst jemand ins Haus eingedrungen sein konnte, so fokussiert, wie sie stundenlang vor dem Computer gesessen hatte. Nicht jemand, sondern er. Aber das war eigentlich nicht möglich. Die teure Alarmanlage, die sie gerade erst hatte installieren lassen, wäre angesprungen. Wenn sie funktionierte. Vielleicht sollte sie nachsehen … Genug, dachte sie. Niemand war hier. Sie war allein. Und in vier Tagen hier weg. Weit weg in der Einsamkeit der valencianischen Provinz. Der Gedanke ließ sie ruhig werden, vielleicht machte sie auch der Whiskey schläfrig. Sie lief die Treppe hoch, legte sich ins Bett und dachte an Spanien. Vor der Einsamkeit hatte sie keine Angst.
Kapitel 2
Sie wachte aus einem kurzen, traumlosen Schlaf auf und wusste, dass es noch sehr früh am Morgen war, ohne auf die Uhr zu sehen. Ein ekelhafter Geschmack lag auf ihrer Zunge, und ihr fiel ein, dass sie sich gestern nicht mehr die Zähne geputzt hatte. Sie musste sofort eingeschlafen sein. Von draußen hörte sie Vögel zwitschern. Der Frühling erwachte. Trotzdem fühlte sie sich noch nicht bereit, die Rollläden zu öffnen.
Erst eine lange Dusche und zwei Tassen grünen Tees in der stillen, dunklen Küche später öffnete sie den Kokon und ließ das zaghafte Licht eines kühlen Märztages ins Haus. Mina blickte in ihren Garten, der das Schmuckstück des Anwesens sein könnte, mit seiner riesigen Rasenfläche, einem stolzen Bestand an alten Buchen und Fichten, sogar ein kleiner Teich befand sich im hinteren Teil. Er war bedeckt von einem trüben, grünen Film und passte damit wunderbar in seine verwilderte Umgebung. Der Rasen - immerhin sattgrün durch den vielen Regen der letzten Wochen – wucherte vor sich hin. Wie leicht sie es einem Beobachter machte, sich in ihrem Garten zu verstecken, dachte sie. Vielleicht hockte er dort hinter den verwilderten Büschen und wartete auf seinen Moment. Unsinn. Sie schob den Gedanken beiseite und starrte auf das Unkraut, das sich überall im Garten und auf der Terrasse ausgebreitet hatte. Jetzt lohnte es sich allerdings auch nicht mehr, sich darum zu kümmern, fand Mina. Sie würde das in Angriff nehmen, wenn sie aus Spanien zurück war. Mit neuer Energie. Die bevorstehende Reise beflügelte sie jetzt schon, fast konnte sie die Berge vor sich sehen, den Duft der Weinreben riechen. Bis sie sich in Erinnerung rief, warum sie das alles machte. Es würden harte Wochen werden, in denen sie endlich die Autobiografie schreiben würde, auf die alle warteten. Noch immer erschien es Mina absurd, dass man ein so großes Interesse an ihr als Person hatte. Und an ihrer Vergangenheit. Wie immer, wenn sie daran dachte, verspürte sie eine Enge in der Brust, und sie musste zweimal tief durchatmen. In Spanien würde sie es hinter sich bringen. Sie würde es schreiben und dann war es geschafft. Es war auch eine Art Therapie. Nur sie selbst, ihr Computer und das, was tief in ihr schlummerte und eigentlich gar nicht hervorgeholt werden wollte. Sie verdrängte den Gedanken. Es war an der Zeit. Und Spanien war der richtige Ort. Vor allem konnte sie sich dort endlich von den Ängsten befreien, mit denen sie hier lebte. Denn dort würde ihr Stalker sie nicht finden.
Es hatte vor ein paar Monaten angefangen. Der junge Mann - er sah nicht älter aus als fünfundzwanzig - tauchte zu jeder Lesung auf, egal, in welcher Stadt. Davon gab es eine Zeit lang sehr viele, als ihr letzter Roman erschienen war und der Verlag wieder die ganz große Werbetrommel rührte. Inzwischen fand Mina die öffentlichen Lesungen in Ordnung, die sie zu Beginn ihrer Autorinnenkarriere noch vehement abgelehnt hatte. An die immense Aufmerksamkeit, die ihr zuteilwurde, hatte sie sich zwar noch immer nicht gewöhnt, doch sie konnte jetzt Positives aus den Leseterminen in Buchhandlungen oder auf Messen ziehen. Sie konnte vorlesen, was sie einst aus ihrem verworrenen Hirn hervorgeholt und zu Papier gebracht hatte, und fremde Menschen hingen an ihren Lippen. Sehr viele Menschen. Lampenfieber hatte sie jedes Mal, und in den Minuten bevor sie die Bühne betrat, drehte sich ihr mehrmals der Magen um, aber sobald sie las, blendete sie alles andere aus. So wie beim Schreiben. Sie hatte gelernt, sich ihre Fähigkeit, in einen Tunnel abzutauchen, auch auf der Bühne zunutze zu machen. Deshalb bemerkte sie den Mann auch lange nicht. Sie nahm nicht wahr, dass er bei jeder Lesung in einer der ersten Reihen saß. Nicht einmal, dass er anschließend jedes Mal als einer der Ersten am Signiertisch stand und sie unentwegt beobachtete. Tim, ihr Literaturagent, wies sie schließlich darauf hin.
"Mit dem stimmt was nicht", konnte sie sich an seine Worte erinnern. "Der ist immer da. Sagt nichts. Er sieht dich einfach nur an. Nein, das ist das falsche Wort. Er starrt. Wie ein Irrer."
Nachdem Tim sie auf den Mann aufmerksam gemacht hatte, standen noch vier Lesungen in unterschiedlichen Städten an. Bei jeder war er dabei, und Mina konnte sich kaum konzentrieren, denn seine Präsenz war beängstigend. Er saß ganz still da, immer ein Notizbuch in der Hand, in das sie ihn nie etwas reinschreiben sah, und starrte. In seinem Blick lag Begehren, Besessenheit, etwas, das nicht normal war. Er lächelte nicht, wenn Mina auf die Bühne kam und begrüßt wurde. Auch nicht, wenn sie sich verabschiedete oder wenn sie ihm den signierten Roman überreichte. "Der Stumme", nannte Tim ihn und behielt ihn argwöhnisch im Auge. Mina war heilfroh, als die Lesetour vorbei war und sie wieder nach Hause konnte. Und dort begann es erst so richtig.
Der Stumme tauchte bei Tim auf, in der geräumigen Altbauwohnung in Pankow, in der er mit drei Mitarbeitern seine Literaturagentur führte. Er hatte ein großes Paket in der Hand, als er vor der Tür stand, weshalb Tim für einen Moment dachte, es handelte sich um einen Paketboten. So erkannte er ihn nicht gleich und wurde von dem Mann überrumpelt, der den Moment nutzte und an Tim vorbei in den Flur der Agentur trat. In diesem Augenblick realisierte Tim, wer vor ihm stand, und ihm wurde ganz übel, wie er Mina später berichtete. Der Stumme blickte sich um, fixierte kurz die eingerahmten Poster von Mina an der Wand. Mina Winter und ihr neuster Kriminalroman, Mina Winter auf Lesetour, Mina Winter, das Flaggschiff der Agentur Tim Neugebauer. Ihr Gesicht war überall und Tim war die Situation mehr als unheimlich. Er bat den Mann höflich, zu gehen, starrte angsterfüllt auf das riesige Paket. Anja, seine Assistentin, kam dazu, und es brauchte mehrere Minuten, bis sie die bedrohliche Gestalt wieder zum Gehen bewegen konnten. Das Paket ließ er im Flur stehen. Als er weg war, rief Tim sofort die Polizei. Mina erfuhr von der ganzen Aktion erst, als sich die vermeintliche Bombe als ein Paket mit Hunderten weißen Rosen herausgestellt hatte. Zwischen die Rosenstängel hatte der Stumme mit einer Schnur Fotos gefädelt. Fotos von Mina. Bei Lesungen, auf der Straße, im Café. Manchmal von Weitem fotografiert, aber es fanden sich auch zahlreiche Nahaufnahmen von ihrem ahnungslosen Gesicht darunter.
Tim installierte eine Überwachungskamera, brachte einen Sicherheitsriegel an der Tür an und mahnte Mitarbeiter, Nachbarn und Geschäftspartner zur Vorsicht. Das alles war jetzt drei Wochen her und der Stumme war nicht noch einmal aufgetaucht. Doch Mina dachte Tag und Nacht an ihn und an die Gefahr, die von einem irren Stalker ausging. Wenn sie auf der Straße Schritte hinter sich hörte, wenn sie sich im Supermarkt in einem engen Gang befand, wenn sie in ihrem Haus saß. Eigentlich konnte er nicht wissen, wo sie wohnte, doch war das so schwer herauszufinden? Sie dachte an eine Situation vor ein paar Tagen zurück. Da hatte sie sich ins Büro der Agentur gewagt, um einen großen Stapel Autogrammkarten abzuholen, die sie signieren sollte. Tim hatte angeboten, sie ihr zuzuschicken, da er wusste, dass Mina Angst hatte, sich an dem Ort aufzuhalten, an dem ihr Stalker ihr auflauern konnte. Doch sie hatte sich einen Ruck gegeben, wollte sich und Tim beweisen, dass sie sich von der Angst nicht einschränken ließ. Als sie mit dem Auto zurück nach Hause fuhr, bemerkte sie einen VW hinter sich. Sie konnte nicht viel erkennen von dem Mann, der hinter dem Steuer saß, denn es war bereits fast dunkel und er trug eine Mütze, die einen Schatten auf sein Gesicht warf. Ihr Herz raste. Der Wagen folgte ihr mehrere Straßen lang, doch als Mina gerade ihr Handy aus der Tasche auf dem Beifahrersitz fischte, um die Polizei zu rufen, bog er plötzlich in eine Seitenstraße ab und war weg.
Die schrille Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Sie zuckte zusammen. Wer war das? Es war Sonntagmorgen, der Paketbote konnte es nicht sein, und er war der Einzige, der unangemeldet bei ihr klingelte. Mina unterdrückte den Impuls, die Rollläden wieder herunterzufahren und sich im Schlafzimmer zu verschanzen. Sie lief zur Haustür und aktivierte mit klopfendem Herzen das Display ihres neuen Überwachungssystems, das sechs Kameras im Außen- und Innenbereich beinhaltete und ihr immerhin ein Mindestmaß an Sicherheitsgefühl vermittelte. Augenblicklich beruhigte sich ihr Puls, als sie sah, wer vor ihrem Eingangstor stand. Sie drückte auf das Schlüsselsymbol des Touchscreens und hörte, wie sich das riesige Stahltor mit einem lauten Surren zur Seite schob.
Ihr Bruder sah selbst für seine Verhältnisse außergewöhnlich schlecht aus. Er hatte tiefe Furchen unter den Augen und wirkte unruhig.
"Konrad", sagte sie nur und trat zur Seite, um ihn hereinzulassen.
Etwas verloren lief er hinter ihr her in die Küche, sah sich um, als wäre er zum ersten Mal hier, und setzte sich auf einen der Barhocker an der Theke. Mina wusste, dass er sich in der luxuriösen Umgebung wie ein Fremdkörper vorkam, und konnte es gut nachvollziehen. Er fuhr sich durch die lockigen, dunklen Haare und dann mit den Fingern über die Augenbrauen. Ihr war klar, was diese fahrigen Gesten bei ihm bedeuteten. Seine Stirn war in Falten gezogen und doch sah er so jung aus. Wahrscheinlich würde er den jugendlichen Ausdruck in seinem Gesicht nie verlieren, egal, wie ungesund sein Lebensstil war. Konrad war drei Jahre jünger als sie, doch der Altersabstand wirkte größer. Das lag an ihren völlig unterschiedlichen Lebensweisen. Sie sahen sich auch kaum ähnlich. Mina hatte feinere, reifere Gesichtszüge, viel hellere, rötlich blonde Haare, und sie war einen Kopf größer als er. Ja, er wirkte klein, stellte sie fest, vor allem, wie er so dasaß, mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf hinter ihrem Küchentresen.
"Wie geht es dir?", fragte er.
Mina zuckte mit den Achseln. "Das will ich lieber von dir wissen. Du siehst nicht gut aus."
Konrad schwieg und Mina füllte eine große Glaskaraffe mit Wasser. Dann presste sie eine ganze Zitrone darin aus. Sie hatte das Bedürfnis, ihrem Bruder ein paar Vitamine zukommen zu lassen.
"Hier, trink das. Und erzähl. Wie geht es dir? Warum bist du hier? Nicht, dass ich mich nicht freue." Sie wusste, warum er hier war. Und sie wusste auch, dass er es nicht zur Sprache bringen konnte.
"Es geht mir nicht so gut", sagte er und klang wie ein schüchterner Schuljunge. "Victoria ist weg, diesmal für immer. Sie hat es nicht mehr ausgehalten mit mir. Ich habe es wirklich versucht, aber ich schaffe es nicht. Ich wollte nichts mehr nehmen. Aber …" Er verstummte und sah in sein Wasserglas.
Mina schossen mehrere Gedanken in den Kopf. Sie sollte die Reise stornieren. Für ihren Bruder da sein. So konnte sie doch nicht weg. Oder sie nahm ihn mit. In den spanischen Bergen würde er nicht so einfach an Drogen kommen. Und sie hätte ihn immer im Blick. Konnte dafür sorgen, dass er gut aß und trank und sich ausreichend bewegte … Doch das war nicht der Zweck ihrer Reise. Und es würde nicht funktionieren. Sie hatte so etwas schon einmal versucht und war gescheitert. Ihr Bruder ließ sich nicht kontrollieren. Er würde tagelang verschwinden und doch irgendwo Drogen auftreiben. Kokain, Ecstasy, Halluzinogene, er war nicht wählerisch.
"Es tut mir leid, dass Victoria weg ist." Das stimmte. Die gutmütige Erzieherin mit dem Helfersyndrom hatte sich sehr um Konrad bemüht. Aber auch ihre Geduld war endlich. "Gehst du noch zur Selbsthilfegruppe?"
Konrad blickte nicht auf, als er den Kopf schüttelte, und Mina fragte nicht weiter nach. Sie wusste, wie es ablief. Konrad wollte seine Situation ändern, aber es gelang ihm nicht. Er konnte keine Termine einhalten, auch wenn sie noch so wichtig waren. In den letzten Monaten hatte sie sich wenigstens darauf verlassen können, dass Victoria sich um ihn bemühte. Jetzt war er wieder auf sich allein gestellt. Sie gingen beide so unterschiedlich mit der Bewältigung ihrer Vergangenheit um, dass man kaum vermuten würde, dass sie dieselbe problematische Kindheit gehabt hatten. Wobei das eine Untertreibung war. Es war fast ein Wunder, dass sie beide noch hier waren. Und einander hatten. Immerhin das hatte sich nie geändert. Mina kam eine Idee.
"Ich fliege nach Spanien", sagte sie. "Für drei Monate."
Konrad sah sie mit großen Augen an. "Wieso das denn?"
"Zum Schreiben." Es war noch nicht an der Zeit, ihm zu sagen, dass es dieses Mal kein Krimi werden würde. "Was hältst du davon, wenn du so lange hier wohnst?"
Ihr Bruder sah sich um. "Ich? Hier?"
"Ich brauche jemanden, der hier die Stellung hält. Ich kann einen Bekannten fragen, aber so ist es viel besser. Du hast hier alles, was du brauchst. Montags werden Einkäufe geliefert, das lasse ich einfach weiterlaufen. Donnerstags kommt eine Haushaltshilfe. Es wird langsam warm, du kannst auf der Terrasse sitzen."
Sie wusste, dass sie ihn nicht überzeugen musste, zumal er hier war, weil er kein Geld mehr hatte. Es war ein fantastisches Angebot. Vielleicht zu fantastisch. Was, wenn Konrad in diesem großen Haus mit viel Zeit und teuren Möbeln auf die Idee kam, den ein oder anderen Gegenstand zu Geld zu machen, um sich Drogen zu kaufen? Er war ihr Bruder, aber er war auch ein Süchtiger, der in seinen schwachen Momenten unberechenbar sein konnte. Doch jetzt hatte sie das Angebot ausgesprochen und sie beschloss, ihm zu vertrauen. Er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben und sie würde das Risiko eingehen. Zumal eine leise, irrationale Stimme in ihr fragte, ob es sie wirklich stören würde, wenn eines der wertvollen Möbelstücke aus ihrem Haus verschwinden würde.
"Das kann ich nicht annehmen", sagte Konrad kleinlaut. "Und ich passe hier ja auch gar nicht hin."
Ich auch nicht, ging es Mina durch den Kopf. Deshalb fliege ich weg. "Du könntest dich ein wenig um den Garten kümmern. Der kann es gebrauchen."
Konrads Gesicht hellte sich auf, und er warf einen Blick in die Wildnis hinter Minas Fenstern. Er liebte die Natur. Die einzigen Jobs, die er etwas länger durchgehalten hatte, waren solche gewesen, die mit Pflanzen zu tun hatten.
"Wenn das so ist … Da kann ich schlecht Nein sagen."
Mina nickte. Es würde ihm guttun, eine Aufgabe zu haben. Und aus seiner winzigen, tristen Bude herauszukommen. Hier war er besser aufgehoben, das wollte sie sich zumindest einreden. Und es beruhigte sie ein wenig, dass das große, kalte Haus nicht drei Monate lang leer stehen würde.
Kapitel 3
Stuttgart, Montag, 27. Oktober 1975
Den ganzen Tag war es nicht richtig hell geworden. Karl Fiedel hasste diese Tage. Der Himmel war grau, die Straßen waren grau, die Menschen waren grau. Alle blickten grimmig nach unten, ein unangenehmer Wind wehte durch Stuttgart, jeder wollte schnell nach Hause. Nur Karl nicht. Er konnte es nicht mehr ertragen, in seiner kleinen Wohnung zu sitzen und an die Wand zu starren. Denn etwas anderes hatte er nicht zu tun. Er hatte keine Arbeit und kein Geld, um sich zu beschäftigen. Seinen Freunden ging es wie ihm, auch sie hatten ihre Arbeitsstellen verloren, aber irgendwann hatten sie aufgehört, sich regelmäßig zu treffen und gegenseitig herunterzuziehen. Es ging ja allen gleich und was sollten sie schon tun zusammen? Sie würden nur Bier trinken und jammern, und damit war auch niemandem geholfen. Also saßen sie alle allein herum und hofften auf bessere Zeiten.
Als er Ende der Sechzigerjahre seine Ausbildung bei der Daimler-Benz AG begonnen hatte, war alles so gut gewesen. Man hatte die kurze Rezession von 1966/1967 gerade überwunden und sah die Automobilindustrie auf einem neuen Höhepunkt ihrer Entwicklung. Immer mehr Menschen wollten immer bessere Autos fahren, die Städte wurden entsprechend ausgebaut, genauso wie das überregionale Straßennetz. Daimler-Benz verkaufte luxuriös ausgestattete Wagen in großer Zahl und auch die Nachfrage aus dem Ausland stieg rasant an. Die Firma stellte viele junge Menschen ein, bot ihnen interessante Ausbildungsplätze und attraktive Löhne an. Karl war sofort Feuer und Flamme gewesen. Jeder wollte zu Mercedes. Schöne Autos auf dem neuesten Stand der Technik. Sein Lohn war wirklich gut gewesen als Kraftfahrzeugmechaniker in Lehre und es war ihm gelungen, sich von Jahr zu Jahr weiter hochzuarbeiten. Doch plötzlich schien es vorbei zu sein mit dem Wirtschaftswunder. Die Arbeitslosenzahlen stiegen, Firmen gingen bankrott, andere versuchten sich durch Kurzarbeit zu retten. Die Menschen kauften nicht mehr so viel und schon gar nicht teure Luxusautos. Die Ölkrise führte zu hohen Benzinpreisen, ein paarmal ordnete die Bundesregierung sogar autofreie Sonntage an. Die Euphorie der letzten Jahrzehnte hatte jedenfalls einen starken Dämpfer in der Autostadt erlitten. Und Daimler-Benz musste Konsequenzen ziehen. Karl hatte es getroffen, obwohl er sich sein ganzes, wenn auch junges Berufsleben über für das Unternehmen aufgeopfert hatte.
Und jetzt stand er da. Ohne Lohn und mit einer viel zu teuren Wohnung. Er war so stolz gewesen, sie sich leisten zu können. Jetzt hatte er keine Ahnung, wie er die nächste Miete zahlen sollte. Die beiden letzten hatte er noch aufbringen können, doch inzwischen war sein Konto leer. Seine Eltern konnten ihm nicht helfen, sie hatten selbst nichts. Und er wollte auf gar keinen Fall wieder bei ihnen einziehen. Allein der Gedanke an seine ewig jammernde Mutter, die nichts tat, als auf dem verschlissenen Sofa zu sitzen und zu rauchen, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Und mit seinem Vater war er noch nie zurechtgekommen. Er regte sich über alles auf - die Politik, das Fernsehprogramm, das Wetter. Wo er konnte, zettelte er einen Streit an, als wäre das die einzige Möglichkeit zu kommunizieren. Karl konnte ihn nicht ertragen. Er war so glücklich gewesen, als er endlich hatte ausziehen können. Er hatte das Leben durch eine rosarote Brille gesehen und sich die Zukunft in den schönsten Farben ausgemalt.
Ein Tropfen landete auf seiner Nase und er sah nach oben in den einsetzenden Nieselregen. Es war zum Verzweifeln. Alles war einfach nur schrecklich. Mit gesenktem Kopf lief er weiter durch die Straßen. Er hatte keinen Regenschirm und keine Lust, sich irgendwo unterzustellen. Es war ihm egal, dass er nass wurde. Auch wenn er es später bitter bereuen würde, denn es war jetzt im Oktober bereits eiskalt in seiner Wohnung, und er hatte keine Briketts für den alten Kachelofen mehr.
Als der Regen stärker wurde und seine Haare und Kleidung schließlich völlig durchnässt waren, flüchtete er doch unter den großen Sonnenschirm eines Cafés, das geschlossen hatte. Ein paar Tische und Stühle standen dort, wo zwei weitere Männer saßen und den Regenschauer abwarteten. Karl setzte sich auf den von ihnen am weitesten entfernten Bistrostuhl und legte den Kopf auf die Tischplatte. Nach einer Weile hob er ihn wieder an, sah, dass es noch immer heftig regnete, und fand sich erbärmlich. Er war ein ganzes Stück von zu Hause entfernt. In dieser Straße gab es Lokale und Cafés, aber er hatte kein Geld, um sich irgendwo hineinzusetzen.
“Du siehst aus, als könntest du einen heißen Kaffee gebrauchen.”
Karl erschrak über die Gestalt, die plötzlich vor ihm aufgetaucht war. Es war einer der beiden Männer, die ebenfalls unter den Schirmen gesessen hatten. Er war vielleicht ein paar Jahre älter als er selbst, trug einen eleganten Anzug und hielt eine große Thermoskanne in den Händen.
Karl schüttelte den Kopf. “Ich habe kein Geld.”
“Kein Problem.” Der Mann im Anzug öffnete die Thermoskanne, befüllte den dazugehörigen Becher und reichte ihn ihm.
Verwirrt nahm Karl ihn entgegen. Der Kaffee duftete verführerisch und wärmte seine verfrorenen Hände.
“Komm doch zu uns”, sagte der Mann und deutete zu dem Tisch, an dem der andere Mann saß. Er trug ebenfalls einen Anzug, saß zurückgelehnt auf einem der Bistrostühle und rauchte genüsslich eine Zigarette. Die eleganten Männer machten Karl irgendwie neugierig. Und was hatte er sonst schon zu tun? Er stand auf, folgte dem ersten Mann zum Tisch und nickte dem Rauchenden zu. Unbeholfen nahm er einen Schluck Kaffee.
“Sieht nicht aus, als würde der Regen bald aufhören”, sagte der mit der Thermoskanne.
Karl zuckte mit den Schultern.
"Setz dich doch", sagte der Rauchende. "Ich bin Fritz Seidenberg. Das ist Theo, mein Bruder."
"Karl."
"Sehr gesprächig bist du nicht, Karl."
"Das Wetter zieht mich runter."
"Mich auch." Fritz nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. "Wieso läufst du eigentlich um diese Zeit hier herum? Du müsstest doch arbeiten. Siehst aus wie jemand, der eine passable Anstellung hat."
"Hatte. Ich war Automechaniker." Karls Miene verdüsterte sich. "Bin rausgeflogen bei Mercedes."
Fritz legte den Kopf schräg, sah ihn aufmerksam an und nickte langsam. Theo setzte sich neben seinen Bruder.
"Und jetzt wanderst du durch die Straßen", sagte er. "Was für eine Verschwendung einer jungen, talentierten Arbeitskraft."
Theo wusste ja gar nicht, ob er talentiert war, dachte Karl. Aber er fühlte sich etwas geschmeichelt.
"Und ihr?", fragte er. "Ihr seid zu schick angezogen, um einfach nur im Regen zu sitzen und Kaffee zu trinken."
Theo lachte. "Ich schätze, wir wollen Eindruck machen."
"Bei wem?"
"Leuten wie dir."
Karl kippte den Rest des Kaffees herunter. "Wieso das denn?"
"Wir könnten dich gut gebrauchen", sagte Fritz.
"Ihr habt eine Stelle für mich?"
"Viel mehr als das."
Fritz holte einen Aktenkoffer hervor und legte ihn auf den Tisch. Zögernd ging Karl einen Schritt nach vorn und setzte sich auf den leeren Stuhl den beiden Brüdern gegenüber. Seine Neugier war geweckt. Fritz’ Hände ruhten auf dem schwarzen Koffer und er sah seinen Bruder bedeutungsschwer an. Theo lächelte fast euphorisch, als er anfing zu sprechen.
"Stell dir Folgendes vor, Karl. Ein Land, in dem immer die Sonne scheint. Atemberaubende Landschaften. Berge, Vulkane, glasklare Seen. Der Strand ist nicht weit, aber der Dschungel auch nicht. Keine grauen Städte wie hier. Keine grimmigen Menschen. Nur pure Lebensfreude."
Karl hob die Augenbrauen. "Wovon sprichst du?"
"Peru. Dem schönsten Land der Erde."
"Und was soll ich da?" Karl hatte keine Ahnung, wo dieses Gespräch hinführen sollte.
"Wir sind Winzer", sagte Theo. "Uns gehört ein großes Weingut in Baden. Von uns kommt der beste Muskateller. Wunderbar süß und würzig ist er, riecht nach Aprikosen, Karamell und Gewürzen. Es gibt wirklich keinen besseren als unseren Wein. Aber wir wollen raus aus Deutschland."
"Warum?", fragte Karl.
"Sieh dich doch um. Was macht das Leben hier noch lebenswert? Die guten Leute, so wie du, werden nicht wertgeschätzt. Es ist vorbei mit dem Wirtschaftswunder. Jetzt geht es nur noch bergab. Am gefährlichsten sind diese Linksfaschisten. Sie verstecken sich hinter großen Worten wie 'Mitbestimmung', 'Kollektivität' und 'Gleichheit'. Ein Witz ist das. Wir sind doch nicht alle gleich. Die einen sind fleißig und wollen das Beste für ihre Familien. Und die anderen wollen sexuelle Freiheit und setzen sich für antiautoritäre Erziehung ein. Das Ganze ist nichts anderes als ein einziger großer Werteverlust. Bald fehlt es nicht nur an Arbeitsstellen, sondern auch an Bildung. Und an Kindern. Und die sind schließlich unsere Zukunft."
Karl hatte noch nie viel mit Politik am Hut gehabt. Sie interessierte ihn nicht wirklich und die Zusammenhänge waren ihm meistens zu kompliziert. Von der 68er-Bewegung hatte er natürlich mitbekommen und er hatte sie eigentlich nicht als Bedrohung wahrgenommen. Doch was wusste er schon? Für ihn waren die Zeiten alles andere als rosig. Und irgendwer musste ja eine Schuld daran tragen. Fritz und Theo schienen jedenfalls besser Bescheid zu wissen als er.
"Wir wollen nichts anderes als ein schönes Leben", fuhr Theo fort, und Karl fiel auf, dass er viel mehr sprach als sein Bruder. "Eins, in dem wir für unsere Arbeit belohnt werden. Mit Freizeit und Sonne. Mit Freunden und Familie um uns herum. Und vor allem in Sicherheit. Ich weiß nicht, wie es dir geht, Karl, aber mir machen diese Terroristen eine Heidenangst."
Das konnte Karl nachvollziehen. Die Attentate der Rote-Armee-Fraktion waren das Lieblingsthema seines Vaters. Der konnte sich stundenlang aufregen über diese linksextremistische Vereinigung, die auf brutalste Weise versuchte, die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu zerstören. Und damit war er nicht allein, vor allem hier in Stuttgart, wo gerade der Strafprozess gegen die Anführer der RAF begonnen hatte. Es waren hochgefährliche Menschen, die dort vor Gericht standen, das war Karl klar, und er glaubte nicht, dass die Aktionen der RAF mit der Verurteilung der derzeitigen Anführer enden würden. Zumindest behauptete das sein Vater.
"In Peru müssen wir uns darüber keine Gedanken mehr machen", sagte Fritz und öffnete endlich den schwarzen Aktenkoffer. Er holte einen Stapel Fotos heraus und legte sie vor Karl auf den Tisch.
"Das ist die Region Ica, südlich der Hauptstadt Lima und direkt an der Pazifikküste. Es ist ein absolutes Winzerparadies. Sonnig und warm, aber nicht zu heiß durch das Andengebirge. Es regnet nicht viel und die Winter sind mild."
Karl blätterte durch die Fotos. Sie zeigten riesige Felder mit Weinreben, die Berge im Hintergrund, ein blauer, wolkenloser Himmel. Dann blühende Landschaften. Plötzlich einsame Naturstrände und Wüste. Es war eine völlig andere Welt.
"Wir haben ein wunderschönes Stück Land gefunden. Dort werden wir ein Weingut aufbauen, eine peruanische Bodega. Komm doch mit uns." Theo sah ihn mit glänzenden Augen an. Er wirkte ehrlich begeistert.
Karl zögerte. "Woher wisst ihr, ob das funktioniert?"
"Wir waren da", sagte Fritz. "Und wenn wir uns mit einer Sache auskennen, dann ist es Wein. Ica ist genau der richtige Ort und jetzt ist genau die richtige Zeit. Das Land und vor allem die Region sind wie für den Weinbau geschaffen. Die klimatischen Bedingungen sind ideal. Das wusste man schon vor Hunderten von Jahren und hat in Peru Wein angebaut wie verrückt - und erfolgreich exportiert. Ende des letzten Jahrhunderts kam dann die Reblaus. Der ist ein Großteil der Weinberge zum Opfer gefallen. Das war ein starker Einbruch für den Weinbau im Land. Dann kamen politische Unruhen hinzu und erst jetzt rührt sich wieder etwas in der Weinregion Icas. Die Peruaner wollen den Rebbau wiederbeleben, Ausländer wollen Pflanzen importieren."
"Und wir haben die besten", sagte Theo.
"Weinreben?", fragte Karl und kam sich dumm vor. Er hatte überhaupt keine Ahnung von Wein und schon gar nicht von dessen Herstellung.
"Ja. Muskateller, eine der ältesten Weißweinsorten, die es gibt. Hier in Deutschland, wo es kälter ist, fällt die Säureentwicklung der Trauben dominanter aus. In Peru wird sie sich noch einmal ganz anders entfalten. Wir können dort einen fantastischen Muscat Blanc erzeugen. Einen, den Südamerika und die ganze Welt noch nicht gesehen hat."
Karl ertappte sich dabei, wie er gar nicht mehr genau zuhörte, so richtig verstand er es sowieso nicht. Die Gelegenheiten, zu denen er in seinem Leben Wein getrunken hatte, konnte er an einer Hand abzählen. Aber die leidenschaftliche Art der beiden kuriosen Brüder wirkte ansteckend. Karl sah sich über die peruanischen Weinberge schlendern und die Reben kontrollieren, über sich die Sonne, vor sich hektarweise Wein. Abends würde er mit den anderen Winzern beisammensitzen, peruanische Spezialitäten essen und den selbst hergestellten Wein trinken. Vielleicht konnte er etwas Spanisch lernen. Und schöne Frauen gab es dort bestimmt. Auf jeden Fall keinen tristen deutschen Herbst. Die Brüder hatten recht, es war hier wirklich kaum zu ertragen. Und er bekam gerade die Chance auf eine Arbeit unter der Sonne Südamerikas. Ein Ausweg aus seiner Geldnot. In Peru wäre er so weit weg von allem, von schlechten Nachrichten im Fernsehen, von seinen ewig jammernden Eltern. Sie würden staunen über die Postkarten aus dem Paradies.
"Was sagst du, Karl?", fragte Fritz. "Hast du Lust auf das Abenteuer deines Lebens?"
"Du wirst den Schritt nicht bereuen", ergänzte Theo. "Die Welt wird noch sprechen über die Bodega Seidenberg."