Kapitel 1
Somers Town, London
Donnerstag, 09. Juni 1814
Das Kind wanderte allein und heftig gegen seine Verzweiflung ankämpfend durch die schmalen, gewundenen Pfade der Tea Gardens.
In der Ferne hörte Ji das Gelächter und die Stimmen anderer Flanierender. Es war ein ungewöhnlich heißer Julitag gewesen. Das hatte das Kind jedenfalls andere Menschen sagen hören. Inzwischen sank die Sonne am lavendelblauen Himmel und warf lange Schatten zwischen den Bogengängen. Die Kühle des hereinbrechenden Abends war schon zu erahnen. In der feuchten Luft lag süßer Rosen- und Pfingstrosenduft und beschwor unerwünschte Erinnerungen an die schattigen Spazierwege und friedlichen Kanäle der Privatgärten der Händlerfamilie Hong herauf. Heimweh wallte in dem Kind auf und ließ in Jis Kehle einen Kloß entstehen. In den Augen brannten Tränen.
Ji schluckte und schob die gefährlichen Gedanken beiseite.
Ji war mit Geschichten der fernen, nebelumwobenen, britischen Inseln aufgewachsen, und irgendwie hatten sich die britischen Inseln in der Vorstellung des Kindes mit den Garteninseln der Acht Unsterblichen vermischt. Alte chinesische Legenden berichteten von Inselpalästen aus Gold und Silber, in denen es weder Schmerz noch einen Winter gab. Die Reisschalen waren immer gefüllt, und wer von den Früchten der verzauberten Bäume aß, würde ewig leben.
»So ist England aber nicht«, hatte der Mann mit dem Namen Hayes gesagt und das Gesicht verkniffen. »Ganz und gar nicht.«
»Und wie dann?«, hatte Ji gefragt. »Ist es wie Kanton?«
»Nein. Wie Kanton ist es auch nicht.«
Der Wind frischte auf, ließ die belaubten Zweige der Linden rascheln und riss das Kind wieder zurück in die Gegenwart. Ji kramte in der Tasche der fremdartigen Kleidung, die Hayes dem Kind aufgezwungen hatte, und die es seit dem verfluchten Tag trug, als sie zu dem Schiff im Kantoner Hafen gerudert und dann von allem weggesegelt waren, was Ji liebte. Von allem, das dem Kind vertraut war und das es, im Gegensatz zu Hayes, liebte.
»Lass mir bis sieben Uhr Zeit«, hatte er gesagt, nachdem sie in einem der Teestände im Garten ein mageres Abendessen aus einer dünnen Scheibe Rinderbraten und heißem Butterbrot zu sich genommen hatten.
»Wie finde ich dich denn? Oder woher weiß ich, wie viel Uhr es ist?«
»Bleib in der Nähe des Teichs«, sagte er und gab dem Kind lächelnd seine Uhr. »Dann finde ich dich.«
Das Kind hatte sich keine Sorgen gemacht. Da noch nicht. Aber als Ji jetzt Hayes’ Uhr aufschnappen ließ, war es schon fast halb acht.
Wo war er?
Etwas, das sich gefährlich nach Panik anfühlte, stieg in dem Kind hoch. Ji zog immer größer werdende Kreise um den künstlich angelegten Teich im Tea Garden. Am Bowling-Spielfeld vorbei, am Fluss vorbei, wo späte Kundschaft an den Tischen auf Stühlen saß, die unter den Weiden aufgestellt waren. Dann ragte eine hohe Backsteinmauer vor Ji auf, und das Kind musste umkehren.
Dort, auf einer kleinen Lichtung nicht weit von der Mauer, fand das Kind ihn. Er lag mit dem Gesicht nach unten im Gras, ein Arm war seitlich hochgebogen, und seine blauen Augen waren offen, aber blickleer.
Und aus dem fadenscheinigen, blutgetränkten Stoff seines Mantels ragte der abgewetzte Holzgriff einer Sichel heraus. Die scharfe, gebogene Klinge steckte tief in seinem Rücken.
Kapitel 2
In dem exklusiven Londoner Stadtteil Mayfair saß Sebastian St. Cyr Viscount Devlin eine halbe Stunde später im Schneidersitz mitten auf dem Boden seines eleganten Kleinen Salons. Der Erbe des mächtigen Earl of Hendon trug formelle Kniehosen, eine weiße Seidenweste und einen Frack. Er und seine Frau Hero hatten vor, den Empfang zu Ehren der Alliierten Staatsoberhäupter zu besuchen, den der Prinzregent an diesem Abend gab. Aber sie versuchten immer, sich in der Stunde vor dem Abendessen ihrem sechzehn Monate alten Sohn Simon zu widmen.
»Wo ist die Uhr?«, fragte Sebastian den Jungen und zog seine Fäuste hinter dem Rücken hervor.
Simon, dessen goldene Augen vor Aufregung funkelten, deutete auf Sebastians linke Hand, dann quietschte er vergnügt, als Sebastian die Finger öffnete und die Hand leer war.
Simon tippte an seine rechte Faust. »Da!«
Sebastian machte die Hand auf, und als die ebenfalls leer war, musste der Kleine so sehr lachen, dass er auf seinen Hintern plumpste.
»Ist das nicht geschummelt?«, fragte Hero lächelnd.
»Kein bisschen. Ich bringe ihm bei, dass die Dinge nicht immer dort sind, wo man sie erwartet.«
»Ich glaube, du bringst ihm bei, dass sein Vater manchmal schummelt.«
»Noch eine wertvolle Lektion«, sagte Sebastian, als der Junge hinter seinen Rücken krabbelte, um nach der vermissten Uhr Ausschau zu halten.
»Er wird darauf herumkauen«, warnte sie ihn.
»Das ist nicht das erste Mal.«
An den offenen Fenstern bewegte ein warmer Luftzug die Vorhänge, wodurch Heros Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt wurde, was unten in der Straße vor sich ging. Sebastian, der sie beobachtete, sah, wie sie leicht die Stirn runzelte.
»Was ist los?«, fragte er.
»Dort draußen steht ein Kind bei der Straßenlaterne. Es schaut schon seit mindestens fünf Minuten das Haus an.«
Sebastian erhob sich vom Boden und ging zu ihr. Die Straßen Londons waren voller Kinder. Viele von ihnen waren abgerissene, barfüßige Arme, die eine armselige Existenz fristeten. Der Junge sah acht- oder neunjährig aus, aber er war kein Bettler oder Straßenfeger. Er trug die Kleidung eines Kaufmannssohnes oder eines Kaufmannslehrlings – grob, aber respektabel. Während sie ihn beobachteten, trat er einen Schritt vom Laternenpfahl weg, blieb wieder stehen, lehnte sich mit dem Rücken an den Pfosten und sah sich aufmerksam um.
Hero fragte: »Hast du ihn schon einmal gesehen?«
»Nein.«
Als ob das Kind ihre Aufmerksamkeit spürte, ging die Krempe des runden Huts hoch, und sie sahen feine Gesichtszüge und große Augen. Es war ein eindringliches, leicht exotisch anmutendes Gesicht, und etwas in dem besorgten Ausdruck des Kindes machte Sebastian auf eine Weise betroffen, die er nicht hätte erklären können.
»Wer er auch sein mag«, sagte Sebastian, »ich glaube, es stimmt etwas nicht. Vielleicht sollten wir …«
Er unterbrach sich, als er hörte, dass unten die Küchentür nach draußen geöffnet wurde. Sie beobachteten, wie Sebastians Kammerdiener, Jules Calhoun, die Stufen zur Straße hinaufging und sich dem Kind näherte. Der schlanke, gelenkige Mann in den Dreißigern mit ebenmäßigen Zügen und glattem hellem Haar stand seit fast drei Jahren in Sebastians Diensten. Beim Anblick des Kammerdieners hob sich die Brust des unbekannten Knaben, als ob er schluchzte, und er stürzte vorwärts.
Sebastian hörte Calhoun sagen: »Ji, was ist los?« Aber die Antwort des Kindes wurde vom Rattern eines vorbeifahrenden Brauereiwagens übertönt, der von sechs stämmigen Shire Horses gezogen wurde.
Sebastian, dem unbehaglich war, weil er unbeabsichtigt ein sehr persönliches Geschehen beobachtete, ging zu seinem zahnenden Sohn, um ihm die Uhr wegzunehmen. Kurz darauf hörte er rasche Schritte auf der Treppe, und Calhoun erschien mit einer entschuldigenden Verbeugung auf der Türschwelle.
»Ich bitte um Verzeihung, Mylady.« Die sonst fröhlichen Gesichtszüge des Valets waren uncharakteristisch ernst, und seine Stimme klang gepresst. »Kann ich kurz mit Euch reden, Mylord?«
Hero ging zu Simon und hob ihn hoch. »Ich bringe ihn hoch zu Claire. Es ist fast Abendessenszeit.« Sie sah Sebastian an, sagte aber nur: »Sag Papa gute Nacht.«
»Wir haben den Jungen draußen gesehen«, sagte Sebastian, als Hero sich zur Tür wandte. »Ich nehme an, er hat eine Nachricht gebracht?«
»Er sagt, in Somers Town, in Pennington’s Tea Gardens, hat es einen Mord gegeben. Das Opfer ist Nicholas Hayes, der jüngste Sohn des verstorbenen Earl of Seaforth.«
»Nicholas Hayes?«, fragte Sebastian ungläubig. Nicholas Hayes war seit fast zwanzig Jahren legendär in England. Besorgte Eltern erzählten ihren rebellischen Kindern von seinem Leben als Warnung, um sie zur Räson zu bringen. Es kam nicht oft vor, dass der Sohn eines Earls wegen Mordes verurteilt und nach Botany Bay deportiert wurde. »Ich dachte, er sei vor zehn oder fünfzehn Jahren gestorben.«
»Berichte von seinem Tod waren … voreilig.«
»Offenbar. Ist die Nachricht von der Bow Street?«
»Nein, Mylord. Der Junge hat den Leichnam selbst gefunden. Wenn es sonst niemand gemeldet hat, müssen die Behörden noch informiert werden.«
Sebastian erinnerte sich an die Erleichterung des Knaben beim Anblick des Valets, und an Calhouns rasche Frage Ji, was ist los? »Wieso ist der Junge damit zu Ihnen gekommen?«
»Ich … zufälligerweise war ich gewissermaßen mit Hayes bekannt.«
Sebastian musterte das beherrschte Gesicht seines Kammerdieners. »Und der Junge hat das gewusst?«
Calhoun stieß zitternd den Atem aus und nickte.
»Hat er den Mord mit angeschaut?«
»Nein, Mylord. Er sagte, Hayes sei in den Gardens mit jemandem verabredet gewesen, aber Ji – so heißt der Junge – weiß nicht, mit wem. Als Ji Hayes gefunden hat, war er tot. Jemand hat ihn von hinten mit einer Sichel erstochen.«
»Großer Gott. Und was hat der Junge mit Hayes zu tun?«
»Sie sind zusammen aus China hergekommen.«
»China?«
»Ja, Mylord.«
»Ist der Junge unten in der Küche?«
»Jawohl, Mylord.«
»Am besten bringen Sie ihn sofort herauf.«
»Jawohl, Mylord.«
Aber als Calhoun wieder nach unten ging, war der Knabe verschwunden.
*
Hero beobachtete Devlin, der sich ein Seidencape um die Schultern legte. »Du willst in Abendgarderobe und Zweispitz eine Mordermittlung beginnen?«
»Ja. Ich weiß, dass dein Vater dich bei dem Empfang heute Abend erwartet, also geh bitte schon vor, und ich komme später nach, wenn ich kann.«
»Hast du Sir Henry eine Nachricht geschickt?« Sir Henry Lovejoy war einer der drei Untersuchungsrichter auf Lebenszeit in der Polizeibehörde der Bow Street. Vor noch nicht allzu langer Zeit, als Sebastian wegen eines Mordes, den er nicht begangen hatte, auf der Flucht gewesen war, war Lovejoy mit seinem Fall betraut gewesen. Aber in den darauffolgenden Jahren hatten die beiden Männer Respekt und Sympathie füreinander entwickelt.
»Er trifft mich in Somers Town.«
»Du hast noch nicht zu Abend gegessen.«
Devlin richtete den Zweispitz auf seinem Kopf. »Ich werd’s überleben.«
Sie sah ihn mit gekrauster Nase an. »Kann das wirklich Nicholas Hayes sein?«
»Calhoun scheint keine Zweifel zu haben.«
»Woher kennt Calhoun ihn?«
»Das hat er nicht gesagt.«
Sie ging zum Fenster und blickte in die hereinbrechende Dunkelheit hinaus. »Glaubst du, der kleine Junge ist wieder in die Tea Gardens zurückgelaufen?«
»Das hoffe ich. Denn wenn nicht, wo ist er dann?«
Kapitel 3
Die Ansiedlung, die als Somers Town bekannt war, lag nördlich von Bloomsbury. Hier lebten Kunstschaffende und Schreibende, außerdem bürgerliche Flüchtlinge der französischen Revolution, und es waren Ziegeleien, Gärtnereien und mehrere Teegärten dort angesiedelt. Die Gärten lagen nahe genug bei den vollen Londoner Straßen, um sie zum Spazierengehen für junge Lehrlinge, Schneiderinnen und die Familien von Kaufleuten, Künstlern und Ladenbesitzern attraktiv zu machen. Für einen Sixpence konnte man den Tag an der frischen Landluft genießen, Musik lauschen und zu Rinderbraten und Kuchen Tee oder Bier trinken.
Und vielleicht hinterrücks mit einer Sichel erstochen werden, dachte Sebastian, als er in der Kutsche durch die aufgeheizten, dunkler werdenden Straßen der Stadt fuhr.
Er richtete den Blick auf seinen Valet auf der Bank ihm gegenüber. »Wollen Sie mir erzählen, wie es kommt, dass Sie mit dem Sohn eines Earls bekannt sind, der vor achtzehn Jahren nach Botany Bay deportiert worden ist?«
Calhoun hob die Hände und bedeckte seine Nase und den Mund damit, dann ließ er sie wieder fallen. »Ich kannte ihn davor – bevor er des Mordes angeklagt wurde, aber nachdem er bereits von seinem Vater, dem Earl, enterbt war. Er hatte in einem der Inns meiner Mutter ein Zimmer.«
»Aha.« Calhouns Hintergrundgeschichte war für einen Gentleman’s Gentleman ungewöhnlich. Er war als Sohn einer berüchtigten Frau aus der Unterwelt namens Grace Calhoun in den verrufensten Bordellen Londons aufgewachsen. »Im Blue Anchor?«
Der Valet deutete ein Kopfschütteln an. »Im Red Lion.«
»Großer Gott.« Das Red Lion lag in einer Hintergasse in der Nähe von Smithfield und war als Zuflucht für Diebe, Panzerknacker, Falschspieler und Freudendamen bekannt. »Was zum Teufel hat er denn dort gemacht?«
»Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass er dorthin gekommen war, um sich das Leben zu nehmen.« Ein schwaches Lächeln, das auf alte, angenehme Erinnerungen schließen ließ, spielte um einen seiner Mundwinkel. »Er hat es sich anders überlegt.«
»Wie lange war er dort?«
»Fast sechs Monate. Kurz bevor er ankam, hatte meine Mutter einen alten, abgehalfterten Valet eingestellt, der mir beibringen sollte, mich ›protzig‹ zu benehmen und zu sprechen, wie sie es nannte. Aber als Sechzehnjähriger hat mich der Tattergreis nicht gerade beeindruckt, und ich wollte ihre Pläne auch nicht befolgen. Dann habe ich Hayes kennengelernt.«
»Wie alt war er damals?«
»Zwanzig oder so. Meine Mutter hat ihn umsonst wohnen lassen, in der Hoffnung, dass er das schaffen würde, worin der Tattergreis versagt hatte – mir beizubringen, wie ein Gentleman sich kleidet, wie er geht und spricht. Sie hatte den Ehrgeiz, aus mir einen Hochstapler zu machen, wisst Ihr. Es hat ihr fast das Herz gebrochen, als ich beschloss, alles, was ich gelernt hatte, anzuwenden, um Valet zu werden.«
»Zweifellos«, sagte Sebastian, der die formidable Grace Calhoun schon kennengelernt hatte. Sie war die Art Frau, der ein kluger Mann nicht den Rücken zuwandte oder in die Quere kam.
Calhouns Lächeln erlosch, als er zum Fenster hinaus auf die schattige, vorbeiziehende Straße blickte. Sein Körper schwankte im Rhythmus der Kutsche. »Ohne Hayes wäre ich wahrscheinlich schon vor langer Zeit erhängt worden.«
»Ich war der Meinung, er sei auf Lebenszeit deportiert worden, ohne die Möglichkeit einer Berufung.«
»So war es auch.«
»Aber er ist trotzdem nach England zurückgekehrt?« Wenn ein lebenslänglich Deportierter ohne Begnadigung nach England zurückkehrte, bedeutete das das Todesurteil. »Warum?«
»Das weiß ich nicht.«
»Aber Sie haben ihn getroffen, seit er zurück ist?«
Calhoun nickte.
»Wieso dachten alle, er sei in Botany Bay gestorben?«
»Er hat mir erzählt, an einem großen Fluss, an dem er mit einer Sträflingskolonne arbeitete, gab es ein Hochwasser, das ihn mitgerissen hat. Als er zu sich kam, lag er neben einem toten Mann, der dieselbe Körpergröße, Statur und Haarfarbe hatte wie er. Das war ein freier Mann, ein ehemaliger Soldat, und er hatte offensichtlich auch eine Zeit in Ketten und mit Auspeitschungen hinter sich, denn sein Körper war vernarbt. Hayes hat die Kleidung mit ihm getauscht, seine Papiere an sich genommen und mit einem Felsbrocken in das Gesicht des Toten geschlagen, bis er nicht mehr zu erkennen war. Und dann hat er die erste Chance, von der Kolonie zu verschwinden, ergriffen, die sich ihm bot.
Jesus, dachte Sebastian. »Und ist nach China gegangen?«
»Zuletzt.«
»Warum hat er Kontakt zu Ihnen aufgenommen?«
»Er sagte, er brauche vielleicht meine Hilfe, und er wollte wissen, ob ich bereit dazu wäre.«
»Ihre Hilfe wobei?«
»Das sagte er nicht.«
»Und was haben Sie ihm geantwortet?«
Der Valet sah Sebastian in die Augen. »Ich habe Ja gesagt.«
*
»Tote in meinem Park?«, grummelte Irvine Pennington, als er schwitzend auf einer zentralen Allee mit geflochtenen Hainbuchen über Buchsbaumhecken und violettem Allium vorausging. »Das ist ja eine Beleidigung, wirklich, so was auch nur anzudeuten. Eine Beleidigung!«
Der Besitzer und Betreiber der Pennington’s Tee Gardens war ein klein gewachsener, untersetzter Mann mittleren Alters mit schweren Wangen, einer ausgeprägten Oberlippe und buschigen Koteletten. Als sie in Somers Town angekommen waren, hatten sie festgestellt, dass die Tea Gardens donnerstags zeitig schlossen. Pennington hatte Sebastians Bitte, den Park für sie wieder aufzuschließen, abgelehnt und über die Vorstellung, dass einer seiner Kunden tot irgendwo darin liegen könnte, laut geschnaubt. Bei den magischen Worten »Bow Street« hatte sich die Weigerung des Parkbesitzers jedoch verflüchtigt. Er hatte einen seiner Jungen am Eingangstor gelassen, damit er den Untersuchungsrichter und die Constables erwartete, und darauf bestanden, Sebastian persönlich zu begleiten.
»Wo ist dieser geheimnisvolle Leichnam nun?«, grummelte Pennington und hob seine Hornlampe hoch. »Hm? Sagt mir das mal.«
Sebastian sah Calhoun an. Dieser sagte: »Ji sagte, er liegt westlich des Teichs, in der Nähe einer Backsteinmauer.« Sie hatten gehofft, dass sie Ji an den Tea Gardens wartend vorfinden würden, aber bisher hatten sie noch nichts von dem Kind gesehen.
»Wo ist der Teich?«, fragte Sebastian.
»Geradeaus. Aber es ist Nonsens zu denken …«
»Dann lassen Sie uns mal nach links gehen.«
Ohne auf Mr Pennington zu warten, schlug Sebastian die Richtung auf einen schmalen Pfad ein, der sich zwischen Hecken zu der hohen Mauer wand, die den Park von den Heufeldern im Westen abtrennte.
Mr Pennington zögerte kurz, dann hastete er den beiden hinterher, die Laterne hoch über den Kopf haltend. »Wartet, wartet!«, rief Pennington. »Wie könnt Ihr beim Gehen überhaupt etwas sehen?«
»Ich habe scharfe Augen.«
»Aber es ist zu dunkel! Was ist das nur für eine Narrentour? Euer Bub hat sicher nur jemanden gesehen, der sich nach zu viel Bier hingelegt hat und dann eingedöst ist. Es ist eine Sauerei, mir vorzuwerfen, ich ließe Leichen in meinem Park herumliegen. Also, ich werde …«
»Dort«, sagte Sebastian.
Der Mann lag mit dem Gesicht nach unten auf einer kleinen Lichtung direkt neben dem Pfad, den Kopf etwas zur Seite gedreht. Seine weit offenen Augen waren bereits eingefallen, und ein Film war darauf zu erkennen. Seine Kleidung und die Stiefel waren von einer ähnlichen Qualität wie die des vermissten Jungen. Respektabel, aber weder modern noch teuer. Die Rückseite des Mantels war dunkel und glänzte vom Blut, das um die Sichel herum ausgetreten war, die ihm jemand tief zwischen die Schulterblätter getrieben hatte.
Pennington keuchte und blieb stolpernd stehen. Seine Laterne schwang hin und her. »Der Herr beschütze uns.«
»Holen Sie die Laterne, bevor er sie fallenlässt und ein Feuer anfacht«, sagte Sebastian zu Calhoun.
Calhoun nahm dem Parkbesitzer die Lampe aus dem losen Griff und kam damit näher heran. »Ist er tot?«
»Sehr«, sagte Sebastian, der neben dem Leichnam in die Hocke ging.
Nicholas Hayes – wenn er es wirklich war – konnte nicht älter als acht- oder neununddreißig Jahre sein, nicht viel älter als Sebastian selbst. Aber das Leben hatte dem Sohn eines Earls übel mitgespielt. Sein ehemals dunkles Haar war stark angegraut und sein Antlitz von Jahren harter Arbeit unter der brennend heißen Sonne von New South Wales gegerbt. Mit allen Privilegien von Wohlstand und Herkunft geboren, hätte er ein angenehmes, würdevolles und auch produktives Leben führen sollen. Stattdessen hatte er fast zwei Jahrzehnte unvorstellbarer Gräuel überlebt, um dann … so zu enden. Sebastian spürte, wie die Tragik des verschwendeten Lebens dieses Mannes und seines sinnlosen Todes gleichsam als schweres Gewicht auf ihn herniederdrückte. Traurigkeit vermischte sich mit der beunruhigenden Erkenntnis, wie leicht das elende Leben dieses Mannes auch sein eigenes hätte sein können.
»Ist es Hayes?«, fragte er seinen Valet.
Calhoun ging neben ihm in die Hocke, und die Lampe ließ ein makabres Muster aus Licht und Schatten über die leblose, alabasterfarbene Gesichtshaut des Toten tanzen. »Grundgütiger. Ja, er ist es.«
Sebastian sah ihn an. »Nicht nur der Mann, den Sie gestern gesehen haben, sondern der, den Sie vor achtzehn Jahren schon kannten?«
»O ja, ich bin sicher. Er ist älter, aber ich habe ihn sofort wiedererkannt, als ich ihn gesehen habe.«
Sebastian richtete den Blick wieder auf den Leichnam vor ihnen. Nicholas Hayes war ein attraktiver Mann gewesen, groß und schlank gebaut, mit einer langen, geraden Nase, geraden dunklen Augenbrauen und hohen Wangenknochen. Wieso mochte ein Mann, der so leicht wiederzuerkennen war, nach England zurückgekehrt sein? Wieso mochte er dabei den beinahe sicheren Tod riskiert haben?
Sebastian sah den Besitzer des Tea Garden an. »Ist diese Sichel eine von Ihren?«
Pennington taumelte rückwärts. »Von meinen? Aber sicher nicht. Was ist das denn für eine Frage?«
»Mir scheint es eine durchaus sinnvolle Frage zu sein.«
Pennington stieß gegen einen Lindenbaumstamm und hielt inne. Er schüttelte langsam mit dem Kopf hin und her, immer hin und her. »Das ist nicht gut fürs Geschäft. Gar nicht gut fürs Geschäft. Vielleicht könnten wir …« Er leckte sich über die Lippen. »Vielleicht könnten wir die Lage der Leiche verändern? Nur ein bisschen? Gleich hier in der Nähe ist ein Zugangstor in der Mauer. Wenn wir …«
»Nein.«
»Aber wen sollte das stören? Schaut ihn Euch doch an. Er ist ein – was? Ladenbesitzer vielleicht? Ein Flickschuster oder vielleicht …«
»Zufälligerweise ist er der jüngste Sohn des verstorbenen Earl of Seaforth.«
»Earl of …« Das Gesicht des Parkbesitzers zeigte eine rasche Folge von verschiedenen Emotionen – Schock wurde von Verwunderung abgelöst, und fast sofort legte sich ein Schimmer hoffnungsvoller Gier darauf. »Wirklich? Na so was, na so was, na so was. Vielleicht wird mich die Sache doch nicht ruinieren. Ich könnte aus der Stelle eine besondere Attraktion machen. Ja, das könnte funktionieren. Ich könnte sogar einen Zaun um diesen Teil ziehen und extra Eintritt verlangen. Ich frage mich, ob ich die Kleidung des Toten haben kann. Ich könnte sie ausstopfen lassen und den Tatort nachstellen. Ich könnte sogar …«
»Sie kranker, gieriger Hund«, fluchte Calhoun und richtete sich auf. »Der Mann ist tot, und Sie denken nur an …«
Sebastian konnte gerade noch den Arm seines sonst so gutmütigen Valets greifen und ihn zurückhalten. »Calhoun«, sagte er leise.
Mr Irvine Pennington warf die Hände in die Luft und huschte um die Linde herum, um den Stamm als Schild zu benutzen. »Du lieber Himmel.«
»Ich schlage vor, Sie erwarten das Eintreffen der Bow-Street-Beamten am Eingangstor. Dann können Sie ihnen Anweisungen geben, wohin sie sich wenden sollen.«
»Ja, ja, das mache ich. Sofort.« Er zögerte, dann setzte er schüchtern nach: »Kann ich bitte die Laterne wiederhaben?«
Sebastian wartete, bis er davongegangen war. Das Laternenlicht bewegte sich über dem Gebüsch hin und her. Dann ließ er den Valet los.
»Ich bitte um Entschuldigung, Mylord«, sagte Calhoun, strich sich das verworrene Haar über der Stirn glatt und setzte sich mit zitternden Händen den Hut wieder auf. »Das war unverzeihlich.«
»Aber verständlich.« Sebastian wandte seine Aufmerksamkeit erneut dem toten Mann zu ihren Füßen zu. »Ich fürchte, die Bow Street wird nicht gut auf die Tatsache reagieren, dass Sie Hayes nicht gemeldet haben, obwohl Sie wussten, dass er ein geflohener Verurteilter war. Wir sollten uns rasch eine überzeugende Geschichte für Sir Henry überlegen.
Kapitel 4
»Unglaublich«, sagte Sir Henry Lovejoy und hielt die Laterne hoch, um dem Toten über die Ränder seiner Brille hinweg ins Gesicht zu schauen. »Das ist wirklich Nicholas Hayes.«
Der Bow Street-Untersuchungsrichter war ein kleiner, kahl werdender Mann mit einem strengen Moralkodex und sehr ernsthaftem Auftreten. In seinem früheren Leben war er ein leidlich erfolgreicher Kaufmann gewesen, aber der tragische Tod seiner Gattin und Tochter vor einigen Jahren hatte ihn dazu gebracht, einen Richtungswechsel vorzunehmen, und er hatte beschlossen, sein restliches Leben dem Dienst an der Öffentlichkeit zu widmen. Viel zu viele der Londoner Magistrate waren entweder käuflich, faul oder beides. Aber Lovejoy war weder das eine noch das andere. Dienstbeflissen, schmerzhaft aufrichtig und intelligent, hatte er die Neigung, jeden Mord, jede Verletzung des Vertrauens der Öffentlichkeit, als Quelle tiefer persönlicher Trauer zu betrachten.
»Sie kannten ihn?«, fragte Sebastian überrascht.
»Nicht persönlich, nein. Aber ich kann mich noch gut an die Gerichtsverhandlung erinnern. Das war eine tragische, schmutzige Angelegenheit. Die Frau, die er ermordet hatte – die Gattin des Count de Compans – war so jung und liebenswert.« Lovejoy bewegte die Laterne, damit das Licht auf die blutige Sichel fiel, die immer noch in Nicholas Hayes’ Rücken steckte. Ihr sagtet, ein Junge hat Euch hierüber informiert?«
»Ja.«
»Wie höchst eigenartig. Warum ist er nicht zur Polizei gegangen?«
Sebastian blickte zu Calhoun hinüber, der angestrengt in die sie umgebende Dunkelheit starrte. Sie hatten beschlossen, einige Einzelheiten vage zu lassen. »Gewisse Segmente der Gesellschaft haben die Neigung, sozusagen eine angeborene Angst vor den Konstablern in sich zu tragen.«
Lovejoy runzelte die Stirn. »Besteht die Möglichkeit, dass dieser Knabe selbst in den Mord verwickelt sein könnte?«
»Das bezweifle ich. Er ist noch ein Kind. Leider ist er verschwunden, ohne uns zu sagen, wohin er wollte.«
»Das ist in der Tat sehr schade.« Lovejoy zog ein Schnäuztuch aus der Tasche und drückte sich das säuberlich gefaltete Quadrat an die feuchte Stirn. »Großer Gott, ist es heute Nacht warm.« Mit dem Taschentuch in der Hand richtete er sich auf und blickte sich auf der kleinen Lichtung um. Er hatte mehrere Constables angewiesen, die Umgebung so gut es ging mit Hilfe ihrer Laternen zu inspizieren, aber für eine gründlichere Suche würden sie Tageslicht benötigen. »Der Gebrauch der Sichel legt ein Verbrechen sowohl aus Gelegenheit wie auch aus Leidenschaft nahe, auch wenn ich vermute, einfacher Raub kann ebenso gut das Motiv gewesen sein. Ich neige dazu, die Waffe an Ort und Stelle zu lassen und die Leiche so wie sie ist zu Paul Gibson zu überstellen.«
»Das ist wahrscheinlich ein guter Einfall«, sagte Sebastian. Niemand konnte in London eine Leiche besser verstehen als der ehemalige Armeearzt.
Lovejoy schwieg kurz. »Es ergibt keinen Sinn – dass Hayes zurückgekehrt ist, meine ich. Es muss ihm irgendwie gelungen sein, von Botany Bay zu flüchten, weil alle ihn für tot hielten. Warum hat er alles riskiert und ist wieder nach England zurückgekommen?«
»Ich schätze, die Antwort darauf könnte uns verraten, wer ihn getötet hat.«
»Ich hoffe, Ihr habt recht. Denn dem Hof wird das nicht gefallen. Überhaupt nicht.«
Sebastian wusste nur zu gut, was das hieß. Der Hof neigte dazu, sensationelle Verbrechen, die den Adel oder die Royals betrafen – ob als Opfer oder als Täter – als eine Bedrohung der etablierten Ordnung in der Gesellschaft zu betrachten. Sein instinktiver Impuls war dann, jegliche Ermittlungen zu unterbinden, meistens, indem sie einen passenden Sündenbock fanden und anklagten.
Lovejoy tupfte sich erneut mit dem schweißfeuchten Schnäuztuch ins Gesicht. Der Magistrat war immer schon außerordentlich empfindlich gegenüber Kälte gewesen, aber in letzter Zeit begann er, auch Hitze nur schwer zu ertragen. »Wir müssen schnell agieren, um den Earl of Seaforth zu informieren, bevor er von anderer Seite von dieser Sache hört. Er ist – was? Nicholas Hayes’ Bruder?«
»Vetter ersten Grades. Ich glaube Hayes hatte zwar Brüder, aber sie sind alle vor dem früheren Earl gestorben.«
Lovejoy steckte sein Taschentuch ein. »Nur ein Vetter? Wie unangenehm. Also hat sich der Mann seit Jahren Earl of Seaforth genannt, während der rechtmäßige Erbe noch lebte.«
»Nun, heute kann niemand mehr bestreiten, dass er der rechtmäßige Erbe ist«, sagte Sebastian mit Blick auf das reglose, bleiche Gesicht des Toten zu ihren Füßen.
Kapitel 5
Seine Königliche Hoheit George August Frederick, Prince of Wales und Regent des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland, blickte über die juwelengeschmückte, hochwohlgeborene Ansammlung, die in die erstickend heißen Empfangsräume seines Palastes strömte, und lächelte. Sein Gesicht war gerötet, und seine Augen funkelten vor Vergnügen. Der Regent war bester Stimmung aufgrund des dritten Tages des Besuchs der Alliierten Staatsoberhäupter in London.
Auf Einladung des Regenten war eine schillernde Sammlung der herrschenden Familien Europas nach London angereist, um die kürzliche Niederlage Napoleons zu feiern: Der Zar von Russland und seine Schwester, die Grand Duchess of Oldenburg, König Wilhelm von Preußen und seine Söhne, Prinzessin Metternich und Leopold und Dutzende anderer, weniger hochrangiger Prinzen und Kriegsheroen. Die Stadt war drei Tage lang von Illuminationen der Feierlichkeiten erhellt, und die Straßen waren permanent von jubelnden, feiernden Menschenmengen erfüllt. Die Tatsache, dass die Menschen nicht den Prinzen von Wales, sondern seine königlichen Gäste feierten, war durch die überhebliche Selbstliebe des Regenten noch nicht durchgedrungen.
»Dies ist das wichtigste Event der Saison. Da stimmt Ihr mir doch zu, Jarvis?«, sagte der strahlende Prinz.
»Zweifelsohne, Sir«, antwortete Charles Lord Jarvis. Der entfernte Vetter des Regenten genoss als Ratgeber dessen größtes Vertrauen und war zugleich die wahre Macht hinter der fragilen Regentschaft von Wales.
»Alle sagen, dass es ein Geniestreich von mir war, alle Alliierten Staatsoberhäupter hierher einzuladen, um unseren Sieg feierlich zu begehen.«
Diejenigen, die ihren selbstverliebten Prinzen kannten, sagten vielmehr voraus, dass er rasch müde werden würde, die Aufmerksamkeit, die er so verzweifelt begehrte, mit anderen zu teilen. Doch Jarvis hatte nicht vor, ihm das zu sagen. »Das ist in der Tat so, Sir.«
Das Lächeln des Prinzen erlosch, als er beobachtete, wie die schöne, stolze und pompöse Schwester des Zaren, die Grand Duchess of Oldenburg, in einem Country Dance die Reihe entlangging. »Sieht das für Euch so aus, als ob sie Musik hasse? Erinnert Ihr Euch noch, als sie mir sagte, sie schätze keine Musik, und mich aufforderte, das Orchester, das ich bei meinem Bankett ihr zu Ehren spielen ließ, zum Aufhören zu bringen?«
»Vielleicht schätzt sie nur keine Musik, wenn sie zu Abend isst«, schlug Jarvis vor. Bei sich nahm er an, dass die Grand Duchess diese Äußerung nur getroffen hatte, um den Regenten zu erzürnen, der damit geprahlt hatte, persönlich die Stücke ausgewählt zu haben, die während der Gänge des Mahls gespielt wurden.
»Wohl möglich, schätze ich. Dennoch ist es seltsam, meint Ihr nicht auch?«
»Nun, sie ist Russin.«
»Allerdings.«
Jarvis ließ den Blick über die Ansammlung der Wohlhabendsten und Mächtigsten des Königreichs wandern und blieb bei seiner Tochter Hero hängen. An diesem Abend sah sie besonders zauberhaft aus in ihrem silbernen Seidenkleid, das sie aufgrund ihrer noch fortdauernden Trauer um ihre tote Mutter trug. Ihr Aussehen entsprach nicht dem Typ Frau, den er selbst bewunderte. Jarvis bevorzugte blonde, kleine Frauen mit gewinnendem Benehmen, während Hero brünett war, entsetzlich groß, und sowohl was ihre Gesichtszüge als auch ihre Interessen anging, viel zu maskulin. Aber er musste eingestehen, dass die Ehe und die Mutterschaft ihr zuträglich waren.
Die Wahl ihres Ehemannes wurmte ihn allerdings unaufhörlich.
»Bitte entschuldigt, Sir«, sagte er und verbeugte sich vor dem Prinzen.
Die Menge teilte sich leicht für ihn, denn Jarvis war ein großer Mann, und überdies mächtig – er war über eins achtzig groß und recht beleibt, mit einem durchdringenden Blick aus grauen Augen und einem wohlverdienten Ruf, äußerst skrupellos zu sein. »Ich sehe deinen nichtsnutzigen Gatten ja gar nicht«, sagte er, als er zu seiner Tochter trat. »Ist es zu viel zu hoffen, dass du ihn endlich losgeworden bist?«
Ihre grauen Augen, die sie von ihm geerbt hatte, leuchteten amüsiert auf. »Guten Abend, Papa. Es ist ihm etwas dazwischengekommen. Er hofft, sich später zu mir gesellen zu können.«
Jarvis runzelte die Stirn. »Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn du in so leichtem Tonfall sprichst.«
Sie lachte laut auf, aber er bemerkte, dass sie ihre Aufmerksamkeit einer kleinen Gruppe um Gilbert-Christophe de LaRivière, den Count de Compans, zuwandte. Er war ein enger Vertrauter sowohl des neu eingesetzten Königs Louis XVIII als auch seines Bruders Charles und agierte als eine Art Vertreter für die abwesenden Bourbonen, die bereits nach Paris zurückgekehrt waren, um ihren Thron zurückzufordern.
»Nicholas Hayes wurde vor all den Jahren wegen Mordes an LaRivières Frau verurteilt, nicht wahr?«, fragte Hero.
»Richtig. Ihr Name war Chantal, und sie ist seit über achtzehn Jahren tot. Woher das plötzliche Interesse?«
»Ein Mann, der Nicholas Hayes sein soll, wurde ermordet in Somers Town gefunden.«
»Unmöglich.« Jarvis blickte in eine Richtung, in der Ethan Hayes, der dritte Earl of Seaforth, in eine Unterhaltung mit einem Mann vertieft war, der mit dem Rücken zu ihnen stand. »Nicholas Hayes ist 1799 als verurteilter Straftäter in New South Wales verstorben.«
»Offensichtlich nicht.«
Während Jarvis Seaforth beobachtete, ging ein dunkelhaariger Mann Anfang dreißig auf diesen zu und sagte dem Earl etwas ins Ohr.
Jarvis sagte: »Dann hat Devlin sich wieder mal in die Ermittlungen eingeklinkt? In Somers Town sagtest du? Was für ein fürchterlich gewöhnlicher Ort.«
Der Earl of Seaforth zögerte, dann drehte er sich um und ging mit Devlin davon.
Hero sagte: »Es sieht doch ganz so aus, als sei der tote Mann Nicholas Hayes, nicht?«
Jarvis richtete seinen Blick nun auf den Prinzregenten, der ins Gespräch mit dem Count de Compans vertieft war. Ohne Hero noch einmal anzuschauen, sagte er »Entschuldige mich« und schritt davon.
Kapitel 6
Als Sebastian in Carlton House angekommen war, hatte er den Palast des Prinzregenten an der Pall Mall voll, fast übervoll von den ausgesuchtesten Mitgliedern der Oberen Zehntausend vorgefunden, die alle in der Hitze schwitzend dastanden und auf die Alliierten Staatsoberhäupter einen Blick aus der Nähe erhaschen wollten.
Er arbeitete sich mit Mühe durch die Menge, die sich in den vergoldeten Empfangsräumen des Regenten tummelte, und erreichte endlich Ethan Hayes, den derzeitigen Earl of Seaforth, der in eine leise Unterhaltung mit einem Mann mittleren Alters vertieft war. Sebastian erkannte ihn vage als einen der drei Direktoren der Ostindien-Kompanie.
Der aktuelle Earl of Seaforth war zierlich gebaut, hatte rostrotes Haar und war von mittelgroßer Statur. Er mochte ein Jahr jünger sein als sein unglücklicher Vetter. Seine kleinen grauen Augen standen eng beieinander, er hatte fleckige gerötete Wangen und keine ausgeprägte Kinnlinie. Seine Liegenschaften in Irland besuchte er selten, sondern bevorzugte es meistens, in dem Stadthaus in der North Audley Street zu wohnen, das er von seinem Onkel geerbt hatte, dem zweiten Earl. Er zeigte Anflüge von Dandyismus, galt ansonsten aber als solide und respektabel. Er mied sorgsam die beliebten Stolperfallen Glücksspiel und Spekulation, durch die so viele von Seinesgleichen in den Bankrott gerieten. Es hieß, er sei nach zehn Jahren andauernder Ehe seiner pummeligen, recht einfachen Frau und der wachsenden Kinderbrut außergewöhnlich ergeben.
»Guten Abend, Mylord«, sagte Sebastian und gesellte sich just zu ihm, als dessen Gesprächspartner sich abwandte. »Ist es möglich, privat ein paar Worte mit Euch zu wechseln? Es ist sehr wichtig.«
Seaforth riss die Augen auf, denn Sebastian und er kannten sich kaum. »Ich denke schon.«
Er folgte Sebastian in einen kleinen separaten Raum, dessen Wände mit gemusterter Seide bespannt waren und in dem schwarz lackierte chinesische Möbel sowie ein paar Dutzend der großen Sammlung an Porzellanstücken der Ming-Dynastie des Prinzregenten standen. »Das ist eine etwas irreguläre Vorgehensweise«, sagte der Earl und blieb gleich hinter der Tür stehen.
»Ich fürchte, ich habe verstörende Neuigkeiten. Euer Vetter Nicholas Hayes wurde kürzlich tot in Pennington’s Tea Gardens in Somers Town gefunden. Er wurde ermordet.«
Seaforth starrte ihn kurz an, seine Nasenflügel weiteten sich in einem raschen Atemzug, seine Züge wurden schlaff und ausdruckslos. Dann verhärtete sich sein Gesicht. »Soll das eine Art Scherz sein? Falls ja, nehme ich mir die Freiheit heraus, Euch zu sagen, dass er verdammt geschmacklos ist. Nicholas ist vor fünfzehn Jahren unter den schändlichsten vorstellbaren Umständen gestorben, wie jeder in ganz London weiß.«
»Es ist kein Scherz.«
Der Earl wandte sich ab, ging zum Kamin und legte eine Hand auf die Marmorumrandung. Er schwieg einen Augenblick, sein Blick war unfokussiert. Er schien um Fassung zu kämpfen. Schließlich sagte er: »Seid Ihr sicher?«
»Vollends sicher, ja. Die Bow Street überstellt die Leiche in die Rechtsmedizin.«
»Für eine Autopsie? Wie barbarisch. Ist das denn wirklich vonnöten?«
»Ich fürchte, unter den gegebenen Umständen, ja.«
Seaforth drehte sich ihm wieder zu; auf seiner Stirn stand der Schweiß. »Und wie kommt es, dass Ihr mir das sagt?«
»Es erschien dem Erscheinen eines Bow Street-Beamten beim Empfang des Regenten sowie dem Aufruhr, den das erregen würde, vorzuziehen.«
Seaforth kniff die Augen zusammen. »Ja, aber wieso Ihr? Was hat das alles denn mit Euch zu tun?«
Anstelle einer Antwort sagte Sebastian: »Ihr wusstet nicht, dass Euer Vetter nach London zurückgekehrt war?«
»Natürlich nicht.«
»Habt Ihr eine Vorstellung, weshalb er sich zur Rückkehr entschieden haben könnte?«
»Ich sagte Euch doch, ich dachte, er sei tot.«
»Das heißt nicht, dass Ihr Euch keinen Grund vorstellen könnt, weshalb er beschlossen haben könnte, zurückzukommen, wenn er noch lebte.«
»Wie wäre es mit dieser Antwort: Ich habe keinen Schimmer, was er in London tat.« Der Earl kniff die Lippen zusammen. »Obgleich ich wohl damit hätte rechnen können, dass er einen Weg fände, die Familie erneut zu beschämen und in Unehre zu stoßen. Ich nehme an, es besteht keine Möglichkeit, diese Geschichte unter Verschluss zu halten?«
»Nein«, sagte Sebastian. »Wann habt Ihr zuletzt von ihm gehört?«
»Von Nicholas? Ich habe von ihm nichts mehr gehört, nachdem er England verlassen hatte. Tatsächlich habe ich nach seiner Festnahme nicht mehr mit ihm gesprochen – oder in den Monaten davor. Der Mann war eine Schande. Wieso hätte ich mit ihm sprechen sollen?«
»Ihr standet einander nicht nahe?«
»Wohl kaum. Ich weiß nicht, wie sehr Ihr mit seiner Geschichte vertraut seid, aber mein Onkel hatte ihn bereits enterbt, weil er gut sechs Monate vor seiner Festnahme wegen Mordes eine Erbin entführt hatte. In der Familie hat keiner mit ihm zu tun gehabt.«
Diesen Teil der Geschichte hatte Sebastian noch nicht gehört. »Eine Erbin?«
»Richtig.«
»Wie hieß sie?«
»Das weiß ich nicht.« Sein Ton klang verärgert und reizbar. »Welche Rolle spielt das?«
»Wisst Ihr noch die Namen der Freunde Eures Vetters?«
»Nein. Ich sagte schon, ich versuche, nicht an diesen Menschen zu denken.« Seaforth blickte an Sebastian vorbei in die lärmenden, vollen Empfangsräume. »Und nun müsst Ihr mich wirklich entschuldigen. Ich bin heute Abend nicht ins Carlton House gekommen, um über Nicholas zu sprechen.« Damit rauschte er an Sebastian vorbei und bahnte sich seinen Weg durch die Masse.
Sebastian blieb auf der Türschwelle stehen und sah dem davoneilenden Earl hinterher. Er stand immer noch da, als sich Hero zu ihm gesellte.
Sie sagte: »Sehe ich es richtig, dass der tote Mann in Somers Town tatsächlich Nicholas Hayes ist?«
»Es scheint so.«
»War Ji dort?«
»Nein.«
»Das ist besorgniserregend.« Sie schwieg, ihr Blick folgte, wie der von Sebastian, Seaforth, der sich durch die große, opulente Halle von Carlton Haus bewegte. »Wie hat er die Nachricht vom Wiederauftauchen und dem Tod seines Vetters aufgenommen?«
»Mit Wut und Aufgeblasenheit, aber nicht übermäßig überrascht – und nicht einmal einem Hauch von Trauer.«
»Glaubst du, er wusste, dass Nicholas Hayes in London war?«
»Das kann ich nicht sicher sagen, aber ich halte es für möglich.«
»Es scheint mir ein mächtiges Mordmotiv zu sein, wenn man herausfindet, dass der rechtmäßige Eigentümer der Titel und Liegenschaften, die man seit Jahren sein Eigen nennt, noch am Leben ist. Natürlich nur, wenn man ein mörderischer Mensch ist.«
Sebastian sah, wie sich Seaforth umdrehte und nach ihnen schaute, als ob er ihre Blicke und ihre Überlegungen spürte. »Ja, nicht wahr?«