Kapitel 1
London 1868
Im zarten Alter von dreiundzwanzig Jahren war Miss Dulcie Middleworth, jüngste Tochter des Viscount Middleworth, soeben zur gesellschaftlichen Niete erklärt worden.
Dulcie starrte auf das nahezu leere Blatt Büttenpapier, das auf dem Brett vor ihr befestigt war, und versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf den ersten Entwurf einer Bleistiftzeichnung zu richten, die das Fragment eines antiken Tongefäßes darstellen sollte. Das gerade begonnene Werk war Teil ihres Auftrags, mit Stift und Farbe die unendlich umfangreiche Sammlung des Explorer Clubs zu dokumentieren. Doch im Moment waren ihre Bemühungen fruchtlos, denn sie konnte sich einfach nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Obwohl sie sich normalerweise wenig Gedanken über ihre soziale Stellung machte, war es doch ziemlich unerfreulich, als Versagerin abgestempelt zu werden. Mutter würde sich bestimmt schrecklich aufregen.
Oh, es hatte weder eine Meldung in der Times gegeben, noch eine offizielle Mitteilung in den Notes for Ladies, der Londoner Frauenzeitschrift, die ihre Mutter und Schwestern eifrig nach aktuellen Berichten über gesellschaftliche Ereignisse und die neuesten Skandale durchforsteten. Letztere wurden einigermaßen detailliert beschrieben, meistens jedoch, ohne Namen zu nennen. Doch um herauszufinden, wer in den Klatschspalten gemeint war, bedurfte es nicht mehr als ein paar Nachmittagsbesuche und einiger Tassen Tee. Nein, in der Welt der Londoner Gesellschaft wurde nicht öffentlich darüber geredet, wer was getan hatte, aber am Ende wussten es doch alle.
Zum ersten Mal, seit sie als Debütantin in die gute Gesellschaft eingeführt worden war, hatte man Dulcie nicht zu Lady Scarsdales großem Ball eingeladen, der den Beginn der gesellschaftlichen Saison markierte, seit die Tochter der Lady vor rund zwanzig Jahren ihr Debüt gehabt hatte.
Dulcies Mutter behauptete schon seit langem, der Ball habe damals nur dazu gedient, Lady Scarsdales Tochter eine einflussreiche Stellung in der Gesellschaft zu sichern und dafür zu sorgen, dass sie nicht übersehen wurde. Angeblich war das Mädchen nicht die Schönste der damaligen Saison gewesen, doch sie verfügte über einen gewissen Witz und eine Raffinesse, die nicht sofort ins Auge fielen. Als die Scarsdale-Tochter sich schließlich gut verheiratet hatte – laut Mutter in ihrer vierten Saison – war Lady Scarsdales Ball zu einem Muss für jede junge Frau geworden, die Wert auf eine Position in der High Society und eine gute Partie legte. Während sämtliche neuen Debütantinnen routinemäßig eingeladen wurden, erhielten diejenigen, die schon mehrere Saisons hinter sich hatten, die begehrten Einladungen nach bestimmten Gesichtspunkten, die nur Lady Scarsdale und ihrer Clique bekannt waren.
In diesem Jahr – dem fünften nach Dulcies Debüt – war die Einladung zum Ball ausgeblieben. Ihre Mutter war außer sich und machte Vater dafür verantwortlich. Ihre drei älteren Schwestern waren ebenso bestürzt über die Brüskierung und gelobten, sich nun noch mehr ins Zeug zu legen, um Dulcie zu einer vorteilhaften Heirat zu verhelfen.
Nun war es keineswegs so, dass Dulcie keine Lust auf eine Ehe hatte, doch sie sollte auf Zuneigung beruhen. Dulcie Midddleworth sehnte sich nach der großen Liebe und fürchtete fast, sie könnte sie bereits gefunden haben. Schade nur, dass sie offenbar nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.
Unauffällig ließ sie ihren Blick durch die große Bibliothek des eindrucksvollen Bloomsbury Mansion schweifen, das den Explorers Club beherbergte, um ihn schließlich auf dem einzigen Menschen ruhen zu lassen, der sich außer ihr im Raum befand. Er bemerkte es nicht, was Dulcie mit einem unterdrückten Seufzen registrierte.
Michael Shepard blickte zwischen dem Buch, das links von ihm auf dem Tisch lag, und dem Notizbuch vor ihm hin und her. Sein dunkles Haar war ein wenig zerzaust, als wäre er gerade mit den Fingern hindurchgefahren, was zweifellos der Fall war, und sein Bleistift huschte wie von selbst über die Seite des Notizbuchs. Jeden Augenblick würde er innehalten, um seine Brille hochzuschieben, welche die entzückende Neigung hatte, immer wieder an seiner vollkommen geraden Nase hinunterzurutschen. Er sah nicht auf, doch Dulcie wusste, dass seine Augen von einem tiefdunklen Grau waren, wie der Himmel an einem stürmischen Tag. Seine breiten Schultern verrieten einen gewissen Hang zu sportlicher Betätigung, und er war einen guten Kopf größer als sie. Wieviel genau wusste sie nicht, da sie ihm noch nie nahe genug gekommen war, um es herauszufinden.
Dulcie und Michael – sie konnte ihn in Gedanken einfach nicht Mr. Shepard nennen – belegten seit drei Monaten täglich jeweils einen der sechs Tische in der Bibliothek und hatten bisher nie mehr als ein paar höfliche Worte gewechselt. Der Austausch verlief immer mehr oder weniger gleich.
„Guten Tag, Mr. Shepard“, pflegte sie zu sagen, wenn er vor ihr da war, und fügte, je nach Wetterlage, hinzu: „Schöner Tag heute“ oder: „Was für ein scheußliches Wetter.“
„In der Tat, Miss Middleworth“, antwortete er dann stets mit verbindlichem Lächeln.
War sie dagegen schon in der Bibliothek, wenn er eintraf, bedachte er sie mit einem artigen: „Guten Tag, Miss Middleworth“, worauf sie unweigerlich zur Antwort gab: „Guten Tag, Mr. Shepard“, wieder gefolgt von einer Bemerkung über das Wetter. Dabei hätte sie am liebsten gesagt: „Mein Gott, Michael, meinst du nicht, es wird Zeit, dass du mich in die Arme nimmst, mich rücklings auf einen der Tische drückst und mich verführst?“ So etwas würde sie natürlich nie laut aussprechen, doch sie überlegte, wie er wohl darauf reagieren würde. Wahrscheinlich zutiefst schockiert, und das wäre ja immerhin etwas.
Noch nie hatte Dulcie auch nur das geringste Problem damit gehabt, mit Männern zu reden oder gar zu flirten. Doch Michael Shepard hatte etwas an sich, das sie von einer selbstsicheren jungen Frau in ein scheues, befangenes Wesen verwandelte. Allerdings waren auch die meisten Männer mehr darauf aus, mit ihr zu reden, als sie mit ihnen, wogegen Michael kaum zu merken schien, dass sie überhaupt existierte.
Er war nicht wesentlich älter als sie, nur etwa vier oder fünf Jahre, und genoss einen hervorragenden Ruf auf dem Gebiet der Geschichte, Botanik und weiterer Fachdisziplinen, zu deren Studium der Explorers Club vielversprechende junge Männer ermunterte, die ernsthaftes Interesse an Forschungen und Entdeckungen zeigten. Trotz seiner gelehrten Neigungen umgab Michael etwas Gespanntes, ein Hang zum Abenteuer, der sich noch entfalten musste. Diese Ausstrahlung, faszinierend und geradezu berauschend, lag in der Luft, wann immer er sich in der Bibliothek aufhielt. Gerade jetzt bereitete sich Michael auf eine Expedition vor, die in einem Monat beginnen sollte, was Dulcie ziemlich unpraktisch fand, da ihr nicht mehr viel Zeit blieb, um seine Zuneigung zu gewinnen. Falls sie das überhaupt wollte.
Sie wusste schon recht viel über ihn, da es nicht sonderlich schwer war, in der exklusiven Atmosphäre des Explorers Club an Informationen zu kommen. Zwar waren Damen als Mitglieder nicht zugelassen – eine Möglichkeit, die außerhalb jeder Vorstellung lag –, doch die Ehefrauen der Mitglieder hatten sich schon vor Jahren zu einem Damenkomitee zusammengeschlossen. Ihnen wurde gnädig gestattet, gesellige Ereignisse zu organisieren, wie zum Beispiel das Dinner zur Ehrung prominenter Mitglieder, an dem sie selbst jedoch nicht immer teilnehmen durften. Darüber hinaus engagierten sie sich in der Verwaltung der Clubbibliothek und der umfangreichen Sammlung von Kunstwerken und Kuriositäten, die bei den vom Club unterstützten Expeditionen zusammengetragen worden waren. Dulcie hatte mehrere der Damen kennengelernt, da diese sich häufig in der Bibliothek aufhielten. Sie verfügten in der Regel über viel freie Zeit, denn ihre Männer waren in irgendwelchen schwer zugänglichen Weltgegenden unterwegs, wo sie sich mit der Machete einen Weg durch den Dschungel bahnten oder nach Resten untergegangener Zivilisationen buddelten.
Es waren interessante Frauen, die sich mit einer Freiheit bewegten, wie sie sonst nur Witwen zugestanden wurde, und eine bewundernswerte geistige Unabhängigkeit an den Tag legten. Aber es blieb ihnen ja auch kaum etwas anderes übrig. Ihre Männer widmeten sich der Erforschung des Unbekannten, während es ihren Ehefrauen überlassen blieb, das traute Heim zu pflegen, damit alles für die seltenen Gelegenheiten bereit war, wenn die Männer nach England zurückkehrten. Das erschien Dulcie ziemlich ungerecht, doch so war es nun einmal.
Mit einer der Damen hatte sie sich besonders angefreundet. Mrs. Persephone Fitzhew-Wellmore sollte auch heute in der Bibliothek sein, doch sie hatte die merkwürdige Gewohnheit, plötzlich zu verschwinden und an den unmöglichsten Orten wieder aufzutauchen. Sie interessierte sich für Dulcies Tätigkeit, da sie, wie sie ihr gestanden hatte, selbst eine Art Künstlerin war, und zeigte sich höchst beeindruckt, als sie hörte, dass die junge Frau tatsächlich für ihre Arbeit bezahlt wurde. Sie bestand darauf, dass Dulcie sie Poppy nannte, denn Mrs. Fitzhew-Wellmore erschien ihr doch ein wenig umständlich.
Dass man Dulcie überhaupt Gelegenheit gegeben hatte, künstlerisch zu arbeiten, hatte sie ihrem Vater zu verdanken. Dulcie war zwölf Jahre jünger als die jüngste ihrer drei Schwestern, und ihr Vater hatte gehofft, der unerwartete Nachkömmling würde ein Junge sein. Als es dann wieder eine Tochter wurde, fügte sich ihr Vater in sein Schicksal und beschloss, seine jüngste Tochter wie einen Sohn zu erziehen. Sie lernte schießen und wurde eine ausgezeichnete Reiterin. Während ihre Mutter sich bemühte, ihr alles beizubringen, was man brauchte, um einem Haushalt vorzustehen und eine vollendete Gastgeberin zu sein, lehrte ihr Vater seine Tochter, wie man ein Gut verwaltete, und übertrug sein Interesse an Altertümern und unbekannten Gefilden auf sie. Das führte dazu, dass Dulcie im Gegensatz zu ihren pflichtbewussten Schwestern ganz das Kind ihres Vaters wurde. Als sie jedoch, nachdem sie bereits eine bessere Ausbildung als ihre Schwestern genossen hatte, auch noch Kunst studieren wollte, war ihre Mutter entsetzt. Ihr Vater dagegen vertrat die Meinung, dass natürliche Talente auch bei Frauen nach besten Kräften gefördert werden sollten. Nie würde Dulcie die entgeisterte Miene ihrer Mutter vergessen, denn derart fortschrittliche Ansichten sahen ihrem Vater gar nicht ähnlich. Doch er gestattete seiner Tochter nicht nur, die renommierte Kunsthochschule South Kensington School of Art zu besuchen, sondern nutzte auch seinen Einfluss im Explorers Club, um ihr ihre gegenwärtige Stelle dort zu verschaffen. Der Viscount war schon seit ewigen Zeiten Mitglied des Clubs, obwohl er seinen Forschergeist niemals auf etwas anderes als einen guten Brandy und eine teure Zigarre gerichtet hatte. Aber vielleicht brachte er so viel Verständnis für seine Tochter auf, weil er selbst einst hochfliegende Träume gehabt hatte.
Es mochte nur eine Handvoll erfolgreicher Illustratorinnen geben, doch noch geringer war die Zahl der englischen Lords, die sich ihren Pflichten entzogen, um dem armen Dr. Livingstone auf seinen abenteuerlichen Expeditionen in die Urwälder Afrikas zu folgen. Dulcies Vater kannte nichts Schöneres, als diese wagemutigen Männer zu einem vorzüglichen Mahl, erstklassigem Brandy und noch besseren Gesprächen in sein Haus einzuladen. Häufig bewirtete er auch interessante junge Männer, die hofften, in die Fußstapfen von Mr. Burton und anderen Forschern zu treten. Damit fing er allerdings erst an, nachdem Dulcies Schwestern verheiratet waren. Denn diese jungen Männer waren wirklich faszinierend und einem Flirt nicht abgeneigt, was ihnen missbilligende Blicke von Dulcies Mutter eintrug, die in ihnen keine geeigneten Heiratskandidaten sah.
Dulcie wusste sehr gut, dass sie, was das Aussehen betraf, irgendwo im Mittelfeld zwischen ihren älteren Schwestern lag, doch hübsch waren sie allesamt mit ihrem Haar in verschiedenen Schattierungen von Braun, den blauen Augen und der ansprechenden Figur. Allerdings dämpften Dulcies forsche Art und ihre offensichtliche Intelligenz schnell die Begeisterung der meisten Männer, aber einer oder zwei waren doch darunter gewesen, die …
Dass Michael Shepard bisher keine Spur von Interesse an ihr gezeigt hatte, war vermutlich der Grund, warum er so anziehend auf Dulcie wirkte. Etwas anderes steckte bestimmt nicht dahinter, denn schließlich kannte sie ihn ja kaum. Im Gegensatz zu Poppy und ihren Freundinnen, die erstaunlich viel über den Mann wussten. Doch das erklärte nicht, warum sie so schrecklich gehemmt ihm gegenüber war und ihr Herz in seiner Gegenwart jedes Mal schneller schlug.
Dulcie Middleworth war noch nie ein Angsthase gewesen, doch das hatte sich offensichtlich geändert.
Was ihr das Leben zurzeit noch schwerer machte, war die Tatsache, dass ihre Mutter und Schwestern ihre Anstrengungen verdoppelt hatten, einen geeigneten Ehemann für sie zu finden. Und dank Lady Scarsdale würde es nur noch schlimmer werden. Besonders große Hoffnungen setzten sie auf das neueste arme Opfer, dass sie als Gatten für Dulcie auserkoren hatten.
Preston Drummond war der jüngste Sohn eines Earls und ein ganz anständiger Kerl, wenn auch überheblicher, als es durch seinen Charakter, seine Aussichten und sein Erscheinungsbild gerechtfertigt war. Auch er hoffte, eines Tages die Welt zu erkunden – zumindest behauptete er das. Aber Dulcie vermutete, seine Mitgliedschaft im Explorers Club war für ihn eher eine Frage des Prestiges als Ausdruck echter Abenteuerlust.
Dulcie hatte Preston klargemacht, dass er sie, wenn er wollte, gerne weiter besuchen könne, sie jedoch nicht mehr als Freundschaft für ihn empfand. Ihre Worte entmutigten ihn nicht im Geringsten. Anscheinend hielt er es für ihre Art zu flirten, denn wie hätte eine Frau ihm widerstehen können? Für Dulcie waren Prestons Avancen im Moment das kleinere Übel im Vergleich zum Zorn ihrer Mutter, sollte Dulcie eine gute Partie ausschlagen. Preston genoss die volle Unterstützung nicht nur ihrer Mutter, sondern auch ihrer Schwestern, mit Ausnahme vielleicht von Livy, der jüngsten der drei, die immer schon eher Dulcies Meinungen geteilt hatte. Darüber hinaus gehörte Preston zu der seltenen Sorte Mann, die nicht viel gegen Dulcies forsche Art und ihre offensichtliche Intelligenz einzuwenden hatte. Zumindest hatte es den Anschein. Das war zwar ein Pluspunkt für ihn, aber kein großer. Dulcie hatte einfach kein Interesse an dem Mann.
Nein, es war Michael, dem ihr Herz gehörte, obwohl sie nur wenige Worte mit ihm gewechselt hatte, sich ihm kaum zu nähern wagte und er ihre Anwesenheit gewöhnlich nicht zur Kenntnis nahm. Von Poppy wusste sie, dass er zwar keinen Titel trug, seine Familie jedoch ein beträchtliches Vermögen besaß, da sein Großvater Shepards Warenhaus gegründet hatte, ein Etablissement, beinahe so groß und angesehen wie Harrods. Michael hatte in Oxford studiert, sprach drei Sprachen fließend und weitere passabel und war sehr bewandert in antiken griechischen, römischen und koptischen Texten. Wenn er hin und wieder von seiner Arbeit aufblickte und Dulcie dabei ertappte, wie sie ihn anstarrte, tat sie so, als schaue sie ins Leere, ganz versunken in das, was sie gerade tat, während sie sich in Wahrheit vorstellte, wie es sich anfühlen würde, von ihm geküsst zu werden. Doch zuweilen spürte sie, dass er sie nachdenklich betrachtete, und dann lächelte sie ihm höflich zu, worauf er rasch den Blick senkte.
Doch obwohl sie nicht miteinander sprachen, war Dulcie der Klang seines Lachens und der Tonfall seiner Stimme vertraut, denn oft hatte sie den Gesprächen gelauscht, die er mit den Männern führte, die nur in die Bibliothek kamen, um sich mit ihm zu unterhalten. Keiner von ihnen schien zu merken – oder sich daran zu stören –, dass Michael nicht alleine war. Streng genommen hätte man sagen können, dass sie ihn belauschte, doch schließlich versteckte sie sich ja nicht, und jeder Idiot konnte sehen, dass sie anwesend war.
Selbst wenn sie an diesen Plaudereien keinen Anteil hatte, fand Dulcie sie doch faszinierend, wobei sie nicht viel mitbekam, wenn sich die Männer leise unterhielten – schließlich befand sie sich auf der anderen Seite des Raums. Umso interessanter fand sie daher die lautstark geführten Debatten über besonders spannende Themen. Hatte Mr. Calvert wirklich recht mit seiner Theorie zur Lage des legendären Troja? Würde man Dr. Livingstone jemals wiederfinden oder war er im afrikanischen Urwald ums Leben gekommen? Hatte man bereits sämtliche Gräber der ägyptischen Könige und Königinnen gefunden oder warteten weitere unermessliche Schätze unter dem Wüstensand auf ihre Entdeckung? Selbst in den freundschaftlichsten Diskussionen wurde es lauter, Argumente prallten aufeinander und Leidenschaften kochten hoch.
Das erste Mal, dass ihre Blicke sich bewusst getroffen hatten, war während einer Debatte darüber gewesen, ob die Quelle des Nils eher im Viktoriasee oder im Albertsee zu vermuten war. Er wirkte ganz erschrocken, führte sein Gespräch jedoch ohne Unterbrechung fort, als hätte es diesen wunderbaren Moment einer vollkommenen Übereinstimmung zwischen ihnen nicht gegeben. Danach war es immer wieder geschehen. Manchmal nickte sie zustimmend, wenn er etwas sagte, oder runzelte die Stirn, wenn sie seine Aussage für falsch hielt. Dann verengten sich seine Augen ganz leicht, doch es schien ihn nicht zu stören.
Selbst wenn sie nicht direkt miteinander sprachen, war da etwas zwischen ihnen – etwas voller Verheißung und Möglichkeiten. Vielleicht etwas ganz und gar Wunderbares.
Doch obwohl er zweifellos ein tapferer Mann war, da er sich ins Ungewisse vorwagen wollte, reichte Michaels Mut offensichtlich nicht aus, um die Bekanntschaft mit Dulcie zu vertiefen.
Und leider war es um ihren Mut nicht besser bestellt.