Leseprobe Die Krankenpflegerin

Teil eins

Kapitel eins

Ich war zehn Jahre alt, als ich beschloss, Jemma zu töten.

Ihre Familie – Eltern und eine ältere Schwester – war sechs Monate zuvor von London in unser kleines Dorf auf dem Land gezogen. Am ersten Morgen war Jemma in unser Klassenzimmer marschiert, völlig unbeeindruckt von dem hörbaren Getuschel und den Blicken aus großen Augen, die ihr gefolgt waren wie Sonnenblumen der Sonne.

Unsere Lehrerin, Miss Dryden, eine große, schlanke Frau mit stahlgrauem Haar und wässrig-blauen Augen, legte ihr eine Hand auf die Schulter und stellte sie vor. „Ich weiß, ihr werdet euch alle große Mühe geben, Jemma willkommen zu heißen und ihr zu helfen, sich einzugewöhnen.“

Sie war die erste Neue, die zu unserer Grundschulklasse dazugestoßen war, und von einer Aura städtischer Weltgewandtheit umgeben, die uns direkt beeindruckte. Ihre Kleidung, ihre Haare, ihre Schuhe, selbst ihre Schultasche waren alle irgendwie exotisch. In den Augen von uns Mädchen, die wir unbedingt erwachsen wirken wollten, schien sie Höhen erreicht zu haben, von denen wir nur träumen konnten.

Es dauerte nicht lange, bis sie das Mädchen war, mit dem jede befreundet sein wollte, und auch nicht lange, bis ich und andere wie ich entdeckten, dass die Mädchen in ihrem Umfeld in eine klare Hierarchie gegliedert waren. Da waren die besten Freundinnen, auf vier beschränkt; ein größerer Kreis von Mädchen, die gelegentlich an den Gesprächen teilhaben durften; eine noch größere Gruppe, die zuschauen durfte; und eine letzte Gruppe, die als unwürdig galt, überhaupt irgendwie dazuzugehören. Denn damit eine Person oder Gruppe dominieren konnte, brauchte es schließlich eine andere, auf die sie herabblicken konnte. Eine Gruppe, der sie alle überlegen sein konnten.

Ich gehörte zu dieser letzten Gruppe. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht machte mich die Kombination aus dem zierlichen Körperbau, den ich von meiner Mutter geerbt hatte, und der übergroßen Nase und dem breiten Mund, die ich von meinem Vater geerbt hatte, nicht besonders attraktiv. Vielleicht reichte das schon aus … anders auszusehen.

Trotz meines Aussehens war die Schule vor ihrer Ankunft ein glücklicher Ort für mich gewesen. Zugehörigkeit war eine Selbstverständlichkeit gewesen. Als diese langsam schwand, war ich verwirrt und verwundert.

Die bösen Spitznamen begannen knapp eine Woche nach Jemmas Ankunft. Zuerst verstand ich sie nicht, wusste nicht, dass sie mich meinten, als eines oder mehrere Mädchen aus ihrem engsten Kreis riefen: „Passt auf, da kommt der Breitmaulfrosch!“ oder „Hast du schon wieder Lügen erzählt, Pinocchio?“ Dann krümmten sie sich jedes Mal vor Lachen, als wären die Spitznamen lustig anstatt gemein … und verletzend … und verwirrend.

Ich war nicht das einzige Opfer. Es gab vier weitere Mitglieder meiner unbeliebten Gruppe, die gleichermaßen in den Genuss dieser neuen, unerwünschten Aufmerksamkeit kamen. Hätten wir fünf Ausgestoßenen uns doch nur zusammengetan, hätten wir doch nur Kraft aus unserem gemeinsamen Leid geschöpft und gelernt, uns zu wehren – aber das passierte nie. Vielleicht hatten wir zu viel Angst vor Konfrontationen, oder vielleicht betrachteten wir uns gegenseitig mit ebenso viel Verachtung wie Jemma und ihre Clique. Was auch immer der Grund war: Wir blieben in unserer Rolle als Opfer isoliert.

Im Laufe der folgenden Monate schienen meine Mobberinnen immer größer und stärker zu werden. Ich war das perfekte Opfer, kleiner und dünner als meine Peinigerinnen, ganz einfach herumzuschubsen. Mit jedem Tag fanden sie mehr Gefallen an ihren „Späßen“. Wenn ich nicht reagierte, umzingelten sie mich, schubsten mich, grabschten nach meiner Schultasche, zerrten an meinem Mantelärmel.

An jenem Tag sah ich nicht, wer mich zu Boden stieß. Als ich mich umdrehte, um die Täterin zur Rede zu stellen, wusste ich, dass es sinnlos war, also rappelte ich mich auf und ging so schnell wie möglich davon. Das Brennen an meinen Händen und Knien trieb mir die Tränen in die Augen, aber ich weigerte mich, sie fließen zu lassen, bis ich eine Straße weiter war. Ganz allein, überwältigt von Verwirrung, Traurigkeit und Frustration, löste der erste Schluchzer einen ganzen Wasserfall aus. Ich konnte kaum etwas sehen, während ich die kurze Strecke nach Hause ging.

Meine Knie waren aufgeschürft, beide Handflächen zerkratzt und blutig. Das Haarband, das mir mein langes, dünnes Haar aus dem Gesicht hielt, war verloren gegangen. Wirre Strähnen fielen nach vorne, blieben an meinen Tränen und der Rotzblase kleben, die bei jedem erbärmlichen Schluchzer in einem Nasenloch zitterte.

Die Hintertür stand offen, und ich sah meine Mutter, die in ihrer Kochschürze eifrig etwas auf dem Herd umrührte. „Hi“, sagte sie, ohne sich umzusehen. Mein lautes Schniefen ging im lauten Blubbern aus dem Topf unter. Es war die Stille, wegen der sie sich schließlich umdrehte, eine fein gezupfte Augenbraue hochgezogen in einer Frage, die sie gar nicht stellen musste, als sie mich in meinem zerzausten Zustand erblickte.

Klappernd fiel der hölzerne Kochlöffel auf die Arbeitsplatte, sodass die Soße darauf umherspritzte. Dann lag ich in ihren Armen und wurde an eine Brust gedrückt, die fast so flach war wie meine eigene. „Lissa! Was ist passiert?“

„Eines der Mädchen hat mich geschubst.“

Durch meine Tränen und den Schmerz hindurch sah ich die entsetzte Miene meiner Mutter und wie sie ungläubig den Kopf schüttelte. „Nein, Liebling, das war sicher nur ein Unfall.“ Während sie meine Wunden säuberte, murmelte sie beruhigende Worte, mit denen sie sich selbst, nicht mich, überzeugen wollte, dass ihre Version meiner Geschichte wahr war.

In ihren Augen lag so viel Schmerz, dass ich nicht anders konnte, als nachzugeben. „Jetzt erinnere ich mich wieder, ich bin gestolpert und hingefallen.“

Meine Belohnung war eine warme, tröstende Umarmung und die Erleichterung in ihrem Gesicht, dass sie sich nicht mit etwas Unangenehmem, Grausamem und Gemeinem auseinandersetzen musste.

So jung ich auch war, ich wusste, dass sie emotional zerbrechlich war. Wenn ihre Welt nicht in geordneten Bahnen verlief, zog sie sich in sich selbst zurück und versteckte sich, bis die Welle der wie auch immer gearteten Aufregung abgeebbt war. Sobald dies passiert war, war sie wieder zurück, mit einem liebevollen Lächeln und bereit, die beste Mutter zu sein, die sich ein einsamer, trauriger kleiner Troll von einem Kind nur wünschen konnte.

Deshalb war es besser, zu lügen. Zu verhindern, dass die Boshaftigkeit bis in unser Zuhause sickerte.

Schon in diesen jungen Jahren versuchte ich, sie zu beschützen, aber ich konnte die Welt nicht davon abhalten, sich weiterzudrehen …

Kapitel zwei

Als Einzelkind genoss ich die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Eltern, und dank dieser Fürsorge – oder vielleicht auch aufgrund einer angeborenen Veranlagung – war ich ein kluges Kind. Ich hatte Freude daran, herausragende Leistungen zu erbringen, und vor Jemmas Ankunft war ich mit Leichtigkeit und großem Abstand Klassenbeste. Meine Eltern machten keinen Hehl aus ihrem Stolz auf mich. „Wir müssen anfangen, Geld für die Universität beiseitezulegen“, sagte meine Mutter jeden Monat am Zahltag zu meinem Vater.

Er war ein großer, kräftiger Mann, und jedes Mal, wenn sie das sagte, lachte er, packte sie um die Taille und küsste sie. Wenn ich dabei war, versuchte ich, mich zwischen sie zu zwängen, verzweifelt darum bemüht, mir meinen Anteil an seiner Zuneigung zu holen. Manchmal, wenn ich mich genug anstrengte, hob er mich in seine Arme, und ich hielt so lange, wie ich konnte, an diesem Moment fest, ganz versunken in seiner Liebe. Egal, ob er mich oder meine Mutter umarmte, er wischte ihre Sorgen immer auf dieselbe Weise beiseite. „Mach dir darüber jetzt keine Gedanken.“

Mit zehn war die Uni noch fast zwei Lebenszeiten entfernt. Mich beschäftigte viel mehr, was am nächsten Tag passieren würde. Vielleicht hätte ich meine Probleme meinem Vater anvertrauen sollen – die Beschimpfungen, das Schubsen und Rempeln, denen ich immer öfter ausgesetzt war. Aber wenn er zu Hause war, war die Unterhaltung immer fröhlich und ausgelassen, und meine Eltern überboten sich gegenseitig an Heiterkeit. Ihre gegenseitige Liebe sprudelte nur so über und manchmal schloss sie auch mich mit ein.

Mein Vater war Außendienstmitarbeiter eines Medizinunternehmens. Sein Gebiet umfasste den Südwesten Englands, einschließlich Bath und Bristol. Aufgrund des Arbeitspensums hatte er oft ein oder zwei Nächte auswärts verbringen müssen, aber als das Unternehmen vor vier Jahren expandiert hatte, hatte sich das geändert. Nun war er drei bis vier Nächte pro Woche und jedes zweite Wochenende weg. Die Abwesenheit traf meine liebesbedürftige, emotional zerbrechliche Mutter schwer. Ob sie sich je deswegen stritten, ob sie ihn anflehte, sich einen anderen Job zu suchen, bei dem er nicht so viel unterwegs sein musste, wusste ich nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, in all den Jahren jemals erhobene Stimmen oder ein böses Wort gehört zu haben. Immer wenn mein Vater zu Hause war, war er witzig, charmant, liebevoll. Der beste, nachsichtigste, sorgsamste und aufmerksamste Ehemann. Er führte meine Mutter zum Essen aus, sie machten lange Spaziergänge auf dem Land und aßen unterwegs in Gasthäusern zu Mittag.

Ab und zu nahmen sie auch mich mit.

Manchmal kam ich unglaublich traurig von der Schule nach Hause, und sie waren hinter verschlossener Tür in ihrem Schlafzimmer, und ich musste warten, bis sie Stunden später wieder herauskamen. Wenn ich besonders niedergeschlagen war, setzte ich mich vor ihrem Zimmer auf den Boden, presste mein Ohr an die Tür und lauschte ihren Liebesgeräuschen – dem Lachen, Flüstern, Ächzen und Stöhnen. Dann fühlte ich mich weniger allein, weniger traurig. Einmal, oder vielleicht auch zweimal oder dreimal, kamen sie gar nicht heraus. Dann machte ich mir ein paar Marmeladenbrote zum Abendessen und schaute fern, wobei ich die Lautstärke ganz herunterdrehte, um sie nicht zu stören.

Mein Vater mochte es nicht, wenn ich das tat.

Immer wenn er zu Hause war, trug Mutter ihren feinsten Schmuck und ihre schönsten Kleider. Dann wusch sie sich jeden Tag die Haare und legte sorgfältig Make-up auf, das sie im Laufe des Tages immer wieder auffrischte. Sie strahlte richtig: Ihre Augen funkelten, ihr Lachen war fröhlicher, ihre Stimme sanfter, und sie tanzte. Durch die Küche beim Kochen, im Garten beim Wäscheaufhängen, mit meinem Vater, mit mir, ganz allein. Wenn man sie sah, musste man einfach lächeln und das Herz ging einem auf.

Wenn er jedoch wieder wegging, war sie einen ganzen Tag lang völlig aufgelöst. Jedes Mal. Dann schlurfte sie mit schweren Schritten durchs Haus. Sie weigerte sich, etwas zu essen oder für mich zu kochen, also durchstöberte ich den Kühlschrank und aß die Reste der Unmengen an Essen, die sie für ihn gekocht hatte. Oder ich schmierte Butter auf altbackenes Brot und löffelte Marmelade darauf. Wenn sie überhaupt mit mir sprach, dann nur vereinzelte monotone Worte.

Am nächsten Morgen hatte sie sich immer wieder gefasst und verbrachte die nächsten paar Tage, bis mein Vater zurückkam, damit, es wiedergutzumachen. Sie erfüllte mir jeden Wunsch, drückte mich in langen Umarmungen an sich, die fast schon erdrückend waren und ihr besser taten als mir. Dann redete sie mit mir. Lange Gespräche darüber, wie sie sich fühlte. Oft begann sie mit: „Du bist noch zu jung, um das zu verstehen, aber …“

Abends blieb sie nicht gern allein lange auf, ging aber auch nicht gern früh ins Bett. Also blieb ich in den Nächten, in denen mein Vater weg war, lange auf, um ihr Gesellschaft zu leisten. Wenn ich einschlief, kniff sie mich in den Arm, um mich zu wecken. Am nächsten Tag oder in den Tagen danach erklärte ich die dunkelblauen Flecken weg, die meine blassen Arme zierten. „Ich bin gegen die Türklinke gestoßen …“ Oder gegen das Regal oder die Wand – je nachdem, was gerade passte, je nachdem, wer fragte. Als meine Peinigerinnen in der Schule meine gezeichneten Arme sahen, gaben sie mir einen neuen Spitznamen: Pongo.

Ich wollte sie korrigieren, als ich das hörte, wollte sagen, es hätte Perdita sein sollen, die Mutter der 101 Dalmatiner, nicht Pongo, der Vater. Das tat ich natürlich nicht, seltsam erleichtert, dass sie einen der heldenhaften Elternteile gewählt hatten statt der bösartigen Cruella.

Trotz der blauen Flecken und der Morgen, an denen ich so müde war, dass ich Mühe hatte, die Augen offen zu halten, waren diese Tage mit meiner Mutter kostbar. Sie endeten mit der Rückkehr meines Vaters, wenn er und sie wieder eine fast abgeschottete Blase bildeten und ich von außen hineinschaute, dankbar für jedes winzig kleine bisschen Aufmerksamkeit. Dann war er wieder weg und es folgte dieser eine schrecklich lange Tag der Vernachlässigung, bevor wieder Tage mit mir und meiner Mutter begannen.

Endlose Zyklen der Vernachlässigung, in denen ich verwirrt, traurig und oft schmerzlich einsam war, und der Verwöhnung, in denen ich fast davon überzeugt war, dass meine Eltern mich liebten.

Fast …

Kapitel drei

An dem Tag, an dem ich beschloss, dass ich Jemma umbringen musste, war mein Vater nicht da und meine Mutter befand sich in der Verwöhnphase. Nach dem Abendessen saßen wir zusammen auf dem Sofa, mein Kopf lag auf ihrer Schulter, und sie hielt eine meiner Hände umklammert.

In dieser Phase des Zyklus hörte mir meine Mutter oft richtig zu, und ich konnte meine Sorgen äußern, ohne Angst haben zu müssen, dass sie sie abtat. Jedoch nur manche davon: das Schreckgespenst unter meinem Bett, der Riese vor meinem Zimmerfenster, der Drache in meinem Kleiderschrank. Die Dinge, die sie aufregen könnten, sprach ich nicht an: das ständige Mobbing, meine Angst, nicht nur ungeliebt zu sein, sondern gar nicht liebenswert.

Ich wartete, bis die Folge von Coronation Street zu Ende war, bevor ich mich ihr zuwandte. „Bin ich hässlich?“

Sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort, legte den Kopf schief, während sie mein Gesicht musterte. Die Sorge, dass meine Klassenkameradinnen mit ihrer Beurteilung recht hatten, hatte mich zu dieser Frage getrieben. Sie hing zwischen mir und meiner Mutter in der Luft und wartete darauf, von ihr zerstreut zu werden, so wie viele andere Ängste in der Vergangenheit.

Als ihr Blick auf mir verweilte, ihre stechenden Augen meine dürftigen Abwehrmechanismen durchbohrten und meine Angst in Entsetzen verwandelten, fragte ich mich, ob meine Klassenkameradinnen recht hatten und ich die schrecklichen Namen, mit denen sie mich beschimpften, tatsächlich verdient hatte. Vielleicht war ich selbst das Monster unter dem Bett, das Schreckgespenst im Schrank.

Schließlich wurde ihr Gesichtsausdruck sanfter, und mit einem ihrer langen, schlanken Finger streichelte sie mir über die Wange und tippte mir auf die Nase. „Du hast die Züge deines Vaters geerbt. Er ist ein gut aussehender Mann; du wirst schön sein, wenn du älter bist.“

Doch sie irrte sich. Die große Nase, die durchaus zu dem kantigen Gesicht meines Vaters passte, war zu lang für mein schmales, herzförmiges. Und obwohl sich meine Proportionen im Laufe der Jahre verbesserten, blieb mein Mund ungewöhnlich breit. Auch wenn „hässlich“ vielleicht ein zu harter Ausdruck war, war ich diesem Begriff definitiv näher als seinem Gegenteil.

***

Gegen Ende meiner Teenagerzeit hatte ich endlich gelernt, mit meinem Aussehen zufrieden zu sein, aber das lag noch einige Jahre in der Zukunft. Als ich zehn war, brachte mich der Spitzname „Pinocchio“ dazu, mich zusammenzukauern, in dem lächerlichen Versuch, den beanstandeten Gesichtszug zu verbergen. An manchen Tagen, wenn die Hänseleien besonders gnadenlos waren, nahm ich das Haarband heraus und ließ mein Haar als zusätzliche Deckung nach vorne fallen.

Jede Anspielung auf meinen großen Mund – Breitmaulfrosch, Nilpferd, Krokodil – brachte mich dazu, meine Unterlippe einzusaugen, in dem vergeblichen Versuch, die Öffnung kleiner zu machen. Auch das scheiterte kläglich, als die Lippe rot anschwoll. Und das Auftragen von Salbe, um das zu heilen, tat mir auch keinen Gefallen.

Sie waren vorsichtig – wie Mobber es nun mal waren –, und in Gegenwart von Lehrern oder anderen Autoritätspersonen trugen sie eine engelsgleiche Unschuldslammmiene zur Schau. Sie waren vorsichtig, aber nicht besonders schlau, während ich schließlich beides wurde. Meine kleine Statur und meinen zierlichen Körperbau hatte ich von meiner Mutter geerbt, meine Intelligenz und meine Gerissenheit von meinem Vater.

Wie gerissen er tatsächlich war, fand ich erst Jahre später heraus.

Der Ausdruck Belohnungsaufschub war meinem zehnjährigen Ich noch völlig unbekannt, aber er fasste meine Entschlossenheit perfekt zusammen: abwarten, bis ich bereit war, meinen sorgfältig ausgearbeiteten Plan in die Tat umzusetzen. Ihre Quälereien zu ertragen, fiel mir leichter mit dem Wissen, dass ein glorreiches Ende in Sicht war.

Mein Plan war einfach: Ich würde dem Monster den Kopf abschlagen.

In den sechs Monaten seit Jemmas Ankunft hatte niemand den neuen Status quo infrage gestellt. Die fünf Mitglieder dieser Elite-Clique an der Spitze waren sich ihrer Unbesiegbarkeit vollkommen sicher. Sie hätten nie damit gerechnet, dass irgendjemand von uns zurückschlagen würde, und bei all dem lautstarken Aufheben, das sie um ihre Überlegenheit machten, hörten sie die stille Maus nicht, die aus den billigen Plätzen losbrüllte.

Als ich beschloss, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, steigerte es meine Genugtuung noch, ihre eigenen Mittel gegen sie zu verwenden, um mein Ziel zu erreichen. Weniger als zwei Wochen, nachdem ich angefangen hatte, hatte ich Jemma von ihren Freundinnen isoliert. Meine Offensive verlief langsam, leise und herrlich effektiv – mit einem gezielten Wort hier, einem boshaften Flüstern dort.

Ich schlich mich an eine von ihnen heran. „Ich hab gehört, wie Jemma dich dick genannt hat. Das ist so unfair.“ Zu einer anderen sagte ich: „Es ist gemein von Jemma, dich dumm zu nennen.“

Zu einer dritten: „Stimmt es, dass du manchmal ins Bett machst?“

Ihr klappte der Mund auf, dann sah sie sich um, um zu prüfen, ob jemand in Hörweite war. „Wer hat dir das erzählt?“

Dummes Mädchen. Kapierte sie denn nicht, dass sie durch diese Frage meine Aussage nur bestätigte? Nicht dass ich eine Bestätigung gebraucht hätte, ich hatte zufällig mitbekommen, wie ihre Mutter mit meiner Mutter gesprochen hatte, und diese Information für später abgespeichert. „Ich hab gehört, wie Jemma sich mit jemandem darüber lustig gemacht hat. Du Arme, das ist hart.“

Und beim vierten Mitglied der Gruppe griff ich wieder auf die Beleidigung zurück, die Mädchen in unserem Alter immer besonders traf. „Ich hab gehört, wie Jemma dich als die Pummelige bezeichnet hat. Sie kann so gemein sein, nicht?“

Sofort sah ich die Sorge in ihren Augen. Was ich gesagt hatte, war schon schlimm genug, aber was ihnen wohl am meisten zugesetzt haben musste, war mein geheuchelter Ausdruck von Mitgefühl. Wie schnell sie doch von ihrem hohen Ross herunterfielen, sobald ihr Opfer es wagte, Mitleid mit ihnen zu haben.

Natürlich hätten sie nicht auf mich hören sollen. Ich gehörte zur verachteten Gruppe, so weit von der Sonne entfernt, dass ich komplett im Dunkeln stand, aber wenn ich sie ohne Jemma erwischte, verwandelten sie sich wieder in die Mädchen, die sie vor Jemmas Ankunft gewesen waren. Gewöhnliche Mädchen mit gewöhnlichen Ängsten. Das bewies mir mehr als alles andere, dass Jemma verschwinden musste.

Ihre Freundschaft, die ohnehin hauchdünn war, zerbrach schnell unter meiner raffinierten Flüsterkampagne. Es war ein guter Anfang, Jemma ohne ihre Anhängerinnen zu sehen, zu sehen, wie verwirrt sie durch deren Abkehr war. Das würde aber nicht von Dauer sein. Ich hatte keinen Zweifel, dass sie es schaffen würde, sie zurückzulocken oder andere aus der erweiterten Gruppe in ihren inneren Kreis zu ziehen. Schon damals konnte man erahnen, zu welcher manipulativen, fiesen Frau sie sich entwickeln würde. Im Ernst, die Welt wäre ohne sie besser dran, oder?

Oder etwa nicht?

Ich würde der Welt einen Dienst erweisen, wenn ich sie davon abhalten würde, noch jemandem wehzutun. So wie sie mir wehgetan hatte. Anscheinend war ich nicht der Typ, der leicht verzieh.

Es hatte einen riesigen Vorteil, klein und zierlich zu sein, die Art von Mensch, durch die die Blicke hindurchgingen, als wäre ich gar nicht da: Niemand hatte irgendwelche Erwartungen an mich oder nahm mich überhaupt wahr. Niemand bemerkte mich in unserer örtlichen Bücherei, und niemand kommentierte die Stunden, die ich damit verbrachte, Bücher zu wälzen. Über Serienmörder. Auf der Suche nach Inspiration. So faszinierend sie auch waren, die meisten ihrer Methoden überstiegen meine Fähigkeiten. Ich würde gerissener sein müssen. Und vorsichtig. Sosehr ich Jemma auch loswerden wollte, ich wollte nicht dafür bezahlen, indem ich jahrelang weggesperrt würde.

Ich wechselte von Büchern über Serienmörder zu Büchern über Anatomie und Physiologie und war fasziniert von dem, was ich las. Drei Bücher später wusste ich zwei Dinge: wie ich meine Erzfeindin loswerden konnte und was ich nach dem Schulabschluss machen wollte.

Es schien mir nur gerecht, das, was mir angetan worden war, zu nutzen, um die Hauptschuldige loszuwerden. Dank Jemma und ihren Freundinnen galt ich bei meinen Lehrern und meiner Mutter als tollpatschig. Ständig stolperte ich über meine eigenen Füße. Meine Knie – manchmal auch meine Ellbogen – waren ständig aufgeschürft.

Niemand würde sich wundern, wenn ich hinfiel. Es war nur vernünftig, mein Wissen zu nutzen, um dem Mobbing und den Quälereien ein Ende zu setzen.

Um der niederträchtigen Jemma ein für alle Mal ein Ende zu setzen.

Kapitel vier

Der betonierte Schulhof war perfekt zum Spielen, und wir verbrachten unsere Mittagspausen mit Himmel und Hölle oder Seilspringen. Ich sagte „wir“ … aber das war eine Lüge. Mädchen wie ich wurden bei diesen Spielen immer ausgeschlossen. Ich war nicht die Einzige. Die Opfer von Jemma und ihrer Mobbing-Clique – wir armer Haufen Ausgestoßene – drückten uns einzeln am Rand herum, schauten zu, gehörten nie dazu.

Nach dem Erfolg meiner Flüsterkampagne nahm Jemma nicht mehr den Ehrenplatz in der Mitte ihrer Gruppe ein, aber sie war noch nicht so tief gesunken, dass sie sich unseren traurigen Reihen angeschlossen hätte.

Nachdem der erste Teil meines Plans erfolgreich abgeschlossen war, kam nun der zweite und letzte Schritt an die Reihe. Mit der Gewissheit meiner zehn Jahre hatte ich nie auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass etwas schiefgehen könnte.

Der gut zwei Meter hohe Zaun, der den Spielplatz umgab, hielt uns zwar erfolgreich innerhalb seiner Grenzen, aber seine Bauweise ermöglichte es uns, hinauszuschauen, und anderen, hereinzuschauen. Auf der anderen Seite stand ein niedriger, dichter Strauch zwischen dem Zaun und dem Fußweg. Die Büsche waren ein Magnet für Müll, der die Straße entlanggeweht wurde, und eine Müllhalde für leere Dosen und Flaschen.

Glasflaschen: leicht zu beschaffen, billig, allgegenwärtig. Sie waren die Waffe meiner Wahl. Am Tag zuvor – einem dieser Tage, an denen meine Mutter meinen Vater verzweifelt vermisste und kaum bemerkte, wo ich war oder was ich tat – war ich zu den Flaschen-Recyclingbehältern unseres örtlichen Supermarkts gegangen. Ich wollte mir eine Flasche aussuchen, die man als hübsch bezeichnen konnte … oder zumindest hübsch genug, um einem Kind zu gefallen. Niemand hielt mich auf, als ich auf der Suche nach etwas Passendem in den Wein- und Bierflaschen wühlte. Es dauerte nicht lange, bis ich die ideale Kandidatin gefunden hatte: eine Gin-Flasche mit einer schönen Form, deren Glas hübsch geriffelt war. Sie war perfekt. Ich wickelte sie in meine Jacke, lief die Meile zur Schule und versteckte sie im Gebüsch. Ein paar Zweige, die ich darum herumzog, verbargen sie vor Passanten.

Eine zweite Chance würde es nicht geben. Wenn mein Plan scheiterte, würde Jemma bald wieder ihre Anhängerinnen um sich scharen, und ich müsste wieder von vorne anfangen. Aber ich hatte nicht vor, zu scheitern.

***

Als wir in jener Mittagspause auf den Schulhof entlassen wurden, schlenderte ich zum Zaun hinüber und drückte mich dort herum, während ich gleichzeitig Jemma im Auge behielt. Sie stand mit einem anderen Mädchen nicht allzu weit von mir entfernt. Es wäre besser, wenn sie allein wäre, aber ich durfte nicht zögern. Am nächsten Tag würde sie vielleicht schon zwei in ihre Fänge gelockt haben, am Tag danach drei oder mehr.

Ich drehte mich um, um durch den Zaun hinauszuschauen. Dabei ließ ich meinen Blick erst über die Flasche schweifen, dann drehte ich den Kopf in einer Bewegung, die ich mehrmals vor dem Spiegel geübt hatte, noch mal gezielt in Richtung Flasche, starrte sie an und neigte meinen Kopf von einer Seite zur anderen, während ich sie bewunderte. Ich wartete einige Sekunden, bevor ich durch die Gitterstäbe griff, um sie an mich zu nehmen.

Ich hob sie hoch, betrachtete sie mit vorgetäuschter Bewunderung und hielt sie in die Sonne, sodass sie jeder sehen konnte, der vielleicht in meine Richtung schaute. Damit ließ ich mich auch von der Überwachungskamera erfassen, die diesen Teil des Schulhofs abdeckte. Die sie zweifellos später durchsehen würden, um den genauen Ablauf der Katastrophe zu verfolgen, die sich jeden Moment abspielen würde.

Glas war auf dem Schulhof verboten, und die Flasche wäre mir direkt abgenommen worden, wenn die Aufsichtspersonen ihren Job gemacht hätten. Das taten sie aber nicht, das taten sie selten – die beiden Frauen standen auf der anderen Seite des Hofs, mit zusammengesteckten Köpfen, und tratschten.

„Ist die nicht hübsch?“, sagte ich zu niemand Bestimmtem, während ich auf Jemma zuging. Meine Worte waren laut genug, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und sie drehte sich zu mir um.

Ich lächelte sie an und hielt ihr die Flasche hin, als ich nur noch ein paar Meter von ihr entfernt war. „Schau mal!“, sagte ich und schwenkte die Flasche durch die Luft, um sie ihr zu zeigen. Dann, in einem sorgfältig inszenierten Unfall, stolperte ich absichtlich und fiel hart zu Boden. Der Flaschenhals schlug als Erstes auf dem Beton auf und zersprang um mich herum in mehrere Teile. Ein paar Sekunden lang lag ich da, leicht benommen vom Sturz, obwohl er beabsichtigt gewesen war. Neben mir lag eine Scherbe. Ich fuhr mit meinem Arm daran entlang, nicht zu tief, aber tief genug, dass Blut aus der Wunde hervorsprudelte, bevor ich aufstand – den schweren Flaschenboden mit seiner gezackten Kante immer noch fest in der Hand.

Blut rann meinen verletzten Arm hinunter. Viel später fragte ich mich: Wenn Jemma mir zu Hilfe geeilt wäre … wenn sie auch nur ein Fünkchen Mitgefühl gezeigt hätte … hätte ich dann meine Meinung geändert? Ich werde es nie erfahren, denn das tat sie nicht. Stattdessen zeigte sie mit dem Finger auf mich, warf den Kopf in den Nacken und lachte los – ein langes, übertriebenes Lachen, als wäre ich das Lustigste, was sie je gesehen hatte.

Das Blut tropfte von meinem Arm auf die schmutzig-weiße Betonfläche des Spielplatzes. Mein Gesicht war der Inbegriff von Elend. Der Schnitt an meinem Arm brannte, sodass mir echte Tränen aus den Augen liefen, Rotz aus meiner großen Nase tropfte und die Mundwinkel meines viel zu großen Mundes nach unten hingen.

Meine blutige Gliedmaße von mir gestreckt, ging ich mit einem Schmerzensschrei auf Jemma zu, der sie zum Verstummen brachte. Sie blieb standhaft und wich nicht zurück, wie ich befürchtet hatte. In ihrem Gesicht war keinerlei Mitgefühl zu erkennen, und als das andere Mädchen Anstalten machte, mir zu Hilfe zu kommen, warf Jemma ihm einen finsteren Blick zu, der es sofort erstarren ließ. Zu meinem Glück. Das hätte meinen Plan zunichte gemacht.

Der nächste Schritt war einfach. Ich stolperte erneut. Es war ein Reflex, eine Hand auszustrecken, um meinen Sturz abzufangen – die Hand, die den gefährlichen Rest der zerbrochenen Flasche hielt. Jemma war zu nah und zu langsam. Mein Stolpern brachte mich noch näher an sie heran, riss sie mit mir zu Boden, und das Glas in meiner Hand fuhr auf ihren Hals nieder. Das Gewicht meines fallenden Körpers reichte aus, um den Schnitt tief genug zu machen, sodass er tödlichen Schaden anrichtete.

In einem Gewirr aus Gliedmaßen, Haaren und Blut fielen wir gemeinsam zu Boden. Ich schrie, als ich den glatten Flaschenboden nach unten drückte, dessen scharfe Kanten sich weiter in Jemmas Hals bohrten. Das andere Mädchen wich zurück; ihr schrilles Kreischen war laut genug, um jede Bewegung auf dem Spielplatz zum Erliegen zu bringen. Es zog die Aufmerksamkeit der Aufsichtspersonen auf sich, die sich sofort wie Erdmännchen umschauten, um die Quelle des Lärms ausfindig zu machen. Dabei gingen kostbare Augenblicke verloren, in denen Blut aus der Arterie in Jemmas Hals spritzte. Seltsamerweise schrie sie nicht. Tatsächlich gab sie nicht einmal ein Wimmern von sich, als ich mich von ihrem sterbenden Körper hochdrückte. Sie richtete nur ihren Blick auf mich, und ich konnte nicht wegsehen, nicht einmal, als ich wieder auf den Beinen war und auf sie herabblickte. Nicht einmal, als die Aufsichtspersonen endlich herüberkamen, um zu sehen, was los war.

Die ältere der beiden kam als Erste an, ihr Gesicht mit Falten der Verärgerung durchzogen, weil ihr Plauderstündchen unterbrochen worden war. „Was ist hier l…?“

Ich habe noch nie gesehen, wie jemandes Gesicht so schnell erblasste wie ihres. Sie schlug die Hand vor den Mund und wandte sich an ihre langsamere Kollegin, die herüberschlenderte, als hätte sie alle Zeit der Welt. „Ruf einen Krankenwagen, schnell!“

Mein Blick war immer noch auf Jemma geheftet, während die Aufseherin sich in die Blutlache kniete, die sie umgab. Falls sie sich fragte, ob sie die Glasscherbe aus Jemmas Hals entfernen sollte oder nicht, hätte ich ihr sagen können, dass es bereits zu spät war. Ich hatte gesehen, wie das pulsierend herausströmende Blut zu einem trägen Sickern abgeschwächt war, während ihr Herz einen erbärmlichen, vergeblichen Versuch unternahm, das bisschen, das noch übrig war, durch ihren Körper zu pumpen.

Erst als die zweite Aufseherin zurückkam, gefolgt von so vielen ihrer Kollegen, wie ihre Schreie hatten alarmieren können, wurde ich weggeführt. Erst da löste ich den Blickkontakt mit Jemma. Und plötzlich fühlte ich mich wie ausgehöhlt.

„Wird sie wieder gesund?“, fragte ich eine Lehrerin. Das Zittern meiner Stimme war nicht vorgetäuscht. Natürlich wusste ich, dass sie das nicht würde. Schließlich hatte ich meine Aufgabe ordentlich erledigt. Ich war zehn, im strafmündigen Alter, aber mir wurde plötzlich klar, dass ich noch nicht alt genug gewesen war, um zu wissen, dass die Dinge, die wir wollen, nicht unbedingt die Dinge sind, die wir bekommen sollten.

Ich war jedoch alt genug, um zu wissen, dass Jemmas Augen mich für immer verfolgen würden.